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Ein Konzertbericht mit Fotos von Thorsten Murr



Seit etlichen Jahren schon ist der Geburtstag von Bernd "Kuhle" Kühnert, zwei Tage vor Heiligabend, ein Termin, den man sich getrost vormerken kann, weil er immer auch ein bisschen wie die Jahresabschlussfeier der "ganzen Gang" ist, mit der Kuhle verbunden und verbandelt ist.

Bernd "Kuhle" Kühnert
Bernd "Kuhle" Kühnert gehört zweifellos zu den Musikerpersönlichkeiten, die, sollte es je eine Hall Of Fame der ostdeutschen Bluesgeschichte geben, in ihr einen beleuchteten Ehrenplatz bekommen würden. Einst bei der bislang dienstältesten Ost-Bluescombo Engerling als Gitarrist am Werk, kam er 1979 zusammen mit Schlagzeuger und Kumpel Rainer "Lello" Lojewski zu Monokel, wo er, in der Formation "Monokel Kraftblues",a 20171231 2034306011 bis zum 40-jährigen Jubiläum Ende 2016 verblieb und sich jahrein, jahraus, landauf und landab in einem permanenten Live-Modus befand. Die bewegte und bewegende Geschichte von Monokel, Monokel Kraftblues, Speiches Monokel und weiterer Monokel-Bandprojekte seit der Wendezeit hier in allen Facetten zu erzählen, geht nicht. Irgendwann wird sich sicher ein Chronist finden, der das alles aufschreibt und für die Rocklexika künftiger Generationen dokumentiert. Vielleicht auch für die Hall Of Fame, sollte es sie einst geben.

Kuhle ist heute Sänger und Gitarrist in der Band BLUE AIRTRAIN, wo er zusammen mit seinem langjährigen Freund Lello an den Drums und dem ebenfalls früheren Engerling-Mitglied Jens Saleh am Bass für die "First Lady Of Bluesharp", Beate Kossowska, ein Bluesrock-Triebwerk konstruiert hat, das jeden Manager der Deutschen Bahn vor Neid erblassen lässt.

Kuhle feiert also seinen 63. Geburtstag - im kultigen Saal des Vereinshauses der Kleingartenanlage Bornholm 2, das sich seit über einem Jahr zu einer beliebten Live-Location im Berliner Nordosten, mit wöchentlichen Donnerstagssessions und regem Konzert- und Partybetrieb an den Wochenenden, gemausert hat und sich selbst in der Tradition des legendären Café Garbáty sieht - nicht zuletzt durch den Pächter und Betreiber Wolf, der seit einigen Jahren auch die Geschicke von Speiche's Rock- und Blueskneipe in der Raumerstraße lenkt.

Party im Ausmaß eines Festivals
Und was traditionell als Geburtstagsparty mit Live-Musik angekündigt wird, entpuppt sich ein weiteres Mal als ein Abend, den man gut und gerne als vollwertiges Indoor-Festival kategorisieren kann. Der Saal ist proppenvoll, und neben den vielen Fans, teilweise aus weiter Ferne angereist, sind natürlich auch etliche Promis der Szene, meist langjährige Weggefährten von Kuhle, sowie Freunde und Familienangehörige versammelt. Auch die Veranstalter der Spremberger Rock- und Bluesnacht, und des Striegistaler Herbst-Festivals sind da, Radiolegende Leo Gehl, die Macher von Rockradio und Grooovestation.net, ein Filmteam und, und, und … und das alles kurz vor Weihnachten! Sehr schön.

b 20171231 1140754375Respektabeles Opening: Bleeding Vintage
Als ich ankomme, habe ich den ersten Act leider schon verpasst. Wie mir berichtet wird, war es die Band Bleeding Vintage, in der ein Gitarrist Musikschüler von Kuhle ist. Weil der Drummer der Band überraschend erkrankt war, wurde kurzerhand umgestellt, ein zwanzigminütiges Set mit zwei akustischen Gitarren zusammengestellt. Der Auftritt kam gut an, wie mir Bekannte berichten und auch Gitarrenlehrer Kuhle ist zufrieden und verweist auf weitere Auftritte der band, unter anderem bei einem der großen Festivals der Szene im Sommer.

Harp-Feuerwerk mit Gästen: Blue Airtrain
Kuhles aktuelle Band, Beata Kossowskas Blue Airtrain, ist der erste Hauptact. Das Geburtstagskind Kuhle selbst ist verdammt gut drauf, moderiert, lacht, spielt und singt mit Hingabe. Neben der bekanntermaßen sehr lebendigen und mitreißenden "First Lady" Beata, die heute mit ihrer Bluesharp erneut ein sagenhaftes Feuerwerk abbrennt, hat sich Kuhle inzwischen fest als Frontmann etabliert, was sich neben seiner ohnehin wesentlichen Gitarrenarbeit, insbesondere durch seine recht neue Rolle als Leadsänger mitteilt. Im Laufe des Jahres hatte ich schon mehrere Auftritte dieser Combo erlebt und mein Eindruck bestätigt sich, dass sich diese Formation sowohl konzeptionell als auch in seiner musikalischen Homogenität stetig verbessert. Obwohl heute Partystimmung überwiegen soll, wirkt der Set von Airtrain mehr und mehr durchdacht und definiert. Sehr gut. Selbstverständlich wird das Programm heute mit ausgewählten Gastmusikern angereichert. Thomas Niedermayer, Gitarrist und Sänger von King Kong Calls, macht den Anfang. Von Kuhle weiß ich, dass er Fan von King Kong Calls ist, und heute nun holt er sich deren Mastermind Thomas auf die Bühne, der für viele im Saal ein noch neues musikalisches Gesicht ist, obwohl KKC bereits an ihrem dritten Album arbeiten und sich insbesondere in der Liveszene einen guten Namen erspielt haben. Als weiterer Special Guest gibt sich Basti Baur die Ehre, der bei dieser Gelegenheit erstmals eine Gibson Flying V, nämlich die von Thomas Niedermayer, spielt. Mit dem Monokel-Gründungsmitglied und heutigen hauptamtlichen Knorkator-Gitarristen "Buzz Dee" bekommt die ohnehin schon feurige Bluesrock-Mugge diesen gewissen Hardrock-Touch - und ein Showhighlight in Person ist Basti sowieso. Den Bass spielt in dieser Besetzung der sehr selten live zu erlebende Olaf Käppel, einst Gitarrist von Rapunzel, einer Band, die in den Achtzigern sehr von sich reden machte. Im Saal ist die Stimmung unverändert großartig - eine Mischung aus Konzert und Party, nicht zuletzt durch anwesende Kinder und andere Familienmitglieder des Jubilars bestimmt. Eigentlich hätte das Konzert von Blue Airtrain allein ausgereicht, um diesen Abend zu gestalten - nicht aber, wenn Kuhle der Boss ist.

c 20171231 1553631015Pirate Blues: Stormbirds
Die Stormbirds sind der nächste Act! Diese Band heute zu erleben, ist einerseits naheliegend, weil Lello und Kuhle bekennende Stormbirds-Fans sind, andererseits ist es aber auch eine schöne Überraschung, wohnen die Mitglieder dieser Combo doch nicht gleich um die Ecke, sondern kommen für ihre Auftritte aus Berlin, Greifswald und Stralsund zusammen. Die Gründung der Stormbirds geht auf ein loses Projekt zurück, das einst ins Leben gerufen wurde, um das Geld für die Reparatur eines Segelbootes namens "Sturmvogel" einzuspielen. Vor einigen Jahren, es könnten sieben oder acht sein, erlebte ich sie erstmals, noch als "Bob Beeman and The Stormbirds" und war begeistert. "Pirate Blues" nennen sie ihre Musik und Laid Back ihren Stil. Laid Back ist in diesem Fall allerdings alles andere als langsam oder gar langweilig. Allein der quicklebendige, baumlange, überaus charismatische Multiinstrumentalist Bob Beeman ist ein Erlebnis - wenn er sich in seinen Vortrag hineinsteigert, sich verrenkt, auf die Knie geht und im Schweiße seines Angesichts alles gibt, ohne auch nur ein bisschen prätentiös zu wirken. Lässig kommt das alles daher, und ungeheuer groovend ist diese Mischung aus Rock, Blues, Country und Jazz. Mit den Brüdern Victor "SlideVic" Schiel, Gitarre und Gesang, und Bert Schiel, Drums und diverse Percussion, sowie Christian "Techi" Tech am Bass hat er drei Könner am Werk, die mit angenehmen Understatement - anders kann ich das nicht nennen - eine Performance höchster musikalischer Güte liefern. Das Geburtstagskind gibt selbstverständlich einen Gastauftritt in dieser Formation, und auch Basti Baur wird erneut auf die Bühne gebeten. Im Finale der Stormbirds-Show gibt es dann den, meiner Meinung nach, größten Hit der Band: eine lässig groovende, locker gerockte Version vom "Baker Man", dem einstigen Charts-Erfolg von Laid Back. Es ist ein Fest!

Frischer Schwung: HejSu
Jetzt hätte es aber wirklich gereicht an Programm. Nicht so bei Kuhle! Ein junges Trio bringt sich in Position: HejSu. Su, Stephan und Dirk schlossen sich im Februar 2015 zu "HejSu!" zusammen. Frontfrau und Bassistin Susanne hatte mit ihrer früheren Band Mortisha einst Monokel supportet, woher die Bekanntschaft mit Kuhle rührt.d 20171231 1911032025 Was HejSu spielen, ist großen Teils eigene Musik mit deutschen Texten, die im bisherigen Bluesrock-Sound dieses Abends zunächst etwas ungewohnt wirkt, sich dann aber schnell als spannende Mischung aus klassischem Hard Rock und Psychedelic im Stil von Jefferson Airplane, immer wieder versetzt mit einem Schuss ungestümen New Waves und Punkrocks, erweist. Die drei jungen Leute wissen genau, was sie wollen und was sie tun. Sie wirken sehr authentisch, der Sound ist modern, der Auftritt frisch und dynamisch. Das kommt gut an, bei der noch zahlreich im Saal versammelten Meute überwiegend gestandener Musikfans, und insgesamt bekommt die Party mit diesem Act einen energiegeladenen Abschluss geschenkt, der sich hören und sehen lassen kann. Bravo, HejSu sollte man sich merken!

So geht Party!
Zusammenfassend kann ich sagen, dass auch diese Geburtstagsparty eine äußerst gelungene war. Ein abwechslungsreiches, erlesenes Programm, ein freundliches und herzliches Publikum und ein strahlender und bejubelter Kuhle Kühnert! Was will man mehr? Zwei Tage später war Weihnachten und zwei weitere Tage später konnte man Kuhle, Beata und Basti gleich wieder erleben - auf der großen Bühne des Kesselhauses zum Abschlusskonzert der Lübben City Blues Connection.

Eine Bemerkung noch: Leider ist die fotografische Ausbeute dieses Abends sehr mäßig. Sorry, ich habe mich redlich bemüht, bei Dunkelheit und glutrotem Bühnenlicht etwas abzubilden.



Bitte beachtet auch:
• Off. Homepage von Beata Kossowskas Blue Airtrain: www.blueairtrain.de
• Off. Homepage der Stormbirds: www.stormbirds.de
• Off. Homepage von Hejsu: www.hejsu.de
• Off. Homepage von Thomas Niedermayer: www.niedermayermusic.de
• Homepage des Bornholm 2 in Berlin: www.partyinpankow.de






Fotostrecke:

001 bis 019: Blue Airtrain
020 bis 028: Stormbirds
029 bis 032: HejSu
 
 
 
 
 
 
 

   
   
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