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Ein Konzertbericht von Christian Reder mit Fotos von Adam Zegarmistrz Glagla



Hintergründe
Nach dem Schulwechsel im Jahre 1982 saßen in einem Castrop-Rauxeler Klassenzimmer plötzlich zwei Christians an einem Tisch. Das war die Geburtsstunde der "Christian/Christian & Co KG". Eines der gemeinsamen Hobbys der beiden war die Musik. Der eine Christian machte selbst welche, der andere war damals schon scharf auf alles, was gut klang und ihm in die Glieder fuhr. Zuhause beim Musikus Christian stand eine beeindruckend große Schallplattensammlung der Eltern, in der sich extrem heißer Scheiß auf schwarzem Gold befand. Der eine Christian zeigte dem anderen Christian dort die Welt der Stones, Beatles und von Udo Lindenberg. Aber er streute auch Platten von Bands ein, die der andere Christian ohne ihn wohl nie entdeckt hätte, wie z.B. eine von DRAHDIWABERL, der österreichischen Formation, in der FALCO seine ersten musikalischen Schritte unternahm. Und obwohl der eine Christian zu dem Zeitpunkt schon extrem großer Fan der Gruppe SPLIFF und seinen vier "Häuptlingen" Herwig Mitteregger, Reinhold Heil, Manne Praeker und Potsch Potschka war, hatte er bis dahin aber noch nix von der Nina Hagen Band gehört, aus der diese ja bekanntlich hervorging. Das war nicht seine Zeit und das Internet gab es damals bekanntlich ja noch nicht.a 20171208 1228847350 Diese Wissenslücke wurde bei einer der nachmittäglichen Treffen im Hause des einen Christian beim anderen Christian geschlossen. Songs wie z.B. "TV Glotzer" und "Aufm Bahnhof Zoo" wurden entdeckt und für cool befunden. Viele Jahre und gemeinsame Erlebnisse vergingen und heute nennt sich der eine Christian, der damals schon Musik machte, CHRIS T. IAN und ist Berufsmusiker geworden. Der andere Christian heißt immer noch so wie damals, hat mangels Talent auf eine Laufbahn als Musiker und das Zulegen eines Künstlernamens verzichtet, und wurschtelt bei einem Musikmagazin namens Deutsche Mugge rum, das seit einiger Zeit auch Konzerte veranstaltet.

Chris T. Ian
Warum erzähle ich Euch das? Am Nikolaustag des Jahres 2017 schloss sich nämlich ein Kreis. Die beiden "Plattenschrank-Abenteurer" Christian/Christian & Co KG trafen wieder einmal aufeinander. Während der eine Christian - also ich - ein Konzert im Rahmen der Reihe "Deutsche Mugge live..." veranstaltete, spielte der andere Christian - also CHRIS T. IAN - dabei im Vorprogramm. Es war mein persönlicher Wunsch, dass das so passierte, denn diese Konstellation mit POTSCH POTSCHKA & BAND und CHRIS T. IAN passte wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Immerhin stand mit Potsch ein gemeinsamer Held seit Jugendtagen mit seiner Kapelle auf der Bühne, dessen aktive Beteiligung an der NINA HAGEN BAND und SPLIFF wir vor 35 Jahren über das Abhören großer schwarzer Scheiben förmlich aufgesogen haben. Die Bühne und das Publikum davor wärmte also mein Kumpel an. Um halb neun trat er mit Akustik-Klampfe vor die Bühne an ein bereit gestelltes Mikrophon und begrüßte die Leute. Etwas Lampenfieber habe er, ließ er uns wissen und erzählte die Geschichte zum ersten Song. Der "Reggaeman", so der Name des Stücks, stammt aus seiner Feder und hat auch schon ein paar Jahre auf dem Buckel. Das Lied ist während unserer Schulzeit entstanden und war damals schon ein gern gehörter Song am Lagerfeuer, bei Schulfeten oder auf Klassenfahrten. Inzwischen gehört er zum Live-Programm des Musikers, der allerdings mit Reggae-Musik sonst nicht so viel am Hut hat. Sein Publikum findet CHRIS T. IAN eher in Kneipen, in denen Guinness ausgeschenkt wird und in denen man zu irischer Folkmusic feiert. Hier hat er sein musikalisches Zuhause gefunden und präsentiert seine Lieder auf diese Art.b 20171208 1425251273 Eine Kostprobe davon bekamen wir am Mittwochabend mit insgesamt sieben Liedern, zu denen neben dem schon erwähnten "Reggaeman" auch noch eigene Versionen des 1973er FACES-Songs "Ooh la la", des 1988er PROCLAIMERS-Klassiker "500 Miles" oder des 1966er ROLLING STONES-Hits "Painted Black" gehörten. Neben wirklich erfrischend arrangierten Stücken aus eigener und fremder Feder überzeugt CHRIS auch mit ausgesprochen guten Entertainer-Qualitäten. Von Anfang an nahm er das Publikum an die Hand und bezog es ins Geschehen mit ein. Mal brachte er die Leute dazu, für ihn den Backgroundchor zu bilden, ein anderes Mal machte er aus den Leuten vor sich seine persönlichen Perkussionisten, die mit Klatschen und Stampfen den Beat zu seinem Gitarrenspiel lieferten. Das war schon beeindruckend, wie er ein Publikum nicht nur zum Mitmachen animierte, das ja letztlich nicht wegen ihm, sondern wegen POTSCH POTSCHKA gekommen war, sondern es auch noch auf diese Art und Weise zu begeistern vermochte. Am Ende seines Auftritts forderten einzelne Leute im Saal sogar Zugaben, die er mit einer wieder staunenswert auf eigene Art arrangierten Fassung eines weiteren Klassikers letztlich auch gab: Mit "Wish You Were Here" (im Original von PINK FLOYD) verabschiedete sich CHRIS T. IAN von den Castropern und kündigte gleichzeitig die Band an, die sich für diesen Nikolausabend im "Mythos" angekündigt hatte.

POTSCH spielt SPLIFF
Als POTSCH POTSCHKA mit seinen Jungs um kurz nach 21:00 Uhr die Bühne betrat, bekam er einen ersten Applaus allein für sein Erscheinen. Die Konzertbesucher waren wegen ihm hier und wollten mit ihm auch in der Zeit ein wenig zurückreisen. Zusammen mit dem Bassisten Wolfy Ziegler (u.a. Herbert Grönemeyer Band, GURU GURU), dem Schlagzeuger Johannes Zeiss (u.a. Glashaus) und dem Sänger Sven Ammann, der seit seiner Hochzeit jetzt Sven Sander heißt, bildet er die POTSCH POTSCHKA BAND. Mein letzter Besuch bei dieser Formation war im Herbst 2015 zum Konzert in der Lindenbrauerei in Unna. Damals noch unter dem Namen SPLIFF RELOADED und mit Walter Batzler am Mikrophon, mit dem auch POTSCHs Album "In Rock" eingespielt wurde. Obwohl - das sei an dieser Stelle schon vorweggenommen - das Programm am Mittwochabend fast identisch mit dem in Unna im Herbst 2015 war, habe ich insbesondere durch den Beitrag von Sänger Sven Sander ein komplett anderes Konzert erlebt. Zwischen Sander und Batzler liegen nicht nur Klassen, hier kann man schon von verschiedenen Sportarten sprechen. Während Batzler eher ein stiller Zeitgenosse ist, der sich über weite Strecken des Konzerts teils textunsicher am Mikrophon klammerte, steht Sander keine Sekunde still und begeistert stimmlich. Er tanzt, zappelt, springt und bewegt sich in einer Tour. Aus der Ferne betrachtet wirkt er (nicht nur wegen seiner Schlägermütze) wie AC/DCs Frontmann Brian Johnson, erinnert zudem auch an Heiner Pudelko (Interzone) was die Art und Weise seines Vortrags betrifft.c 20171208 1217686022 Diesen Eindruck hatten zumindest Christian/Christian & Co KG während des Konzerts - da waren wir uns einig. Zudem verpasst Sander den Stücken mit seiner Stimme eine eigene Handschrift. Er versucht gar nicht erst wie Mitteregger, Heil oder Praeker zu klingen, sondern er klingt wie Sander. Eigenständig! Seine Stimme ist kraftvoll, knarzig und mit hohem Wiedererkennungswert und so bekommen Klassiker wie "Deja Vu" oder "Das Blech" einen völlig neuen Anstrich. Dazu kommt der neue Sound in der Musik.

Die alten Lieder der Gruppe SPLIFF hat POTSCH POTSCHKA allesamt neu arrangiert. Seit er sie wieder live spielt, wurde ihnen der Keyboard-Sound entzogen. Dafür tritt die E-Gitarre in den Vordergrund. Macht ja auch Sinn, denn POTSCH ist nun mal Gitarrero. Das Konzert eröffnet wurde aber mit dem Song "Love's A Dinasaur" von seinem Rock-Comeback-Album "In Rock" aus dem Jahre 2015. Nach jahrelangen Ausflügen in die Weltmusik kehrte er vor zwei Jahren wieder zurück zur Rockmusik. "In Rock" ist das Dokument dieser Rückbesinnung. Und schon zu diesem frühen Zeitpunkt des Konzerts wurde seitens der Band deutlich gemacht, dass hier heute nicht nur in Erinnerungen geschwelgt und an alte Zeiten gedacht werden würde. Das Programm heißt zwar "Potsch Potschka spielt SPLIFF", das limitiert ihn und seine Begleiter aber nicht auf den Output der Berliner Kultband. Die Setlist bestand aus einer Vielzahl Klassikern von SPLIFF aber eben auch aus den Songs des eben erwähnten Solo-Albums. Die alten und neuen Lieder klingen durch die Bearbeitung POTSCHs wie aus einem Guss. Zeitlos und kraftvoll. Zwischendrin lockerten wie vor zwei Jahren in Unna auch wieder die Jingles aus der "SPLIFF Radio Show" das Programm auf. Immer wenn ein solches Jingle eingespielt wurde wusste man, jetzt kommen wieder ein oder zwei SPLIFF-Nummern.

Viel Neues im Alten
POTSCH und seine Jungs machten auch beim Sound keine Kompromisse. Mit dem ersten Ton kam ein enormer Druck von der Bühne. Wolfy Ziegler am Bass und Johannes Zeiss am Schlagzeug sorgten für eine 120-minütige Massage der inneren Organe und die Lautstärke sorgte zudem dafür, dass sich das Trommelfell an der Fontanelle festsaugte. Das war geil, das war fett, das war was fürs Rockerherz. So sah es auch das Publikum, das die Band und die Songs abfeierte. Die Stimmung im Saal war klasse, und dies konnte man auch daran ablesen, dass der ein oder andere Konzertbesucher während des Konzerts anfing, das Tanzbein zu schwingen.d 20171208 1866498899 Besonders viel Spaß hatte ich an den Soli, sowohl an dem von Potsch beim Song "Jerusalem" als auch an dem von Wolfy Ziegler beim Song "Carbonara", das er 1:1 von Manne Praeker aus der Originalfassung des Stücks übernahm. In den Zugaben hatte auch Johannes Zeiss Gelegenheit, sein Können an den Fellen und Becken unter Beweis zu stellen. Über mehrere Minuten bildete er mit seinem Drum-Solo den Mittelteil des Stücks "Duett komplett", und trommelte den Leuten noch den letzten verbliebenen Rest Staub aus den Gehörgängen. Die drei anderen Herren verließen derweil den Ort des Geschehens und überließen dem taltentierten Drummer die Bühne, um kurz darauf wieder zu erscheinen und das Lied gemeinsam zum Ende zu bringen. Auch hier konnte man nur wieder den Hut vor der Leistung eines der Musiker ziehen, denn wer nach knapp zwei Stunden voller Power und ohne Pause noch in der Lage ist, so ein Schlagzeugsolo ins Instrument zu hämmern, der muss schon kerngesund und gut durchblutet sein. Respekt!

Natürlich kamen auch POTSCH POTSCHKA & BAND nicht ohne Zugaben von der Bühne, ich hatte es ja gerade schon angedeutet. Den finalen Schlusspunkt setzte das Stück "Rand der Welt" von der vierten und letzten Studio-Scheibe "Schwarz auf Weiß" der SPLIFF-Kapelle. Auch darin befand sich noch ein wunderbares Gitarren-Solo, das uns POTSCH zum Abschluss kredenzte. Nach gut zwei Stunden reiner Spielzeit war dann Feierabend und den hatten sich die Jungs redlich verdient. "Das hat nichts mehr mit SPLIFF zu tun", war eine Aussage eines Konzertbesuchers. Da mag er Recht haben, denn SPLIFF war nie so auf Rock gebürstet, wie es POTSCH seit zwei Jahren lebt und spielt. Von daher darf diese Aussage durchaus als Kompliment gewertet werden. Negativ jedenfalls nicht, denn keiner verließ den Saal vorzeitig, weil es nicht mehr nach SPLIFF klang. Der alte Sound wäre andererseits auch insbesondere wegen des Fehlens von Reinhold Heil gar nicht mehr reproduzierbar. Ein weiterer Grund, warum das nichts (ich sage aber lieber "kaum noch was") mit SPLIFF zu tun hat ist der neue Sänger. Er tut dieser Band gut, er klingt aber eben auch nicht ansatzweise wie einer seiner Vorgänger. Er verschafft POTSCHs Band ein eigenes Gesicht zur eigenen musikalischen Handschrift ihres Namensgebers. Ich möchte das Konzert mal als reinen Hochgenuss bezeichnen. POTSCH und seine Musikanten haben es geschafft, sowohl nostalgische Momente zu erzeugen, als auch klar zu zeichnen, dass man sich weiterentwickelt hat und dies auch gerne zeigen möchte. Diese Band als Gesamtpaket aus Musikern, Liedern und Sound hat definitiv ein größeres Publikum verdient. Wenn es irgendwie gerecht in dieser Welt zugehen würde, stünde diese Kapelle in großen Hallen vor Zuschauern im vierstelligen Bereich. In jedem Moment der 120 Minuten konnte die harte Arbeit, das Herzblut und die Kreativität herausgehört werden.e 20171208 1469415685 Hier haben sich Menschen Gedanken gemacht, wie man andere Menschen mit Musik begeistern und kurzweilig unterhalten kann. Aber was geht hier schon noch gerecht zu? Leider haben sich am Mittwochabend nicht ganz so viele Leute ins "Mythos" verirrt, und das ist wirklich eine Schande. Die, die gekommen waren, haben einen fantastischen Konzertabend erlebt, der noch lange nachhallen wird. Nicht nur als Piepen im Ohr, weil das Trommelfell ob der Lautstärke noch an Orten klebt, wo es nicht hingehört, sondern als geile Erinnerung an ein Konzert mit erstklassiger Rockmusik, dargeboten von einer erstklassigen Band und einem erstklassigen Künstler im Vorprogramm. Wenn Ihr mich fragt ... Ich könnte schon wieder ;-)

P.S.: Das neue Album mit den neu arrangierten und im Studio neu eingespielten Songs der Gruppe SPLIFF erscheint im Februar 2018. Wir halten Euch auf dem Laufenden ...




Setlist:
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Demnächst bei "Deutsche Mugge live ...":
• 06.01.2018 - Neujahrsblues 3: Apfeltraum (Tickets HIER)
• 03.02.2018 - Katharina Franck/Rainbirds (Tickets demnächst)
• 09.03.2018 - Chris Kramers Beatbox'n'Blues (Tickets demnächst)



Bitte beachtet auch:
• Off. Homepage von Potsch Potschka: www.potschpotschka.com
• Off. Facebook-Auftritt von Wolfy Ziegler: HIER
• Off. Homepage von Johannes Zeiss: www.johanneszeiss.com
• Off. Facebook-Auftritt von Chris T. Ian: HIER
• Homepage des "Mythos" in Castrop-Rauxel: www.restaurant-tanzpalast-mythos.de




Fotostrecke:
 


Chris T. Ian
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 




   
   
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