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Ein Konzertbericht mit Fotos von Bodo Kubatzki


Zum Glück gibt es sie noch, die Leute, die verrückt genug sind, ihre Träume zu verwirklichen. Zu ihnen gehört ein gewisser Uwe Treitinger, der seit vielen Jahren in- und ausländische Stars der Rockszene zu Konzerten in sein kleines Lokal "Bergkeller" im vogtländischen Reichenbach holt. Größen wie die englische Band IQ, die Kanadier von SAGA, der DEEP PURPLE Keyboarder Don Airey oder der legendäre Schlagzeuger Carl Palmer (EMERSON LAKE & PALMER) geben sich hier quasi die Klinke in die Hand. Der kleine Bergkeller, der inzwischen liebevoll "Wohnzimmer des Prog" genannt wird, ist dem Publikumsansturm bei den Konzerten oft kaum gewachsen. Daher weicht Treitinger mit seinen Veranstaltungen immer mal wieder in das größere "Neuberinhaus" aus. Hier gastierten u.a. schon FISH, Steve Hackett (GENESIS) oder das CrimsonProjeKCt. Selbst Rockopern des englischen Musikers Clive Nolan wurden hier schon zur Aufführung gebracht.

An größere Festivals hat sich Uwe Treitinger auch schon herangewagt. Ich erinnere mich noch gut an das Artrock-Festival III vor der beeindruckenden Kulisse der Göltzschtalbrücke im sächsischen Vogtlandkreis. Auch wenn Treitinger bei diesem Festival nach eigenen Aussagen schmerzliche finanzielle Verluste hinnehmen musste, ist er Individualist genug, nach acht Jahren Pause, wiederum ein Festival-Wochenende zu organisieren. Das Artrock-Festival IV fand somit am 1. und 2. April 2016 im Neuberinhaus in Reichenbach statt und wurde ein voller Erfolg. 12 Bands aus 6 Ländern sorgten für ein abwechslungsreiches Programm. Auch die Fans kamen aus allen Teilen der Welt. Laut lokaler Presse reisten sogar Gäste aus Brasilien zum Festival an.

Als wir uns am Freitag, den 1. April, bei frühlingshaften Temperaturen von Rostock aus auf den Weg ins Vogtland machten, sprach der Wetterbericht von einem Schneechaos genau in dieser Gegend, und es war kein Aprilscherz. Die Bergkuppen waren noch in Weiß getüncht und die Temperaturen vor Ort lagen um 6 Grad. Doch ab 17:30 Uhr ging es dann im Saal des Kulturhauses in Reichenbach heiß her und uns wurde bald wieder warm.

Für den rockigen Auftakt sorgte die Nürnberger Band EFFLORESCE mit harten Metal-Riffs. Sängerin Nicki, die ab und zu auch mal zur Querflöte griff, stand nicht nur optisch im Mittelpunkt. Mit ihrem Gesang zwischen glasklar und Death-Metal-Growl prägte sie das Bild der Band, die sich am Prog-Metal labte. Headbangen auf und vor der Bühne, das ging gut los.

Dass es beim Line-Up eines Festivals Änderungen gibt, ist wohl normal. So stand die junge US-amerikanische Progressive-Rock-Band DISTRICT 97 bereits ab 19:00 Uhr auf der Bühne. Wiederum bildete mit Leslie Hunt eine Frau den Mittelpunkt des Geschehens, den sie souverän ausfüllte. Leslie Hunt schaffte es 2007, als Teilnehmerin der sechsten Staffel der Casting-Show "American Idol", bis ins Halbfinale. Für mich, der die Band bisher nicht kannte, war es interessant zu erleben, mit wieviel Spielfreude sie ihre Musik transportierte. Scheinbar leichtfüßig ließen sie Elemente aus Rock, Prog und Jazz miteinander verschmelzen. Egal ob kurze Songs mit Ohrwurm-Qualitäten oder proggige Long-Tracks, es machte Spaß, diese Band zu erleben.

Den Ukrainer Antony Kalugin kannte ich bisher nur mit seinem Projekt SUNCHILD. In Reichenbach hatte man ihn mit seiner Band KARFAGEN angekündigt. Erleben durfte ich dann Musik von beiden Kalugin-Projekten. Das bedeutete zum einen symphonischer Retro-Prog mit folkloristischem Einschlag, der teilweise etwas schwermütig und bemüht wirkte, und zum anderen eine eher eingängige Musik.c 20160411 1298175652 Besonders bei den Instrumentalstücken überzeugte Kalugin an seinen Keyboards. Doch richtig interessant wurde es für mich, wenn Olga Vodolazhskaya, die neben diversen Percussion-Instrumenten auch Akustikgitarre spielte, die Gesangsparts übernahm. Ihre engelsgleiche Stimme, die manchmal ein wenig nach Kate Bush klang, und ihre freundlich-sympathische Ausstrahlung gaben Kalugins Musik eine besondere Farbe. Ihr merkte man den Spaß an der Sache besonders an. Das kam offensichtlich auch bei den Gästen gut an, wie der Beifall zeigte.

RPWL aus Freising sind so etwas wie Stammgäste in Reichenbach. Sie spielten bereits auf dem 1. Artrock Festival 2006. Treitinger bezeichnet die Musiker aus Bayern inzwischen als "seine Hausband". Mit ihren Alben und Konzerten haben sich RPWL zu einem der bedeutendsten Acts der deutschen Prog-Szene entwickelt, und sind damit auch über die Landesgrenzen hinaus bekannt geworden. Die einstige Pink-Floyd-Cover-Band tourt derzeit eigentlich mit einem Programm aus älteren Pink Floyd Stücken durch die Lande. Da sie damit erst vor kurzem im Bergkeller gastierten, gab es auf dem Festival einen Mix aus eigenen Songs zu hören, die sie sonst eher selten live spielen. Wie immer, begeisterte mich vor allem das Spiel von Gitarrist Kalle Wallner. Er und Sänger Yogi Lang prägen den kompakten Sound der Band maßgeblich. Doch auch Markus Jehle an den Keyboards, Marc Turiaux an den Drums und Werner Taus am Bass trugen zum Gelingen des Konzertes bei. Video-Projektionen und der Einsatz zweier Laser werteten die Show auch optisch auf.

Den Höhepunkt des ersten Festivaltages stellten die britischen Neo-Progger IQ dar. Die Band wurde von Beginn an gefeiert. Ihr Set bestand vorwiegend aus Songs des letzten Studio Albums "The Road Of Bones" und vom Album "The Wake" aus dem Jahre 1985. Der charismatische Sänger Peter Nicholls zeigte insbesondere beim Titelsong des letzten Albums, bei dem er die Geschichte eines Serienkillers erzählt, auch seine schauspielerischen Fähigkeiten. Die harten Riffs und die filigranen Soli von Gitarrist Michael Holmes, die träumerischen Keyboardsounds von Neil Durant und das präzise Zusammenspiel von Bassist Tim Esau und Drummer Paul Cook bildeten das Soundgerüst von IQ, welches durch die unverwechselbare Stimme von Nicholls veredelt wurde. Drei Video-Projektoren und eine fein abgestimmte Lichtregie ließen das Konzert auch optisch zu einem besonderen Erlebnis werden. Die Melodie der Schlusssequenz von "Headlong" hatte ich am nächsten Morgen noch im Ohr.

Die Zeit bis dahin war nur kurz, denn bei einem Gläschen Wein in der Unterkunft wurde der erste Festivaltag noch lange ausgewertet. Nach einem ausgiebigen Frühstück ging es bereits um 12:00 Uhr mit der Band SOUL SECRET aus Neapel weiter. Das Festival war zu dieser frühen Stunde noch nicht sehr stark besucht, was eigentlich schade war, denn die Italiener legten sich bei ihrem Mix aus Prog-Metal und Jazz so richtig ins Zeug. Von Titel zu Titel, die überwiegend vom aktuellen Album "4" stammten, gefiel mir der Gig besser. Das handwerkliche Können der Musiker und die Stimme von Sänger Lino Di Pietratonio verbanden sich zu einer überzeugenden Live-Performance.d 20160411 1427020753 Dass es beim Zusammenspiel von Bass und Drums manchmal rhythmisch etwas klapperte, schien dabei den wenigsten aufzufallen. Nach dem Konzert verriet mir die Band, dass es für sie schwierig sei, in Italien mit ihrer Musik Anerkennung zu finden. Dass sie international mithalten können, haben sie in Reichenbach eindrucksvoll bewiesen.

ALLY THE FIDDLE mit ihrer Band enterte als nächste die Bühne. Die Band, die sich 2008 in Rostock zusammengefunden hat, ist das Soloprojekt der Rockgeigerin Ally Storch. In Reichenbach präsentierte die Band ihre vom Metal beeinflusste Musik sehr souverän. Mir gefielen besonders die Instrumentals, mal Coverversionen von Joe Satriani oder Jazz-Geiger Jerry Goodman, oder eben eigene Werke. Ally beherrschte ihre Violinen meisterhaft, aber auch die Gitarristen Diemo Heuer und vor allem Robert Klawonn zeigten sich als Saitenzauberer. Gerade die rasanten Duelle zwischen Geige und Gitarre wurden mit viel Spielfreude ausgetragen. 2016 soll das neue Album "UP" erscheinen. Als kleinen Vorgeschmack darauf gab es die Stücke "Sysiphos" und "Living In A Bubble" zu hören. Mit den gesungenen Songs konnte ich mich nicht so richtig anfreunden. Insbesondere das Stück "Don't Wake Me Up" fand ich eher zum Einschlafen. Dass dies eben nur meine Meinung ist, sei hier noch mal betont, denn Ally und ihre vier Musiker vermochten dem Publikum durchaus zu gefallen.

Mit der britischen Band CREDO gab es wieder einen Genrewechsel hin zum Neo-Prog. Die Wurzeln der Band reichen zurück bis ins Jahr 1971, wo Gitarrist Tim Birrell und Bassist Jim Murdoch schon gemeinsam in der schottischen Band ARMAGEDDON musizierten. Ich kannte CREDO vorher noch nicht und erwartete das Konzert mit viel Spannung. Es mutete schon seltsam an, als da ein etwas massiger Typ Kaugummi kauend und finster dreinblickend am Mikrofon stand. Die beiden oben erwähnten Musiker wirkten auch eher, als gehörten sie zu einer Tanzkapelle, denn zu einer Prog-Band. Doch diese Eindrückte täuschten gewaltig, denn die Band spielte ein hervorragendes Konzert. Musik im typischen Neo-Prog-Stil der 80er Jahre à la GENESIS und MARILLION wurde zelebriert. Allerdings kam das Ganze etwas leichtfüßiger daher. Sänger Mark Collons helle, jugendlich wirkende Stimme wollte gar nicht zu seiner Erscheinung passen, doch prägte sie den Sound der Band, ebenso wie das beeindruckende Spiel von Gitarrist Tim Birrell. Für den Auftritt gab es viel Beifall, und meine CD-Sammlung ist um das letzte CREDO-Album "Rhetoric" reicher.

Die Band SBB aus Polen habe ich Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre sehr gemocht. Hervorgegangen ist sie aus der Begleitband des polnischen Rockmusikers Czeslaw Niemen. Zunächst widmete sich die Band dem Bluesrock, später vermischte sie immer häufiger musikalische Stile und landete schließlich beim Progressive Rock. Ihre Musik war vor allem durch lange Improvisationen geprägt. In Reichenbach trat die Band in der Besetzung Józef Skrzek (Bass, Keyboards, Blues-Harp und Vocals), Apostolis "Lakis" Anthimos (Gitarre, Drums) und Jerzy Piotrowski (Drums) auf. Mit ihren Longtracks, die sich irgendwo zwischen Blues-Rock, Jazz und Progressive-Rock bewegten, zogen sie das Publikum schnell in ihren Bann.b 20160411 1436641625 Viel der Musik vom SBB basiert immer noch auf Improvisationen. Skrzek bearbeitete seinen Bass und die Keyboards, Apostolis brillierte an den Gitarren und Piotrowski schlug die teils schrägen Rythmen dazu. Als Höhepunkt des Konzertes setzte sich Apostolis an ein zweites Schlagzeug-Set und beide Drummer gaben sich ein spektakuläres Duell. Das begeisterte Publikum schaffte es, die Band zu einer Zugabe zu bewegen. Józef Skrzek holte die Mundharmonika raus, und SBB beendeten ihren Auftritt mit einem beschwingten Blues.

Die ostdeutsche Artrock-Legende STERN-COMBO MEISSEN stand als nächstes auf dem Programm. Dass die "Combo", wie sie von Fans liebevoll genannt wird, bei diesem internationalen Festival überzeugen wird, war für mich klar. Seit dem Glücksgriff mit dem jungen Sänger und Keyboarder Manuel Schmid, ging es für die Jungs um Bandgründer Martin Schreier wieder aufwärts. Endlich ergab sich in Reichenbach mal die Gelegenheit, sich einem breit gemischten Publikum zu präsentieren. Warum die Band nach dem Soundcheck noch knapp 20 Minuten bis zum Konzertbeginn verstreichen ließ, erschloss sich mir nicht. Wie die Band bereits morgens über Facebook verbreitet hatte, spielten sie an diesem Abend ausschließlich Songs, die dem Artrock zuzuschreiben sind. Popsongs à la IC Falkenberg fanden keinen Platz, und das war gut so. Ob Auszüge aus "Bilder einer Ausstellung", "Licht in das Dunkel" in der langen Version, "Mütter gehen fort ohne Laut" oder "Der weite Weg", die STERN-COMBO MEISSEN bewies mit Können und Spielfreude, dass sie wieder zu den führenden Bands des Genres Artrock/Progressive Rock in Deutschland gehören.

Nach den beiden Größen des Ost-Rock, die ich hinter der Bühne gemeinsam fotografieren durfte, folgte mit THRESHOLD eine internationale Größe aus dem Süden Englands. Musikalisch ging es dabei wieder zurück in die härtere Richtung und es wurde hektisch auf der Bühne. Sänger Damian Wilson sorgte für diese Hektik. Scheinbar ruhelos tobte er mit dem Mikro über die Bühne, durch den Saal, ja selbst die schlaftrunkenen Gesellen auf dem Rang kamen in den Genuss seiner Anwesenheit. Treibende Gitarrenriffs, groovendes Drumming verbunden mit solidem Bassspiel boten Wilson ein Fundament für die Botschaften seiner Songs. Viel Prog-Metal, ein wenig AOR und hin und wieder eine düstere Ballade, das ist die Musik von THRESHOLD. Die beiden Gitarristen Karl Groom und Pete Morten drückten dem Ganzen mit ihrem rasanten, oft zweistimmigen Spiel ihren Stempel auf. Die mitreißende, energiegeladene Show ließ so manch müden Geist zu bereits fortgeschrittener Stunde wieder wach werden.

e 20160411 1487462407Mit PENDRAGON gab es auch am zweiten Festivaltag eine englische Neo-Prog-Band zum Abschluss. Dass die Band um Sänger Nick Barett und Keyboarder Clive Nolan eher für seichtere Klänge bekannt ist, tat der Stimmung keinen Abbruch. Ich denke eher, das passte nach dem vorherigen Metal-Act recht gut, Wohlfühlmusik zum Träumen. Nolans Keyboardsounds legten einen breiten Teppich für Nick Barrets emotionales Gitarrenspiel aus. Barrets unverkennbare Stimme vervollständigte den typischen PENDRAGON-Sound. Auf dem Programm standen Songs des Erfolgsalbums "The Masquerade Overture", welches vor 20 Jahren erschienen ist, und dem letzten Studio-Album "Men Who Climb Mountains". Mit "King Of The Castle" gab es dann einen Song zu hören, den die Band eher selten live spielt. Durch den Backgroundgesang der beiden Ladies Christina Booth und Verity Smith bekam der Song eine sehr emotionale Tiefe. Alles in allem gestaltete sich das Konzert von PENDRAGON zu einem würdigen Abschluss des Artrock-Festivals IV.

Das Engagement von Uwe Treitinger und seinem Team - nein, seinen Freunden, wie er selbst sagt - hat sich gelohnt. Das Publikum und die am Festival beteiligten Bands äußerten sich nach den beiden Tagen voll des Lobes. Das Festival bot das gesamte Spektrum der Spielarten des Artrock, von Prog-Metal über jazzorientierten Blues-Rock bis hin zu klassischem Artrock. Das Getränke- und Speisenangebot war ausgewogen, auch wenn ein weiterer Getränkestand sinnvoll gewesen wäre. Am Rande gab es Gelegenheit, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen, seinen Bestand an Tonträgern aufzufüllen, mit regionalen Instrumentenbauern ins Gespräch zu kommen und ihre handgefertigten Gitarren und Bässe zu testen, oder auch die Musiker zu treffen.f 20160411 1771430379 Das Festival war eine Runde Sache und die lange Anreise von Rostock ins Vogtland hatte sich gelohnt. Uwe Treitinger selbst hat inzwischen kundgetan, dass das Artrock-Festival V vom 31. März bis 2. April 2017, also über drei Tage, stattfinden soll. Er organisiert schon fleißig. Den Termin werden auch wir uns bereits jetzt in den Kalender 2017 schreiben.


Bitte beachtet auch:
• Off. Homepage von Effloresce: www.effloresceonline.com
• Off. Homepage von District 97: www.district97.net
• Off. Homepage von Antony Kalugin: www.antonykalugin.net
• Off. Homepage von RPWL: www.rpwl.net
• Off. Homepage von IQ: www.iq-hq.co.uk
• Off. Homepage von Soul Secret: www.soulsecret.net
• Off. Homepage von Ally The Fiddle: www.ally-fiddle.de
• Off. Homepage von Credo: www.timbirrell.f2s.com
• Off. Homepage von SBB: www.sbb-band.pl
• Off. Homepage von der Stern-Combo Meißen: www.stern-combo-meissen.com
• Off. Homepage von Threshold: www.thresh.net
• Off. Homepage von Pendragon: www.pendragon.mu
• Homepage des Bergkeller in Reichenbach: www.bergkeller-reichenbach.de
 





Fotostrecke:


Tag 1:

Effloresce:
 
 
 


District 97:
 
 
 


Karfagen:
 
 
 


RPWL:
 
 
 


IQ:
 
 
 
 
 



Tag 2:

Soul Secret:
 
 
 


Ally The Fiddle:
 
 
 


Credo:
 
 
 


SBB:
 
 
 


Stern-Combo Meißen:
 
 
 


Threshold:
 
 
 
 

   
   
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