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Ein Bericht von Torsten Meyer mit Fotos von Coleen & Frank Süßenbach





plak090116"Blues ist für mich ein Abenteuer, mit dem ich meine Befindlichkeiten ausdrücken kann."
Jürgen Kerth

Es muss schon etwas Schwerwiegendes passieren, wenn ich am zweiten Sonnabend im Januar meinen eigentlichen Stammtermin sausen lasse. Dieser Tag gehört nämlich normalerweise dem alljährlichen "Neujahrsblues" in der Berliner WABE. Am 9.Januar 2016 jedoch war alles anders. Na ja, nicht alles, denn ich war durchaus beim "Neujahrsblues". Nur eben nicht in Berlin, sondern schlappe 600 Kilometer weiter westwärts im brodelnden Dampfkessel des Ruhrgebiets. Dort gibt es ein beschauliches Städtchen namens Castrop-Rauxel, wo seit kurzem durch Deutsche Mugge, den Verein für Musik aus Deutschland e.V., der Traum von selbst veranstalteten Konzerten auflebt. Zwei Konzerte der zunächst auf fünf Gigs angesetzten ersten Staffel sind bereits Geschichte und dürfen als volle Erfolge abgebucht werden,a 20160112 1878042475 denn sowohl BLACKBIRD (Bericht siehe HIER) als auch DRIFTWOOD HOLLY (Bericht siehe HIER) begeisterten das kulturell wahrlich nicht verwöhnte Castroper Publikum auf ganzer Linie. Neben der Sponsorensuche bestand und besteht auch weiterhin die Schwierigkeit vor allem darin, die Leute von der Couch zu locken und davon zu überzeugen, dass es außer von Coverbands dominierten Stadtfesten und Möbelhauseröffnungen auch überaus reizvoll sein kann, echter und handgemachter Musik zu lauschen, Neues zu entdecken und über seinen eigenen musikalischen Tellerrand zu schauen. Unser in Castrop-Rauxel beheimateter Chefredakteur Christian Reder nahm die Herausforderung an, die Musikinteressierten seiner Stadt in den Genuss solcherlei Horizonterweiternder Maßnahmen kommen zu lassen. Und so organisiert er seither gemeinsam mit seiner Frau Nicola in aufwändiger Kleinarbeit die Konzertabende.

Teil 3 der Reihe stand unter dem schon erwähnten Motto "Neujahrsblues" und sollte ein ganz besonderer werden, denn für den Hauptact des Abends, die Erfurter Blueslegende Jürgen Kerth, erfüllte sich ein Traum. Sein Großvater stammte aus dem nur einen Steinwurf entfernten Dortmund, weshalb es für Kerth schon immer ein Herzenswunsch war, einmal in dieser Gegend spielen zu können. Manchmal dauert es halt etwas, notfalls auch Jahrzehnte lang, aber nun erfüllte sich dieser Traum für Jürgen Kerth. Doch noch aus einem anderen Grund versprach dieses Event großartig zu werden. Es sollte eins der seltenen Zusammentreffen von Blues-Meistern aus den alten und neuen Bundesländern werden. Als Special Guest hatte sich nämlich der im Westen Deutschlands, vor allem im Ruhrgebiet äußerst populäre Bluesharper Chris Kramer angesagt. Ich bin ein bekennender Fan des kleinen, ungemein vielseitigen Mundharmonika-Virtuosen, Gitarristen und Sängers, über den schon der Rolling Stones-Pianist Chuck Leavell schwärmte: "Oh man, what a amazing harpplayer!" Das Aufeinandertreffen dieser beiden Alpha-Tiere versprach also für die Freunde des gepflegten, hochklassigen Blues ein Fest zu werden, weshalb ich mich nur zu gerne und mit einigem Kribbeln im Bauch trotz des im Osten grottigen Winterwetters auf den weiten Weg nach Nordrhein-Westfalen machte.

Als Location diente erneut das "Haus Oestreich". Beim Betreten wähnte ich mich zunächst in einer Kneipe, wie sie authentischer nicht sein könnte. Am Biertresen und den umstehenden Tischen tummeln sich die, die immer hier sind, im angrenzenden Raum stehen Billardtische und ein Flipperautomat. Dann aber gab es eine weitere Schiebetür, hinter der sich der eigentliche Saal befand. Meine DM-Kollege Rüdiger, der mich nach Castrop-Rauxel begleitete, und ich glaubten unseren Augen nicht zu trauen, denn irgendwie wähnten wir uns in alte Zeiten zurückversetzt. Der ganze Laden, vor allem aber der "Mehrzwecksaal" könnte seinem ganzen Flair und Ambiente nach auch das "Kreiskulturhaus Weiße Taube" irgendwo in der ehemaligen DDR gewesen sein. Herrlich!

Die Musiker um Jürgen Kerth waren bereits eingetroffen, hatten ihr Equipment aufgebaut und waren mit dem Soundcheck beschäftigt, was sich aufgrund der baulichen Gegebenheiten des Saales (u.a. große Fensterflächen) als nicht so einfach erwies. Vor der noch verschlossenen Tür wurde das Gemurmel immer lauter, was auf ordentlichen Zuspruch hoffen ließ.b 20160112 1185834493 Und dann öffneten sich kurz nach 19:30 Uhr die Pforten. Schnell zeichnete sich ab, es würde für die Deutsche Mugge-Konzertreihe ein Besucherrekord werden, denn innerhalb von Minuten füllte sich der Raum. Jürgen Kerth mischte sich vorab mitten unter das Volk und wurde tatsächlich von einigen erkannt, die ihn dann auch freudig begrüßten und in kurze Gespräche verwickelten.

20:15 Uhr. Zum zweiten Mal bei einem von Deutsche Mugge organisierten Konzert gab es ein kleines Vorprogramm. Im November erlebte Christian auf einem von Chris Kramer veranstalteten Unplugged Bluesfestival in Schwerte eine junge 21-jährige Sängerin, die ihn derart beeindruckte, dass er sie kurzerhand für diesen heutigen Abend engagierte: Hannah Sophie Hantschel. Diese erschien in Begleitung von Klaus Fischer, einem renommierten Gitarristen aus Castrop-Rauxel. Sie begann ihr kurzes Set mit "Valerie" von keiner Geringeren als Amy Winehouse. Ziemlich große Schuhe, die sich Hannah da anzog, doch sie meisterte es ebenso mit Bravour wie die folgenden Nummern. An Adeles "Skyfall" und den Klassiker "Killing me softly" (Roberta Flack) muss man sich als Newcomer erst mal ran trauen. Am meisten holte Hannah mich jedoch während der Interpretation von "Hit the road Jack" ab. Die erste Hälfte kam mächtig entschleunigt daher, aber dann gab das Mädel Gas und rockte die Bühne. Man muss ihr ohne Wenn und Aber eine enorme Portion Talent bescheinigen. Hannah hatte für mich ihre stärksten Momente, wenn sie ihre Stimme voll aussang, wenn das gewisse Kratzen in der Kehle zu hören war. Sollte Hannah am Ball bleiben und ihr Leben der Musik verschreiben, müssen aber natürlich auch irgendwann eigene Titel her. Dann würde ich ihr gerne noch einmal zuhören.

20:30 Uhr. Christian Reder betrat die Bühne und kündigte kurz und knackig die Band des Abends an, bestehend aus:

Jürgen Kerth (voc, git)
Stefan Kerth (bg, voc)
Ronny Dehn (dr)

Ich war gespannt, wie die Anwesenden auf den Thüringer reagieren würden, denn ich bin mir sicher, die meisten im Publikum wussten überhaupt nicht, worauf sie sich einließen. Vielleicht sind einige von ihnen auch wirklich nur durch die unzähligen Plakate, mit den Castrop-Rauxel zugepflastert war, neugierig geworden und ins "Haus Oestreich" gekommen. Wie auch immer, sie sollten einen grandiosen Abend erleben.

Eine Setliste gibt es bei Kerth nach wie vor nicht. Er spielt aus dem Bauch heraus, entscheidet nach der Beobachtung des Publikums, nach dessen Mimik über die Aneinanderreihung der Songs. Einzig beständig scheint die Eröffnung der Konzerte zu sein, denn wie schon so häufig erlebt, schmetterten Jürgen Kerth und seine Band uns auch diesmal zunächst die "Komm ..."-Trilogie entgegen. Drei wunderbare, stilistisch völlig verschiedene Werke, die bereits am Anfang klar machten, Kerth steht zwar für Blues, ist aber alles andere ein Blues-Purist. Vor allem das treibende, funkige "Komm Papa" ließ erste Schweißtropfen auf des Meisters Stirn entstehen.c 20160112 1421054932 Die gefühlte Nähe zu James Brown ist sicher gewollt, machte Riesenspaß. Der Song funktioniert aber erst so richtig, wenn jemand wie Ronny Dehn auf die Felle drischt. Ich kenne keinen zweiten Drummer, der ähnlich hart, trocken und dynamisch spielt wie Ronny. Einfach geil. Bereits jetzt war Bewegung in den Reihen spürbar, man wippte und tänzelte, konnte dem Rhythmus nicht entgehen.

Ein Markenzeichen des Erfurter Blues-Gitarrero sind die Fähigkeit zur Improvisation und sein Hang zu Überlängen. Sieht man sich die Setliste an, versteht man, was ich meine. In etwas mehr als zwei Stunden schaffte Kerth gerade mal 14 Songs, was daran lag, dass wirklich jeder Song gnadenlos gestreckt wurde. Immer wieder nach vorne an den Bühnenrand tretend, dabei die Augen schließend, zelebrierte er einen Sololauf nach dem anderen auf seiner "Einen", der alten MIGMA-Klampfe, der man die Jahrzehnte wahrlich ansieht. Bewundernde Blicke aus dem Publikum, immer wieder Szenenapplaus - Kerth rockte den Laden. Vor allem auch mit dem erst leicht funkigen, dann richtig schön swingenden "Ich finde keine Ruh" holte die Band vor der Pause nochmal einen echten Kracher raus. Stefan Kerth darf hier richtig glänzen, und der Meister selbst lässt mittendrin und ansatzlos mal eben ein paar Santana-Anleihen aus den Saiten quellen, um dann wieder nahtlos zum eigenen Song zurück zu kehren. Großes Kino!

Inzwischen war auch Chris Kramer, auf den ich mich riesig freute, eingetroffen. "Die Eine" bedeutete für ihn das Startzeichen. "Um zu reden brauchen wir kein Wort", heißt es in dem Liebeslied von Jürgen Kerth an seine Gitarre. Und das könnte man auch auf die beiden Hauptakteure übertragen, denn obwohl sich Kerth und Kramer zuvor nie persönlich kennenlernten, geschweige denn jemals zusammen auf der Bühne standen, benötigte es lediglich ein kurzes Nicken von Jürgen Kerth, um den kleinen, aber sehr drahtigen Chris Kramer von der Leine zu lassen. Dieser bewies eindrucksvoll, warum Peter Maffay unbedingt und nur ihn auf seiner Tour dabei haben wollte, warum jemand wie Jack Bruce ihn als "Master oft the blues-harp" krönte. Man bedenke, die Kerth'schen Harmonien gelten gemeinhin als sehr schwierig zu spielen, doch der Ruhrpottler Kramer meisterte diese Hürde mühelos. Kerths Gitarre und Kramers Harp fanden sich zur Freude des Auditoriums immer wieder, mal zum Duell, mal zum "Gespräch", aber immer gekonnt und intensiv. Für vier Nummern blieb Chris Kramer auf der Bühne, ehe das Kerth-Trio wieder unter sich war und mit dem betagten "Helmut" (übrigens ein Wunsch aus dem Publikum!) das Konzert beendeten. Natürlich musste das Feierabendbierchen dennoch etwas warten, denn die "Zugabe"-Rufe ließen nicht lange auf sich warten. Ich bezweifle zwar, dass die Zuschauer Jürgens etwas holprig erzählte Geschichte zur Entstehung und Bedeutung von "Gloriosa" in Gänze verstanden, aber die Nummer an sich setzte einen krönenden Abschluss unter einen wirklich gelungenen Neujahrsblues-Abend.

Das Schöne an einem Kerth-Konzert ist die Tatsache, dass sich der Erfurter Gitarrenhexer immer wieder neu erfindet, dass durch seine Improvisationen ständig neue Spannung erzeugt wird. Somit ist kein Gig wie der andere. Die Rhythmusfraktion mit Stefan Kerth und Ronny Dehn ist ein absoluter Knaller und erzeugt eine Wucht und Energie, wie man es bei kaum einer anderen Band unserer Breitengrade erlebt - außer vielleicht noch bei East Blues Experience. Toll auch der Schulterschluss zwischen Ost- und Westblues, der für mich noch viel zu selten vollzogen wird. Beide Welten spielen leider 25 Jahre nach der deutschen Einheit immer noch weitgehend für sich allein, obwohl es hüben wie drüben exzellente Bands und Musiker der Bluesszene gibt, die sich gerne mal für gemeinsame Festivals oder Sessions zusammenfinden dürfen. Den Bluesfan würde es freuen! Chris Kramers Auftritt bei Jürgen Kerth war jedenfalls ein gelungenes Experiment. Schade nur, dass Jürgen es nicht für nötig hielt, wenigstens ein paar Worte der Begrüßung zu Chris zu sagen.

d 20160112 1683173709Ich denke, niemand aus dem Castroper Publikum bereute sein Kommen, was ein gutes Omen für die nächsten Deutsche Mugge-Konzerte in Castrop-Rauxel sein dürfte. Der Neujahrsblues soll übrigens zu einer Tradition werden, wobei man den Termin künftig vielleicht getrennt von der gleichnamigen Berliner Veranstaltung legen sollte.


Setlist:
Zum Vergrößern bitte anlicken

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Termine:
• 30.01.2016 - Gera - ArtClub

Alle Termine ohne Gewähr. Nähere Infos und weitere Termine auf Jürgens Homepage



Bitte beachtet auch:
• Off. Homepage vom Jürgen Kerth: www.kerth-music.de
• Off. Homepage vom Chris Kramer: www.chris-kramer.de
• Homepage vom Haus Oestreich in Castrop-Rauxel: www.haus-oe.de




Fotostrecke:
 
 


Vorprogramm: Hannah Sophie Hantschel & Klaus Fischer
 
 
 
 
 
 
 
 



   
   
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