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Ein Konzertbericht mit Fotos von Bodo Kubatzki



Er gilt als einer der "Großen" der internationalen Rockszene, der mittlerweile 47-jährige Komponist, Musiker und Produzent STEVEN WILSON. Bekannt wurde er mit seiner Band PORCUPINE TREE, wirkte jedoch in zahllosen anderen Projekten mit, wie z.B. NO-MAN oder BLACKFIELD. Als Produzent machte er sich vor allem durch das Remixen herausragender Alben von Bands der 70er Jahre im 5.1-Sound einen Namen. So veredelte er u.a. Werke von EMERSON LAKE & PALMER, KING CRIMSON, YES oder JETHRO TULL.a 20150414 1413877097 Seit 2010 widmet sich Wilson erfolgreich seiner Solo-Karriere. Mit seinem dritten Solo-Album "The Raven That Refused To Sing (And Other Stories)" aus dem Jahr 2013 gelang dem inzwischen vierfach Grammy nominierten Steven Wilson der ganz große Wurf. Das Album heimste weltweit überschwängliche Kritiken ein. Ende Februar 2015 erschien sein neues Meisterwerk, das Konzeptalbum "HAND. CANNOT. ERASE." (Cover siehe rechts).

Darin erzählt Wilson die Geschichte der Joyce Carol Vincent, einer jungen Frau, die 2003 unbemerkt von Familie und Freunden von der Bildfläche verschwand, bis ihre verweste Leiche nach zwei Jahren in ihrer Londoner Wohnung gefunden wurde. Mit diesem Album im Gepäck tourt Steven Wilson derzeit durch Europas Konzerthallen. Die Karten zu den sechs Deutschland-Konzerten waren schnell vergriffen. So gab es am 9. April 2015 an der Abendkasse der Berliner Columbiahalle nur noch einige Restkarten zu ergattern.

In der Halle galt Filmen und Fotografieren als absolut verboten. Die Zuschauer sollten das Gesamtkunstwerk der aufwendig produzierten Show in Ruhe genießen können. Auch für die akkreditierten Fotografen gab es ziemliche Restriktionen, was wiederum Gelegenheit bot, sich mehr auf die Show zu konzentrieren.

Das Konzert wurde mit den ersten fünf Stücken des aktuellen Outputs eröffnet, alle unterlegt mit einer Flut von Bildern und Filmsequenzen des dänischen Künstlers Lasse Hoile. Diese Wucht von visuellen Eindrücken drohte mich zu erschlagen. War dies noch Konzert, oder doch eher Kino? Zweifellos handelte es sich um herausragendes Bildmaterial, doch wirkte dieses auf mich überdimensioniert. Dass differenziert eingesetzte Videosequenzen eine Show visuell unterstützen können und nicht zum Selbstzweck verkommen, durfte ich vor drei Wochen beim Marillion Weekend in Holland eindrucksvoll miterleben. Weniger ist manchmal eben mehr.

Es ist hinlänglich bekannt, dass sich Steven Wilson mit herausragenden Musikern umgibt. Live agierte seine Band mit absoluter Spielfreude, was man vor allem an den Gesichtern von Nick Beggs am Bass und Chapman Stick sowie Marco Minnemann an den Drums ablesen konnte. Brachiale Riffs und treibende Grooves wurden mit absoluter Präzision gespielt, wechselten über in melodiöse Passagen, die etwas Mystisches besaßen. Keyboarder Adam Holzman und Gitarrist Guthrie Govan hatten Raum für fantastische Soli, und der Meister selbst tobte sich an seiner Gitarre aus,b 20150414 1226011345 wie ich es selten erlebt habe. Einzig der Sound ließ zu wünschen übrig, trotz fantastischer Quadrophonie-Effekte. Zumindest oben auf dem Rang wirkte er übersteuert. Insbesondere bei dem Song "Index" vom Album "Grace For Drowning" war die Schmerzgrenze für meine Gehörgänge erreicht.

Meister Wilson - wie immer barfuß - zeigte sich in Berlin sehr redselig und schilderte seine musikalische Sozialisation. Die Prog-Einflüsse seines Vaters, die Disco-Musik, die seine Mutter so liebte und die Bands seiner Jugend, wie THE CURE, TEARS FOR FEARS oder gar KAJAGOOGOO (mit spaßigem Seitenhieb auf Nick Beggs, der seinerzeit in dieser Band spielte), hätten ihn ebenso geprägt, wie THE MARS VOLTA, RADIOHEAD oder andere Bands jüngeren Alters. Alle diese Einflüsse fanden sich irgendwo in seiner Musik wieder.

Die Ballade "Lazarus" bildete so etwas wie einen Ruhepunkt der Show, bei dem PORCUPINE TREE-Fans in Erinnerungen schwelgen konnten. Das sich anschließende "Harmony Korine" krönte Guthrie Govan mit einem fantastischen Gitarren-Solo, bevor mit den drei letzten Stücken des aktuellen Albums die traurige Geschichte der Joyce Carol Vincent zu Ende erzählt wurde und schließlich der (Gaze-)Vorhang fiel.

Mit einer Videosequenz auf den durchsichtigen Vorhang projiziert leitete "The Watchmaker" optisch wirkungsvoll den Schlussteil der Show ein. Die mystischen Bilder der ablaufenden Uhr, verbunden mit der todtraurigen Geschichte des alten Urmachers mit seiner schwindenden Sehkraft, erzeugten eine bedrückende Stimmung, die letztlich durch einen jazzorientierten Schlussteil mit viel Satzgesang aufgelöst wurde. Schade nur, dass Theo Travis in Berlin nicht mit auf der Bühne stand.c 20150414 1375487278 Sein Flöten- und Saxophon-Spiel hätte dem Stück das i-Tüpfelchen verpasst. Auch "Sleep Together" vom Porcupine Tree Album "Fear Of A Blank Planet" performte die Band noch hinter dem Vorhang. "The Raven That Refused To Sing" beendete eine Show, die mich mit ihrer Musik begeisterte und andererseits mit der Fülle an visuellen Eindrücken nahezu erdrückte.

Es hätte für mich das Prog-Ereignis des Jahres werden können, wurde es jedoch nicht. Lag es an der bestuhlten Halle mit einer auffallend wachsamen Security, die durch die Reihen lief und sofort den Zeigefinger hob, sobald jemand sein Handy zum Fotografieren ansetzte? Oder lag es an der Wucht der optischen und akustischen Eindrücke, die nach einer größeren Location verlangen? Ich weiß es nicht. Nach dem Konzert sah ich viele begeisterte Gesichter. Eine gewisse Faszination kann auch ich nicht leugnen, doch bleibt auch ein zwiespältiges Gefühl ob des großen Kinos, das mich zu oft von der komplexen Musik ablenkte.


Setlist:
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Bitte beachtet auch:
• Off. Homepage von Steven Wilson: www.stevenwilsonhq.com




Fotostrecke:

 
 



   
   
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