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Ein Konzertbericht mit Fotos von Matthias Manrique &
Matthias Fiebiger. Ergänzende Fotos: Pressematerial


Was erwartet einen Konzertbesucher zum Abschiedskonzert in TANGERINE DREAMs Geburtsstadt Berlin? Wer wird dabei sein? Treten als Überraschungsgäste frühere Bandmitglieder auf? Es blieb nicht nur bis zum Vorhangfall spannend. TANGERINE DREAM spielten im Berliner Admiralspalast vor einem ausverkauften Haus. Die Elektronik-Pioniere können nach fast fünf Jahrzehnten immer noch auf eine riesengroße Fanschar bauen.a 20140604 1200437867 EDGAR FROESE, Gründer, Mastermind und Chef von TD, nunmehr fast 70-jährig, spielte nicht nur an diversen Synthesizern sondern auch Gitarre. Er entlockte seinen Instrumenten orchestrale, rhythmische, kosmische und surreale sowie oftmals tief wummernde Sequenzertöne. Musikalisch jung geblieben, repräsentiert er mit seiner Gruppe - natürlich neben Kraftwerk aus Düsseldorf - die weltweit erfolgreichste Elektronik-Rockband. Die wichtigsten Gruppenmitglieder seit Jahren neben ihm sind THORSTEN QUAESCHNING, ein hochbegabter Derwisch an den Tasten und Reglern, und LINDA SPA, die neben den Keyboards auch Saxophon und Flöte spielt.

Das Konzert dauerte fast drei Stunden, nur unterbrochen von einer reichlich zwanzigminütigen Pause. Es begann überpünktlich wenige Minuten vor 20:00 Uhr mit einer Ambient-Collage aus plätscherndem Wasser, Regen und Gewitter, die überleitete zum ersten Stück "Odd Welcome", ein seltsames und befremdliches Willkommen "honi soit qui mal y pense", aus der zur Jahreswende veröffentlichten ingeniösen Vertonung von Kafkas berühmten Roman "Das Schloss". Alle Musiker und Musikerinnen, Violinistin HOSHIKO YAMANE und Percussionistin IRIS CAMAA waren ebenso wie auch in den letzten Tour-Jahren dabei, spielten frisch und zupackend auf.

Es folgten weitere, teils aktuelle Tracks aus anderen Produktionen, wie beispielsweise "Sorcerer 2014", eine Neuvertonung ihrer ersten berühmten Filmmusik von 1977. Außerdem bot man Stücke aus den gesamten letzten Jahrzehnten. Darunter so bekannte und mitreißende wie "Logos", "Warsaw in the Sun", "Mädchen auf der Treppe", "Song of the Whale", "Sphinx Lightning" von der CD "Hyperborea" sowie "Oriental Haze", "Poland" und einige andere mehr. Von den neueren Tracks ab 2007 ragten "Trauma" (Autumn in Hiroshima), "Hermaphrodite" (Finnegans Wake),b 20140604 1892538953 "Darkness veiling the Night" und "Marmontel riding on a Clef" (The Island of the Fay) sowie "Sleeping Watches snoring in Silence" und "The silver Boots of Bartlett Green" (The Angel from the west Window) heraus.

Die erste Zugabe setzte das um, was ja das eigentliche Tour-Thema ist, die "Phaedra Farewell World Tour 2014-2015". Nämlich jenes Werk zu spielen, mit dem TANGERINE DREAM 1974 weltberühmt wurde: 40 Jahre "Phaedra". Der damalige Rückgriff auf antike Seinsdimensionen verhalf drei jungen, ehrgeizigen und unkonventionellen West-Berliner Musikern zum Schritt in die Berühmtheit. Im Admiralspalast bot sich "Phaedra" in einer überarbeiteten, kürzeren Fassung dar, wenngleich auch nicht weniger mitreißend. Zu Beginn spielte Multiinstrumentalistin LINDA SPA auf einem seltsam anmutenden Instrument, einer Mischung aus Zither, altpersischem Seiteninstrument und Drehorgel, surreale Klangmuster, die das "Phaedra"-Thema anschnitten.

Das Publikum feierte das Konzert euphorisch, weil eben wirklich alles stimmte. Die glasklare, nicht übersteuerte Akustik, die Lichtschau, das Spiel aller fünf Musiker und eine überaus gelungene Titelauswahl. EDGAR FROESE gab bisweilen mit einer Hand dezent den Dirigenten, wenn es um Schlussklänge und etwa Tempowechsel ging. In THORSTEN QUAESCHNING hat er einen kongenialen Partner an den Keyboards zur Seite,c 20140604 2068142066 der viele vertrackte Klangkaskaden mit viel körperlichem Verve hervorbringt und den Stücken bisweilen hohe, glocken- und cembaloähnliche Töne entlockte. Außerdem beherrscht er spielend auch düstere Molltöne und Sequenzerkanonaden.

Eine formale Neuheit beim Konzert gab es auch: Vermutlich zum ersten Mal seit Anfang der 1970er Jahre spielten TANGERINE DREAM mit Pausen zwischen den Tracks im offiziellen Teil. Sonst gingen Tracks immer ineinander über oder es handelte sich tatsächlich nur um eine in sich geschlossene Komposition. Diesmal gab es halt winzige Unterbrechungen, wenn auch nur für wenige Sekunden. Ein anschließender Applaus war den Künstlern jedes Mal sicher. Zum Ende des Konzertes, nach dem fast halbstündlichen Zugabenteil, ergriff EDGAR FROESE als einziger für knapp drei Minuten erstmals das Wort. Wortreiche Klangdarbietungen vermissen sowieso wohl nur Erstbesucher eines TD-Konzertes. Der Kurzvorstellung seiner Gruppenmitglieder folgte seine aktuelle, vom Publikum mit viel Beifall bedachte, Vision des künftigen neuen Berliner Großflughafens als möglicherweise größte Champignonfarm der Welt.

War das nun der Berliner Abschied von TANGERINE DREAM? Nach der Europatour ist ja noch bis 2015 der Rest der Welt angesagt. Nach EDGAR FROESES eigenen Verlautbarungen folgend, kann es das eigentlich noch nicht gewesen sein. Sicher nur noch als Einzelprojekte, aber mit Klängen, die man noch nie gehört hat, so sein Plan. Und alles dann zum 50. Bandjubiläum? An einen Abschied ist somit noch nicht zu denken. Man darf gespannt sein.



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Bitte beachtet auch:

• Off. Homepage von Tangerine Dream: www.tangerinedream.org
• Homepage des Admiralspalasts in Berlin: www.admiralspalast.de

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