a 20130909 1508393629Bericht:
Grit Bugasch

Fotos:
Sandy Reichel



GeburtstagsBenefizKonzert im Landhaus Luckas
... oder: Was Kulturförderung und Fluthilfe gemeinsam haben


Was Kulturförderung und Fluthilfe gemeinsam haben? Eine ganze Menge: Beide können viele verschiedene Gesichter haben. Beide können Brücken bauen und Menschen zusammen bringen. Und ist damit heutzutage noch etwas zu holen? Ja, auch das. Aber damit wäre ich schon wieder mittendrin, obwohl ich doch mit dem Anfang beginnen wollte ... Als ich vor knapp zwei Jahren zum ersten Mal die etwa 50 Kilometer von Berlin nach Müncheberg fuhr, hatte ich noch keine Vorstellung davon, was mich erwartet. Das hat sich längst geändert, denn inzwischen ist das Landhaus Luckas mehr als nur ein Insidertipp. Und doch fühlt es sich immer irgendwie gemütlich und privat an, wie ein Familientreffen - wie ein Treffen mit einer selbst gewählten Familie. Hier kann ich immer sicher sein, auf bekannte Gesichter zu treffen und gleichzeitig neue kennen zu lernen. Die Bezeichnung "Gastgeber" trifft auf Sven und Monique Luckas im doppelten Sinne zu. Sind sie auch noch jung an Jahren, haben sie doch viel zu geben und das tun sie mit vollen Händen. Mit ihrer Pilgerherberge bieten sie Wanderern auf dem Jakobsweg, wie auch Musikern, Künstlern, Konzertpilgern und anderen Gästen ein Dach über dem Kopf und vor allem ein freundliches Willkommen.

Das Landhaus Luckas ist ein ganz besonderer, ein magischer Ort. Was dem zugrunde liegt, scheint eher Berufung als Beruf, eher ein Herzenswunsch als der vordergründige Wille, damit Geld zu verdienen. In der kleinen brandenburgischen Idylle sind Menschen mit Kopf, Herz und Hand am Werk. Wer sich darauf einlässt, kann das deutlich spüren. Und genau deshalb zieht die Herberge viele Gleichgesinnte an. An diesem Sonntagnachmittag sind sie vor allem gekommen, um gemeinsam mit Sven und Monique den dritten Geburtstag des Landhauses Luckas zu feiern. In ihrer Begrüßung lässt uns Monique noch einmal an der kurzen und doch schon so reichen Geschichte teilhaben. Sie berichtet von den vielfältigen Erlebnissen und Erfahrungen, von den abwechslungsreichen Konzerten und Ausstellungen, von den spannenden Menschen und Begegnungen. Und sie erzählt vom Wasser, das manche Gäste mitunter hier vermissen.

g 20130909 1809617611Doch jeder weiß, dass aus so einem schönen kleinen Flüsschen schnell ein uferloses Gewässer werden kann. Diese Erfahrung haben gerade im letzten Sommer viele Menschen machen müssen und so wundert es nicht, dass Sven und Monique heute ihr Glück teilen wollen, um es zu vervielfältigen. Teilen mit den Gästen des heutigen Tages und vor allem mit denen, die zuviel des Wassers hatten. Sigrid Koerner und Uwe Piller betreiben mit den Kunsthofgohlis in Dresden eine ebenso besondere Kulturinsel wie Sven und Monique. Daher kommt wohl auch die Seelenverwandtschaft und die Idee, den Dresdnern zu helfen, der sich die Künstler spontan angeschlossen haben. Umso schöner, dass Sigrid und Uwe heute mit dabei sein können, um ihre Seelentanks mit Zuversicht, Elan und Optimismus aufzufüllen. Davon können sie sicher jede Menge gebrauchen, denn auch drei Monate nach dem Hochwasser ist im Kunsthofgohlis noch viel zu tun, bis sie den Betrieb hoffentlich bald wieder aufnehmen können.

Das musikalische Programm eröffnet die KRISPIN-Band, die in den letzten Jahren fast schon Stammgäste im Kunsthofgohlis waren. Roland Krispin (voc, git), Barbara Klaus-Cosca (acc) und Christoph Thiel (git) bieten eine einmalige Mischung - optisch ein bisschen Reinhard Mey, stilistisch ein bisschen Element of Crime, durch das Akkordeon atmosphärisch ein bisschen maritim, letztlich aber eben KRISPIN. In ihren vier Songs spiegelt sich die Poesie des Alltags. "Fröhlichkeit und Wahnsinn", "Als ob du mich nicht kennst" und "Paula" klingen melancholisch, einfühlsam, sanftmütig, sentimental, warmherzig, lakonisch, mal mehr dynamisch, aber meist eher getragen. Der besondere Lokalpatriotismus kommt vor allem in "Wir sind Union" zum Tragen - "Hier sind wir zuhaus, hängt die Fahne an jedem Spind. Hier ist unser Eisernland, weil wir Unioner sind. Ihr habt die Großen, doch die Helden haben wir. Den besten Verein, das schönste Revier. Wir haben das, was die Herzen erwärmt. Ihr seid der Mercedes, aber wir sind der Stern. Unser Stadion ist unser Dom. Hart, härter, Eisern Union". Eines ihrer neuesten Werke, das sie ihrem Verein als ganz eigene Liebeserklärung gewidmet haben.

c 20130909 1526143329Mit dem Bandwechsel folgt ein Stimmungswechsel. Die eher ruhigen KRISPIN-Melodien werden durch die volltönenden und dynamischen Klänge von THE FRAKS abgelöst. Sie stellen sich als die einzige Band aus dem Ausland vor. Die Stimme auf der Bühne erklingt im schönsten Leipziger Dialekt, so dass die Herkunft der Band nicht schwer zu erraten ist. Frank Petzold (voc, git), Olaf Jasper (git, voc), Sven Hamisch (bg) und Jürgen Kober (dr) machen aus ihrer Religion keinen Hehl - es ist der Rock. Kraftvoller, lauter und ursprünglicher Rock dokumentiert sich in ihren mal druckvollen und mal balladenhaften Songs, gepaart mit der kräftigen Stimme des Frontmannes und dem vollen Sound der Instrumente, der aus den Boxen klingt. Ihre Botschaften sind so deutlich wie die Texte, mit denen sie diese transportieren. Manchem mitunter zu deutlich, aber dazu stehen sie ganz offensichtlich. Sie erzählen von den Unterschieden in unserem Land. Und sie meinen nicht die zwischen Nord und Süd oder Ost und West, sondern die zwischen "Arm und reich". Das Thema beschäftigt sie genauso wie die Frage nach dem menschlichen Woher und Wohin in "Manchmal" und "Menschen" oder die tausend zwischenmenschlichen Kleinigkeiten in "Wenn Seelen verschiedene Wege gehen" und dem sächsischen Liebeslied, bei dem sich die Kinder auf Empfehlung der Band besser die Ohren zuhalten sollen.

Beim nächsten Wechsel wird die Besetzung auf der Bühne zwar von vier auf zwei Personen reduziert, doch das Energieniveau bleibt mehr als ausgeglichen. Für ANGELIKA MANN geht es damit los, dass das Mikro zu hoch eingestellt ist. Aber an derlei Kummer ist sie gewöhnt, das fegt sie mit ihrer unvergleichlichen Power, der großen Stimme und dem großen Herzen mit Leichtigkeit von der Bühne.d 20130909 1615816391 Zur Verstärkung hat sie sich Uwe Matschke mitgebracht, den Mann am Piano, der sie bei all ihren Konzerten begleitet. Mit dem "Küsschenlied" hofft sie, die Gäste endlich aufzuwecken, die ihr alle viel zu brav herumsitzen. Zumindest zaubert sie damit ein Lächeln in viele Gesichter, denn so mancher hier scheint damit groß geworden zu sein. Von ihrem reichhaltigen Leben, von den Höhen und Tiefen, den Geschenken und Begegnungen erzählt "die LÜTTE" nicht nur in ihrem Buch "Was treibt mich nur". Den gleichnamigen, passenden Song dazu haben ihr Andreas Bicking (Komposition) und Fred Gertz (Text) auf den Leib geschneidert. Unglaublich, wie viele Geschichten, Erlebnisse, Emotionen in diesem einen Lied stecken.

Vielseitigkeit ist absolut ihr Stichwort. Sie präsentiert sich sanft und rockig, dramatisch und witzig, singt Jazz und Chanson, bringt eigene und Coversongs. Mit ihren Liedern und den vielen kleinen Geschichten lässt sie uns teilhaben an ihren persönlichen Erfahrungen, ihrem Theaterleben und ihren musikalischen Erinnerungen. Und sie erzählt genauso von ihren Wünschen und Träumen. All das tut sie charmant und warmherzig, authentisch und so überzeugend, wie ich es selten erlebt habe. Wenn ich könnte, ich würde ihr die "Mary Stuart" sofort geben. Mein absolutes Highlight jedoch ist der Titel von Frank Golischewski, den sie eigentlich ihrem Tagebuch singt. Sie erzählt vom Songfestival in Bulgarien, bei dem sie zwar nichts gewonnen, aber sehr viel Spaß gehabt hat. Diese Festivalerfahrung möchte sie gern noch einmal erneuern und hat den passenden Song schon dabei. In den schillerndsten Farben malt sie uns diesen Traum aus und weil es so wunderbar zur Geschichte passt, widmet sie den Titel heute Axel Prahl. "Du sollst der Stiel für meinen Besen sein. An deinem Zapfhahn will ich der Tresen sein. Ich will der Grund für deine Spesen sein. Ich will dir Liebesverse stammeln, für dich Sondermarken sammeln. Für meine Vene sollst du die Spritze sein. An deinem Bleistift, da will ich Spitze sein. In deinem Doppelbett will ich die Ritze sein. Auf den höchsten Venushügeln würd ich für dich Hemden bügeln. Reise mit mir in den siebten Himmel. Du wärst im Männerstall der schönste Schimmel ..." Einfach traumhaft. Ganz klar, dass wir sie danach nicht einfach so gehen lassen können.e 20130909 1514315742 Und da das Publikum inzwischen endgültig erwacht ist und stürmisch applaudiert, setzt sie mit dem Janis Joplin-Klassiker "Mercedes Benz" gleich noch einen drauf. Sie wollte eigentlich "nur" das Feld für Axel Prahl und Andreas Dresen bereiten und hat doch so viel mehr getan. Die LÜTTE füllt mit ihrer Stimme zweifellos einen großen Saal und mit ihrer charmanten Art auch die Herzen ihres Publikums.

Noch einmal folgt eine kurze Umbaupause und dann das nächste Highlight. ANDREAS DRESEN, AXEL PRAHL und ihre Band sind nicht zum ersten Mal im Landhaus Luckas zu Gast. Aber nicht nur deshalb werden sie von Monique als die wunderbarsten, charmantesten, talentiertesten Nicht-Musiker der Welt angekündigt und wie gute Freunde begrüßt. Die Sympathien fliegen ihnen vor allem deshalb zu, weil sie ihre Musik mit Spaß und Begeisterung präsentieren. Die Angaben zur beruflichen Beschäftigung der Band sind wie kunterbunt schillernde Seifenblasen. Aber klar ist, dass Jörg Hauschild (git), Harry Rosswog (bg), Jens Quandt (keyb, harm) und Nicolai Ziel (dr) mindestens genauso viel Spaß an der Musik haben, wie die beiden Protagonisten am Bühnenrand. Mit einem Augenzwinkern nehmen sie sich selbst und ihre musikalischen Fähigkeiten auf die Schippe und doch spürt man, dass sie es ernst meinen. Dass sie ihrem Publikum etwas zu sagen haben - seien es die Songs von Gerhard Gundermann, die sie sich zu eigen gemacht haben, die Botschaften von Rio-Reiser, den sie als den Gundi des Westens bezeichnen, internationales Liedgut, das sie in ihr Programm einstreuen, oder eigene, von AXEL PRAHL geschriebene Titel.

Sie starten mit "Blick auf's Meer", dem Titelsong von AXEL PRAHLs gleichnamiger CD/LP. Dabei wird schnell deutlich, weshalb die Titel auf der Setlist so gut zueinander passen. Was sie verbindet, ist der kritische Blick auf die Gesellschaft und die Rolle des Einzelnen darin - egal, aus wessen Feder sie stammen. Im Programm haben bekannte Gundi-Songs wie "Alle oder keiner", "Ich kann mich nicht erinnern" oder "Brunhilde" genauso ihren Platz wie seltener gespielte, wie "Kommen und gehen", die vielleicht gerade deshalb so berühren. Zu jedem Titel haben sie eine persönliche Beziehung und jeder hat seine Berechtigung. So entsteht eine ungewohnte, aber keinesfalls unpassende Mischung. Durch die kleinen Anekdoten, die AXEL PRAHL und ANDREAS DRESEN aus ihrem Film- und Theaterleben erzählen, unterhalten sie uns nicht nur bestens, sondern wir erfahren ebenso die Hintergründe zu den einzelnen Liedern und ihren Erlebnissen.f 20130909 1059432777 Und so kann Rio Reisers "Übers Meer", neben Gisbert zu Knyphausens "Sommertag", der afrikanischen Volksweise "Es geht doch nichts über ein gemeinsam gesungenes Lied", dem AXEL PRAHL-Song "Weitergehn" und dem russischen Geburtstags-"Lied des Krokodils Gena" stehen. Ich gestehe, als ich dieses Lied vor vielen Jahren lernen durfte, hätte ich mir nie träumen lassen, dass es jemals bei einem Konzert gespielt werden würde. Aber manchmal irrt man sich und mein Russischlehrer hätte sich darüber gefreut, wie sehr sich der Text in den grauen Zellen festgesetzt hat - ich konnte problemlos mitsingen.

In ihrer kurzweiligen, ironischen und selbstbewussten Art spielen sich ANDREAS DRESEN und AXEL PRAHL die Bälle und Lieder zu und faszinieren so ihr Publikum. Das haben sie schon zum Beginn des Programms näher an die Bühne gelockt und dort bleibt es auch, als sich der Himmel langsam zuzieht und die ersten Tropfen fallen. Der Aufforderung zum Mitsingen folgen die Gäste problemlos und auf die Beschwerde, dass das ja wohl lauter ginge, werden die Anstrengungen spontan verstärkt. Das wiederum erhöht ganz offensichtlich den Spaßfaktor auf der Bühne. Auch wenn sich hier oder da mal ein falscher Ton einschleicht, stört sich niemand wirklich daran. Emotion und Begeisterung zählt hier mehr als Perfektion. Da nimmt es auch keiner übel, den Spiegel vorgehalten zu bekommen, wie bei "Blablabla". Angesichts der bevorstehenden Wahlen passt der Titel bestens ins Repertoire und beim Gedanken an die zahlreichen inhaltsleeren Wahlplakate finde ich die Wortkreation von der "kommunikativen Lingualcholera" absolut treffend. Bevor sich die Musiker dann mit "Nach Haus" verabschieden, müssen jedoch erst noch die Gitarren neu gestimmt werden. "Das klingt so schief, das stört sogar uns.", verkündet ANDREAS DRESEN grinsend. Die Reaktion der Besucher ist wenig überraschend - begeisterter Applaus ist der verdiente Lohn für ein wunderbares und überzeugendes Programm.b 20130909 1944574274 Der Dienst am Kunden ist ihnen ein Herzensbedürfnis, wie AXEL PRAHL zum Abschluss nochmals betont: "Ich weiß nicht, ob ihr dahinten das mitbekommen habt, aber hier vorne hat einer 'Zugabe' gerufen und die soll er auch haben." Dass hier nicht nur Einer nach Zugaben verlangt hat, brauche ich wohl ebenso wenig zu betonen, wie die Tatsache, dass wir gern noch mehr gehört hätten. Aber was mich tröstet, ist die Hoffnung, dass DRESEN, PRAHL und Band sicher nicht zum letzten Mal in Müncheberg waren.

Es gäbe noch so viel mehr zu berichten: Von den vielen schönen Begegnungen am Rande, von der Versteigerung der Menschenrettungsschirme der Künstlerin Ute Donner, die die von Axel Prahl und Andreas Dresen signierten Exemplare dafür gespendet hat, von den spontan von einer Besucherin gestifteten und zur Versteigerung gebrachten Roger Waters-Konzerttickets, und und und. Ach ja, um noch einmal auf die Frage zurückzukommen, ob mit Kulturförderung heutzutage noch etwas zu holen sei ... Ja, in der Tat. Im Falle des Landhauses Luckas kommt die beste Kulturförderung von den Besuchern des Landhauses, wie Monique feststellt. Und neben der Spendensumme von 4.000 Euro, die zusammengekommen ist und die direkt an Uwe und Sigrid vom Kunsthofgohlis geht, gibt es noch einiges mehr. Glaube, Liebe, Hoffnung und die Gewissheit, dass Freunde einen gerade dann unterstützen, wenn man sie dringend brauchen kann.



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Bitte beachtet auch:

- Off. Homepage von Krispin: www.krispin-band.de
- Off. Homepage von The Fraks: www.thefraks.com
- Off. Homepage von Angelika Mann: www.angelika-mann.de
- Off. Homepage von Axel Prahl: www.axelprahl.de
- Homepage vom Landhaus Luckas : www.landhaus-luckas.de
- Homepage vom Kunsthofgohlis : www.kunsthofgohlis.de




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