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Bericht:
Thomas Handrick

Fotos:
Sandy Reichel (alle Live-Fotos)
Pressematerial (Textillustration)

Kopfgrafik:
Dana Barthel


 

Es sollte kein Gedenkkonzert sein. Und doch kam man kaum daran vorbei, der charismatischen und 1996 an Krebs verstorbenen Silly-Frontfrau Tamara Danz an diesem Abend zu gedenken. Bereits vor dem Konzert kam mir der Gedanke, was denn wäre, würde sie heute noch leben. Wie hätte sie sämtliche Dinge in der neueren Zeit gesehen, welche Lieder, welche Texte sind uns vorenthalten geblieben...?
In der Wabe in Berlin - Prenzlauer Berg begann das Geburtstagskonzert mit einer Slideshow. Auf einer noch leeren Bühne war nur eine Leinwand zu sehen, auf der Bilder von Tamara gezeigt wurden - fotografiert und zusammengestellt von Thomas Böhme. Von ihm sind auch Fotos in dem Buch "Tamara Danz - Legenden" von Alexander Osang zu sehen. "Legende" - ja, das ist Tamara, und am vergangenen Freitag hatte sie Geburtstag - ihren 60.
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Als erstes betraten Trixi G die Bühne, am linken Rand war eine große Vase platziert, in der bereits ein paar Blumen standen. Es sollten noch mehr werden.

"Flieg", "Hurensöhne" und "Schlohweißer Tag" machten den musikalischen Auftakt. Ich schloss einige Male die Augen: Beeindruckend, wie sehr Beatrix Gereckes Stimme der von Tamara ähnelt. Rauchig, prägnant, ausdrucksstark. Ihre Lieder nur Coverversionen? Nein! Trixi verleiht ihnen trotz aller Ähnlichkeit ihren eigenen Stil. Uwe Duckes Gitarrenspiel dazu unterstrich es auch an diesem Abend allemal. "Eine starke akustische Gitarrenmusik mit einer noch stärkeren Frauenstimme - absolute Power mit deutschen Texten. Ein Muss für jeden Liedermacher-Fan und für die, die es durch Trixi G's Musik sein werden" (Folkland.de). So kann man es sagen.

Jan Preuß & Die Geheime Gesellschaft schlossen sich an. Eine starke Stimme von Jan bei "Traumpaar", einem Song aus dem ersten Silly-Nachwende-Album "Hurensöhne". Es folgten drei eigene Songs dieser Band, die nunmehr seit vier Jahren besteht und den Spagat zwischen politischen Songs und hingebungsvollen Lovesongs wagt, was gut gelang! Unterstrichen wurde dieser Auftritt mit einem Klasse Violinenspiel von Anja Hawlitzki.

Weiter ging es mit FÄHRMANN. Auch diese Band trat in einer Akustik-Variante auf. "Instandbesetzt" machte den Anfang. Eine tolle Interpretation mit Gitarre, Mundharmonika, Piano und unterstützt mit Gesang und Violinenspiel von Kathrin Wemmer. Sänger Alexander Bärike brachte etwas Wichtiges auf den Punkt: "Von Tamara habe ich gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen - als ich groß war, dann zwischen den Zeilen zu schreiben". Das spiegelte sich in den eigenen Songs wie "Soweit die Füße tragen", "Ich stehe noch immer hier" und "Bitte tanz auf meinem Grab" deutlich wider. Auch Moderationen von Alexander Bärike waren unterhaltsam und entbehrten nicht einer gewissen Ironie: "Ich war bei Herman van Veen im Admiralspalast, da bekam ich auch einen Flyer. Auf der Vorderseite Peter Gabriel, auf der Rückseite weitere Programmempfehlungen mit einem Druckfehler: Franz Schöbel! - ich wusste gar nicht, dass sein Opa noch lebt!" An diesem Abend durfte ein wenig Witz einfach nicht fehlen.

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Nach einer 20-minütigen Pause begannen wiederum Trixi G den zweiten Teil des Programms. Drei wirklich tolle Eigeninterpretatonen von "Panther im Sprung", "Hexen" (ein Lied, dass als Gegenpart zu dem Silly-Song "Hürensöhne" stehen darf) und "Alle gegen einen" in der speziellen Trixi G Version. Im Jahre 1986 kam Trixi G auf SILLY, damals durch das Erscheinen des Albums "Batallon d'amour". Seither sind die Interpretationen neben vielen eigenen Sachen ein fester Bestandteil ihrer erlebenswerten Auftritte.

Mit dem Auftritt von UNBKANNT VERZOGEN war es dann mit der Akustikmusik vorbei. Sängerin Patti stellte zu Beginn ihres Parts fest, dass es ziemlich bedächtig zugeht für eine Geburtstagsparty und "Jeder trägt sein Päckchen, doch da sind auch schöne Sachen drin, wie Tamara Danz und Silly". Mit E-Gitarre, Bass und Schlagzeug waren zunächst drei eigene Songs der vier zu hören. "Schwer wie Blei", "Kinder auf dem Balkon" und "Letzte Vorstellung" lockerten das Publikum in der gut besuchten WABE auf. Es folgte eine von Patti selbst geschrieben Hommage - "Tamara":

"du riechst nach mann und auch nach katze
und deinen weg hat papa dir nicht ausgedacht
und deine riesengroße schnodderklappe
hat dein herz umhüllt und sogenannte "freunde" weggelacht

du bist so knorrig wie ein baum wohl irgendwann mal alt
und spröde wie ne alte trümmerfrau wohl müde
selbst deine haare auf den zähnen sind noch hochtoupiert
du bist zu haus, und dennoch von der suche danach müde

und wenn der wind sich wirklich mal nicht drehen lässt
den mantel auf dem bahnsteig trägst du wärmend für das kind
in dir und ihm und ihr und mir, für alle in dem kuharsch hier
die leben, wo sie hingefallen worden sind

und wenn die bäume stehen wie ne schwarze mauer
gehst du hin und spielst mit ihnen wald,
hälst du inne und kiekst mit ihnen in den himmel
und fragst WARUM, schon sind die alten nicht mehr alt

wenn ich nur wüsste, was uns zugestoßen ist
wenn ich wüsste, wo das glück begraben liegt
wir stehen nackend da und abgeranzt und blass
wie wäscht man pelz und macht dabei nicht nass
ich hätt so gern mit dir ne nacht und ne geprellte zeche
ich hätt so gern manch kalte platte mit dir heiß gemacht
und schmutziggeile lieder, inner kneipe, richtig freche,
und wenn ich schlafe, dein flüstern und dein schreien
in dieser und in jeder nacht"

Eine eigene Interpretation von "So 'ne kleine Frau" bildete den Schlusssong des UNBEKANNT VERZOGEN-Auftritts.

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Es folgte noch ein weiterer Auftritt von Trixi G mit "Neider", "Abendstunden" und "Die Ferne". Als letzter Song war "Bye, Bye" zu hören und zu sehen. Eine tolle Bühnenpräsenz von Beatrix Gerecke an diesem Abend. Sie könnte vermutlich auch chinesisch singen, man würde sie trotzdem verstehen.

Am Anfang schrieb ich von einer Blumenvase am Bühnenrand, die sich füllen sollte. Jedes Mitglied der vier spielenden Bands stellte vor den Auftritten eine Blume dort hinein. Eine schöne Geste, Geburtstagsgruß und Ehrerweisung zugleich für Tamara. Der Strauß wurde am Folgetag nach Münchehofe zu ihrem Grab gebracht.

An dieser Stelle sei Christina Torge, der Managerin von UNBEKANNT VERZOGEN, gedankt. Für diese Idee, und dafür, dass dieses Konzert überhaupt möglich geworden ist. Man lief sich in Berlin buchstäblich die Hacken ab, um eine Location zu finden. Danke also auch an das Kulturareal "Wabe"! Und ein herzliches Danke auch an die Künstler, die jeder für sich mit ihren Auftritten dem Publikum einen 3-stündigen Konzertabend boten, der so in seiner Art und an diesem Tag einzigartig sein sollte! Zum Schluss des Konzertes bei den beiden Zugaben, die jeweils von Trixi G begonnen wurden, waren sie gemeinsam auf die Bühne zu erleben. "Wo bist du" und "Asyl im Paradies", von allen gesungen und gespielt, war bewegend zu erleben. Tamara hätte es ganz sicher gefallen!


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Bitte beachtet auch:
- Homepage der WABE: www.wabe-berlin.de
- Off. Homepage von Trixi G: www.trixi-g.de
- Off. Homepage von Fährmann: www.faehrmann-lieder.de
- Off. Homepage von Jan Preuß: www.janpreuss.de
- Off. Homepage von UNBEKANNT VERZOGEN: www.unbekannt-verzogen.net

 


Live-Impressionen: