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Bericht: Jens Kurze
Fotos: S. & M. Ziegert, Karla Kotzsch

 


Schon wieder ein Bericht über die Stern Combo? Ja, denn es war in vielerlei Hinsicht ein Konzert der etwas anderen Art.
Endlich, endlich sollte es mir nun gelingen, die Stern Combo wieder mit Thomas Kurzhals an den Keys zu erleben. Große Vorfreude also, jeder Konzertbericht war gierig aufgesogen worden, die völlig verdiente Verleihung des Kunst- und Kulturpreises der Stadt Meißen mit einem nicht eben unbekannten Laudator noch im Hinterkopf entwickelte sich für mich der Freitag zu einem herrlichen Tag, ich konnte meine Schicht tauschen, die Sonne ließ den Schnee funkeln - doch für die Stern Combo begann der Kampf gegen Schnee, "ewiges Eis und Wind" nicht erst am Südpol, sondern auf einer voll gesperrten A 13 mit den sich anschließenden hoffnungslos überfüllten Umleitungen. Gegen 19 Uhr sollte Einlass sein, da traf die Band im kleinen Örtchen Schleife (einer lt. Larry B. "pulsierenden Weltmetropole") gerade mal ein.

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In nahezu rekordverdächtiger Zeit wurde aufgebaut und abgestimmt, keine Spur von Hektik oder Missmut, nicht bei der Band, nicht beim Technikteam der Niederwiesers (die kennen wir ja vom Neu-Helgoland Berlin), nicht beim Publikum. Überhaupt - ich fühlte mich um Jahre zurückversetzt: ein richtiger traditioneller Tanzsaal, vorn die Bühne, Tische und Stühle, keine wichtigtuenden Security-Leute, kein abgeschotteter Backstage-Bereich, Musiker und Publikum vereint am Tresen im hinteren Saalbereich, ein goldener Weihnachtsstern der vorhandenen Bühnendeko drehte sich hoch oben direkt über dem Sängermikrofon. Ach ja, seufzte der kleine Maulwurf...
Bestens gelaunt gab Bandchef Martin Schreier inzwischen einem älteren Pressemenschen ein paar Informationen über die Stern Combo, ich konnte mich kurz mit Manager Detlef Seidel abstimmen, ehe ich mit Keyboarder Thomas Kurzhals nach fast drei Jahren nur eMail-Lebenszeichen endlich mal wieder ein Bierchen trinken konnte. Ich lernte "den neuen, inzwischen alten" Sänger Larry B. kennen, der ebenso wie ich die Doppeldeutigkeit der deutschen Sprache schätzt und der durch seine Natürlichkeit bereits im Vorfeld des Konzerts bei mir gewonnen hatte. Ein paar freundliche Worte von Detlef Seidel ans Publikum über die besondere Situation und das Versprechen, trotz allem das komplette Konzert zu absolvieren, bewirkten schon vor den ersten Tönen Begeisterung im fast ausverkauften Saal, und bereits nach dem wirklich minimalistischen Soundcheck gab es die ersten Zugabe-Rufe.

Die Set-Liste ähnelte bis auf kleine Abweichungen der vom Neu Helgoland-Konzert im Oktober, ich möchte nur ein paar Songs herausgreifen. Los ging es mit "Der weite Weg" - und schon nach den ersten Tönen wurde mir warm ums Herz - ein moog ist eben ein moog, und der macht den Sound der Stern-Combo Meißen ebenso unverwechselbar wie den von Emerson Lake & Palmer oder Rick Wakeman. Die Firma moog ist ihrer Philosphie treu geblieben, der moog-Synthesizer ist ein reines Soloinstrument, nur monophon spielbar, also kann keine Akkorde erzeugen. Alle Einstellungen der Oszillatoren und Filter sind per Drehregler oder Schiebschalter anzuwählen - Thomas Kurzhals an den Keyboards und Synthesizern zu hören UND zu sehen ist ein Fest ! (Schaut mal auf die einschlägigen Clip-Foren, da gibts Unglaubliches zu finden, z.B. Thomas Kurzhals auf der Musikmesse in Frankfurt). Das Zusammenspiel mit dem neuen Keyboarder Marek Arnold ist perfekt, die roten nord-Keyboards (richtig, die liebt auch Ritchie von Silly) geben die idealen klanglichen Ergänzungen und sparen eine früher übliche Keyboard-Burg. Ich erinnere mich noch an das Grauen der Roadies vor dem zentnerschweren Fender-Rhodes-E-Piano, darauf lag meist das Hohner-D-6-Clavinett mit seinem harten, percussiven Klang, daneben die nicht minder schwere Hammond-Orgel auf dem letztens von Matti beschriebenen Leslie-Kabinett, dann das Melotron, das per Bandkassetten gespeicherten Streicher- oder Chorklänge wiedergeben konnte, und als ob man nicht schon genug verschuldet war musste dann noch das Yamaha-DX-7-Piano mit seinen perlenden Klängen her. Heute ist das eben alles anders möglich...

Ich bin gespannt auf die neue CD, erste Hörproben haben mich verblüfft. "Raymund S." geht textlich total unter die Haut, und der Titelsong "Lebensuhr" groovt total, vertrackte typisch-Kurzhals-Punktierungen, und im Mittelteil konnte Marek zeigen, dass er eigentlich kein ausgebildeter Keyboarder, sondern Saxophonist ist - und was für einer! Robert Brenner am Bass lebt seine Parts so intensiv, wie ich das bisher nur von Silly-Jäckie kannte. Während eben noch mit Daumen und Mittelfinger in feinster Level 42-Manier knallig auf dem Bassgitarrenhals oder dem Pick-Up geslapt wurde erlebte ich ihn kurz darauf ganz anders, mit geschlossenen Augen, in sich gekehrt, die am Fretless-Bass erzeugten Melodielinien mitsingend - großartig! Frank Schirmer spielt die Drums präzise und jazzig zugleich, ohne Mätzchen, und für die optischen Highlights sowie die nicht wegzudenkenden Percussion-Fill-Ins ist seit Jahr und Tag "Der Alte" Norbert Jäger zuständig. Es folgte das Instrumental "TNTK" - seit dem Geburtstagskonzert von und für Thomas Natschinski eines meiner Lieblings-Kurzhals-Stücke, und dann ging es völlig aufgedreht in die Konzertpause. Zeit zum Verschnaufen für alle, Zufriedenheit überall.

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Die Band hatte sich geeinigt, die Langfassung vom "Weißen Gold" zu spielen. Dieses Opus hatte ich vor etlichen Jahre in Cottbus gemeinsam mit dem Orchester des Theaters erlebt, noch ehe es die unschönen Grabenkämpfe der Combo gab. Entsprechend hoch war meine Erwartungshaltung. Die Texte sprach "dor Saggse", Martin Schreier - und das passte zu meinem Erstaunen wirklich gut. Frenetischer Beifall, mitunter sogar zwischen den Parts, das Publikum war begeistert. Larry B. sah das wohl genau so, denn er fand den Beifall als "völlig gerechtfertigt" - herrlich, immer noch eins drauf! Er hat mich mit seiner Art zu singen und zu moderieren vollends überzeugt. Durch die Nähe zum Publikum, die sparsame und somit auch für die Musiker blendarme Beleuchtung entstand ein wundervolles Miteinander, wie er mir nach dem Konzert bestätigte.
Der "Stundenschlag" ist einer meiner Lieblingstitel - diesen Weg hätte die Stern Combo damals einschlagen sollen, es klingt auch heute immer noch kraftvoll, modern, musikalisch hochwertig - naja, wir wissen ja, es kam anders.
Hartnäckig immer wieder gefordert begann nun das Geräusch des Sturmes und ging im Beifall nahezu unter - und hundert Gäste führten mit den Musikern gemeinsam den Kampf um den Südpol. Unglaublich, dass dieses Stück mit der temptation-ähnlichen Basslinie schon so viele Jahr auf dem Buckel hat. Und Reini Fissler, der Kämpfer, singt tief drinnen im Kopf immer noch mit. Gänsehaut, Leute, Gänsehaut, wenn der Refrain vom Publikum lautstark mitgesungen wird, obwohl es alles andere als ein Partyhit ist. Ja doch, liebe Musikredakteure, die ihr von media control abhängig oder geblendet seid - unser Land verträgt schon auch andere Töne als Schmalspur-Wegwerf-Lieder!

Ausgelassene Fröhlichkeit auf der Bühne und ungläubiges Staunen im Saal beim Rauschmeißer "Gelbe Elbe" - damit hatten viele, die sich nicht so tiefgründig wie wir mit der Materie beschäftigen, überhaupt nicht gerechnet.
Und so war es dann doch schon reichlich spät, als ich bei bitterer klirrender Kälte die Autosacheiben frei kratzte und mich hochzufrieden auf den Heimweg machte - nicht ohne mich vorher bei den Musikern zu bedanken: ich habe MEINE Stern-Combo Meißen wieder!
Kann ich mir was wünschen? Dann bitte spielt das "Weiße Gold" neu ein, mit den heutigen Klangerzeugern, die Drums so druckvoll aufgenommen wie z.B. auf der neuen Omega-Rhapsody, mit allen Raffinessen beim Mischen und Mastern, die Texte gelesen vom großartigen Schauspieler Michael Mendel - oh ja, das wäre was!

Meine Herren, wir sehen uns spätestens am 18. März 2011 in Cottbus beim Sachsendreier mit Lift und electra, verstärkt von Six und dem Philharmonischen Orchester Zielena Gora! Bleibt gesund und kreativ!
Kleine Anmerkung am Schluss: man sollte seinen Fotoapparat, nachdem man ihn verborgt hat, eben erst einmal auf die Funktionsfähigkeit überprüfen, deshalb gibt es keine von mir gemachten Fotos. Aber ich kam mit einer netten Fotografin ins Gespräch, die sich darum kümmern wird. Beim Austausch der Visitenkarten gab es ein beiderseits freudiges Erstaunen - ja sicher kennen wir uns per Mail oder durch die Foreneinträge seit Jahren, aber eben noch nicht persönlich. Also, liebe Karla, ergänze bitte rasch meinen Beitrag !



 

Fotoimpressionen:
 
 
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