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Bericht: Hartmut Helms
Fotos: Hartmut Helms

EGON, KERTH & ICH - drei Oldies in der Tante Ju zu Dresden
Je oller, desto doller - das scheint zu stimmen. Jeder normale Mensch wäre froh, wenn er bei diesen Straßenverhältnissen - Frost, Glätte, Schneeverwehungen plus Schneeregen - sein Auto in der Garage stehen lassen darf, und ich "Blödmann" hole den Blechfreund raus, um mich in den Abendstunden auf den Weg in die Nacht zu machen. So was nennt man wohl "verrückt", aber "normal" sind schon so viele andere...
Es geht geradewegs nach Dresden. Beinahe wie bei einer Sternfahrt, denn TRANSIT kommen aus dem Norden, KERTH aus Richtung Westen und ein paar Freunde von Osten her. Alle anderen wahrscheinlich aus dem Süden Sachsens zum Treffpunkt "Tante Ju" am Nordrand der Stadt.

Auf der Vorankündigung der "Tante Ju" steht "Der Osten rockt" und als Ergänzung TRANSIT und KERTH, quasi im Doppelpack. Warum nun ausgerechnet diese beiden Bands den Osten rocken und noch dazu mit einem "roten Stern vom Kreml" auf dem Plakat, erschließt sich mir nicht wirklich, ist mir aber auch schnuppe, um ehrlich zu sein. Es gibt so viele Plattheiten über meine Spezies, da kommt's auf eine mehr auch nicht an.
TRANSIT noch mal vorzustellen, hieße Muscheln und Quallen in die Ostsee zu tragen und Jürgen KERTH ist ohnehin Teil Thüringer Lebensart und Identität geworden, etwa wie die köstlichen(!) Rostbratwürste oder die Klöße auch. Der "rote Stern" passt zu keinem der beiden und Stasi & Co. mag ich mir auch nicht schon wieder an den Haaren herbei ziehen (die Antworten darauf halte ich aus).

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Irgendwie hat dieses graue Gebäude am Rande eines Gewerbegebietes einen besonderen Charme, dem man zwangsläufig erliegt, zumal ich damit einige wirklich schöne Momente verbinden kann. Hier erdrückt einen nicht das schablonenhafte Styling, das eventuell aus einem Brauerei-Kredit resultiert, sondern die "Hütte" hat wirkliche Atmosphäre, den Hauch des Besonderen und außerdem ein paar richtig gemütliche alte Fliegersessel für alte Ärsche. Von da aus kann man gegebenenfalls auch mal sitzend Musik genießen, wenn man nicht gerade vor der Rampe mitrocken möchte.

Platz war noch genug im "Fliegerhorst Ju", als TRANSIT kurz nach 21.00 Uhr die Bühne betraten und ihren Willkommengruß "Back Home" rockten. Gleich zu Beginn gab es zunächst einige der Klassiker der Band wie "Rock'n'Roll Zigeuner" oder "Ein Musiker (mit Haut und Haar)". Das ist Musik, wie man sie von den Mannen um EGON LINDE kennt und deretwegen die Fans kamen.
Doch dann kommen die lang erwarteten Kostproben vom angekündigten neuen Album. Die neuen Songs wie "Das Meer ist anders" oder "Vorbei an Dänemark" schließen an die "ollen Kamellen" nahtlos an, sind vom Sound her typisch TRANSIT und auch der Albumtitel "Transit über's Meer" lässt ahnen, dass die Tradition fortgesetzt wird. Zu später Stunde erklang zum Beispiel noch "Blaue Lagune" und eine Nummer mit dem Titel "Wanderdünen". Ein Song, der durchaus Hitpotential hat. Allerdings müsste er dazu auch in die Medien. Aber was mache ich mir schon wieder für Gedanken...

Ich selbst mag die klassischen Songs wie "Ich fahr an die Küste", "Bernsteinhexe", die einer LP den Namen gab, und natürlich "Ein Mädchen wie du". Sie alle durften nicht fehlen und wurden von den angereisten Fans gefeiert. Den Abschluss bildete eine rockige Version von Marlene Dietrichs "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt" und irgendwie waren damit bei mir auch wieder die Erinnerungen an alte Live-Erlebnisse da. Wer es aktuell mag, sollte sich die neue CD "Transit über's Meer" zu den Weihnachtsgaben legen lassen und wird damit garantiert ein maritimes Hörerlebnis aus dem Hause TRANSIT haben.

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Es war schon ziemlich spät, beinahe früh, als der Thüringer mit der schwarz-rot gestreiften Jacke die Bühne betrat und noch während er ihre Saiten stimmte, besang er schon "Die Eine", die schon so lange bei ihm ist. KERTH macht ganz "großes Theater", ohne viel Wind darum zu machen. Wenn man nach einem reichlich halben Jahr mal wieder eines seiner Konzerte besucht, kann man sicher sein, zwar die gleichen Songs, nicht aber den gleichen Abend zu erleben. "Weißt du, was Blues für mich ist?", gibt quasi die Antwort auf dieses Phänomen. Es ist diese unverwechselbare Mixtur aus Swing, Jazz, Salsa und Reggae, über die er zärtlich seinen Blues und sein Gefühl des Augenblicks stülpt. Deshalb klingen "Kindheit" oder "Geburtstag im Internat" jedes Mal ein wenig anders frisch. Die "Frühlingsmelancholie" wird vom ihm förmlich zelebriert und wie aus dem Nichts zitiert er unmerklich die Roten Gitarren mit ihrem "Weißen Boot" - so ein Schelm!

Hinter ihm die Rhythmusgruppe, bestehend aus MARCO THIERMANN (Eisenach) und DANIEL BÄTGE (Sachsenhausen, jetzt Weimar) am Bass, schafft ihm die "Wiese, auf der er spielen" kann, leicht und beswingt, wie ein Kind. Die alten Perlen wie "Sonntag" oder der Blues'n'Reggae "Hey, junge Mutti (warum schlägst du denn dein Kind?)" klingen deshalb ganz und gar nicht verstaubt, und "Oma hilf" merkt man musikalisch gar nicht an, dass der Song neu ist. Nur das Thema lässt die andere Zeit und den Ursprung der Idee erahnen.
Klar fehlt auch das Paar aus steinalten Zeiten nicht, als meine Matte noch dunkel und mein Bauch noch flach war. "Martha" und "Helmut" - an diesem Abend hieß er "Harry" - sind nun KERTH'sches Kulturgut und deshalb werden sie ehrenvoll an das Ende des Abends am zeitigen Morgen gesetzt... und "wenn sie nicht gestorben sind", wird KERTH sie auch immer wieder und wieder neu spielen (müssen).

Irgendwann in der zweiten Stunde des Morgens und auf der Autobahn mit den flimmernden Streifen von heranrasenden Regentropfen vor den Augen, schoss mir wieder der "Blödmann" von der Hinfahrt durch den Kopf, der um diese Zeit einsam und hundemüde durch die Nacht fährt. Na und?
Es ist meine Art, der Verkalkung zu trotzen und dem vorweihnachtlichen Kaufrausch zu entfliehen. Ich hab' frischen Swing'n'Blues'n'Reggae im Blut, das von einem Rockerherzen getrieben, so manchen Gleichaltrigen neben mir alt aussehen lässt, bilde ich mir wenigstens ein. Es wird ein schöner und befriedigender 3. Adventssonntag werden, auch wenn jetzt draußen der Regen langsam wieder in Schnee über geht.


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