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Bericht: Fred Heiduk
Fotos: Sebastian & Matthias Ziegert

 


Es ist Mitte Dezember. Wir sind in Leipzig und erwarten ein Konzert. Gemischter können die Gefühle kaum sein, denn es ist nicht ein x-beliebiges Konzert. Es ist Cäsars Weihnachtskonzert! Aber Cäsar ist vor zwei Jahren gestorben... Danach gab es berührende Veranstaltungen, die immer mit seinem Namen verbunden waren. Wie soll also zwei Jahre nach seinem Tod irgendetwas seinem Namen und seiner Größe gerecht werden? Eine Unmenge seiner Fans erinnern sich in dieser oder jener Art an den Ausnahmemusiker und wunderbaren Menschen Cäsar Peter Gläser. Und da soll ich also über "sein" Konzert berichten? Denn das Weihnachtskonzert im Anker war ein fixer Termin für alle Fans. Dezember in Leipzig, das war eines der Highlights im Konzertkalender - Jahr für Jahr.

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Vor dem Anker hatte sich trotz einiger Minusgrade eine Menschentraube gebildet, die vor 19:00 Uhr Einlass begehrte. Da waren die Mitglieder des Fanclubs nicht dabei, denn die hatten sich schon Stunden zuvor in der Gaststätte des "Anker" getroffen und in Erinnerungen geschwelgt, oder auch nur alte, gute Kontakte gepflegt. Doch pünktlich um 19:00 Uhr, wurde der Eingang geöffnet, und im Handumdrehen füllte sich der traditionsreiche Konzertsaal in der Renftstraße. 19:00 Uhr, das ließ noch Zeit um mit einigen lieben Freuden das ein oder andere Wort zu wechseln, bevor recht genau um 20:00 Uhr die Show begann. Da hatte sicher nicht nur ich das erste Mal einen Kloß im Hals.

Die einzelnen Titel aufzuzählen vermag ich nicht. Ich war im Verlauf der etwa drei Stunden allerdings mehrfach überrascht in wie vielen Richtungen Cäsar sich betätigt und ein ums andere Mal große Titel abgeliefert hat. An diesem Abend wurden sie vor allem von Cäsars Mitstreitern präsentiert. Und das in jedem Fall in einer Art und Weise, dass es dem Meister eine wahre Freude gewesen wäre. Mal ganz nah am Original, mal völlig frei. In jedem Fall als musikalischer Hochgenuss. Titel um Titel wurde klar, was für ein Verlust Cäsar darstellt, genau wie die Klasse, die die Musiker haben, die mit ihm gespielt haben. Der Abend, der unter dem Motto "Cäsars Spieler und Freunde" stand, war einfach unvergesslich. Selten hab ich solche musikalische Klasse erlebt, die trotz einer gewissen spielerischen Leichtigkeit immer wieder kaum übertreffbare Klasse hatte. Gleichzeitig transportierten die Musiker immer wieder gewaltige Emotionen. Das war in noch höherem Maße der Fall, wenn es Einspieler mit Cäsar gab, oder sich Weggefährten, die man zum Teil kaum als solche erwartet hätte, an diesen einmaligen Menschen und Musiker erinnerten und dies mit dem Publikum teilten. Da ging der ein oder andere schon mal aus dem Raum um für sich zu sein, oder eine Träne zu verdrücken. Ob es ein gestandener Politiker wie Wolfgang Tiefensee war, der mir am Rande des Konzerts erzählte, dass er sich gelegentlich mit Cäsar über "Gott und die Welt" unterhalten habe, Cäsar als klugen Menschen mochte und achtete, aber auch mit ihm ein oder zweimal gemeinsam musiziert hat, oder Oschek, der Weggefährte aus Karussellzeiten, der sich freute, dass die Spieler ein paar große Karusselltitel boten, die ihm sehr wichtig seien und der gestand, dass in ihm dabei nicht nur Erinnerungen hoch kamen, sondern dass er auch mit vielen Emotionen zu kämpfen hatte. Von den Fans vor der Bühne rede ich gar nicht erst. Da sei erwähnt, dass ich seit Ewigkeiten kein Publikum mehr erlebt habe, das so heiß war. Jede Gelegenheit wurde genutzt um sich aktiv einzubringen. Andererseits verstand es auch, besondere Situationen durch Schweigen zu würdigen. Wenn man esoterisch oder pathetisch veranlagt ist, könnte man sagen: An diesem Abend hatte nur einer ein tolles Programm, nämlich Cäsar irgendwo da oben. Man hat die Rockgrößen der letzten 30 Jahre zusammengetrommelt und ihnen gesagt, "Schaut mal zu! Hört mal hin! Das ist meine Musik und sie ist nicht vergessen." Denn genau das zeigte der Abend. Cäsar ist in seiner Musik weiter unter uns und wird so schnell nicht vergessen. Niemand bemüht sich, ihn zu kopieren, schon gar nicht ihn wiederzubeleben. Nicht mal seine Söhne. Gut so!

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Jeder der Musikanten, die an diesem Abend auf der Bühne standen, erbot Cäsar aber die Ehre, seine unvergängliche Musik durch gefühlvolle Interpretationen zu ehren. Von Coverversionen im hinlänglichen Sinne zu reden, verbietet sich bei diesen Interpretationen fast von selbst. Einen guten Überblick über die gebotenen Titel bekommt man im ersten Teil unserer Berichterstattung. Mein Kollege Hartmut hat als Ostrock-Urgestein einen sehr guten Überblick über Cäsars Titel und kennt viel mehr davon als ich (Bericht: HIER klicken). Natürlich und völlig zu Recht. Denn was ich an diesem Abend lernen durfte war, was für ein überragender Musiker Cäsar war.

Der Abend begann mit einer echten Überraschung. Ein Einspiel der Erinnerungen des MDR an Cäsar. Da erzählten Angelika "Lütte" Mann und Andreas Schmidt-Schaller von ihren Erinnerungen an Cäsar, den Menschen und den Musiker. Und sie lachten dabei. Ein warmes Lachen in Erinnerung an ihre Begegnungen mit Cäsar, dessen unvergessene Art offen, interessiert, gelegentlich etwas schelmisch und immer freundlich auch bei ihnen tiefe Spuren hinterlassen hat. Zudem erzählten sie über ihre Gedanken zu einer der großen Hymnen Cäsars: "Wer die Rose ehrt". In diesem Einspiel, das auf zwei großen Projektionsflächen von jedem im Saal gut zu sehen und hören war, gab es natürlich Einspiele von Cäsars musikalischem Schaffen und seinen Auftritten. Der geschätzt 10-minütige Film war die perfekte Eröffnung zu einer ganz großen Livegala in Erinnerung an Peter Cäsar Gläser - ganz nach dem Motto "Semper Fidelis - Immer treu". Am stärksten bewegten mich in diesem Clip neben einigen uralten Renftaufnahmen, die Szenen, in denen Cäsar wie ein Konzertmeister mit einem großen Orchester "Wer die Rose ehrt" einstudiert. Wissende meinten, es wären Proben zur Großveranstaltung auf dem Leipziger Markt anlässlich der Olympiabewerbung Leipzigs gewesen. Cäsar mit Brille vor einer Partitur in einem großen Orchestersaal. Eine Seite die ich gern einmal live kennengelernt hätte. Der Film wurde vom Publikum mit einem gewissen andächtigen Schweigen verfolgt und noch bevor großer Beifall im Saal aufkam, betraten Robert und Moritz Gläser, Cäsars Söhne, die Bühne des "Anker" um einen der großen Cäsar-Titel zu spielen, der in vielerlei Hinsicht sehr gut zum Motto des Abends und zum zuvor gelaufenen Film passte - "Besinnung". Moritz an der Gitarre, Robert am Gesang spielten diesen Titel nicht einfach nach, sie gaben ihm ihr eigenes Credo mit. Das traf auch für alle anderen Stücke zu, die an diesem Abend gespielt wurden, gleich wer sie interpretierte. Zumeist wurde nahe am Original gespielt, jedoch zumeist mit hörbaren Veränderungen, die jedoch immer den ursprünglichen Charakter der Lieder wahrten. Auch wenn nicht jedem alles gefallen haben dürfte, es war für jeden ganz gewiss mehr als ein Höhepunkt im großen Paket dabei. Entsprechend war schon nach dem ersten Titel von Robert und Moritz die Stimmung im Saal.

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Dachten zu diesem Zeitpunkt noch die meisten im Saal, "Jetzt spielen die verschiedenen angekündigten Bands ein paar eigene und dazu verschiedene Cäsar-Titel nach", wurden sie schnell eines Besseren belehrt. Mehrfach im Verlauf des Abends, wurde Cäsar direkt in das Konzert eingebunden. Dank moderner Technik und guter Aufzeichnungen, auch älterer Titel aus verschiedensten Archiven, gab es große, bewegende Momente. So nach der "Besinnung" durch den Titel "Einsamkeit", jenem grandiosen, vielmals gecoverten Yardbirds Klassiker "Still I'm sad", den hier Cäsar auf der Leinwand in einem soweit mir bekannt ist, nicht veröffentlichtem Musikvideo spielte und sang. Welch eine Dramaturgie?! Ich hätte nie und nimmer geglaubt, dass dieser Spannungsbogen auf diesem Niveau aufrecht erhalten werden könnte. Doch es trat das ganze Gegenteil ein. Die Musiker fanden Stück für Stück sogar noch Steigerungsmöglichkeiten. War der erste Auftritt von Cäsars Spielern nach dem Videoclip und der Ankündigung durch Christian Haase noch relativ unspektakulär, folgten danach reihenweise phänomenale Auftritte, die sich so vermutlich niemals wiederholen lassen. Die gesamte Veranstaltung hatte ein Niveau, das so ziemlich jede hochbejubelte, aufwendige Produktion, ob nun etwas wie Ostrock in Klassik oder The Dome und wie sie alle heißen, in den Schatten gestellt hätte. Eine unglaubliche Dramaturgie, dazu musikalische Brillanz die teilweise an Perfektion grenzte, sowie eine fröhliche und gelöste Stimmung vor und auf der Bühne - ich hab noch nie einen so runden Konzertabend erlebt. Dass es davon vorerst keinen Silberling geben wird, ist schade, aber durchaus verständlich, ist doch vor geraumer Zeit erst die DVD "Semper Fidelis" auf den Markt gekommen. Zudem liegt die ungehemmte Vermarktung Cäsars Erbes aus kommerziellen Gründen dem Mastermind hinter diesem Konzertabend, Simone Dake, mehr als fern. Auch wenn der Abend voll von musikalischen Höhepunkten war, ist ihre Entscheidung das Konzert nicht zu veröffentlichen durchaus nachvollziehbar und in jedem Fall zu akzeptieren.

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Wie gesagt - ein Highlight folgte dem anderen. Für mich war der zweite Titel der Spieler so ein Highlight, habe ich doch Cäsar 1983 bei der Amiga Blues Band einmal "Not fade away" live spielen sehen. Das sahen wohl einige andere im Publikum ähnlich, denn spätestens hier war der Funke von der Bühne ins Publikum übergesprungen. Mühen sich Bands oft um Emotionen aus dem Publikum - im Anker war daran an diesem Abend kein Mangel. Stellenweise ging es geradezu euphorisch mit. So gerade bei der Überraschungsband des Abends, wohl nicht nur für mich - Limonchiki. Die Band, die mit Musik in einer Mischung aus osteuropäischen Klängen, jiddischen Melodien und modernem Pop auf der Bühne steht, hat musikalisch eine ungeheure Frische und Kraft. Nicht nur wegen der zwei Saxophone und einer Domra (ukulelenähnliche russiche Kleingitarre) erregte Limonchiki Aufsehen. Auch wenn die Moderation des Frontmanns mir stellenweise nicht gefiel - mich erinnerte das sehr an einen nicht sehr originellen Abklatsch der Familie Popolski, den diese exzellenten Musiker gar nicht nötig haben - die Musik wie auch der mehrstimmige Satzgesang waren unglaublich gut und machten Lust auf mehr. Im Ensemble fielen mir vor allem die Spieler Jürgen Schötz und Conny Plänitz auf, die sich im Laufe des Abends als musikalische Multitalente erwiesen, die gleichermaßen Saxophon, Geige und Schlagzeug spielten und durchaus beachtlich sangen. Machte Limonchiki schon richtig Feuer, wurde die Stimmung mit der Bauernpolka noch einmal gesteigert. Dabei standen nun alle drei Geigen, die bei Cäsar spielten, also neben Conny Plänitz auch Jana Mende und Till Uhlmann, auf der Bühne und brannten mit diesem frechen Cäsar Titel ein echtes Stimmungsfeuerwerk ab, nachdem Limonchiki zuvor mit ihrer Interpretation von "Sehnsucht" für einen der bewegensten Momente des Abends verantwortlich zeichnete.

Ein anderer großer Moment war nach den "frechen Zitrönchen" mit dem Auftritt von Gundermanns Seilschaft nach fast 10 Jahren, jetzt mit Christian Haase als neuem Frontmann, gekommen. Die mit gestandenen Musikern besetzte Band wurde dann auch den Erwartungen durchaus gerecht, wenngleich der immer wieder unruhig über die Bühne fegende Christian Haase mir an diesem Abend irgendwie übermotiviert erschien. War das beim Gundermannklassiker "Der 7. Samurai" völlig ok, störte es mich bei den beiden ersten Cäsar Titeln der Seilschaft. Haases Cäsar Interpretationen fehlten zudem für mich Originalität. Das war handwerklich gut, aber nicht wirklich begeisternd. Ganz im Gegensatz zum von Andy Wieczorek gesungenen "Lieb ein Mädchen" oder der "Cäsars Blues"-Interpretation. Das ändert aber wenig daran, dass man sich die Termine der Seilschaft im kommenden Jahr ganz fett anstreichen sollte, denn da kommt musikalische Klasse und Spielfreude auf die Bühne, die andere arrivierte Bands längst vermissen lassen. Auch und gerade wegen des unverkennbaren Vollblutmusikers Christian Haase, der eben weder Cäsar noch Gundermann ist, und wohl auch nicht sein will, sondern sich lediglich mit deren Schaffen auf höchst respektable Art auseinandersetzt.

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Der Seilschaft folgte eine weitere Überraschung in Person von Kai Niemann, der sich immerhin an "Kain ist Tod" und "Halleluja" wagt und beides souverän meistert. Begleitet wurde er von Cäsars Spielern, die nachdrücklich unter Beweis stellten, dass sie allesamt Ausnahmemusiker sind. Im Verlauf der Veranstaltung entwickelte sich Volkmar Große zunehmend zum Spiritus Rector des Abends, der sowohl musikalisch wie auch verbal die richtigen Töne traf. Große und Schötz waren dann auch für den für mich emotionalsten Moment des Abends überhaupt verantwortlich. Als sie völlig synchron zu einem Cäsarvideo live das "Liebeslied" spielten, ohne dass man auch nur einen schrägen Ton vernommen hätte, wurden im Saal einige Augen feucht. Dieser Moment war für mich dann allerdings nicht mehr zu überbieten. Weder die fulminanten Darbietungen von "TT" oder "Baggerführer Willi" noch die von Big Joe Stolle interpretierten Titel oder der geniale Song "Sex in der Wüste", der noch eine weitere Facette Cäsars zeigte, konnten den tief bewegenden Eindruck des Zusammenspiels von Cäsar und den Spielern erreichen.

Was bleibt noch zu erwähnen? Vielleicht, dass Robert Gläser mit "Nämlich bin ich glücklich" einen eher unerwarteten Titel interpretierte und dafür viel Beifall bekam. So auch von Reinhard "Oschek" Huth, der im Publikum stand und gleichermaßen bewegt und erfreut über diesen Titel war. Vielleicht auch noch, dass der "Apfeltraum" natürlich nicht fehlte und zu einem Chor wurde. Aber ganz sicher sollte man erwähnen, dass im Verlauf des Abends ganz deutlich wurde, welch ungeheure Kraft von der Musik Cäsars ausgeht, wie vielfältig sie ist und wieviele Menschen sich durch sie angesprochen fühlen. In diesem Sinne war es wohl sehr richtig und gut, sich mit und an Peter Cäsar Gläser zu erinnern. Der Abend war eine Hommage an ihn aber gleichzeitig ein Geschenk an die, die sich darauf eingelassen haben, mit Cäsars Spielern an diesen Ausnahmemenschen und -musiker zu denken. Was Simone und ihr Team sowie die beteiligten Musiker geleistet haben, um diesen Abend zu so einer gelungenen Veranstaltung zu machen, kann man als Außenstehender nur sehr vage erahnen. Das war zum einen ein ungeheueres Geschenk an die Fans, es war zugleich auch die Zuversicht, dass Cäsars Musik nicht in Vergessenheit geraten wird. Es war auch in gewisser Weise die schönste Liebeserklärung, die Simone ihrem Peter machen konnte. Aus den unterschiedlichsten Gründen eben ein tief bewegender Abend für sehr viele Menschen.



 

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