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Bericht: Petra Heinzel
Fotos: Petra Heinzel

 


Traditionen können etwas Wunderbares sein. Bereits seit einigen Jahren spielt die Randgruppencombo immer zum Jahresende in der Hauptstadt. Heiner Kondschak, der im Jahr 2000 mit einigen Mitgliedern des Landestheaters Tübingen die Combo gründete, hatte wieder einmal im Dezember zum Gundermannabend geladen. Dieses Mal waren nicht nur zwei Konzerte geplant, sondern drei. Diese Entscheidung stellte sich als richtig heraus, denn alle drei Abende waren sehr gut besucht bzw. ausverkauft.
Seit über 10 Jahren tourt die Randgruppencombo mit ihrem Gundermannprogramm. Ihre Premiere fand im September 2000 in ihrer Heimatstadt Tübingen statt. Am 28. Mai 2001 gab's dann den ersten Berlinauftritt im Tränenpalast. Seitdem finden sie immer wieder den Weg nach Berlin.

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Vor dem Postbahnhof stand bereits, trotz eisiger Kälte, eine Menschenschlange. Der Einlass ging recht zügig von statten, ca. 900 Leute freuten sich auf das anstehende Konzert. Kurz nach acht sahen wir auf der Bühnenrückwand alte schwarz-weiß Aufnahmen aus dem Leben Gerhard Gundermanns. Danach folgte der "Gras"-Einspieler vom Band, und im Zuge dessen kam die gesamte Band auf die Bühne. Heiner begrüßte alle Anwesenden: "Guten Abend, Hallo Ossis! Schön, dass wir bei euch sein dürfen. Toll, dass ihr gekommen seid! Zwei Lieder konnten wir noch proben. Gibt es jemanden, der uns noch nie gesehen hat?". Ein klares geschlossenes "Nein" ertönte aus dem Publikum, worüber Heiner sich sichtlich freute.
"Oweh, oweh", ließ garantiert alle Anwesenden in Erinnerung an den wahren Gundermann schweben. Er war und bleibt einer der ganz großen Liedermacher. Sogar auf seinem Bagger im Lausitzer Tagebau schwirrten ihm wunderbare Texte und dazu die passende Musik im Kopf herum. Er hat uns ein großes Liedergut hinterlassen.
Heiner erläuterte noch einmal ganz genau, warum seine Band kaum Zeit zum Üben findet. Jedes Bandmitglied ist dem eigenen Job verpflichtet und alle haben ihren Wohnsitz inzwischen an unterschiedlichen Orten in Deutschland. Aus diesem Grund, so erklärte Heiner mit verschmitztem Lächeln, wird jedes Jahr die Setlist neu gemischt. Ganz so ist es dann doch nicht. Ich weiß zum Beispiel, dass sie im vorigen Jahr "Drachentöters Vater" und "Menschenmädchen" neu im Programm hatten. Auch in diesem Jahr gab es Neues, dazu aber später. Neues gibt es über die Bandzusammensetzung zu berichten:

Heiner Kondschak (Arrangements, Gesang, Gitarre, Bouzouki, Keyboard, Flöte, Whistles, Saxophon, Bass, Mundharmonika), Ester Daniel (Saxophon, Whistles, Keyboard, Chor), Rupert Hausner (Saxophon, Gitarre, Bouzouki, Whistle, Schellenkranz, Chor), Tini Stiefelmayer (Geige, Chor), Gerd Ritter (Bass, Chor), Uschi Berberich (Keyboard, Akkordeon, Chor), Christian Dähn (Schlagzeug, Percussion, Geige, Chor), Andreas Rogge (Pipes), Heike Rügert (Saxophon, Klarinette, Querflöte, Chor) und Jonathan Gray (Cello, Trompete, Horn, Posaune, Keyboard, Triangel).

Die beiden zuletzt Genannten sind als neu zu betrachten. Heike war zwar schon vor einigen Jahren mit dabei, sie hatte in Eberhard Hahn eine gute Vertretung während ihrer Abwesenheit. Jonathan hingegen ist wirklich nigelnagelneu in der Band. Er löst Tilmann Pröllochs (Trompete, Keyboard), der im vorigen Jahr noch dabei war, ab. Tilmann ist heute Verwaltungsdirektor im Staatstheater Oldenburg. Laut Heiner haben sie lange nach einem Ersatz suchen müssen, und wurden schließlich auf "Jonathan Gray from Kensington in Kanada" aufmerksam. Eine gute Wahl! "Welcome Mr. Jonathan Gray", hieß es und ein Lachen konnte man sich denn doch nicht verkneifen, denn Jonathan lebt bereits seit 1986 in Tübingen und hatte zuvor für verschiedene Instrumente ein Studium in Deutschland abgeschlossen. Mit seinem Silent-Cello und vielen Blasinstrumenten fungierte er als hervorragende Ergänzung.

Es ist schon beeindruckend, bei einem Song ("Ruhetag") drei Saxophone gleichzeitig hören zu dürfen. Bei einer 10-Mann-Band ist das möglich und wird hier natürlich dementsprechend sinnvoll genutzt. Auch das Horn kam hier zum Einsatz. Aber nicht nur die große Instrumentenvielfalt sorgten für viele bemerkenswerte Facetten, auch das Publikum trug einen Teil dazu bei. Immer wieder konnte man gemeinschaftliches Singen im Postbahnhof erleben. Dabei hörte man zum Glück keinen Nachbarn krächzen, sondern einen großen Chor. Die Randgruppencombo, die sonst auch noch in Tübingen Konzerte gibt, erlebt in Berlin aber auch ganz andere besondere Effekte. In dem Lied "Straße nach Norden" gibt es gewisse Textzeilen in denen die Orte Lübbenau und Vetschau vorkommen. Den Song hat die Combo in der Vergangenheit nie in Tübingen spielen brauchen, da dort eh niemand diese Orte kannte. Inzwischen spielen sie ihn auch in Tübingen, aber dennoch viel lieber in Berlin. Denn im Text ist "Hölle Berlin" zu hören. An der Stelle geben alle Berliner Fans ein lautes "Huaaah" von sich. Diese Besonderheit lobte auch die Geigerin Tini.

Das "Hochzeitslied" hatte Gerhard Gundermann für seine Frau geschrieben. Conny sang es dann für ihn. Am zweiten Konzertabend war Conny im Postbahnhof zugegen und hörte sich diesen Titel von der Randgruppencombo an. Heiner bespielte hier seine Bouzouki und veranstaltete mit seiner Band ein ordentliches musikalisches Feuerwerk auf der Bühne. Die Randgruppencombo kann man aber auch in kleiner Besetzung erleben. Gundermanns Tochter Linda, die auch am zweiten Konzertabend vor Ort war, wurde mit sparsamer Instrumentierung besungen. Tini mit ihrer Geige, Christian an der zweiten Geige, Jonathan am Cello und Heiner an Gitarre und Gesang spielten ihren Song sehr gefühlvoll, Emotionen pur.

Ich versuchte dann meinen Standort zu ändern (für Fotos aus einer anderen Perspektive). Aufgrund der Fülle im Postbahnhof war es nur schwer möglich die Seiten zu wechseln. Im Gleiten durch die Massen sang ich trotzdem leise (nur für mich hörbar) "Und musst du weinen" mit. Viel Liebe steckt im Detail. Das konnte ich u.a. beim "Vögelchen" hören. Heike (aus Stuttgart) ließ am Ende mit ihrer Querflöte das Vögelchen zwitschern. Das Trio Heiner (Gesang und Gitarre), Heike (Querflöte) und Jonathan (Cello) zelebrierte "Drachentöters Vater". Und für "Europa" setzte sich Heiner an das Keyboard. Das Lied hat Gerhard Gundermann 1988 geschrieben. Der politische Text ist heute aktueller denn je. Für "Sieglinde" hatten die Musiker sämtliche akustische Hilfsmittel zur Hand. Ruperts Pausbackenklatschen, Rasseln, Heiners Bass, Esters Agogo (eine afrikanische Glocke) und viele weitere Percussioninstrumente machten diesen Song zu einem ganz besonderen Highlight. "Die Randgruppencombo zittert. Ich habe meinen Kollegen Notenblätter in die Hand gedrückt... Beim Spielen passten die Noten zusammen. Heute zum dritten Mal in der Öffentlichkeit", so kündigte Heiner "Morgen morgen" an. Neun Musiker mit neun Instrumenten (Geige, Saxophon, Saxophon, Gitarre, Saxophon, Cello, Akkordeon, Schlagzeug, Bass) stellten den Berlinern ihren neu eingespielten eigens interpretierten Gundermannsong erfolgreich vor. Heiner, der gerne mal seine tiefe Stimme richtig raushängen lässt, tat dieses besonders gerne am Ende vom "Zweitbesten Sommer". Es war ein tiefes dunkles Brummen zu vernehmen, verbunden mit einem Lippen-vibrierenden Luftausstoß. "So wird es Tag" brachte Andreas mit einem Dudelsacksolo auf die Bühne. Der gelernte Instrumentenbauer bespielte seine selbst erbaute Pipes. Heiners Bouzouki ist auch eine Anfertigung von Andreas. Ich hoffe, dass Heiner seine Drehleier in Andreas Hände gibt. Denn sie konnte nicht zum Einsatz kommen, sie muss erst repariert werden.

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Auch wenn es bald Nacht wurde, ging es u.a. mit "Es kommt der Tag" nach einer halbstündigen Pause in die zweite Runde. Mit Geige, Klarinette, Akkordeon, Cello, Gitarre und dem Gesang der Fans wurde der Song "Ich mache meinen Frieden" allmählich gesteigert. Schlagzeuger Christian erhöhte das Tempo und forderte seine Mitmusiker zum temporeichen Spiel auf. Er endete aber hingegen ganz sacht. Im Text heißt es am Schluss: "oder eine Geige". Passend hierzu zog Tini ihren Geigenbogen über ihre Saiten. Sekunden später setzte der Jubel der Fans ein.
Besonders hervorheben möchte ich noch einige meiner Lieblingstitel aus dem zweiten Teil des Konzertes. "Menschenmädchen" (im Original von Tom Petty), bei dem Heiner für Gesang, Gitarre und Mundharmonika zuständig war, und "Alle oder keiner" (Neil Young Coverversion), bei dem das Publikum lauthals mitsang, und auch "Wenn ich wär", das eigentlich zum räuberischen Herumspringen animierte.

Später war ein Schlagwerk zu hören. Rupert erzeugte mit einem Teil des elektronischen Schlagzeugs (Pads) angetriggerten Sound. Es machte den eigentlich sowieso schon wunderbaren Song zu etwas ganz Besonderem. Tinis Geigenspiel und Heiners Querflöte trugen ihr übriges dazu bei, und Rupert beendete den Song wie er ihn begonnen hatte, nämlich mit den Taktschlägen. Man hätte währenddessen im Saal eine Stecknadel fallen lassen können, so fasziniert waren alle vom Dargebotenen. Sehr leise und ruhig blieb es bei "Kommen und gehen". Ein unglaublich guter Text, der mich bei jedem Hören sehr traurig und nachdenklich macht, unglaublich berührend. An dieser Stelle erinnerte Heiner an Gerhard Gundermann, der am 21. Juni 1998 verstorben ist. Heiner kannte die Gundermannlieder erst seit dem Jahr 1999. Er schickte seinen Kollegen Kassetten um sie mit den Gundermannliedern vertraut zu machen. Für Jüngere im Publikum gab Heiner einige Erklärungen zum Thema Kassetten: "Das war noch zu der Zeit, als man unter Dixie noch Musik verstand".

Um 23:15 Uhr verneigte sich die 10-köpfige Band vor ihren jubelnden Fans und verschwand hinter der Bühne, wurde aber mit lautstarkem Klatschen zurückbeordert. Heiner bedankte sich bei "Licht und Ton, Heinz, Horst und John. Bei allen die am Nachmittag hier rumgefummelt haben", und sang "Und ich habe keine Zeit mehr". Der Bandchor (die Frauen waren hier sehr schön zu hören) begleitete ihn und auch Andreas zauberte mit seinem Dudelsack die passenden Töne hervor. Mit Gundermanns letztem "Fliegender Fisch" neigte sich der Konzertabend dem Ende entgegen. Genau bei diesem Song konnte man spüren welche Auswirkungen ein Cello auf ein Lied haben kann, unglaublich viel Intensität und Tiefgang. Das war fantastisch! Auch der Satzgesang, den man hier und am gesamten Abend immer wieder hören konnte, war lobenswert. Mit dem a-cappella Gesang "Immer wieder wächst das Gras" verabschiedete sich die Randgruppencombo nach 31 gespielten Gundermann-Liedern vom schunkelnden Publikum. Gerhard Gundermann schickte uns dann mit dem Song (Einspieler vom Band) "Der Mond ist aufgegangen" nach Hause.

Deutsche Mugge dankt Buschfunk und der Band für die Einladung! Die Tradition sollte unbedingt fortgesetzt werden. Dann vielleicht auch mit "Hier bin ich geboren" und "Frühstück für immer". ;-) Ich bin mir ziemlich sicher dass Gundermann die Umsetzung seiner Songs durch die Randgruppencombo gefallen würde.



 

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