Rammstein live in Rostock
am 17. Dezember 2009

 

Bericht: Dirk Schroeder
Fotos: Pressefotos

 


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Beschreibung der Schönheit körperlicher Liebe
Um Applaus hatte Till Lindemann schon zeitig gebeten. Nicht für sich und die Band Rammstein. Beifall für Ersatzkeyboarder Alf Ator (vormals Knorkator), der eingesprungen war für Christian „Flake“ Lorenz, der sonst an den Keyboards steht bei der Band, die am Donnerstag Abend ihren düsteren Industrial Metal in die ausverkaufte Halle der Hanse-Messe in Rostock goss. „Wir wollten das Konzert nicht ausfallen lassen“, erklärte Lindemann. Schade, mögen Kritiker der Band meinen, die so polarisiert. Entweder findet man es schrecklich, was die Herren abliefern, oder man ist für immer gefangen im Bann dieses teutonisch wirkenden Exportschlagers. Doch dürften die Kritiker ohnehin nicht im Saal gewesen sein.
Diejenigen, die sich auch aus den östlichen Landesteilen über schneeglatte Straßen nach Rostock gequält hatten, waren jedenfalls gefangen im Bann der harten Töne und der spektakulären Show, inklusive pyrotechnischer Effekte auf der Bühne, die nicht nur die Herzen der Fans in den vorderen Reihen erwärmten. Rammstein hielt, was Rammstein verspricht: Vorweihnachtszeit mit Metal.
Es war ein Querschnitt aus mehr als 15 Jahren Bandgeschichte, den die Fans erlebten. So wie den Song „Wiener Blut“ aus dem aktuellen Album „Liebe ist für alle da“. Ein Lied, das zeigt, dass die Texte der Band nicht allein gewollter Schock mit Hang zum Sadistischen sind, wie Kritiker es ihr manchmal vorwerfen, sondern die Realität widerspiegeln. Behandelt „Wiener Blut“ doch den Inzest-Fall des Josef Fritzl aus Österreich, der seine Tochter 14 Jahre lang im Keller seines Hauses gefangen hielt, vielfach vergewaltigte und mit ihr so sieben Kinder zeugte. Überspitzung als Stilmittel, wie es Rammstein eigen ist. So wie „Du hast“ vom „Sehnsucht“, ihrem zweiten Album, das das Thema lebenslange Treue so drastisch in Frage stellt – mit wenigen Worten danach fragt, ob man das wirklich will. Auch das ein Spiegelbild der Realität in der Gesellschaft. Und dann wieder die Beschreibung der Schönheit der körperlichen Liebe wie in dem Opus „Frühling in Paris“, das, würde es nicht so kraftvoll musikalisch untermalt, als erotische Lyrik daherkommen könnte. Das macht den Reiz des Abends aus, die Spannung zwischen Sanftheit und Härte, zwischen schmeichelndem und kraftvollem, stakkatoartigem Gesang Till Lindemanns.

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Der das „R“ so martialisch rollend aus dem Mund presst, dass es schaudern machen kann. Das vielleicht auch dazu beigetragen hat, dass Rammstein so polarisiert, und dass die Band von der vormaligen Bundsfamilienministerin Ursula von der Leyen gebannt wurde, die einen Titel des aktuellen Albums auf den Index hob. An dem die Band schon seit Jahren vorbeischrammt mit ihren Texten, die Inzucht, Fleischeslust thematisiert, die dabei auch Worte gebraucht, die einst als anstößig galten. Auch das indes Alltag in der Gesellschaft, Tabus gibt es kaum noch. Das mag man bedauern, Rammstein indes sind dafür nicht verantwortlich zu machen.
Der Nahkampf zwischen den Geschlechtern findet an diesem Abend indes nur auf der Bühne statt. Verbal. Und mit Feuereifer im wahrsten Sinne des Wortes. Denn zu Rammstein gehört auch eine ganze Menge Show. Pyrotechnik, die durch den Saal jagt, die Flammen lodern lässt, dass man Angst um die Musiker haben könnte. Funkenregen, als schmelze Stahl. Dazu die düstere Aufmachung, als seien Till Lindemann und seine Mitstreiter gerade der Gruft entstiegen. Auch das Gesamtbild polarisierend. Show, martialisch, bestialisch? Vielleicht auch schockierend? Effektvoll in jedem Fall. Grausamer ist nur die Wirklichkeit.
Die für die Fans der Band hätte eintreten können. Hatte sich doch Ersatzkeyboarder Alf Ator Presseberichten zufolge auf der Fahrt zum Rostocker Konzert mit seinem Auto überschlagen und ist wie durch ein Wunder dabei nicht verletzt worden. So aber konnte die Band den Fans ein Weihnachtsgeschenk der besonderen Art machen, auch indem sie manches Lichtlein anzündete an diesem Abend.

 
 

   
   
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