SBB am 31.05.2008 in Berlin


Bericht: Petra Heinzel
Fotos: Patricia Heidrich, Petra Heinzel


001 20121229 1978489098Anmerkung der Redaktion: Wir erhielten eine Einladung zum vorerst einzigen Auftritt der Gruppe SBB in Deutschland am 31.05. im Columbiaclub Berlin. An diesem Wochenende standen in unserer Redaktion so viele Termine an, dass ein Besuch fast gescheitert wäre. Spontan verlegte Petra ihr Vorhaben auf einen anderen Termin (Danke, Petra!!!), damit uns ein Bericht über dieses einmalige Event möglich wurde. Petra und Patti waren für Deutsche Mugge vor Ort, und hier ist der Bericht:

SBB - wer ist das? Eine Freundin empfahl mir zu googeln, da ich dann wohl viele verschiedene Antworten finden würde. Nachdem ich nun den ganzen Abend mit SBB verbracht habe, möchte ich nicht mehr googeln, sondern meine eigenen Erlebnisse wiedergeben. Ein Bekannter sagte mir vorher noch, dass es sich bei SBB um eine polnische Band handelt. Karol, ein Konzertbesucher, kennt die Band bereits seit 1971. Er erinnerte sich an das Konzert 1978 in Sopot. Dort spielte SBB in einer Waldbühne vor ca. 5.000 Gästen, und an dem Abend hatte zufällig Jòzef Geburtstag. Karol musste, um sich eine westliche Platte kaufen zu können, ein halbes Monatsgehalt opfern. Er empfahl mir die CD "SBB I". Vier andere junge Männer, ihr Alter Ende 40, kannten die Band seit Ende 1973. Sie erzählten mir von ihrer ersten SBB-Platte, die 1972 erschien. Alle Vier waren vor Ort um die neuen Songs mal live erleben zu können. Am Merchandise-Stand verschaffte ich mir erst einmal einen Überblick. Hier fand ich DVDs, z.B. vom Polish Song Festival 1974, vom TV Festival Belgien 1978 und eine mit dem Titel "Live at Sala Kongresowa Warschau 1979". Ich konnte auch viele verschiedene CDs entdecken, z.B. eine CD-Box von Jòzef 1973-2007, eine Solo-CD von Apostolis aus dem Jahr 2006 und die neuste SBB-CD "The Rock 2007".

001h 20121229 1559627144SBB sind Jòzef Skrzek (vocals, bassguitar, piano, Minimoog, Micromoog, keyboards), Apostolis Anthimos (guitars, drums) und Gábor Németh (drums). Gegen 21:00 Uhr betraten die drei Musiker die Bühne. Der Columbiaclub war gut gefüllt. Das erste Lied "The Rock" stammt von der neuen CD. Hier übernahm Jòzef Gesang und Keyboard, Gàbor das Schlagzeug und Apostolis ließ seine Gitarre erklingen. Die Bühne war geteilt. Im hinteren Teil zog eine Tänzerin mit ihrem roten Band Kreise. Danach folgte die Begrüßung und Bandvorstellung durch das Management in polnischer und deutscher Sprache. Beim zweiten Lied waren die Klänge der Instrumente im Vordergrund. Für mich hörte es sich sehr elektronisch, aber auch rockig an. Zwei Tänzerinnen schwangen ihre weißen und dunklen Tücher bei rot-blauem Licht. Für "Rainbow Man" wurde Józef zum Bassisten und Apostolis glänzte mit einem Gitarrensolo, das Publikum tobte. Mit "Odlot" ging es weiter. Es ist ein polnisches Wort und bedeutet Abflug. Bei diesem Lied konnte man wirklich abheben. Es begann schnell, ging dann ruhig weiter, um dann wieder immer lauter und schneller zu werden. Da Apostolis keine freie Hand hatte, musste sein Plektrum zwischen seinen Lippen verweilen. Aber das machte nichts, er war trotzdem der "SEXIES MAN", wie auf seinem Shirt zu lesen war. Jòzef sang ein wenig polnisch, mir kam es vor wie ein Indianerruf in den Bergen. Gàbor, immer mit einem Lächeln im Gesicht, wirbelte wild mit seinen Sticks umher. Die Tänzerinnen wechselten ihre Farben, bis dann zum Schluss eine Tänzerin im Lichtgewitter als goldener Engel erschien. Nun stellte das Management die drei Tänzerinnen vor. Unglaublich, denn es sind die drei Töchter von Jòzef: Karina, Luisa und Elisabeta. Das nächste Lied wollte ich aus der Ferne erleben. Erst in diesem Moment sah ich die Leinwände. Auf der linken Seite das Bühnenbild und auf der rechten Seite farbenfrohe SBB-Werbung.Jòzef ließ nun wieder seine Finger über das Keyboard gleiten und Gàbor animierte manchmal zum Marschieren, während "The Sexies Man" seine Gitarre zum Singen brachte. Das Licht wurde den Titeln entsprechend angepasst, entweder blau, orange oder auch violett. Plötzlich hörte ich einen klassischen Orgelsound. Józef war nun der alleinige Meister auf der Bühne. Er entlockte der Orgel und dem Keyboard wunderbare Töne. Was ich dann hörte klang für mich nach wunderschöner Filmmusik, mit wenig polnischem Gesang ergänzt. Immer wieder entdeckte ich im Hintergrund die drei Tänzerinnen mit ihren verschiedenfarbenen Tüchern. Einmal glaubte ich sogar Klänge von "Purple Rain" erkannt zu haben, während ich bei einem anderen Lied wiederum dachte, es klingt wie eine Hymne. Das Publikum klatschte eifrig mit.

Und nun erfuhr ich endlich warum sich ein zweites Schlagzeug auf der Bühne befand. Gábor und Apostolis befanden sich jetzt mitten in einem großartigen Schlagzeugduell. Bevor sich nun die Band verabschiedete, folgte noch ein gemeinsames Musikstück. Das Publikum zeigte große Begeisterung und ließ die Band natürlich nicht von dannen ziehen. Es gab drei Zugaben. Anschließend erklärte das Management: "Das Konzert endet nicht gerade zufällig mit dem soeben gespieltem Lied, es wurde in Gedenken an Czeslaw Niemen geschrieben". Allen wurde gedankt: der Band, den Betreuern, den Hallenbetreibern, der Presse,... auch mir wurde das Mikrofon hinübergereicht, damit ich UNSEREN Namen erwähnen konnte.

Übrigens: Ich habe es nicht vergessen, es gab keine Pause! SBB spielte durchgehend 2 Stunden und 15 Minuten. Trotzdem nahmen sie sich ausreichend Zeit für eine Autogrammstunde. Viele Fans hatten Schallplattencover dabei... welch` herrlicher Anblick in der heutigen Zeit. Ich erklärte Jòzef, seine Band bisher nicht gekannt zu haben. Es war mir fast peinlich. Daraufhin nahm er sich ausreichend Zeit für ein informatives Gespräch. Vielen Dank Jòzef! Hier in Kürze eine Zusammenfassung:

SBB ist sein Kind, sein Lebenswerk. Als er jung war hatte er den Traum etwas zustande zu bringen, um seiner Heimat, einer kleinen Provinz in Schlesien, zu entkommen. Sein Traum ging in Erfüllung, denn nach der Universität (Musikhochschule für Klavier und Komposition) spielte er ein Jahr in einem Trio in einem Club Unterhaltungsmusik. Dabei entwickelte er seinen besonderen Stil/Sound. Czeslaw Niemen ging mit ihm 1972/73 in den Westen, sie spielten zur Olympiade in München. Nach ihrer Rückkehr trafen sie auf einen prominenten Manager, der bereits Skorpió und Omega unter seinen Fittichen hatte. Dank dieses Managers wurde Jòzef als Jazzmusiker in Polen akzeptiert, und junge Leute einer Göttinger Agentur ließen die erste westliche LP "Follow My Dream" erscheinen, die gleichzeitig der Durchbruch für ihn war. Dann folgten das Konzert in Sopot (europäische Woodstockversion), eine Westtournee 1978 und eine steile musikalische Karriere. Eine sehr harte Zeit, die zur Folge hatte, dass er erschöpft und ausgelaugt war. Angebote aus Amerika hatte er deshalb nicht angenommen, und zog sich zurück. 1980 war die politische Situation in Polen alles andere als entspannt, und die Band zerbrach. Es folgte eine Pause von 10 Jahren, in der Jòzef in Kirchen und Planetarien Orgel und Keyboard spielte. Hier entwickelte er einen neuen Style für sich, der sogar Klaus Schulze begeisterte: Er verband alte, sakrale Klänge mit der Moderne, und in den Texten ging es um Streben nach Freiheit. Man spürte slawische Emotionalität. Jòzef komponiert fortan für Theater und Film. Anfang der 90er fand die Gruppe wieder zusammen, und es folgte eine Tour durch Amerika (an der East Coast). Nach der Tour blieb der Drummer von SBB, Jerzy Piotrowski, in Amerika. Paul kam als Ersatz zu SBB, als "bester weißer Schlagzeuger" des Jazz zu neuer intellektueller Musik. Weitere Höhepunkte wie eine Tour in Mexiko und das Festival progressiver Rock, bei dem Gàbor Németh (Schlagzeug) kurzfristig eingesprungen ist. Nun ist seit ca 1,5 Jahren Gábor der neue, feste Mann am Schlagzeug, und bringt frischen Wind in die Band. Gàbor spielte vorher u.a. bei bei LGT und Skorpió. SBB will in der westlichen Welt weiter bestehen und present bleiben. Obwohl die Herren inzwischen älter geworden sind, sind sie dafür musikalisch frischer denn je. Sie wollen expandieren, eine neue Platte mit Mack (prominenter Akustiker) machen und demnächst Kalifornien erobern: Ihre Musik soll belebt und moderner werden. Das Problem dabei ist: Die Öffentlichkeit (Presse/Medien) schieben sie ständig in die Vergangenheit zurück, obwohl sie heute in einer neuen Haut stecken. Die Band ist hungrig und will neue Musik machen. Noch in diesem Jahr wird eine neue CD aufgenommen und produziert, die 2009 veröffentlicht werden soll.

Deutsche Mugge bedankt sich für die Einladung zum Konzert im Columbiaclub beim Veranstalter, und bei der Gruppe SBB und deren Management für die herzliche Art und die Zeit, die sie sich für uns genommen hat.


Foto Impressionen:

 Das Konzert: (Patricia Heidrich):


   
   
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