Barbara Thalheim & Band, Haase & Band
am 19.07.2008 in Berlin

(als Gast: Chansonette Michèle Bernard)


Bericht: Andreas Hähle
Fotos: Patti Heidrich

 


 

Eine Insel der Lieder....
Es gibt immer wieder Ereignisse, die etwas ganz Besonderes in sich tragen, und das aus verschiedenen Gründen. Manchmal sind es Ereignisse, die so rein zufällig ins Leben treten, schicksalsbestimmend werden und die Weichen stellen fürs Weitergehen. Und manchmal sind es Ereignisse, welche dazu anregen, innezuhalten, in sich aufzunehmen und einfach zu genießen. Musikalische Ereignisse tragen dies mitunter in sich und ganz bestimmt tragen sie es in sich, wenn das Vergnügen ansteht, eine "Lange Nacht der Lieder" zu erleben, auf der Bühne dabei Barbara Thalheim & Band, Haase & Band und als besonderes Bonmot die französische Chansonette Michèle Bernard gemeinsam mit ihrem, natürlich ebenfalls französischem, Pianisten Jean-Luc Michel.
Das Programm ist, wenn auch einzigartig, so doch nicht nur einmal zu erleben gewesen, sondern Bestandteil einer Tournee, welche durch ganz Deutschland führt, in unregelmäßigen Abständen aufgrund der verschiedenen Auftrittsverpflichtungen der teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler. Wie Barbara Thalheim mir beim Verabschieden mitteilte, war diese lange Liedernacht schon in einigen Städten zu erleben und wird sie noch in einigen Orten zu erleben sein. Was für die nach besonderen musikalischen Ereignissen dieser Art Sehnsüchtigen mehr als wünschenswert ist. Und so gebe ich potentiellen Veranstaltern und Konzertbegeisterten mit einem fröhlichen Augenzwinkern meine Empfehlung für ein Erleben dieses wunderbaren Abends.
Nun haben Liedermacherinnen und Liedermacher irgendwie einen eigenartigen Stand. Passen sie doch mit dem, was sie singen und wie sie es singen, nie wirklich in eine "ordentliche" Schublade, bis vielleicht in die, welche die Aufschrift "Liedermacher" (oder zu neudeutsch: "Singer/Songwriter") trägt. Aber gerade dieser Abend hat bewiesen, wie musikalisch vielfältig vom Jazz bis zum deftigen Rock der Inhalt einer solchen Hilfsschublade sich anfühlen kann. Vom sich tief hineinfühlen in Songs und musikalisches Weltenwandern bis hin zum hemmungslos mitgerissenem Tanzen zu reinster Rockmusik, wie sich Freundinnen und Freunde der "handgemachten" Musik und vollkommen jenseits vom Nichtssagen sich befindender Texte - in eben jener wirklich künstlerischen Einheit - es zu Recht so sehr lieben.
Den Auftakt zu der "Langen Nacht der Lieder" am 19.7. 2008 im "Ku-Stall" des Gutshofes Strausberg, einem kleinen Örtchen etwas nordöstlich von Berlin gelegen, bildete Barbara Thalheim, welche im September, wie sie es ausdrückte, 2 x 30 wird. Einer der Grand Damen des deutschen Chansons trotz oder gerade wegen ihrer französischen Einflüsse in der musikalischen Wiedergabe ihrer tiefgreifenden, sinnigen und sinnlichen und manchmal burlesk-humoresken Gedankenwelten. Ströme, die erfassen, die ein Lächeln unvermeidlich machen und trotzdem auch Einblick gewähren in die melancholischen Empfindungen und Empfindlichkeiten der eigenen Seele, wenn es auch die Seele der Frau Thalheim beschreibt und ihre Begegnungen mit der Welt und ihrer Bewohner. Begleitet von einer außerordentlichen Band. Selbstverständlich dabei Jean Pacalet, mit welchem sie nun schon so einige Jahre in nationalen und internationalen Gefilden sehr erfolgreiche Tourneen bestritt.
Die Überraschung des Abends, da wohl in diesen Breiten - zu Unrecht und auch wohl nur noch - recht unbekannt, die Französin Michèle Bernard mit ihrem Pianisten Jean-Luc Michel. Ihr Vortrag, ihre Sangesqualitäten, ihr Humor und die große Tiefe ihrer musikalischen textausgerichteten Lieder werden wohl allen unvergessen bleiben, die es an diesem Abend, an den vorangegangenen Abenden und den nachfolgenden dieser Tournee erleben konnten und werden (Wiederholungsbesuche sind bei solch besonderen Ereignissen nie ausgeschlossen und mit Sicherheit gar willkommen). Solchen Nichtfranzösischkundigen wie mir halfen die von Barbara Thalheim vorgetragenen Übersetzungen sehr, sich in diese Chansons einzufinden und einzufühlen, vor allem aber wirkte es wundervoll, wenn die beiden großartigen Frauen gemeinsam sangen oder gar sich mit dem Leipziger Liedermacher Christian Haase und einer um die Bands von Thalheim und Hasse erweiterten Besetzung in ein Feuerwerk hineinsangen, welches keine Leuchtkugeln brauchte, um als solche zu wirken.
Was ich bisher an Haase und seiner Band, die ich nun zu meinem Glücke doch recht häufig erleben durfte, am auffälligsten fand, war eine Entwicklung, die bei längerer Beobachtung sich immer mehr manifestierte. Da geht einer, der Haase nämlich, einen sehr klar erkennbaren Weg vom Barden, wie ich ihn einst nannte, hin zum Rocksänger ohne seine Eigentümlichkeit, seine einzigartige Charakteristik in Musik, Texten, Gesang und Performance zu verletzen oder gar abzulegen. Da hatte sich einer einst aufgemacht, schon seiend, um zu werden, eine Stilistik im Kopp, vielleicht einen Traum für die Bühne, da müsste ich ihn gelegentlich einmal danach fragen. So ist dies nur eine Vermutung von mir, basierend darauf, was ich entdeckte und mir zu beobachten einbilde. Was ich nun sah war etwas, was mich tatsächlich sowohl mitriß als auch umhaute. Da stand einer, der brannte. Und brannte mit einer Band, die ebenso sehr brannte. Immer nach vorne und immer etwas zu sagen, etwas zu singen, etwas zu tanzen. So wird das Lied zum Fest, egal worüber es singt, denn das Leben ist nun mal facettenreich und so sind es auch die Lieder. Wenn man nun eine Träne an der Wange herunterlaufen lässt und ein paar Minuten später nichts als Tanzen und Feiern will und das Gefühl hat, dies alles ist Leben ... und davon bitte viel viel mehr ... dann, so denke ich, hat der Künstler die Herzen der Menschen erreicht, indem er das Seine darbietet, zusammen mit den Herzen seiner MitmusikantInnen.
Zusammen auch, wie es sich für ein (außer)ordentliches Finale gehört mit all den anderen Teilnehmern dieses Abends am Ende des Haase-Konzertes und des gesamten Abends (wenn man die vielen Zugaben außer Acht lässt). Und natürlich mit dem Publikum. So wünsche ich mir eine lange Nacht der Lieder. Genauso! Und es ist mehr als gut zu wissen, dass es Künstlerinnen und Künstler gibt, die uns genau einen solchen Abend bescherten und hoffentlich noch lange weiter bescheren. Willkommen wollen wir sein auf dieser Insel der Lieder, auf der (wie Barbara Thalheim sich in einem ihrer Lieder wünschte, eine Insel zu sein) wir selbst gemeinsam mit den Menschen auf der Bühne eine Insel sind. Mit vielen Namen, vielen Gesichtern, vielen Klüften und Klippen und ganz ganz viel Mee(h)r.




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