Am 17. September starb der Spliff-Bassist und Produzent

Autor:
Hagen Liebing
Fotos:
Hagen Liebing,
Anja Caspary

001 20121028 1042330549Wir hatten uns zuletzt vergangenes Jahr im Hansa Studio gesehen. Dort, wo er schon in den 1970ern mit der Nina Hagen Band aufgenommen und später auch als Produzent gearbeitet hatte. Aber Manfred Praekers Welt war das nicht mehr. Als er weggegangen war aus Berlin, Ende der 1980er-Jahre, da lag seine Karriere als aktiver Musiker bei den Politrockern Lokomotive Kreuzberg, bei der bahnbrechenden Nina Hagen Band, bei dem überraschenderweise noch erfolgreicheren Nachfolger Spliff und bei den ambitionierten, aber schon weniger beachteten Froon bereits hinter ihm. Praeker hatte sich auf das Produzieren verlegt und das Hansa Studio in seinem neoklassizistischen Häuserblock war noch ein Solitär, eine kreative Insel, drum herum das Niemandsland des Potsdamer Platzes, die Mauer. Heute sind hier Lofts, Geschäftshäuser, viel Glas, Beton, enge Straßenfluchten und sehr viel Hektik. Die aber hatte Manfred Praeker bereits zur Genüge gehabt.
 
Seit dem Durchbruch als Bassist und Songschreiber der Nina Hagen Band 1978 verlief sein Leben – wie man so schön sagt – auf der Überholspur. Das hatte irgendwann auch Folgen für die Gesundheit. Nervöse Erschöpfung, Atembeklemmungen. Sein Arzt empfahl ihm, die Großstadt zu verlassen. Weg von den Abgasen, weg vom Stress. Praeker, in Charlottenburg-Nord aufgewachsen, in Kreuzberg bekannt geworden und zuletzt wohnhaft in Grunewald, hörte auf den Rat. Denn seine Begabung zum Produzieren, die er schon 1982 beim Nena-Debüt demonstriert hatte und auch bei den Aufnahmen zum dritten Album von Die Ärzte, die konnte er schließlich auch an einem anderen Ort ausleben.
 
Noch vor dem Wende-Gewusel zog Praeker mit seiner Frau Elfi und den beiden kleinen Söhnen nach Portugal, in die Einsamkeit des Algarve-Hinterlandes, auf einen Berg. Dort bauten sich die Großstädter ein Bauernhaus zum Leben und Arbeiten aus. Es herrschten noch goldene Zeiten, weil deutsche Plattenfirmen ihre Künstler zum Kreativsein und Aufnehmen mal eben für ein paar Wochen nach Spanien oder eben nach Portugal schickten. Mit den so erzielten Einnahmen konnte man in einem armen Land gut über die Runden kommen. Auch Tantiemen flossen noch. Aber stolzer als auf die vielen goldenen Schallplatten an den Wänden seines Mad-Mix-Studios zeigte sich Manfred Praeker damals schon auf die Zitronenbäume in seinem Garten, die nach zähem Bewässern auch einmal Früchte abwerfen würden, und auf den Umstand, dass er seinen portugiesischen Nachbarn beibringen konnte, wie man einem Bauernhaus eine vernünftige Drainage verpasst.
 
Doch die sich abzeichnende Krise auf dem Musikmarkt 002 20121028 2003905841hatte auch ihre Auswirkungen auf den Reiseverkehr der Musiker. Zunehmend waren es nicht mehr deutsche Bands mit dicken Budgets, die bei Praeker aufnahmen, sondern die kleinen portugiesischen Combos von nebenan. Voll bei der Sache, aber auch ganz ohne Kohle. Praeker kümmerte sich trotzdem. Sie brachten dafür Hühner oder Gemüse und bekochten ihren Produzenten. Längst war er kein Popstar im Exil mehr, er war Portugiese geworden. Wenn zur Hochsommerzeit in Monchique der Wald brannte, dann musste auch er raus zum Löschen, um seine Existenz zu retten. Wenn die Wirtschaftskrise Land und Leute beutelte, dann war auch er betroffen. Dennoch blieb Praeker guter Gastgeber. Als Scherben-Gitarrist Lanrue vor dem Streit um das Rio-Reiser-Erbe aus Fresenhagen floh, kam er bei seiner Schwester Elfi und Schwager Manne unter. Praeker war hilfsbereit und er konnte grantig werden, wenn ihm Gleiches nicht zuteilwurde.
 
Gegenüber seinen alten Spliff-Kollegen hegte er zuletzt einen gewissen Groll; gerne hätte er mit ihnen noch ein paar Konzerte gegeben. Nicht aus Nostalgiegründen, sondern einfach nur, um Rechnungen zu bezahlen. Aber da biss Manne auf Granit. So machte er zuletzt nur noch mit seiner eigenen Band Bock Musik. Und der Name war dabei Programm: einfach nur für etwas Spaß und Erfüllung.
 
Es ist bitter und ungerecht, dass ihm ausgerechnet dies nun nicht mehr vergönnt ist. Kurz vor seinem 61. Geburtstag starb Manfred Praeker, der unruhige Geist, der beizeiten das entschleunigte Leben dem Karriere-Karussell vorzog, an einer schweren Krankheit in seiner Geburtsstadt Berlin.


 
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