Teil 8

Der achte Teil von Michael Heubachs Autobiographie erzählt von Heubachs Zeit bei der Gruppe LIFT, über die Weltfestspiele in Cuba und die Vorbereitungen dazu, über personelle Wechsel in der Band und das "Problem" mit der Biermann-Ausbürgerung...
 
052 20121004 1253295713Qualitätskontrollschau mit Prämie
Es gab in der DDR auch sogenannte Leistungsvergleiche, wo jeder Bezirk seine besten Gruppen und Solisten (oder auch nur Möchtegerns) hinschickte, damit sie mit einem Medaillensegen nach Hause zurückkehren - es war die Olympiade der Popmusik. 1976 wurde u.a. LIFT auserwählt. Ich kann nicht sagen, ob wir nur von Dresden geschickt wurden oder ob auch die Gastspieldirektion (GD) ihre Hand im Spiel hatte. Finanziert von der GD wurden wieder unsere Bühnenklamotten. Eine Modegestalterin kleidete jeden individuell nach seinen Wünschen ein, sorgte aber dafür, dass eine gewisse Linie eingehalten wurde, der sogenannte Stil. Weiterhin wurde eine "Show" erarbeitet. Was im allgemeinen Muggenalltag aus dem Bauch heraus mit Licht und Ton geschah, welche Titel in welcher Reihenfolge gespielt wurden, welche überleitenden Worte gewählt wurden, das alles sollte nun der Vergangenheit angehören: Die Dresdner Theaterschauspielerin Thea Elster erarbeitete mit uns ein Bühnenkonzept, sorgte durch eine Lichtregie für aufhellende Momente unseres Technikers und passte auf, dass wir nicht wie die Bauklötze auf der Bühne standen, oder dass Leckedeck an einer unpassenden Stelle nicht in sein Mikro biss. Für Ostverhältnisse war das schon Spitze, obwohl es ebenso für diejenigen ostmäßig verkrampft wirkte, die schon mal ein gutes West-Rockkonzert erlebt hatten. Doch die gab's kaum, denn die Käseglocke schwebte über unseren Häuptern. Wir fanden es also gut, und es war ja auch das erste Mal, dass wir den Ablauf eines Konzerts durchweg geplant hatten. Thea Elster hatte natürlich mit Rockmusik nicht viel am Hut, war sie doch auf der Swing- und Chansonschiene stecken geblieben. Aber sie kam vom Theater und wusste, was man durch eine intelligente Regie erreichen kann.
Einmal erklärte sie Keule, was er an einer ganz bestimmten Stelle zu machen hätte. Für ihn war das natürlich schon längst klar, ehe sie es ihm gesagt hatte. Deshalb sagte er ganz lapidar:
"Geht schon klar, Frau Elster, das hab ich im Ei" -
"In welchem Ei bitte, Herr Sandkaulen?", wollte sie verwundert wissen. Wir krümmten uns vor Lachen und einer brachte leise hervor: "Im Linken, Frau Elster, im Linken..." Es hat sie auch später keiner aufgeklärt, welches Ei wirklich gemeint war.
Der Leistungsvergleich wurde für uns ein voller Erfolg, wir nahmen eine Goldmedaille mit nach Hause und hatten somit wieder eine Stufe auf der Band-Karriereleiter erklommen.

Die einen gehen, die anderen kommen
Am 25. Oktober 1976 war der letzte Tag, den wir mit Keule und Leckedeck verbrachten. Der Alte hatte jetzt keine Lust mehr, weiterhin mit einem Gitarristen zusammenzuspielen, er war sozusagen E-Gitarre-geschädigt. Da entsann er sich seines ehemaligen Keyboarders, der vor anderthalb Jahren zur Fahne musste (mit "Fahne" wurde umgangssprachlich der Wehrdienst bei der NVA bezeichnet). Der Keyboarder war ein gewisser Wolfgang "Scheffi" Scheffler, den ich bereits beim Wettbewerb um die Goldene Note mit dem katholischen BBSV zum ersten Mal gehört hatte. Seine Zeit bei der Armee neigte sich dem Ende entgegen, und Zachar nutzte seine Chance, ihn wieder in sein Unternehmen einzuverleiben. Er bot ihm einen Platz an den Keyboards an. Das waren immerhin ein Wurlitzer-Piano, das später durch ein Fender-Piano ersetzt wurde, und ein Synthesizer des Typs ARP 2600, das Konkurrenzmodell zum Minimoog. Außerdem sollte er die Möglichkeit erhalten, Titel zu komponieren, die dann später produziert werden könnten. Da wurde Scheffi fast weich wie Butter, sagte aber gleichzeitig, er stiege nur ein, wenn auch sein Freund, der mit ihm bei der Fahne gedient hatte, als Sänger mit aufgenommen würde. Der hieß Henry Pacholski, keiner kannte seinen Namen und ihn noch weniger als Sänger, aber er hatte die Chance, bei uns zur Probe zu singen. Danach waren wir angenehm überrascht und er wurde sofort als Bandmitglied aufgenommen. In dem kleinen Land DDR gab es bei den knapp siebzehnmillionen Einwohnern keine große Auswahl an guten Sängern, das hatte ich ja schon bei Automobil gemerkt. Nun hatten wir Glück, dass durch die Armeezeit "gerade mal einer frei war".
Henry kam auch aus Leipzig, sprach, wenn er sich nicht kontrollierte, ein breites Sächsisch und hatte mal ein paar Semester Veterinärmedizin studiert, ehe er zum "Ehrendienst bei der Nationalen Volksarmee" verpflichtet wurde. Er hatte eine Vorliebe für Schwarze Musik und sein Timbre kam dem auch entgegen. Außerdem spielte er eine halbwegs gute Akustikgitarre, mit der er sich bei einigen Beatles-Songs begleitete. Auf der Bühne blieb er aber der Sänger und sein Zweitinstrument war der Schellenring. Außer gut singen konnte er auch noch zeichnen und vor allem gute Texte machen. Normalerweise war er ein sehr sensibler Mensch, war umgänglich und gebildet, nur wenn er zu viel getrunken hatte, wurde er vom Paulus zum Saulus: Er wurde aggressiv, unberechenbar und räumte in einem Billig-Hotel schon mal eine Bodenkammer aus. Es kam vor, dass er im Hotelzimmer randalierte und diverse Sachen aus dem Fenster warf. Da ich immer mit Till das Hotelzimmer teilte, erfuhr ich erst am nächsten Morgen davon. Es kam auch vor, dass uns Lärm, der aus dem Zimmer von Henry drang, aus dem Schlaf riss. Wenn man ihm am nächsten Morgen erzählte, was er in der Nacht so alles wieder angestellt hatte, wurde er ganz betreten und kehrte in sich, weil er sich an nichts mehr erinnern konnte - der klassische Filmriss.
Anfangs wirkte er auf der Bühne sehr unbeholfen und wusste mit seinem Körper nichts anzufangen. Im Laufe der Zeit lernte er, wie man sich auf der Bühne zu bewegen hat, wann man den Mikroständer (scheinbar) brutal zur Seite schwenkt oder wann man betreten ob des Textes den Kopf nach unten senkt. Beim Klatschen hatte er oft nicht den Mut, den Leuten ins Gesicht zu schauen, sein Chef tat es ihm gleich.
Henry hatte die Bewegungen auf der Bühne nicht 053 20121004 1583575552gelebt, die in seinem Kopf entstanden, denn es war für ihn ein rein rationaler Akt - so sehe ich das jedenfalls heute. Er hatte eben kein Show-Talent wie Keule oder eine von sich überzeugte Persönlichkeit wie Leckedeck. Am wohlsten fühlte er sich bei Bluesmusik, weil die für ihn bodenständig und ehrlich war, wie er meinte. Er lief auch herum wie ein Bluesfan: Jeans, Parka, Jesuslatschen im Sommer und Clarks im Winter. Das war der wahre Henry Pacholski. Eigentlich gehörte auch er zur Kategorie bodenständig. Bodenständig war für ihn, bei einem Glas Rotwein für Polen zu schwärmen, von seinem polnischen Freund Spicek zu erzählen, Karo zu rauchen und ein altes Paperback-Buch aus seinem Parka zu ziehen, um Satre als Philosophen zu zitieren.
Ich fuhr oft mit ihm im Zug von Leipzig nach Dresden. Dann stiegen wir in Gerhards Fiat um und fuhren zum Veranstaltungsort. Daraus wurde dann eine feste Auto-Besatzung, das "Führungsfahrzeug" sozusagen. Till nahm dann Scheffi und Werther mit. Henry konnte mit Scheffi musikalisch gut zusammenarbeiten, sie waren diesbezüglich ein Herz und eine Seele. Intellektuell konnte er aber mit Scheffi nicht viel anfangen, und das konnten wir auch nicht. Scheffi hatte eine ausgesproche Schach-Intelligenz und im Schachspielen war er wirklich gut. Ich hatte mich ja auch schon seit einigen Jahren mit diesem Spiel beschäftigt und diverse Schachbücher zugelegt, musste aber beim Schachduell mit Scheffi klein beigeben. Legte er aber das Schachbrett zur Seite, musste er an die Hand genommen und geführt werden. Wie man bei meinen Schachspielergebnissen sieht, das Beschäftigen mit einer Sache muss noch lange nicht erfolgreich sein, wenn in der geistigen Ausstattung diesbezüglich genetisch etwas anders programmiert wurde. Ich begnügte mich damit, wenigsten einen Versuch gemacht zu haben, während Millionen nicht mal auf die Idee gekommen sind, Schach zu spielen. Und so schlecht war ich auch wiederum nicht.
So gut das Team Scheffler/Pacholski auch war - wenn Scheffi eine neue Idee anbrachte und sie auf seinem Fender-Piano vortrug, guckten wir uns manchmal alle verständnislos an und zuckten mit den Schultern. Und dann erklärte und erklärte und erklärte uns Scheffi, wie er sich was dachte. Teilweise hatte er die Stücke schon fertig arrangiert, es gab aber keins, was so übernommen wurde, wie es von ihm anfangs gedacht war. Bei den Proben seiner Titel steckte immer sehr viel Arbeit von uns drin, wir machten teilweise aus seinen Äpfeln unsere Birnen, die wir dann aber auch gut auf dem Markt feilboten (um mal bei diesem Bild zu bleiben) - es waren am Schluss richtige Hits dabei!
Ich trug zu dieser Zeit neben langen Haaren auch noch einen Pony, den ich mir daheim vor dem Spiegel immer selbst schnitt. Viele Jahre später offenbarte mir Dina Straat, man hätte mich damals heimlich "Madonna" genannt. Weiß der Teufel, welches Gemälde man dabei im Auge hatte und weiß der Teufel, wie oft diese Bezeichnung zur Anwendung gekommen ist. Aber als Legende reicht sie allemal.
Durch die Umbesetzung kam mit Scheffi ein weiterer Komponist in die Band, aber "Zach", wie der Alte auch gern genannte wurde, machte nicht mal den Versuch, sich kompositorisch etwas einfallen zu lassen. Er hatte einfach keine Zeit mehr dazu und wusste auch, dass er mit dem Keyboard-Duo Heubach/Scheffler nicht mithalten konnte. Die erste LIFT-LP wurde 1976 produziert und erschien im folgenden Jahr. Darauf waren neun Übernahmen von Rundfunkproduktionen, von denen ich fünf beisteuerte und auch Zach und Werther schrieben je einen Titel. Damit trugen auch sie zum Erfolg der ersten Scheibe bei. Scheffi war ja noch ein Frischling in der Band und schrieb deshalb nur zwei Songs. Das längste Werk "Ballade vom Stein" stammte aus meiner Feder und war auch zugleich mit 9:50 Minuten das längste. Hier kam auch ein neues Instrument zum Einsatz, das Mellotron.

054 20121004 2064707608(West)Instrumentenkunde
Es war ein Vorläufer heutiger Sample-Instrumente, das aber noch auf elektro-mechanischer Basis funktionierte. Beim Drücken einer Taste wurde ein Magnetband wie beim Tonbandgerät über einen Tonkopf bewegt, das den darauf aufgenommenen Sound bis zu 19 Sekunden wiedergab. Das Instrument gab es schon seit den 50er Jahren, wir hörten aber erst ab Mitte der 70er unter unserer Käseglocke davon. Zur Auswahl standen Flöten, Streicher, Bläser und Chöre. Die Beatles machten das Ding durch das Stück "Strawberry Fields For Ever" populär. Wir setzten bei der "Ballade vom Stein" die Streicher ein. Es war eins von drei Mellotrons, die in der DDR existierten, Zachs Freund und Rivale Martin Schreier von der Stern-Combo Meißen war der erste, der sich eins über die Grenze schmuggeln ließ. Da konnte der Alte ihm natürlich nicht nachstehen; er legte die geforderten 38.000,- Mark auf den Tisch und war ebenfalls stolzer Besitzer eines Mellotrons. Wahrscheinlich hatte er sich damit maßlos verschuldet, aber irgendwie hat er es immer wieder hingekriegt, aus dem Schuldenberg rauszukommen.
Um zu Westgeld zu kommen, plante er einige Aktionen, bei denen er Antiquitäten und Porzellan nach Drüben schaffen lassen wollte, von deren Erlös seine Schulden beglichen werden sollten. Er hatte da einen Typen von der Bulgarischen Botschaft an der Hand, der das mit seinem Auto bewerkstelligen konnte. Der konnte also frei von Ost nach West fahren, an einem nebligen Autobahnparkplatz das Zeug umladen und drüben an den Mann bringen. Ob er es aus reiner Nächstenliebe getan hatte, kann bezweifelt werden - in diesem Geschäft ist so etwas ein Fremdwort. Das ging einige Mal gut, bis die Firma "Horch und Guck", auch Ministerium für Staatsicherheit genannt, Wind davon bekam und dem Deal ein Ende bereitete: Zachar wurde "vorgeführt", man legte ihm seien Fall vor die Füße und machte ihm klar, dafür ginge er nach Bautzen, das Kind käme in ein Heim und Dina würde auf ein Rad gebunden und den Prenzlauer Berg runter gerollt - sie drohten ihm also, was das Zeug hielt. Die Alternative war, er könnte dem Klub Stasi beitreten, und damit wäre alles vergessen. Der Alte wählte den Klub-Weg und war fortan IM.
Ich kann ihn eigentlich verstehen und ich möchte diese Helden persönlich kennenlernen, die da anders gehandelt hätten. Und das sage ich als Oppositioneller in der Lite-Version. Ich habe es erst im neuen Jahrtausend erfahren, dass er "dabei" war. Es hat mich nicht umgehauen, schließlich war ich diesbezüglich schon abgehärtet, denn in fast jeder Band gab's einen, der seine Augen und Ohren für Herrn Mielke offenhielt. Was hier für Erpressungsversuche vonstattengegangen sind, entzieht sich meiner Kenntnis. Trotzdem bin ich fest davon überzeugt, dass Gerhard keinen ans Messer geliefert hat. Ich kenne ihn durch viele private Gespräche und weiß, was er für eine Einstellung dem Staat DDR gegenüber hatte. Er soll angeblich nur ganz allgemeine Berichte abgeliefert haben, in denen er Fakten vorlegte, die die Kollegen ohnehin schon wussten. Überprüfen lässt sich das alles nicht mehr, es bleibt nur noch der Glaube, der Glaube an das Gute im Menschen.
Bei meinen Kompositionen, die auf dem ersten Album erschienen sind, habe ich versucht, das Beste mir Bekannte und Umsetzbare aus Rock, Klassik, Jazz und Lied im besten Sinne mit einzubringen. Bei "Wasser und Wein" habe ich im Mittelteil das Flötensolo mit "krummen" Taktarten unterlegt, die abwechselnd im 4/4- und 7/8-Takt liefen. Das war zu dieser Zeit in der DDR noch Neuland und es gab auch im Westen kaum jemanden, der in der Popmusik so etwas einfließen ließ. Die 70er waren eine Zeit, wo man größere Musikstücke entwickeln und aufführen konnte, ohne am Geschmack des Publikums vorbei zu musizieren. Wieder waren für uns die Vorbilder im Westen zu finden, die eine solche Form bereits praktizierten: Genesis, Gentle Giant, YES und viele andere mehr. Also versuchte ich es mit der "Ballade vom Stein" ebenfalls, was mir auch gelang. Insgeheim hat mir immer noch eine von Keule gespielte Gitarre vorgeschwebt. Damit hätte das Werk an Kraft gewonnen und wäre somit der Rockmusik ein Stück näher gerückt. Es ist halt immer schwer, auf mehreren musikalischen Hochzeiten zu tanzen, denn hier ging es von expressionistischen Einflüssen über Jazz und Rock bis zum philosophischen Inhalt des Pacholski-Textes. Ich kenne eigentlich kein Stück, das alle Stilrichtungen gleichermaßen bedient, es gibt auch keinen Musiker, der alle Stilrichtungen gleichermaßen beherrscht - deshalb wird es immer ein Kompromiss bleiben.

Der Fall Biermann
Mitte November 1976 hatte es Nina Hagens Stief- und Ziehvater Wolf Biermann riskiert: Er wollte ein Angebot des Westdeutschen Rundfunks annehmen, eine Livesendung zu bestreiten. Das bedeutete gleichzeitig ein Visum für die BRD und das für einen, der mit der DDR nicht gerade zimperlich umging, was die Beschreibung politischer Verhältnisse anbelangte. Er durfte trotzdem reisen und gab in Köln vor laufenden Kameras und einem zahlreichen Publikum exzellent seine Lieder wieder, bei denen er sich auf der Gitarre begleitete. Einige davon waren mir aus dem DDR-Underground schon bekannt, andere völlig neu. Fernsehzuschauer aus Ost und West sahen ihm zu, hörten seine systemkritischen Texte, sahen also, wie er im Westen für die Opposition im Osten auftrat, eine Opposition, die es organisiert natürlich gar nicht gab und geben konnte. Er machte seine Sache sehr professionell, als ob er täglich solche Auftritte durchzog. Wahrscheinlich trieb es einigen führenden Genossen die Zornesröte ins Gesicht und sie beschlossen, ihm die Rückkehr zu verweigern.
Für Biermanns war es keine Emigration! Nein, es war ein Rauswurf, und die Genossen waren damit wieder einen Oppositionellen los. Natürlich entfachte das nicht nur in Künstlerkreisen einen Sturm der Entrüstung, denn diese Art des Ausbürgerns war schon einmalig. Aus einem in der breiten Bevölkerung ziemlich unbekannten Liedermacher wurde ein Geächteter, der nun dadurch beim DDR-Volk bekannt wurde. Eine Petition, die von über einhundert bekannten Künstlern und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens eingereicht wurde, führte im Politbüro zwar zu Diskussionen, aber an dem Entschluss wurde nicht gerüttelt. Im Gegenteil, man suchte sich nun ebenfalls bekannte Künstler, die die Entscheidung der Regierung unterstützen. Aber das war gar nicht so leicht. Was tat man also? Man beauftragte die Generaldirektion beim Komitee für Unterhaltungskunst, zum Beispiel mal ein paar Bandleader bekannter Gruppen einzubestellen, die ein vorgefertigtes Schriftstück unterschreiben sollten, in dem sie dem Entschluss aus vollem Herzen zustimmten und damit gleichzeitig ihren Opportunismus öffentlich machten. Das "Tal der Ahnungslosen" wurde zur Fundgrube - eine bekannte Dresdner Rockband dokumentierte ihre brüderliche Verbundenheit mit der Partei der Arbeiterklasse und ihre Tinte war noch nicht trocken, da klingelte beim Alten das Telefon, er solle doch mal kurz in Berlin bei der GD reinschauen, es ginge schnell, er bräuchte nur was zu unterschreiben. Also schaute er bei der GD rein, sagte, er kenne keinen Biermann, er sei aus Dresden und diesbezüglich ahnungslos. Als man ihm erklärte, was für ein böser Bube dieser Biermann sei, bat sich Gerhard Bedenkzeit aus, er müsse in diese Materie noch tiefer eindringen und würde sich melden.
Damit war er sie im Moment erst mal los, doch er wusste: Die kommen wieder! Wenige Tage später kam ein Anruf von der SED-Bezirksleitung Dresden, wir sollten uns doch mal zu einem netten Gespräch einfinden, es gäbe auch Kaffee der Marke "Mocca Fix Gold", Kuchen und draußen würden die Vögel zwitschern. Also statteten wir der SED-Bezirksleitung den erwünschten Besuch ab, ein schmieriger falsch lächelnder Funktionär empfing uns, es gab den versprochenen Kaffee und Kuchen, und die Vögel zwitscherten wie auf Bestellung. Dann leitete der Genosse Schmierig den offiziellen Teil ein:
"Guckt doch mal, was wir hier haben, ein Schreiben, das gegen die Ausbürgerung dieses Biermann ist, mit euren Unterschriften, wie ihr sehen könnt. Was sagt ihr'n dazu?"
Wir starrten auf einen A4-Bogen, der einen dilettantisch verfassten Text enthielt, der die DDR niedermachte und der jeden Deutschlehrer zu Schweißausbrüchen gebracht hätte. Beim näheren Betrachten der "Unterschriften" dachten wir, das kann doch nicht wahr sein, das sind doch verdammt schlechte Nachahmungsversuche. Wahrscheinlich hat ein Offizier der Staatssicherheit sich ein paar Untergebene ausgesucht und ihnen den Befehl erteil, die Namen Zachar, Pacholski, Heubach, Scheffler, Patzer und Lohse auf ein Blatt Papier zu schreiben: "Der Text komm später dazu, also schreibt, Genossen!"
Dann sagte der Typ zu uns:
"Kann ja sein, dass ihr das nicht wart, wenn man euch so reden hört."
Wir machten unserem Ärger natürlich Luft
"Wenn dem so ist und ihr nicht der Meinung des Briefschreibers seid, könnt ihr eure Empörung ja zum Ausdruck bringen und getrost ein Gegenpamphlet aufsetzen, oder? Noch Kaffee? Der Kuchen ist auch lecker, ist aus der HO!"
Nun war guter Rat teuer. Zach, Henry und ich kannten natürlich den Namen Biermann, Henry einige Lieder und Texte von ihm und ich ihn sogar persönlich, aber bei den anderen sah es diesbezüglich eher etwas mau aus. Die Zeit raste, der Alte sollte demnächst wieder vor das Hohe Gericht der GD geführt werden, also musste etwas passieren. In seiner Not kam er auf eine Idee: Da gab es die prominente Lyrikerin Gisela Steineckert, die ihm schon manchen Rat mit auf den Weg gegeben hatte. Ihr Mann Wilhelm Penndorf war der Rundfunk-Chefredakteur für Musik. Beide waren unserer Meinung nach ziemlich unbelastet und keine Strammsteher vor der Partei. So wurde ein Treffen auf dem Rundfunkgeländer in der Nalepastraße vereinbart, man wählte eine Verwaltungsbaracke aus, weil die vielleicht nicht ganz so verwanzt war. Alle sechs LIFTlinge waren anwesend, als uns die Steineckert erzählte, wer der Biermann sei, was er für Texte machte, was er für eine Einstellung zum Land DDR hatte und überhaupt. Penndorf nickte eigentlich immer nur ab. Die Befürwortung der Rückkehr Biermanns schmolz im Schwall der rhetorisch hervorragenden Steineckert dahin. Am Schluss einigten wir uns auf ein von LIFT aufgesetztes Schreiben, bei dem Steineckert und Penndorf uns ihre Hilfe anboten. Dann wurde abgestimmt, demokratisch natürlich, schließlich lebten wir in der Deutschen Demokratischen Republik. Fünf LIFTlinge hoben ihre Hände, ein LIFTing reagierte nicht. Das war ich. Ich wusste nämlich, warum sich die Steineckert so vehement gegen Biermann ausgesprochen hatte: Die beiden hatten mal einige Zeit Tisch und vor allem das Bett geteilt, bis Biermann sie sitzen ließ, so die Legende. So etwas verkraftet eine Frau selten und nutzt jede sich passende Gelegenheit, sich zu rächen. Nun stand es fünf gegen einen - ich enthielt mich der Stimme, der "Beschluss" wurde mit einer Enthaltung angenommen, und alles ging seinen Gang. Das Schreiben wurde aufgesetzt, es wurde aber nie veröffentlicht und ruht wahrscheinlich noch heute in einem Ordner der Birthler-Behörde, der 1989 beim Sturm auf die Stasi-Zentrale vor der Wut des Volkes gerettet wurde.
Die letzte Juliwoche des Jahres 1977 hellte unseren Muggenalltag etwas auf - wir hatten eine einwöchige Polentournee. Dort traten wir u.a. mit dem Orchester Fips Fleischer auf. Fips, dem Mann aus Zeiten der Musikhochschule. Und die erste Trompete blies mein Zimmerkamerad Mücke! Ich muss gestehen, es kam zu keinen Herzattacken wegen übermäßiger Freude... Nein, wir hatten uns wie ein altes Ehepaar auseinandergelebt.
In den Hotels, in denen wir schliefen, gab es sogar Fleisch und Wurst zu essen. Polen steckte nämlich wieder einmal in einer Fleischkrise und das bedeutete, es gab eigentlich nur Speisen, die aus Hühnern gemacht wurden. Wurst gab es nur als Bückware oder beim Bauern, wenn man Glück hatte. Wir als "die aus der DDR" genossen es unbewusst, ihnen die Wurst vom Brot zu essen und machten Witze über ihre Misswirtschaft. So muss es den Westbürgern ergangen sein, wenn sie die DDR besuchten und über unsere Wirtschaft den Kopf geschüttelt haben. Die Polen haben gefühlt, dass sie von den DDR-Bürgern von oben herab angesehen wurden, hatten aber ihren Stolz, es sich nicht anmerken zu lassen. Sie mussten sich zwar kulinarisch sehr einschränken (um das mal vorsichtig auszudrücken), hatten dafür aber eine Kulturlandschaft, die sehr westlich geprägt war und ihnen auch viel mehr Freiheiten ließ. Da sahen wir als DDR-Bürger ziemlich alt aus. Und so was wie LIFT hatten die garantiert auch, nur wesentlich progressiver. Das wollten wir aber nicht wissen, es hätte uns den Spaß verdorben, den Spaß am Musikmachen und am Fleischessen.

Wir und die sowjetischen Verhältnisse
Eine weitere Tour unternahmen wir nach Wolgograd, das bis zum Tod Stalins noch Stalingrad hieß. Es waren wieder die berüchtigten "Kulturtage" angesagt, in dem Fall die Deutsch-Sowjetischen also. Dieses Mal fuhren wir drei Tage mit einem Sonderzug in diese Stadt. Die Fahrt war sehr lustig, wir tranken unseren Alk, den wir vorsorglich mitgebracht hatten, genossen die Landschaft, kauften irgendwelches Zeug wenn der Zug mal an einem kleinen Bahnhof hielt, um neues Wasser aufzutanken und tranken Tee aus einem Samowar. Die drei Tage wurden dann lang, als der Alk ausging, die Schnarcher sich in ihren Abteilen bemerkbar machten und man sich nur noch ein Buch vorknöpfen konnte, um etwas gegen die Langeweile zu tun. Abwechslung brachte das Austauschen der Rad-Achsen, weil die Spurbreite in der Sowjetunion kleiner war als in Mitteleuropa. Wenn man den Zug durchlief konnte man feststellen, dass bekannte Gesichter aus den letzten CSSR-Kulturtagen dabei waren - es war eine Familie der Auserwählten, und ob man darauf stolz sein konnte, sei noch mal dahingestellt.
Unser Hotel war ein alter Neubau, wie fast alles in Wolgograd, eine Altstadt im europäischen Sinn gab es kaum. Das mag die Folge des Krieges gewesen sein, aber ich glaube eher, das lag im System. Angeblich soll es das beste Hotel am Platz gewesen sein. Ich verkneife mir da eine Bemerkung, wie die anderen wohl ausgesehen haben mochten. Ein Blick ins Bad sagte mir nicht alles, aber viel.
Wir hatten verschiedene Auftrittsorte, wo 055 20121004 1885645413wieder ein kleiner Programmteil bestritten wurde. Einmal spielten wir in einer großen Sporthalle. Wir waren zeitig genug dort, um beim Aufbau unserer Lautsprecheranlage und Instrumente behilflich zu sein. Unsere Roadies empfingen uns bereits mit den Worten, es gäbe keinen Strom. Klar, es gab Strom, doch wo war die Steckdose? Mit Händen und Füßen und mittlerweilen verkalkten Russischkenntnissen versuchten wir, das Problem zu lösen. Ein Hausmeister zeigte auf eine Stelle an der Wand, aus der ein 380-Volt-Kabel mit drei Adern starrte. Langsam ging uns ein Licht auf: Man kannte dort in großen offiziellen Räumlichkeiten keine Steckdosen im westeuropäischen Sinn, man musste irgendwie seine Geräte daran anschließen. Durch viel Improvisation und Geduld gelang es unseren Technikern, den nötigen Strom für unsere PA bereitzustellen.
In unserem Hotel fand nach den Auftritten immer ein fröhliches Beisammensein statt, kurz Umtrunk genannt. Die Bar sollte eigentlich um 22:00 Uhr schließen, hatte aber bereits am nächsten Abend bis 23:00 Uhr auf, und das ging so weiter, bis sie erst ab 4:00 Uhr morgens das Licht nun endgültig löschte. Das lohnte sich für sie, waren doch zahlungskräftige Künstler aus der DDR ihre Gäste, die von ihren FDJ-Funktionären begleitet wurden. Dem Barkeeper machte es zunehmend Spaß, Bestellungen auf Englisch entgegenzunehmen. So kam es, dass in einer sowjetischen Stadt, die den Deutschen im Winter 1943/44 ihre größte Niederlage bereitet hatte, die Söhne der Besiegten in der Sprache des Klassenfeindes Whisky bestellten.
Einer jedoch machte das nicht mit: Der Vorsitzende des Zentralrates der FDJ Egon Krenz, der zwölf Jahre später in die Fußstapfen von Erich Honecker treten sollte. Der bestellte auf Russisch (!) seinen Wodka, doch der Barkeeper ignorierte ihn - er war für ihn nicht existent. Krenz versuchte es wieder und wieder, und bekam die gleiche Reaktion. Mittlerweile wurden die anwesenden Künstler und somit auch wir neugierig, wer den Kampf wohl gewinnen würde. Krenz wurde immer ärgerlicher, der Barkeeper immer cooler und bediente alle, nur Krenz nicht. "Versuch's doch mal mit Englisch, Egon, oder kannste das och nicht?", höhnte es von hinten. Dann mischte sich ein Typ ein, der vom KGB gewesen sein musste und der Barkeeper gab klein bei. Alle haben es dem Krenz gegönnt, dass er einmal seine Grenzen kennenlernte.
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Wolgograd ist berühmt für das höchste freistehende Denkmal der Welt, das ausnahmsweise mal nicht wie die Freiheitsstatue in New York steht (siehe Bild oben). Zu finden ist es auf dem Mamajew-Hügel, der heute an die Schlacht von Stalingrad während des Zweiten Weltkrieges erinnert. Unter dem Denkmal erstreckt sich eine Parkanlage, die ihren Besuchern neben typischen sowjet-pathetischen Steinskulpturen eine riesige, von einer Steinhand gehaltene Ewige Flamme präsentiert. Meine Fotos vom Mamajew-Hügel waren ziemlich dilettantisch und ich kann mich deshalb wenig an unseren dortigen Besuch erinnern. Wir waren in einem Besucherstrom, von dem sich die DDR-Besucher durch ihr FDJ-blau absetzten.
Alle aktiv Beteiligten trugen eine passende Oberbekleidung, damit jeder wusste, mit wem man es zu tun hatte. Eigentlich sollte man ja das FDJ-Hemd tragen, aber so hatten wir Künstler wenigstens eine Alternative.
057 20121004 1769055532Dina war wegen des offiziellen Charakters wieder in unser Team integriert, sie sang auch etwas auf Russisch und ich glaube, Henry musste auch in der Sprache des Bruderlandes singen. Er hatte manchmal Schwierigkeiten, sich seine Texte zu merken, und am schlimmsten war es natürlich im Ausland, wenn er die Sprache nicht beherrschte. Also wurden große Papierbögen mit gut lesbarer Schrift auf den Bühnenboden ausgebreitet, von denen er dann in etwas gebückter Haltung den Text ablas, wenn er nicht mehr weiterwusste.
Die Gäste aus der DDR fielen nicht nur durch ihre standardisierte Oberbekleidung auf, sondern auch durch die Jeans, die sie trugen. In der Sowjetunion waren ja für die meisten der Bevölkerung Jeans ein Fremdwort, und das im doppelten Sinn. Wir waren für sie wieder mal die Gäste aus dem Westen, egal wo der nun begann. Man hat für uns allerhand organisiert, schließlich zählten wir zu den Privilegierten. So machten wir eine tolle Bootsfahrt auf der Wolga und sahen etwas mehr als die gesichtslose Stadt Wolgograd. Die Zugrückfahrt war weniger lustig, denn die Musiker vom Günther Fischer-Sextett kauften sämtlichen Alk an Board auf, und wir mussten neidisch zusehen, wie sie immer gut gelaunt der Ankunft entgegensahen.

Kubanisches Vorspiel
Im Januar 1978 fand im Palast der Republik eine Veranstaltung "zur Vorbereitung der Weltfestspiele der Jugend in Havanna" statt - der genaue Titel ist auf der Strecke geblieben. Im Palast spielen hieß für uns immer, irgendetwas mitgehen zu lassen. Schließlich war es ja der Palast des Volkes und wir gehörten zum Volk. Oder etwa nicht? Wir waren nicht die Einzigen, die mit volleren Taschen den Palast zum Seitenausgang für Mitwirkende verließen, denn im Laufe der Zeit gab's gewisse Sachen nicht mehr oder es wurde höllisch aufgepasst, dass sie nicht verschwanden. Ich habe noch jetzt zwei Handtücher aus Palastgründerzeiten zuhause, denn die waren so gut, die mussten aus Schweden gewesen sein... Die Schweden hatten ja ihren gehörigen Anteil an dem Palast; von ihnen kamen auch die Armaturen für Bad und Toilette, die man dann in Eigenheimen der Palastbauer wiederfinden konnte. Eine bekannte Sängerin ließ sich von ihrer Band mit Sekt-, Cognac- und Weingläsern ausstatten, sie handelten sozusagen im Auftrag. Als sie ihre Kollektion a 6 Stück zusammen hatte, wollte sie den Seitenausgang mit einer prall gefüllten Tasche verlassen, aber daraus wurde nichts - sie wurde erkannt, gefilzt und zehn Jahre nach Sibirien geschickt... (Nein, das ist eine Lüge, aber sie bekam Palastverbot und noch einige andere Verbote, bei denen sich die Gerüchteküche aber nicht einig war).
So, Gerhard hatte also seine Beziehungen zum Zentralrat der FDJ spielen lassen, um an besagter Veranstaltung teilnehmen zu können. Das war nämlich der erste Schritt, um für eine Reise nach Kuba auserwählt zu werden. Um im Palast aufzutreten, bedurfte es einer besonderen Leistung, entweder politisch oder künstlerisch.
"Schreibt doch mal ein Stück, das was mit den glorreichen Kämpfern in Kuba gegen den US-amerikanischen Imperialismus zu tun hat. Ihr kriegt auch 'ne große Besetzung, wenn ihr wollt", sagte einer, der das Sagen hatte. Also bekam ich den Auftrag, ein Werk für Rockband und Sinfonieorchester zu schreiben. Klar, die Rockband waren wir und das Sinfonieorchester war das Rundfunkorchester Leipzig, aber das war mir erstmal egal. Ich hatte ja ein großes Vorbild, und das war John Mclaughlin's Mahavishnus Orchestra mit ihrem Werk Apocalypse, das von dem Londoner Sinfonieorchester eingespielt wurde. Das war schon Weltmusik und ist es noch heute. Da ein Vergleich für mich der Griff nach den Sternen bedeutete, wurde ich zum Schuster, der bei seinen Leisten blieb. Ich schrieb also ein mehrsätziges Werk, das mit einem Orchester-Intro begann und von uns rockjazzig fortgeführt wurde. Natürlich musste es mächtig klappern, und das nicht in Bezug auf unrhythmisches Spielen, sondern auf den Einsatz von Perkussionsinstrumenten, damit die Kubaner auch erkennen, dass es für sie komponiert wurde. Wir übten unseren Part und ich schickte die Partitur nach Leipzig, damit das Orchester auch schon mal einen kleinen Eindruck von dem hatte, was dann gemeinsam geprobt werden sollte. Dann fuhren wir nach Leipzig und bauten unser Equipment in dem Sendesaal des Rundfunkgebäudes auf.
Das Orchester war schlecht. Der Dirigent war schlecht. Das Orchester konnte mit der Musik überhaupt nichts anfangen, der Dirigent tat aber so. Es war ein einziges Geklapper, womit wieder das Unrhythmische gemeint ist. Die Musiker guckten auf die Uhr, ob denn ihre gewerkschaftlich zugesicherte Pause schon eingetreten sei. Wir hatten dann noch eine weitere Probe im Palast der Republik und das war's dann auch.
Am 26. Januar 1978 war der Tag der Uraufführung. Ich freute mich schon wieder mal diebisch, weil mir ein weiteres Husarenstück gelungen ist. Der berühmte argentinische Revolutionär Che Guevara, der am Sieg der Revolution in Kuba maßgeblich beteiligt gewesen ist, war bei den Machthabern der DDR nicht gerade beliebt, er passte schon rein äußerlich nicht zu der Idealvorstellung, wie ein Revolutionär auszusehen hatte: Lange Haare, Bart und kein FDJ-Hemd. Außerdem war ja Fidel Castro der liebe Gott und Che höchsten ein niederer Not-Engel. Aber wie es so ist - was von den einen gehasst wird, wird von den anderen geliebt. Che zierte die Wände nicht nur von Teenagern, sondern auch von Studenten und Oppositionellen. Das war der zweite Dorn, der in die Augen der Funktionäre stach. Das alles ging mir durch den Kopf, als ich nach einem Titel für mein Stück suchte. Am Schluss stand für mich fest, das Stück sollte "Che Guevara Suite" heißen! Verbieten konnte man es mir nicht und Einwände hinter vorgehaltener Hand waren auch politisch nicht korrekt.
Die Führungsriege der FDJ und Mitglieder des Politbüros saßen in der ersten Reihe, als die Ansage eines Moderatos die "Che Guevara Suite" ankündigte. Wir traten zusammen mit dem Orchester auf die Bühne, bekleidet mit unseren schwarzen Smokings, die wir jetzt zum zweiten Mal trugen. Dann nahmen wir unsere Plätze ein, der Dirigent Klaus Wiese hob den Taktstock und die Musik begann mit dem sehr unsicher dargebotenen Orchesterakkord. Wir waren natürlich alle sehr aufgeregt, immerhin waren da zweitausend Leute im Saal, und der Rundfunk machte einen Mitschnitt. Als der gesendet wurde, schämte ich mich für das Orchester und schämte mich für die Leute, die Toningenieur und Tonmeister hießen. Und vor allem schämte ich mich für diesen Klaus Wiese, der sich am Schluss derartig in den Vordergrund verneigte, dass man annehmen konnte, er hätte hier alles allein gespielt. Ich glaube, ich gab ihm noch dankend die Hand, wie sich das gehörte und seine war feucht und schwammig. Zwischen der Apocalypse und der "Che Guevara Suite" waren nicht nur Welten bei der Aufführung... Nein, dazwischen lagen schon Galaxien. Ich muss trotzdem heute sagen, unter der berühmten DDR-Käseglocke war es einfach progressiv, das erste Stück mit Rockband und Sinfonieorchester, aber hinter den Bergen, bei den sieben Zwergen... Ich möchte mich nicht wiederholen. Global gesehen hatte ich es höchstens zu einem Einäugigen gebracht, der noch viele Blinde um sich wusste.
Bei unserem Live-Repertoire hatten wir ein längeres Werk, das nicht auf unserem Mist gewachsen war. Der Keyboarder Rick Wakeman von der Band YES machte ein Soloprojekt und spielte die Platte "Six Wives of Henry VIII" ("Die sechs Frauen Heinrich des Achten") ein. Ich weiß nicht mehr, wer von uns daraus den Teil über das Weib Catherine Howard angeschleppt hatte, jedenfalls fügten wir es unserem Repertoire hinzu. Zach sagte komischerweise immer Catherine Parr an, obwohl das die letzte Frau Heinrich des VIII. war; wir spielten aber die dritte. Zach gab sich sehr viel Mühe bei der englischen Aussprache. Das "th" ließ seine Zunge förmlich am Gaumen kleben, während er bei "Parr" mit einem Kloß im Mund kämpfte. Sein Englischlehrer hätte seine wahre Freude an ihm gehabt. Rick Wakeman hatte seine YES-Vergangenheit außen vor gelassen, denn es war ein ziemlicher Schmalz, den er da auf Platte gebracht hatte. Ich war der Einzige, der sich da etwas abfällig geäußert hatte, und das rührte noch von meiner Zeit bei Bürkholz, wo wir geradezu vernarrt in YES gewesen sind. Für uns bestand der Vorteil des Coverns dieses Stückes darin, dass wir etwas "für's Volk" hatten, denn schon der Name "YES" oder "Rick Wakeman" zog die Leute in ihren Bann - mit "Leute" meine ich natürlich Fans, die sich in der Rockszene einigermaßen auskannten. Weiterhin hatten wir die Möglichkeit, unser Mellotron zum Einsatz zu bringen. Ach, wie schön wäre es doch gewesen, hätten wir bei Ankündigung des Werkes irgendwie den Preis hinzufügen können. Vielleicht so:
"...Und hier ein Stück von Rick Wakeman, gespielt u.a. auf einem 38.000,- Mark teurem Mellotron, geschmuggelt vom Diplomatischen Chor der Republik Grönland und erstanden von unserem lieben Bandleader, der dafür einen längeren Aufenthalt in Bautzen riskierte. Und das alles nur für euch. Wir würden es sehr begrüßen, wenn ihr noch etwas Kleingeld übrig hättet, damit sich die nun verarmte Gruppe LIFT eine warme Mahlzeit leisten kann. Vielen Dank!"
Diese Ansage wurde nie gemacht, vor allem in der Sowjetunion nicht, denn was wussten die denn schon von Bautzen. Als wir das Stück spielten, hatten wir immer den Eindruck, als warteten die Leute darauf, dass aus der weißen Kiste kleine Geldscheine auf ihre Häupter schwebten. Zach sah auch schwebende Scheine - es waren Schuldscheine.
Unser Equipment war zu dieser Zeit recht beträchtlich. Ich hatte auf meiner Seite Minimoog, Hohner Clavinet und eine zweimanualige Farfisa-Orgel. Scheffi spielte auf einem Wurlitzer- und später Fender-Piano, dem ARP-Synthesizer und dem Mellotron. All diese Instrumente kamen bei Wakeman zum Einsatz.
Zwischen 1977 und 1978 wurden von uns einige Titel für eine geplante zweite LP aufgenommen, einige beim Rundfunk und die anderen bei AMIGA, dem einzigen POP-Label des Landes. AMIGA war schon etwas kommerzieller ausgerichtet und hatte deshalb auch ein wenig mehr Freiheiten zu bieten, denn schließlich sollte ja auch Westgeld ins Haus kommen. Die Chefs, die dort mit dem roten Daumen nach oben oder unten zeigten, waren schon wesentlich liberaler als die von der Partei gesteuerten Mitarbeiter des Rundfunks. Bei AMIGA wurden oft Texte durchgewunken, die beim Rundfunk im Papierkorb gelandet wären. Darauf konnte man sich aber nicht verlassen. Der Chefredakteur Rene Büttner entschied über gut und böse, er hatte also die Macht, die er je nach Laune auch manchmal genoss. Da wir aber ein gutes Training hatten, was Textfragen anbelangte, gab es bei AMIGA diesbezüglich keine Schwierigkeiten. Henry wusste nämlich, wie weit er den Bogen spannen durfte, und er kannte auch die Möglichkeiten, zwischen den Zeilen zu schreiben. Die DDR-Bürger gehörten zu einem Volk der Zwischen-den-Zeilen-Lesern (Leider haben die Genossen auch zwischen den Zeilen gelesen, aber meistens Sachverhalte, die gar nicht gemeint waren. Es war eine reine Frage der Interpretation.)
Aus nicht nur gesundheitlichen Gründen kam es zu einem Wechsel an den Drums, denn Werther Lohse hatte in der letzten Zeit merklich an Kraft verloren, sein Trommeln ließ einen gewissen Drive vermissen und seine Schläge waren weniger exakt als früher. Deshalb beschlossen wir in kleiner Runde, uns den Drummer Endrik Moll einzukaufen. Endrik war ein trommelndes Naturtalent und kam - wie sollte es anders sein - aus der Kaderschmiede Leipzig. Zu dem Konzert bei den Studenten an der Hochschule für Grafik in Leipzig 1970 hatte ich ihn das erste Mal gehört und gesehen. Seine Arme glichen denen eines Oran-Utans und er trommelte da selbstvergessen ein Schlagzeugsolo von mindestens 20 Minuten. Ich wusste gar nicht, dass man so trommeln konnte. Seine Hände waren derartig unabhängig voneinander, dass er mit der einen vier und mit der anderen gleichzeitig fünf Schläge machte. Manche haben ja schon Schwierigkeiten, mit links zwei und mit rechts drei Schläge auf einmal zu machen. Dazu kamen noch seine beiden Füße, die ebenso unabhängig waren. Egal wo wir waren, Endrik fand immer etwas, worauf er trommeln konnte, und es klang immer nach etwas Besonderem. Wir Musiker bewegten schon nach dem zweiten Takt automatisch unsere Füße mit dem Endrik-Beat. Das musste erst einmal jemand nachmachen! Mit Endriks Begabung konnte nur noch die absoluten Gehöre von Scheffi und mir mithalten. Da hatte der liebe Gott aber wieder mal ganze Arbeit geleistet.
Endrik war eigentlich ein Jazztrommler, denn da konnte er seine Fähigkeiten unter Beweis stellen. Alle Titel, die etwas jazziger waren, trommelte er natürlich besser als sein Vorgänger. Mit einmal bekam das Ganze den bisher vermissten Drive und wir sahen uns manchmal auf der Bühne an und nickten beifällig mit dem Kopf, wenn er sich mächtig ins Zeug legte. Er trommelte dir das Blaue vom Himmel, aber eins konnte er nicht: den kräftigen Beat eines Rockschlagzeugers. Ich war immer hin- und hergerissen, weil mir einerseits seine jazzige Herangehensweise an einen Rocktitel auch gefiel, aber ich letztlich doch den Rockdrummer bevorzugt hätte. Außerdem hatte er noch eine Angewohnheit, die uns immer mehr missfiel: Er trommelte zu viel. Das bedeutete, er konnte nur mit äußerster Disziplin einen einfachen Beat schlagen, und ab und zu schlichen sich immer ein paar Schläge mit ein, die gar nicht sein durften. Er war halt immer der Artist auf seinem Instrument. Manchmal haben wir zu ihm gesagt, "Endrik, du zertrommelst wieder mal alles." Endrik war ein lustiger Mensch, der ab und zu mal böse Gags machte, die nicht jedermanns Sache waren. Das passierte meistens dann, wenn er "einen drin hatte". Das bedeutete, er hatte sich wieder mal an einer Flasche Schnaps gelabt.
Die "Tagesreise", die von Bürkholz über Krüger ihren Weg zu Automobil fand, wurde nun auch von uns gecovert und später bei AMIGA eingespielt. Und gerade da wäre ein Rocktrommler vonnöten gewesen. Durch Endriks jazzige Schlagweise, die zwar notengerecht war, aber den entsprechenden "Bums" vermissen ließ, war die Originalfassung der Horst-Krüger-Band doch die bessere Wahl. Ich hatte ein paar Veränderungen vorgenommen, um den Song im Mittelteil noch etwas aggressiver zu machen, aber es fehlte eben an einer Heavy Metal-Gitarre, an einem Chor mit geilen Frauenstimmen und nicht zuletzt eben auch an einem Rockdrummer. Live spielte das alles weniger eine Rolle, da galten andere Gesetze. Wenn die Leute im Saal einen eigenen Song von uns wiedererkannten, der dazu auch noch erfolgreich gewesen ist, war es sekundär, wie weit er dem Original entsprach. Daran konnte man verfolgen, dass sich das Publikum auch mit entwickelte.
Unser Livespiel wurde immer perfekter und routinierter. Ich hatte wie immer ein Keyboardsolo, das ich mit Drum-Unterstützung begann und dann solo weiterführte. Ich kannte meine Stellen, die kommen mussten, weil sie technisch gut von mir gespielt wurden und den Leuten eine gewisse Achtung entlockten. Ich wusste auch, wann ich meine langen Haare zur Seite werfen musste, wann ich breitbeinig auf der Bühne zu stehen hatte und vor allem wann ich den entsprechenden Part spielen musste, der die anderen wieder auf die Bühne beförderte, um das Stück zu Ende zu spielen (Das alles kam aus dem Bauch und war keine eiskalte Berechnung, nur im Nachhinein kann ich es natürlich so zusammenfassend auf einen Punkt bringen.)
Aber irgendwie fehlte mir etwas. LIFT wurde zur Art-Rockband, stellte hohe Ansprüche an sich und an sein Publikum und machte den Spagat zwischen Lied und Jazz, der eigentlich nicht zu schaffen war. Unsere Größe bestand nur in Relation zu anderen Art-Rockbands. Wir waren aber keine Kapelle, die volkstümliche Musik fabrizierte und diese dann dem Publikum als "Rockmusik" präsentierte. Eigentlich machten wir eine Nischenmusik und der Erfolg in den Medien kam vor allem durch die so genannten "Lieder" und durch Zachs Rühren an den maßgeblichen medialen Stellen. Wir füllten keine Stadien, da gab's noch keine Band in der DDR, die das vollbrachte, es sei denn eins mit tausend Personen. Aber wir hatten wenigstens fast immer ausverkaufte Säle, und wir mussten nicht mehr "zum Tanz" spielen! Das Zum-Tanz-spielen war mit zunehmendem Anspruch unsererseits immer mehr mit Repertoire-Kompromissen verbunden, schließlich kamen die Leute ja zum Tanzen und wollten kein ellenlanges Schlagzeugsolo hören oder einem Keyboarder sehen, der mit gespreizten Armen zwei Keyboards bediente und mit der Nase auf einem dritten einen Ton aushielt - das habe ich mal aus Gag gemacht, das wurde aber nie lobend erwähnt. Klar, es gab immer ein paar, die mit aufgestützten Ellenbogen am Bühnenrand standen und das Geschehen da oben verfolgten. Aber die anderen riefen nach dem Kellner, gingen pinkeln, brüllten sich ihre nächtlichen Erlebnisse ins Ohr oder saßen missgelaunt in einer Ecke, weil sie so hässlich waren. Als Blueskapelle braucht man so etwas, da wird der Kontakt über den Tresen zum Kuttenpublikum hergestellt, die Musik ist mit ihrem immer wiederkehrenden 12-Takte-Schema erkennbar, und die Mädels werden mit jedem Bier immer schöner. Dem konnten wir durch eine Konzertform aus dem Weg gehen. Die wilden Anfangs-70er, wo man noch alles durfte, weil keiner wusste, was nun wirklich in war, wichen beim Volk einem zunehmenden Drang zum Einfachen. Das Konzert war die Ausnahme, die man sich gönnte, um dabei gewesen zu sein. Zwischen Renft und LIFT lagen zwar keine Welten, aber der Abstand war schon beträchtlich. Da wir ein Unter-der-Käseglocke-leben gewöhnt waren, hatten wir kaum den Traum, aus Mölkau bei Leipzig ein Woodstock zu machen und vor einer halben Million Fans zu spielen. Natürlich wären wir auch gern nach dem Westen gefahren und hätten dort wenigstens auf irgendwelchen Scheiß DKP- oder Gewerkschaftsveranstaltungen gespielt - "die Hauptsache mal raus hier", sagten wir uns. Deshalb musste Zach der FDJ und der SED und der Künstleragentur diplomatisch am Arsch lecken (um das mal so direkt auszudrücken). Durch seine Diplomatie konnte man uns nie vorwerfen, die System-Kuh gemolken zu haben, wir konnten immer noch am Abend in den Spiegel schauen. Aber auch diese Typen, die am Hebel der Kulturmacht saßen, waren nur Menschen, und daher in einer gewissen Weise auch korrupt. Eigentlich ist es lächerlich, aber schon ein Plakat oder ein Päckchen Kaffee ließ manches rote Herz dahinschmelzen. Der Alte machte manchmal Andeutungen, was da vonstattenging, alles andere war Betriebsgeheimnis.
Das Team Scheffler/Pacholski wurde stilistisch immer bestimmender. Scheffi war ja ein ausgezeichneter Pianist, er konnte auch auf seinem Wurlitzer-Piano ganz schön rumalbern. So verhunzte er gern bekannte Songs und spielte seine innig geliebten Beatles auf eine Art, die mit dem Original nicht mehr viel zu tun hatte. Leider kann ich von den Beatles in seinen Songs nicht viel wiederfinden. Seine Melodien waren für mich eher die eines Pianisten, aber nicht die eines Sängers. Er dachte beim Schreiben immer pianistisch, während ich mir auch die Gitarre zur Hand nahm, um mir eine neue Melodie einfallen zu lassen, wie ich es bei Wasser und Wein getan habe.
Ich muss an dieser Stelle feststellen, ich war zu bequem, das schöne Leben bei LIFT aufzugeben, denn ich hatte ja alles, was ein Musikant eigentlich braucht: Gute Musiker und genug Auftritte, die auch nicht mehr als fünfzehn im Monat überschreiten sollten, "damit wir nicht in der Routine ersticken und kreativ bleiben", so Zachar. Damit hatte er Recht. Aber die Routine kam ja trotzdem und das Kreative blieb bei mir nach und nach auf der Strecke. Ich hatte andere Vorstellungen, was den Musikstil anbelangte. So schön die Lieder auch waren, es hatte immer den Touch von "Oma-Musik", auch wenn wir sie gern als "zeitlos" hinstellten. Und da ich gern wieder mal Rockmusik machen wollte, fand ich bei LIFT keine Mitstreiter. Scheffi war Jazzer und hatte für Rockmusik nur verächtliche Bemerkungen übrig, wenn er mal aus sich rausging; Henry war der Poet und Liebhaber Schwarzer Musik, Endrik trommelte alles, aber am schlechtesten Musik, die hart und kräftig war, und Zach war so mittendrin, weder Fisch noch Fleisch und war in erster Linie der Manager, der aus so einem kleinen Haufen eine gute Band gemacht oder besser "organisiert" hatte. Die Wahrheit wird sein, dass jeder seine eigene Vorstellung von einem idealen Repertoire hatte und wieder nur durch Kompromisse ein Profil hergestellt werden konnte. Es hätte auch keinen Sinn gehabt, die Bandmitglieder umzustimmen, denn so etwas muss von innen kommen.

Reise ins sozialistische Amerika
Endlich war es soweit und wir ernteten die Früchte unseres Auftritts im Palast der Republik - Che Guevara hatte uns Glück gebracht. Am 25. Juli flogen wir mit einer IL-62 nach Kuba. Es war ein gemischter Haufen aller Altersgruppen, bestehend aus Blauhemd- und Jeansträgern. Wir flogen zuerst nach Nordwesten, weil das Flugzeug im kanadischen Gander aufgetankt werden musste. Das war unser erster Besuch auf westlichem Boden. Normalerweise mussten Passagiere beim Auftanken das Flugzeug aus Sicherheitsgründen verlassen, wir aber durften es nicht. Wie wir später erfuhren, hatten bei einer Maschine vor uns einige der Blauhemden den Weg über den Transitraum genutzt, um politisches Asyl in Kanada zu beantragen. Ob sie ihr Hemd vorher ausgezogen hatten, ist nicht bekannt. Doch nun waren die Genossen gewarnt: Ab jetzt durfte keiner mehr den Transitraum betreten! "Wenn beim Tanken der Flieger explodiert, sterben sie wenigsten für eine gute Sache!", würde ein Zyniker sagen. Es wurde während des zweistündigen Aufenthaltes immer wärmer, denn die Klimaanlage war ausgeschaltet worden. Deshalb musste eine Passagiertür geöffnet werden, um etwas Westluft in den sowjetischen Flieger zu lassen. Das war die Gelegenheit für mich, ein Foto zu schießen, um es stolz zuhause vorzuzeigen:
"Guck mal hier, ich in Kanada", würde ich verkünden.
"He, und da sind auch noch richtige Menschen drauf. Kanadier?"
"Flughafenpersonal."
"Und die durftest du so einfach knipsen?"
"Ach weißt du, da stand so einer neben mir, dessen FDJ-Hemd ihm wegen der Bauchweite hervorragend passte. Der muss sich Sorgen um mein Wohl gemacht haben, denn er sagte dann auch noch, es sei hier verboten, Fotos zu machen. Da habe ich gesagt, im Westen ist alles anders, worauf der wieder mit Bautzen kam, aber das bilde ich mir vielleicht auch nur ein. So was kann zur Manie werden, du verstehst? Ich habe ihm noch schnell 'Freundschaft' entgegengerufen und mein Foto gemacht. Bei 'Freundschaft' ist er weich geworden und hat mich gehen lassen."
"Und mit der Einstellung bist du Reisekader geworden?"058 20121004 1578344896
Reisekader. Wer in den Westen fahren wollte, wurde gecheckt, und zwar nicht beim Verlassen des Landes... Nein, schon Monate vorher. Da mussten viele Papiere ausgefüllt werde, man musste Westverwandtschaft und Kontakte angeben. Ich hatte diesbezüglich mal eine reine Weste und andere politische Übeltaten waren den Leuten vom MfS nicht bekannt. Oder doch? Ich weiß es nicht, aber ich hatte auf alle Fälle wenige Tage vor dem Abflug meinen Reisepass mit dem Visum für Kuba erhalten. Nur unsere drei Roadys, die noch in Dresden wohnten, durften die Weltfestspiele am heimischen Fernseher verfolgen, falls sie darauf nach ihrer Ablehnung noch Lust hatten. Die haben auch nie erfahren, was der Grund dafür gewesen ist. Vielleicht wollten sie mal in einem Intershop mit Ost-Mark bezahlen und das ist ihnen als Provokation ausgelegt worden. Wir haben dann auf einen anderen Techniker ausweichen müssen, der eine reine Weste hatte.
Als wir über das Bermudadreieck flogen, sagten wir uns gegenseitige Tschüss, aber man wollte uns da unten nicht. In Havanna schlug uns 96% Luftfeuchtigkeit entgegen und wir dachten an die weiteren Tage, die wir damit verbringen mussten. Es war eine Frage der Gewöhnung, denn schon nach drei Tagen machte uns das nichts mehr aus. Unser "Lager" war ein von DDR-Leuten neu und als Geschenk errichtetes Objekt, zu dem mehrere Flachbauten inklusive Küchentrakt und Speisesaal open air gehörten. Es gab keine verglasten Fenster, nur hölzerne Fensterläden mit nicht verstellbarem Lamellenwinkel, die vor einfallendem Sonnenlicht schützten. Ein großer Schlafsaal mit Doppelstockbetten gab dem Ganzen einen Hauch von Kinderferienlager. Nur die "großen" Künstler wie Hauff/Henkler bestanden darauf, in einem Hotel untergebracht zu werden. Ihr Wunsch war der FDJ Befehl, sie kamen in der City in einem Hotel unter, wo es täglich nur zwei Stunden Wasser gab und der Strom auch ab und zu mal ausfiel. Wir gönnten ihnen ihren Extrawunsch und rieben uns dabei die Hände vor Schadenfreude. Als sie einmal unser Objekt besuchen mussten, wären sie fast zum Rumpelstilzchen geworden, das vor Wut im Erdboden versank, denn wir badeten gerade in unserem Swimmingpool und ließen uns von einem pechschwarzen Neger ein kühles Bier bringen - und das ist diesmal keine Übertreibung!
Es gab diesen Pool, man konnte aber am frühen Morgen noch nicht baden, weil er gereinigt wurde, und das bedeutete, für die Deutschen musste deutsch gehandelt werden. Es gab kubanisches Personal für alles: Vom Busfahrer über Reinigungskräfte, Pool-Instanthalter, Küchenpersonal und natürlich auch Dolmetscher. Alles war wie für uns geschaffen. Fünf Jahre vorher hatte ja die DDR die Weltfestspiele ausgerichtet und man wollte es uns gleich tun, was die Perfektion anbelangte. Die DDR steckte Abermillionen in dieses Fest, aber auch die anderen "Bruderländer" trugen ihren finanziellen Teil bei, damit dieses arme Land für den Kalten Krieg erhalten blieb.
Ein paar Tage, nachdem sich auch die Letzten per Flugzeig oder Schiff eingefunden hatten, gab es die offizielle Eröffnung unseres Lagers. Dazu mussten wir uns wieder mal unsere "Dienstkleidung" überstreifen. Irgendein Modefuzzi hatte sich eine Kombination ausgedacht, die auch Wind und Wetter standhalten sollte. Neben Hosen, Hemd, T-Shirt, schlecht sitzendem Basecap und einer Jacke gab es auch noch ein Cape, denn pünktlich um 16:00 Uhr begann der subtropische Regen, der bis gegen 17:00 Uhr anhielt. Dann lachte über Kuba wieder die Sonne und über die DDR die ganze Welt (Entschuldigung, war'n alter Ostwitz, den wollte ich schon immer mal loswerden).
Wir mussten uns also etwas überziehen, Hose und Hemd, zu mehr hätten die mich auch nie gekriegt. Dazu Sandalen, und Sandalen waren zwar nicht verboten, aber als guter FDJler sollte man schon den Traditionen des Gastland entgegen kommen. In Kuba kam ein großer Teil der Bevölkerung ursprünglich aus armen afrikanischen Ländern. Dort galt schon der Besitz von festem Schuhwerk als reich und man konnte damit seinen höheren Lebensstandart zeigen. Deshalb trugen alle erwachsenen Kubaner feste Schuhe. Komischerweise trugen nach einer Woche mehr und mehr FDJ-Funktionäre Sandalen.
Es wurde eine Rednertribüne aufgestellt, auf der die Führung von FDJ, SED und was weiß ich noch Platz nahm. Diese Tribüne war überdacht, denn wer weiß, was geworden wäre, hätte einer von denen durch die Sonne noch Schaden genommen. Wir standen rechts und links neben der Tribüne, nicht überdacht; ihnen gegenüber formierte sich eine kubanische "Delegation" aus kleinen Kindern, die weiße Hemden mit Halstüchern trugen. Hinter ihnen standen Mitglieder der kubanischen Jugendorganisation. Egon Krenz als FDJ-Chef trat ans Rednerpult und redete seine Rede, wie er zu solchen Anlässen immer seine Rede geredet hatte. Er redete also und sagte nichts. Es war die übliche Anhäufung von austauschbaren Phrasen, nur dass das Wort Kuba mit einfloss. Die Kubaner wurden immer unruhiger, obwohl sie von Fidel Castro auch ellenlange Reden gewöhnt sein mussten. Aber wahrscheinlich waren die nicht so platt wie die von Egon. Als unsere Hemden den Schweiß fast nicht mehr aufsaugen konnten, war die Rede zu Ende, und es folgte ein kultureller Teil, aus ein paar Lautsprechern schepperte ein kubanisches Lied, das aber wie immer sehr rhythmisch war, glücklicherweise. Die Kinder begannen, sich auf der Stelle tänzerisch zu bewegen, weil sie bei dieser Musik einfach nicht anders konnten. Plötzlich befreite sich ein Mädchen aus dem Reihenzwang, indem sie vortrat und auf der freien Fläche zu tanzen begann. Das war nicht geplant! Eigentlich hätten die verantwortlichen FDJler jetzt eine Krisensitzung einberufen und ein Direktgespräch nach Berlin ins Politbüro herstellen müssen, um neue Anweisungen zu erhalten - man konnte ja nicht wissen, ob dieses Vergehen zu einer zweiten Kubakrise führen würde. Das kleine Mädchen blieb nicht die einzige Tänzerin, denn nach und nach gesellten sich immer mehr Kinder zu ihr, und am Schluss tanzen alle vor den strammstehenden Deutschen. Das ging mir runter wie Öl! Als ich diese nicht zu überbietenden tänzerischen Bewegungen der noch kleinen Kinder sah, beschloss ich, nie wieder einen Fuß auf eine Tanzfläche zu setzen. Und den Mitgliedern des Fernsehballetts der DDR gab ich den Rat, einen anderen Beruf zu ergreifen.
Nach drei Tagen fand im größten Stadion Havannas die Eröffnungzeremonie der Weltfestspiele statt. Wir durften am Vormittag schon einmal Zeuge bei der Verlegung eines (DDR)-Rollrasens sein. Unter einer schneidenden Megafonstimme rollten dutzende Kubaner den Rasen auf die Spielfläche. Die Stimme gab deutsche Kommandos, denn ein Mittvierziger Blauhemd-tragender Typ konnte kein Spanisch, wusste aber aus Erfahrung bei den Weltfestspielen 1973, wie so ein Rasen zu verlegen war. Irgendwie kam da wieder Freude auf beim deutschen Sinn für Ordnung und an diesem Beispiel kann man sehen, da ist etwas dran. Am deutschen Wesen soll die Welt zwar nicht gleich genesen, aber hingucken sollte man trotzdem einmal (Ich weiß, dass sich die Zahl meiner persönlichen Feinde um einige erhöht hat). Am Abend war die Organisation auch in deutscher Hand, es lief alles wie am Schnürchen, die Ausgesuchten der einzelnen Delegationen drehten ihre Ehrenrunde, etliche Delegierte wurden wegen Hitzschlag auf Bahren nach draußen befördert, Fidel sprach eine weniger als vier Stunden dauernde Rede, man feuerwerkte, und dann war auch schon Schluss. Nach ein paar Stunden.
Am nächsten Tag begann für die Delegation der Alltag, der darin bestand, Freundschaftstreffen mit den andern friedliebenden und unterdrückten Völkern abzuhalten. Entweder man begab sich zu ihnen, oder sie kamen zu uns. "Uns" bedeutete, sie kamen zu dem am anderen Ende Havannas gelegenen ehemaligen Yachthaven reicher US-Amerikaner, die seit dem Sieg der Revolution grollend irgendwo in Miami saßen und ihren Yachthafen zurückhaben wollten. Dort war es traumhaft schön, aber nur, wenn man die Kontrollen hinter sich gebracht hatte. Auch hier herrschte Ordnung, damit keine Terroristen sich einschmuggelten, die den Whiskey verdünnten oder die Gitarren der Singeklubs verstimmten. Unser kultureller Beitrag bestand aus ein paar Songs, deren spanische Texte durch Henry teilweise vom Bühnenboden abgelesen wurden, aber von Dina gelernt rüber kamen. Dazu kam noch der Latin-Teil der "Che Guevara Suite", den wir ohne Orchester spielen konnten. Hatten wir unser Werk vollbracht, stürzten wir uns in die 28 Grad warme Karibik oder setzten uns etwas abseits des politischen Geschehens an eine kleine Bar, wo wir für ein paar Pesos einen Cocktail tranken. Wir waren sozusagen unter uns, wir, die Kulturellen. Ich möchte wetten, dass manch neidischer Blick zu uns rüber kam, während sie, in ihre blauen Uniformen gepackt, für den Weltfrieden schwitzen mussten. Ich machte mir aus der Kleiderordnung gar nichts. Eigentlich trug ich hochgekrempelte Jeans, Sandalen und eine offenen helle Weste auf der nackten brutzel-braunen Haut.
Neben unserem Yachthafen befand sich der bulgarische Klub, in den man ohne Kontrolle hinein konnte. Ein Stück weiter herrschte vor dem Yachthafen, der von der "BRD" benutzt wurde, ein reges Rein und Raus, wie es sich für einen demokratischen Staat gehört, auch wenn das Wort Demokratie nicht in der offiziellen Landesbezeichnung wiederzufinden ist. Havanna hatte sich natürlich rausgeputzt. Seit der Revolution wurden endlich wieder mal Fassaden gestrichen, PKWs und das dazugehörige Benzin importiert und vor allem Musikinstrumente- und Lautsprecheranlagen bereitgestellt. Natürlich sahen wir da typische DDR-Produkte wie Orgeln oder Gitarren wieder, aber auch japanische Fabrikate wurden eingeführt. Ich lernte zum ersten Mal tropisches Nachtleben kennen, denn da wurde die Stadt wegen der sonstigen Hitze erst richtig wach. Auch die kleinsten Kinder fand man um 23:00 Uhr noch quicklebendig auf den Straßen spielend vor. Überall wurde getrommelt oder gesungen und die Stadt quoll vor Herzlichkeit und Lebensfreude geradezu über. Wer ab 4:00 Uhr morgens noch in der City war, konnte durch sogenannte "Lumpensammler"-Busse ins Objekt transportiert werden. Da konnte man einige blaue Alkoholleichen wiederfinden, wobei das Wort blau im doppelten Sinn zu verstehen ist.
Es war für mich eine neue Erkenntnis, wie man unter den potenzierten Erscheinungen einer Mangelgesellschaft seinen Weg finden konnte, ohne gleich in deutsches Weh und Ach zu verfallen. Das soll nicht heißen, die Kubaner waren mit ihrem System zufrieden, aber eines einte sie alle: Der Hass auf die Yankees! Seit Beginn des 20. Jahrhunderts behandelten die Vereinigten Staaten Kuba wie eine Kolonie, dem erst Fidel und Che ein Ende bereiteten. Die Yankees wollten nun das Land aushungern, aber hier setzte der Stolz des Volkes ein: Lieber sich von der Sowjetunion aushalten lassen, als den Yankees klein beigeben. Es gab natürlich auch Ausnahmen, die in der Pseudo-Demokratie keine Zukunft sahen und versuchten, das Land zu verlassen. Sozial undurchsichtige Typen wurden während der Weltfestspiele aus Havanna verbannt, Havanna war clean. Nur manchmal bettelten Kinder um "one Dollar" und das nahm im Laufe der Jahre immer stärkere Formen an. Bei meiner letzten Kuba-Reise 1996 bettelten dann schon Erwachsene.
Neben unseren Auftritten im Yachthaven hatten wir einen Auftritt in einem kleineren Stadion, Beginn 16:00 Uhr. Da muss man sich vorstellen, dass 16:00 Uhr die Hitze ihren Höhepunkt erreicht hatte und auch der Regen wie üblich nicht auf sich warten ließ. Wir mussten also ab 14:00 Uhr unser Equipment aufbauen. Es war im Stadion ca. 60 Grad heiß, weil die Hitze durch die Sitze gespeichert wurde. Wir rannten mit den Instrumenten oder Boxen ins Stadion und noch schneller wieder hinaus. "Hier kommt keine Sau", dachten wir uns, aber dann füllte sich das Stadion, und wir mussten spielen. Die waren's ja gewohnt, mit diesen Temperaturen klarzukommen, aber für uns war es die reinste Sauna.

   
   
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