Teil 7
 
Der siebte Teil beschäftigt sich mit Michaels Einstieg bei der Gruppe LIFT. Der Autor klärt uns außerdem auf über das "Gagolytische Knospel", über die Entstehung von Spitznamen, Auslandstourneen und Erlebnissen mit den Musikerkollegen. Auch erzählt Michael erstmals von seinem "Putsch-Versuch" ;-) Aber lest selbst...
 
Lehr- und Wanderjahre: LIFT
August 1975. Ich erhielt ein Telegramm aus Dresden. Absender war mein späterer Bandleader und Freund Gerhard Zachar. Der suchte für seine Band LIFT einen anderen Keyboarder und dafür hatte er mich auserwählt. Eigentlich konnte er mit seinem Tastenmann zufrieden sein, aber nein, ehrgeizig wie Gerhard nun mal war, wollte er immer das Beste. Die Auswahl an guten Tastenspielern, die auch noch komponieren konnten, war nicht sehr groß, die wenigen spielten fest in irgendwelchen Top-Bands. Die Gerüchteküche meldete ihm, Automobil sei zu einer Muggentruppe verkommen, bei der man kein musikalisches Licht mehr am Ende des Pop-Tunnels erkennen konnte. Das alles gab den Ausschlag, mir das Telegramm zu schicken, um erste Vorgespräche in Gang zu setzten.
Es war an meinem Geburtstag im Oktober 1975, als ich mit der Gruppe LIFT meine Premiere feierte. Ich kann mich daran nicht mehr genau erinnern und weiß nur noch, dass der Ort, in dem wir spielten, Düben hieß und in der Nähe von Dessau lag. LIFT hatte zu dieser Zeit keinen besonders spektakulären Namen in der Szene, aber immerhin hatten sie einen Hit, den ihr Keyboarder Franz Bartzsch geschrieben hatte: "Wind trägt alle Worte fort". In dessen Fußstapfen sollte ich nun treten, denn sein Nachfolger hatte den Platz an den Tasten noch nicht sehr lange inne. Franz war auch mein Vorgänger bei der Horst-Krüger-Band, ehe ich dort einstieg. Ich wurde bei LIFT auch mit einer Polen-Tournee geködert, die schon Anfang Oktober stattfinden sollte. Was wollte ich also mehr, hatte Zachar mir doch die Musiker beschrieben, mit denen ich zusammenspielen würde: Der Sänger Stephan Trepte, der mit dem Gitarristen Peter Sandkaulen von der Sachsen-Promi-Band electra kam, weiterhin der Allround-Musiker Till Patzer, der meistens an Saxophon und Flöte zu finden war, und der singende Drummer Werther Lohse, der vor fünfhundert Jahren bei Malern als Jesusbildnis hoch gehandelt worden wäre. Alles in allem gute Musiker, die auch Noten lesen konnten und schon mal was von Dur und Moll gehört hatten. Damit war klar - ich sagte zu!
LIFT brauchte wie alle Bands, die es zu Rundfunk- oder Schallplattenproduktionen bringen wollten, einen Komponisten oder Songwriter, also einen "Schreiberling" - und hier beginnt zum ersten Mal das LIFT-Inzucht-Deutsch. Da muss ich voran stellen: Jede Band entwickelt mit der Zeit durch ständiges Zusammensein im Proberaum und auf Tour ihre typischen Gewohnheiten und auch Wort-Neuschöpfungen. Unter anderem wurde bei LIFT so eine Geheimsprache entworfen, die das "Gagolytische Knospel" genannt wurde. Leider bestand sie nur in der Anfangszeit und entsprechende Wörterbücher existierten nicht. Aber wir sprachen von den "LIFTlingen", erfanden Kunstwörter wie "Mummplinge" oder das Attribut "gagetisch". Oft gibt es dafür ein Schlüsselerlebnis, das nur die Bandmitglieder kennen und die deshalb ohne viel Aufhebens zu machen an Stellen lachen, wo Musiker einer anderen Band nichts mit anfangen können. Bei Bürkholz war Suhle der Mann, der viele Kunstnamen geschaffen hat und die ich jetzt manchmal noch verwende, wenn mir kein passendes Synonym einfällt. Mit "Kurt Eimer" schuf er einen Allgemeinplatz, der heute "Max Mustermann" heißen würde. In dieser Art folgten noch viele Namenskombinationen wie "Elvira Gängig" für Nutte, die wahrscheinlich in keinem Telefonbuch auftauchten.
Aus dem Bandalltag heraus entstanden auch Spitznamen, deren Herkunft oft nicht mehr nachvollziehbar sind, man sich aber seinen Reim drauf machen kann, wie es dazu kam. Stephan Trepte z.B. wurde "Leckedeck" genannt. Man kann unschwer das Wort lecken darin entdecken und wenn man seinen Hang zum weiblichen Geschlecht kannte, war es nur eine Frage der logischen Kombination, wo hier die Ursache der Namensgebung lag. Der Gitarrist Sandkaulen hieß mit Vornamen Peter. Wer nennt einen Gitarristen der Rockszene schon "Peter" wo der Name doch vollkommen unamerikanisch klingt, wenn man ihn nicht Pieter ausspricht? So machte man aus Sandkaulen einfach und schlicht "Keule" und das passte auch zu ihm. Es ist möglich, dass er diesen Namen schon seit seiner Schulzeit mit sich rumschleppt.
Mir wollte Petko, der Saxer der Horst-Krüger-Band, den Spitznamen "Fliege" verpassen, weil ich einmal einen Witz erzählte, bei dem es um eine Fliege ging. Da er der Einzige war, der den Spitznamen gelegentlich gebrauchte, verlief sein Ansinnen bald im Sand. Auch bei Renft wollte mir Cäsar einen Spitznamen verpassen: "Bemme". Ich war ja der Typ, der beim Treffen vor der Mugge im Ratskeller sein Brot mitbrachte, um Geld für den Orgelkredit zu sparen. Ja Cäsar, du weißt ja selbst, es war eine Luftnummer ...
Daran sieht man, ein Spitzname muss sich freiwillig in den Sprachschatz integrieren und welche Gesetzmäßigkeiten da eine Rolle spielen, ist noch nicht erforscht. Wahrscheinlich sitzt schon ein Typ in Harvard und arbeitet an seiner Promotion zu diesem Thema! Ich selbst wurde bei LIFT auch namens-vergewaltigt. Bisher nannten mich die meisten Micha. In der Schulzeit oder in schwachen Stunden mit einem Mädel wurde auch mal ein Michi gehaucht, aber das war's schon. Nun begann man aus einer nicht ausgesprochen Faulheit heraus, den Namen Heubach ein Stück abzuschneiden und ein Verniedlichungs-i hinzuzufügen: Heubi. In den drei Jahren, die ich mit LIFT verbrachte, mutierte Heubi am Ende zu dem einfach und schlichten, wenn auch nicht besonders elegant klingenden Heu. Alle die mich aus dieser Zeit als Heubi kennen, sprechen mich noch heute so an, die Heu-Variante ist selten geworden, Gott sei Dank. Einem der Techniker, der ein breites Sächsisch sprach, verpassten wir den Namen "Jaupel", was auf eine unverständliche Äußerung seinerseits zurückzuführen war. Wenn wir nach ihm riefen, wurde das "au" besonders breit und lang gezogen, und jeder Ur-Sachse hätte verständnisvoll mit dem Kopf genickt. LIFTs Bandchef Gerhard Zachar wurde zum "Alten". Er war zwar Baujahr 1945, hatte aber rein äußerlich bis auf seine Halbglatze nichts mit einem Menschen zu tun, den man als alt bezeichnen würde. Der Name kam von einem Witz, den er mal erzählte:
Sitzen zwei alte Männer auf einer Parkbank und dösen vor sich hin. Da dreht sich der eine zum anderen hin, stupst ihn mit seinem Ellenbogen an und sagt mit zahnlosem Mund: "Eh, du da, ... kennste mich nicht mehr? ... ich bin doch der alte ... der alte ... der alte ..."
Und spätestens jetzt zog Zachar Ober- und Unterlippe über seine Zähne und sprach mit immer leiser werdender Stimme: "... der alte ... der alte" und schaut nachdenklich dement an die Zimmerdecke.
043 20121004 1152957860Gerhard trug den Witz mit der entsprechenden Mimik und Gestik vor und wir klopften uns auf die Schenkel vor Lachen. Bald machten wir ihn nach und formten unsere Münder auch wie Gebissträger, die das gute Stück aber gerade in ein Wasserglas geparkt haben, und sagten: "Ich bin doch der alte ... der alte..." Irgendwann ergab sich, dass wir dann Gerhard mit "der Alte" anredeten. Bloß gut, dass zu dieser Zeit das Wort "Alter" noch nicht so inflationär gebraucht wurde wie dreißig Jahre später, wo jeder Viertel- und Halbwüchsige mit "Eh, Alter" seinen drei Jahre jüngeren Bruder meint. Und mit der Fernsehserie im Zweiten hatte "Der Alte" auch nichts am Hut. Der Alte war Micky-Maus-Fan und liebte insbesondere Donald Duck. Als junger Mensch ist er irgendwie an die Hefte rangekommen und hat sie förmlich verschlungen. Klar, Radio und TV aus dem Westen hatte man in der Dresdner Ecke bzw. Glauchau, seinem Geburtsort, nur bei ausgesprochenen Überreichweiten. Also war so ein Comic schon eine schöne Abwechslung und ein Stück spätkindlich gefühlter Freiheit. Am meisten liebte er die Sprechweise der Protagonisten, die viele Begriffe mit der Endung -ing hatten. So projizierte er sein gelesenes Micky-Maus-Leben in die Realität und erfand die LIFTlinge und auch die Schreiberlinge, womit der Kreis, der mit den LIFTlingen begann, wieder geschlossen ist ... Den Begriff "Schreiberlinge" las ich erst Jahrzehnte später in einem Buch und ich bin mir nicht sicher, wer hier von wem geklaut hat.
Natürlich bediente er sich im Alltag auch lautmalender Wörter wie "wuff!", "peng!" oder "krach!", was auf seine Familienmitglieder abfärbte - Frau und Kind taten es ebenso und tun es noch heute! Das sind die Spuren, die Weltliteratur hinterlassen kann! Wuff!
Unser Repertoire war ein Gemisch aus liedhaften Songs, Funk, Rock-Jazz, Art-Rock und Pop. Teilweise wurden Songs aus dem alten LIFT-Repertoire übernommen oder neue geschrieben. So brachte ich die "Tagesreise" und "Wasser und Wein" mit und schrieb einen Instrumentaltitel mit dem bezeichnenden Namen "Graf Öderland" nach der Erzählung von Max Frisch. Ich freute mich immer diebisch, wenn bei "roten" Veranstaltungen der Titel und der Autor Frisch genannt wurde, denn man sah es nicht so gern, wenn westliche Autoren laut auf der Bühne verkündet wurden. "Graf Öderland" brachte den Alten an seine bassspielerische Leistungsgrenze, denn da musste er Passagen spielen, die schon einen virtuosen Basser erforderten. Es war eine Jazzrock-Nummer, wo jeder zeigen konnte, was er drauf hatte. Gleichzeitig war es ein Stück der Entspannung, denn beim Schlagzeugsolo konnten wir hinter der Bühne verschwinden, während der Drummer sein Letztes gab.
Ein weiteres Instrumental war Chick Coreas "Hymn of the Seventh Galaxy", damals eine äußerst progressive und technisch herausfordernde Nummer, die das Herz aller Jazzrock-Fans zum Lodern brachte. Dieses Stück war oft das Intro unseres Konzertes, da wussten die Leute, was sie zu erwarten hatten. Wir hatten damit immer Glück - aber nur, wenn wir im eigenen Land spielten. Warum? Hier die Erklärung mit Einführung:
Der erste Auftrittsort bei unserer ersten Polen-Tournee war an der Ostseeküste in einem Nest, dass Chodiez hieß; ich kann's aber nicht beschwören. Wir spielten in einem Saal, den ich wie den Speiseraum eines VEB-Betriebes in Erinnerung behalten habe. Drei Meter vor uns saßen die ersten Leute und hier muss ich Leute sagen, denn es war ein kunterbunt gemischtes Publikum. Auf den Plakaten wurden wir als Estradenorchester oder ähnlich angekündigt. In der ersten Reihe sahen wir Mütter mit Kleinkindern auf dem Schoß, die sich ihren ersten Gehörschaden wegholten, denn wir spielten - Chick Coreas "Hymn of the Seventh Galaxy"! Polen galt ja als progressives Jazz-Land, was sich aber noch nicht bis zur Küste rumgesprochen zu haben schien. Erst ein Mainstream-Song besänftigte die Leute im Saal. Wir hätten uns darauf einstellen sollen, aber wer glaubte schon, so ein Publikum vorzufinden? Wir schliefen auch in diesem Ort in einem Hotel, das eben ein polnisches Hotel war und den üblichen Standard aufwies, nämlich ziemlich mumpflig, wie wir es im LIFT-Deutsch sagten. Aber hinter dem Tresen, wo die Alkoholflaschen aufgereiht standen, sahen wir eine Weinsorte, die wir nicht kannten: Málaga! Irgendwie hatte ich den Namen schon mal gehört, aber das war auch schon alles. Natürlich machten wir an diesem Abend eine Verköstigung dieses Getränkes und waren hellauf begeistert. Hielt man das Glas etwas schräg, konnte man sehen, welche ölgleichen Spuren der Dessertwein am Rand hinterließ. Eine Flasche kostete weniger als zehn Mark, also legten wir uns einen privaten Vorrat an. Ich selbst nahm zwei Flaschen mit nach Leipzig und zwei Jahre später dieselben mit nach Berlin. Ich fand keinen Anlass, eine Flasche zu öffnen, denn es waren noch Ost-Zeiten und dieser Wein war eine Rarität, und daher fungierte er eher als Anschauungsstück für eine Vitrine als zum schnöden In-die-Birne-Kippen. Elf Jahre später wurde die erste Flasche geköpft - zu meiner zweiten Hochzeit mit Ulrike H., und das war sie wert. Der Inhalt schmeckte noch vorzüglich. Mit der zweiten noch vorhandenen Flasche hätte ich mir fünf Jahre später die Scheidung versüßen können, aber das wäre eine rausgeschmissene Flasche gewesen. Also steht sie noch heute und wartet auf einen Anlass. Und noch sieht es gut aus für sie, dass sie nicht geköpft wird.
Eigentlich war LIFT anfangs auch im Wesentlichen eine Cover-Band, denn wir spielten viele Titel nach, weil es uns Spaß machte und um beim Publikum gut anzukommen. Keule war als Sänger für Jethro Tull prädestiniert, kam sein Timbre doch des Leadsängers Ian Andersons ziemlich nahe. Außerdem konnte Till mit der Flöte die charakteristischen Ian Anderson-Phrasen nachspielen. Werther Lohse sang an den Drums "A Whiter Shade of Pale", das ihm besonders lag - Jesus hätte es nicht besser gesungen. Für Leckedeck war das wiederum nicht so einfach, einen internationale Solisten zu finden, der ähnlich wie er sang, hatte er doch ein eigenes Timbre, das in keine Schublade passte - es war eben Trepte, der da sang! Bei "Livin' For The City" wollte er auch mal in die Gesangsstilistik eines Stevie Wonder schlüpfen, aber so richtig zu Hause war er da auch nicht. Das spielte aber letztendlich dann doch keine Rolle, denn die Leute im Saal kannten den Song und nahmen ihn uns deshalb auch ab.
Ich selbst hatte keinen Titel, den ich singen konnte und das war auch gut so. Bei Bürkholz habe ich das letzte Mal einen Titel gesungen, bei dem die Mädchen alle den Saal verließen. Komisch, es gab trotzdem keinen Andrang am Damenklo. Wir coverten damals "If I Were a Carpenter" von Bobby Darin zur stimmlichen Entlastung von Hansi Beyer und ich sang ein sehr fantasievolles Englisch. Naja, auf alle Fälle hatte ich mir Mühe gegeben und beim letzten Refrain sind die Mädels auch wieder reingekommen. Wahrscheinlich dachten sie, der ist schon fertig...

Über Covern und Mitschnitte
An dieser Stelle möchte ich mal etwas zum Covern loswerden: Wenn zu der damaligen Zeit Titel gecovert wurden, sollte das Stück bis zum letzten Ton dem Original entsprechen. Dazu brauchte man zwei Dinge: Eine gute Aufnahme vom Tonband oder Schallplatte und einen, der die entsprechenden Ohren hatte, um eine 1:1-Kopie zu erstellen - einen guten Arrangeur also. Das wurde in den Bands verschieden gehandhabt, oft musste sich jeder Musiker seine Stimme selbst raushören und das führte manchmal zu fatalen Ergebnissen. Wenn ich heutzutage Titel von damals im Radio höre, bin ich nicht schlecht erstaunt, was da noch für Instrumente mitgespielt haben, die aber im Bandrauschen untergingen. Oft sind diese Aufnahmen heute auch noch geremixt worden, was die Sounds noch plastischer erscheinen lässt, und vor allem hohe Frequenzen treten mehr in den Vordergrund.
Ich hatte als junger Mensch ja meine Radio Luxemburg-Mitschnitte und die waren eigentlich frequenzmäßig katastrophal. Und das kam so: Mein Vater hatte im Zentralhaus für Kulturarbeit alte Tonbänder abgestaubt, die für Bandmaschinen konzipiert waren, die eine 76 cm/s Bandgeschwindigkeit voraussetzten. Mit diesen Vollspurgeräten wurden wahrscheinlich schon die Reden von A. Hitler aufgenommen. Diese Bänder setzte ich für mein Qualiton-Tonbandgerät ein, das mir 9,5er, 4,7er und 2,35er Geschwindigkeit lieferte. Mir war egal, dass die Bandqualität bei einer Geschwindigkeit von 2,35 cm/s einem Gleiten auf Sandpapier gleichkam. Mit diesem Tempo nahm ich nämlich meine Songs auf, denn da passten ja so viele Titel auf jede Seite einer Spule! Ich habe mich immer gewundert, wo der feine braune Staub herkam, der an den Tonköpfen auftauchte. Ich muss hier aber mal bemerken, dass es keinen Menschen gab, der mir diesbezüglich Ratschläge erteilte. Das Medium Tonband war für die meisten in der DDR noch eine ganz neue Angelegenheit. Wir waren ja froh, dass es schon UKW gab, auch wenn ich erst später in den Genuss kam, Stereo-Sendungen zu hören.
Wegen der miesen Bandqualität hätte ich nicht mal im Traum daran gedacht, was die Beatles alles in einen Song reingepackt hatten: Da gab es Becken, Perkussionsinstrumente, mehrstimmigen Gesang, Naturgeräusche und auch viele räumliche Effekte, die nicht mal zu ahnen gewesen sind. Hier war aber wiederum ein Vorteil für die Bands, die damals einen Titel coverten: Die Mehrheit hatte auch keine besseren Abhörbedingungen als der Musiker und gab sich mit dem zufrieden, was er hörte.
Wie sah's nun in den Bands aus? In den wenigsten Fällen gab's den Schreiberling, der die Abschreibarbeit übernahm und alle Stimmen raushörte. Wir stellen uns damals nicht die Frage, warum eigentlich das Original "original" nachgespielt wurde und warum man keine eigene Fassung vom dementsprechenden Stück kreierte. Im Jazz war das kein Problem, da gab es kein Nachspielen im 1:1-Format. Nein, da musste man seine eigene Version eines Stückes abliefern! Da gab es auch keine Tabus bezüglich der Besetzung - man hätte ein komplettes Bigbandarrangement für Piccoloflöte und Triangel umarrangiert! Es mussten erst viele Jahre ins Land gehen, ehe die Musiker im Osten die Größe besaßen, vom Original abzuweichen, und es bedurfte auch eines westlich beeinflussten Publikums, das zu akzeptieren.
Noch mehr Größe gehörte dazu, den Titel einer konkurrierenden DDR-Band zu covern, und das in einer völlig neuen Fassung. Ich habe ja bereits von den Puhdys berichtet, die "Wasser und Wein" unter ihre Fittiche genommen hatten. Nach der Wende begann man nach und nach, sich von der Angst zu befreien, man könnte sich etwas vergeben, spielte man einen Titel einer Band aus dem gleichen Stall nach.
Bei Produktionen für Schallplatte oder Rundfunk war das damals etwas anderes. Da wurde ein West-Song aus Kostengründen 1:1 nachproduziert, um nicht das teure Original auf Platte pressen zu müssen - es gab in der DDR viele Beispiele dafür. Ich selbst habe auch schon englische Songs runtergeschrieben, die dann vom Rundfunk oder dem Label AMIGA produziert wurden und mit einem DDR-Sänger auf den Markt kamen. Kurz vor der Wende übernahmen das auch die ersten Privatstudios in der DDR. Die Konsumenten merkten oft gar nicht, dass sie auf den popmusikalischen Leim geführt worden sind. Bis auf Kleinigkeiten waren bei einem A/B-Vergleich beider Aufnahmen die Unterschiede oft nur von Fachleuten festzustellen. So etwas sprach für das Team, das so einen Titel produziert hatte! Hier mussten alle zusammenarbeiten: Die Musiker, die es einspielten, der Sänger, der das Original 1:1 imitieren sollte und nicht zuletzt der Tonmeister, der den Originalsound herstellen sollte. Trotzdem nehme ich an, dass der (falsche) Stolz der Ostmusiker in der DDR-Popgeschichte eine gewisse Rolle gespielt hat, der sie abhielt, auf DDR-nationales Material zurückzugreifen - schließlich "haben wir es ja nicht nötig, eine DDR-Band zu covern!"

Keule und Leckedeck045 20121004 1292438680
In der Zeit, als bei LIFT noch alles neu für mich war, fühlte ich mich am wohlsten, weil durch Keules Gitarrenspiel eine gewisse Kraft von der Bühne kam. Dadurch konnte man ruhig das Attribut "rockig" hinzufügen. Keule konnte richtig "reinhauen" und das nicht nur auf der Bühne! Er kam von der Dresdner Band electra, bei der auch Leckedeck gesungen hatte. Zusammen mit dem Bassisten Mike Demnitz und dem Drummer Peter Ludewig bildeten sie ein Team, das dem Bandleader Bernd Aust die ersten grauen Haar einbrachte und er schon einen Herzschrittmacher in Erwägung zog. In dem Dresdner Stadtteil "Wilder Mann" wurden in dem gleichnamigen Restaurant geradezu Orgien gefeiert und die Gage auf den Tisch geklopft. Zur späten Stunde kroch der Kellner auf allen Vieren durch den Saal bis zu dem Tisch der Vierer-Bande, um ihnen die Rechnung zu bringen. Das war vorher so ausgemacht und dafür gab's 50,- Mark und die Vier hatten ihren Spaß. Geld regierte auch im Osten die Welt! Keule und Leckedeck gaben sich nun ein Stelldichein bei LIFT, was nicht ohne Folgen bleiben sollte. Innerhalb eines Jahres bildete sich eine gespaltene Band heraus. Auf der einen Seite die Gemäßigten, also vor allem Gerhard und ich und auf der anderen Seite die ungemäßigte Keule-Trepte-Liga, die nichts anbrennen ließ, was einen Promilleanteil von mindesten 5 hatte. Bei Keule kam es da schon mal vor, dass er seine Standfestigkeit auf der Bühne einbüßte und er seinen Weg über die Bühnenrampe ins Publikum nahm. Bei Trepte führte die Trinkerei beim Muggen zu unmotivierten Bewegungen am Mikrofonständer, bei dem Kabel rausgezogen oder auch mal die eigene Brille runtergerissen wurde. In diesem Fall bedeutete es für ihn, wenigstens rein sehtechnisch in die Fußstapfen eines Stevie Wonder oder Ray Charles getreten zu sein (ich weiß, mit Blinden soll man nicht so umgehen). Da ging er in die Hocke und tastete den Bühnenboden nach seiner verlorengegangenen Sehhilfe ab. Unsere Anteilnahme hielt sich in Grenzen. Bei dem Lied "Neuer Tag brich an" musste er die Textstelle "welch ein Klaaang!" singen, wobei auf "Klang" der hohe Ton G1 kommen sollte, einem Heldentenor ähnlich und über zwei Takte lang ausgehalten. In einem normalen Zustand schaffte er das ohne Wenn und Aber. Wenn aber der König Alk in der letzen Nacht sein Unwesen getrieben hatte und sich immer noch mit kleinen motorischen Schlägen an der Kleinhirnrinde bemerkbar machte, hatte das Folgen: Statt des erwarteten hohen Tones G1 kam - nichts! Stattdessen fuhren beide Hände schlagartig in die Höhe, um sich an beiden Schläfen festzuklammern und den Auswirkungen der letzten Nacht Paroli bieten zu können. Dabei beugte sich sein Oberkörper in einem 90 Grad-Winkel nach vorn und es fehlte nur noch der Gang in die Kniebeuge, um sich bei seinem Publikum dafür zu entschuldigen.
Anfang September 1976 gehörten wir einer Delegation von Künstlern an, die die "Tage der Kultur der DDR in der CSSR" bestreiten sollte. Wir flogen zusammen in einer Sondermaschine zuerst nach Bratislava. Es war eine "Best-of-DDR-Künstler"-Mugge und somit waren auch alle die dabei, die was von sich hielten. Auch das Günther Fischer-Sextett und Manfred Krug gehörten dazu. Krug war ein sehr lockerer Geselle und kriegte oft sein Schandmaul nicht zu - so wie im Film also. Günther Fischer hatte den körperlich sehr kurz geratenen Mario Peters als Keyboarder mit, der ganz stolz einen ihm zu groß geratenen grünen Parka trug (egal, die Hauptsache Parka!). Als wir beim Check out in der Schlange standen, musste Manfred Krug seinen Kommentar loswerden: "Wo hast'n det Zelt her?" Der Beifall der Umstehenden war ihm gewiss.
Nach einem Probetag in einer festlich geschmückten Kulturstätte im stalinistischen Stil kam am nächsten Abend unser Auftritt. Wir hatten nur zwei Lieder zu spielen. Wenn ich "unser" sage, meine ich LIFT mit Dina Straat, die Frau Gerhart Zachars. Sie war Popsängerin und bevorzugte gehobenen Schlager und vor allem Lieder. Mit ihr konnten wir unseren "Programmpunkt" bestreiten, denn es war mit ihr keine Rockmusik oder etwas anderes Unpassendes über die Bühne gekommen - wir vertraten also unser Land, wie man so schön sagte.
Als wir noch in Dresden waren, hatte uns Till schon vorgeschwärmt, was es für einen tollen Schnaps es dort gäbe: Slivovic! Damit hatte er nicht unrecht, denn wir deckten uns damit in Bratislava ein. Auch Keule kam da nicht drum herum. Der Unterschied zu uns war nur der, dass er bereits am Tag unseres Auftritts gehörig zuschlug - er war also ganz schön im Stoff, wie wir zu sagen pflegten. Als abends unser Programmteil kam und der Ansager uns auf Slowakisch ankündigte, gingen wir brav auf die Bühne und begannen mit dem Intro des Titels von Dina. Nur Keule war noch nicht spielbereit, denn sein Gitarrenriemen war gerissen. Das musste er aber schon vorher gewusst haben, denn er griff schnell hinter den Bühnenvorhang und beförderte einen Stuhl ins Scheinwerferlicht. Den stellte er so, dass er ein Bein darauf platzieren konnte, auf dem er seine Gitarre abstütze. Nun ist Keule besonders unter diesen Bedingungen ein Blickfang, denn der Stuhl stand nah genug am Bühnenrand. So trällerte Dina ihr Lied, während Keule seine Show abzog und die Leute nur noch auf ihn sahen, so schien es mir wenigsten. Nach unserem Auftritt wollten wir natürlich "etwas klarstellen", aber Keule war unauffindbar. Na gut, dachten wir, vielleicht war's ihm auch peinlich und er hat sich reuevoll in eine Ecke verzogen. Aber weit gefehlt! Nach dem kulturellen Teil sollte es nämlich noch einen kulinarischen geben. Dafür hatte man einen gegenüberliegenden Saal hergerichtet, vor dem die geladenen Gäste und Künstler nach der Veranstaltung warteten. Die Türen waren weit geöffnet, davor standen livrierte Kellner mit Tabletts in ihren Händen, auf denen gefüllte Sektgläser standen. Auch im Saal war alles vom Feinsten; vom Kaviar bis zum Schwein am Spieß, alles war vorhanden, nur der Kulturminister hatte sich noch nicht eingefunden. Also warteten alle brav auf die Eröffnung des Banketts durch ihn. Der Kulturminister fand eine Vertretung - Keule! Der kam aus einer Ecke des Vestibüls, bahnte sich den Weg durch die Warteten, nahm ein gefülltes Sektglas vom Tablett eines Kellners, trank es auf ex und ging in den Saal, wo er sich vom aufgespießten Schwein eine Portion abschnitt. Nun konnte der Kulturminister kommen. Der Alte musste in Berlin beim Kulturministerium antanzen, um den Fall Keule zu klären. Irgendwie hat er das auch geschafft, denn es gab kein größeres Nachspiel.
044 20121004 1185576063Bei LIFT gab es auch einen Ruhepol und der war Till Patzer. Till kam aus Pirna, wo er schon seit Menschengedenken oder dem Tertiär wohnt. Kein Weg war ihm nach dem Auftritt zu weit, kein Wetter zu mies oder kein Nebel zu dick, um nicht nach der Mugge die Heimreise anzutreten und seine Füße auf das heimische Sofa zu legen. Selbst am letzten Spieltag einer Polentournee fuhr er lieber mit dem eigenen PKW nach Hause, als noch eine Nacht in einem Humpf-Hotel zu verbringen ("Humpf" war LIFT-Deutsch und bedeutete so viel wie "sozial unten angesiedelt"). Till aß auch gern und gut, was man an den Windungen seiner Bauchgegend sehen konnte. Er trank vor allem gern Bier, aber davon nur eine ganz bestimmte Sorte: Radeberger Pilsner, genannt Radi! Er hatte irgendwie einen Laden in Pirna oder Dresden, von dem er das beziehen konnte, unterm Ladentisch natürlich, denn Radi gehörte in der Republik zur Bückware, und Bückware bedeutete eben unter dem Ladentisch. Wenn wir in einem Hotel übernachteten, schlief ich oft mit Till in einem Zimmer. Ich konnte drauf warten - sobald das Gepäck abgestellt war, wurde aus dem Nichts ein Radi hervorgezaubert und genussvoll ausgesüffelt. Und dafür nahm er sich Zeit! Ich erlebte selten den Rest einer Flasche, weil ich schon dahingedämmert war. Till liebte vor allem Jazz und hatte kein besonderes Interesse an Popmusik im Allgemeinen. An Gitarrenrock konnte er sich im Gegensatz zu mir nicht aufgeilen, seine Liebe galt höchstens Musik mit Bläserbesetzung wie Chicago oder Blood Sweat & Tears. Er war selten aus der Ruhe zu bringen und immer Kumpel. Wenn ihm aber etwas sehr gegen den Strich ging, trat auf seiner Stirn eine ihm charakteristische tiefe Falte auf. Das war das Zeichen für alle: Stopp! Innehalten! Gefahr im Verzug! War mal irgendwas passiert und man fragte, was hat denn Till dazu gesagt, kam nur die Antwort: "Hat die Falte gemacht!", und das genügte völlig.

Till war der Fahrer eines der LIFT-PKW, die uns 046 20121004 1543120311zu den Spielorten bringen musste, eines sowjetischen Shiguli (siehe Foto rechts). Das war damals ein begehrtes Importfahrzeug. Als LIFT noch nicht von Dresden nach Berlin emigriert war, trafen wir uns deshalb in Dresden, um von da aus zum Veranstaltungsort zu fahren. Till reiste aus Pirna an und nahm seine Musiker-Besatzung in Empfang. Ich gehörte mit Keule oder Leckedeck zu der Besatzung von Gerhard Zachar. Das war manchmal sehr lustig, denn wenn der Wagen um eine Kurve fuhr, rollten auf dem Boden unter der Rückbank, auf der die beiden saßen, Flaschen hin und her. Anfangs waren sie ja noch voll, aber spätesten bei der Ankunft am Muggenort gaben sie einen bemerkenswerten hohlen Klang von sich. In diesem Fall stiegen dem Alten die Zornesfalten ins Gesicht und er ließ entsprechende Bemerkungen fallen. Es ist ihm nie gelungen, den Stammtischcharakter des Rücksitzes auszuschalten, solange sie noch in der Band spielten.

Eine fast familiäre Beziehung
Als ich in die Band einstieg, schlief ich in der Dresdner Neubauwohnung der Familie Zachar, die sie wie so vieles durch Beziehungen bekommen hatte. Ihre Tochter Nadja war zu dieser Zeit gerade mal vier Jahre alt. Wir kamen gut miteinander aus und das ist nicht zuletzt Dina zu verdanken. Sie hatte ein Wesen, dass keiner Fliege etwas zu leide tun konnte. Im Gegensatz zu Gerhard, dem rationalen Typ, der fast alles mit dem Verstand steuerte, war sie der Gefühlsmensch. Natürlich wusste sie um ihre körperlichen Vorzüge und sie wäre keine Frau, hätte sie das nicht auch ausgespielt. Es gab garantiert viele Musiker, mit denen sie gemuggt hatte, die sich an ihrer Oberweite nicht nur ausgeruht hätten ... Mit Ironie konnte Dina überhaupt nichts anfangen, sie nahm alles wörtlich. Da musste man ihr manchmal hinterher erklären, wie etwas gemeint war. Ich musste mich öfters mit meiner Wortwahl ganz schön im Zaum halten, denn manchmal verstand sie auch, was der Herr Ironiker meinte.
Bei einer Rumänien-Tournee hatten wir eigentlich die Funktion einer Begleitband für Dina Straat eingenommen - so war es jedenfalls von der Künstleragentur der DDR geplant gewesen. Gerhard schlug damit zwei Fliegen mit einer Klappe, weil er für seine Musiker ein Auslandsgastspiel organisiert hatte und gleichzeitig seiner Frau ein gutes musikalisches Polster bieten konnte. Das Programm wurde so gestaltet, dass wir damit zufrieden sein konnten. Außerdem machte es einmal Spaß, andere Titel unter die Finger zu bekommen. Wir wussten nicht, welche Art von Publikum uns dort erwartete, wir hatten ja unsere Polenerfahrung samt ihren Müttern mit Kleinkindern in Reihe eins. Ihnen hätten wir mit Dina schon eher etwas bieten können.

Das fünfte Rad in Rumänien
In einem Kurort spielten wir in einer "Muschel", einer Bühne in Muschelform, die vielleicht eine Breite von fünf Metern hatte. Wir passten gerade mal so drauf und hatten deshalb fast körperlichen Kontakt zueinander.
047 20121004 1915009276Der arme Stefan Trepte hatte ja so gut wie nichts zu tun, wenn Dina sang; er musste aber auf der Bühne bleiben und einen Schellenring betätigen oder in der Ecke sitzenbleiben. Es war Sommer, Sommer in Rumänien und es war heiß! Man hatte uns für diese Tournee eine extra Uniform - sprich Bühnenkleidung - schneidern lassen. Bezahlt wurde es von der "Generaldirektion beim Komitee für Unterhaltungskunst", das Akronym dafür war GD. Die GD finanzierte für ausgewählte Künstler und Bands die Bühnenklamotten, die aber im Bühnenalltag selten getragen wurden, sah man ihnen doch an, dass hier etwas gewollt, aber nie ganz erreicht wurde. Stefan hatten sie ein Kostüm verpasst, das er im Spätherbst oder Winter draußen anziehen konnte, ohne dabei zu frieren. Nun war kein Spätherbst, es war Sommer, Sommer in Rumänien und er schwitzte tierisch! Er entledigte sich seiner Überjacke, aber der Schweiß breitete sich weiterhin aus. Erst als er sein Bühnenhemd auch noch auszog, ging es ihm besser. Da befand sich also ein Musiker Schellenring schwenkend am Rande einer muschelförmigen Bühne im Unterhemd und das im konservativen Ceausescu-Rumänien, delegiert vom Bruderstaat DDR und wahrscheinlich standen schon die Männer des rumänischen Geheimdienstes Securitate mit ihren Sprechfunkgeräten parat, um gegen den aufrührerischen Unterhemdträger die nötigen Schritte einzuleiten (wie Bautzen auf Rumänisch hieß, sei hier mal dahingestellt). Es war klar, ein sensibler Musiker wie Leckedeck hat an einer Degradierung zum Schellenringschwenker hart zu knaupeln; das machten auch die paar Lieder, die ihm genehmigt wurden, nicht wett. Er fühlte sich wie das fünfte Rad am LIFT-Wagen und damit hatte er ja auch irgendwie Recht. Wahrscheinlich hatte er das bei den Proben daheim weggedrückt und nur die schöne Auslandsreise im Auge gehabt. Er musste deshalb seinen Schmerz ertränken. Ertränken allein macht nicht so richtig Spaß, also holte er sich Keule dazu, der ihm Trost zutrank - sie waren ein Herz und eine Trinkerseele. Während wir Stadtbummel unternahmen, saßen die beiden am Pool unseres Hotels und winkten nach dem Kellner, wobei der wie zu electra-Zeiten nicht auf allen Vieren kam. Das ständige Im-Stoff-Sein der Abtrünnigen ließ beim Alten abermals die Zornesfalten in die Höhe steigen, denn er war ein Mann, der verdammt wenig Alkohol trank und auch nicht rauchte. Für ihn wären heutige Nichtrauchergaststätten zum Paradies geworden.
Rumänien war bekannt für seinen Geheimdienst Securitate und auch wir wurden beschattet, was wir anfangs gar nicht mitbekamen. Die rumänische Künstleragentur stellte uns einen "Betreuer" zur Verfügung, der zur rumänischen Stasi gehörte. Wir nannten ihn "de Funès" weil er dem französischen Komiker verdammt ähnlich sah. Außerdem wurde uns eine Dolmetscherin beigestellt, die vom lieben Gott nicht gerade mit Schönheit gesegnet worden war (siehe Foto unten rechts). Sie machte uns einmal eine versteckte Andeutung, dass wir mit bestimmten Bemerkungen vorsichtiger umgehen sollten - "Feind hört mit". De Funès ließ sich eigentlich alles von ihr übersetzten, was wir sagten, aber ich hatte manchmal das Gefühl, er verstand es schon, ehe sie mit ihrer Übersetzung begann. Da lag eigentlich nah, er musste Deutsch gekonnt haben. Es ging aber alles gut, keiner wurde verhaftet, keiner ins Verließ gesperrt und über die Grenze kamen wir auch wieder.
Wir alle hatten den Eindruck, als wollte die 048 20121004 2092485980Dolmetscherin von irgendjemandem gevögelt werden, und wir beschlossen, Werther sollte der Auserkorene sein, weil er am schönsten war - Preis der Schönheit sozusagen. Der aber drückte sich und versuchte sogar, dass einer unserer Roadys an seine Stelle treten sollte. Infrage käme unser lustigster Techniker Blacky, aber wir verwarfen die Idee wieder. Blacky hatte nämlich ein Manko: er hatte eine Halbglatze, die er unter von links nach rechts gekämmten Haaren gut zu verbergen wusste. Doch das Risiko, im Liebeskampf würde seine Haarpracht aus der Fassung gebracht, hätte ihm vor Scham in den Boden versinken lassen. Ein paar Wochen später ereilte ihn das Schicksal, als er auf der Ladefläche eines offenen LKW stand und von einer Bö erwischt wurde, die seine säuberlich gekämmte Tarnung im wahrsten Sinne des Wortes auffliegen ließ! Mit einem Schrei versuchte er, seine Haare wieder in die richtige Stellung zu bringen, es war aber zu spät, die Nachwelt hat's für immer in ihre Geschichtsbücher unter dem Buchstaben B wie Blacky aufgenommen.

Die Trennung
Wie es das Schicksal wollte, spazierte Leckedeck an einem lauen rumänischen Spätabend nach dem Auftritt auf der Suche nach Keule den Hotelgang entlang und hörte aus dem Zimmer des Alten heftige Gesprächsfetzen. Da konnte er nicht anders und legte sein Ohr an die Tür und lauschte wie ein Junge, der den Liebespielen seiner Eltern akustisch beiwohnt. Leider waren es weniger Liebesspiele, die er da zu hören bekam, sondern er wurde Zeuge seiner Entlassung aus dem LIFTdienst - wir beschlossen nämlich, uns von ihm zu trennen. Am nächsten Tag ging er zu Gerhard und reichte seine Kündigung ein. Besser sich selbst rauswerfen, als rausgeworfen werden, war seine Devise. Und da er das alles Keule gesteckt hatte, kam der wenig später und sagte, er ginge mit Leckedeck, denn als alleiniger Trinker könne er in der Band nicht überleben (Das hat er natürlich nicht gesagt, aber gewissen Gedankengänge dieser Art werden in seinem Kopf schon stattgefunden haben.)
Dabei hatten doch beide einen beträchtlichen Anteil am Erfolg der Band. Leckedeck hatte auch einige Hits beigesteuerte - ich vermeide hier bewusst die Worte geschrieben oder komponiert -, denn er war ein guter Melodienerfinder, die er aber nie aufschrieb oder gar arrangierte. Nein, er setzte sich ans Klavier, um ihn rum ein paar Musiker, und spielte seinen neusten Einfall vor und sang dazu Fidschi-Englisch. Seine Lieblingstonarten waren die mit vielen B, also As-Dur oder Des-Dur, die lagen ihm so schön in der Hand, wie er mir einmal vertrauensvoll mitteilte. Nach dem Vorspiel setzen wir uns an unsere Instrumente und versuchten, aus dem Stück etwas in Teamarbeit entstehen zu lassen. Am Schluss stand ein Song, der dann dem Lektorat angeboten wurde, nachdem sich ein Textautor damit beschäftigt hatte. Der weitere Gang war dann wie der, den alle Bands durchlaufen mussten: Lektorat, Ablehnung des Textes, neuer Text, weitere Ablehnung des neuen Textes, erster Selbstmordversuch des Texters und dritte Fassung, Ablehnung der dritten Fassung, dann gemeinsames Springen von Texter und Leckedeck vom Hochhaus "Hotel Stadt Berlin", feierliches Begräbnis mit dem letzten Song von Leckedeck, gesungen auf Fidschi-Englisch als Untermalung, womit sich der Kreis geschlossen hätte.
Ein weiterer Erfolg war die Verleihung des "Kunstpreisese der DDR"! Klar, wir waren schon einigermaßen stolz, so einen Preis zu erhalten. Das bedeutete ja auch, wir wurden anerkannt von denen da oben, ohne laut die DDR-Trommel gerührt zu haben. Mit den Texten hatten wir nämlich letztendlich immer die Kurve gekriegt, weil sie humanistisch waren und nicht den Klassenstandpunkt widerspiegelten. Sie waren sozusagen Allgemeingut und hatten mit einer gegenwärtigen politischen Lage nichts zu tun. Es gab immer Leute von oben, die uns gern als politische Vorzeigeband gehabt hätten, aber der Alte hat es immer wieder hingebogen, dass es auch ohne das ging.
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So gingen wir zu einem Maßschneider, der für die Großen und Reichen festliche Kleidung anfertigte, und ließen uns auf Kosten der GD Smokings schneidern. Es war das erste und das letzte Mal, dass ich maßgeschneiderte Sachen trug, aber sie passten wie angegossen. Danach hing der Smoking bei mir im Schrank und das jahrelang. Als ich ihn dann mal wieder hervor holte und die Hose anzog, stellte ich fest, die muss ja mächtig eingegangen sein, und zwar nur um die Bauchgegend, denn die Beinlänge stimmte noch. Komisch, was? Mit dem Oberteil war es genauso, ich konnte es nur offen tragen und musste die Schultern nach vorn zusammenziehen, weil sonst einige Nähte dran glauben müssten. Aber wir sahen alle sehr schick aus (siehe Foto oben).
Die Kunstpreisverleihung fand vormittags in der Staatsoper "Unter den Linden" statt und wurde vom Fernsehen der DDR mitgeschnitten. Auf diese Weise konnte ich am Abend zwischen 19:30 Uhr und 20:00 Uhr in den Nachrichten der Aktuellen Kamera sehen, wie der Kulturminister mir die Hand drückte und ich die seine. Ich sah auch, wie ich durch Mimik und Gestik demonstrativ gegen das Unrechtsregime der SED aufbegehrte, mobil machte gegen Inhaftierungen in Bautzen und anderswo; ich wollte zeigen, dass ich ein wahrer Kämpfer für die Freiheit bin, und man konnte es nun auf dem Bildschirm sehen - ich hatte aus Protest keine Fliege um!
Eigentlich wollte ich, dass wir alle in Jeans erscheinen, waren wir doch Rocker oder so etwas Ähnliches; ich konnte mich aber den anderen gegenüber nicht durchsetzen, weil sie alle die kostenlosen, maßgeschneiderten Smokings im Kopf hatten, die sie da präsentieren konnten. Ein bisschen Protest gegen was auch immer wäre schon nicht schlecht gewesen. Als wir uns in die Schlange derer einreihten, die auch so einen Preis aus der Hand des Kulturministers abfassten sollten, löste ich heimlich meine Fliege vom Hals und ließ sie unauffällig in die Hosentasche gleiten. Keinem ist es aufgefallen, nicht mal dem Kulturminister und den garantiert anwesenden Stasi-Schergen! Und die Fernsehzuschauer aus Dresden und Umgebung, die vielleicht diese Sendung sahen, konnten auch nicht feststellen, dass da an meinem Hals etwas fehlte. Schade eigentlich, wie gern wäre ich in die Geschichte eingegangen als einer, der durch das Nichttragen einer Fliege den Umsturz herbeigeführt hätte.

   
   
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