Teil 6

Im sechsten Teil dreht sich alles um Michaels Zeit bei der HORST-KRÜGER-BAND, seine erste Auslandstournee, die Gründung der Gruppe AUTOMOBIL, die erste Digitaluhr, die Entstehung des großen Hits "Du hast den Farbfilm vergessen" und die Zeit mit NINA HAGEN als "Arbeitskollegin" ...
 
032 20121004 2009463951Lehr und Wanderjahre: HORST-KRÜGER-BAND
Ich bekam Ende August 1973 ein Angebot, bei der Berliner Band eines gewissen Horst Krüger einzusteigen. Krüger versuchte sich anfangs als Schlagersänger des Duos "Horst und Benno" - heute wär' es eine Strafe, sich so zu nennen. Dann machte er sein eigenes Sextett auf, bis er den großen Wurf wagen wollte: Eine Band, die zusätzlich noch Saxophon und Posaune sowie vier Background-Mädels besetzt hatte. Er holte sich seine Leute aus der ganzen Republik. So den blutjungen Gitarristen Bernd Römer (er war gerade mal 19) aus Erfurt, der schon beachtliche Jimi-Hendrix-Phrasen spielen konnte und sich später bei der Startruppe KARAT wiederfand, den Posaunisten aus meiner Spezialschulzeit Bernhard Wachsmann und dessen damalige Freundin Silvia Kottas, und "Gotte" Gottschalk, der später zum Solisten avancierte und noch heute allein (!) nur mit seiner Gitarre mein 7-Minutenwerk "Die Tagesreise" spielt - sehr erfolgreich! Zu dieser illustren Gesellschaft gesellte ich mich nun ab September.
Ende September 1973 war unser erster Auftritt, die Premiere sozusagen. Wir spielten mit unserer 10-Mann-Band alles Aktuelle, was die Hitlisten so hergaben. Ich bekam zwischen 120,- und 160,- Mark pro Mugge, das war eine gute Gage. Vorbei waren die Zeiten, wo wegen Repertoiremangels an Tanzabenden in die "Blueskiste" gegriffen wurde oder man nach der halbstündigen Pause um 23:00 Uhr eine Stunde nur noch das wiederholte, was vor der Pause gespielt wurde - "auf besonderen Wunsch" natürlich. Das war zwar einigermaßen schändlich dem Publikum gegenüber, förderte aber unsere Kreativität. Bei Horst Krüger ging alles anders, nämlich dem Mainstream entgegen. Es war natürlich ein kühnes organisatorisches Unterfangen, sechs nichtberliner Musiker unterzubringen, wenn in Berlin geprobt wurde oder von dort aus die Muggen starteten. Eine steinalte Dame vermietete eine 6-Raumwohnung in der Choriner Straße im Prenzlauer Berg, möbliert natürlich. Sechs Musiker teilten sich die Zimmer auf, es war ein friedliches Nebeneinander. Ich zog mit Bernd Römer zusammen und richtete uns das Zimmer ein. Heute würde sich jeder Antiquitätenhändler seine Finger wegen des Mobiliars lecken, von den Inhalten der Schränke und Kommoden ganz zu schweigen. Damals war uns das alte Zeug eigentlich ziemlich egal, wollten wir doch nur eine Unterkunft haben und den Fernseher mit seinem ARD- und SFB-Programm als Fenster zur Welt nutzen.
Wohl oder übel habe ich mich der HORST-KRÜGER-BAND angepasst. Anfangs machte es ja auch Spaß, denn ich bin durch eine ganz andere Musikrichtung gefordert worden: Mainstream! Mit der Zeit kehrte aber der Muggenalltag ein und aus der Kür wurde die Pflicht. Ich sehnte mich heimlich zurück an die Gestade der Bürkholz-Zeit. Aber es ist wahrscheinlich immer so: Was man nicht hat, wird vermisst, hat man es aber, wird es zum Alltag und damit uninteressant. Für mich gab es bei Krüger auch eine Premiere: Meine erste Auslandstournee. Sie führte uns im Dezember 1973 nach Bulgarien. Die ersten Eindrücke waren erschlagend: Wir saßen in Winterbekleidung gehüllt in unserem Hotelrestaurant und ließen uns von ebenso in Mäntel gehüllten Kellnern bedienen. Die Heizung war ausgefallen, weil die Versorgung öffentlicher Einrichtungen wieder mal auf Sparflamme gedreht wurde. Sonst lief die Tournee gut, waren wir doch eine Band, die fast aus dem Westen kam. Und so benahmen wir uns auch. Es gab viele Dinge, die zuhause eben besser waren, perfekter, deutscher. Aber das Publikum war sehr dankbar und nach und nach vergaßen wir unsere Voreingenommenheit. Nach zwei Wochen hatte uns der DDR-Muggenalltag wieder.
In der letzten Bürkholz-Phase schrieb ich einen langen Titel, der aus zwei Teilen bestand. Der Erste war lyrisch monumental, der Zweite kraftvoll mit Hardrock-Elementen, die ich unter dem Einfluss von der Band FRUMPY einbrachte. Wir hatten noch keinen deutschen Text und Hansi sang alles auf Fidschi, was bedeutete, es klang gut, aber selbst auf dieser Inselgruppe hätte ihn keiner verstanden. Dieser Titel zählte zu unseren erfolgreichsten Songs, obwohl er durch kein Medium bekannt geworden war. Ihn ließ ich bei Krüger mit einem Allerweltstext versehen und ab da hieß er offiziell "Hab mir von der Tagesreise manches mitgebracht", kurz "Tagesreise". Als wir ihn im Januar 1974 im Rundfunk produzierten, kam es zwischen dem Tonmeister und mir fast zu einem Eklat. Er wollte partout nicht gelten lassen, dass ich an der Stelle "... war er gut ..." ein "F" im Bass spielen ließ, während der Sänger ein "Fis" sang. Das widersprach allen Regeln des klassischen Tonsatzes, so etwas macht man nicht, igitt! Er bestand also auf der Änderung vom "F" zum "Fis" im Bass. Da ich keinen Anwalt hatte, den ich einschalten konnte, musste ich wohl oder übel die Änderung über mich ergehen lassen. Ach, wie schön ist das doch immer in den Serien und Spielfilmen, wo immer gleich "mein Anwalt" zur Stelle ist, und überhaupt: Alle haben sie einen!
Horst Krüger hatte seine Schlagererfolge zu Zeiten der Gebrüder Bee Gees, die oft mit einem sehr markanten, meckrigen Vibrato Falsett sangen. Diese Stilistik versuchte er bei der Tagesreise an hohen Stellen zu übernehmen. Es kostete mich viel an Überredungskunst, ihm begreiflich zu machen, dass die Bee Gees out waren. Er wollte nicht begreifen, dass er nicht als vierter Bruder der Bee Gees durchgehen konnte, denn dazwischen lagen Welten, musikalisch und kartografisch!
DDR-Aufnahmen dieser Zeit hatten es an sich, den Bass kaum hörbar aufzunehmen. Dieses Problem hatten selbst die Beatles noch 1966 und zermarterten sich den Kopf, wie die Beach Boys aus Kalifornien ihren Bass so durchschlagend rüberbrachten. Da wir in der DDR immer in allem hinterher waren, was westlich unserer Grenzen passierte, war es also kein Wunder, dass bei dem Bass ebenso kapituliert wurde. Durch einen Zufall wurde der Bass aber dieses Mal besonders laut auf's Band gebracht, und ich könnte den Menschen noch heute küssen, der das getan hat: Die Tagesreise hat heute immer noch den gewissen Druck, den eine Rockaufnahme haben muss, und das ist dem mit einem Mal hörbaren Bass zu verdanken. Gott allein weiß, welche Rundfunknorm da nicht eingehalten wurde ...
Die Tagesreise wurde für die HORST-KRÜGER-BAND der Hit. Bei der Suche nach den besten Rocksongs der DDR-Geschichte Anfang der 90er nahm "Am Fenster" von City den ersten Platz ein, an zweiter Stelle folgte - Die "Tagesreise"! Als Komponist ist man der Mann der zweiten Reihe. So kam oft die Frage: "Hä, das Stück wurde nicht von olle Krüger komponiert? Von wem denne?" Ich habe noch ein paar andere Titel für diese Band geschrieben, die aber alle in der Versenkung verschwunden sind. Bestimmt war das kein Verlust.

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Irgendwann Anfang 1974 wurde das Spielverbot für die Bürkholz-Musiker aufgehoben. Ich sah Licht am Ende des Tunnels und traf mich im Februar mit den Musikern unserer alten Besetzung. Neben Bürkholz und Suhle kam auch Erich, der ausgewechselte Bassist, wieder, der ja zur Ur-Besetzung gehörte. Wir wollten die Band wieder ins Leben rufen, hatten aber keinen Sänger. Beyer war ja dem Rock abtrünnig geworden und machte Trallala-Musik, während wir der Kunst frönen wollten. Wir probierten ein paar Sänger aus, fanden natürlich keinen Beyer und mussten uns schließlich mit einem Kompromiss zufrieden geben, was die Sangeskunst anbelangte. Der Neue sang zwar nicht schlecht, hatte aber nicht das Charisma eines Hans-Jürgen Beyers. Ehe wir loslegen konnten, musste noch ein neuer Name her, denn unter Bürkholz-Formation durfte das Unternehmen nicht mehr auftreten - die Erinnerung sollte getilgt werden, warum auch immer. Nach langem Suchen kam ich auf den Namen "Automobil" und bastelte sogar ein Logo dafür, das wir unter abenteuerlichen Umständen auf einen Anstecker drucken ließen. Natürlich gab es offiziell weder das Plaste-Material noch die hinten angebrachte Nadel.
Das alles organisierte unser neuer "Kapellenleiter" (ein schreckliches Wort). Bürkholz durfte diese Funktion nicht mehr übernehmen und so suchten wir einen, der organisieren konnte und auch das Geld für nötiges Equipment hatte. In der Leipziger Musikschule gab es einen Saxophonisten, der das alles mit sich brachte: Christian Claus. Das war ein netter Mensch, hatte Ideen und kümmerte sich um alles. Er organisierte eine PA, kümmerte sich um den Transport und riss vor allen Dingen Muggen auf, womit lapidar die Suche nach Auftrittsmöglichkeiten gemeint ist. Er war stolzer Besitzer eines Polski Fiat und hatte ein Häuschen in Hartha bei Döbeln in Sachsen, damals Bezirk Leipzig.
Er hatte gern viel Geld und gab es auch ebenso gern aus: Für 2000,- Ostmark kaufte er die Uhr eines Fleischermeisters von Hartha ab und so sah ich die erste Digitalarmbanduhr in meinen Leben. Die zeigte nur die Zeit an, wenn man das Zifferblatt durch Berührung aktivierte, und dann nur ein paar Sekunden, ehe die Ziffern wieder in der Dunkelheit verschwanden. Aber die paar Sekunden hatten es in sich: Keine Zeiger, die sich blöd um eine Achse drehten, sondern leuchtende Zahlen! Ein Wunderwerk der Technik! Ich meldete damals leise Zweifel an, ob das Preis-Leistungsverhältnis stimmte. Aber man gönnt sich ja sonst nichts im Osten ...
Er führte noch ein Novum ein: Techniker! Das Wort Roady kam uns nicht über die Lippen, darin waren wir konsequent ostdeutsch. Wir hatten ja schon in der letzten Bürkholz-Phase einen Techniker, der beim Auf- und Abbauen half und Harald Hauswald hieß. Ehe er zu uns kam, ist er wie ein Fan aus dem Bilderbuch rumgelaufen - ich erwähne es hier nochmals: mit grüner Kutte, die kein Parka war und Jesuslatschen und langen Haaren und Karo rauchend. Aus ihm ist später ein bekannter Fotograf geworden, der in Berlin, wo es ihn noch zu DDR-Zeiten hin verschlug, nach der Wende Furore machte. Er fotografierte vor allem die Ostberliner Szene des gewollten Sozialismus, knipste die vergammelten Häuser und die dazu gehörigen Menschen. Es gab schon etliche Ausstellungen seiner Bilder. Seine Haare haben noch die Länge von 1973, aber nur die Breite von 2009. Das nur am Rande.
Unsere neuen Techniker durften nun mit einem eigenen PKW mit Hänger fahren, aufbauen, Getränke holen und wieder abbauen. Sie waren uns eine große Hilfe. Wir sparten dadurch Zeit und konnten nach dem Auftritt eher ins Hotel. Das war wichtig, denn nach 22:00 Uhr gab's nichts mehr zu essen und ab 0:00 Uhr wurden die Getränke nicht mehr serviert, weil einem ja schon spätestens um 23:30 Uhr vom Kellner die Rechnung vorgelegt wurde. Oft wurden wir mit Stühlen empfangen, die um 180° gewendet auf den Tischen standen und das bedeutete die nahende Sperrstunde. Mit zunehmender Berühmtheit wurde manches Kellner- und Kellnerinnenherz weich und es gab eine letzte Bockwurst oder ein Bier "für nach oben".
Ein jetziger und ein ehemaliger Kapellenleiter im Team konnte auf die Dauer nicht gut gehen: Es kam zum Zwist zwischen Bürkholz und Christian Claus, was in einem Zerwürfnis endete. So gab es zwei Lager in der Band: Die Guten und die Bösen. Zu den Schlechten gehörte Heinz Geißler, Thomas Bürkholz und Erich Safert, der Rest (wie soll's auch anders sein) waren wir, die Guten. Und wenn man das nicht so wörtlich nimmt, stimmt es. Die Schlechten machten uns schlecht und schmiedeten Pläne, wie sie das Unternehmen ohne uns durchziehen konnten. Wir wiederum schmiedeten als Antwort darauf Pläne, wie wir ohne sie das Unternehmen durchziehen konnten. Am Ende dieser Kindergartenvorstellung trennten wir uns und die anderen gingen ihrer Wege. Wir aber hatten nun keine Gitarristen, Bassisten, Drummer und auch keinen Sänger mehr, dafür aber eine Lautsprecheranlage, einen Polski Fiat, den Bandnamen AUTOMOBIL und eine Digitaluhr, die aber leider nicht singen konnte.
Doch Christian Claus wäre nicht Christian Claus, wenn er nicht auch dieses Problem meistern würde. Im Juli 1974 spielte in Döbeln das Alfons-Wonneberg-Orchester zu einem Pressefest der Lokalzeitung "Döbelner Sozialistische Volksnachrichten" - oder so ähnlich. Die machten perfekte Schlagermusik, man hopste und schunkelte und aß seine Bockwurst und trank sein Helles, bis eine blutjunge Sängerin die Bühne betrat und einen Schlager zum Besten gab, bei dem man weiter hopste und weiter schunkelte, aber anders! Sie hatte irgendeine freche, selbstbewusste Ausstrahlung und war deshalb völlig unverklemmt. Ihre Stimme hob sich von denen ihrer gesanglichen Mitstreiter sehr positiv ab und sie traf auch alle Töne. "Die wäre doch was?", fragte ich Christian. "Hm ..." Wir fingen sie am Ende der Veranstaltung ab und sagten ein paar aufmunternde Worte wie: "Hast aber gut gesungen" oder "War nicht schlecht, eh" oder "Wie heißt du eigentlich?" Die Antwort kam sofort: "Nina!" - "Und wie weiter?" - "Hagen" - "Hättest du Lust, bei einem neuen Unternehmen einzusteigen? Lautsprecheranlage steht, wir haben eigene Titel und zwar Rockmusik und keine Schlager-Larifari, Geld gibt's auch und einer hat schon mal bei Krüger mitgemacht!" (Ich glaube, dass mit der Digitaluhr habe ich stecken lassen). Nina war sofort nicht nur Feuer, sondern auch eine heiße Flamme. So einfach kann Konversation sein!

Nina Hagen
Wir schlossen den Pakt, den Pakt mit der Tochter der Promi-Schauspielerin Eva-Maria und des Regisseurs Hans-Oliver Hagen und des Ziehvaters Wolf Biermann - das Licht ihrer Herkunft ging uns erst später auf. Nun war die Suche nach einem Gitarristen an der Tagesordnung, die aber fast vergeblich gewesen wäre. Entweder die Herren Gitarristen hatten schon alle einen Job, oder sie wollten das Risiko einer neuen Band nicht eingehen; sie konnten keine Noten lesen oder waren einfach blöd. Am Schluss fanden wir im August einen Gitarristen, den man im Notfall einsetzen konnte, und das hier war ein Notfall! Er hieß mit Spitznamen "Kade" und spielte bei irgendeiner Schlagerkapelle. Nun fehlte noch der Basser und da sprach ich einen vollbärtigen Menschen an, der neben der Hochschule eine kalte Kellerwohnung bezogen hatte und dort mit einer schönen Zahnmedizinstudentin zusammenlebte: Matthias "Matze" Neumann. Er studierte noch an der Musikhochschule Berlin Kontrabass und gleichzeitig Theologie im Abendstudium. Vorher hatte er bei der Zufallshit-Gruppe "Kreis" gespielt, bei der seine Schwester Flöte blies. Sie kannte ich - und damit schließt sich der KREIS - von der Spezialschule für Musik Halle! Sie drückte dort in der hinteren Reihe mit mir die Schulbank und hatte mit der durch die Berliner Musikhochschule geförderten Band KREIS etwas Karriere gemacht. Wie die Dinge so laufen im Leben. Matze war allen Musikstilrichtungen offen. Besonders liebte er Funk, Soul und Gospel und spielte seinen E-Bass mit den Fingern, statt ein Plektrum zu benutzen. Er ist jetzt Pfarrer in Hamburg und liebt noch immer den Gospel. Der Thomaner-Chor hatte Matze früher auch als Sängerknaben besetzt und so war er uns eine große Hilfe, wenn es um Backgroundstimmen ging. Schließlich wurde Dietmar Stephan als Drummer in die Band aufgenommen und wir waren komplett. Nun hieß es, ein neues Repertoire zu erstellen und vor allen Dingen neue Songs zu schreiben. Damit begannen die Proben in Leipzig-Lindenthal, wo wir in einem Kulturhaus Unterschlupf fanden, das nur zu Veranstaltungen geheizt wurde und uns zwang, die Jacken anzubehalten. Wir alle wollten die Chance nutzen, die sich uns bot, aus einem unbekannten Haufen eine Top-Band zu machen. Ich war nicht mehr so naiv oder unerfahren, um nicht zu erkennen, dass der Gitarrist auf der Bühne durch seine Spielweise für uns keinen Blumentopf erspielen würde, und dass er auch an gitarristischen Ideen nichts beisteuern konnte. Bei der Produktion der Songs "Komm, komm" brachte er es nicht fertig, das Intro mit seiner Gitarre fehlerfrei auf's Band zu spielen. So musste ich mir seine Gitarre umhängen und den Part selbst einspielen - ich, der Keyboarder! Da kam mir zugute, dass ich den Song mit der Gitarre komponiert hatte und somit wusste, was ich zu spielen hatte.
Nina versuchte sich auch mit Texten und hatte dabei wunderbare skurrile Ideen. Leider sind diese Lieder nie produziert worden, dafür war keine Zeit. Um ins Geschäft zu kommen, musste man auf bekannte Namen zurückgreifen können. Deshalb ging ich auf einen Text-Garanten zu, den ich von Renft kannte und der auch den Text zu "Wer die Rose ehrt" geschrieben hatte: Kurt Demmler. Der war der erfolgreichste und genialste Texter, den wir in der DDR hatten. Er schrieb für Tod und Teufel, schrieb neben Scheißtexten auch wahre Genial-Lyrik mit tiefem philosophischem Gehalt, und fast alles handwerklich perfekt. Ja, sein Geschäft verstand er, der Kurt, für Ruhm und Ehre wurde er sogar zum Opportunisten, konnte aber auch glashart gegen das System sein, wenn es die Story in seinen Liedern verlangte. Wir wählten fünf Songs aus und gaben sie Demmler zum Texten. Er kannte Nina ja schon von früher und wusste, dass sie keine Schlager-Tussie war, sondern eigene Ideen mitbrachte und sich um ein Profil bemühte. So kam sein Ego zum Tragen, wollte er doch auch am Nina-Kuchen mit backen, um bei der Verteilung sein Häppchen abfassen zu können. Am liebsten wäre es ihm gewesen, Nina als sein Produkt auszugeben.

Improvisation eines Farbfilms
Ich saß eines Nachmittags am Klavier und hatte mein Tonbandgerät Marke Qualiton auf Aufnahme gestellt und improvisierte ein bisschen. Nach einer bestimmten Akkordfolge fiel mir dazu eine Melodie ein, die eine Strophe ergab. Und da ein Lied auch einen Refrain braucht, fügte ich den auch gleich mit dran. Das Ganze dauerte keine Minute, ich hörte es mir an und fand es lustig. Lustig? Für eine Rockband? Dieser Stil? Naja, als Gag kann man so etwas schon mal machen. Also begann ich, das Ding zu arrangieren. Es begann mir Spaß zu machen, die ganzen Stereotypen der Schlagermusik auf die Schippe zu nehmen bis hin zum Schluss, der mit einem Akkord endete, der einen Ton höher liegt als es die entsprechende Tonart vorsah. Es war eine typisch deutsche Musik, die auch den Marsch nicht außen vor ließ. Demmler nahm das Demo-Band entgegen und versprach uns, am nächsten Morgen 9:00 Uhr den Text vorzulegen. Manche werden sagen, "9:00 Uhr? Das ist ja für Musiker mitten in der Nacht", aber Demmler war so ein Frühmensch wie ich und hatte da seine kreativste Phase. Am nächsten Morgen zogen wir also zu ihm, er stellte das Tonbandgerät auf play und begann zu der Musik laut seinen Text gesanglich vorzutragen. Das machte er immer so: Laut und sehr inbrünstig. Seine Stimme war schön - schön laut. Er hatte natürlich den Charakter der Musik erkannt und versuchte auch, einen dementsprechenden ironischen Text zu schreiben, aber es war nicht der Gewinner des Tages. Im Refrain hieß es: "Komm fahr' mit mir in die Berge, da ist es schön ..." oder so ähnlich, und wir ließen unsere Mundwinkel nach unten klappen. "Nee Kurt, das isses nicht! Da musst du dir was neues einfallen lassen", war unsere einhellige Meinung - mit "unsere" meine ich Nina und mich. Demmler tat das, was er in solchen Fällen immer tat: Er verteidigte seinen Text bis auf's Messer und stufte ihn förmlich in die Kategorie Jahrhundertwerk ein. Auf diese Weise hatte er es bestimmt auf viele Jahrhundertwerke gebracht. Nachdem alles Lamentieren zwecklos war und unsere Meinung sich in keiner Weise geändert hatte, machen wir den nächsten Termin: 9:00 Uhr, und zwar am nächsten Morgen. Und wieder saßen wir bei Demmler, und er zitierte abermals seinen Text. Diesmal aber hörten wir gespannter auf sein lautes Rufen, denn die Story begann mit einer interessanten Geschichte. Dann kam der Refrain: "Du hast den Farbfilm vergessen, mein Michael ..."! Wir lachten laut und wussten: "Das isses!" Diesen Song und weitere vier reichten wir beim Rundfunklektorat ein - das war die erste Hürde. Das Lektorat war überspitzt gesagt vergleichbar mit der spätmittelalterlichen Inquisition, wo es darum ging, eine Möglichkeit zu finden, die "erleichterte Aufspürung, Bekehrung oder Verurteilung" von Künstlern in die Tat umzusetzen - das habe ich früher mal gelernt. Da saßen meistens vier Personen in einem Raum des Rundfunkgebäudes in der Nalepastraße, von denen einer Klaus Hugo als Chefredakteur der Abteilung Tanzmusik für die musikalische Seite der Titel verantwortlich war. Da er zwanzig Jahre älter war als unsere Generation, urteilte er auch von diesem Standpunkt aus und war beim einfachen Tagesschlager stehen geblieben. Kamen Rockbands mit ihren Titeln, griff er zu seinen Herztabletten und hielt sich an der Tischkante fest. Weiterhin saß der Produzent einer Band mit am Tisch und konnte hinterher berichten, warum etwas nicht durchgegangen war. Zwei "Textsachverständige" waren auch mit in der coolen Runde: Der Poptexter Fred Gertz alias Fritz Räbiger und die Schriftstellerin und Texterin Gisela Steineckert. Das muss gegangen sein wie bei Gladiatorenkämpfen in Rom, wo die Stellung des Daumens über Leben und Tod entschied. Die Musik kam ja meistens durch, aber der Stolperstein war der Text. Da wurde eigentlich immer etwas gefunden, was nicht in den derzeitigen politischen Kram passte. Wir hatten in der DDR nicht nur gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen, sondern auch zwischen den Zeilen zu schreiben. Aber auch das half oft nichts, denn so blöd waren die ja auch nicht und wussten, wo sie ihr Veto einlegen konnten. Da hieß es für den Texter, noch mal ran und wieder vorlegen, bis der Daumen nach oben zeigte. Kurt Demmler hat bis zu vier Textvarianten liefern müssen, ehe es zu einer Produktion kam. Oft verstanden wir nicht, was man in einen Text wieder mal hineininterpretierte. Wehe dem, der einen Text mitbrachte, in dem es um das einfache Leben des einfachen Menschen in der einfachen DDR ging, und der das 1:1 beschrieb. Unsere Songs bestanden die Prüfung und bald darauf wurden sie produziert. Es war stilistisch gesehen von jedem etwas: Rockmusik, Funk, das Schmuselied, der Popsong und - die Gag-Nummer. Bei der Produktion des Farbfilms im Rundfunk Nalepastraße benutzen wir den Saal 2. Der war eigentlich seiner Größe wegen für Orchesteraufnahmen konzipiert worden, musste aber für uns herhalten, weil wir eine Newcomer-Band waren, die die Finessen eines Saal 4 nicht benötigte. "So böse stampfte mein nackter Fuß den Sand" hieß es in einer Strophe - wir benutzen ein großes Podest, das wir anhoben und wieder herunterfallen ließen, um den Stampf-Effekt zu erzeugen, der mit zwei Mikrofonen aufgenommen wurde. Der Tonmeister hatte auch Gefallen an dem Stück gefunden und war froh, aus dem Schlagertrott geweckt zu werden. Nina tat ihr Bestes und brachte z.B. auch den Koloratur-Gesang mit ein. Später griff sie gern auf diese Technik zurück. Ich kann leider nicht sagen, ob das für sie die Premiere war, was diese Stilistik anbelangt. Genauso ist noch immer die Frage offen: Wer hat Nina empor gebracht - Heubach oder Lakomy? Vor der Automobil-Zeit hatte sie als Greenhorn - oder besser Gesangs-Backfisch - mit Lacky gearbeitet, den Hit hatte sie aber durch mich! Noch Fragen? Ach nein, hier antwortet ja keiner, es ist ja ein Monolog. Also weiter.
Nach den Produktionen hofften wir insgeheim, der Rocktitel "Was denn" würde als erster im Rundfunk gestartet werden, dem aber war nicht so. Als Erster war in den Medien "Du hast den Farbfilm vergessen" zu hören! Uns hat's gewundert, aber die Leute vom Rundfunk hatten den richtigen Riecher und meinten: Den Farbfilm starten wir zuerst, der füllt eine Marktlücke. Natürlich legten wir heftigen Widerspruch ein, wir wollten ja schließlich eine Rockband sein. Das alles half nichts und der Farbfilm nahm seinen Weg.
034 20121004 1501477021Je bekannter er wurde, desto mehr verlangte man ihn. Gaben wir Konzerte, gab es schon nach ein paar Songs die ersten Zwischenrufe nach dem Farbfilm. Um die Spannung zu erhöhen, spielten wir ihn dann als letzten Titel und ergatterten uns damit garantiert eine Zugabe. Selbst die Grünkutten vergaßen ihre Jesuslatschen und schüttelten begeistert Karo rauchend ihre Mähnen. Da wurden Deep Purble und Genesis für die Länge eines Liedes in die Tonne geklopft. Es war unglaublich - jeder nahm sich etwas mit aus diesem Lied. Den einen gefiel die Art, wie Nina es über die Bühnenrampe brachte, den anderen der Text, weil er das Kleinbürgertum aufs Korn nahm, und wieder anderen, weil sie Kleinbürger waren und alles 1:1 übernahmen und an die ach so schöne Welt glaubten. Dazu kam noch eine Musik, die bereits Gehörtes in sich barg, ohne dass man sagen konnte, woher das stammte. Es war einfach und schlicht die Tradition der letzten zweihundert Jahre, die Deutschland zu dem gemacht hat, was es eigentlich ist: Ein Land ohne importierten Blues, ohne Funk, Jazz oder Latin Music, ein Land der Volkstümlichen Musik, und das war der Farbfilm! Da wir mittlerweile auch Songs nachspielten, die nicht nur Orgel sondern auch E-Piano besetzt hatten, kam auf mich ein Problem zu: Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Stehlen kam nicht in Frage, denn in der DDR gab's zu dieser Zeit noch keine E-Pianos, die man klauen konnte, um sie am nächsten Tag im Nachbarort beim Tanz einzusetzen - das wäre wie ein Lauffeuer durch die DDR-Szene gegangen: Heubach spielt auf 'nem tags zuvor geklauten E-Piano! Zehn Jahre später hätte man nur nebenbei bemerkt, ach, hat der nun auch so'n Ding ...

Musikelektronische Träume
Die Musikindustrie behandelte elektronische Instrumente sehr stiefmütterlich. Zum einen, weil sie nicht wusste, wie man das zu bewerkstelligen hat und zum anderen, weil es kaum Bauteile dafür gab. Ein paar wenige Ingenieure schafften es, trotzdem das Beste herauszuholen. Da baute man ein elektromechanisches Tasteninstrument, das den Namen "Claviset" trug. Für 500,- Mark besorgte mir Christian Claus eins und nun hatte ich zwar kein Fender-Piano, aber wenigsten ein Mittelding zwischen Glockenspiel und Klavier. Natürlich konnte man keinem zeigen, dass man als Rockband auf einem Ostinstrument spielte, das dazu noch ziemlich hässlich war (siehe Foto rechts):035 20121004 1905372094
Mein Traum wäre ja eine Hammond B3 gewesen, aber dazu war kein Geld vorhanden. Da kam mir die Idee, von der Hammond das Gehäuse-Design zu verwenden und darin meine Farfisa-Orgel und das Claviset unterzubringen. Somit schlug ich zwei Fliegen mit einer Klappe und wer nicht genau hinsah, glaubte mich auf einer Hammond spielen zu sehen (wie das aussah, kann man auf dem nächstn Bild sehen).
Wir spielten den Pop-Gemüsegarten rauf und runter, suchten uns aber niveauvolle Titel aus - es sollte ja schließlich keine Rasiermusik und in der Auswahl nicht 08/15 sein. Nina sang Songs von Roberta Flack genauso wie Tina Turner's "Nutbush City Limits". Nur ich hatte da eine Schwierigkeit - ich besaß keinen Synthesizer, den man aber unbedingt bei diesem Titel brauchte, um sich dem Original annähern zu können. Da kam Problem Nummer zwei: Wie kann man das markante Synthesizer-Solo ohne Synthesizer spielen? Wie kann man den Portamento-Effekt imitieren, also das stufenlose Gleiten von Ton zu Ton? Die Rätsellösung war ein Tongenerator! Also wurde so ein Ding gebastelt. Schaltete ich ihn an, ertönte der tiefste erzeugbare Ton, der so um die 20 Hz lag. Nun musste ich mit der Hand ein Potentiometer nach rechts drehen, bis der gewünschte Ton gefunden war. Mit einigem Üben kriegte ich das hin. Dann wurde wie mit einer singenden Säge die Melodie mit dem Tongenerator "gespielt" man musste nur am Ende rechtzeitig ausschalten. Das alles machte ich mit links ... mit der linken Hand, meine ich natürlich, denn die rechte brauchte ich zum Spielen auf den Tasten des Clavisets! Aber was heißt hier spielen - ich drückte nur stumm die Tasten, während ich mit der linken Hand, die unter der Orgel das Potentiometer hielt, die Melodie "drehte". Der Trick hat immer geklappt! Manche fragten mich, was für ein Typ Synthesizer es denn sei, mit dem ich das Solo in Tina Turner's Song gespielt hätte. Ich habe etwas gemurmelt, das wie Moog-Ableger oder Nachbau klang, bis man mich zufriedenließ. Später habe ich mir bei AUTOMOBIL einen eigenen Synthesizer zugelegt. Zu dieser Zeit gab es nur wenige Fabrikate, die man sich leisten konnte. Irgendwer hat mir dann ein italienisches Modell der Firma Crumar mit dem Namen Compaq Synth aufgeschwatzt. Ich bestellte mir das billigste Modell, das mich trotzdem 10.000,- Mark kostete!
036 20121004 1073836637Es war kein Synthesizer, es war wieder mal eine Krücke! Dauernd war etwas kaputt, Töne fielen aus oder verstimmten sich. Bei LIFT habe ich den Synthi wieder verkauft und ich glaube, keinen Verlust gemacht zu haben. West-Instrumente gehörten zu den raren Artikeln! Ost-Instrumente für Popmusik - das war wie Haifisch mit Himbeersoße! Um an West-Instrumente ranzukommen, musste man Beziehungen zu einem haben, der wiederum Beziehung zu einem anderen hatte, und der kannte einen, der einen Ausländer kannte, der einen Diplomaten kannte, der die Ware auf mehr oder weniger abenteuerlichen Wegen über die Grenze schmuggelte. Wer aus "erster Hand" kaufen konnte, bezahlte in D-Mark oder 1:4, alle anderen mussten drauflegen. Im Tal der Ahnungslosen wurde man sein Zeugs noch nach einem Jahr zum Einkaufspreis wieder los. Das war der Kapitalismus im Sozialismus! Wir Musiker waren Freiberufler und mussten uns um unsere Arbeitsmittel selbst kümmern. Da drückte die Stasi schon mal ein Auge zu, obwohl sie wusste, wer wem was organisiert hatte. Oft waren die Schmuggler-Typen selbst bei diesem Verein, weil sie mal auf frischer Tat ertappt wurden und dann vor die Alternative gestellt wurden sind: Mitarbeit oder Knast! Aber wer ging schon gern nach Bautzen ...

Zurück zu Nina: Sie sang also einige Songs, die dem Funk- und Soulbereich zuzuordnen waren. Spätestens da hörte ich, dass sie eins nicht hatte: den Blues. Was ist Blues haben? Hier beginnen die Schwierigkeiten. Bluesmäßig denken oder fühlen ist kein Denken im herkömmlichen traditionellen europäischen Sinn, es ist anders. Es gibt bestimmte Intervalle, die nicht genau der üblichen Intonation entsprechen, sie sind etwas tiefer oder etwas höher und bringen es dadurch zu einer Spannung, weil es eben "nicht ganz stimmt" und sich deshalb reibt (Hierbei handelt es sich um die Quinte bzw. Terz). Das ist nicht zu verwechseln mit Sängern, die ihre Töne nicht treffen und deshalb sagen, das ist halt Blues. Ich drücke mich jetzt bewusst einfach aus, denn mit musikwissenschaftlichem Kauderwelsch will ich jetzt keinen belasten. Bisher ist es noch niemandem gelungen, Blues in Worte zu fassen, man kann ihn nur spielen, singen oder eben fühlen. Derjenige, der den Blues hat, versteht auch, was ich meine. Habt ihr den Blues? Es gibt in Deutschland nur eine Handvoll Sänger oder Sängerinnen, denen diese Gabe in die Wiege gelegt worden ist, z.B. Joy Flemming. Nina gehört nicht dazu. Irgendwie scheint sie das erkannt zu haben und wendet diese Stilistik nur noch andeutungsweise an. Viel wohler fühlte sie sich bei den ironisch nachempfundenen Koloratur-Arien einer Opernsängerin. Beim Farbfilm gab sie damit ihren Einstand. Diese Gesangsweise packt sie handwerklich gut, und Handwerk kann man lernen. Den Blues nicht, den hat man. Wir sagten früher immer: "Den muss man im Ei haben", wobei sich das auch auf Sängerinnen bezog.
Mein Urteil über Nina ist nicht euphorisch, es ist 037 20121004 1992589236realistisch, wenn auch subjektiv! Die Schreiberlinge, die sich in Büchern über Nina ausgelassen haben, sind keine Musiker, sondern oft nur Journalisten. Sie sammeln Informationen über einen Star, die sie für wahr halten oder auch nicht, und mischen das in ihrem Skizzen-Pott solange durcheinander, bis sich für sie ein Wahrheits-Extrakt gebildet hat. Den tippen sie dann in ihren Rechner ein und geben das vollendete Werk zum Druck - fertig ist das neue Buch! So liest Max Mustermann das Buch und hat wieder ein paar spektakuläre "Wahrheiten" getankt, die er am Stammtisch zum Besten gibt. Ziel erreicht - was will man mehr?

Je bekannter wir durch die Medien wurden, desto mehr ausgesuchte Muggen kamen auf uns zu. So waren wir z.B. im alten Friedrichstadtpalast in Berlin in einer Nachmittagsvorstellung mit zwei Titeln vertreten. Es war eine so genannte Revue, an der auch andere prominente Künstler teilnahmen. Man frage bitte nicht, wie hoch unsere Gage war! Nachdem wir alles in einen Topf gelegt hatten und durch sieben teilten, kamen 80,- Mark pro Nase heraus. Damit kann man leben, wird man denken, aber das Gesangsduo HAUF & HENKLER wurde besser entlohnt: Sie erhielten pro Aufführung 1.000,- Mark pro Nase. Aber das war noch nicht alles, denn sie hatten noch die Abendvorstellung und kamen so auf 2.000,- Mark. Das Gastspiel ging vierzehn Tage, das macht ... Ich will's nicht aussprechen, sonst müsste ich zu meinen virtuellen Herztropfen greifen. Aber immerhin, wir hatten auch einen kleinen Batzen verdient.

038 20121004 1925048461Anfangs stand die Frage: Wie kommen wir in Berlin unter? Hotel? Pension? Notaufnahmelager? Nina? Ein Teil von uns schlief mangels Hotelzimmer in Ninas Wohnung. Wohnung? Naja, es war eine Ladenwohnung in der Berliner Kastanienallee. Öffnete man die Ladentür, fiel man in den Wohnraum - Wohnzimmer wäre der falsche Ausdruck. Im hinteren Teil gab's noch Bad, WC und Küche fast in einem. Wir schliefen auf Luftmatratzen, ich neben und manchmal auch ganz neben Nina und noch mehr. Ich hatte mich wahrscheinlich ein bisschen verknallt, denn meine Scheidung von Christine J., die Mitte September 1973 vollzogen wurde, war für mich noch frisch, und ich brauchte jemand für Körper und Seele. Außerdem war sie ein kleiner Trost für mich, hatte sie doch große Augen und lange Beine und konnte singen und texten und Pläne schmieden und überhaupt! Sie war der neue Besen, der gut kehrte. Aber nach und nach merkten wir, dass der Umgang auf Dauer mit Nina ganz schön anstrengend sein konnte. Hatte sie montags eine Idee, die sie solange verteidigte, bis auch wir daran glaubten, wollte sie schon am Dienstag nichts mehr davon wissen, denn der nächste Einfall wartete bereits. Da gehörte schon viel psychologisches Einfühlungsvermögen dazu, um das auf die Dauer auszuhalten. Zum meinem Geburtstag malte sie mir sogar ein Bild (siehe nächste Abbildung), das ich mit 1.000.000,- € versichert hatte oder zumindest wollte. Nun ziert es meine nicht vorhandene Traditionsecke und ist privat bei meinen Söhnen versichert.

Nina, Egon Krenz und Biermann039 20121004 1104236660
Christian Claus sorgte immer für noch mehr und bessere Muggen, er war ständig unterwegs, um die Band vorwärts zu bringen. Deshalb war er weniger Saxophonist als Manager. Der Nachteil dabei: Er dachte auch wie ein Manager und nicht wie ein Musiker. Wir wurden auf diese Weise zur Vorzeigeband, machten z.B. bei der TV Jugendmagazinsendung "rund" mit, waren auf dem Titelblatt der DDR-Illustrierten Neue Berliner Illustrierte (NBI) und durften auch bei einer Zusammenkunft von hohen FDJ- und Parteifunktionären teilnehmen. Es war eine "Nachfeier" der Weltfestspiele und Gelegenheit, wieder einmal das FDJ-Beitragssäckel zu leeren. Den Alten passte sogar noch das FDJ-Hemd! Das ist ganz einfach zu verstehen - die älteren leitenden Semester in der "Jugendorganisation" waren mindestens in die vierzig und hatten oft den Bauch der Schlaraffenland-Kommunisten: Dick und fett! Die FDJ-Hemden wiederum waren so geschnitten, dass solche Menschen darin Platz finden konnten. Es schien, als hätte man immer an die Zukunft gedacht und deshalb gab's auch das FDJ-Hemd-Lied, passend zum Bauchumfang: "Du hast ja ein Ziel vor den Augen ..." Ich gebe zu, es machte schon Spaß, bei Banketten sich die besten Happen raussuchen zu können und ständig die besten Getränke von dargereichten Tabletts zu nehmen. Wir kamen sogar mit Oberfiesling Egon Krenz zusammen, als wir gemeinsam im Fahrstuhl fuhren. Nina hat ihn dabei ganz frech (oder naiv?) gefragt, wann wir denn nun endlich mal im Westen spielen könnten, und der hat nur etwas von einer Lossagung Ninas von Wolf Biermann gefaselt. Und sowas hat dann den Honecker abgelöst! Na, vom Regen in die Jauche ... Aber mit Biermann hatte Nina ja immer Kontakt gehabt, bis man ihn 1976 nach einem Gastspiel in Westdeutschland nicht mehr rein ließ. Als Nina und ich einmal zu später Stunde ihre Mutter besuchten und sie schon im Bett war, fanden wir Biermann bei einem Gläschen Wein und Kerzenschein vor. Nina stellte mich vor, machte bla bla, und wir setzten uns. Er fing an, Gitarre zu spielen und zu singen. Es war schon ein Erlebnis, den berühmten Wolf ohne seine sieben Geißlein allein im Wohnzimmer vor sich zu haben. Er spielte, als wären es hunderte, die ihm zuhörten. Und er spielte gut! Und er sang gut. Es war eine Show nur für uns. Am Schluss machte ich einen virtuellen Knicks und wir gingen wieder hinaus ins Leben, das Leben in der Ladenwohnung. Als ich ihn fünfzehn Jahre später im Wendejahr im "Haus der jungen Talente" zu einem Konzert wiedersah, war der Glanz vorüber. Übrig geblieben ist ein einsamer Narzisst, der nach Huldigung lechzt, Huldigung durch das Volk.
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Kapitalistisches Filmeinlegen
Durch den Farbfilm wurde die Filmfabrik VEB ORWO Wolfen auf uns aufmerksam. Die nächste Leipziger Messe im März 1975 stand ins Haus und dafür benötigte man ein Werbefoto. Gleichzeitig braucht AUTOMOBIL Plakate in Farbe und die waren in guter Qualität schwer zu haben. So wollte Christian Claus einen Deal mit ORWO machen: Werbefoto gegen Plakate! Der Köder war unser Farbfilm-Hit - ORWO biss an. So fuhren wir nach Wolfen und statteten dem Betrieb einen Besuch ab. Nach einem Essen in Form eines Bankett light und der anschließenden Foto-Session lud man uns ein, den Betrieb etwas näher kennenzulernen. Alles verlief ohne Komplikationen, bis wir zu jener Kammer kamen, wo Mitarbeiter in einer 8-Stundenschicht in absoluter Dunkelheit Filme einlegen mussten. Dafür erhielten sie weniger als 500,- Mark Lohn. Nina kommentierte das mit: "Det is ja Sklavenarbeit, is dette!" Natürlich kann sie auch etwas anderes gesagt haben, aber sie brachte auf alle Fälle auf sehr unkonventionelle Art "ihren Unmut zum Ausdruck". Da wurden Vergleiche gezogen mit dem kapitalistischen Ausbeutersystem oder daran erinnert, dass es zu Zeiten von Herrn K. Marx ähnlich gewesen ist. Dann packte sie ihre sieben Sachen und verschwand. Eigentlich wussten wir, dass sie recht hatte, wir waren aber trainierte DDR-Bürger und erkannten, wann wir das Maul zu halten hatten. Sie aber hatte wahrscheinlich an einem Biermann-Trainingslager teilgenommen und die Erkenntnisse gleich mal in der Praxis angewendet. Aufzufinden war sie dann auf dem Klo und partout nicht aus dieser Örtlichkeit rauszukriegen. Nur Matthias Neumann gelang es dann auf christlich-theologische Art, sie zum Aufgeben zu bewegen. Trotzdem wurde das Werbefoto auf der nächsten Messe gezeigt.
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Der "Vorgang", wie die Stasi so etwas bezeichnete, war natürlich am nächsten Tag bereits in Berlin Thema Nummer eins! Die Genossen setzten sich zusammen, Gespräche mit Moskau wurden geführt, Breschnew vom Klo geholt und in Erwägung gezogen, den Warschauer Pakt in Alarmbereitschaft zu versetzen, weil die NATO mit einem Einmarsch in die Kastanienallee drohte. Ja, liebe Nina, das hatten wir alles nur dir zu verdanken ... Das ist fiktiv, ich gebe es ja schon zu. Aber die Mächtigen beschlossen, AUTOMOBIL und Sängerin nicht in den Westen reisen zu lassen. Nach zwei Jahren waren Nina und Matze Neumann trotzdem im Westen angekommen - ein Ausreiseantrag hatte es möglich gemacht. Es gäbe noch einige Ereignisse, die sich zu berichten lohnen, was hier aber zu weit führen würde.
Wenn es damals schon Boulevardblätter gegeben hätte, wäre sicherlich zu lesen gewesen, "Der Gitarrist 'Kade' sei ein lieber Trottel, in den sich Nina mal verknallt hatte". Platonisch zumindest, denn außer einer Schwärmerei ob seiner Trotteligkeit blieb nicht viel übrig. Er war eben ein schräger Typ und auf so was stand Nina. Kurz vor Weihnachten 1974 hatten wir eine Veranstaltung im Dresdner Kulturpalast, nämlich das Schlager-Highlight "Einmal im Jahr". Dazu muss man wissen, dass es eine monatliche Sendung im DDR-TV gab, die den Titel "Schlagerstudio" trug und der Ostableger von Dieter Thomas Hecks "Schlagerparade" war. Die jeweils besten einer Sendung kamen am Jahresende zum Endausscheid, der den Titel "Einmal im Jahr" trug. Natürlich waren wir auch dabei. Einen Tag vor der Fernsehaufzeichnung gab es immer eine Generalprobe vor einem Publikum und da räumten wir ab (Entschuldigung, ich werde euphorisch)! Zum ersten Mal habe ich erlebt, wie sich ein Publikum wirklich freuen konnte, und zwar so ein Schlagerfuzzi-Mitklatschpublikum, von dem alle nicht den Blues haben, weil sie nur auf jeden ersten und dritten Schlag einen Klatscher machen, eben deutsch ... Jaja, ich komme zum Thema, aber das mit dem stupiden Mitklatschen regt mich immer wieder auf!
Nina trat in einem selbst ausgedachten Fantasiekostüm auf, trug einen breiten Hut und war fast clownesk geschminkt. Sobald sie das rote Licht an einer auf sie gerichteten Kamera entdeckte, das Aufnahme bedeutete, nahm sie Reißaus. Das zog sie eine ganze Weile durch und versteckte sich sogar mal kurz unter der Bühne. Wir schütteten uns aus vor Lachen, denn das war nicht geplant und war ein spontaner Einfall Ninas. Keine Frage, als es um die Bewertung ging, wer zur Nummer eins wurde, und zwar vom "Volk" gewählt: Nina Hagen und AUTOMOBIL. Klar, wenn in der DDR etwas vom Volk gewählt wurde, ging das nicht mit rechten Dingen zu und musste gradegerückt werden. Das dicke Ende kam noch. Nebenbei bemerkt: Ich trug auch meinen kleinen Teil zum Erfolg bei, wusste ich doch, dass die Kamera mich beim Intro im Visier hatte. Ein schnöde Achtel spielender Pianist ist langweilig. Drum drehte ich mich nach zwei Takten zur Kamera hin und zwinkerte mit einem Auge. Damit wollte ich eigentlich nur demonstrieren, dass man alles nicht so ernst nehmen sollte. Ich war seitdem für manche Leute, die das im Fernsehen verfolgt hatten, "der Zwinkerer". Eine alte Dame aus meinem Haus fragte mich mal, ob ich ihr zuggezwinkert hätte. Das erinnerte mich an meine Großmutter in den letzten Jahren ihres Lebens: 1969 schaffte meine Mutter einen Fernseher aus zweiter Hand an und Oma saß abends davor. Wenn eine Moderatorin ihre Ansage machte und ich auf dem Sofa lümmelte, sagte sie: "Wie sitzt denn du da! Was soll die denn von dir denken, die sieht dich doch!" Darauf hielt ich ihr einen sehr populärwissenschaftlichen Vortrag über das Fernsehen und erkläre ihr, dass sie zwar die Fernsehmoderatorin sehen könne, diese aber sie nicht. Irgendwann sagte sie dann: "Habe ich verstanden! So, und nun setz' dich ordentlich hin, sie guckt dich schon wieder an!" Und dann zog sie ihren Rock grade und richtete ihr Haar.

Hierarchie der Prominenten
Als es nach der Generalprobe zu einer Auswertung kam, an der alle maßgeblichen Personen von der Regie bis hin zur Parteileitung teilnahmen, flogen die Fetzen: Das Favoriten-Schlagersülz-Duo HAUF & HENKLER legte ihr eigentlich nicht vorhandenes Veto ein! Es könne doch nicht sein, dass so eine Newcomer-Band mit einer ebenso Newcomer-Sängerin ihnen den 1. Preis wegschnappte! Da hätten sie ja völlig umsonst am Arsch der Künstleragentur, des Fernsehintendanten und der Staatsmacht überhaupt geleckt, und auch ihr falsches Grinsen hätte nichts genützt. Da auch die Kulturfunktionärsmafia mit gewissen Künstlern paktierte, wurde am nächsten Tag, wo es um die Schlager-Wurst ging, der Gruppe AUTOMOBIL ein "Nachwuchspreis" zugesprochen, Nummer eins waren natürlich HAUF & HENKLER. Trotzdem hatten wir auch an diesem Tag den meisten Erfolg, denn Nina zog ihre Weglaufshow von der Kamera wieder durch. Es existiert noch ein TV-Mitschnitt davon, auf dem man das teilweise verfolgen kann. Ich merke, ich bin schon wieder bei der Musik gelandet! Ich wurde schon öfter wegen des Michael im Farbfilmtext angesprochen, ob ich damit gemeint sei. Demmler hat sich dieser Antwort freiwillig durch Suizid entzogen und auch ich kann nur mutmaßen. Doch nehme ich an, dass er irgendwas geahnt hat. Durch unseren Bekanntheitsgrad und durch den Namen ihrer Mutter Eva Maria Hagen profitierte auch Nina und es kam zu einem Filmangebot. Klaus Gendries suchte für den Film "Heut ist Freitag" eine junge Schauspielerin, die er in Nina auch fand. Mit dabei und ebenso jung war der Schauspieler Dieter Montag, der heute zu den Top-Leuten seines Fachs zählt.

Ninas Ausstieg
Ich durfte zu diesem Film meine erste Filmmusik schreiben! Ich bekam einen großen zentnerschweren Videorekorder nach Hause geliefert und komponierte mit dessen Hilfe die einzelnen Tracks. Für jeden Track machte ich eine andere Musik und wollte zeigen, wie vielseitig ich doch sei. Die Musik wurde im Babelsberger Tonstudio im Dezember 1974 unter steinzeitartigen Bedingungen eingespielt. Wir hatten dafür drei Tage Zeit. Im Drehbuch war auch ein Text, den ich vertonte und den Nina am dritten Tag einsingen sollte. An diesem Tag erschien aber keine Nina und sie war auch telefonisch nicht zu erreichen. Heute hätte man gesagt, sie hätte ihr Handy abgestellt. Also brauchten wir dringend Ersatz, doch woher sollte der kommen? Am Schluss fanden wir in dieser prekären Situation einen Ausweg: Veronika Fischer, genannt Vroni, eine der besten die wir hatten! Sie hatte Zeit, kam nach Babelsberg, ich übte mit ihr am Klavier die Melodie ein, sie ging vor's Mikro, sang und fertig war der Titel "Wasser und Wein"! Dieser Song fiel mir beim Gitarrenspiel ein, daher rührte auch die gitarrentypische Akkordfolge des Intros. Das war also unser nine-eleven-2001-Tag, der 9. April 1975, an dem das passierte!
Ich glaube, Nina hat sich später bestimmt geärgert, dass sie diesen Song nicht noch mitgenommen und erst hinterher die Band verlassen hat. Ich nahm dieses Lied mit zu LIFT, wo es eines der bekanntesten Lieder dieser Band wurde. Anfang der 90er griffen sogar die Puhdys danach und produzierten davon ihre eigene Fassung. Sie waren die erste Gruppe, die das Selbstbewusstsein besaß, eine DDR-Band zu covern! Das erfüllte mich mit einem gewissen Stolz und zwar nicht deshalb, weil ich von den Puhdys auserwählt wurde, sondern dass ich das tolle Gefühl hatte, von anderen gecovert zu werden. Heute gehört so etwas zum Szene-Alltag.
In der Gerüchteküche wurde ja auch damals schon so allerlei gemunkelt, was ich mit der Nina so gehabt hätte. Angeblich soll unser zerbrochenes Verhältnis eine der Ursachen gewesen sein, weshalb Nina die Band verlassen hatte. Die Rockgeschichte sagt uns, dass es kein gutes Ende nimmt, wenn in einer Rockband eine Paarbeziehung auf Dauer auftritt. Der Klassiker ist John Lennon/Yoko Ono oder Paul McCartney und seine Frau Linda. Entweder es hat die Band auseinander gebracht oder die Kreativität litt darunter. Davor bin ich nun geschützt worden - Nina hat AUTOMOBIL sitzen lassen. Und mich natürlich auch.
Die Abteilung Mutmaßungen macht sich für die Klatschspalten immer ganz gut. In einem Magazin gab's mal einen Beitrag über mich, wo das Thema Trennung von Nina angesprochen wurde. Dem Schreiberling hatte ich vorher mal einen Brief gezeigt, den Nina nach unserer Trennung mir geschrieben hatte. Daraus hat er bestimmt irgendwelche Schlussfolgerungen gezogen.
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Das war noch nicht das Ende von AUTOMOBIL, die Hoffnung stirbt zuletzt! Der Erste, der ausstieg, war Kade. Das war kein Verlust, denn es kam Kuno dafür. Das Einzige, was sie gemein hatten, war der Buchstabe K in ihren Familiennamen. Kuno (Christian Kunert, Anm. d. Red.) war ein kaputter Typ, aber er konnte handwerklich viel mehr vorweisen als sein Vorgänger. Er sang bei uns Ray Charles' "Hit the Road Jack" und imitierte ihn dabei mit seiner Karo-verrauchten Stimme. Bei diesem Stück hatte er ein langes Gitarrensolo, das zu den erfolgreichsten Nummern unseres Programms gehörte. Kuno als Sohn eines Alkoholikers trat in die Fußstapfen seines Vaters und trank dementsprechend viel. Manche Hoteleinrichtung musste deshalb vor ihm geschützt werden. Die Suche nach einem neuen guten Sängers war wieder wie nach dem Ausstieg von Bürkholz und Geißler, nämlich erfolglos. Das Unternehmen AUTOMOBIL war zum Untergang verdammt. Wir machten trotzdem mit verschiedenen Sängern weiter, doch das ergab nichts Halbes und nichts Ganzes. Am Schluss machte der Letzte das Licht aus.

Und noch ein Ereignis: Ich wurde von dem Musikmagazin "Melodie & Rhythmus" zum besten Organisten des Jahres 1974 gewählt und war deshalb gleichzeitig der beste Organist von 17 Millionen DDR-Bürgern! Kling gut, nicht wahr? Ich bekam den Titel aber nicht wegen meiner flinken Finger, sondern wegen meiner Popularität als Farbfilm-Anhängsel. Aber statistisch macht sich so etwa immer ganz gut, oder?

Einführung einer alternativen Währung
Suhle war auch der, auf dem man sich immer verlassen konnte. Auch wenn mal der Geldsegen nicht gerade üppig aus der Muggenkasse rieselte, er gab auch seine letzten Zwanziger, wenn Not am Mann war. Da gab es einen Typen in Leipzig, der Addi hieß und sich gern Geld borgte, ohne es zurückzuzahlen. Das machte er auch mit Suhle, was folgenden Dialog zur Folge hatte: "Wann krieg' ich'n mein' Zwanziger zurück, Addi?", fragte ihn Suhle. "Morgen, garantiert, Ehrenwort, großes!" Jedes Mal, wenn sie sich trafen, wurde das "morgen" ausgesprochen und Suhle rannte seinem Zwanziger noch lange hinterher. Als er uns einmal davon berichtete, fragten wir ihn später: "Na Suhle, haste denn deine Addi schon erhalten?" Damit wurde Addi das Synonym für den Zwanziger. So fragte ich manchmal: "Wie viele Addis gab's denn heute?" und "acht" war die Antwort, also 160,- Mark. Seit dieser Zeit trug ich mein verdientes Geld immer in der Addi-Währung in meinen Taschenkalender ein.

   
   
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