Teil 1

Wie Gala über den Schulchor zur Musik kam, Hansi Biebl traf, bei MONOKEL seine Einstufung als Profimusiker erhielt und offizieller Bandchef wurde...

Schöne Stimmung, denk’ ich mir gerade.

Dem Morgen graute schon vor etwa einer Stunde und nur die Luft schmeckt noch immer nach dem gestrigen Abend, während am Himmel eine violette Flüssigkeit auf uns zu wabert, in der sich ein immer größer werdender Spritzer Orange breit macht. Mickrige Sonnenstrahlen, die sich schüchtern durch das müde Fenster in unser Leben schummeln, tauchen das chaotische Durcheinander auf dem Küchentisch in ein goldiges, unschuldiges Licht. Wie aus weiter Ferne höre ich das Orchester dieses neuen Tages schon mal zaghaft seine Instrumente stimmen.

Bereits vor Stunden hat sich Renee lachend, indem sie kokett den Kopf in den Nacken geworfen hat, in Richtung Wendeltreppe verabschiedet. Basti und ich sind schon seit Dunkelzeiten die Letzten, und selbst die herumliegenden Gitarren laufen nicht mehr erhöhte Gefahr, von Trunkenbolden zertrampelt zu werden. Mit stoischer Gelassenheit bemerke ich, wie mir vom Singen und Saufen der Hals weh tut und trotzdem nippen wir noch müde an dem dritten, aber nun wirklich allerletzten Scheidebecher, ohne den Geschmacksrezeptoren eine wirkliche Herausforderung zu bieten. Selig wie zwei Kinder, denen man die geklauten Backförmchen zurückgegeben hat, grinsen wir in die sich breit machende Stille hinein und denken auch nicht im Entferntesten an die längst überfällige Mütze Schlaf.

Sebastian Baur - mannomann, wie lange kenn’ ich diesen niemals erwachsen werdenden Bengel eigentlich schon? Als wir uns begegneten, waren wir gerade mal siebzehn Jahre jung und konnten uns auf Anhieb nicht ausstehen. Wir trafen uns bei irgendwelchen Parties oder in dunklen, verrauchten Clubs und glaubten beide in dem jeweils anderen ein arrogantes Großmaul sehen zu müssen. Wie Recht wir hatten!! Allerdings hat sich diese gegenseitige Abneigung dann aber sehr schnell gelegt! Jedenfalls ist heute nicht nur sein 49. Geburtstag, sondern auch der Tag, an dem wir nun aber WIRKLICH beschlossen haben, so was wie ’n Buch über all den Mist, den wir in den letzten 30 Jahren erlebt haben, zu schreiben.

Wie oft sitze ich nämlich bei Parties oder anderen Gelegenheiten mit Freunden oder guten Bekannten zusammen und gebe die eine oder andere Anekdote aus meinem Leben zum Besten und wie oft muss ich dann hören, dass diese Geschichten ja doch eigentlich aufgeschrieben gehören. Ich fang’ damit schon mal an…

BLUESHARP

Genau genommen, fängt ja meine Beziehung zu der aufregenden Welt der Livemusik ’n bisschen vor der Begegnung mit Basti an. Klar, ich hab’ immer schon rumgefummelt auf der Klampfe und gesungen hab’ ich schon als Knirps im Schulchor. Aber so richtig nervös wurde ich, als ich mit der Mundharmonika ein Verhältnis anfing. Mein Freund Peter, oder Olaf, oder Micha - na, irgendeiner meiner damaligen Kumpels - brachte nämlich ’ne richtige Hohner Bluesharp aus Budapest mit und es klang einfach nur noch schauderhaft, was der mit dem Teil anstellte. Meine schon damals sehr stürmische Natur ließ es einfach nicht zu, dass der ansonsten eigentlich nette, aber in diesem Fall doch offensichtlich sehr untalentierte Peterolafmicha, dem kleinen, unschuldigen Instrument solche Pein zufügen durfte. Ergo entwand ich ihm den Hobel und machte mich tapfer daran, demselbigen akzeptable Töne zu entlocken. Au Backe! Ich habe meine Umwelt wohl einige Wochen und Monate schwer genervt, bis ich einigermaßen anhörbares aus dem erstaunlichen kleinen Ding rausgeblasen habe. Selbst bei Spaziergängen in Wald und Flur trötete ich wie ein Geisteskranker auf dem Gerät rum, was uns zumindest garantierte, von schlecht gelaunten Wildschweinrotten weiträumig umgangen zu werden. Aber siehe da, eines Tages fing es an zu klingen und mein Interesse bezog sich fortan auf alles, was mit diesem Instrument und der dazugehörigen Musik zu tun hatte. Als wäre der buchstäbliche Knoten geplatzt, hörte ich wie besessen Leute wie Muddy Waters, Sonny Terry & Brownie McGhee, Big Bill Broonzy, Robert Johnson, Champion Jack Dupree, Willie Dixon und last but auf alle Fälle not least - Sonnyboy Williamson. Ich glaube, ohne viel zu übertreiben, sagen zu können,dass ich gerade von Sonnyboy Williamson am meisten Harp spielen gelernt habe.Mein Gott, wie oft stand der alte Mann neben meinem Bett und hat’s mir mit der Kelle gegeben! Jedenfalls öffneten sich für mich damals Türen und Tore, von deren Existenz ich vorher nicht mal was geahnt hatte.

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Wie schon erwähnt, ich hab’ mich immer schon mit Musik beschäftigt - war mit Begeisterung im Schulchor, mit acht Jahren wurde ich zum Geigenunterricht geschickt (gähn!) und mit 13 begann ich von einem guten Freund - Norbert Goretzki - (wo der jetzt wohl steckt?), Gitarre zu lernen. Ich interessierte mich für irische Folklore, war verrückt nach Crosby, Stills, Nash & Young, Led Zeppelin waren meine Familienmitglieder und Hendrix, Cream und Black Sabbath lieferten den Soundtrack für die vielen Stummfilme, die bei leicht verwirrten, aufmüpfigen Jugendlichen so ablaufen. - Alles Super - ABER DIESER BLUES…Plötzlich begriff ich, woher all diese geile, kraftvolle Musik, die mich kirre machte, herkam und mir war klar: DISS MUSSTE MACHEN, GALA!!

LANGHANSSTRASSE

Zur damaligen Zeit gab’s immer donnerstags im Jugendclub Langhansstrasse in Weißensee so was, wie ’n Musikantentreff mit garantierter Jamsession. Letzteres war für mich ganz besonders wichtig - drängte es mich doch mit aller Gewalt auf die Bühne. Das ganze fand unter der Regie von Conny Bauer - dem großen Posaunisten seiner Zeit - statt und war selbstverständlich fester Bestandteil meines Terminkalenders. Ich wollte mich zwar dringend produzieren, hatte aber - ich geb’s ja zu - lampenfiebrigen Dauerschiss. Glücklicherweise waren immer gute Freunde mit von der Partie, die mehr als ich glaubten, dass ich „was drauf“ hätte und mich immer wieder geradezu zwangen, zur Klampfe, Munti oder Mikrofon zu greifen, um dem Geschehen etwas Würze zu verleihen. Na klar, ich spielte mal dies, mal das, sang mal das eine, mal das andere und jammte mal mit diesem oder jenem - und mit zunehmender Akzeptanz sowohl des Publikums, als auch anderer mitmachender Musiker, wuchs auch mein Selbstbewusstsein. Vor allem aber faszinierte mich das Zusammenspiel verschiedener Kollegen und Instrumente. Immer wieder kamen Jazzer und tuteten in ihre Tenor-, Alt- oder Sopransaxophone, Trompeten und sonstiges Blech. Pianisten liebkosten oder malträtierten die schwarz - weißen Tasten des nicht ganz zufällig auf der Bühne stehenden Flügels, Rockgitarristen zeigten akrobatische Kunststückchen auf ihren Instrumenten und mein späterer Freund Greiner - Pol kratzte auf seiner Geige die eine oder andere Weise.

Egal, was gespielt wurde, egal auf welchem Niveau sich jeder einzelne im Augenblick befand - hier bei diesen Sessions begriff ich - spürte ich - die ungeheure Kraft, die von einer Band - ja von einem Kollektiv - ausgehen kann. DISS MUSSTE MACHEN, GALA! Da war es wieder! Ich war wie elektrisiert.

JAZZKELLER TREPTOW

In Treptow, in der Puschkinallee gab’s den damals schon legendären „Jazzkeller“. Hier spielten - obwohl es sich um keinen Riesenschuppen handelte - DIE Geheimtipps der Szene. In diesem Laden hörte ich 1974 zum ersten Mal die HANSI-BIEBL-BLUESBAND: Olaf Wegner an den Drums, Paule Kaszubowski zupfte äußerst lässig den Bass, an der einen Gitarre Eberhard Klunker und an der anderen der Boss himself - Hansi Biebl! Nie zuvor hat mich Livemusik so umgehauen und wer weiß, vielleicht hat mich Biebl, der alte Drecksack, sogar beeinflusst bei vielem, was ich ab dann so tat. Damals hätte ich mir natürlich nicht träumen lassen, dass wir einige Jährchen später sogar so was, wie befreundet sein sollten - falls dies in diesem Geschäft überhaupt wirklich möglich ist! Schade nur, dass während des kometenhaften Aufstiegs dieser ungeheuerlichen Band zwei der Musiker (Wegner und Klunker) sich in den Westen abgesetzt haben - was hätte noch alles aus dieser Combo werden können! Ich kann mich noch ziemlich gut erinnern, wie Biebl unter diesem ganzen Scheiß gelitten hat. Jahre später sollte es mir nicht anders gehen! Na auf alle Fälle war ich natürlich, so oft es ging, in diesem „Jazzkeller“ in Treptow.

Eines Abends spielte VAI HU - ebenfalls eine Berliner Bluesband um Stefan Diestelmann als Galionsfigur und Frontmann. Ich wusste, dass die Jungs gut sind und wollte einfach nicht akzeptieren, dass die Veranstaltung total ausverkauft war und somit absolut kein Reinkommen mehr möglich war - jedenfalls nicht legal!

Ich war den Tag mal wieder mit meinem Freund Peter Barsch unterwegs und wir beide ließen uns prinzipiell äußerst ungern von unseren Vorhaben abbringen. Peter, der heute in Kalifornien lebt, lernte ich damals in einer freien Theatergruppe, bei der ich mit Leidenschaft wichtigtuerische Grimassen zog, kennen. Mit keinem Kerl hing ich zu der Zeit mehr herum als mit ihm, leider hatten wir den gleichen Geschmack, was Frauen anbelangt, was das um die Häuser ziehen immer ein wenig verkomplizierte. (Erst vor kurzem gestand er mir sogar, meine damalige Freundin Line gefickt zu haben - watt et nich allet gibt!)

Wir also erst mal um den Laden rumgeschlichen - schließlich musste das Terrain sondiert werden. Kellerfenster noch und nöcher, leider alle vergittert. Eines dieser Gitter jedoch erwies sich als nicht mehr sooo felsenfest im Mauerwerk verankert, was uns auf die folgerichtige Idee brachte, wie die Galeerensklaven an diesem Mistding zu rütteln. Das schmiedeeiserne Kleinod mimte nach kürzester Zeit den Klügeren und gab nach, wodurch uns der Weg ins Innere nicht mehr versperrt blieb. Kaum drinnen, ließ ich mich auf Grund meines bereits erwähnten, bei Sessions redlich erworbenen Selbstbewusstseins und diverser im Vorfeld genaschter Alkoholderivate nicht lange bitten und trötete ungefragt Harp spielend in irgendein gerade vakantes Mikrofon - Diestelmanns säuerlichen Gesichtsausdruck stoisch ignorierend! Später erst verstand ich Stefans Säuernis nur zu gut – wie oft sind irgendwelche Möchtegernmuntispieler hybrisbehaftet von sich selbst überzeugt bei MONOKEL auf die Bühne gesprungen und haben mit ihrer Jämmerlichkeit die gute Stimmung gefährdet.

gala 02 20130419 1575644771Ich muss aber ziemlich gut gewesen sein. Lello - zu der Zeit Drummer bei ENGERLING - quatschte mich sofort an und gab mir mit der Bitte, zu überlegen, ob ich nicht vielleicht bei ENGERLING mitmachen wolle, seine Telefonnummer. Whow! Icke bei Engerling - ich dachte, ich träume! Immerhin war das zu der Zeit schon ’ne Band von Rang und gutem Namen. Dann, ein paar Minuten später, stand ein langhaariger Spargel vor mir, der sich - wie originell - als Speiche vorstellte, um mit einem höchst interessanten Vortrag zu punkten: „Ja, wir ham vor kurzem ’ne Band jegründet und so wat wie dich könnten wa grade noch jebrauchen.“ Okay, denk’ ich, gibste dem Onkel deine Adresse, (Telefonbesitzer war’n damals eher ’ne seltene Spezies, zu der ich nicht gehörte) mal sehen, was passiert. Prompt - nächsten oder übernächsten Tag - steht doch tatsächlich Peter Schneider - damaliger Bandleader (oder wie es schrulligerweise offiziell hieß - der KAPELLENLEITER) von MONOKEL vor meiner Wohnungstür in Johannisthal. Na, wir beschnupperten uns erst mal mittels Gitarren und Gesang und Harp, auf meinem alten Harmonium wurden ein paar Akkorde gedrückt, und nach einigem Musizimbeln und Quatschen stellten wir fest, dass wir musikalisch auf einer Welle schwimmen und uns obendrein noch sympathisch waren und die erste Probe wurde für nächste Woche in Pankow in der Grabbeallee anberaumt. Klar, dass ich zusagte, zumal ich mir dachte, in so ’ner neu gegründeten Band mitzumachen wird mir mehr Möglichkeiten geben, meine eigenen Ideen zu verwirklichen, als wenn ich mich in eine bestehende Kapelle einreihe. Hinzu kam eben erschwerend, dass ENGERLING in Boddi ja auch schon einen exzellenten Sänger hatte und ich ’ne Gänsehaut nach innen bekam bei dem Gedanken, eventuell immer nur die zweite Geige spielen zu dürfen - also: bye - bye Engerling, hallo MONOKEL! Okay, Speiche, der „Alte“ also am Bass, Basti Baur und Pet Schneider an den Gitarren und Micha Werner am Schlagzeug.

ERSTE EINSTUFUNG

Um in der DDR überhaupt auftreten zu dürfen, benötigte jede Band eine vom Rat der Stadt erteilte Genehmigung, der zwangsläufig immer eine EINSTUFUNG vorausging. „Na wo komm’ wa denn da hin - hier einfach so laute Hottentottenmusik machen und das ungekämmte Langhaar lustvoll schütteln - nee, nee, das muss schon alles seine sozialistisch-deutsche Ordnung haben.“ Man meldete sich also bei irgend ’ner Pullerinstitution Abteilung Kultur an und musste dann meist mit vielen anderen Leidensgenossen coram publico und vor einer so genannten Einstufungskommission sein Bestes geben. (Zu Einstufungskommissionen werd’ ich später noch etwas ausführlicher kommen)

Unser Ziel war es, bei der nächsten großen Einstufungsveranstaltung, im Jahre des Herrn 1976, nicht nur mitzumachen, sondern auch gleich die Mittelstufe zu ergattern. Da gala 03 20130419 1045487862es sich hierbei um die Ersteinstufung handelte, war dieses Ansinnen schon ziemlich mutig - aber an Mut hat es uns ja eigentlich nie gemangelt - trotz einiger Manschetten! Aber ich denke ja, Mut ist nicht das Fehlen von Angst, sondern die Überwindung von Angst. Wir also nach ’n paar Wochen Probe (mittlerweile sind wir in den Probenkeller von Micha Werner in die Ackerritze umgezogen) zum großen Trallala ins EAW Treptow. Im Hauptgebäude dieses Elektroblödsinnskombinats gab’s im obersten Stockwerk so ’n riesigen Kultursaal mit ziemlich großer Bühne, auf die wir - na klar - nicht mehr rauf durften. Wir sind nämlich - typisch für diese Kapelle - selbst an einem für uns so wichtigen Tag viel zu spät eingetrudelt, was zur logischen Folge hatte, dass die anderen Bands, die ebenfalls an dieser Einstufung teilnahmen, die Bühne total vollgemülllt hatten und für die kleene MONOKELBAND kaum noch Platz war. Okay, okay, wir bauen uns eben unten auf’m Parkett direkt VOR der Bühne auf. Merkwürdige Situation - aber egal - auch Wolkenkratzer haben mal als Keller angefangen! Und überhaupt - ich war gerade ’n paar Stunden Vater meiner wunderschönen Tochter Sarah, ich liebte meine Freundin Line, die Bandkollegen waren wie Brüder und das Leben, das vor mir lag, roch nach Abenteuer und Erdbeertorte. Ich fühlte mich bei aller Nervosität unbesiegbar, egal, wer oder was da noch auf mich zukommt.

Na ich mach’s kurz: Erwartungsgemäß lief die ansonsten ja eigentlich überflüssige Veranstaltung für MONOKEL prima. Wir bekamen selbstverständlich (komischerweise haben wir daran nie auch nur eine Sekunde gezweifelt) unsere beantragte Mittelstufe, was ja für Abrechnungen mit Veranstaltern wichtig war und sich in Heller und Pfennig niederschlug. Darüber hinaus bekam - wen wundert’s - das großartige Jodeltalent Gala für seine solistische Leistung als Sänger einen Sonderpreis vom Magistrat der Stadt Berlin und eben die sooo wichtige Spielerlaubnis, ohne die keiner was auf den Bühnen dieses komischen Landes zu suchen hatte.

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Ihr könnt euch kaum vorstellen, wie ich mich fühlte. Die erste richtige Mugge mit Band und gleich so ’n Sonderpreis abgefasst. Ich wollte die ganze Welt umarmen und das Gefühl der Unbesiegbarkeit hatte in diesem Augenblick seinen Höhepunkt erreicht. Immerhin hingen an diesem Preis zu allem Überfluss auch noch - für damalige Verhältnisse eine Riesensumme - 500 Mark mit dran. Die Kohle wurde ein oder zwei Tage später bei einer Feierlichkeit peinlichster Ausmaße im HdJT (Haus der jungen Talente) an mich ausgehändigt und von den Bandkollegen und mir bis auf einen kleinen Rest umgehend in feinste Spirituosen umgesetzt! Wenn man mal bedenkt, dass z. B. ein Gin Tonic gerade mal 1,50 Mark der DDR gekostet hat, kann sich ja wohl jeder vorstellen, wie wir danach aussahen… Der Grundstein für unseren nicht immer allerbesten Ruf als tapfere Alkoholvernichter war gelegt! Aber darüber wird in diesem Buch noch genug zu berichten sein.

KINO COLOSSEUM

Ab jetzt folgten teils doofe oder eben auch normale, unspektakuläre, aber auch mehr und mehr großartige, ja legendäre Konzerte. Wir spielten in Dorfsälen genau so, wie in lächerlich pompösen Kulturhäusern. Diss sieht so nach Kultur aus, diss is wohl das Kulturhaus! Und immer öfter auch in Kinos oder Theatern. Ich erinnere mich natürlich an unser erstes richtig großes Ding im Kino Colosseum in der Schönhauser Allee. Keine Ahnung mehr, wie die zwei Bands hießen, die nach uns spielten, ich kann mich nur noch erinnern, dass diese Kapellen schon so was, wie etabliert waren in der Szene. Logisch, dass die relativ unbekannte MONOKEL BLUES BAND als erste spielen sollte. Auf alle Fälle war eine der Bands aus Dresden und die machten so auf super poppig, mit Plateauschuh und schicker Bühnengarderobe - war ja irgendwie „IN“ damals - ABBA lässt grüssen! Wir jedenfalls spielten - wie gesagt das erste Mal vor mehr als hundert Leuten - als ginge es um unser Leben. Die Massen tobten - und nachdem wir nach der dritten Zugabe nass geschwitzt von der Bühne torkelten, war auch unser Repertoire vollkommen erschöpft. Ach je - ich glaube, die armen sächsischen Kollegen wollten lieber ’ne ausgedehnte Kneipentour mit Charles Bukowski machen, als NACH uns auf die Bühne zu gehen.

gala 07 20130419 2097163067War jedenfalls das erste Mal, dass wir (ohne Häme) ’ne Band atta geschickt haben. Neben schamhaft roter Ohren ein sehr geiles Gefühl, von ca. 1000 Leuten gefeiert zu werden. Wir gehörten dazu, mehr und mehr. Und je mehr Leute zu MONOKEL-Happenings kamen, desto nervöser wurde die Staatsmacht. Als würde das alles nicht schon genügen, fingen wir auch noch an, uns Gedanken - eigene Gedanken - zu machen. Nüscht gegen John Mayall, Canned Heat, die Allman Brothers, Free oder Willie Dixon - im Gegenteil - aber wir wollten schon irgendwie eigene Songs mit eigenen Gedanken von der Bühne rotzen. Speiche hat mich immer dazu angetrieben, unsere Ideen zu eigenen Songs zu machen. Das machte natürlich die Quarkköppe von der WIR-PASSEN-AUF-DASS-KEINERFRECH-WIRD Abteilung nicht gerade ruhiger. ’Ne Band, die egal wo sie spielt, völkerwanderungsähnliche Zustände auslöst UND eigene Ideen verbreitet: Aba Achtung!!

PET UND MICHA WERDEN ENTLASSEN

Die Erinnerung ist ja im Allgemeinen mit uns gnädig, will sagen, dass selbst die unangenehmsten Lebenssituationen Jahre später verblassen und dann nur noch die hellen Stunden im Gedächtnis haften bleiben.

So kommt es dann wohl auch, dass Männer sich meist nur an die „lustigen“ Streiche während ihrer Militärzeit erinnern und die saumäßigen Erniedrigungen verdrängen, oder Leute die Scheiße, die in der DDR so ablief, kaum noch wahrnehmen in ihrer Erinnerung, sondern sich in vielen Gesprächen fast nur noch an die sicher unleugbar vorhandenen Gemütlichkeiten dieser Zeit erinnern. Egal, trotz der Gnade einer geschönten Rücksicht erinnere ich mich noch sehr genau daran, wie unendlich unangenehm mir folgende Anekdote damals war: Nach irgendeiner Probe zupfte Basti mit verschwörerischer Miene an meinem obligatorischen Fleischerhemd, um mich dann schnell und heimlich in die nächste Eckdestille zu zerren. Ich war gespannt. Kaum lümmeln wir uns um so ’n gammligen Stehtisch - nicht mal das erste Bier haben wir bestellt - schreitet auch schon seine Eminenz Speiche ins Etablissement. Aha, denke ich mir - Termine, Absprachen, wichtige Fingerübungen, Rezeptetausch, Fahrkartenkontrolle, oder die wollen mir jetzt auf die freche Fresse hau’n - mal sehen. Nachdem beide während des ersten Bieres ein Verhalten an den Tag legten, das mit Herumdrucksen eher unzulänglich beschrieben ist, hielt ich’s kaum noch aus und forderte die Schlingel auf, endlich zu sagen, was ihnen denn so offensichtlich das Bier verhagelte. Die ganze Sache war so einfach wie schockierend: Peter und Micha sollten ausgetauscht werden, nicht etwa untereinander, sondern gegen neue, bessere Kollegen. Rumms! Aha, so fühlt sich das also an, wenn man Entscheidungen mittragen soll, die einem nicht gefallen, unangenehm sind, zu denen man eine gehörige Portion Courage aufbringen muss. Bei Micha Werner fiel mir das ehrlich gesagt nicht sonderlich schwer, da ich nicht das Gefühl hatte, dass er mit ganzer Seele an MONOKEL hing. Aber Peter Schneider …? Pet hat die Band quasi gegründet, der zwar reichlich bräsige - aber immerhin Bandname „MONOKEL“ war seine Erfindung und als Typ, als Kumpel fand ich Peter auch äußerst famos. Junge, Junge. Das war ’ne ungeahnt schlimme Situation, in der ich da steckte. Na gut, die neuen Kollegen wurden also ausprobiert und waren tatsächlich um einiges besser. Erstaunlich übrigens, wie gelassen und tapfer Micha und Peter das „Entlassungsgespräch“ in meiner Erinnerung aufgenommen haben. Einige Male noch in meinem Leben musste ich an solchen Entscheidungen teilnehmen, habe solchen furchtbaren Sitzungen beigewohnt und mich jedes Mal - zumal später als Bandleader - elend gefühlt dabei, aber so schlimm wie dieses erste Mal wohl nie wieder.

Ich stelle mir vor, dass ’n Massenmörder bei seinem ersten Mord noch aufgeregt ist, ja vielleicht sogar noch Gewissensbisse hat. Wenn er dann aber seine siebte Leiche in den Fluss wirft, schon kaum noch was empfindet. Ich werde in diesem Buch mit Sicherheit nie wieder so ausführlich über solche Dinge berichten, aber da dies mein erster Mord war - und dann gleich noch ’n Doppelmord - wollte ich dieser Anekdote etwas mehr Platz einräumen, zumal mir die Situation damals mehr an die Nieren ging, als ich supercooles Großmaul zugeben wollte.

gala 08 20130419 1955595278Die beiden Neulinge waren Detlef Nietz an der Klampfe und Ulf Voigt am Schlagzeug. Detlef hatte einen fabelhaften, sehr trockenen Humor und verlor quasi nie die Fassung. Seine Art, Gitarre zu spielen, kann man getrost als sehr kontrolliert und überlegt bezeichnen, was sich wohltuend mit Bastis druckvollem, bisweilen chaotischem Spiel ergänzte. Ulf Voigt galt eher als ernsthafter, intellektueller Denker - nicht unangenehm, aber anstrengend. Genauso spielte er auch Schlagzeug.

GALA WIRD ZUM KAPELLENLEITER

Neue Besetzung bedeutete auch, dass die Neulinge als Mitglieder der Band beim Berliner Haus für Kulturarbeit (so hieß das tatsächlich) - irgend so ’ne Unterabteilung beim Magistrat - na jedenfalls mussten die Jungs dort angemeldet werden. Tatsächlich habe ich zu der Zeit schon so einige organisatorische Kleinigkeiten für die Band geregelt, so dass es ziemlich logisch erschien, diese Sache auch zu erledigen. Wolfgang Friedrich hieß der für uns zuständige Ärmelschoner. Der erklärte mir zunächst, dass wir bei Umbesetzungen aber erst mal ’ne neue Einstufung machen müssen und: „Gala - ich schlage vor, dass du ab jetzt offiziell als Kapellenleiter fungierst.“ „Wie? Was?“ „Klar, ich sehe, Du bist der einzige weit und breit, der sich kümmert und der ganz offensichtlich auch das Durchsetzungsvermögen und das Zeug dazu hat“ Nach anfänglichem Sträuben fühlte ich Blödmann mich dann doch so geschmeichelt, dass ich auf dieses Ansinnen einging. Na ja, wer hätte denn andererseits diesen Mülljob machen sollen. Basti und Speiche fanden diese Idee ebenfalls logisch und folgerichtig und ich, wie gesagt, war zu blöd zu erkennen, was da auf mich zukam. Bis zu dem Zeitpunkt hatte ich immer gerne mit der Behauptung provoziert, ich mache Musik, weil ich zu faul zum arbeiten wäre - har, har. Schnell stellte sich heraus, dass mir dieser Brocken selbst als Spaß im Halse stecken blieb!

HAARE AB!

Eines schönen Morgens wollten wir, d. h. mein Freund Peter, Thomas, Line und ich nach Potsdam fahren, weil dort ein Folk-Festival und somit einiges an lustiger Abwechslung und vielleicht Aufregung zu erwarten war. Oh jeh, wenn ich gewusst hätte…!

Na auf alle Fälle steigen wir bestens gelaunt aus dem drolligen Vorstadtzug in Potsdam aus, als wir einen entfernten Bekannten, Alex, erblicken, der uns, gemessen an der Intensität unserer bisherigen Beziehung, viel zu überschwänglich begrüßte. Zunächst nahmen wir natürlich an, dass die unangemessene Herzlichkeit seinerseits mit dem offensichtlichen Alkoholpegel, der seine Sinne fest im Griff hatte, im unmittelbaren Zusammenhang stand. Weit gefehlt! Alexander eröffnete uns, dass er ein ordentliches Sümmchen in der Lotterie gewonnen hätte und darüber hinaus seinem Ausreiseantrag nach nunmehr zweieinhalb Jahren Wartezeit stattgegeben wurde. Anfang nächster Woche habe er das Land in Richtung Westen zu verlassen und bis dahin wäre noch ’ne menge Kohle unters Volk zu bringen.

„Habt da nich Lust mia dabei ’n bissken ssu helfen die Knete ssu fajubeln?“ Und ob wir Lust hatten - einen sooo guten Freund kann man ja schließlich nicht allein lassen mit seinen Sorgen - oder? So zogen wir also wie marodierende Soldaten immer fröhlicher werdend durch die altehrwürdige Garnisonsstadt Potsdam. Irgendwann, ich glaube, als wir dann endlich anfingen, die dicksten Havanna-Zigarren voll zu sabbern, verließ Line ziemlich angewidert die „feine“ Gesellschaft, was der Ausgelassenheit der verbleibenden Männerrunde eher zuträglich war. Jedenfalls, am späten Nachmittag - die Dämmerung legte sich allmählich schmeichelnd über die Stadt - kamen wir an einem Frisörsalon vorbei. Jeder von uns war immer noch bewaffnet mit jeweils einer Pulle Whiskey und einer fetten Zigarre und so torkelten wir in provokatorischer Absicht in eben diesen Laden mit den folgenschweren Worten: „Wenn wa hier drinne unsre Ssigarren roochen dürfen un’ wenn wa hier drinne unsan Whiskey schlürfen dürfen - dann kannste uns die Haare abschnippeln!“ Womit wir nicht gerechnet hatten: Der alte Meister der deutschen Figarovereinigung schmiss uns nicht etwa hochkantig aus seinem Geschäft, sondern bewies richtiggehenden erstklassigen Humor und lud uns zu den von uns genannten Konditionen ein, doch bitte Platz zu nehmen und die Asche doch bitte, wenn möglich, ins Waschbecken zu befördern. Na so eine Pleite! Ein humorvoller alter Frisörmeister - das konnte doch keiner ahnen! Nun konnten wir natürlich auf keinen Fall mehr einen Rückzieher machen, also saßen wir wie in einem billigen Italowestern nebeneinander auf diesen Frisörstühlen, riesige weiße Tücher über unseren Körpern, in der linken Hand eine Flasche Fusel und in der rechten eine Havanna.

Wie gesagt, ein Zurück gab es nicht mehr und ich erinnere mich daran, dass ich in meinem Suff die fallenden Haare eher mit belustigtem Interesse von mir scheiden sah, als mit Furcht und Schrecken. An dieser Stelle möchte ich dringend darauf hinweisen, dass damals lange Haare in der DDR weit mehr waren, als eitler Kopfschmuck - vielmehr doch wohl waren sie Ausdruck einer bestimmten Haltung gegenüber der bürgerlichen Gesellschaft und besonders gegenüber diesem lächerlich autoritären Staat. Aber Gedanken dieser Art wollten sich in jenem Augenblick partout nicht einstellen - das kam später!

Egal, wir bedankten uns höflich bei dem sympathischen Till Eulenspiegel des Frisörhandwerks, ließen ein üppiges Trinkgeld zurück und kullerten - nun vollends besoffen - in Richtung Folk-Festival, das in irgendeinem riesigen Kulturhaus stattfand. Da ich zu dieser Zeit schon ein einigermaßen bekanntes Gesicht zumindest in der Szene hatte, fiel es mir nicht schwer, über den Bühneneingang ins Innere des Veranstaltungsortes zu gelangen. Dort legte ich mich erst mal direkt hinter der Bühne auf irgend was rauf und begann, während zwei Meter von mir entfernt auf der Bühne die Action tobte, meinen ordentlichen Rausch auszuschlafen.

gala 09 20130419 1088120318Keine Ahnung, wie lange ich da so rum lag - als ich erwachte hatte ich jedenfalls in der einen Hand eine Titte und in der anderen meinen Schwanz - ich schickte mich allen Ernstes gerade an, irgend ein vollbusiges, blondes Superweib zu vernaschen. Als mir langsam nüchtern werdend dämmerte, wo ich mich befand, verwarf ich dieses nutzbringende Vorhaben doch lieber, um mich der Musik zu widmen, die da wohltuend an mein Ohr drang. Ich stecke also meinen kurz geschorenen, aber seehr schweren Kopf durch den Vorhang und stehe mir nichts, dir nichts hinter den Musikern mitten auf der Bühne. Was nun passierte, war so ‘n Zwischending zwischen frenetischem Applaus und hämischem Auslachen - mir machte diss nix aus, ich war ohnehin mit allem durch. Nachdem ich mich so gegen vier Uhr am Morgen auf dem Potsdamer Bahnhofsklo des unleugbaren Überschusses an Alkohol kotzenderweise entledigte, hab’ ich es dann tatsächlich noch irgendwie nach Berlin geschafft. Als ich am nächsten Nachmittag im Wohnzimmer auf der Couch erwachte, stand meine damals dreijährige Tochter Sarah vor mir und wollte beim besten Willen diesen kurzhaarigen, stinkenden Kerl nicht als ihren Vater erkennen. Diese Scham hat mir noch lange in den Knochen gesessen!

PROBERAUM

Proberäume waren damals, wie auch heute, so wichtig, wie knapp. Ulf Voigt hatte da von einem leer stehenden ehemaligen Fleischerladen in der Marienburger Straße im Prenz’l berg gehört. Wenn man aber auch nur den Hauch von ’ner Chance auf Dauerhaftigkeit eines Mietvertrages haben wollte, musste das ganze von der KWV (Kommunale Wohnungsverwaltung) Abtlg. Gewerberaumlenkung offiziell abgesegnet werden. Dazu benötigten wir von irgend ’ner offiziellen Stelle ein Schreiben, aus dem hervorging, dass wir… bla, bla, bla! Ich also hin zu Wolfgang Friedrich, der ja immer noch der für uns „zuständige“ Kulturfuzzy beim Rat der Stadt war. Das ganze frei nach dem Motto: NU ZEIG MA, WIE DE MICH UNTERSTÜTZT BEI DER GANZEN KAPELLENLEITERKACKE! Ich mach’s kurz - ich weiß nicht, wie oft ich zwischen Berliner Haus für Kulturarbeit und Gewerberaumlenkung hin und her gefahren bin, wie lange ich insgesamt in Amtsfluren Zeit verplempert habe und wie viele Fusseln ich mir an die Fresse geredet habe - der Proberaum war irgendwann endlich unser!! Proberaum ist hier allerdings charmant übertrieben, wir mussten erst mal ’ne Menge Arbeit in die Hütte stecken, aber zu Fleiß und Ausdauer gesellte sich auch noch ’ne ordentliche Portion Glück: Direkt über dem Proberaum wohnte ’ne Familie Taubstummer! Nee ehrlich, die gesamte Familie konnte nicht sprechen und hören. Da mein Onkel Jürgen damals schon Elektromeister war und die Installation und Abnahme der Elektroanlage übernahm, verging die Zeit wie im Fluge. Nachdem wir das ganze also ordnungsgemäß ausgebaut hatten - mit Materialien, deren abenteuerliche Beschaffung uns bei Entdeckung einige Zeit schwersten Karzer eingebracht hätte - machten wir erst mal ’ne Mietervollversammlung mit lecker Schnaps und dem Versprechen, niemals länger als 20 Uhr zu proben. Ich schwöre, es fiel nie ’n Ton nach 19 Uhr!

So war es immer. Im Osten brauchtest du ’n dickes Fell und Geduld - dabei halte ICH Geduld nicht gerade für ’ne Tugend - aber mit ’ner ordentlichen Portion Frechheit und ’nem Stiernacken war selbst in der verkrusteten, von vorsichtigen, mit vorauseilendem Gehorsam verseuchten Schwanzlutschern übersäten DDR so einiges möglich.

ENDESFELDER

Eine relativ kurze Zeit probierten wir eine Besetzung mit Piano. Leider funktioniert das Ganze nur mit einem Pianisten! In diesem Fall handelte es sich um Ludwig Endesfelder. Er selbst hielt sich für den begabten Bruder von Thelonius Monk und somit selbstverständlich auch für unersetzbar und sah mit seinem störrischen roten Haar und seinem wilden, ebenso roten Bart eher wie ein germanischer Krieger auf der Suche nach versprengten römischen Legionären aus. Von Rhythm & Blues hatte der olle Krieger soviel Ahnung, wie ’ne Kuh von Stabhochsprung und die Mitgliedervollversammlung seines persönlichen Fanclubs konnte mühelos in einer Telefonzelle abgehalten werden. Dass er schlecht Cello spielte, riss den Karren auch nicht mehr aus ’m Dreck. Es war also nur ’ne Frage der Zeit - kurzer Zeit - dass Ludwig Endesfelder die Band unter unwürdigstem Gezeter und der Erkenntnis, dass die Friedhöfe voll sind von unersetzbaren Menschen, verlassen musste.

Ich denke mal, die Erfahrung mit DIESEM anstrengenden Zeitgenossen als Pianisten hat bei uns einen derart starken Eindruck hinterlassen, dass wir noch sehr, sehr lange auf Piano, Keyboards und vor allem auf die großen Künstler, die diese Instrumente bedienen, verzichtet haben.

gala 10 20130419 1813007831In der Zwischenzeit musste Detlef Nietz zur Armee, dafür kam Tommy Meissner. Guter Gitarrist und Sänger, allerdings mit dem Charme eines Sachbearbeiters im Finanzamt Oberschöneweide. Tommy rauchte, wie andere Leute atmen und zwar die RICHTIGEN Aparillos - sprich Zigarren und Verwandtes.

Eines Morgens - wir übernachteten im Studentenwohnheim in Wismar und schliefen dort in Doppelstockbetten - wachte ich den Bruchteil einer Sekunde vor Tommy, der im Doppelstockbett unter mir lag, aus meinen Träumen auf. Das Schauspiel, das sich mir dann bot, machte mich allerdings glauben, weiterhin vom Wahnsinn umarmt in tiefsten Träumen zu stecken: Tommy erwachte also - eigentlich sah ich nur seine Haare und seinen Bart, da seine Gesichtsfarbe eher der Farbe des sauberen Bettlakens glich, der Junge war leichenblass - na jedenfalls tastet der Irre, noch bevor er die Äuglein aufschlägt, nach links neben sich, um sich dort eine am Vorabend sorgsam deponierte Zigarre zu angeln. Todesmutig wird dieses Teil entflammt, was ihn dann doch dazu bringt die blutunterlaufenen Gucklöcher zu öffnen. Nach einigen langen, genussvollen Lungenzügen und kleinen, leisen Grunzern steht seine Unübertroffenheit auf, was, da ich ja oben lag, bedeutete, dass wir uns direkt in die Augen sahen. Tommy hält inne, betastet seinen Oberkörper und brabbelt an der im Bart steckenden Zigarre vorbei, dass es ihm morgens immer so verdammt schlecht gehe und eigentlich müsse er ja mal dringend zum Arzt. „Ich weiß nich’, Gala, ich glaub’ ich hab’ irgendwas mit meinem Blut - oder so, jedenfalls sollte ich das nicht auf die lange Bank schieben.“ Angesichts des qualmenden Balkens zwischen seinen strahlend gelben Zähnen haben wir uns nach DIESER Ansprache fast volluriniert vor lachen. Dann irgendwann stieg Basti das erste Mal aus, unter anderem, weil wir plötzlich anfingen, wie die Blöden rumzujazzen. Nee wirklich, im Ernst, Voigt und Endesfelder konnten wohl nicht anders, als sich selbst auf so ’ne ja fast schon bemitleidenswerte, peinlich vordergründige Art als Künstler ernst zu nehmen, dass wir anfingen Gefahr zu laufen, lächerlich verkrampften Jazz-Blues vor uns hin zu stümpern. Die zu MONOKEL überhaupt nicht passen wollende Attitüde zerriss fast diese noch so junge Band. Es passte einfach nicht zu unserem mittlerweile hart erarbeiteten Raubein-Image, mit abgespreizten kleinen Fingern Tee zu schlürfen und über Trotzki, Hegel und Schopenhauer zu parlieren. Ich meine, Speiche und mir waren doch damals gutes Benehmen und Weltrevolution scheißegal, wenn es nur richtig gerummst hat im Zwerch- und Trommelfell und wenn der Nachschub an Frauen und Alk nicht zu verebben drohte, war schon fast alles im grünen Bereich. Also kein Tee, kein Schopenhauer und so dauerte diese Phase zum Glück (wohl auch, weil wir handwerklich einfach nicht genug auf der Pfanne hatten) nicht sehr lange an - noch mal Schwein gehabt!

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