Doro Pesch: Es war mir egal, ob
ich  jetzt  Mann oder  Frau  bin!
 

 

Deutschlands wohl bekannteste weibliche Stimme im Bereich Heavy Metal ist DORO PESCH. Das schon seit über 30 Jahren und gleichzeitig auch die Erfolgreichste! Auch Leute, die sich in der Heavy Metal-Szene nicht so gut auskennen, kennen sie. Am 25. August 2006 gab es für mich (Christian) die Gelegenheit, mit der Sängerin über ihr damals aktuelles Album und ihre bisherige Karriere zu sprechen. Dieses Treffen mit DORO war sehr beeindruckend und das Gesprächs war so spannend, dass wir dieses "alte Interview" bei Deutsche Mugge übernehmen und an dieser Stelle wiederveröffentlichen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil DORO eine äußerst sympathische Frau ist, die was zu erzählen hat ...




Hallo Doro! Ich grüße Dich ...
Ja, Hallo! Du kommst aus Castrop-Rauxel, oder? Da haben wir mit WARLOCK damals auch gespielt. Ich glaube, 1984 war das. Die hatten da so eine Holzbühne ... direkt von der Arbeit ins Auto, ab Richtung Castrop-Rauxel und dann gleich auf die Bühne. Das war ein Auftritt im Rahmen des Desaster Festivals, genau!

Lange her ... Noch nicht so lange, nämlich seit März, ist Dein neuer Longplayer in den Läden. Er trägt den Titel "Warrior Soul". Bitte erzähl uns etwas über das Album.
Wir haben gerade den ersten Teil der "Warrior Soul-Tour" abgeschlossen. Ich muss sagen, dass sich die Songs zu richtigen Mitsing-Nummern und Hymnen entwickelt haben. Die Titel kommen auch sehr nah an die Songs vom Album "Triumph And Agony" ran, und wir sind nach wie vor sehr glücklich damit. Es gibt viele Midtempo-Nummern, viele Hymnen, ein paar Headbanger-Songs und auch wieder schöne Balladen, die ich sehr mag. Da gibt es einen Titel, der heisst "Above The Ashes", der hat sich ganz besonders live gut gemausert. Es ist alles in allem traditioneller Heavy Metal und Heavy Rock, würde ich sagen. Das ganze Album ist live eingespielt worden. Da ist keine Elektronik drauf. Die Fans fanden das sehr gut und haben sich nur positiv geäußert. Live kam das super geil rüber. Ich bin gerade in Berlin, wo wir an einer Doppel-DVD arbeiten. Da wird ein Tour-Movie von der Warrior Soul-Tour mit drauf sein. Wir waren ja überall, z.B. in Russland, in Spanien und natürlich auch in Deutschland. Auf der zweiten Disc ist dann das Konzert zum 20jährigen Bestehen, das haben wir vor 1 ½ Jahren in der Düsseldorfer Philips-Halle aufgenommen.

Nicht nur die Fans mögen Deine neue LP, auch die Kritiken lesen sich durchweg gut. Man bescheinigt Dir die Rückkehr zu alter Stärke. Empfindest Du das genauso?
Das freut mich natürlich zu hören. Die Sachen, die ich damals schon gerne gemacht habe, wie z.B. lange Intros und diese Hymnen-Songs, das ist diesmal wieder alles mit auf dem Album drauf. Dagegen nicht viel Experimentelles. Es ist wirklich so ein bisschen "back to the roots", da haben die Leute schon Recht. Das ganze ist mehr "heavy" als die letzten Produktionen.

Du hast es schon angesprochen: Die erste Hälfte Deiner Tour ist vorbei. Kann man Dich also auch weiterhin in diesem Jahr live erleben?
Ja klar! Es geht am 28. September weiter, und dann durch ganz Europa, da wo wir noch nicht waren. Wir sind auch das erste Mal in Südamerika, z.B. in Brasilien. Die Tour geht bis Ende des Jahres weiter, also von September bis Ende Dezember non Stopp. Wir sind weltweit unterwegs. Für das nächste Jahr haben wir bereits ein paar Festivals fest gemacht. Es gibt auch schon Tournee-Pläne, aber da ist noch nichts 100%ig klar.

Gehen wir mal zurück zu den Anfängen. Was hast Du vor Deinem musikalischen Durchbruch gemacht?
Eigentlich hab ich schon immer Musik gemacht. Mit 16 hatte ich mit SNAKEBITE meine allererste Band. Irgendwann haben wir uns dann als WARLOCK zusammengeschlossen. Das war in der Anfangszeit der ersten großen Heavy Metal-Welle. Zu dieser Zeit machten wir dann ein paar Demos und hatten sogar schon einen eigenen Fanclub. Und die Fanclub-Leute haben die Demos zu diversen Plattenfirmen geschickt, und innerhalb von zwei Wochen hatten wir von drei verschiedenen Independent-Labeln Plattenverträge vorliegen. Ich dachte damals noch: "Eine Platte zu machen, das wäre der Wahnsinn". Wir haben uns dann für Mausoleum Records aus Belgien entschieden und haben bei denen unsere erste Platte "Burning The Witches" aufgenommen. Die ging so was von ab ... Da hat keiner mit gerechnet, wir waren alle total überrascht. Wir haben alle gedacht, dass man von der Platte vielleicht ein paar hundert Stück an den Freundeskreis und die Die-hard-Fans verkauft. Aber dann verkauften wir innerhalb eines Monats ca. 25.000 Platten. Danach ging es wirklich ab. Dann haben wir die ersten Tourneen gemacht und es hat sich immer weiter entwickelt. Das war so nie geplant.

Der Erfolg mit WARLOCK kam also über Nacht. Du bist damals gerade einmal 20 Jahre alt gewesen. Wie hast Du den rasanten Aufstieg erlebt?
Das hört sich jetzt so schön an, wenn man sagt "Erfolg über Nacht". Ich bin damals neben der Musik weiterhin arbeiten gegangen. Das war der Mega-Stress zu der Zeit. Zuerst acht Stunden arbeiten, dann die Band abholen, ab in den Proberaum, die ganze Nacht geprobt und dann am frühen Morgen alle wieder nach Hause gefahren. Anschließend kurz Duschen und dann wieder zur Arbeit. Das habe ich drei Jahre so durchgezogen mit kaum Schlaf in der Woche und am Wochenende Konzerte spielen. Ich habe auch den Tourbus sehr oft selbst gefahren. Irgendwann kam dann der Anruf von unserem damaligen Manager, und er meinte "Hey, willst Du Deinen Job nicht schmeissen? Wir können mit Judas Priest auf Tour gehen!". Das war für mich der Hammer, und ich bin zu meinem Chef gegangen und habe meinen Job gekündigt. Er wusste gar nicht was ich meine, und was ich da mache, und er meinte "Girl, you're crazy". Aber ich hatte beschlossen, das durchzuziehen. Nachdem ich aufgehört habe zu arbeiten, sind wir auch schon auf die erste Europa-Tournee gegangen. Ab da konnte man auch erstmals den Erfolg genießen, denn es war eine obergeile Tour. Das war 1986 und die Blütezeit des Heavy Metal. Wir haben überall in vollen Häusern gespielt. Oftmals waren es Stadien und Eissporthallen. Und mit meinen absoluten Idolen, Judas Priest, zusammen auf Tour zu sein, war schon der absolute Wahnsinn. Dazu von den Fans so gefeiert zu werden, war unglaublich schön. Man hatte erstmals das Gefühl, dass sich die ganze Arbeit und das ganze Proben wirklich gelohnt haben. Besonders beeindruckend waren die Konzerte im Ausland, das Highlight das "Monsters Of Rock"-Festival in Donnington (England) vor knapp 120.000 Leuten. Und wir haben uns vorher fast in die Hosen gemacht vor Aufregung. Oh Gott, ich war so nervös ... Wir waren da die erste deutsche Band, die jemals dort aufgetreten ist. In den 80ern war England der Dreh- und Angelpunkt in der Heavy-Szene. Man musste immer gucken, dass man sich dort irgendwie beweist, denn sonst hätte man keine Chance auf weltweite Veröffentlichungen gehabt. Wenn die englische Presse, die sehr heftig war, die Platte niedergemacht hätte, wäre es sofort aus gewesen. Dann konnte man sofort vergessen, dass man in Amerika eine Veröffentlichung bekam. Als deutsche Band hatte man da sowieso nicht so gute Karten. Dann haben wir dieses Festival gespielt und die Fans gingen total ab. Die Stimmung war so was von geil. Und auch die Schreiber, die vorher sehr skeptisch waren, haben dann gesagt: "Wow, Warlock ist doch eine Band, mit der man rechnen muss". Danach haben wir auch unser erstes Amerika-Release bekommen. Da hat man sich wirklich den Respekt erarbeitet. Besonders auf diesem Festival.

Die Metal-Szene der 80er war geprägt von Männern. Du warst die einzig wirklich erfolgreiche Frau. Wie hast Du Dich in dieser Stellung gefühlt?
Ich habe mir wirklich nie darüber Gedanken gemacht. Es war mir egal, ob ich jetzt Mann oder Frau bin. Es ging mir immer nur um die Musik, dass man mit der Band nach vorne kommt, dass man eine gute Tour bekommt und ein gutes Album macht. Das war viel wichtiger. Ich kann auch nicht sagen, dass ich es deshalb viel schwerer hatte. Es ist einfach so und ich habe mich auch immer damit wohl gefühlt. Von den Musikern und den Kollegen bin ich auch immer gut behandelt worden. Ein Nachteil war und ist es jedenfalls nicht. Die Presse hat da immer gerne drüber geschrieben, aber mich hat das nicht interessiert. Es ist immer hart zu kämpfen. Da macht es keinen Unterschied, ob man Mann oder Frau ist.

Die USA waren nach Deinem ersten Besuch anlässlich einer PR-Tour für Dich sehr faszinierend. Du bist sogar gleich da geblieben. Hast Du auch heute noch einen Bezug zu Amerika?
Oh ja! Bis auf Oliver Palotai sind alle Mitglieder meiner Band Amis und wir sind seit vielen Jahren zusammen. Unser Bassist Nick Douglas ist seit 16 Jahren in der Band. Unser Drummer Johnny Dee und der Gitarrist Joe Taylor sind seit 13 Jahren dabei. Ich hab auch nach wie vor eine Wohnung in New York und fahre immer zweigleisig. New York ist immer noch meine Lieblings-Stadt, die geilste Stadt der Welt. Dort haben wir 1987 auch das Album "Triumph And Agony" gemacht und es war ein richtiges Highlight im Leben. Danach bin ich gleich da geblieben. Das war damals gar nicht so einfach. Heute kann man ja mal eben schnell rüber fliegen, in den 80ern war das nicht ganz so leicht und ich habe immer um die Arbeitserlaubnis dort kämpfen müssen. Irgendwann nach fünf Jahren habe ich dann die "grüne Karte" (Green Card bedeutet unbeschränkter Aufenthalt in den USA, Anm. d. Red.) bekommen, und ich durfte dann dort ganz offiziell bleiben und arbeiten. In den letzten Jahren, nach den Attentaten von New York am 11. September 2001, ist es dort überhaupt nicht mehr dasselbe. Amerika ist aber nach wie vor geil, auch wenn es sich politisch stark verändert hat.

Trotz des großen Erfolges durftet Ihr plötzlich nicht mehr den Namen WARLOCK benutzen…
Das war eine der schlimmsten Situationen überhaupt. Wir haben die Namensrechte an unseren damaligen Manager verloren. Er hat sich den Namen damals auf illegale Weise angeeignet. Wir sind zwar vor Gericht gezogen, aber das war alles so verzwickt. Wir waren damals junge Metaller mit langen Haaren, und der Richter hat sich dann gegen uns entschieden. Ab 1989 durften wir den Namen WARLOCK eben nicht mehr benutzen. Das war dann erstmal das Ende und auch super problematisch mit der Plattenfirma. Die meinten, dass wir das Projekt DORO nennen müssten, denn für einen anderen Bandnamen waren die gar nicht zu haben. Wir haben dann unter DORO fortgeführt, was wir angefangen haben. Aber es war schon ein ziemlicher Schock und auch sehr problematisch.

Die Namensrechte an WARLOCK sind aber inzwischen in Deinem Besitz, ist das richtig?
Ja, das stimmt.

Wird es dann unter dem Namen WARLOCK eine Art "Comeback" geben?
Eher nicht. Das könnte ich den Jungs, mit denen ich jetzt so viele Jahre zusammen Musik mache, gar nicht antun. Ab und an mal einen Auftritt bei einem Festival oder einem speziellen Konzert vielleicht, aber fest als WARLOCK nicht mehr. Zum Beispiel haben wir vor etwa eineinhalb Jahren als WARLOCK in Wacken gespielt. Das war das 15-jährige Jubiläum von Wacken und wir haben uns gesagt: "Komm, wir machen noch mal eine Warlock Reunion Show". Dadurch hatten wir uns aber auch gleich wieder tierisch Ärger mit Anwälten eingehandelt. Dieser Auftritt hatte also nicht nur schöne Seiten. Wir hatten erst einen langen Rechtsstreit hinter uns, bis das mit dem Namen WARLOCK geklärt war. Das ist auch eine nervliche Strapaze, und die möchte ich im Moment nicht haben. Die jetzige Band würde ich aber auf keinen Fall für eine Rückkehr von WARLOCK auf's Spiel setzen wollen. Ich will nicht sagen, dass es unmöglich ist, aber es ist in diese Richtung erstmal nichts geplant.

Über 20 Jahre im Geschäft, vieles schon gemacht, vieles schon erlebt. Gibt es irgendwas in Sachen Musik, was Du in Zukunft unbedingt noch machen oder ausprobieren möchtest?
Im Moment fällt mir da spontan nichts ein. Sowas ergibt sich auch nicht selten durch Zufall. Viele Träume sind ja schon in Erfüllung gegangen. Das kam einfach so aus einer Idee heraus. Die Tour mit dem Orchester war auch eine so schöne Sache. Das war mal was ganz anderes als das, was man sonst immer so gemacht hat. Die Songs haben sich mit Orchester so genial angehört. Vielleicht machen wir irgendwann noch mal eine Art Fantasy-Show mit Orchester und speziellem Fantasy- oder Magic-Thema. Ich würde gerne noch mit ein paar Leuten zusammenarbeiten, die ich sehr mag und die mir etwas bedeuten. Das muss sich aber dann entwickeln. Wenn ich irgendwann mal nicht mehr auf der Bühne bin, würde ich gerne Filmmusik machen. Das wäre auch etwas Schönes. Wir haben gerade einen Film gemacht. Der Song "Warrior Soul" ist der Titeltrack zu diesem Film. Er heißt "Anuk - Der Weg des Kriegers" und kommt im nächsten Jahr in die Kinos.

Auf eines muss ich Dich noch ansprechen: Vor einiger Zeit hast Du Dich für RTL in den Box-Ring begeben und gegen Michaela Schaffrath (Gina Wild) geboxt. Hat Dir Deine Freundin Regina Halmich davon nicht abgeraten?
Nein, wir hatten vorher deshalb auch telefoniert. Ich war zu dem Zeitpunkt auf Russland-Tournee und es ging das Telefon. Bei dieser Veranstaltung ist jemand ausgefallen (ursprünglich sollte Samantha Fox in den Ring steigen, die dann aus gesundheitlichen Gründen absagen musste, Anm. d. Red.) und ich sollte dafür einspringen. Ich hatte gesagt, dass es nicht ginge, da ich gerade auf Tournee bin. Die sagten dann aber: "Komm, wir spielen auch Deinen Song und so ...". Irgendwann hab ich dann doch zugesagt und wir haben das gemacht. Mir hat man gesagt, dass das eigentlich nur Show-Kämpfe sein würden, aber bei zwei Vorkämpfen, als die Männer an der Reihe waren, musste einer anschließend sofort ins Krankenhaus, der andere hatte das Nasenbein gebrochen. Das war gar nicht so ohne und ging heftig zur Sache. Es hat zwar Spaß gemacht, aber das würde ich nicht noch einmal machen. Ich war ja zu diesem Zeitpunkt, wie schon gesagt, auf Tournee. Ich bin drei Tage vor dem Kampf dafür verpflichtet worden, ich war untrainiert und bin echt davon ausgegangen, dass es nur Show ist. Einen Tag danach hatte ich schon das nächste Konzert und ich war froh, dass mir nichts Schlimmeres passiert ist.

Ich danke Dir für dieses Gespräch. Möchtest Du noch ein paar Worte an unsere Leser richten?
Ich hoffe, dass die Leute Lust haben, auf eines meiner Konzerte vom zweiten Teil der Warrior Soul-Tour zu kommen. Wir spielen dort eine ganz neue Set-Liste mit vielen Überraschungen und vielen alten Klassikern. Wir basteln auch gerade an einer speziellen Bühnenshow. Dann kommt auch die DVD raus und da steckt ganz viel Herz und Liebe drin. Ich hoffe, dass es den Fans gefallen wird. Die Leute, die beim Jubiläums-Konzert da waren, werden sicher ihre Freude dran haben, und vielleicht die anderen Fans auch. Außerdem möchte ich den Fans für die ganzen Jahre danken, für den ganzen Support und die vielen tollen Konzerte mit der tollen Stimmung. Ich hoffe, dass man sich mal sieht. Wer kein Fan ist: Kommt doch einfach mal vorbei ...



Interview: Christian Reder
(August 2006)

 

 


   
   
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