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Interview vom 10. März 2020



Manchmal spielt einem das Leben (scheinbar zufällig) hochgradig angenehm in die Karten. Wie Maria zum Kinde, so fühlt man sich zum Interview mit einem Künstler gekommen, dessen Schaffen einen allein schon des Umfangs wegen verlegen macht. Manfred Maurenbrecher, eine Liedermacher-Instanz seit Jahrzehnten. Und eine Persönlichkeit, von der ich behaupte, ihr Name wurde in diesem oder jenem Zusammenhang beinahe jedem von uns schon einmal zugetragen. Oh Google, hilf! Mach mich rasch schlau zum Thema Maurenbrecher! Was, nicht möglich? Zu viele Quellen, die ausgewertet sein wollten? Zu viele Songs, zu umfangreiche Publikationen, zu vielschichtige Vernetzungen in das Who is Who der deutschen Rockmusik, um alles in der Kürze der Zeit (wenige Tage) zu erfassen. Schnell wird klar, es naht das Gespräch mit einem umtriebigen und sehr wachen Geist! Freude und Spannung steigen mit jedem Höhenmeter dünner werdender Berliner Luft.001 20200313 1269802175 Von hier oben aus wird also Aussicht genommen auf das Leben, auf unsere teils irre gegangene Gesellschaft, werden ebenso liebenswürdige Geschichtchen gesponnen wie - natürlich! - auch der Poesie gefrönt. Eine besondere Adresse, diese Anliegerstraße in Berlin! Da! Eine Tür! Lässig eine handbreit geöffnet! Ansonsten Stille! Höhle des Löwen? Letzte Chance zum Rückzug! Zu spät, da ist er: "Tach, willst ´n Kaffee?" Manfred Maurenbrecher eröffnet mit dem ultimativ entwaffnenden Satz für jeden Kaffeesachsen. Ich: "Kaffee, sehr gern!" - Manfred: "Milch?" - Ich: "Gern!" - Manfred: "Momentchen!" ... Das wird ein gutes Gespräch!




Lieber Manfred, das Ansinnen, Dir meine Fragen im Vorfeld zukommen zu lassen, ersticktest Du freundlich aber bestimmt im Keim! "Da denkt man nur zuviel nach!" - sagtest Du.
Ganz recht. Wobei ich auch gar kein Denker bin.

Wie bitte?
Also, ich bin ein eher intuitiver Mensch. Schon mit etwas Bildung im Hintergrund, aber doch vor allem aus dem Bauch heraus. Wenn ich mich "zu" gut auf etwas vorbereite, verrenne ich mich am Ende im Dschungel und es wird nicht so gut wie erhofft (schmunzelt). Ich hatte beispielsweise neulich ein Konzert in Leipzig zu spielen und bis zuletzt war nicht geklärt, ob ich allein auf der Bühne sein soll oder nicht. Mit mir war Andreas Albrecht, mein Produzent und zugleich Schlagzeuger und Keyboarder. Zwar hatten wir nicht wirklich proben können, doch einigten wir uns darauf, es würde schon gut gehen. Das wurde ein wunderbares Konzert, gerade weil wir uns so wenig vorbereitet hatten!

002 20200313 2007316319Hast Du eigentlich jemals nach deinem eigenen Namen "Maurenbrecher", nach dessen Herkunft geforscht?
Ja, wo der Name herkommt, das weiß ich durchaus. Das lässt sich zurückverfolgen bis ins späte Mittelalter. Ein angeheirateter Verwandter unserer Sippe, der Rudolf Mirbt, hat während der Nazi-Jahre unfreiwillig viel Zeit gehabt und sie glücklicherweiser zur Ahnenforschung genutzt. Dieser Mirbt ist eher bekannt als der Gründervater des deutschen Laientheaters. Und der fand also heraus, dass Maurenbrechers vom Nieder-Rhein, teils von Holland her stammen. Und da wurden übrigens keine Mauren, sondern Mauern gebrochen!

... und ich nahm schon an, etwas zum fränkischen Hausmeister Karl Martell und seinen Kämpfen gegen die Mauren zu erfahren, schade!
Na .. ja, nee nee.

Aber Mauern zu brechen, steht Dir ja ohnehin viel besser, richtig?
Eben! Genau. (schmunzelt!)

Diesen Namen "Maurenbrecher" kennen jedenfalls viele! Auch, wer nicht unbedingt mit deinem Schaffen im Detail vertraut ist, hat ihn schon irgendwann, irgendwo gehört. Hast Du eine Erklärung dafür?
Also, natürlich habe ich schon so einige Songs gemacht und ...

Weißt Du, wie viel?
Ich zähle das nicht so genau, so um die 500 werden es wohl sein.

Aber das waren sie doch schon vor zehn Jahren, beim vorherigen Gespräch mit der Deutschen Mugge?
Na, kann schon sein. Dann sind es jetzt eben ... 800 oder so (lacht!).

003 20200313 1529401043Das ist jedenfalls ein enormes OEuvre über die Zeit! Apropos Zeit, Du studiertest einst 22 Semester. Um dann, in den folgenden Jahren ein unerhört produktives Schaffen zu entwickeln. Zeitweise ein Album pro Jahr, dazwischen natürlich noch andere Publikationen, deine Bücher, deine Schriften. Ist das ein Grundzug des Manfred Maurenbrecher; der lange Anlauf und die gewaltige Fahrt hernach?
Ja, ich glaube schon. Das kann man durchaus so sagen. Ich glaube erstens, ein Spätentwickler zu sein und dann brauchen meine Sachen ihrerseits einfach Zeit, müssen reifen. Das auf jeden Fall, ja. Manche Dinge dauern eben!

Bevor wir näher auf dein aktuelles Album "Inneres Ausland" eingehen, gestatte mir bitte noch ein paar ganz persönliche Fragen, die sich mir ergaben bei der Vorbereitung für unser Treffen.
Klar doch!

Du magst "Toter Mann", warst Leichtgewichtsprofiboxer und lachst gern über Tati. Ich wittere schwere Bildungslücken, aber kannst Du das bitte kurz erklären?
(lacht schelmisch!) Der Tote Mann ist eine Art, sich im Wasser aufzuhalten. Schwimmen für Faule (lacht!). Das mache ich gern im Sommer, an meinem Haussee auf dem Lande.

Ach, na klar, Jetzt verstehe ich´s! Und der Boxer?
Nicht immer alles glauben, was in der Zeitung steht! Das ist eine zu purer Irritation in die Welt gesetzte Ente ... Ja, und Du fragtest nach Tati! Jacques Tati, ein französischer Komiker der 50er, 60er Jahre. Hat wunderbare Filme gemacht! Sein "Monsieur Hulot" - meine unbedingte Empfehlung!

004 20200313 1018851246Werde ich mir besorgen, vielen Dank dafür! Im Pressetext zu "Inneres Ausland" steht das treffende Schlagwort "Weltbeobachter". Wie und wann wurdest Du zum Beobachter dieser Welt?
Das ging schon früh los. Spätestens, als ich mit Schulfreunden größere Reisen zu unternehmen begann. Mit 18, 19 Jahren trampte ich durch England und Italien. Damals überwand ich zunehmend das bloße Aufnehmen von Gefühlseindrücken, das endlose Kreisen in stillen Gedanken. Ich schaute stattdessen immer genauer hin, was die Leute da eigentlich machen. Und warum sie es so machen. Ein Beobachten und sicher auch ein Verstehen-Wollen der Welt begann sich da in mir zu regen ...

Und so scheint es nur folgerichtig, dass ein Herr Maurenbrecher nicht "nur" Lieder schreibt, sondern auch Bücher! Vor einem Jahr erschien beispielsweise dein Roman "Grünmantel". Wie wird diese Vielseitigkeit in der Gesellschaft, im Kunstbetrieb wahrgenommen?
Erstmal bin ich natürlich sehr dankbar dafür, mich kreativ betätigen und Gedanken äußern zu können. In der Musik wie in der Schrift. Ich finde es toll, mit dieser Art Beschäftigung durchs Leben zu kommen, keine Frage! Und richtig, genau vor einem Jahr erschien dieses Buch. Es bekam durchaus gute Rezensionen, jedoch so wirklich wurde es von der Literaturkritik gar nicht wahrgenommen.

Tasächlich? Woran liegt das deiner Meinung nach?
Ich denke, dass es wohl Leute im Kulturbetrieb gibt, die sehr stark in Schubladen denken und die sich womöglich scheuen, mich auch als Schriftsteller wahrzunehmen. Denn ich bin ja doch eher als Musiker bekannt, da muss der Autor Maurenbrecher wohl einigen suspekt erscheinen. So irgendwie ... halbgar (lacht).

005 20200313 1115893222Du und halbgar?
(schmunzelt) Naja, ich meinte ja auch einige Herrschaften im Kunstbetrieb. Ich rede ausdrücklich nicht (!) von den Leuten da draußen, der Gesellschaft schlechthin. Die kommt doch ganz gut mit mir klar, ist mein Eindruck. Ich versuche ja auch durchaus, eher spielerisch mit meinen Themen umzugehen. Die Welt erlebe ich wie ein Abenteuer. Oder wie ein Rätsel. Ich mag das Verspielte, und schon deshalb wollte ich im wirk ... also ... im ... in meinen Aufbau-Jahren wohl kein Lehrer werden.

Im "wirklichen" Leben, wolltest Du eben sagen!
Haha, ja genau!

Dann ist das hier und jetzt also dein unwirkliches Leben?
Na, das tolle ist ja, dass dieses "unwirkliche" Leben mein wirkliches geworden ist!

Als solch freier Geist seine Vita zu gestalten, da kann man schon sagen, er hat´s geschafft?!
Naja, Glück gehabt, es ist halt einfach gut gegangen (lächelt!).

Lieber Manfred, dein neues Album "Inneres Ausland" ist fertig! Es ist das 26. Studio-Album von Dir. Bitte erzähle etwas zum Wesen dieses Werks!
Im Grunde steckt die Beschreibung schon im ersten Titel "Das Dunkel von mir" mit dabei. Ich reise ja gern - ganz real - aber auch in mir selbst, in meiner Innenwelt. Das empfinde ich als durchaus nicht bedrohlich, es ist vielmehr eine Art Fremdheit, die ich aber als sehr notwendig und schön erlebe. Ich brauche solche Plätze in mir, in denen auch mal ein Dunkel aufkommen kann und wo ich mich noch selbst überrasche. Verliere ich diese Orte gelegentlich aus dem Blickfeld - im Getriebe des Alltags beispielsweise - überkommt mich eine Unsicherheit. Solange ich sie aber wahrnehme, diese Fremdheit in mir selbst, solang verspüre ich eine große Gelassenheit.

006 20200313 1035857716Das Dunkel in Dir ist also nichts Negatives oder eine Flucht aus der irren Welt, sondern eher ein Ort der Stärke.
Genau, ein sicherer Hort, den man jederzeit aufsuchen kann!

Das Cover zeigt eine Installation des thüringischen Künstlers Jochen Bach. Man sieht einen freundlich dem Publikum zugewandten Orgel- oder Klavierspieler. Wie kommt es zu diesem Bild auf deiner Albumfront?
Mit Jochen Bach und seiner Frau Gesa, das glaube ich schon sagen zu dürfen, verbindet mich inzwischen eine persönliche Freundschaft. Die beiden - auch sie Künstlerin! - leben in einem ganz abgeschiedenen Tal in der Nähe von Jena und haben dort seit vierzig oder mehr Jahren ihre eigene Mühle. Da finden ganz regelmäßig, monatlich, ganz besondere Konzerte statt und so alle zwei, drei Jahre darf ich da auch mal auftreten. Bei einem Nachtspaziergang vorm Auftritt fotografierte ich dann eher zufällig diese Szene mit dem Klavierspieler. Später, im Laufe der Entstehung von "Inneres Ausland" kam mir dieser Schnappschuss wieder vor Augen. Das passt irgendwie zum Inhalt des Albums, finde ich.

Wie würdest Du klanglich beschreiben, was uns beim Hören von "Inneres Ausland" erwartet?
Zunächst einmal hört man natürlich viel Maurenbrecher und viel Klavier. Drum herum setzt sich soundtechnisch fort, was ich vor allem als Andreas Albrechts Verdienst sehe: ein recht kompakter Bandsound, der uns seit den letzten Platten "No Go", "Rotes Tuch" und "Flüchtig" auszeichnet. Andreas ist der Produzent und spielt zugleich das Schlagzeug und die Keyboards, macht auch noch das Programming. Aber natürlich kennen wir restlichen Musiker uns auch schon recht gut und brauchen nicht lang, musikalisch zueinander zu finden. Marco an den Gitarren und Tobias am Bass, das ergibt dann die Stammbesetzung von "Inneres Ausland". Joe Kuèera gastiert mit seinem Saxophon und natürlich haben wir da noch den Chor von Réka mit dabei.

007 20200313 1777042341Gleich im ersten Titel "Das Dunkel in mir" fällt ein seltsam schönschräger Akkord ins Ohr. Woher kommen solche besonderen Töne?
Das ist ein bewusst gesetzter Farbtupfer im Stück. Mit einem Reibungspunkt wie eben genau diesem Akkord bekommt der Song eine gewisse Spannung und Charakter. Ich entscheide das eher intuitiv, beim Herumklimpern. Mit etwas Glück kann ich im Augenblick später noch einmal rekonstruieren, was ich da gerade gedrückt habe. Und das bleibt dann. Es sind natürlich vor allem auch meine Hörgewohnheiten, die mich musikalisch leiten. Ich höre meist viel schrägere Musik, als ich sie selbst mache. Denke ich an die Spätromantiker Mahler, Strauss und Reger beispielsweise, da gibt es jede Menge ungewöhnlicher Wendungen und Akkorde. Natürlich, die "verstecken" sich dann mitunter in aufgefächerten Instrumentierungen. Bei mir gibt's den Tritonus dann halt als Reinkost auf der Tatstatur. (schmunzelt)

Auf "Inneres Ausland" kommt auch der Chor "Jazzomat" der Sängerin Réka zum Einsatz. Gab es das schon zuvor auf anderen deiner Alben?
So noch nicht, nein. Réka begleitet mit ihrem Backgroundgesang bereits das 2015er Album "Rotes Tuch". So kam es schon vor einiger Zeit zur Choridee, die mir durchaus gefällt. Ich habe bislang auch nicht explizit für einen Chor komponiert. Bei den neuen Liedern ließ ich einfach den nötigen Raum für den Gesang. Es ist durchaus denkbar, dass dieser Chorgedanke auch in Zukunft weiter verfolgt wird, das wird sich zeigen.

Ein großer Bekannter der Szene der Wortkünstler, Andreas Hähle, ist inzwischen nicht mehr unter uns. Er starb im Frühjahr 2019, hinterließ aber den Text für eines deiner aktuellen Lieder. "Aufstehen" heißt es. Bitte erzähle uns etwas zur Zusammenarbeit von Euch beiden!
Im Jahr 2016 haben Andreas und ich einen gemeinsamen Auftritt bei Tino Eisbrenner gehabt. Das war eine Mixtur aus meinen Liedern und Andreas´ Texten. Da war durchaus viel Unterschiedliches dabei. Von "anarchisch wild" über "melancholisch" und "nachdenklich" war alles dabei. Das hätte ein guter Auftakt für weitere Gelegenheiten sein sollen, aber kurze Zeit später wurde Andreas' Erkrankung, Krebs, diagnostiziert.008 20200313 1748031608 So mussten wir unser Vorhaben immer wieder verschieben. Ging es ihm mal besser, konnte ich zeitlich nicht und war ich frei, passte es bei ihm nicht so recht. So sahen wir uns zwar noch einige Male, sprachen gut miteinander, aber zum erneuten, gemeinsamen Bühnenprogramm kam es leider nicht mehr.

Heißt das, auf deinem Schreibtisch liegt noch mehr Material von Andreas Hähle?
Es liegt schon das eine oder andere Manuskript von ihm hier. Eine komplette CD mit seinen Texten sehe ich aber nicht kommen. Dafür habe ich schlicht zuviel eigene Ideen.

In "Aufstehen" heißt es u.a.: "... und dann frisst der Krebs den Zorn."
(ein energisches) Ja! Das hat mich nachträglich erschrocken gemacht! Ich weiß allerdings nicht, ob er es damals schon ahnte oder wusste, als er den Text niederschrieb.

Wie dürfen wir uns die Studioarbeit zu "Inneres Ausland" vorstellen?
Die Titel selbst werden ziemlich zügig innerhalb der Band erarbeitet. Mit Andreas Albrecht, Marco Ponce Kärgel und Tobias Fleischer gibt es da schon eine große Vertrautheit. Wir wissen meist voneinander, wie wir in etwa ticken, das erleichtert das Musizieren sehr und macht es angenehm. Mit den Titeln spielen wir dann selbst im Studio noch herum, während der Sessions. Zwei, drei, vier Versionen werden aufgenommen und die unterscheiden sich auch voneinander!

Singst Du also auch unterschiedlich auf diesen teils mehrfach eingespielten Takes?
Absolut! Ich halte mich da innerlich so ein bisschen an Bob Dylan. Ihn verehre ich ja sehr und er zeigt auch in vielen seiner Lieder, in welch unterschiedliche Richtungen sich die Texte und ihre Aussagen ... tja, man kann schon sagen: zerren lassen! Damit spiele ich schon herum, auch mit meiner Stimme. Jedoch, so ... so "grell", wie ein Bob Dylan bisweilen seine Nummern gestaltet und seine verschiedenen Charaktere ausformt, das kann ich nun wieder nicht.009 20200313 1603508941 Das ist nicht so mein Wesen. Versuchte ich, das so zu machen wie er, wäre mir, als stünde ich neben mir und machte mich zum Affen damit. Ich bin wohl der etwas Vorsichtigere. Ein Lied wie "Hafencafé" zum Beispiel könnte ich nicht rappen (schmunzelt!).

Oh, interessante Idee!
Andere dürften das natürlich gern versuchen, keine Ahnung. Ein schönes Beispiel, wie es bei den Aufnahmen zugeht, ist auch "Solche Leute brauchen Heimat". Das Stück habe ich vor den Aufnahmen sicher schon 20, 30 Mal live gespielt. Als Track eingespielt erschien es uns dann aber irgendwie .. nicht so aufregend. Andreas bot dann einfach mal einen deutlich brachialeren Rhythmus an und plötzlich konnte ich das Lied auch ganz anders singen! Der Titel hat dadurch sehr gewonnen und er war so, in dieser Form, zunächst gar nicht geplant.

Hat Manfred Maurenbrecher noch immer Hoffnung für alle zu geben?
Ja.

Ok, das war jetzt mein Fehler, geschlossene Frage ... Aber mit dieser Antwort bin ich sehr zufrieden!
(lacht)

Dein Titel "Schüttmulde" lässt uns Hörer Dir praktisch über die Schulter schauen. Ein aufgeschnappter Gesprächsfetzen, eine kleine alltägliche Situation, und schon ist der Ausgangsgedanke für ein Lied gegeben?
Ja, das funktioniert tatsächlich oftmals so. Nimm zum Beispiel "Das alte Fahrrad". Dieser Song ist genau so entstanden. Damals hatte ich meine Kollegen Horst Evers und Bov Bjerg etwas voreilig zu mir bestellt und behauptet, es gäbe neues Material zu proben. Tatsächlich hatte ich aber nichts in der Hand und fühlte mich nun ein bisschen elend. So stand ich also morgens um sieben hinterm Fenster und dachte mir: "Irgendwas muss jetzt passieren!" Da kam der Mann mit dem alten Fahrrad vorbei. (lächelt)

010 20200313 2081489315Insofern passt das also auch zur Vermutung, Du "zirkelst" die thematischen Bereiche deiner Alben im Vorfeld nicht ab, planst also weder eine reinrassig ernste oder lustige Scheibe am Reissbrett?
Stimmt genau! Ich habe so eine Art Bandbreite in mir drin und versuche eben auf meinen Platten, möglichst von jeder dieser kleinen Facetten etwas zu bringen. Da sehe ich auch einen großen Unterschied zum verehrten Bob Dylan, er bevorzugt eine ganz klare Thematik, sperrt nicht ins momentane Konzept passende Songs sogar aus. Ich denke da an "Time out of Mind". Ganz düstere Platte. Und doch hat der ja damals auch ein paar andere Lieder geschrieben, durchaus optimistisch und witzig. Auf die Platte kamen die aber nicht, die "schlechte Luft" sollte gefälligst im Zimmer bleiben. Das wollte der halt so.

Auch ein mögliches Vorgehen!
Absolut! - aber eben doch so ganz anders als ich es mache.

Nach dem Hören der 16 Lieder deines Albums fühle ich mich regelrecht "hirngewalkt"!'
Tatsächlich? Das ist ein interessanter Gedanke und hat vielleicht etwas genau damit zu tun. Mit dieser Bandbreite, von der ich gerade sprach. Man weiß nach einem Titel nie so recht, was kommt jetzt als nächstes auf mich zu, wohin geht die Reise diesmal? Das gefällt mir! Bei rein düsteren oder rein flapsigen Platten wird man eher nicht so sehr gefordert, denn es gibt einen verlässlicheren Grund.

In "Jetzt auf einmal gehts" endest Du mit den Worten: "... die paar Tage noch." Mich würde interessieren, um wessen Tage es an dieser Stelle geht?
Das Lied macht ja so eine Kurve, erst wird gesagt, das bekommen wir schon in den Griff mit den großen Problemen der Menschheit. Durch Verzicht auf Konsum und sicher auch mit Hilfe von Verboten und auch mit neuer Technologie. Dann drückt der Text aber aus, am kapitalistischen System wird sehr wahrscheinlich nichts geändert und so sehe ich halt drei Viertel der Menschen in einer Gluthitze vor sich hin darben während hier möglicherweise eine Art grüner Park der Korrektheit geschaffen wird.011 20200313 1338617632 Naja, und dann komme ich eben doch zu diesem eher finsteren Gedanken: es sind halt nur noch "die paar Tage"! Für mich die wichtigigere Stelle im Text ist kurz zuvor: "Man denkt ans Große Ganze ... und verräts! Und dann auf einmal gehts!"

Es geht also um uns alle, um die Zivilisation!
Ja.

Als wäre dieser Gedanke nicht schon schwer genug, geht es später in "Puppen" auf den für mich dramatischsten Gipfelpunkt deines Albums zu. Wie näherst Du dich dem beschriebenen Thema?
Ich habe mich bei "Puppen" gedanklich in jemanden hinein versetzt, den ich regelrecht verabscheue. In meinem weiteren Umfeld gibt es eben tatsächlich Leute, die so drauf sind wie der Protagonist des Liedes. Und solche Menschen waren mir einst ja durchaus näher und ich frage mich, wie das denn passieren kann. Wie kann man nur so werden? Den Text selbst habe ich mir sehr schnell von der Seele geschrieben und wollte danach am liebsten nicht mehr ran. Das waren keine guten Gefühle beim Schreiben. Da schwang schon auch eine Portion Zorn in mir mit, sicher auch gerade deshalb weil das tatsächlich einmal ein mir nahestehender Freund war.

Welche Rolle nimmt für Dich die Musik, also die tatsächliche Komposition, im Zusammenspiel mit dem Text ein?
Ich versuche da schon ein geeignetes Mittelmaß aus Anspruch und Genießbarkeit zu halten. Denn natürlich weiß ich ein bisschen was über Musik, bin aber lang nicht so gut, das alles auch 1:1 umzusetzen. Meine Texte fordern ihrerseits schon den Hörer, auch das weiß ich. Deshalb darf die Musik nicht zu konstruiert wirken, von einigen gewitzten Spitzen wie zum Beispiel F augmented mit Tritonus im Bass (lacht!) mal abgesehen.

012 20200313 1683807267Hihi, wir sprachen über genau diesen Akkord gleich im ersten Stück?!
Ah, das hast Du Dir gemerkt! Genau, aber davon mal abgesehen ist mir einfach wichtig, dass die Musik aus einem Guss ist. Was so überhaupt nicht mein Ding ist, sind Sachen wie: "und jetzt wechseln wir den Takt, jetzt kommt der 7/8tel Teil!" und so etwas ...

Mich deucht, Du stehst nicht so sehr auf Progrock?! (schmunzelt)
Nee, gar nicht! Das ist mir auch alles zu starr, zu ausformuliert. Ein gutes Beispiel für meine Art des Musizierens ist vielleicht "Wie viele Herzen noch?" Da gibt es zwar schon die Textteile, aber musikalisch hüte ich mich davor, das allzu fest zu zurren. Da kann im Grunde jedes mal etwas anderes passieren, das überlasse ich dem Moment. Hauptsache, die Band kann mir folgen und ich komme am Ende wieder auf E-Dur.

Wie entstehen deine Lieder? Erst die Musik, dann der Text? Oder umgekehrt?
Das ist oft purer Zufall und vom jeweiligen Stück abhängig.

Also kein spezielles Maurenbrecherisches Prinzip beim Schaffen?
Doch, so fünf bis sechs verschiedene Prinzipien (lacht), mindestens! Viele meiner Lieder brauchen lange, um zu reifen, liegen herum bis ich sie mir endlich wieder hernehme und fertigstelle.013 20200313 1823421622 Wobei eben auch richtig ist, dass sie dann keineswegs statisch bleiben. Oft spiele ich ein Lied durch die verschiedenen Zeiten ganz unterschiedlich. Der ständige Wandel, auch das vielleicht eines meiner Prinzipien ...

Wie hörst Du Musik? Ich meine jetzt ganz technisch, welches Medium bevorzugst Du?
Ich habe zwar einen Plattenspieler, den nutze ich aber kaum noch. Zugegeben, ans Streamen habe ich mich schon sehr gewöhnt. Wenn man, wie ich, neugierig ist und beim Lesen einer Musikzeitschrift zum Beispiel sofort in die darin besprochenen Alben hineinhören kann, das ist schon toll. Wie aufwendig das früher war! Oft denke ich mir in diesem Zusammenhang, es wäre halt toll, gäbe es eine Art Weltmusik-Speicher, einen nicht privatwirtschaftlichen! Der sollte von der UNESCO vorgehalten werden und jedes Land bringt sich seinen Möglichkeiten entsprechend ein. Sagen wir beispielsweise, in Abhängigkeit des jeweiligen BIPs oder so. Reiche zahlten mehr, Arme weniger, das wäre doch super!

Absolut! Ein großer Gedanke, aber zuvor wird "Inneres Ausland" ganz "oldschool" auf CD geliefert?
Ja, denn trotz Streaming hat der physische Tonträger unschlagbare Vorteile zu bieten. Nur auf ihm kann ich dem Hörer eine feste, von mir durchdachte Titelfolge "aufzwingen", wenn man so sagen will. Das hat durchaus seinen Sinn, denkt man an die sehr unterschiedlichen Themen und die doch auch verschieden arrangierten Kompositionen. Außerdem kann dem Hörer dank des Booklets noch so einiges an Zusatzinformationen mitgegeben werden. Farben, Texte, Bilder, persönliche Gedanken usw ...

014 20200313 1407059501Ein Kern deines Schaffens ist ja auch die politische Äußerung zu den Themen unserer Zeit. So frage ich: wann kandidiert Manfred Maurenbrecher als Bundespräsident?
Da bekommt man doch sicher viel zu wenig Schlaf und außerdem müsste ich mich ständig begrenzen, nicht jeden Nachtisch aufzufuttern! (lacht) Nee, das wäre nichts für mich!

Aber hättest Du ihm denn etwas zu sagen?
Dem Bundespräsidenten sicher noch am wenigsten. Der kann ja auch am wenigsten machen. Es wäre schon hilfreich, einige Herrschaften auf Ministerebene in die Geriatrie zu überstellen.

Du überstellst Dich aber hoffentlich erst einmal auf diverse Bühnen, richtig?
Ja, auf jeden Fall! Darauf freue ich mich schon sehr. Am 25. März feiern wir die Livepremiere von "Inneres Ausland". Das findet hier in Berlin, im Mehringhof-Theater statt. Und natürlich soll mit der Band auch auf Tour gegangen werden, so ab Herbst, denke ich mal. Bis dahin spiele ich erstmal solo. Für Mai und Juni diesen Jahres stehen schon so einige Termine fest. Welche das genau sind, kann man am besten auf meiner Website www.maurenbrecher.com oder www.28if.net oder www.reptiphon.de nachsehen.

Lieber Manfred, der Kaffee ist aus, ich muss gehen! Vielen Dank für deine Zeit und das gute Gespräch. Und natürlich wünschen wir Dir den bestmöglichen Start für "Inneres Ausland"!
Na aber gerne doch! Vielen Dank auch!



Interview: Robert Brenner
Bearbeitung: cr
Fotos: 28IF Musikproduktion (u.a. Christian Biadacz), Kristjane Maurenbrecher, Max Maurenbrecher, Jim Rakete, Christian Reder








   
   
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