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Interview vom 15. Oktober 2019



Im Jahre 2008 trat Andrea Timm mit ihrer Band erstmals in Erscheinung. "Halbes ganzes Leben" nannte sie ihre erste CD, auf der sie ihrem Publikum eigene Lieder vorstellte und das sie in Berlin erstmals live präsentierte. Zu ihrer Band gehören Axel Stammberger an der Gitarre, Michael Behm am Schlagzeug und Marcus "Basskran" Schloussen am Bass. Alles gestandene Musiker mit Erfahrungen aus ihrer langjährigen Arbeit in Gruppen wie Reform,001 RENFT, Veronika Fischer & Band und der Stern-Combo Meißen. Diese Erfahrung und die in der Band insgesamt steckende Kreativität kann man seit nunmehr über 10 Jahren auch bei Live-Konzerten hautnah erleben. Das 10-jährige Jubiläum wird im November mit einem Konzert in Berlin gefeiert. Andrea und ihre Musikanten erwarten dabei auch zahlreiche Gäste auf der Bühne. Über dieses Konzert und überhaupt über die Band, die da gefeiert werden soll, wollten wir uns mit der Künstlerin selbst unterhalten. Bei der Gelegenheit sollte natürlich auch herausgefunden werden, was da für die Zukunft geplant ist und wann mit dem zweiten Album zu rechnen ist ...




Hallo Andrea … Dein 10-jähriges Bühnenjubiläum wird im November mit einem Konzert gefeiert. Kommen die Feierlichkeiten zu diesem Jubiläum nicht mindestens ein Jahr zu spät? Woran liegt das?
Besser spät als nie - das passt ja bekanntlich immer - aber in diesem Fall ist es nicht einmal zu spät. Mit unserer CD "Halbes ganzes Leben" haben wir uns als Band im Oktober 2008 im Kino Kiste das erste Mal gemeinsam für ein Konzert auf die Bühne gestellt.002 20191015 1212318725 Und seit 2009 - also seit 10 Jahren - sind wir als "Andrea Timm & Band" unterwegs. Und da sich das 2. Halbjahr einfach besser eignet für Konzerte haben wir uns für diesen Termin entschieden.

Am 20. November ist es soweit, und die zurückgelegte Dekade wird mit dem gerade schon angesprochenen Konzert in Berlin gefeiert. Du hast Dir dafür die Kunstfabrik "Das Schlot" als Veranstaltungsort ausgesucht. Warum fiel die Wahl auf das "Schlot" und was macht es so besonders für diesen Anlass?
So kompliziert ist das gar nicht. Favorit war die Wabe - alle gehen in die Wabe - und wir wollten das auch, aber wir konnten keinen passenden Termin finden. Das Schlot ist Kult in Berlin und hatte für uns einfach die besten Bedingungen. Die Idee kam von Micha Behm, der dort bereits häufiger spielte. Das Schlot hat dazu auch den Vorteil, dass die Berliner Freunde nicht so weit fahren müssen und dass es dort auch Laufpublikum gibt. So mitten in der Woche - es ist ja wohl ein Mittwoch - spielen Weg und Zeit eine noch größere Rolle für die "arbeitende Bevölkerung" als sonst. Und wie alle Künstler spielen wir lieber in gut gefüllten Sälen.

Ich erinnere mich, dass Du im April 2008 noch in der Duo-Besetzung mit Axel Stammberger aufgetreten bist. Micha und der Basskran Marcus Schloussen waren damals nur Gäste bei dem Konzert. Wie und wann haben Axel und Du denn zueinander gefunden?
In der Tat, wir hatten damals ein Konzert im Neu-Helgoland am Müggelsee. Als Duo. Und als Gäste auf der Bühne standen für zwei Titel auch erstmals Micha Behm und Marcus Schloussen. Wir waren damals schon mitten in der CD-Produktion, die sich ja doch vom Sommer 2007 bis zum Herbst 2008 erstreckte. Aber dazu später noch mehr. Axel hatte ich durch Heinz Prüfer kennengelernt. Die zwei waren lange bekannt und befreundet durch ihre gemeinsame Zeit in Hohenschönhausen, durch die Musikschule Friedrichshain und Konzertbegegnungen. Axel spielte viele Jahre in der Berliner Beatles-Band "Frankie goes to Liverpool". Heinz legte richtig Wert darauf, dass ich Axel kennenlernte. Ich glaube, es war damals ein Konzert in der Kinokneipe "The end" in Berlin-Schöneweide, bei unserem Freund Hartwig Berger. Mir ist da noch erinnerlich, dass ich mich wunderte, dass es ein "Sitzkonzert" war. Sitzende Beatles waren für mich bis dahin nicht so ganz gegenwärtig. Heinz spielte auch noch nicht allzu lange wieder Akustik-Gitarre. Das hatte sich, wie er mir erzählte, ja erst durch die Zusammenarbeit mit Christian "Kuno" Kunert und dem Akustik-Programm von Renft zur CD von "Als ob nichts gewesen wär" ergeben. Diese CD hatte Heinz damals mit eingespielt. Damals kam dann auch Marcus Schloussen zu Renft, weil Klaus gern noch einen Bassisten neben sich stellen wollte.008 20191015 1041357738 Axel und Heinz hatten ziemlich zeitgleich an der Musikschule Friedrichshain ihre Gitarrenabschlüsse gemacht- einmal der eine als Solist, der andere als Begleitung, und eben umgekehrt. Wie das ganz genau war, müsste Axel genauer wissen. Aber Akustik-Gitarre musste Heinz, nach seinen Worten "wieder neu erfinden". Und bei den Jungs von Liverpool wurde viel akustisch gespielt … und das sollte ich mir eben anhören. Dass Axel und ich dann 2008 miteinander musizierten, hatte leider mit dem tödlichen Unfall von Heinz im März 2007 zu tun. Heinz und ich lebten damals schon zusammen, und Axel bot mir direkt nach der Beisetzung seine Hilfe an, wenn ich sie mal brauchen würde - musikalisch und auch sonst. Ich war dankbar für dieses Angebot, auch wenn ich gar nicht wusste, wie mir in der Situation überhaupt jemand helfen können sollte. Im Mai oder Juni 2007 stand ich das erste Mal wieder mit der Gitarre auf der Bühne. Monster, also Thomas "Monster" Schoppe von Renft, hatte mich gefragt, ob ich in Biesdorf auf der Freilichtbühne zwei Songs spielen möchte. Bestimmt wollte er mir damit auch einen Gefallen tun, damit ich aus meinem Tal herauskomme. Ich spielte irgendwas von Joan Baez und einen der Songs, die Heinz und ich gemeinsam gemacht hatten. Nach dem Konzert kam Bodo Strecke mit der Idee auf mich zu, ob ich nicht die Lieder, die Heinz und ich als Duo "VIA ZVAI" gemacht hatten, produzieren wollte. Es seien so schöne Lieder, die es wert wären. Der gute Bodo - danke dafür! Mit Bodo Strecke haben wir dann auch die Aufnahmen und die Produktion zur CD gemacht - in der von ihm gewohnten Sorgfalt und Einfühlsamkeit. Die Idee war gut, aber da es mit meinem Gitarrenspiel nicht so weit her ist, brauchte ich jemanden, der die Gitarren ordentlich einspielen könnte - so schön, wie Heinz eben. Und da fiel mit Axel ein und 1+1 =2. Axel war gern dazu bereit. Wir begannen schon im Sommer 2007 bei Bodo Strecke im Schloss Selchow zu produzieren. Da wir aber auch prima miteinander musizieren konnten, waren wir als Duo auch ziemlich schnell spielbereit und landeten auf unserer ersten Mugge im Neu-Helgoland.

Deine musikalische Karriere ist ja sehr eng mit Heinz Prüfer verbunden, der damals bei RENFT spielte und mit dem Du sehr eng befreundet warst, richtig? Wie und wann genau kam es denn dazu, dass Ihr gemeinsam Lieder geschrieben habt?016 20191016 1506672216 Wo kam die Inspiration für die gemeinsame Musik her? Was hat Euch angesteckt und dazu gebracht, Lieder zu schreiben? Dass Ihr auch im Alltag ein Paar wart, war lange Zeit ein offenes Geheimnis. Inzwischen machst Du daraus aber kein Geheimnis mehr. Warum aber damals?
Diese Fragen überraschen mich zwar nicht, aber so nach über zehn Jahren diesen Rückblick zu machen, ist nicht ganz so leicht. Das Kapitel ist gelesen und das Buch zu. Aber ich versuche es mal in einer Art Kurzfassung. Heinz und ich lernten uns 2001 kennen, als ich meine erste Gitarre mit Tonabnehmer bei ihm im Laden zum Umtausch oder zur Reparatur brachte. Heinz jobbte damals bei Andy Krause im Music-Point, fast bei mir vor der Haustür. Damals musizierte ich mit Bernd Müller (Mr. Miller) in einem Country-Duo. Ich hockte mich also im Music-Point in die Ecke, probierte Gitarren aus und sang da so vor mich hin. Einmal, mehrmals, mit Kaffee oder ohne. Und dann ist das passiert, was seit Menschengedenken alles durcheinanderbringt, eingefahrene Strukturen zerschlägt, neue Türen öffnet, was glücklich und traurig macht, und die Vernunft außer Kraft setzt. Und dieses Gefühl setzt auch Unmengen Kreativität frei. Unsere Liebe wurde die Quelle und die Wurzel unserer musikalischen Arbeit - und in der ersten Zeit auch das Alibi für sie. Es sind schöne Lieder geworden - einige wenige - und 2007 im März war dann mit einem Knall alles vorbei.

Als Heinz 2007 tödlich verunglückte, war er gerade von einer RENFT-Mugge zurück auf dem Weg nach Hause. Du warst nicht mit bei diesem Konzert, oder?
Nein, ich war damals nicht mit. Irgendwas war mit seinem Auto. Wir waren kurz vorher aus dem Winterurlaub zurückgekommen, und es lief nicht richtig. Er fuhr also mit meinem schwarzen Golf, ohne Airbags, hatte noch Marcus und unsere Freunde vom Teeladen mit. Ich stand bis zu den Knien in unseren dreckigen Skiklamotten und hatte entsprechende "Prioritäten" gesetzt. Das soll aber dazu reichen bitte.

Für manch einen ist so ein Ereignis der Grund, sich zurückzuziehen und das erstmal mit sich selbst auszumachen. Andere gehen in die Offensive und leben das Leben weiter. Du scheinst der zweite Typ Mensch zu sein, denn Du hast im Anschluss nicht nur ein Album aufgenommen, sondern Dir auch eine Band an die Seite gestellt. War der Start Deiner Solo-Karriere nach Heinz Tod eine Trotzreaktion bzw. Befreiungsschlag um aus der Trauer raus zu kommen, eine Möglichkeit für Dich Heinz irgendwie weiterleben zu lassen oder welche Gründe gab es dafür?
Wie oben schon angedeutet, die Idee, die gemeinsamen Songs aufzunehmen kam nicht einmal von mir. Ich war nach dem Unfall für meine Verhältnisse schon in einem sehr tiefen Loch gelandet. An Musik war lange nicht zu denken. Meine Stimme war weg, der Gedankenfluss und die Kreativität ebenso. Das war eine Art Schockstarre. In dieser Zeit war ich öfter bei Reinhard Fißler zum Reden oder Musik hören. Trotz seiner Krankheit gab Reini mir damals Kraft und Hoffnung. Ich habe ihm so viel zu verdanken. Vor allen Dingen empfahl er mir zu schreiben, Texte zu schreiben, sobald die Worte wieder kämen. Große Gefühle - das sei der Stoff, der nötig sei für gute Texte und gute Musik.019 20191016 1002049699 Auch Trauer sei so ein Gefühl. Wie Recht er hatte. In den Monaten nach Heinz' Tod entstanden dann im Sommer weitere neue Lieder. Bei einigen dieser Lieder kam die Musik dann schon von Axel Stammberger. Als wir dann im Sommer anfingen zu produzieren, hatten wir im Grunde schon das Material für eine ganze CD zusammen. Und ja - natürlich habe ich in meinen Liedern das Thema verarbeitet. Wie die Menschen auf meine Texte reagiert haben, hat mir gezeigt, dass ich damit nicht nur für mich etwas sehr Nützliches getan habe. Es sind Lieder, in denen andere auch sich selbst erkennen können. Dass dies jedoch nicht durchweg fröhliche Lieder sind, liegt auf der Hand.

Wann und auf welchen Wegen sind Michael Behm als Schlagzeuger und Marcus Schloussen als Bassist zu Euch gestoßen, und wann wurden aus Gästen feste Mitglieder?
Während der ersten Aufnahmen fiel uns dann doch auf, dass in den Liedern viel mehr drin steckt, als Gitarre und Gesang. Axel schlug vor, unbedingt mit Bass und Drums zu arbeiten. Wer jetzt Marcus gefragt hat, weiß ich nicht mehr genau. Aber er war sofort bereit, den Songs zu mehr Glanz und mehr Tiefe zu verhelfen, schon in alter Verbundenheit mit Heinz. Mit Micha Behm habe ich gesprochen. Und da kann ich mich auch noch genau erinnern, wie das ablief. Wir trafen uns am Rande dieses jährlichen Promitreffens am Dämritzsee. Wir kannten uns durch einige Gespräche beim Sachsendreier. Ich war ja häufig mit Renft unterwegs, und wenn eine der drei Sachsendreier-Bands verhindert war, sprang auch immer mal Renft ein. Ganz abgesehen davon, dass Renft für mich eigentlich in dieses Paket sowieso hineingehört. Mit Micha kann man gut philosophieren und Probleme wälzen - er war mir von Anfang an vertraut. Und so hatte ich auch keine Bedenken, ihn zu fragen, ob er für uns Drums einspielen könnte. Er sagte auch erst zu, nachdem er sich die ersten Probeaufnahmen angehört hatte. Ich war ja ein unbeschriebenes Blatt, und jemand wie Micha Behm macht nur mit, wenn er zu dem Projekt auch steht. Auf der CD finden sich also die Songs, die Heinz und ich gemeinsam gemacht hatten und die neuen Songs, die nach seinem Tod entstanden. Zwei weitere Songs, an denen Heinz und ich arbeiteten, die mit Musik von Heinz und Texten von Michael Sellin versehen waren, konnten wir leider nicht veröffentlichen, weil wir die Rechte zur Veröffentlichung von seiner Ex-Frau nicht bekamen. Nachdem wir in drei Aufnahmeetappen dann die 12 Songs für die CD fertig hatten, stand für uns fest, dass wir dieses Machwerk auch ordentlich in die Welt entlassen wollten. Also wurde eine Record-Release-Party organisiert. Wir buchten damals das "Kino-Kiste" in Hellersdorf. Gekommen sind mehr als 120 Freunde und Bekannte - die Kiste war restlos ausverkauft.006 20191015 2012944835 Und wir stellten bereits im Vorfeld dieses Abends fest, dass wir alle Songs der CD durchaus auch live spielen können. Von dort war es eine kurze Wegstrecke zu einem eigenen Konzertprogramm - und Veranstalter, die uns auf der Bühne sehen wollten, gab es auch schon. Für mich ist es jedoch wirklich nicht die von dir oben angesprochene Solo-Karriere, die da begann. Wir waren doch irgendwie vom ersten Tag an eine Band. Meine - unsere - Lieder sind gemeinsam entstanden und zum Leben erweckt worden. Als Solistin hätte ich weder die Kraft noch die musikalischen Möglichkeiten für so ein Projekt gehabt - und ganz sicher auch nicht den Mut und das nötige Selbstvertrauen.

Man fällt ja als Musikerin nicht einfach so aus dem Himmel. Von Heinz weiß man ja, dass er bei RENFT spielte und zu DDR-Zeiten schon bei Express und Reggae Play aktiv war. Aber - wenn ich das mal so formulieren darf - wo kommst Du her? Was hast Du vor diesen 10 Jahren gemacht, die nun gefeiert werden?
Das fällt mir schon wieder viel leichter, als die anderen Fragen oben. Auch wenn ich manchmal glaube, dass das meine "musikalische Laufbahn" doch sehr unspektakulär ist. Oh je, wenn ich grad mal so in Gedanken Jahreszahlen passieren lasse, fühle ich mich plötzlich steinalt. Na gut. 1971, da war ich 9, meldeten mich meine Eltern im Eisenbahner-Kinderchor bei Ehm Kurzweg an. Bei Kurzweg lernte ich richtig singen. Durch viele Konzerte, Rundfunk- und Fernsehauftritte lernte ich das Gefühl kennen, auf der Bühne zu stehen und nicht davor. Wir tobten als Kinder im alten Friedrichstadtpalast in den Gängen hinter der Bühne herum, wurden in Bussen nach Fernsehauftritten für "Alles singt" im Haus der Heiteren Muse in irgendwelche edlen Hotels gekarrt, da in Leipzig durch die Messe nichts mehr frei war, wir hatten immer mal Schulbefreiung für Rundfunkproduktionen oder Konzertreisen, bekamen sogar manchmal Geld dafür. Wir machten den Palast der Republik tagelang unsicher vor großen Veranstaltungen wie z.B. dem "Kessel Buntes". So ein Haus, was man sonst nur als offizieller Gast sieht, plötzlich als Großspielplatz - das ist unbeschreiblich. Ein wenig so wie "Nachts im Museum" oder "Allein im Kaufhaus". Dieses Gefühl habe ich teilweise noch heute vor Veranstaltungen, oder wenn ich bei Kollegen im Backstage-Bereich bin. Fast meine ganze Freizeit verbrachte ich 34 Jahre in Chören von Ehm Kurzweg. Wir reisten nach Bulgarien, Ungarn, in die UdSSR. Der Chor war mein zweites zu Hause, in manchen Zeiten vermutlich mental sogar mein erstes. Als ich 14 war, war ich ein ganz großer Beatles-Fan und wollte ganz dringend Gitarre spielen lernen. Das gestaltete sich schwierig, weil es mir nicht möglich war, in der DDR eine Gitarre zu kaufen. Da ging man nicht einfach so in einen Laden und sagte, "Her mit der Gitarre." Da brauchtest du einen Bezugsschein, den du nur bekamst, wenn du z.B. Kindergärtnerin werden wolltest. Meine ersten Gitarrengriffe lernte ich auf der immer verstimmten 12er Gitarre eines Freundes.007 20191015 1171865423 Geübt habe ich auf einem Lineal, welches ich mir mit Linien und Bundstäben beklebt hatte. Auch die Mandoline meiner Mutter musste dran glauben. Leider hat sie es nicht überstanden, die Mandoline. Zum Abschluss der 10. Klasse bekam ich dann eine kleine Wanderklampfe geschenkt - Sperrholz mit Segelbooten drauf. Branding sagt man dazu wohl heute. Die Gitarre kauften meine Eltern meinem Staatbürgerkundelehrer ab, nachdem er einen Wutausbruch meinerseits auf dem Schulhof mitbekommen hatte. Ich muss mich da sogar zu einem "Sch…ßosten" hinreißen gelassen haben. Diese Gitarre hat mich in den nachfolgenden Jahren überall hin begleitet. Ich bin ganz sicher, dass ich damit verdammt rumgenervt habe. Vielleicht ist das ja jetzt der richtige Moment, mich dafür mal in aller Form zu entschuldigen. Könnte ja sein, jemand von damals liest mal dieses Interview nach. Richtigen Musikunterricht hatte ich leider nie - das ist ein Defizit unter dem ich persönlich immer mal sehr leide. Ich kann es drehen und wenden wie ich will - eine solide musikalische Ausbildung ist ein gutes Fundament. Meine Gesangsausbildung ist recht ordentlich, heute singe ich auch schon wieder seit 14 Jahren im Chor der Humboldt-Universität. Da geht es mit den großen Klassikern der Kirchen- und weltlichen Musik richtig zur Sache und natürlich mit Noten. Im letzten Februar haben wir die 8. Symphonie von Gustav Mahler, die sogenannte Symphonie der Tausend, aufgeführt. Mit 500 Beteiligten standen wir auf den Bühnen des Konzerthauses am Gendarmenmarkt und der Philharmonie in Berlin. Das war musikalisch das Größte, was ich je erlebt habe und selbst musizieren durfte. Ich glaube nicht, dass da noch etwas drüber passt. Aber auch Motetten-Gottesdienste in der Thomas-Kirche in Leipzig, bei denen wir dann die Thomaner vertreten, wenn sie auf Konzerttour sind, sind für mich immer sehr beeindruckend. Eine Welt, die ich vor 2005 nicht kannte. Und auch gereist wird auch bei Humboldts - bis nach Israel haben wir es schon geschafft. Der Mauerfall hat auch für solche Konzertreisen viel verändert. Zurück zur Gitarre - das entwickelte sich bei mir dann wie bei den meisten jungen Leuten ohne Unterricht. Man sieht hier etwas, hört da etwas, bekommt mit Glück mal ein Heftchen mit einer verständlichen Anleitung. Trifft man niemanden, schmort man im eigenen Saft ... immerhin reichte es bei mir dann irgendwann für kleinere Programme aus. Wir spielten mit Freunden Lieder der namhaften Liedermacher der DDR nach. Ich schrieb auch ein paar eigene Lieder für Wettbewerbe zu den Studententagen an meiner Hochschule. Ach ja, ich studierte Volkswirtschaft an der Hochschule für Ökonomie in Berlin-Karlshorst bis 1988. Dann kam Familie, Arbeit, Mauerfall, neue Arbeit das Ganze mit einem Mann, der meine musikalische Leidenschaft nicht teilte. Die Gitarre wurde zum Staubfänger, und ich fing an, mich um die musikalische Grundausbildung meiner Tochter zu kümmern. So wie das ist, wenn man das eigene Defizit am Kind irgendwie ausgleichen möchte und die Fehler der eigenen Eltern nicht wiederholen will. Sie bekam den Klavierunterricht, von dem ich nur geträumt hatte, und zum Glück hatte sie auch Freude dran und das entsprechende Talent. 1997 - nach ca. 10 Jahren - änderte sich mein Leben wiederum. Wir trennten uns, und ich fand schon kurze Zeit später zurück zur Musik. Im "Steamboat", einer Countrykneipe in Berlin-Friedrichshagen verkehrte ich dann regelmäßig und lernte dort auch Reinhard Fißler kennen. Wir waren eine bunte Truppe "Steamboat on tour" und waren auch immer mal mit Sessionmusik unterwegs.018 20191016 1124572233 Jeder spielte mal was - so auch ich. Und aus irgendeiner dieser Veranstaltungen ergab sich dann meine erste eigene Mugge. Der Veranstalter fragte mich, ob wir schon einen Termin hätten, ich wusste erst gar nicht, was der damit meint. Damit war ich mit weit über 30 ein totaler Spätstarter. Ziemlich zeitnah fragt mich dann der Berliner Geiger Bernd Müller (Mr. Miller), ob ich mir vorstellen könnte, mit ihm Countrymusik zu spielen. Das war dann doch der Beginn "ernsthafter" Bühnenauftritte. Als ich dann zwei Jahre später, also 2001, mit meinen Gitarrenproblemen bei Heinz Prüfer im Laden stand, konnte ich zumindest schon ordentlich meine eigene Technik auf- und abbauen, hatte zig Kneipenmuggen und Countryfeste bespielt und viele Kilometer nachts auf der Autobahn verbracht. Das neue Projekt mit Heinz Prüfer "VIA ZVAI", später noch mit Christian Kunert im Trio "VIA DRAI", war dann wirklich etwas ganz Eigenes. Bei den eigenen Songs ist es mehrheitlich dann auch später in der eigenen Band geblieben. Trotzdem spiele ich immer noch gerne die alten Countrysongs. Insbesondere die Folk-Balladen von Joan Baez, Emmylou Harris und Mary Black haben es mir angetan. An Bob Dylan kommt ja sowieso niemand dauerhaft vorbei, der zur Gitarre singt und wert legt auf gute Texte. Alles zu seiner Zeit.

Du arbeitest auch heute noch in einem anderen Hauptberuf, richtig? Was machst Du genau?
So ist es. Ich muss nicht von der Musik leben. Das ist Fluch und Segen zugleich. In aller Kürze - ich beantworte für die SPD Bürgerbriefe zum Sozialversicherungsrecht in Deutschland. Damit habe ich einen nicht gerade vergnügungssteuerpflichtigen Job. Ich sage nur: Rente und Hartz IV. Es gibt eine sehr große Unzufriedenheit in unserem Land - eine berechtigte und eine durchaus auch unberechtigte, die ich mit "Jammern auf hohem Niveau" beschreiben würde und auch immerwährende elendige Neiddebatten. Meine Aufgabe ist es dann zu erklären, warum was so ist wie es ist, ob es sich ändern lässt, ob z.B. die SPD es ändern würde, wenn sie dazu die Möglichkeiten hätte. Für die Zeitgenossen, die Äppel und Birnen vermischen, versuche ich klare Worte zu finden, hinsichtlich ihrer Forderungen und vor allem auch gegen das in vielen Themen verbreitete Halbwissen. Das mache ich seit 1999, seit dem die Regierung nach Berlin umgezogen ist. Viele Themen schwappen natürlich auch in den Alltag über. Meine Freunde und Bekannten wissen natürlich, was ich mache. Das, was "meine" Bürger in Briefen an die SPD bewegt, sind genau die Fragen, die im Grunde alle bewegen. Diskussionen werden schnell politisch - und ich selbst werde dann auch manchmal als "personifizierte SPD" wahrgenommen - und stellvertretend mit Unzufriedenheit und Kritik konfrontiert. Manchmal bin auch ich dann sehr dünnhäutig, und dann kommt vieles zusammen. Es ist über solche Themen auch schon mancher friedliche Abend etwas unfriedlicher zu Ende gegangen.009 20191015 1343529550 Das finde ich traurig, und ich fühle mich dann auch in einer Rolle, die ich nicht gewählt habe. Manchmal überlege ich, die Politik aus allem heraus zu lassen. Aber ob das wirklich eine Lösung ist? Wohl eher nicht. Ich habe so einen Widerspruchsgeist in mir, dass ich auch nicht einfach was anhören kann, wozu ich ´ne Menge weiß und erklären kann. Gerade weil es vielleicht das Thema ist, was ich aktuell in meinen Briefen abarbeite. Leider wollen Menschen oft aber einfach nur Dampf ablassen und sind an der Aufklärung der Streitfragen nicht wirklich interessiert. Und wehe es kommt dann noch Alkohol dazu. Da fällt mir dann immer die "Ballade vom Mann mit dem Feindbild" von Kuno (Christian Kunert) ein. Der Job fordert mich sehr, da ist es auch nicht verwunderlich, wenn die neuen Songs nicht so sprießen und nicht so leicht und fröhlich daher kommen. Kreativität braucht Zeit, Ort, Gelegenheit und um Himmels Willen bloß keinen Druck.

So eine lange Zeit als eher kleine Band zu überleben ist heute ja eher selten geworden. Es hat alles ja auch irgendwie mit Geld zu tun. Oft zerbrechen Bands schon nach wenigen Monaten weil man von der Musik nicht leben kann. Ihr seid zwar sehr professionell unterwegs, aber ein Lebensunterhaltserwerb ist die Band nicht, oder? Wie habt Ihr es geschafft, trotzdem am Ball zu bleiben und nicht irgendwann zu sagen, "Bringt zu wenig ein, ich orientiere mich um"?
Wie gerade gesagt - ich mache Musik nicht um zu überleben, sondern, weil sie zu meinem Leben gehört und Gefühl und Ausdruck meiner Lebensfreude ist. Meine Jungs haben alle noch andere Projekte, die aber alle mit Musik zu tun haben. Das ist in der heutigen Zeit ja schon die Regel. Kaum jemand schafft es von dem Brot zu leben, was er in einer Band verdienen kann. Axel und Micha geben Unterricht, Gitarre und Schlagzeug, was auf der Hand liegt. Axel hat noch mindestens zwei Projekte, die mir sofort einfallen. Das Eine ist "Südpark" und das andere sind die "Bockspäße". Bis vor kurzem hat er auch noch in der o.g. Beatles-Band gespielt. Micha hat, seit er nicht mehr bei der Stern-Combo-Meißen ist, immer wieder interessante Projekte am Laufen, seit Jahren eine Trommelgruppe "First drum affaire" und wird auch häufig als Gastmusiker gebucht. Naja und Marcus Schloussen - der spielt natürlich hauptberuflich bei Renft und mit Axel auch in anderen Projekten. Und auch nicht unerwähnt möchte ich an dieser Stelle lassen, dass wir, und besonders auch ich, viele Jahre Rückhalt und Unterstützung von Andreas Lübeck bekamen, der ein begeisterter Ostrockfan ist und unsere Band auch lange Zeit managte.010 20191015 1631385048 Er hat mir über eine schwere Zeit geholfen und war mir später lange Jahre ein guter Partner. Sein Catering war stets unübertroffen - und das waren schon immer die halbe Miete und der Garant für manchen schönen Abend. Danke Andreas!

Umso bemerkenswerter ist die Konstanz in der Gruppe. Woanders wird personell fleißig durchgewechselt, innerhalb von kurzer Zeit hat man dann schon reichlich Musikanten "ausprobiert", aber bei Dir kann sich das Publikum an eine feste Besetzung gewöhnen. Seid Ihr so dicke Freunde, dass das als Band über eine so lange Zeit so gut funktioniert?
Wir sind schon eine Band, die gut zusammenhält. Das ist keine Frage. Und wir haben uns auch vor Jahren gegenseitig erklärt, dass wir keine solistischen Bandauskopplungen machen wollen, also die üblichen Duo-Varianten oder so etwas. Wenn, dann spielen alle und das Geld, sei es noch so wenig, geht durch vier Nasen. Wir haben gerade in der jüngsten Zeit auch viel geredet über Zukunft und Sinn oder Unsinn von Live-Musik. Dass es keine guten Zeiten sind für Live-Musik, das wisst Ihr von Deutsche Mugge ganz sicher sehr genau. Aber aufhören - das geht gar nicht. Wir machen so viel Musik, wie möglich ist - würden gern mehr machen, und träumen wie alle anderen von einem professionellen Management oder dem Nummer Eins-Hit. Wenn wir auf der Bühne stehen, dann ist das unsere Welt. Wir haben Spaß daran miteinander zu musizieren, freuen uns über Dinge, die uns gut gelungen sind und vergessen ganz schnell die kleinen Patzer, die sich auch mal einschleichen. Bis Februar haben wir noch sechs Konzerte. Das ist richtig viel - gemessen an manch langen Durststrecken. Richtig viel Spaß haben wir an den Proben vor den Veranstaltungen. Je weniger Muggen, desto wichtiger sind die Proben. Sowohl für den Bandzusammenhalt als auch für musikalische Selbstverständnis. Ich würde gern mehr proben, weil ich mich allein auch zu selten hinsetze. Aber da müssen eben Aufwand und Ergebnis stimmen, und die Jungs sind ja auch in den anderen Projekten am Proben. Die Vorbereitung der Muggen geht vor. Für jedes Projekt. Durch die vielen einzelnen Projekte gibt es natürlich bei Terminabsprachen auch hin und wieder mal Probleme. Wir mussten inzwischen jeden aus der Band für ein oder mehrere Konzerte schon einmal ersetzen. Das ist immer ein ganz schönes Pensum für so einen "Ersatzkandidaten", und in die Band passen soll er ja auch. Er selbst soll Spaß haben, wir wollen Spaß haben, und gut klingen muss es nebenbei ja auch noch. Das ist für meine Kollegen auf jeden Fall das Wichtigste - sie wollen immer und überall Qualität abliefern. Und dazu musst du erstmal jemanden finden, der den Job tun möchte bei den heutigen Gagen. Umso erfreuter war ich jedes Mal, wie gut das geklappt hat. Die Liste ist sogar schon recht lang: Am Bass vertreten haben bei uns schon Jenne Brüssow (LIFT) und Frank Gommlich. Für Micha Behm ist schon zwei Mal Lutz Winkler aus Magdeburg (Reggea Play) eingesprungen.011 20191015 1282930738 Und auch Axel Stammberger an der Gitarre wurde schon mehrfach von André Drechsler (Pankow) vertreten. Insbesondere auf Axel bei einer Mugge zu verzichten, konnte ich mir nicht vorstellen. Aber mit André Drechsler haben wir einen Menschen gefunden, der mir diese Angst genommen hat. Gefunden haben wir uns durch Dirk Zöllner. Irgendwie hängt einfach alles mit allem zusammen. Ich bin bei solchen Muggen - als erklärte Lampenfieberkandidatin - noch doppelt uffjerecht, aber alle Sorge war immer umsonst. Das sind alles so tolle, nette und verträgliche Kollegen, dass diese neue Zusammenarbeit auch immer wieder etwas sehr inspirierendes hatte. Auch dafür ein Dankeschön an alle Wegbegleiter.

In 10 Jahren erlebt man ja so einiges. Du hast in zahlreichen Orten des Landes schon gespielt und sicher so einiges Erlebt. Gibt es Ereignisse, die Ihr auf Reisen erlebt habt, die heute Anekdoten für gemütliche Gesprächsrunden geworden sind? Lustige oder ernsthafte? Wenn ja, erzähl den Lesern doch bitte mal eine oder zwei ...
(überlegt kurz) Naja, einmal habe ich mich so richtig im Ton vergriffen, es aber nicht gemerkt und diese falsche Songline in aller Konsequenz bis zu Ende geführt. Die Kollegen waren total baff. Das muss so gewesen sein, wie bei diesem einen Auftritt von Elvis, als im Hintergrund eine Dame so extrem falsch jodelte ... Daran erinnert mich Marcus immer gern einmal. Einmal ist beim Aufbau der Technik in der Kulturkirche St. Jacobi in Stralsund der Techniker des Hauses von der Leiter gefallen und musste in die Klinik. Jemand anders konnte aber die Hausanlage in der großen Kirche nicht aufbauen - da haben wir kurzer Hand die Backline vor der Bühne aufgebaut, noch etwas von einer befreundeten Band aus Stralsund dazu geborgt und vor der Bühne gespielt - ein ohnzimmerkonzert. War letztlich wunderschön, und der Techniker konnte auch noch am selben Abend nach Hause entlassen werden. Ach ja, Eine habe ich noch. In Rostock, Bühne 602, hatten wir eine alte Nummer von Johnny Cash und June Carter mit im Programm. "If you were a carpenter". Eine schöne Nummer, die Axel und ich damals gern gesungen haben. Als Moderation zum Titel übersetzte ich mit großem, an Axel gerichteten, Augenaufschlag die ersten Textzeilen des Liedes, die da heißen: "Wenn du ein Tischler wärst und ich wäre eine Lady, würdest du mich dann trotzdem heiraten und mit mir ein Baby haben??"017 20191016 1597553504 Axel bekam einen roten Kopf und er blieb die Antwort schuldig. Mein damaliger Partner, der mit seiner Familie im Zuschauerraum saß, war stinksauer und redete den ganzen Abend kaum noch ein Wort mit mir. Show must go on - das ist Bühne - war schwer vermittelbar … Ich selbst sorge auch so immer mal für eine Überraschung der Kollegen im Konzert. Das sage ich vorher i.d.R. auch nicht an. Das hat auch mit meinen Solotiteln zu tun, die ich gern mal an den Anfang des zweiten Konzertteils setze und recht flexibel handhabe. Da verteile ich schon mal Kastanien im Publikum, oder Schokozigaretten wenn Axel den "Zigarettenblues" singt. Einmal habe ich mich mit großen Stricknadeln an den Bühnenrand gesetzt und gestrickt, während Axel "Das Loch in der Banane" spielte (allerdings mit Ankündigung). In Baabe auf der großen Bühne bin ich nach einem Solo der Jungs mit `nem Hula Hoop-Reifen auf die Bühne gegangen, der hinter der Bühne lag. Ich war selbst ganz überrascht, dass das noch ging. Auf meinen Solopfaden als Countrylady kann ich mich noch an eine Sache erinnern. Meine Tochter hatte kurz vor dem Auftritt im Auto Radio gehört und dann das Auto über die Beifahrertür zugemacht, mit Schlüssel drinnen. Wir mussten das Programm umschmeißen, weil ich mich nicht umziehen konnte und Setliste, Gitarrengurt und Country-Klamotten noch im Auto lagen. Der ADAC ließ über eine Stunde auf sich warten, und das ganz oben in Juliusruh auf Rügen. Waren das schon zwei Anekdoten? (grinst)

Gibt es auch Erlebnisse, die man lieber verdrängen möchte?
Gewiss auch das. Unser lieber Marcus ist uns einmal von der Bühne gefallen. Dass er seit ein paar Jahren nicht so ganz gesund ist, ist ja kein Geheimnis. Damals nahm er solche Entwässerungstabletten und musste einfach mal ganz schnell wohin. Leider war ein Kabel unglücklich verlegt, und der große Kerl stürzte wie ein gefällter Baumstamm drei Stufen vorn die Bühne runter und knallte dort auf die Steine. Es war erschütternd. Und ganz makaber kam dann noch dazu, dass das Ostseebad Heringsdorf, wo wir grad spielten, offenbar die schlechtesten Erfahrungen mit Künstlern gemacht hatte … Jedenfalls musste ich im Vertrag noch im Vorfeld unterschreiben, dass es auf der Bühne und während der Veranstaltung keinen Alkohol gibt. Ich habe mich doch tatsächlich dann noch dazu genötigt gesehen, oben von der Bühne her zu verkünden, dass mein Basser nicht betrunken sei …. Das Ganze hatte noch ein langes Nachspiel.013 20191015 1679714583 Marcus war anschließend richtig lange krank, mit Blutvergiftung und allem Mist, konnte zig Veranstaltungen nicht spielen, auch bei Renft nicht. Da kam immer irgendwie was dazu …. Und beim Veranstalter in Heringsdorf hatte er keine Anzeige gemacht. Die Technik war ja von denen verlegt worden. Aber ich hatte auch an so etwas nicht gedacht.

Es ist bisher ja bei diesem einen Album geblieben. Gibt es inzwischen eigentlich schon neues Songmaterial für ein evtl. weiteres Album?
Auf diese Frage habe ich gewartet. Es gibt sie, die neuen Songs - oh ja. Wir haben etliche schöne Songs gemacht in den letzten Jahren, die wir auch im aktuellen Programm schon spielen. Dafür haben andere Songs, eben die, die am meisten mit Vergangenheitsbewältigung zu tun haben, ihren Dienst getan und werden nicht mehr oder nur noch sehr selten gespielt. Das ist ein immerwährender Austausch. Wir haben auch Vorstellungen, wie es mit einer neuen CD zu bewerkstelligen wäre, aber einen richtigen Plan haben wir leider nicht. Genug Songs, aber keinen Plan. Damals waren wir wirklich noch richtig naiv mit unserer CD-Produktion. Diese Naivität haben wir in der Tat verloren. Jeder will wissen, worauf er sich einlässt und was mit dem Material dann passiert. Nochmals so viele CDs verkaufen, wie wir bisher verkauft haben, wird uns vermutlich nicht gelingen. Ich glaube von den 1.000 CDs, die es mal waren, sind nur noch 100 übrig. Wenn ich manchmal so sehe, in welchem Tempo andere Musiker neue Tonträger vorlegen, werde ich ganz kleinmütig. Wir überlegen, ob wir die Sachen live auf der Bühne einspielen sollten. Das wird ja auch häufig gemacht. Axel und Markus unterhalten ziemlich fruchtbare musikalische Beziehungen zur Berliner Band "Die grauen Rocker", bei der mein Buddelkastenfreund Frank Müller als Sänger sein Bestes gibt. Die grauen Rocker haben einen prima Probenraum, der technisch auch gut ausgestattet ist für Muggen oder aber vielleicht auch mal eine Live-Produktion. Das wäre zumindest eine Option, die nicht wieder zwei Jahre dauert. Wir müssten nur endlich wissen, was wir wollen und es in Angriff nehmen. Und da ist es dann doch auch die Basisdemokratie, die etwas hemmend wirkt. Sprich - da sind wir uns noch nicht einig. Und dazu kommt dann oben als Schmankerl noch drauf, dass das Zeitbudget bei allen Beteiligten richtig eng ist.014 20191015 1454320600 Damals bei unserer "Halbes ganzes Leben"-CD hatten wir uns tageweise gemeinsam aus dem Verkehr gezogen und haben in total kreativer Stimmung draußen in der Provinz aufgenommen. Ich glaube, so etwas kommt nicht wieder. Mit einer kleinen Träne im Augenwinkel könnte ich es vielleicht sogar bei dieser einmalig schönen ersten CD belassen. Aber was wird mit den neuen schönen Songs?? Immer diese Entscheidungen. Witzig ist, dass der Titel für die neue CD - so sie jemals kommt - schon feststeht. Die nächste CD wird "Barfuß" heißen. Und den Titelsong haben wir schon lange in unserem Programm.

Kommen wir nochmal auf den 20. November zurück. Wie weit seid Ihr denn mit den Vorbereitungen für dieses Konzert? Gibt es schon ein festes Programm? Im Pressetext zum Konzert steht, dass es auch Gäste auf der Bühne geben wird. Magst Du den Lesern schon verraten, wem sie beim Besuch Deines Jubiläumskonzerts begegnen werden?
Wir sind wirklich jetzt in der Vorbereitung. Da möchte ich jetzt noch nicht vorgreifen, es wäre nicht vollständig und der Abend wird sicher nicht so ganz nach Protokoll laufen. Es bleibt nicht ganz die Katze im Sack, denn was von uns zu erwarten ist, das wissen unsere Gäste sowieso. Die einzelnen Bandmitglieder werden sich - so ist der Plan - auch mit einem Teil ihrer anderen Projekte präsentieren. Dazu kommen noch weitere Gäste. Der Veranstalter vom Schlot hat mir erklärt, dass es bei ihnen auch viel Laufpublikum gibt, vor allem zur späteren Zeit, und wollte daher erst um 21 Uhr beginnen. Mit Rücksicht auf unser eigenes Publikum fangen wir aber trotzdem um 20:30 Uhr an. Zumindest ist es im Schlot nicht so, dass wir um 22 Uhr die Stecker ziehen müssen. Das ist ja leider in manchen kleineren Clubs in Berlin so. Im Zimmer 16 sind wir immer so ein wenig auf der Flucht, mit den vorgegebenen zwei Stunden. Eine Besonderheit wird das Konzert auf jeden Fall haben: es werden keine Karten verkauft. Entsprechend kann man auch keine Karten reservieren. Es wird also eine Hutmugge - oder Bastkörbchenmugge - oder was auch immer der Veranstalter dort zu tun pflegt.015 20191015 2001443879 Für mich persönlich wird das die erste Mugge dieser Art. Eine Premiere zum Jubiläum sozusagen. Aber wir wollen ja vor allen Dingen unser Jubiläum feiern. Reich und berühmt werden wir in diesem Leben sowieso nicht mehr, da sind wir uns einig in der Band. (grinst)

Es wird ja sicher schon Glückwünsche gegeben haben. Aber was wünschst Du Dir zu diesem Jubiläum eigentlich selbst?
Also das klingt vielleicht etwas abgedroschen, aber ich wünsche uns wirklich, dass meine Musiker und ich gesund bleiben und werden, dass wir uns treu bleiben und dass wir weiterhin so viel Spaß und Kreativität an unseren eigenen Songs haben werden. Und natürlich wünsche ich mir nicht zuletzt, dass wir die neue CD fertig bekommen.

Ich danke Dir für das Interview. Du hast jetzt abschließend noch die Gelegenheit, mit ein paar direkt an die Leser gerichteten Worten die Werbetrommel für den 20.11. zu rühren ...
Ich komme gerade aus Tibet zurück, vom Dach der Welt. Mitgebracht habe ich mir auch eine Gebetsmühle. Mit diesem Gedanken ein kleines Mantra zum Schluss - gern auch gebetsmühlenartig wiederholt: Liebe Freunde und Musikerkollegen, kommt am Mittwoch, den 20. November 2019, ins Schlot nach Berlin-Mitte! Macht uns die Hütte so voll wie vor 10 Jahren zum Record-Release! Das wäre ein schönes Geburtstagsgeschenk für unsere Kapelle! Und wir versprechen Euch einen wundervollen musikalischen Abend! Eure Timmi

 

Interview: Christian Reder
Bearbeitung: cr
Fotos: Archiv Andrea Timm, Redaktion Deutsche Mugge




   
   
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