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Interview vom 01. September 2019



Peter Butschke und Reinhard Sonnenburg-Buchholz bildeten bis 2007 die Gruppe PENSION VOLKMANN. Auf der Bühne waren sie zu zweit aktiv, als Band war die "Pension" jedoch ein Trio. Der dritte Mann war Werner Karma, der im Hintergrund als Texter tätig war und seine beiden Kollegen auf der Bühne seine Inhalte verbreiten ließ. Anfang der 80er wurde diese Gruppe gegründet und sie füllte drei Langspielplatten mit Leben.001 20190903 1489114758 Noch heute genießt die PENSION VOLKMANN einen guten Ruf und viele Leute erinnern sich an die Lieder und Konzerte. Vor 12 Jahren setzte das Schicksal der Band aber ein Ende, als sich der Krebs mit Reinhard Sonnenburg-Buchholz einen wichtigen Teil der PENSION VOLKMANN holte. Die 23 Jahre gemeinsame Zeit haben beim Publikum viele Spuren und bei Peter Butschke nicht weniger Erinnerungen hnterlassen. Ein Weitermachen als PENSION VOLKMANN nach dem Tod von Reinhard war nicht möglich. Warum, erfahrt Ihr gleich. Aber ein Wiederaufstehen als VOLKMANN war möglich, und so suchte sich Peter Butschke andere Musiker und erschuf mit Werner Karma auch wieder neue Lieder. "Dreh mich um" war ein erstes Album, das mit neuer Band entstand, und "Volkmanns Gitarren" ist ein ganz frisches Erzeugnis, das im Frühjahr 2019 veröffentlicht wurde. Bei Peter Butschke und seiner Kapelle läuft einiges anders als man es von anderen Bands her kennt. Wo andere Kollegen ein großes TamTam um ihr neues Album machen, versteckt sich Peter Butschke fast mit seinem neuen Werk. Wo andere Musiker im Internet mehr als nur einen Auftritt haben, beschränkt sich Peters Aktivität auf ein soziales Netzwerk. Man muss schon nach ihm suchen, will man auf dem neusten Stand der Dinge bleiben. Dabei hat der Mann eine ganze Menge zu erzählen. Davon konnte sich unser Kollege Christian vor ein paar Tagen überzeugen, als er sich mit Peter Butschke zu einem Interview traf. Es ging in diesem Gespräch um das "gut versteckte" neue Album, seine Zeit mit der PENSION VOLKMANN, vergangene und aktuelle Aktivitäten sowie um viele kleine Geschichten, die das Musikerleben so schreibt ...






Vor ein paar Tagen habe ich fälschlicherweise in der Überarbeitung des PENSION VOLKMANN-Portraits geschrieben, Peter Butschke habe die Instrumente an den Nagel gehängt und macht nichts mehr. Der Grund dafür war, dass es die Webseite von VOLKMANN nicht mehr gibt und dass man über Dich im Netz nichts Aktuelles finden konnte. Habe ich schlampig recherchiert oder bist Du wirklich abgetaucht?
Also eigentlich verfüge ich im Moment nur über keine persönliche Webseite. Ansonsten bin ich bei facebook aktiv und auch bei youtube stehen ein paar Songs drin. So ganz weg bin ich demnach nicht. Außerdem gibt es noch eine alte PENSION VOLKMANN-Seite. Die haben wir extra online gelassen, aber mehr aus Erinnerungsgründen für unsere Fans. Doch Du hast Recht, eine echte Webseite von mir existiert nicht.

Der Fehler meinerseits ist ja inzwischen auch behoben und ein neues Album unter dem Titel "Volkmanns Gitarren" ist im Portrait auch ergänzt worden. Eine neue CD ist ja immer ein untrügliches Zeichen dafür, dass man doch noch aktiv ist. Wie kam es zu diesem Album und welche Idee steckt dahinter, es ausschließlich mit instrumentalen Nummern zu versehen?
Ich gehe schon längere Zeit mit dem Gedanken an ein solches Projekt schwanger, weil ich so unendlich viele Ideen habe. Und dadurch, dass ich meine anderen Gitarrenkollegen nach und nach kennenlernte und wusste, dass die ebenfalls ziemlich kreativ sind, habe ich einfach mal bei Ihnen nachgefragt. Ich erzählte ihnen, wie viele Ideen bei mir auf Datenträgern rumliegen und vermutete, dass es bei ihnen ähnlich sein würde. Also liegt es doch nahe, dass wir einfach mal versuchen, eine CD nur mit Gitarrenmusik pur zu machen.002 20190903 1719647351 Ansonsten sind all diese Ideen ja totes Kapital. Die Jungs waren sofort sehr aufgeschlossen. Jeder spielte zunächst ein paar seiner Ideen vor, von denen er meinte, die würden sich für eine CD eignen. Wir wählten dann in Ruhe die besten Sachen aus und hatten auf die Art recht schnell die fünfzehn Titel zusammen, die wir auf die CD bringen wollten.

Es ist ja ziemlich ungewöhnlich, eine CD mit Deiner Beteiligung im Player liegen zu haben, auf der kein einziges Wort gesungen wird. Denn Du hattest ja immer etwas zu erzählen, wenn es etwas Neues von VOLKMANN oder der PENSION VOLKMANN zu erzählen gab ...
Weißt Du, manchmal hat man einfach die Schnauze voll. Nämlich immer dann, wenn man sich fragt, was erreiche ich eigentlich mit meinen Worten? Dann will man nur noch Musik machen, ohne etwas zu sagen.

Fühlt es sich denn für Dich auch ungewohnt an, nichts zu sagen und nur Musik als Botschaft an den Mann zu bringen?
Das ist ja nun kein zufälliger Ausrutscher, sondern war voll beabsichtigt. Es lag wirklich daran, dass so viel Material vorhanden war. Das hätte noch für weitere CDs gereicht. Deshalb sagte ich, lasst es uns mal nur mit Gitarrenmusik probieren. Diese Musik sagt ja auch etwas aus. Also lassen wir diesmal einfach die Worte weg, die können wir später ja immer wieder benutzen. Und so ist es auch tatsächlich, denn ich arbeite bereits an der nächsten CD, von der die ersten sechs Songs schon eingespielt sind. Es kommt also auch wieder etwas nach, so ist es ja nicht.

Die Instrumental-CD ist, so glaube ich, im März auf Karsten Troykes Plattenlabel erschienen. Einen Vertrieb, der das Album in die Läden und Online-Shops bringt, gibt es jedoch nicht. Warum hast Du auf ein so wichtiges Element zum Verbreiten Deiner Musik verzichtet? Du machst es den Leuten ja damit auch unnötig schwer, diese CD zu finden und zu kaufen.
Das hat ein bisschen damit zu tun, dass ich selber in kaufmännischer Hinsicht ziemlich untalentiert bin. Das ist bei Karsten Troyke, der uns ja auch finanziell unterstützt hat, nicht ganz so, deshalb machen wir jetzt doch noch den Versuch, in dieser Hinsicht irgendwie Fuß zu fassen.

003 20190903 1974827083Also können wir davon ausgehen, dass es künftig weitere Alben von Volkmann geben wird und dass diese dann auch auf dem herkömmlichen Weg erhältlich sein werden?
Richtig, so soll es sein.

Peter, Du bist schon viele Jahre in der Musikbranche aktiv. Hast Du nach der Schule erst mal einen anderen Beruf erlernt oder bist Du gleich als Musiker eingestiegen?
Natürlich habe ich zunächst einmal einen "richtigen" Beruf erlernt, das war ja früher bei uns so üblich. Ich bin gelernter Elektromonteur. Aber meine künstlerische Ader hatte ich schon in der Kindheit. Und so zog es mich auch recht früh an die Instrumente und ich lernte mit neun Jahren Posaune spielen. Eigentlich wollte ich Trompete lernen, aber da waren schon alle Stellen besetzt. Man setzte mir mehrere Blasinstrumente vor die Nase und an den Mund und bei der Posaune kamen halt die besten Töne raus. Und so blieb ich bei der Posaune hängen, was auch völlig in Ordnung war. Das hielt jedoch leider nur drei Jahre. Wie Kinder und Jugendliche so sind, ließ ich das Posaune spielen dann bleiben, weil mir der Sport plötzlich mehr Spaß machte. Ich fing mit der Leichtathletik an und war da recht erfolgreich. Dann jedoch erschienen Anfang der 60er Jahre die BEATLES auf der Bildfläche, was viele Jugendliche förmlich umhaute. Und von da an wollten alle Gitarre spielen können. So war es nicht verwunderlich, dass mir meine Mutter zu dieser Zeit meine erste Gitarre kaufte. Von da an ging es dann mit mir bergauf.

Du kommst ja aus der DDR und hattest damit ganz andere Voraussetzungen und Bedingungen als Gleichaltrige, die im Westen aufwuchsen. Manche gingen damals in einen Singeklub, andere schraubten im Altbaukeller eine eigene Band zusammen. Wie war das bei Dir?
Bei mir war es letztlich auch eher die Singebewegung, in der ich Unterschlupf fand. Dort lernte ich viele interessante Leute kennen, unter anderem Reinhard Sonnenburg-Buchholz. Das war sozusagen mein Einstieg in die Musik. Irgendwann wurde ich von einem Bandleader gesehen und gehört, der mich ansprach und fragte, ob ich nicht Lust hätte, in seine Band einzusteigen. In Ostberlin war diese Band namens FAIBLE sehr bekannt. Wir waren neun Leute, hatten Bläser und eine Rhythmusgruppe dabei und spielten Blues und Rock. Da schrieb ich bereits meine ersten eigenen Songs und machte auch die Texte dazu.

Wann war das?
Mit dieser Band begann es Ende der Siebziger. Davor war die Singebewegung. Das ging 1970 los, nachdem ich von der Armee zurückkam.

004 20190903 1750472050Wann ging es für Dich auf die Hochschule? Du warst ja auf der "Hanns Eisler Musikhochschule" in Berlin.
Das war von 1980 bis 1984. Mein Hauptfach war Gesang und als zweites Fach belegte ich Klavier. Angestiftet wurde ich dazu durch meine Bandkollegen, von denen einige ebenfalls auf der Hochschule waren.

Gehen wir noch mal einen kleinen Schritt zurück. Du sagtest eben, Du hast damals Reinhard Sonnenburg-Buchholz kennengelernt. Wie war das erste Aufeinandertreffen? Habt Ihr Euch beim gemeinsamen Unterricht in der Schule getroffen oder wart Ihr am Abend zusammen im Klub?
Deine letzte Vermutung stimmt, das fand in den Klubs statt. Es gab aber da noch eine kleine Zwischenepisode, nämlich eine Band namens OSTKREUZ. Das war so um 1975 herum. In dieser Band spielte Reinhard schon als Gitarrist mit. Ich steckte ja immer noch in dieser Singebewegung fest, aber ich fand diese Band irgendwie geil. Ich bot mich an, bei denen als Techniker einzusteigen, was auch klappte. Da lernten Reinhard und ich uns kennen.

Wie lange dauerte es dann zwischen dem ersten Treffen und der Entscheidung, dass man irgendwann mal zusammen Musik machen würde? Und von wem ging diese Idee hauptsächlich aus?
Diese Entscheidung fällten wir beide zu gleichen Teilen. Ich kann gar nicht sagen, wer von uns zuerst damit ankam. Auf jeden Fall musste Reini dann zwischendurch noch zur Armee, hatte nach der Armee zunächst eine andere Band namens KLEEBLATT. Anfang der 80er kriselte es dann aber in dieser Band. Wir beide trafen uns in der Zeit öfter und waren uns ja ohnehin irgendwie sympathisch. Musikalisch lagen wir auch dicht beieinander, standen damals gerade auf so eine Art Latino-Sound. Jose Feliciano war zum Beispiel einer unserer Lieblinge. Da war es nur noch eine Frage der Zeit, bis wir auf die Idee kamen, es einfach mal zusammen zu probieren, und zwar als Duo. Wir spielten anfangs hauptsächlich Adaptionen von allen möglichen großen Bands und Musikern, sagten uns dann aber recht schnell, wir wollen ja eigentlich keine Songs mehr nachspielen, sondern etwas Eigenes, Kreatives machen. Ich wusste, er ist ein guter Komponist und Reinhard wusste, dass ich auch ganz gut komponieren kann. Aber wir brauchten natürlich auch noch einen Texter, denn zur damaligen Zeit dachte ich noch kein bisschen daran, dass ich vielleicht auch selber mal texten möchte. Ich wollte halt komponieren, auf der Bühne stehen und singen. Reinhard hatte aber damals bereits Werner Karma kennengelernt, den ich wiederum überhaupt noch nicht persönlich kannte. Werner fing damals schon an, für SILLY Texte zu schreiben, daher war mir klar, der macht durchaus gute Texte. Reini meinte, lass uns doch einfach mal hingehen und mit ihm reden, vielleicht hat er ja Lust, etwas für uns zu schreiben. Wir besorgten uns Werners Adresse, klingelten bei ihm und stellten uns vor. Wir durften auch tatsächlich reinkommen in seine Arbeitsbude, wo er immer saß, wenn er Texte verfasste. Er hörte sich an, was wir uns so vorstellten und meinte dann: "Eigentlich habt Ihr großes Glück, denn ich suche gerade so etwas wie Euch. Also zwei Leute, die auf meine Texte Musik machen". Es war also wirklich ein echt glücklicher Zufall. Werner gab uns eine Mappe mit zunächst zehn Texten darin, die wir uns durchlesen sollten und dann eine Entscheidung treffen mussten, ob wir damit etwas anfangen können. Als wir die Texte in Ruhe lasen, sind wir fast umgefallen, weil das so geile Texte waren, die wir dann auch alle auf unserer ersten Platte verarbeitet hatten. So fing das alles an.

005 20190903 1493328801Wann fand das Treffen mit Werner Karma statt?
Das muss 1982 gewesen sein, denn 1983 haben wir die PENSION VOLKMANN gegründet. Werner Karma gehörte quasi mit dazu, wir waren also nicht nur zu zweit.

Unterhält man sich heute mit Leuten, die Euch früher cool fanden und Eure Konzerte besucht haben, dann kriegt man zu hören, dass Reinhard eher der introvertierte junge Mann war, während Du mehr der laute und dem Anecken nicht ganz abgeneigte Kollege warst. Stimmt das?
Na so habe ich das ja auch lange nicht mehr gehört! Anecken ... Was immer das heißt. Aber ja, irgendwie passt das schon. Allein von den künstlerischen Dingen her waren wir ja schon sehr unterschiedlich. Reinhard war nicht nur ein begnadeter Gitarrist, sondern wirklich auch vom Typ her sehr introvertiert. Er versteckte sich meist hinter seiner Gitarre, so dass ich vorne sozusagen freie Schussbahn hatte. Anscheinend bin ich also wirklich ein Typ, der gerne mal ein bisschen angreift und der auch Freude daran hat.

Bei den von Euch zu Songs gemachten Karma-Texten musste man ja nicht unbedingt zwischen den Zeilen lesen, um zu verstehen, was da gesagt wurde. Gab es für Dich in der DDR dabei irgendwelche Konsequenzen, vor allem wenn man Deinen Freiheitsdrang dazu nimmt?
Ja, als die erste Platte erschien, gab es tatsächlich einzelne Figuren, die uns nicht mochten, die uns nicht wohlgesonnen waren. Das war für uns aber normal, denn wenn man bestimmte Sachen kritisiert, muss man immer damit rechnen, dass man was auf den Hut kriegt. Trotzdem gab es für uns keinerlei Diskussion, sondern es stand fest, wir machen diese Songs mit diesen Texten. Aus und basta. Wir hörten auch von Leuten aus dem Publikum, vor allem von Studenten, die unsere Platte an der Hochschule vorspielten, dass es da ebenfalls jede Menge Diskussionen gab und man laut fragte, wie man eine solche Platte machen kann. Aber wie gesagt, für uns waren das normale Dinge. Das sind eben die typischen Widersprüche innerhalb einer Gesellschaft. Die Platte war auf dem Markt und wurde gekauft, also was wollten die Kleingeister nun machen?

Du sagtest eben, Werner Karma war quasi das dritte Bandmitglied der PENSION VOLKMANN. Er gab Euch also anfangs eine Mappe mit fertigen Texten, die Ihr übernommen habt. Aber das war ja sicher in der Folgezeit nicht immer so. Habt Ihr zusammengesessen und Ideen ausgetauscht, hat er Songinhalte nach Euren Vorstellungen umgearbeitet oder hat er Euch die Texte auf den Leib geschneidert, ohne Euch vorher großartig zu fragen?
Letzteres trifft schon zu, weil er uns ja gut kannte. Bei uns war die Arbeitsweise ja nicht so, dass wir immer dann, wenn wir eine neue Platte machen wollten, zu Werner gingen, weil wir neue Texte brauchten und er uns diese dann gab. Wir haben uns oft getroffen, haben zusammengesessen, über Gott und die Welt diskutiert, daher kannte er unsere Ansichten und Denkweisen und wir wussten, wie er tickt. Wir lagen in allem ziemlich dicht beieinander. Insofern fiel es ihm nicht schwer, uns oder mir die Texte auf den Leib zu schneidern. Ich kann mich auch nur an einen einzigen Text erinnern, den ich nicht richtig verstanden habe.006 20190903 1586260900 Werner merkte, dass ich irgendwie rum eiere, da nahm er mir den Text sofort wieder aus der Hand und das Thema war erledigt. So war es immer: wenn er merkte, wir stehen nicht hinter einem Text, flog der erst mal wieder weg. Für ihn war wichtig, dass die Texte, die er herausgab, bis zu Ende gedacht waren. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass es jemals anders war. Wenn wir von ihm Texte bekamen, waren die hundertprozentig fertig. Das war schon beeindruckend.

Du sagtest, 1983 war die Gründung der PENSION VOLKMANN. Seid Ihr direkt als Profiband an den Start gegangen oder wart Ihr anfangs noch eine Amateurkapelle?
Wir galten sofort als Profiband. Reini war ja schon fertig mit seinem Studium an der Musikhochschule, ich war noch mittendrin.

Bei Euch ging alles ziemlich schnell, denn knapp zwei Jahre später, also 1985, wurde schon das Album "Die Gefühle" veröffentlicht. Andere Bands mussten weitaus länger auf ein eigenes Album warten, und wenn es dann mal was von ihnen gab, war es höchstens eine Single. Warum ging es bei Euch so schnell und wie kam es, dass es gleich eine ganze LP wurde?
Genau erklären kann ich es Dir auch nicht. Für uns war nur klar, wir wollen das unbedingt machen. Hinterher bekam ich raus, dass der Produzent uns schon ein Jahr vorher auf Livekonzerten beobachtet hatte und sehen konnte, wie die Menschen auf uns reagieren. Ich nehme an, das war mit ausschlaggebend. Außerdem hatte ja Werner Karma bei AMIGA durch seine Arbeit mit SILLY schon einen Fuß in der Tür. Das war sicher nicht ganz unwichtig.

Und dann stehen plötzlich Arnold Fritzsch, Stefan Dohanetz, Stephan "Grete" Weiser und Hermann Naehring im Studio und spielen Eure Platte mit ein. Habt Ihr Euch die Kollegen als Verstärkung für die Aufnahmen ausgesucht oder hat AMIGA Euch die komplette Band ins Studio gestellt?
Das war folgendermaßen: Werner kannte Murmel Fritzsch ganz gut, weil er für dessen Gruppe KREIS wohl auch ein paar Texte beigesteuert hat. Nun wurden wir ja gerne mal, obwohl ich das selber nicht so toll fand, in die Rubrik Liedermacher eingeordnet. Und Werner wollte versuchen, auf der Platte mal eine Symbiose zwischen den sogenannten Liedermachern und der Popmusik herzustellen. Dafür hat er Murmel Fritzsch geholt, der ja aus der Popmusik-Ecke kommt. So lernten wir uns kennen. Anfangs gab es aber ein paar Reibereien zwischen uns, weil Murmel Fritzsch dachte, er könne wohl ein paar eigene Kompositionen zur Platte beisteuern.007 20190903 1582181041 So hätte er gerne die Texte zu "Satt zu essen" und "Die Gefühle" verkomponiert, aber da mussten wir ihm zu verstehen geben, dass die Nummern schon durchkomponiert waren, und zwar von uns. Da war er ein bisschen geknickt, ist aber trotzdem dabei geblieben. Und er holte im Anschluss sogar die anderen Musiker dazu, die Du ja schon aufgeführt hast. Hermann Naehring kannten wir aber bereits aus der Singebewegung.

Der Unterschied zwischen dem, was man auf der Platte hören kann und Euern Bühnenauftritten war ja vom Arrangement her recht groß. Live seid Ihr in der Regel nur zu zweit, hin und wieder mal mit einem dritten Musiker wie beispielsweise Hans die Geige aufgetreten. Warum wurden hier solche Unterschiede gemacht? Auf der Platte das große Besteck, live nur das kleine?
Na ja, auf einer Schallplatte fällt ja meist das Visuelle weg, man hört also "nur". Wir komponieren unsere Lieder so, dass sie einfach mit einer Gitarre und der Gesangsstimme stehen. Trotzdem hatten wir auch immer schon ein paar andere Instrumente im Hinterkopf, als wie die Lieder geschrieben haben. Das hat sicher etwas mit den Einflüssen der Beatmusik zu tun, mit denen wir aufgewachsen waren. Also das, was wir schreiben, funktioniert erst mal ganz sparsam mit Stimme und Gitarre, vielleicht noch eine Mundharmonika oder ein Tambourin dazu. Und wenn man es dann möchte, kann man sich immer noch ein paar andere Musiker oder andere Instrumente dazu holen, was wir ja auch getan haben.

Weitere drei Jahre später kam mit "Vollpension" das nächste Album bei AMIGA raus. Im Studio tummelten sich dann unter anderem Peter Michailow am Schlagzeug, Wolfgang Schmiedt an der Gitarre, Henning Schmiedt an den Tasten und diverse namhafte Bläser. Es gab also noch mehr Sound und Tiefe in der Musik. Gleiche Frage wie eben: war es Eure Idee, mit dieser diesmal wirklich großen Band das Album einzuspielen?
Ja, das war unsere Idee. Wir hatten natürlich den Erfolg des Verkaufs unserer ersten Platte bemerkt, wo wir ja auch mit Band gespielt hatten. Zu dieser Zeit lernten wir die Band BOSSA-NOSTRA kennen, das waren nämlich die Musiker, die Du eben aufgezählt hast. Das war eine richtig tolle Band, die wir auch schon länger kannten und öfter gehört hatten. So kam unser Wunsch zustande, mit denen die nächste Platte einzuspielen. Henning Schmiedt war dabei so eine Art Arrangeur und hat die Songs ganz gut verpackt.

Die Schmiedts haben ja sogar ein Lied auf der Platte geschrieben, wenn ich mich nicht irre.
Stimmt. Das war der Song "Transmission" und der bildete den Übergang hin zum Song "Antoine".

Glück hatten die, die in den 80er Jahren schon auf Konzerte gehen konnten, denn sie durften Euch live und in Farbe auf der Bühne erleben. Kannst Du uns, die das nicht konnten, mal erzählen, wie Eure Konzerte ausgesehen haben? Gab es neben Euern eigenen Songs noch andere Titel und hatte die PENSION VOLKMANN eine Bühnenshow, wie man sie ja heute haben muss, damit überhaupt einer kommt?
Nein, wir hatten keine Show und wir brauchten auch keine Show. Das hätten wir auch konsequent abgelehnt. Wir sind so aufgetreten, wie wir auch tagsüber im Konsum einkaufen waren. Es verband sich auch überhaupt nicht mit unseren Songs, eine Show dazu zu machen. Die Auftritte lebten schlicht und einfach durch unsere Musik und die dazugehörigen Texte sowie durch die beiden Typen, die das präsentierten. Es war nicht mehr, aber auch nicht weniger.

008 20190903 1319306292Ihr habt auch nur Eure eigenen Lieder gespielt?
Ja, ausschließlich die eigenen.

Auch hier weiß ich durch Erzählungen, dass man nach dem Besuch einer PENSION VOLKMANN-Mugge immer kulturell gut ernährt in die Nacht entlassen wurde. Um sich instrumental in Brand setzen zu lassen, musste man Deinem Bühnenpartner zuschauen und zuhören. Was den exzellenten Transport der Inhalte angeht, seist Du der Blickfang gewesen. Hattet Ihr mehr Zulauf von Leuten, die Party machen wollten oder kamen eher Gruppen von Menschen, die Werte auf Inhalte gelegt haben?
Ich denke, das letztere war der Fall. Die "Party", die bei uns stattfand, hatte ja eher was mit den Inhalten unserer Musik zu tun. Das waren halt Gleichgesinnte. So etwas existiert doch heute gar nicht mehr. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, nach der Wende Derartiges jemals wieder erlebt zu haben. Es ist ja nicht nur traurig, sondern nahezu entsetzlich, was heutzutage auf dem Musikmarkt passiert.

Verschlug es Euch mit Euern Konzerten auch ins Ausland? An der Trasse zumindest musste wohl jeder DDR-Musiker mal sein Arbeitsgerät auspacken.
Nein, das musste nicht jeder! Aber wer sich "bewähren" wollte, um später vielleicht auch mal ins westliche Ausland zu kommen, der sollte schon mal an der Trasse gespielt haben. Wir waren 1987 für vierzehn Tage an der Trasse. Es war ein harter Job, doch ich möchte diese Erfahrung nicht missen. Das meine ich ehrlich. Wir haben oft zweimal am Tag gespielt. Am frühen Morgen für die Nachtschichtler und am Abend dann nochmal. Die Männer kamen so, wie sie von der Arbeit kamen, in die Konzerte rein. Uns ging da durchaus ein bisschen die Muffe, weil wir dachten, mit unseren Texten können die nicht viel anfangen. Auf den Tischen standen schon die Weinflaschen und Bierpullen. Wir bauten noch ein bisschen an unserer Bühnentechnik rum, da wurden schon die Weinflaschen hochgehoben und auf den Tisch fallen gelassen, begleitet von "Anfangen! Anfangen!"-Sprechchören. Das war schon eine eigenartige Stimmung zu unserem ersten Konzert an der Trasse. Als wir dann anfingen zu spielen, war es mucksmäuschenstill, bis zum Schluss. Dann wurden wir regelrecht gefeiert, es war unglaublich. So ging es weiter, auf jedem Konzert. Mit einer einzigen Ausnahme: wir spielten auf einer Frauentagsfeier im Lackschuh-Lager. So nannten die Bauarbeiter das, weil dort die ganzen Ingenieure arbeiteten. Dort gab es auch ein paar Frauen. Als wir dort ankamen und unser Konzert spielen wollten, waren die allerdings schon alle total besoffen. Wir spielten drei Lieder, dann hörte kein Mensch mehr zu. Die waren alle sowas von dicht, das habe ich vorher noch nie erlebt! Wir sind runter von der Bühne, haben uns dazu gesetzt und dann war die Welt wieder in Ordnung.

Das ist ja wirklich eine Erfahrung, die man gemacht haben sollte.
Zumindest dieses eine Konzert war schon eine sehr heftige Erfahrung. Aber die anderen Auftritte waren genial, da kann man nichts anderes sagen.

Gab es denn auch andere Ziele im Ausland oder nur die Trasse?
Die Trasse war erst einmal unser Hauptziel, was damit verbunden war, eventuell auch mal in den Westen fahren zu können. Das klappte dann auch wirklich. Unser erstes Westkonzert war an der Universität in Düsseldorf. Allerdings verlief das Konzert etwas durchwachsen, denn obwohl wir deutsch gesungen haben, hörte uns kaum einer zu. Das war durchaus etwas ernüchternd.

016 20190909 1074483861Dann kam ja auch schon das Jahr 1989 und somit die Wende. Hast Du von diesem inneren Druck und den Demonstrationen, die innerhalb des Landes stattfanden, etwas mitbekommen?
Natürlich haben wir das mitbekommen. Wir waren ja eigentlich sogar mittendrin! Es gab diesen berühmten Aufruf der Liedermacher und der Rockbands, die DDR zu verändern. Also es ging nicht darum, die DDR abzuschaffen, sondern sie im positiven Sinne zu verändern. Da waren ganz viele Gruppen und Künstler vertreten. Es ging dabei noch gar nicht um solche Dinge wie eine Wiedervereinigung. Wir selbst spielten auch auf einigen großen Demonstrationen und merkten, dass da richtig Betrieb dahinter war.

Als die Grenze dann geöffnet wurde, wo warst Du da gerade? Weißt Du das noch?
Wir haben irgendwo in Thüringen oder Sachsen gespielt und waren auf dem Rückweg über die Autobahn, als wir im Radio hörten, die Mauer wurde geöffnet. Ich muss ehrlich sagen, für mich war diese Meldung etwas beängstigend, denn mir war schon damals klar, dass das nicht gutgehen konnte. Wenn ich mir das Land heute angucke, fühle ich mich darin bestätigt. Das hätte man damals einfach anders lösen müssen. Diese sogenannte Wiedervereinigung sehe ich ja eher als "Wiedervereinnahmung". Alles, was ich seinerzeit befürchtet habe, ist auch eingetreten.

Viele Deiner Musikerkollegen fielen nach der Maueröffnung beruflich in ein Loch. Es gab keine Auftrittsmöglichkeiten mehr, es gab keine Angebote mehr, und vor allem gab es kein Publikum mehr. Wie haben Reinhard und Du diese Zeit wahrgenommen? Hattet Ihr auch diese Probleme oder lief es bei Euch anders?
Bei uns lief es natürlich ähnlich. Aber da wir ja nur zwei Personen auf der Bühne waren, wurden wir auch immer mal wieder eingekauft, denn das konnten die Veranstalter gerade noch bezahlen. In der DDR wurden ja fast immer Festgagen gezahlt, von denen die meisten Musiker auch recht gut leben konnten. Wir kriegten also durchaus mit, dass es einen Publikumsschwund gab. Aber wir haben dann dank Werner Karma auch in unseren Texten auf diese Zeit reagiert, so dass bis etwa 1994/95 die Leute immer noch in unsere Konzerte kamen. Zwar waren es nicht mehr so viele Auftritte wie vor 1989, aber es ging noch. Andere Bands erwischte es viel schlimmer. Im Jahre 1993 kam sogar noch eine neue Platte von uns raus.

Daran schließt sich auch gleich meine nächste Frage an. Das Album von 1993 heißt "Traumtänzer". Das waren nun natürlich gänzlich andere Verhältnisse und Voraussetzungen, denn die Platte erschien erstmals im gesamtdeutschen Raum und noch dazu auf einem anderen Label. Was waren für Euch die größten Unterschiede zu früher und unter welchen Umständen ist dieses Album damals entstanden?
Die Firma hieß und heißt ja auch immer noch Buschfunk. Dahinter stecken Leute aus der DDR, die nach der Wende die Firma Buschfunk gegründet haben und überwiegend ehemalige DDR-Bands und Musiker produziert haben und diese Produktionen auch vorfinanzierten. So war es 1993 auch bei uns. Es gab von der STERN-COMBO MEISSEN am Rand von Berlin, in Wilhelmshagen, ein privates Studio, wo dann die Platte produziert wurde. Dort konnte man toll arbeiten. Auch diesmal war wieder Henning Schmiedt mit im Studio, zusammen mit einigen anderen Musikern.010 20190903 1026932110 Dazu kamen noch so renommierte Leute wie Uwe Hassbecker, Heiner Witte von ENGERLING an der Gitarre, der wunderbare Volker Schlott am Saxophon und nicht zu vergessen Ferry Grott mit seiner Trompete sowie der Posaunist Frank Hultzsch. Und natürlich saß auch hier wieder Peter Michailow an den Drums. Das war eine sagenhaft gute Truppe und ein tolles Arbeiten. Hat Spaß gemacht.

Auf der "Traumtänzer"-Platte ist als Bassist noch Martin Lillich vermerkt. Kannst Du uns über den kurz etwas erzählen?
Martin Lillich ist ein hervorragender Bassist, der über Henning Schmiedt zu den Aufnahmen dazu kam. Das war schon ein echter Westberliner Musiker, der gut zu uns passte. Es war alles in allem eine wirklich großartige Besetzung.

Nun war es bei AMIGA so, dass die Platte in die Läden kam und die Leute haben es gekauft. Gesamtdeutsch stellte sich das ja etwas anders dar. Da müssen die Platten zunächst einmal kräftig beworben werden, ehe die Leute sie vielleicht kaufen. Wie lief denn der Verkauf der "Traumtänzer"-Platte?
Die verkaufte sich natürlich etwas schwieriger. Wir befanden uns noch in der Nachwendezeit und die DDR-Bürger wollten natürlich immer noch die Musik kaufen, die sie vorher vielleicht mal im Radio hören, aber niemals erwerben konnten. Dadurch gingen unsere Verkaufszahlen logischerweise deutlich zurück. Aber immerhin wurden von unserem Album wohl so viele verkauft, dass die Investitionen wieder rein kamen.

1995 habt Ihr die Arbeit dann ruhen lassen, aber aufgelöst wurde die PENSION VOLKMANN offiziell nie.
Das ist richtig, aufgelöst haben wir uns nie.

Wie haben Du und Reini denn die lange Pause genutzt? Es müssen ja immerhin sechs, sieben Jahre gewesen sein. Hast Du Dir eine andere Beschäftigung oder einen Job gesucht?
Ich habe eine andere Band gegründet, die nannte sich BUTSCHKE e.V., was für "ehemals Volkmann" stehen sollte. Es gab da nämlich eine Sache, über die ich ungern rede. Reini war Alkoholiker und es lief nicht mehr rund zwischen uns. Es war einfach zu schwer für mich, mit ihm weiterzuspielen. Ich musste wirklich die Reißleine ziehen, sonst wäre ich auch noch abgestürzt. Das war eine ganz traurige und schwierige Zeit für uns alle. Reini machte dann zwar weiter und spielte bei Barbara Thalheim, die sich dann aber auch bald aufgrund seiner Krankheit wieder von ihm trennte. Werner Karma trauerte natürlich unseren alten Zeiten nach und fragte mich immer mal, ob ich es nicht wieder mit Reini versuchen möchte. Anfangs lehnte ich das ab, weil ich wusste, bei Reini hatte sich nichts geändert. Nach einer gewissen Zeit hörte ich dann von Reinis Versuchen, vom Alkohol wegzukommen und wir probierten es tatsächlich noch mal miteinander. Um das Jahr 2000 herum schrieben wir sogar wieder neue Songs, natürlich mit Texten von Werner Karma. Bis 2006 lief es dann auch relativ gut, aber dann kam leider diese schlimme Krankheit Krebs ins Spiel.

011 20190903 1329658143Wie machte sich das bemerkbar?
Reini hatte am Hals eine große Beule, die er anfangs durch das Tragen eines Tuches zu kaschieren versuchte. Seine damalige Lebenspartnerin bestand dann aber darauf, die Sache zu klären und im Ergebnis dessen stellten die Ärzte dann die Diagnose Krebs. Wir spielten aber trotzdem während seiner beginnenden Behandlung vereinzelt weiter. Unser letztes Konzert fand im November 2006 auf einer kleinen Bühne in Pankow statt.

Auf einem Videoportal gibt es einen Clip, da sieht man Dich und Reini das Lied "Kinder machen" spielen. Darunter findet sich der Hinweis, das sei die letzte Aufnahme mit Reini vor seinem Tod gewesen. Ihr habt also wirklich bis zuletzt noch gespielt und Songs geschrieben?
Richtig. Werner hatte seinerzeit einen Kontakt zu Matthias Schramm, dem ersten SILLY-Bassisten, hergestellt. Wir wollten mit Matthias als Produzenten eine neue Platte aufnehmen. Wir hatten sogar schon begonnen, im Studio neue Lieder einzuspielen und eines davon war "Kinder machen", das Du als Video gesehen hast. Doppelt tragisch an der Geschichte war ja, Reini verstarb im Februar 2007 und Matthias Schramm starb ein halbes Jahr später. Das war ein ziemliches herbes Jahr für mich.

Das glaube ich Dir. Wenn man nun innerhalb so kurzer Jahr gleich zwei liebe Menschen durch Krankheit verliert, ist es natürlich furchtbar schwer, wieder aufzustehen. Wie hast Du es denn geschafft und vor allem wann hast Du es geschafft Dir zu sagen, "Ich mache jetzt weiter und stehe wieder auf"?
Als Reini noch lebte, hatte ich eigentlich vor, noch einen Gitarristen dazu zu holen und die Band aufzustocken, damit wir auch mal etwas zu dritt machen können. Ich hatte nämlich einen ganz jungen Gitarristen kennengelernt, und zwar war das Jan Haasler. Von Jan wusste ich nur, dass er die PENSION VOLKMANN-Lieder mag. Ich hörte ihn dann zum ersten Mal auf einer Familienfeier spielen, wo er unter anderem das Stück von Bach vortrug, welches auch auf meiner aktuellen Instrumental-CD drauf ist. Damals spielte er die Nummer auf einer E-Gitarre, was zwar ungewöhnlich, aber sehr interessant und beeindruckend war. Natürlich habe ich ihn umgehend belatschert, etwas mit mir zusammen zu machen, was Jan toll fand. Durch diesen glücklichen Umstand, Jan kennengelernt zu haben, ging es also für mich nach Reinis Tod fast nahtlos weiter. Wir studierten zuerst ein paar Sachen der PENSION VOLKMANN ein, haben aber auch neue Titel gespielt. Nun wollte ich aber nicht wieder nur zu zweit spielen, sondern mit einer richtigen Band, weshalb ich noch ein paar Musiker dazu holte. Einer davon war Micha Herrmann am Bass, der später dann getauscht wurde gegen Jens-Peter Kruse.

Du hast Dich also entschieden weiterzumachen, aber Du hast auf den Namensteil "PENSION" verzichtet und nanntest die Band nur noch VOLKMANN. Hatte das den Grund, dass Reini nicht mehr dabei war?
Reini, Werner und ich hatten irgendwann mal festgelegt, wenn einer von uns dreien geht, warum auch immer, dann wird es die PENSION VOLKMANN nicht mehr geben. Das war wirklich so abgesprochen. Da Reini ging, hatte ich also den Namen nicht mehr zu tragen. Um aber irgendwie daran anzuknüpfen, war mit Werner vereinbart, dass ich mich wenigstens weiter als VOLKMANN bezeichnen kann.

013 20190903 1687438710Ein weiteres Mal konntest oder musstest Du ja dann feststellen, dass eine CD-Produktion völlig anders abläuft als die vorherigen, nämlich mit anderen Musikern, anderen Voraussetzungen. Ich rede von der 2012 erschienenen CD "Dreh mich um". Wie entstand die Scheibe und hattest Du das Gefühl, Reini war in irgendeiner Form doch noch mit im Studio?
Natürlich war er immer irgendwie dabei und präsent. Alle kannten Reini, auch Jan Haasler wusste, was Reini für ein guter Gitarrist war. Insofern war er schon bei uns. Es gibt auf der CD übrigens auch einen Titel, der heißt "Mischwald", denn das war Reinis Spitzname. Er hatte mal etwas mit einer Sängerin zusammen gemacht, die Bürkholz hieß, während Reini ja den Namen Buchholz trug. Seitdem wurde Reini innerhalb der Szene nur noch Mischwald genannt. Mit diesem Titel wollten wir eben an Reini erinnern. Die gesamte Produktion der CD lief diesmal übrigens um einiges ruhiger ab, weil wir uns überhaupt keinen Kopf um finanzielle Mittel oder solche Dinge machten. Wir hatten einen Haufen Ideen und wir hatten Jens-Peter Kruse den Ersten, Spitzname El-Aleman, der wiederum zusammen mit Karsten Troyke zusammen ein kleines Studio hatte. El-Aleman war schon immer ein Fan der PENSION VOLKMANN und bot uns an, in seinem Studio zu produzieren. Wir spielten dann dort also die Titel ein, ich kümmerte mich nebenher noch darum, dass ein paar Finanzen reinkamen und so entstand diese CD. Das Schöne war eben, wir hatten keinen Druck, wir konnten uns alle Zeit der Welt lassen, das war schon recht angenehm.

Du sprichst von Jens-Peter Kruse dem Ersten, und zwar deshalb, weil es diesen Namen gleich zweimal in der Band gibt. Wie schafft man es, gleich zwei Jens-Peter Kruses zu finden, die Musiker sind, aus der gleichen Stadt kommen und dann noch in der eigenen Band mitwirken wollen?
Ja, das ist eigentlich unglaublich. Also das war so. Jens-Peter Kruse der Erste, El-Aleman, kriegte eines Tages versehentlich Kontoauszüge von der Sparkasse zugeschickt, die nicht ihm gehörten, sondern Jens-Peter Kruse dem Zweiten, El-Basso genannt. So lernten diese beiden sich kennen. El-Aleman hat El-Basso dann gleich an uns weitergereicht, weil wir gerade einen neuen Bassisten suchten. Kurioserweise war auch Jens-Peter Kruse der Zweite schon zu DDR-Zeiten Fan der PENSION VOLKMANN. Es passte alles so gut zusammen, das war der pure Wahnsinn. Das Pech, was ich zuvor alles erleiden musste, wurde dadurch wieder einigermaßen wettgemacht.

Mit einem der beiden Kruses, nämlich mit El-Aleman, trittst Du ja auch außerhalb der VOLKMANN-Sache live auf. Wenn nämlich EL-ALEMAN Y AMIGOS auftreten, bist Du als Spezialgast dabei. Gibt es da dann auch PENSION VOLKMANN-Klassiker zu hören?
Na klar. Den ersten Konzertteil bestreitet immer Jens mit seinen spanischen Sachen, die auch fast ausschließlich Eigenkompositionen sind. Nach der Pause komme ich mit dazu und dann spielen wir beide Songs von VOLKMANN und der PENSION VOLKMANN. Höchstens während der Zugaben kommt dann auch mal eine Nummer von unserer Gitarren-CD.

Wann hast Du denn die Malerei für Dich entdeckt? Die Cover Deiner letzten beiden Platten fallen nämlich äußerst positiv durch die von Dir gemalten Bilder auf.
Schon in meiner Kinder- und Jugendzeit habe ich sehr gerne gemalt und gezeichnet, sah das aber nie als mein Hauptprodukt an. Das änderte sich erst 2007 oder 2008. Mich interessierte immer noch, wie so ein Bilddruck entsteht. Ein paar Stifte, Pinsel und Farben besorgen und drauf los malen, das kann jeder, aber daraus einen Druck entstehen zu lassen, ist nicht ganz so einfach. Es reizte mich also sehr, diese Technik auch mal selber machen zu können. Ich war dann eines Tages zufällig auf einem Markt unterwegs und da standen Leute an einem Stand und erklärten, wie man solche Drucktechnik anfertigt. Da ich so interessiert war und von dem Stand gar nicht mehr weg wollte, sprach mich der Chef an und bot mir an, einfach mal bei ihm vorbei zu schauen.015 20190903 2000900660 Ich ging dann auch bald mal dorthin und sah, dort waren ein paar Leute versammelt, die sich mit diesen Drucken beschäftigten. Genauer gesagt, mit Radierungen. Das war also genau das, was ich schon immer mal probieren wollte. Seitdem mache ich da mit und konnte dadurch meine eigenen Plattencover selber gestalten.

Wenn man sich mit Dir unterhält, hört man unweigerlich heraus, Du kommst aus Berlin. Dabei bist Du gar kein Berliner mehr, denn Du hast der Stadt den Rücken gekehrt ...
Ganz so ist es nicht, denn nach zwanzig Minuten Autobahnfahrt bin ich wieder in Berlin. Ich lebe seit 2014 in einem Dorf in der Nähe von Oranienburg und bin darüber keineswegs unglücklich. Ganz im Gegenteil, ich bin froh, nicht mehr in Berlin zu wohnen, denn da ist es mir inzwischen viel zu hektisch, zu überlaufen, zu Ich-besoffen. Es ist einfach nicht mehr meine Stadt. Klingt herb, ist aber so. Wenn ich mal in Berlin bin, bin ich jedes Mal wieder froh, wenn ich zurück in mein Dorf komme.

Wenn man wie Du vier Dekaden lang Musik macht und vieles gesehen und miterlebt hat, mit welchem Blick schaut man denn heute auf die aktuelle Musikszene? Gerade auf die deutsche Musikszene ...
Kritisch. Das muss ja nicht immer gleich böse gemeint sein, denn man kann ja auch so kritisieren, dass am Ende auch etwas dabei herauskommt. Aber was ich selber erlebe oder in den Medien sehe und höre, das finde ich erschreckend. Mit Kunst hat das meiste davon nicht mehr viel zu tun. Es geht nur noch um das Geschäft und ums Geld, was sich ja heute durch alle Branchen zieht, nicht nur durch die Musik. Das ist eine Sache, die ich für mich ablehne. Natürlich brauche ich selber auch Geld, um leben und überleben zu können, aber das ist beileibe nicht mein Hauptanliegen.

Also wenn morgen ein Produzent zu Dir kommt und sagt: "Peter, wir machen jetzt ein lustiges Schlageralbum für den Ballermann!", dann lehnst Du das ab, egal, wie gut die finanziellen Aussichten sind?
Diesem Produzenten würde ich natürlich sagen: "Weißt Du, mit wem Du gerade sprichst? Hast Du Dir meine Musik schon mal angehört?" Oder er will eine Ulk-Scheibe machen, da würde ich sogar mitmachen. Wenn es in Richtung Verarsche ginge, oder so. Diese Szene mal zu verarschen, das wäre eine Sache, bei der ich dabei wäre.

014 20190903 1443431672Grenzen wir das Ganze doch noch mal etwas weiter ein. Eben habe ich nach der ganzen deutschen Musikszene gefragt, aber nun brechen wir es mal runter auf die ehemalige Ost-Szene, wo ja doch noch ganz viele aktiv sind. Beobachtest Du die ehemaligen Kollegen und das, was sie machen? Und wenn ja, wie findest Du das, was sie machen?
Also als Beobachter sehe ich mich nicht. Natürlich bin ich interessiert, wenn ich mitbekomme, dass z.B. Dirk Zöllner mal wieder etwas von sich hören lässt, denn ich weiß, da kommt definitiv etwas Gutes heraus. Es gibt auch noch ein paar andere, die mal gut waren und bis heute gut geblieben sind. Aber im Großen und Ganzen würde ich mich nicht als Beobachter der Szene bezeichnen. Ich habe auch keine großartigen Kontakte mehr. Klar, man spielt hin und wieder mal mit jemandem zusammen. Dirk Zöllner, um ihn noch mal zu nennen, war unter anderem bei "30 Jahre VOLKMANN" dabei.

Was liegt als Nächstes bei Dir an?
Wie schon gesagt, bin gerade dabei, eine neue CD zu machen. Sechs Songs sind schon eingespielt. Das Ganze wird aufgenommen bei El-Aleman, der teilweise auch mitspielt. Karsten Troyke wird am Ende wieder alles mastern. Aber bis dahin müssten schon noch mindestens sechs weitere Songs dazu kommen, die ich auch habe, die aber noch nicht eingespielt sind. Weiterhin will und werde ich mit beiden Jens-Peter Kruses ein paar Konzerte spielen, wobei ich mich mit Livekonzerten heutzutage eher ein bisschen bedeckt halte. Ich suche mir die Konzerte mittlerweile gezielt aus. Schließlich bin ich bereits Rentner und da darf man auch mal ein wenig kürzer treten. Ich mache in erster Linie die Sachen, die man in Ruhe machen kann, wie zum Beispiel CDs aufnehmen.

Lieber Peter, ich danke Dir für diese sehr interessante Stunde und dieses informative Gespräch.
Ich danke Dir ebenfalls, Christian.



Interview: Christian Reder
Bearbeitung: tormey, cr
Fotos: Herbert Schulze, Hector Santillan, Chris Gonz, Peter Butschke Privatarchiv
 
 
 

   
   
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