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Interview vom 4. Oktober 2018



Vor 10 Jahren wurde Thomas Godoj durch die Sendung "Deutschland sucht den Superstar" als Mann ohne Plan B bekannt. Heute, 10 Jahre danach, hat er mit "13 Pfeile" sein nunmehr neuntes Album auf den Markt gebracht, das bereits im April d.J. erschien.001 20181010 1153854866 Seit dem vergangenen Wochenende ist er mit eben diesem neunten Album auf Deutschland-Tournee. Gestartet ist er in Frankfurt, und seine Reise wird ihn bis in den kommenden Frühling durch zahlreiche deutsche Städte führen. Genau darüber, sein aktuelles Album "13 Pfeile" und einiges mehr konnte unsere Kollegin Antje mit dem Mann aus dem Ruhrpott kurz vor dem Tour-Start plaudern ...




Im Vorfeld unseres Interviews habe ich dein aktuelles Album gehört. Da dachte ich zuerst: Wow, das ist wirklich Godoj?
Ja. Ich würde sagen, das ist der neue alte Thomas Godoj. Ich mache ja schon sehr lange Musik, auch schon vor DSDS. Seit ungefähr 17 oder 18 Jahren. Durch die Casting-Sendung wurde es natürlich in eine andere Richtung gelenkt. Mit der neuen Platte komme ich quasi wieder zu meinen Wurzeln zurück.

Sozusagen Back to the Roots.
Letzten Endes habe ich mich auf die Art von Musik besonnen, die ich schon immer gern gemacht habe und auch privat höre.

002 20181010 1160069888Wie zufrieden bist du mit der Resonanz auf das Album?
Sehr zufrieden. Das was ich bis jetzt als Resonanz so mitbekommen habe, kam es sehr gut an. Die Fans wussten ja so in etwa, was auf sie zukommt. Die Medienseite, so wie du auch, war eher etwas überrascht. Bislang wird es trotzdem gut angenommen.

Besonders gefällt mir, dass du weiterhin auf Deutsch singst.
Das hab ich ja schon auch vorher gemacht, schon vor der Castingshow. In seiner eigenen Muttersprache kann man sich einfach am besten ausdrücken.

Dein Album "13 Pfeile" ist ja nun schon eine Weile auf dem Markt. Wie sieht es bezüglich Deiner Tour aus?
Am 26. Mai hatten wir ja die große Release-Party in Schwerte. Dann hatten wir über den Sommer ja einige Festival-Termine. Aktuell bereiten wir unsere Herbsttour vor. Zudem stehen noch einige Termine im Rahmen unserer "V`Stärker aus"-Tour auf dem Programm. Im Frühjahr sind nun auch schon einige Termine gebucht. Wer da Interesse hat, kann gern auf meine Homepage schauen, dort sind immer die aktuellen Termine zu finden.

003 20181010 1026501871Ich hab gesehen, du hast dir eher kleine Locations ausgesucht.
Das mache ich ja nun schon einige Jahre so. Warum fragst du das?

Mir persönlich gefallen solche Konzerte in kleinen Locations inzwischen besser, deshalb fällt mir so was ins Auge.
Damals zu DSDS-Zeiten habe ich ja zum Beispiel auch in der Berliner Wuhlheide gespielt. Allerdings war das bei einem der "Stars for free"-Konzerte. Da war ich aber auch ein Künstler von vielen. Zudem war es Halb-Playback. Da kam man sich immer ein bisschen vor wie beim Arbeitsamt. So nach dem Motto: "Der nächste bitte." Das waren größere Locations, ohne Frage, wie zum Beispiel damals auch bei "The Dome". Alleine bucht man dann eher kleinere Locations. Am Anfang waren es da auch größere Sachen, inzwischen sind wir so im 300er-Bereich. Das ist aber auch okay.

Dafür bist du jetzt individueller und kannst wirklich machen, was du willst.
Das ist auch eine Entwicklung gewesen über die letzten 10 Jahre, immer mehr in die Selbstständigkeit zu gehen. Sich halt von dieser Maschinerie zu trennen. Gewollte Trennung, kann man sagen. Dementsprechend muss dann aber auch seinen eigenen Film fahren und schauen, dass man das selber in die Hände nimmt, sich verselbstständigen. Das ist aber auch nicht immer so leicht und easy zu händeln. Denn man muss ja selbst zum Beispiel ein Plattenlabel finden usw. 2014 war es dann für mich soweit, dass alle Verträge ausgelaufen waren. Ich habe dann auch das erste Crowdfunding losgetreten.

004 20181010 1169993576Mittlerweile machen das ja auch viele Künstler.
Das ist ja auch gut so, dass es das gibt und man heute die Möglichkeiten dazu hat. Nichtsdestotrotz ist es mit viel Engagement verbunden, Willenskraft und Überzeugung. Denn nicht jeder nimmt dir das ab und schenkt dir Vertrauen zu sagen: ich beteilige mich da jetzt, erwerbe ein Wohnzimmerkonzert oder bestelle die CD vorab, damit sich das Projekt trägt, oder ich kaufe mir ganz exklusive Sachen auf dieser Plattform. Das hat mit Geben und Nehmen auch zu tun. Dementsprechend müssen die Leute vorbereitet werden, dass es das dann gibt. Das geht ja nicht von heute auf morgen. So nach dem Motto: ich habe eine gute Idee und stelle das Projekt ein. Da muss man wirklich viel Überzeugungsarbeit leisten.

Ich habe gerade in letzter Zeit häufig auch von anderen Künstlern gehört dass es ein Problem ist, mit Tonträgern noch Geld verdienen zu können. Lieber schließen die Hörer ein Abo auf einer Plattform ab, wo sie Millionen Songs zur Verfügung haben. Machen sich oft gar nicht bewusst, vielleicht auch aus Unwissenheit, was das für den einzelnen Künstler für Auswirkungen hat.
Die Sache mit den Streamingportalen, was du meinst, ist noch nicht optimal. Aber es ist die Zukunft und lässt sich nicht mehr ausradieren. Wir Menschen wollten es ja auch so. Dabei haben wir total vergessen, dass Musik darunter eventuell auch leiden könnte. Oder auch die Filmindustrie. Klar, was die Vergütung angeht, ist es noch nicht ganz ausgeklügelt. Da gibt es noch viel Luft nach oben. Aber selbst da ist Bewegung und man erkennt eine Entwicklung. Das ändert sich ja auch schon langsam. Zum Beispiel dass es mittlerweile Tantieme für einen YouTube-Chanel gibt. Langsam läuft es so, dass es mit der GEMA geklärt wird und über die GEMA durch YouTube dann Tantieme fließen. Von anderen Portalen letztendlich auch. Klar ist, dass die Plattenfirmen sich auch den Künstlern widmen sollten, was die Vergütungen angeht. Momentan gibt es halt die Internet-Portale und auf der anderen Seite die Plattenfirmen, der Künstler hängt irgendwo dazwischen und kriegt dann von den Einnahmen auch nur die Prozente, die er mit seiner Plattenfirma ausgehandelt hat. Das ist immer unterschiedlich, aber immer auch speziell. Taylor Swift kann zum Beispiel auch sagen, ich schließe die Deals jetzt direkt ab.005 20181010 1723158510 Aber sie hat auch eine entsprechende Wirkung als Künstlerin, die weltweit erfolgreich ist. Die Streamingportale hätten gar kein Interesse daran, dass sie davon weggeht. Da hat sie aber eben die Macht drüber. Da muss es weiterhin Gespräche geben seitens der Plattenfirmen und der Künstler, wenn man nicht wie ich keine Plattenfirma hat, dass die Vergütungen da ein bisschen besser werden. Selbst Bryan Adams oder Pharell Williams haben gesagt, dass das, was sie über die Streamingportale verdienen, ein Witz ist. Ich glaube, über das Jahr zwischen 3.000 und 3.500 Dollar. Nichtsdestotrotz ist das auch eine gute Werbeplattform, das darf man auch nicht vergessen. Die Vernetzung von Spotify und Co. ist recht gut. Es ist aber für den Nutzer natürlich auch sehr einfach gemacht. Man hat sein Smartphone, man hat eine App und kann Millionen Songs hören für 9,99 EUR im Monat.

Einige Künstler müssen sich ja mit dem Vorwurf herumschlangen, sie wären kommerziell geworden, wären früher besser gewesen und ähnliches. Geht es dir manchmal auch so?
Man hat natürlich für die Außenwelt einen Zenit erreicht, wenn man wie ich an so einer Sendung teilnehmen durfte. Dass danach der Erfolg, die Verkäufe und so weiter rückläufig sind, ist - glaube ich - auch eine ganz normale Entwicklung. Sich da an der Latte zu messen, was vor 10 Jahren war, ist utopisch, da weiß man auch worauf das aufgebaut ist. Ich hatte einen Vertrag mit dem Sender, hatte einen Vertrag mit einer großen Plattenfirma, die letzten Endes auch einen Vertrag mit dem Sender hatte. Das ist halt ein Schema, ein Konzept, was die fahren. Aus diesem Schema rauszukommen, ohne sich Wunden oder Verletzungen zu holen, ist nicht einfach. Man muss sich dementsprechend auch viel anhören und sich messen. Für viele Leute ist das bestimmt auch relevant, für mich ehrlich gesagt nicht. Ich bin auch ein Stück weit stolz darauf, was ich damals vor 10 Jahren erreichen konnte und durfte und was mir vor 10 Jahren gegeben wurde. Auf jeden Fall kann ich sagen, dass ich mein Hobby zum Beruf gemacht habe. Seit fünf Jahren habe ich immer alles auf eine Karte gesetzt.

006 20181010 1142860625Hut ab wer das kann, sein Hobby zum Beruf zu machen.
Aus heutiger Sicht weiß ich nicht, ob ich alles nochmal genauso machen würde. Ich habe zwei Kinder, da hat man eine ganz andere Verantwortung und kann nicht volles Risiko fahren. Ich bin froh, dass ich noch meinen Lebensunterhalt von der Musik bestreiten kann und darf.

Mich hat damals der Spruch beeindruckt: Ich habe keinen Plan B. Das war ja auch schon alles auf eine Karte gesetzt.
Ja genau. Das hat mich damals die Reporterin gefragt: "Hast du überhaupt einen Plan B?" Und ich habe geantwortet: "Nö, momentan habe ich keinen Plan B." Tja, das wurde dann als Slogan weitergeführt. Das Ende vom Lied: wenn ich das nicht geschafft hätte, dann hätte ich mir auf jeden Fall was gesucht. Ich bin von Beruf Maschinenbauzeichner. Zudem habe ich acht Semester Bauwesen studiert. Zwar nicht zu Ende gebracht, aber ich denke, etwas hätte sich ergeben. Aber auf die Musikwelt bezogen, nein, da hatte ich keinen Plan B.

Ich würde gerne nochmal auf die anstehenden Tournee zu sprechen kommen. Kannst du dazu schon was verraten?
Also ich bereite zur Zeit eine Setliste vor, damit sich meine Musiker entsprechend vorbereiten können. Auf jeden Fall wird sie aus deutschen Stücken bestehen. Das steht fest. Auch einige ältere Stücke werden dabei sein. Der Fokus ist aber auf dem aktuellen Studio-Album "13 Pfeile". Davon werden wir einiges spielen.

007 20181010 1408876723Hast du außer den anstehenden Tour-Terminen schon Pläne für das nächste Jahr?
Wir haben ja am Tag der Release-Party am 25. Mai das Konzert für eine Live-DVD aufzeichnen lassen. Das wollte ich eigentlich Ende diesen Jahres veröffentlichen, aber das hat sich nun etwas verzögert und wird im nächsten Jahr erscheinen. Ich denke so im März. Damit habe ich erstmals genug Arbeit. Das alles in die richtigen Bahnen zu lenken ist nicht gerade ohne.

Beim Hören deines Album ist mir aufgefallen, dass du politischer geworden bist. Gerade "Keine Option" ist doch sehr deutlich.
Ja, das ist ja auch erlaubt und sogar notwendig, Stellung zu beziehen. Wenn man als Musiker oder Künstler die Möglichkeit dazu hat, sollte man auf jeden Fall klarstellen, auf welcher Seite man überhaupt steht und welche Meinung man vertritt. Ich finde das, was gerade in unserem Land los ist, nicht richtig. Ich bin weder links, noch rechts, noch Mitte - ich bin dafür, dass alles friedlich bleibt. Das ist auch die Message, die ich mit dem Song nach außen tragen möchte. Ich möchte mit so einem Song auch auf keinen Zug aufspringen. Was zur Zeit los ist, geht für mich einfach nicht klar und dazu wollte ich auch Stellung beziehen.

"Gladiatoren" klingt nach Abrechnung?
Nein, eine Abrechnung ist es jetzt nicht.

Kritischer Rückblick, kann man es so sagen?
Ich sage in dem Song, wie es ist. Wenn man mir in Interviews nicht zuhört oder es anders dargestellt wird, muss ich es eben in einem Song tun. Aber schön, dass du mich darauf ansprichst und es dir somit klargeworden ist.

008 20181010 1073320524Wie ich schon gesagt habe, habe ich mir die Platte auch in Vorbereitung auf unser Interview gehört. Es ist auch eine Frage der Höflichkeit finde ich, sich da ein wenig zu präparieren.
Das machen andere auch. Aber entweder haben sie es falsch verstanden oder falsch interpretiert. Deshalb habe ich gesagt: Okay, so ein Thema kannst du ja auch besingen.

Dein Album umfasst ja 18 Songs. Das sind ja ziemlich viele, im Gegensatz zu anderen Platten.
Es sind 13 neue Titel. Zwei sind Features, "Keine Option" zum Beispiel mit den Ruhrpott Rebellen. "Auf die Freiheit" ist mit meinem damaligen Gitarristen René Lipps. Das ist auch ein Song, der sehr politisch ist und letzten Endes auch global zu betrachten ist. Das, was gerade im Mittelmeer-Raum abgeht, vor der libyschen Küste, ist unfassbar. Dass helfende Hände letztendlich vor Gericht stehen und sich dafür verantworten müssen, warum und wie sie geholfen haben, ist für mich auch so ein Absurdum. Geht für mich überhaupt nicht klar. Wenn wir auf der Autobahn einen Unfall bauen und da keine Hilfestellung leisten, dazu ist man ja verpflichtet, und das Opfer stirbt vielleicht und man muss dafür vor Gericht, so eine Tat geht für mich auch nicht klar. Wenn Menschen aus anderen Ländern im Mittelmeer ertrinken und man eilt ihnen zu Hilfe, ist das eine Straftat - da kriege ich Gänsehaut und auch Aggressionen. Deshalb habe ich mich mit diesem Thema auch auseinander gesetzt. Um mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, habe ich zusammen mit Julia Scheibe diesen Song geschrieben. Dabei ist was tolles rumgekommen, wie ich finde. Unterstützt wurde das auch durch René Lipps. Ich habe ihn gefragt, wie er den Song findest und ob er mich unterstützen möchte.

In einem älteren Interview, das du unserem Magazin gegeben hast, ist mir eine Antwort besonders aufgefallen. Du hast gesagt, dass du dich weder als Pole noch als Deutscher fühlst, sondern als Bewohner der Erde siehst.
Ja, ein Erdling. Was Grenzen angeht, das ist von Menschenhand erdacht und erschaffen. Für mich gib es das gar nicht. Wem gehört die Welt? Wenn wir darüber mal philosophieren dürfen. Wem gehört sie denn? Uns bestimmt nicht. Erstens gehen wir Menschen mit dem Planeten und mit der Natur nicht wirklich bedacht vor.009 20181010 1495509161 Wer sich mit Politik und Klimawandel einigermaßen auseinandersetzt und sich auskennt, wird feststellen, dass wir Menschen da einiges falsch machen und nicht verstehen, was die Natur bedeutet. Dass wir nur durch großes Glück und durch Zufall auf diesem Planeten sind und uns hier gar nichts gehört. Wahrscheinlich müssen wir damit genauso umgehen wie mit Spotify: man muss es hinnehmen.

Es gibt ja einen berühmten Sänger der gesungen hat "Kinder an die Macht" - Ich finde da ist zumindest in Ansätzen auf jeden Fall etwas dran.
Kinderaugen sind schon etwas Besonderes. Sie träumen ja auch sehr viel. Sie sind nicht so verbohrt wie erwachsene Menschen.

Haben dich deine Kinder da verändert?
Definitiv, man hat ja jeden Tag Angst um seine Kinder. Besonders wenn man die politische Situation sieht. Die ist nicht gerade schön. Dass die AfD zur zweitstärksten Kraft gewählt wurde, finde ich beängstigend. Das teilweise ja auch aus Protest. Da frage ich mich: wovor haben die Leute Angst?

Möchtest du zum Abschluss unseren Lesern etwas auf den Weg mitgeben?
Ja, geht mehr auf Konzerte!



Interview: Antje Brandt
Bearbeitung: tormey, cr
Fotos: Pressematerial (u.a. Julia Scheibeck), Deutsche Mugge Archiv







   
   
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