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Interview vom 01. Mai 2018



Die Frage, ob von den heute aktiven jungen Musikern noch jemand diese Ausdauer haben wird, fast ein ganzes Leben lang dem Beruf des Musikanten nachzugehen, wird heuer oft gestellt. Was wird aus den Biebers, Bergs, Connors und Bendzkos in 10 oder 20 Jahren sein? Kennt sie dann noch jemand? Werden sie dann noch als Musiker arbeiten?001 20180504 1203340983 Ob man sich diese Fragen in den 60ern und 70ern auch schon gestellt hat, kann an dieser Stelle nicht gesagt werden. Aber in einem Teil unseres Landes war es so vorgesehen, dass man den erlernten Beruf auch bis zum Ruhestand ausüben konnte. Schließlich hatten fast alle Musiker in der ehemaligen DDR ein abgeschlossenes Studium und ihr Handwerk von klein auf erlernt. Unter den Rockgruppen fand ein reger Austausch statt. Verschiedene Musiker wechselten die Bands und manch einer machte sich nach einer längeren Reise durch die Rocklandschaft auch selbstständig. Einer dieser Musiker ist Hans "die Geige" Wintoch, der in diesem Jahr sein 45-jähriges Bühnenjubiläum feiert. Schubert Formation, Magdeburg und LIFT hießen einige der Stationen, in denen er mit Geige und Tasteninstrumenten Spuren hinterlassen hat. Seit über 30 Jahren ist er auch als Solist aktiv und erfolgreich. Hans hatte die Ausdauer - zumindest bis hierher - seinem Beruf nachzugehen. Bis zur Rente hat er noch reichlich Zeit und auch diese wird er sicher mit seiner Berufung füllen. Am 20. Mai 2018 wird Wintoch diese beachtliche Zahl auch entsprechend feiern. Im Kesselhaus der Kulturbrauerei wird er das mit einem Konzert und zahlreichen Gästen vor und auf der Bühne tun. Dabei wird nicht nur der Blick zurück, sondern insbesondere auch nach vorn geworfen. Der Countdown bis zum großen Tag läuft und Deutsche Mugge hatte knapp drei Wochen davor die Gelegenheit, mit Hans über dieses besondere Konzert und viele andere Dinge, die in unserem großen Interview aus dem Jahre 2009 noch nicht Thema waren, zu plaudern ...




Hans, 45 Jahre auf der Bühne und nächstes Jahr 65 Jahre auf der Welt. Eine ereignisreiche Zeit für Dich, was?
So genau hab ich darüber noch gar nicht nachgedacht. Stimmt (lacht).

002 20180504 1846018537Du bist als Musiker ja bereits länger als 45 Jahre aktiv. Nur zählst Du die Zeit Deiner Jugend nicht dazu, oder?
Na ja, das ist wirklich nur die Zeit, seit ich meinen Berufsausweis in der Tasche habe. Also die sogenannte Pappe. Bekommen habe ich den Ausweis und somit den Status als Berufsmusiker 1973, was bis zum Jahr 2018 rein rechnerisch genau 45 Jahre sind, die ich als Profi arbeite. Auf der Bühne stand ich natürlich schon viel früher. Zum ersten Mal während meiner Zeit in der Musikschule, da muss ich in der 4. oder 5. Klasse gewesen sein. Aber das war für mich nicht unbedingt ein so wichtiges oder bleibendes Ereignis. Geige spiele ich aber schon seit 1960.

Eigentlich könnten wir uns ab jetzt jedes weitere Interview mit Dir sparen, denn es wird jede offene Frage über Dich in einer wunderbaren Zeitschrift mit dem Titel "Das alles bin ich" beantwortet, die man pünktlich zu Deinem 45-jährigen Dienstjubiläum kaufen kann. Wer kam auf die Idee zu diesem Heft und wer hat alle diese Informationen und Texte zusammengetragen?
Ja, das ist eine ganz tolle Geschichte. Meine Frau hat pausenlos nachts gearbeitet. Ich fragte sie immer wieder, was sie denn da nur immerzu machen muss. Sie meinte, ihr Chef verlangt im Moment so viel, der hätte ziemlich hohe Ansprüche und sie müsse deshalb eben mal etwas länger und mehr arbeiten. So allmählich bekam ich deshalb schon echte Wut auf ihren Chef. In Wahrheit hat sie aber nachts diese Zeitschrift entworfen, hat die ganzen Interviews eingeholt, die Glückwünsche gesammelt usw. Selbst wenn wir zusammen auf Muggen gefahren sind, hat sie immer wieder im Auto telefoniert und oftmals gesagt: "Ich kann jetzt darüber nicht reden, der sitzt doch gerade neben mir". Da wurde ich so manches Mal stutzig, konnte mir aber echt nicht erklären, was da abging. Und zu Weihnachten erhielt ich dann als Geschenk diese wunderbare Zeitung. Ich muss sagen, da habe ich vor meiner Frau wirklich den Hut gezogen, denn solche Sachen haben ja nun überhaupt nichts mit ihrer beruflichen Qualifikation zu tun. Umso mehr finde ich, dass sie diese Zeitschrift richtig professionell, mit ganzem Herzen und sehr viel Liebe gestaltet hat. Gewundert habe ich mich vor allem, wie sie es geschafft hat, an Gregor Gysi ranzukommen und dass der überhaupt darauf eingegangen ist. Sie hat Gysi halt erklärt, dass er mal der Anwalt meiner Ex-Frau war. Und so hat sie das alles gesammelt und zusammengebracht, davor kann ich wirklich nur den Hut ziehen.

003 20180504 1041062820Ich habe absichtlich Zeitschrift gesagt, weil es ja kein Buch oder Jubiläumsheft im eigentlichen Sinne ist, denn es ist tatsächlich aufgebaut wie eine Ausgabe des "Stern" oder des "Spiegel". Geht man bei einem solchen Werk, welches ja nun in Umlauf gebracht werden soll, nicht mit geschwellter Brust durch die Gegend?
Das habe ich eigentlich noch nie gemacht. In meinem Innern bin ich natürlich unglaublich stolz darauf, aber nach außen trage ich das nicht unbedingt. Es sei denn, es fragen mich solche Fans, die mir und meinem Schaffen schon jahrelang treu sind, nach meinen Empfindungen darüber, da kann ich dann schon mal zugeben, wie stolz ich darauf bin. Aber wie gesagt, äußerlich wird man mir solche Dinge nicht anmerken. Auf jeden Fall gibt mir so etwas viel Kraft für die nächsten Schritte, die vor mir liegen.

Ich finde es durchaus beeindruckend, was in dieser Zeitschrift alles drin steht. Wenn man auf diese Art und Weise seine eigene Karriere reflektieren kann, ist das doch eine schöne Sache.
Ja klar, ich habe mich auch wahnsinnig darüber gefreut. Als ich mein Weihnachtsgeschenk auspackte, bekam ich richtige Gänsehaut, als ich sah, was es war.

Wo und wie kann man diese Zeitschrift bekommen?
Das werden wir bei Veranstaltungen immer dabei haben. Man kann also künftig am Merchandise nicht nur CDs kaufen, sondern auch diese Zeitschrift.

Im Rockgeiger-ABC hast Du unter dem Buchstaben "D" Deine Frau Dani beim Namen genannt und sagst, dass Du heute ohne sie nicht mehr wärst. Das sind ziemlich große Worte. Wie meinst Du das?
Das ist ganz einfach. Kurz bevor ich Dani kennenlernte, habe ich mit dem Rauchen aufgehört. Ich habe kaum noch Luft gekriegt, es war richtig schlimm. Das war ja eigentlich ein guter Schritt in die richtige Richtung. Aber dann bemerkte ich, dass sie nicht wirklich glücklich darüber war, wenn ich laufend Schnaps trank. Sie hat nie gemeckert oder gezetert deshalb, aber sie hat immer öfter sehr unglücklich geguckt.004 20180504 1395275363 Eines Tages sagte sie plötzlich zu mir: "Ich wollte Dich eigentlich noch ein bisschen länger haben". Ich fragte, wie sie das meint, worauf sie mir antwortete: "Hast Du mal mitgezählt, was Du so am Tag wegtrinkst?" Daraufhin habe ich genau das mal gemacht, also mitgezählt, und war selber ein bisschen erschrocken. Ich dachte mir, sie hat ja Recht und ich stellte mir selber die Frage, ob ich jetzt schon ins Gras beißen will. Damit niemand etwas merkt, bin ich mit Dani für fünf Tage nach London geflogen und habe dort von heute auf morgen mit dem Trinken aufgehört. Hätte ich das nicht gemacht, würde ich heute wahrscheinlich nicht mehr leben. So ist meine Aussage zu verstehen. Ich sah ja schon links und rechts von mir einige Leute weggehen, bei denen es hundertprozentig am Lebenswandel, speziell am Alkohol, lag. Und ich bin mir sicher, mir wäre es genauso ergangen, wenn ich sie nicht kennengelernt hätte. Das weiß sie, das habe ich ihr auch mal als Kompliment gesagt. Diese ganze Geschichte hat ja auch noch andere Effekte. Erstens bin ich eben noch am Leben und zweitens hat sie mich als Person ganz anders wiederaufgebaut. Die Werbung für mich läuft jetzt wesentlich professioneller und nicht zuletzt hat sich mittlerweile dadurch auch mein Honorar deutlich verbessert. All das habe ich ihr zu verdanken.

Du bist ja ein Mann der ehrlichen Worte, das ist bekannt. Würdest Du sagen, dass dieser Alkoholismus, von dem Du gerade sprachst, die schwerste Krise Deines Lebens war? Und hat man überhaupt Einfluss darauf, möglichst gar nicht erst in einen solchen Sog zu geraten?
Dieser Begriff Alkoholismus war schon richtig, denn genau in diesem Sumpf habe ich gesteckt. Falls irgendjemand mal über so etwas nachdenkt, dem kann ich sagen, man braucht eine Riesenportion Sturheit, eine ebensolche Riesenportion Charakter und Selbstkritik. Man muss in der Lage sein, mit sich selber ehrlich umzugehen. Dann schafft man das und braucht nicht unbedingt clean sein oder sonst was machen. Wenn ich mal auf einer Geburtstagsfeier bin und es dort ein Glas guten Whisky gibt, dann trinke ich den natürlich. Auch mein schwarzes Guinness-Bier, was ich über alles liebe, das trinke ich, na klar. Aber man muss wissen, wie viel man trinkt und sich selbst in die Schranken weisen können. Dazu muss man, wie eben schon sagte, ganz selbstkritisch und hart zu sich selber sein, dann hast Du auch keine Probleme.

005 20180504 1033212452Meinst Du, dass dieser Weg aus der Sucht, vor allem aber der erfolgreiche Weg zurück in ein geordnetes Leben, Dein bisher größter Hit ist?
Ja, auf jeden Fall. Deshalb gibt es auch das Lied "An seiner Seite". Zwischen den Zeilen hört man auch, wem ich all das zu verdanken habe.

Du erzählst in dem gleichen Artikel auch von ca. 4.200 Konzerten, die Du bisher gespielt hast. Weißt Du denn noch, welches Dein allererstes Konzert war, sowohl als kleiner Steppke als auch als frischgebackener Profimusiker?
Ja, ich denke schon. In meiner Heimatstadt Sangerhausen war ich an irgendeinem Feiertag in der Lokalität "Zum Fass". Dort spielte an dem Tag eine Band namens CLUB 69. Die hießen so, weil sie sich 1969 gegründet hatten. Die spielten u.a. Songs von DEEP PURPLE und FRUMPY. Wie es nun genauso kam, wie es kam, weiß ich nicht mehr, aber diese Jungs meinten, ihr Keyboarder muss zur Armee und fragten mich, ob ich nicht Lust hätte, bei ihnen einzusteigen. Ja, ich hatte Lust und nachdem wir ein bisschen geprobt hatten und ein paar Sachen improvisierten, gehörte ich dazu und stand kurz darauf das erste Mal auf der Bühne. Das muss 1970 gewesen sein. Damit ging auch gleichzeitig mein größter Wunsch in Erfüllung. Ich hatte mir immer zum Ziel gesetzt, auf der Musikhochschule schön aufzupassen, all das einzuatmen, was ich von Bach, Mozart usw. lernen kann und es dann umzusetzen und für die Rockmusik zu nutzen.

Also hattest Du Deinen allerersten Auftritt mit CLUB 69?
Na ja, ich hatte vorher durchaus schon ein paar andere Auftritte, aber CLUB 69 war die erste ernstzunehmende Rockband, mit der ich zu tun hatte.

006 20180504 2008339422Und weißt Du auch noch etwas über Deinen ersten Auftritt als Profi?
Lass mich überlegen ... Ich meldete mich an der Hochschule in Halle/Saale an und meine erste Band hieß da RAPUNZEL. Da haben übrigens auch Peter Rasym und Udo Weidemüller, der Ex-Mann von Angelika Mann, mitgespielt. Die anderen beiden Mitspieler sind nicht so bekannt.

Gerade sag ich noch, man braucht jetzt wegen das von Dani entworfenen Magazins kein Interview mehr zu machen und schon sind wir mitten drin. Es gibt trotzdem noch eine Menge über Dich zu erzählen. Vielleicht auch darüber, was die große Sause am 20. Mai in Berlin bringen wird. Wie lange hast Du diesen Tag geplant und was wird den Besucher letztlich dort erwarten, wenn er mit Dir im "Kesselhaus" feiern kommt?
Die Arbeit daran hat fast ein ganzes Jahr in Anspruch genommen. Zum 35-jährigen Jubiläum brauchte ich schon ein halbes Jahr Vorbereitung, zum 40-jährigen hatten wir eine Tournee mit drei Bands und jetzt zum 45-jährigen war absehbar, dass es auch wieder ein Haufen Arbeit werden würde, deshalb haben wir schon etwas eher mit den Vorbereitungen begonnen. Zumal mein großer Wunsch war, Dirk Zöllner dabei zu haben, den ich wahnsinnig gut finde. Entstanden ist das, als wir kürzlich mal in der Nähe von Eisenhüttenstadt zusammen gespielt haben. Da war ich so begeistert, dass ich mir überlegte, die Zöllner Band könnte doch eigentlich auch meine Bühnenband zu meinem 45-jährigen Jubiläumskonzert werden. Die Jungs werden an dem Abend des 20. Mai meine Titel spielen, an denen sie auch schon fleißig üben. Gleichzeitig spiele ich bei einigen ihrer eigenen Songs mit. Aber das ist noch nicht alles. Das Motto zur Auswahl meiner Gäste lautet ja "Mit wem habe ich in der Vergangenheit etwas produziert". Deshalb wird auch Quaster dabei sein, auf dessen Solo-LP zu DDR-Zeiten ich mitgewirkt habe und mit dem ich an dem Abend zwei Stücke spielen werde. Auch mein Zahnarzt wird dabei sein, für den ich früher schon etwas produziert habe. Der hat übrigens selber eine Band, in der auch Stefan Schirrmacher mitmacht, der heute Gitarrist bei Frank Schöbel ist. Der Produzent meiner aktuellen CD, André Kuntze, wird Keyboard spielen und wir können bei der Gelegenheit wieder mal Schuberts "Ave Maria" spielen. Irgendwie passt das alles wunderbar zusammen. Und eine Sache darf auf keinen Fall fehlen - ich werde nämlich auf fast jedem Konzert darauf angesprochen und es nervt mich manchmal regelrecht: "Am Fenster". Ich habe diese Nummer mal vor zig Jahren gespielt, als NO55 entstand und dadurch Joro Gogow nicht mehr bei CITY war. Ich habe danach auch mal die Weihnachtstournee mit CITY gespielt, wo Gogow auch nicht dabei war. Das war es aber auch schon. Seitdem habe ich für mich entschieden, "Am Fenster" spiele ich nur noch, wenn auch CITY mit auf der Bühne stehen. Also habe ich für den 20. Mai sowohl Joro als auch Toni Krahl eingeladen. Wir werden ein kleines Medley spielen und zum Abschluss dann natürlich "Am Fenster", wobei Joro und ich uns ein kleines Geigenduell liefern werden.

007 20180504 2042133455Du hast also zu jedem Gast, der mit Dir auf der Bühne stehen wird, einen direkten Bezug.
So ist es. Es ging mir nicht darum, mit der Nominierung dieser Gäste Publikum anzuziehen. Das passiert von ganz allein. Der Grund für die Auswahl meiner Gäste, egal um welches Jubiläum es ging, unterlag immer einem Motto. Und diesmal geht es eben um Menschen, mit denen ich schon mal etwas zusammen produziert habe.

Nach vielen Jahren wirst Du selber auch wieder Teil einer Band sein, nämlich in der Band von Klaus Scharfschwerdt, die sich NEULAND nennt. Wie bist Du dazu gekommen?
Das ist eine niedliche Geschichte. Vorab sei gesagt, dass ich schon immer mit einem Auge zu Klaus Scharfschwerdt geschaut habe. Ich finde seine Art zu trommeln einfach geil. Aber ich habe nie etwas zu ihm gesagt, denn mir war klar, der macht sein Ding mit den PUHDYS, den brauche ich gar nicht erst anquatschen. Nun haben sich die PUHDYS ja inzwischen aufgelöst. Und irgendwie hatte ich das Gefühl, der Klaus macht nicht einfach weiter und spielt Musik im PUHDYS-Stil, sondern der will irgendetwas anderes, neues machen. Vielleicht sucht BAP ja einen neuen Trommler und er fängt bei BAP an, das waren so meine Gedanken. Im letzten Herbst waren wir dann bei Harry Jeske zum Geburtstag eingeladen. Plötzlich steht Klaus Scharfschwerdt vor mir und fragt mich, ob ich nur auf meine bisherige Musik festgelegt sei oder ob ich auch aufgeschlossen wäre für etwas anderes. Ich bekundete mein Interesse, woraufhin wir uns dann trafen, er mir seine ersten zwei neuen Lieder vorspielte und ich danach sofort wusste, ich mache mit. Seit November proben wir nun schon zusammen. Anfangs ging es noch darum, wie wir es besetzungstechnisch gestalten würden. Außer mir und Klaus war bis dahin nur ein Gitarrist dabei. Inspirierend für Klaus ist beispielsweise die kanadische Band RUSH, was mich sehr fasziniert hat, genauso wie die ersten Titel, die mittlerweile erarbeitet wurden. Trotzdem fehlte uns noch ein Baustein in der Band. Klaus meinte, möglicherweise könnten wir eine Posaune oder ein Cello einbauen. Ich versprach daraufhin, mich um einen Cellisten zu kümmern. Der Bassist meiner Band wiederum konnte mir weiterhelfen und vermittelte tatsächlich jemanden, und zwar eine Cellistin namens Sylvia Eulitz. Damit hatten wir unsere Besetzung gefunden, die nun also aus Cello, Geige, Gitarre und Schlagzeug besteht. Zum heutigen Zeitpunkt haben wir fünf Titel so weit fertig, dass wir die mit reinem Gewissen spielen können. Aber zur Party am 20. Mai im Kesselhaus reihen wir uns in den gängigen Ablauf ein und spielen lediglich zwei Nummern, und das am Ende des Programms. Sollte es den Leuten gefallen haben, spielen wir auch gerne noch eine Zugabe. Und ganz zum Schluss, als allerletzter Song, kommt dann "Mädchen mit den Perlen im Haar" von OMEGA. Das spiele ich, seit ich damals im Budapester Nep-Stadion aufgetreten bin. Das lasse ich mir nicht nehmen, denn ich liebe den Song. Das wird in etwa die Strategie für das Konzert im Kesselhaus sein.

008 20180504 1319028947Hat die Cellistin Sylvia Eulitz zufällig etwas mit Bert Eulitz zu tun?
Ich glaube, das sind Cousin und Cousine. Aber auf diesem Wege habe ich sie nicht kennengelernt, sondern wie gesagt wurde sie mir von meinem Bassisten empfohlen. Ich habe sie angeschrieben, sie war sofort begeistert von meiner Idee und nach zwei gemeinsamen Proben wussten wir, es passt.

Es ist ja nun schon eine ganze Weile her, dass Du Teil einer Band warst, denn Du warst ja zuletzt ganz lange Zeit als Solist unterwegs. Wenn man so lange sein eigener Chef war, fällt es einem dann leicht, sich wieder in ein Bandgefüge zu begeben und mit mehreren Leuten an einer Sache zu arbeiten?
Ich habe damit überhaupt keine Probleme, denn ich habe mir schon immer gewünscht, in einer Band zu spielen. Okay, wenn Du alleine spielst, bist Du Dein eigener Herr, das stimmt schon. Aber manchmal fehlt da auch der Kontakt nach links oder rechts. Dazu kommt, dass das Zusammenspielt mit Klaus Scharfschwerdt wie gesagt schon immer ein Traum von mir war. Und letztlich meine ich, wenn man wie ich acht Jahre in einem Internat gelebt hat, fällt es einem nicht schwer, sich einzugliedern.

Von Dir wird im Mai ein neues Album unter dem Titel "45 Jahre Viersaitig unterwegs" erscheinen. Nun fiel Deine letzte Scheibe mit nur 34 Minuten Laufzeit ja nicht ganz so umfangreich aus, um nicht zu sagen, es war eher eine verlängerte Single als ein Album. Wirst Du Deinen Fans mit der neuen CD wieder etwas mehr neue Sachen kredenzen und was wird den Hörer inhaltlich erwarten?
Also wie lang die Laufzeit der neuen CD sein wird, habe ich ehrlich gesagt noch nicht geprüft. Das sind Dinge, die sehe ich nicht so verbissen. Ich bin der Meinung, lieber zehn bis elf gute Songs als sechszehn, von denen man vier bis fünf nicht so brillant findet. Deshalb ist für mich die Gesamtspieldauer einer CD nicht primär. Vielleicht ist das dem Käufer der Scheibe gegenüber wirklich ein bisschen unfair, aber für mich ist wichtiger, dass jeder einzelne Titel Spitze ist. Und wenn ich das mal verraten darf:009 20180504 1323419056 die wenigen, die meine neue CD schon gehört haben, sind der Meinung, es sei das beste Album, was ich je gemacht habe. Dazu muss ich sagen, das habe ich zu einem großen Teil André Kuntze zu verdanken, der einige Nummern von mir völlig neu arrangiert hat. So zum Beispiel "An seiner Seite" oder "Stolz" von Quaster. Auch "Das alles bin ich" kommt in einem völlig neuen Gewand daher. Ich bin unheimlich stolz und dankbar, dass André eine so tolle Arbeit für mich geleistet hat. Insgesamt würde ich sagen, ohne dass ich damit zu sehr auf den Putz hauen will, die Scheibe ist qualitativ hochwertig geworden, womit es mir auch egal ist, ob sie nun fünf Minuten länger oder kürzer ist. Aber das ist wirklich nur meine individuelle Meinung. Auf jeden Fall sind es stilistisch ganz unterschiedliche Nummern geworden. Die einzige Verbindung zwischen den Songs ist meine Geige und meine ganz eigene Art zu singen. Wobei ich mich niemals als Sänger betrachte, der geigt, sondern als Geiger, der singt.

Wie hast Du das Album aufgenommen? Hattest Du Gastmusiker im Studio oder wie ist es entstanden?
Das ist ganz unterschiedlich gewesen. Ein paar Sachen wurden durch Gensicke und Zöllner, der auch Gitarre gespielt hat, eingespielt. Die Arrangements stammen von André Kuntze. Der hatte die Lieder vorliegen und hat sie, wie ich schon sagte, völlig neu arrangiert. Michael Heubach hat seine Nummer zuhause fertig gemacht. Also ich will nicht übertreiben, aber es haben insgesamt bestimmt sechs oder sieben Musiker mitgewirkt.

Eine aktuelle Single ist ja schon seit dem letzten Jahr auf dem Markt, nämlich "Deutschland". Wie kam die Single denn beim Publikum an? Und wie ist überhaupt in diesen Zeiten die Nachfrage nach einer physischen Single? Es ist ja so, die Leute streamen nur noch und haben kaum die Kraft in den Beinen, zum CD-Player zu gehen und einen Tonträger einzulegen ...
Genau das hat mich verwundert. Wenn ich auf der Bühne mal eine Sekunde Zeit habe, beobachte ich natürlich die Reaktion der Leute, wenn ich diesen Titel "Deutschland" spiele. Dabei ist mir aufgefallen, dass viele Köpfe im Publikum unauffällig nicken. So nach dem Motto: "Siehst du, endlich sagt das mal einer!" Die Schere zwischen bestimmten Menschen in unserem Land ist ja wirklich im Laufe der Zeit immer weiter auseinander gegangen. Also zwischen Menschen, die viel und die wenig verdienen, zwischen Menschen, die viel und die gar nichts zu sagen haben. Man hört ja auch kaum noch hin, was die auf der anderen Seite sagen. Darum geht es in dem Lied. Ich habe jedenfalls festgestellt, dass bereits beim Zuhören jede Menge Zuspruch da ist. Und jetzt komme ich auf die erwähnte Verwunderung zu sprechen.010 20180504 1110449467 Eigentlich bin ich in Sachen CD-Verkäufe eher ein Skeptiker. Umso erstaunter war und bin ich, wie gut sich diese CD, auf der ganze drei Songs drauf sind, auf unseren Konzerten verkauft, obwohl sie nun wirklich kein Schnäppchen ist. Daran sieht man, dass die Menschen sich die Nummer zuhause nochmal anhören wollen. Vielleicht ja auch nur, um darüber anschließend zu diskutieren. Ich rede halt Klartext in dem Lied, wenn ich sage bzw. singe, dass es so nicht weitergehen kann. Wenn sich die Schere zwischen den Menschen noch weiter öffnet, dann weiß ich nicht, wie das enden soll. Man muss doch auch endlich mal auf die Leute hören und eingehen, durch die dieses Land lebt, die für dieses Land arbeiten. Deren Recht auf eigene Meinungen wird einfach ignoriert. Das gefällt mir nicht, das finde ich nicht gut.

Womit gleichzeitig die nächste Frage schon beantwortet ist, denn Du hast also auch jede Menge Inhalte, die Du in den Liedern transportierst.
Ich will da keinen Status draus machen, aber wer hat denn die Möglichkeit, viele Menschen zu erreichen? Das sind zum einen Politiker. Aber auch und gerade wir Musiker können das ebenfalls. Und wenn ein Musiker sich vernünftig artikuliert und ebenso vernünftig agiert, kommt das auch an bei den Leuten. Das ist schon fast eine Pflicht, das gehört doch mit dazu! Es reicht nicht, wenn man im Beifall des Publikums badet, sondern man muss auch etwas rüber transportieren. Ich habe das schon früher so gehandhabt, da bekam ich natürlich immer etwas Ärger, aber heute kann mich keiner mehr ärgern.

Das große Konzert steht also vor der Tür. Die letzte große Sause fand damals zu Deinem 60. Geburtstag statt, das war 2013 und da gab es eine Tour mit der halben ROCKHAUS-Band als Begleitung. Beathoven lebt inzwischen ja leider nicht mehr. Blickt man an solchen Tagen auch auf die Kollegen zurück, die man auf dem Weg bereits verloren hat?
Oh ja, sogar öfter als ich will. Das mit Beathoven hat mir unwahrscheinlich weh getan, denn ich habe ihn sehr nah an mich rangelassen. Ich habe diesen Mann unheimlich geschätzt und geachtet. Als das mit ihm dann passierte, puh ... das hat mich richtig erwischt.

011 20180504 1507649839Warst Du mit ihm bis zuletzt in Kontakt und konntest Du Abschied nehmen?
Ja, man kann sagen, bis zur letzten Minute. Seine Partnerin hat es zugelassen. Bis zu dem Punkt, als sie gesagt, Beathoven möchte jetzt Tschüss sagen und wir möchten bitte nicht mehr kommen, bis zu diesem Punkt war ich regelmäßig bei ihm. Natürlich war ich auf seiner Beerdigung, habe dort auch ein Stückchen für ihn gespielt, das ließ ich mir nicht nehmen. Es war hundekalt und ich habe sicher grottenschlecht gespielt, aber das war mir völlig egal, Beathoven war es mir wert.

Ein weiterer Kollege von Dir, der vor gar nicht so langer Zeit verstorben ist, war Till Patzer, mit dem Du bei LIFT zusammengespielt hast.
Das war auch furchtbar, denn mit Till habe ich mich am besten verstanden innerhalb der Band.

Wie war denn Deine Verbindung zu ihm nach der LIFT-Zeit?
Till war ein ganz bescheidener Zeitgenosse, der ist auch nie jemandem auf den Nerv gegangen. Er lebte sehr zurückgezogen. Nach LIFT haben wir uns leider nur noch zweimal gesehen. Ich habe es dann von Michael Heubach erfahren ... Das war auch ein echter Schlag in die Fresse für mich.

Solche Nachrichten vom Tod eines Kollegen lassen niemanden kalt, egal wie eng man miteinander befreundet war. Wie gehst Du persönlich mit diesen Nachrichten um? Glaubst Du daran, dass es irgendwo an einem anderen Ort eine große Band und somit ein Wiedersehen geben wird?
Ach, das ist eine schwierige Thematik ... Um das ein bisschen von mir wegzuschieben, sage ich immer: "Hoffentlich streiten sie sich da oben nicht". Ich kann nur ganz schlecht damit umgehen, wenn jemand plötzlich geht. Es sind einfach schon zu viele gegangen, mit denen ich auch wirklich gut befreundet war. Solche Schläge haben mir übrigens auch die Kraft gegeben zu sagen, dass man sein Leben ein wenig qualifizieren muss.

012 20180504 1216781052Man verliert ja auf seinem Weg nicht nur Leute, sondern man gewinnt ja auch immer wieder neue Menschen und Freunde dazu. Erlebst Du so etwas auch heute noch, dass Du neue Leute kennenlernst, die Dein Leben und vor allem auch Deine Karriere bereichern?
Ich will es mal so sagen: Vom Wissen her bin ich vielleicht ein guter Pädagoge, aber wirklich pädagogisch bin ich nicht. Wie oft schon habe ich Leute unterrichten sollen und ihnen stattdessen eine Puppe oder einen Fußball geschenkt und ihnen gesagt: "Hier, nimm das und lass das Geigenspielen sein". Aber ich habe eine Geigenschülerin gehabt, die spielt jetzt in einer guten Band in der Nähe von Göttingen. Ich hatte auch mal einen Schlagzeugschüler, der heute bei einer Band in Frankfurt/Oder trommelt. In solchen Momenten sehe ich dann immer, das Leben gehen, aber auch dass immer wieder neues Leben kommt. Nur was meinen Beruf betrifft, muss ich leider ganz ehrlich sagen, es sind bisher schon mehr gegangen als gekommen. Das trifft jetzt aber wirklich nur auf mich zu, normalerweise halten sich diese Dinge ja zumeist die Waage.

Du hast den Musikerjob von der Pike auf gelernt. Du hast als Kind ein Instrument erlernt, Du hast später dann studiert, hast die Szene von unten an kennengelernt und hast Dich hoch gearbeitet. Du hast einige Stationen hinter Dich gebracht, hast Höhen und Tiefen erlebt. Mit dem Blick auf die 45 Berufsjahre, würdest Du mit den Voraussetzungen von heute diesen Beruf noch einmal wählen, wenn Du jetzt Teenager wärst?
Klares ja, ohne nachzudenken, ja. Weil es einen formt, weil man Gefühle ausdrücken und rüberbringen kann, manchmal mit Musik sogar besser als mit Worten. Und ich finde, es ist etwas Wunderschönes, wenn man Musik machen kann, Musik machen darf. Man macht seine Arbeit immer mit Freude, denn niemand zwingt einen zu arbeiten.

013 20180504 1292297160Beobachtest Du die aktuelle Musikszene heute noch oder interessiert Dich das nicht?
Doch, ich beobachte das schon, und zwar von zwei Seiten. Zum einen beobachte ich die ganz großen Asse, die es auf der Welt gibt. Vor denen ziehe ich meinen Hut. Die andere Seite ist unser Nachwuchs. Da will ich mich mal ganz vorsichtig ausdrücken, denn mit denen habe ich ein kleines Problem. Und zwar deshalb, weil ich qualitativ gute Musiker heutzutage seltener finde als früher. Was mir sogar richtig Kopfschmerzen bereitet, ist folgendes: früher hat man Musik gemacht, gute Musik, und dazu gab es einen Text. Heute gibt es nur noch Texte, zu denen dann ein bisschen Musik gemacht wird. Und wenn ich dann manchmal das Radio einschalte und eine dreiviertel Stunde lang Musik höre, frage ich mich, war das nun alles dieselbe Band oder immer derselbe Sänger? Es klang doch alles gleich! Diese Momente, wo Du nach den ersten Klängen rausgehauen hast: "Ah, das ist DEEP PURPLE! Und jetzt läuft JETHRO TULL! Ja, das ist SANTANA!", das gibt es heute nicht mehr.

Also laufen wir keine Gefahr, dass Hans die Geige demnächst den inneren Drang verspürt, mit Justin Bieber eine Platte zu machen?
Nein! Wenn er natürlich sagt, ich soll für ihn mal eine Geige einspielen, dann würde ich ihn bitten, mir seine Songs zu schicken, ich suche mir einen davon aus. (lacht)

Damit sind wir auch schon am Ende. Abschließend die Frage, was wünscht Du Dir für den 20. Mai?
Ich wünsche mir, dass alle nach dem Konzert im Kesselhaus rausgehen und sagen, es war ein geiler Abend. Und zu mir selber will ich das natürlich auch sagen können.

Dafür drücke ich Dir die Daumen und wünsche Dir für die Zukunft alles Gute.
Vielen Dank!



Interview: Christian Reder
Bearbeitung: tormey
Fotos: Hartmut Helms, Bert Kubik, Andrea Mühleck, Jens Lorenz, Petra Meißner, Pressematerial, Archiv Wintoch







   
   
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