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Interview vom 21. Juli 2017



Am 1. Juli erschien mit "5 vor 12" bereits das zweite Studioalbum von WIESNER. WIESNER sind Frontmann Mazze Wiesner (Gesang, Hintergrundgesang, Gitarre, Bass, Klavier, Hammond-Orgel, Schlagzeug, Perkussion), Stephan Janson (Klavier, Hammond-Orgel, Keyboard, Hintergrundgesang), Marco Jeske (Gitarre), Christian Trautmann (Hintergrundgesang, Bass) und Bruno Rockstroh (Schlagzeug). Längst sind sie kein Geheimtip mehr. Der erstaunlicherweise bisher nahezu unentdeckt gebliebene Rocker aus dem Osten der Republik (wie ihn seine Plattenfirma im Pressetext beschreibt),001 20170724 1021007331 Mazze Wiesner, zieht auch auf dem nunmehr vorliegenden zweiten Longplayer alle nötigen Register, um der Platte seinen charakteristischen "Wiesnersound" zu verleihen. Unsere Kollegin Antje hatte im Zuge der Veröffentlichung der Scheibe die Möglichkeit, mit Sänger und Bandchef Mazze Wiesner über das neue Album, Vorbilder und einiges mehr zu sprechen ...




Herzlichen Glückwunsch zum Erscheinen deines neuen Albums "5 vor 12". Nun ist es ja schon ein paar Tage auf dem Markt. Wie bist du mit der Resonanz bislang zufrieden?
Für die zwei Wochen, in denen das Album nun raus ist, ist es extrem positiv, was uns aus allen Richtungen bisher an Resonanzen entgegen geschwappt ist. Ich bin echt begeistert über die ganzen positiven Kritiken, die quer aus der ganzen Bundesrepublik strömen. Ich will nicht sagen, dass es Lobeshymnen sind, aber so ähnlich ist es schon fast. Wir haben ja auch ein EPK ("electronic press kit", das sich an Journalisten elektronischer Medien wie Radio, Fernsehen und Internet richtet, Anm. d. Red.) veröffentlicht, das sehr positiv angekommen ist. Es macht natürlich auch stolz zu sagen, "Okay, dafür hat sich die Arbeit gelohnt".

002 20170724 2082999243Gibt es für dich einen roten Faden durch das Album?
Der rote Faden ist für mich besonders durch die musikalischen Sachen gegeben, also wie alles abgestimmt ist. Durch den Sound.

Haben noch andere Musiker daran mitgearbeitet?
Das Album ist zu 90% mein eigenes Verschulden. An ein paar Sachen haben die Bandmitglieder mitgewirkt. Wir haben auf unserer letzten Clubtour 2016 Rohmaterial mitgenommen und haben einfach die Sachen zusammen ausgebaut.

Ich habe gelesen, dass bei einigen Songs die Hammond-Orgel zum Einsatz kommt. Das ist ja gerade heutzutage im Bereich der populären Musik nicht das gängigste Instrument. Wie bist du darauf gekommen?
Eigentlich kommt es sogar bei allen Songs zum Einsatz. Ich bin durch meinen Vater, der früher auch Keyboarder war, darauf gekommen. Außerdem bin ich sehr geprägt durch Bands wie z.B. Deep Purple, von denen mein Vater ein sehr großer Fan war. Genauer gesagt ist er fanatischer Jon-Lord-Fan (spielte u.a. die Hammond-Orgel bei Deep Purple, Anm. d. Red.). Da ich in dem Instrument eine tolle Farbe sehe, war es gar keine große Frage, dass es zum Einsatz kommt. Mittlerweile, geschmackvoll eingesetzt, kreiert sie auch unseren Sound.

003 20170724 1473232648Hast du einen Favoriten-Song auf der Platte?
Schwierig. Energetisch ist "Leb dein Leben" schon das Ding, das ich sehr oft und sehr laut höre. Ich liebe aber auch den Song "Lady". Mein eigentlicher kleiner Favorit ist aber "Dein Licht". Da geht es um den Verlust der ungeborenen Kinder von mir und meiner Liebsten. Der ist biographisch gesehen schon sehr nah und auch musikalisch sehr gut geworden, wie ich finde.

Eine Zeile hat für mich beim Hören aus allen Songs besonders herausgestochen: "Unbewusst baut ihr Wort wieder Mauern auf" aus dem Song "Ein Sturm zieht wieder übers Land". Verarbeitest du hier aktuelle Geschehnisse?
Das ganze Album ist eine Momentaufnahme, ein aktuelles Statement zur aktuellen Situation, die uns umgibt. Nicht nur hier in Deutschland, sondern weltweit. Wir haben es ja gerade erlebt, G20-Gipfel in Hamburg. Furchtbar, dass Menschen sich so was antun, von beiden Seiten muss man sagen. "5 vor 12" ist ein Zeitdokument, wie wir konkrete Dinge sehen bzw. wahrnehmen ohne den Moralapostel raushängen zu lassen und zu sagen, "So und so sollte man es besser machen." Den Schuh würde ich mir nicht anziehen.

In "Schizophren" geht es um das Thema Dr. Jekyll/Mr. Hyde. Siehst du das auch in dir, diesen Gegensatz?
Ja klar. Das ist tatsächlich ein Song in dem es mir darum ging, die Zwiespältigkeit zwischen Musiker und Privatperson metaphermäßig auszudrücken. Da hab ich schon immer ein bisschen zu kämpfen. Auf der einen Seite das Leben als Rockmusiker, auf der Bühne umjubelt. Dann fährt man nach Hause und ist der "normale" Papa, wie jeder andere auch.004 20170724 1805918207 Da manchmal die Kurve zu kriegen ist nicht immer so einfach. Beide Welten sind für sich total toll. Manchmal ist es einfach schwierig, die Balance gut einzutakten, wenn man gerade noch in dem anderen Rausch ist. Der Song bezieht sich auch nochmal auf "Süchtig nach dem Rausch" vom ersten Album.

Apropos erstes Album: was ist für dich der größte Unterschied zwischen den beiden Alben?
Der größte Unterschied ist der Zeitrahmen, in dem die Alben entstanden sind. Das erste Album ist eine Aufarbeitung der letzten 10 bis 15 Jahre. Das neue Album ist innerhalb von sechs Monaten entstanden. Das erste Album war kaum draußen, da ging das schon nach und nach ineinander über. Der Zeitrahmen war einfach wesentlich kürzer. Deshalb wirkt es für mich auch musikalisch wesentlich kompakter. Man weiß jetzt, "Okay, das ist die Marschrichtung der Band".

Wie sind die Songs entstanden?
Auf unterschiedliche Art und Weise. Eine kleine Anekdote vielleicht zu "Und du": Das ist zum Beispiel in Miami entstanden. Da war ich mit Martin Schmitt, einem sehr guten Kollegen und Freund, unterwegs. Während wir am Oceans Drive lagen und uns die Sonne haben auf den Bauch scheinen lassen, ging mir die Melodie durch den Kopf und ich hatte die Assoziation von einem Typen, der mit ansehen muss wie seine Liebste geht. Das hat man selber ja auch schon mal erlebt. Dann kommt die Person, mit der man so gar nicht gerechnet hat, und es macht klick. Wie gesagt, an dem Strand ist der Text entstanden. Das ging auch sehr schnell, in ungefähr einer Viertelstunde war er fertig. Andere Songs sind auf Tour entstanden, wiederrum andere im kleinen Studio und Proberaum bei mir zu Hause.

005 20170724 1011662690Stammen alle Texte und Melodien aus deiner Feder?
Der überwiegende Teil ist von mir. Gerade weil wir vorhin über "Ein Sturm zieht wieder übers Land" gesprochen haben ... Das war eine große Grundidee vom Gitarristen Marco Jeske. Ich würde schon sagen, dass ich mich gerne mit einer Idee verheirate, wenn ich etwas darin sehe. Ich habe noch daran rumgefeilt und auch die leichte Tragik entwickelt. Das ist eigentlich der einzige Song, den wir zusammen geschrieben haben. Der Rest ist wirklich aus meiner eigenen Feder.

Du spielst ja unglaublich viele Instrumente: Gitarre, Bass, Klavier, Hammondorgel ... Um nur einige zu nennen. Fällt es dir da nicht schwer, dich innerhalb der Band auch mal zurückzunehmen?
Ich will natürlich, dass die Jungs an ihre Grenzen gehen, damit ich auch anderen Input bekomme. Ich gebe zwar die Sachen sehr klar vor, vor allem bei den Sachen die ich auch alleine einspiele. Aber wenn wir als Band die Songs zum Beispiel live spielen, kriegen die nochmal eine andere Note. Bedingt durch jeden einzelnen Instrumentalisten. Jeder bringt sein eigenes musikalisches Ego mit und das ist positiv gemeint. Aber es ist schon so, dass es ganz klar kommuniziert wird, wenn mir etwas nicht passt. Am Ende habe ich immer das Vetorecht.

Du hast dich ja der Musik gegen familiären Widerstand verschrieben. Wie kam es zu dieser, doch sicher nicht einfachen Entscheidung?
Die Entscheidung stand eigentlich schon immer fest. Ich wollte das schon machen, seit ich angefangen habe, Musik zu machen. Ich hab gemerkt, dass das das Ding meines Lebens ist und dass ich dafür auf der Welt bin. Ich hatte das große Glück, dass mir schulisch alles zugefallen ist. Ich habe nie was gemacht, war meistens nur im Proberaum.006 20170724 1420802517 Meine Familie hing mir dann in den Ohren, "... du warst doch so gut in der Schule. Musik ist doch brotlose Kunst." Was man halt so kennt. Ich habe es dann probiert und hab mich eingeschrieben für Zahnmedizin. Insgesamt sechs Wochen hab ich das dann auch gemacht, aber man muss echt sehr dahinter sein. Also hab ich mich nach diesen sechs Wochen wieder ausgetragen und zur Beruhigung der Angehörigen Musikpädagogik in Erfurt studiert, und parallel dazu viele Livetouren gespielt. Nach dem Studium haben mich Gott sei Dank alle in Ruhe gelassen und ich konnte entspannter meinen musikalischen Weg beschreiten.

Stand schon immer fest, dass du auf Deutsch singst?
Es gab eine Phase, da habe ich Englisch probiert und habe dann festgestellt, dass es einfach nicht meine Muttersprache ist. Ich bin einfach auch nicht so firm, dass ich die Bilder so malen kann, wie ich sie im Deutschen kreieren kann.

Ich bin immer wieder fasziniert von deiner tiefen Stimme, deiner Rockröhre. Tust du irgendetwas dafür?
(Lacht) Nein, ich hab schon immer so musiziert und gesungen, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Was einen natürlich hier und da auch mal an die Grenzen bringt, wenn etwas nicht so wird wie man es will. Ich übe nie um des Übens Willen. Für mich geht's nur darum: was braucht der Song, um die Kernaussage zu transportieren.007 20170724 1971703142 Es geht um Emotionen. Wenn ich Sport würde machen wollen, ginge ich Fußball spielen oder Boxen, keine Ahnung. Musik sollte meiner Meinung nach nichts damit zu tun haben, wie technisch anspruchsvoll jemand etwas spielen kann. Das hat mich noch nie angemacht.

Du begleitest viele Tribute-Projekte. Mir fällt da die Martin-Schmitt-Band ein, eine große Hommage an Udo Jürgens. Welche Projekte gibt es da noch?
Mr. Rod zum Beispiel, ein Tribut an Rod Stewart. Dann kommt ganz neu nach Chemnitz die "Moments"-Show, da bin ich als musikalischer Leiter verpflichtet worden. Diese ganzen Projekte sind schon die Sachen die einen auslasten, übers Jahr gesehen. Da ich jetzt meinen Fokus auch auf WIESNER legen will, ist es zeitmäßig hart an der Grenze, um alles auch mit dem Privatleben unter einen Hut zu bekommen.

Welche Bands oder Musiker haben dich geprägt?
Ich muss da unterscheiden in nationale und internationale Künstler. National hat mich immer Westernhagen extrem fasziniert, weil er sich für mich nicht typisch deutsch anhört. Seit "Stark wie Zwei" habe ich auch Udo Lindenberg für mich entdeckt. Das grandiose Comeback, eine Megascheibe. Seit seiner 96er Tour war ich fasziniert von Maffay und seiner grandiosen Band. International haben mich Bon Jovi, Bruce Springsteen und Bryan Adams immer fasziniert, die starken Attitüden in ihren Stimmen. Phil Collins als Multityp, die musikalische Perfektion fand ich immer gut und das ganze Getrommel sowieso. Durch meinen Papa natürlich - wie schon erwähnt - Deep Purple und andere Hard-Rock-Bands der 70er und 80er Jahre. Außerdem bin ich großer Gotthard-Fan.

008 20170724 1394272897Mit wem würdest du gern mal zusammenarbeiten?
Mit den deutschen Idolen oder die man gut findet hätte ich schon Bock, in irgendeiner Form mal was zu machen. Aber ich glaube da kommt man nur über Vitamin B ran. Es sei denn man hat so ein Standing, dass die einen selber cool finden. Mit Gotthard würde ich gerne mal eine Tour machen, weil ich denke, dass sich das ganz gut ergänzen würde.

Was wünscht du dir und deiner Band für die Zukunft?
Dass wir uns stetig so steigern, dass wir irgendwann autark von diesem Projekt leben können. Es steckt ja noch alles in den Kinderschuhen. Klar, eine Portion Glück gehört auch dazu. Aber ich denke die Weichen sind so gut gestellt, was die ganzen Rezensionen auch bestätigen, die auf uns einprasseln. Ich denke wir sind auf einem guten Weg, dass wir uns als neue Marke in der Deutschrockszene etablieren können. Das wünsche ich mir auch für die Band, die geben da echt jede Menge Herzblut rein. Und natürlich auch die Crew, das muss man auch mal erwähnen. Die Ton- und die Lichtleute basteln für uns im Hintergrund und lassen uns größer wirken als es momentan ohne ihre Zuarbeit wäre.

Damit sind wir schon am Ende angekommen. Möchtest du unseren Lesern noch etwas mit auf den Weg geben?
Ich kann nur aus meiner Scheibe zitieren: "Lebt euer Leben, habt euch lieb und schüttelt die Haare".

Danke für deine Zeit Mazze, und alles Gute für die Zukunft!
Danke!



Interview: Antje Brandt
Bearbeitung: cr
Fotos: Pressematerial (Christina Graudlitz), Deutsche Mugge







   
   
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