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Interview vom 15. Mai 2017



Ende letzten Jahres hat Felix Meyer unter dem Titel "Weihnachtszeit auf den Straßen" seine aktuelle EP veröffentlicht. Doch anders, als es der Titel vermuten lässt, handelt es sich nicht oder zumindest nicht nur um eine typische Weihnachts-CD. Sie bringt stattdessen die eine oder andere Überraschung. Dies wiederum passt zu Felix Meyer - ein Musiker, der für seine aufmerksamen und kritischen Beobachtungen bekannt ist.001 20170519 2040103737 Seine Eindrücke sammelt er im täglichen Leben und setzt sie in seinen Liedern um, ob auf der Straße oder auf der Bühne, ob in der kleinen Duo-Variante oder in der großen Bandbesetzung. In seiner Musik verbinden sich inhaltlicher Anspruch und Tanzbarkeit, was seine Musik und die Konzerte immer wieder zu etwas ganz besonderem macht. Deutsche Mugge traf sich mit ihm zum Gespräch.




Hallo Felix! Schön, dass es geklappt hat mit dem Interview. Danke zunächst mal dafür! Der Titel der CD, "Weihnachtszeit auf den Straßen", legt nahe, dass es sich um ein Weihnachtsalbum handelt. Aber das ist es nicht wirklich, oder?
Genau genommen ist es eine Mischung aus vielen Sachen, aber wesentlich sind vor allem zwei Songs. "Weihnachtszeit auf den Straßen" war natürlich absolut ausschlaggebend für den Titel der CD und dafür, dass wir sie überhaupt gemacht haben. Und als Gegenstück passt das Rio Reiser-Cover "Wann?" einfach sehr gut dazu. "Weihnachtszeit auf den Straßen" ist im Original von Edith Piaf. Das ist eine Art Weihnachtslied, wie ich es vorher noch nie gehört hatte und genau das hat mich besonders fasziniert. Es ist ein konsumkritisches, quasi antikapitalistisches Weihnachtslied, das die Sicht der armen Menschen auf reich gefüllte Schaufensterscheiben beschreibt. Es ließe sich also auf den Blick der dritten Welt auf unseren Überfluss übertragen. In diesem Text stecken Gedanken, die wohl fast jeder schon mal zum Thema Weihnachten hatte, von denen man sich aber ungern die Gemütlichkeit verderben lässt.

002 20170519 1765730150Die Titelzusammenstellung, die auf den ersten Blick etwas ungewöhnlich scheinen mag, hast du schon angesprochen. Wovon hast du dich da leiten lassen? Gab es einen roten Faden, ein bestimmtes Konzept, das dahinter steht?
Naja, es ist alles andere als ein Konzeptalbum, eher eine Sammlung. Wir hatten die beiden genannten Songs, die ausschlaggebend dafür waren, die Platte überhaupt zu machen. Damit hätte es auch eine Single werden können. Aber wir hatten auch noch zwei französische Stücke aus einem Projekt, das wir irgendwann gemeinsam mit einer Französin begonnen haben. Corinne Douarre, sie hat uns die Titel übersetzt. Die waren quasi fertig, wir fanden sie toll und sie mussten nur noch aufgenommen werden. Anfang des Jahres dachten wir dann, dass es doch super wäre, daraus eine kleine Weihnachts-CD zu machen. Im letzten Sommer kam ein wunderschönes Konzert mit dem Deutschlandfunk und MDR Kultur dazu. Das war ein wirklich runder Abend, zu dem wir im Nachhinein auch die Tonspuren bekommen haben, so dass wir noch drei Live-Versionen ergänzen konnten. Aber vor allem aus "Weihnachtszeit auf den Straßen" wollte ich immer etwas machen und das war die perfekte Gelegenheit dazu.

Du meinst, es war die perfekte Gelegenheit oder die Chance, den Blick in eine kritische Richtung zu lenken, nicht nur auf die Gemütlichkeit?
Ja, das gesellschaftskritische Moment daran ist augenscheinlich. Und trotzdem ist es ein Lied, das aus vielen Klischees besteht, genau wie das Weihnachtsfest selbst. Am Anfang wirkt es eher pittoresk und beschaulich, wenn das Akkordeon spielt, könnte man sich Paris bei Schneefall vorstellen. Was es von der Originalfassung von Edith Piaf unterscheidet, ist am Ende die Steigerung ins Unermessliche. Es wird immer schneller, immer schneller und endet dann mit einem letzten wütenden Refrain. Darüber, dass ich dieses Lied mit meiner Band "project île" auf diese Art und Weise interpretieren konnte, bin ich sehr glücklich. Wir haben lange daran rum probiert.

003 20170519 1343533600Hast du von Fans oder Freunden deiner Musik irgendwann mal Rückmeldungen bekommen, was die Wirkung deiner Lieder betrifft? Oder anders gefragt: Hast du das Gefühl oder die Hoffnung, mit deiner Musik etwas bewegen zu können?
Wirklich etwas zu bewegen scheint mir eher schwierig. Aber Musik kann zumindest die Wahrnehmung schärfen oder dazu führen, sich überhaupt mit bestimmten Themen auseinanderzusetzen. Wir Deutschen sind sehr von Popmusik geprägt. In französischen Chansons dagegen werden auch sehr ernste Themen behandelt. So wie in "Die Corrida" zum Beispiel, ein Titel von Francis Cabrel, den wir übersetzt haben. Solche Titel laufen in Frankreich im Supermarkt. Bei uns läuft immer nur Bourani mit Bendzko um die Wette und man fragt sich nur: "Wo ist die Kasse?" Das finde ich oft antipolitisch oder fast schon zynisch. Ich habe manchmal das Gefühl, als ob das hippe Popvölkchen, das in weiten Teilen dieser Welt unterwegs ist, nur noch eine letzte große Party feiern will und das war es dann. Es gibt so eine Art, die wirklich wichtigen Themen an den Rand zu drängen oder wenigstens nicht in den Fokus zu rücken und stattdessen das 117. Lied über gescheiterte oder geglückte Beziehungen zu schreiben. Oder schreiben zu lassen. Das ist langweilig.

Nach den Bandkonzerten im letzten Jahr warst du im Dezember noch im Duo mit Erik Manouz zu ein paar Konzerten unterwegs. Welche Pläne gibt es denn für 2017?
In diesem Jahr werden wir kein Album rausbringen, das machen wir meistens im Zweijahresrhythmus. Also werden wir 2017 noch ein bisschen Landstraßenmusik machen und im Frühsommer und Herbst im Duo unterwegs sein. Im Sommer werden wir dann natürlich einige größere Konzerte mit der Band spielen. Es sind unsere ersten eigenen Open Airs. Ich freue mich sehr darauf. Die Termine gibt es alle auf unserer Seite www.felixmeyer.eu zum Nachlesen.004 20170519 1818280339 Außerdem hatten wir im März gemeinsam mit Konstantin Wecker ein Radiokonzert beim NDR und nun wir werden bei ihm zum ersten Mal einen Gastauftritt spielen. Es ist immer schön und inspirierend, ihn und seine Band zu treffen. Parallel arbeiten wir gerade an der nächsten Platte. Diesmal wird es kein typisches Studioalbum mit eigenen Liedern, sondern eine komplette Platte mit Übersetzungen. Ich bin sozusagen dabei, die Musik meiner Jugend zu übersetzen und stoße dabei auf großartige Poesie.

Neues Album ist ein gutes Stichwort, das mich gleich zur nächsten Frage bringt: Was ist dein innerer Motor, was treibt dich vorwärts in deiner Musik? Bist du jemand, der von vornherein bestimmte Ziele oder Themen verfolgt? Oder sammelst du quasi die Geschichten, die dir das Leben bietet und machst daraus deine Lieder?
Eigentlich ist es eher so, dass ich Geschichten sammle. Und irgendwann sind es dann so viele Ideen, dass ich sie verarbeiten muss. So, dass wieder neue Songs daraus werden. Ja, im Grunde genommen laufen mir die Themen über den Weg. Genau genommen laufen sie ja jedem über den Weg, aber jeder geht anders damit um. Und gerade heutzutage gibt es wirklich viele Sachen, die man in Form von Kunst oder in diesem Fall in Musik aufarbeiten könnte oder müsste.

Im letzten Jahr wart ihr mit dem Album "Fasst euch ein Herz" größtenteils in der Bandbesetzung unterwegs. Empfindest du da die Stimmung oder die Wirkung anders, als wenn du mit Erik im Duo unterwegs bist?
Ja, ganz anders. Die Bandkonzerte sind viel dynamischer. Sie sprechen ein jüngeres Publikum an, was eigentlich gerne von Anfang an tanzen möchte, sich aber doch meistens so bis zur Hälfte zurückhält. Der Anfang ist meist relativ sphärisch. Eher ruhig. Natürlich kann man eine ganz andere musikalische Größe auf die Bühne stellen, wenn man eine Band dabei hat. Da kann man zwischen Folk, Chanson, Straße und Kino wirklich alles Mögliche bieten. Wohingegen es bei der Duo-Variante schon sehr um die Texte geht. Das ist in gewisser Weise eher ein Kulturpublikum und es sind auch ganz andere Orte, an denen wir spielen. Oft sind es zum Beispiel Kulturvereine auf dem Land. Also meistens Leute, die eigentlich aus der Stadt kommen und aufs Land gezogen sind. Und die sich dann irgendwann sagen, jetzt wollen wir hier mal was auf die Beine stellen.005 20170519 1903320229 Oft gibt es da eine schöne Location und in der wollen sie einmal im Monat oder alle zwei Monate ein Konzert oder dergleichen organisieren. Das ist wahnsinnig schön, aber das könnte man mit der Band meistens gar nicht bespielen. Dafür sind die Locations dann zu klein oder es gäbe nicht genug Publikum. Die Orte, an denen wir mit der Band spielen, sind meist ganz klassische Konzert-Locations im Herzen der Städte.

Gab es da in der Vergangenheit vielleicht Konzerte oder Locations, die auf irgendeine Art rausgefallen sind? Orte, an denen es ganz besonders schön war oder an denen die Stimmung im Publikum besonders schön war? Gibt es da vielleicht auch regionale Unterschiede? Wenn ich die Orte in eurem Tourplan ein bisschen verfolge, habe ich den Eindruck, dass ihr häufiger im Norden unterwegs seid ...
Naja, es ist für uns schon schwieriger, im Süden Fuß zu fassen. Das liegt aber, glaube ich, an anderen Dingen. Während sich nach der Wende bei vielen Menschen hartnäckig das Gefühl hielt, dass die Kulturgrenze, auch kulturell gesehen, zwischen Ost und West verläuft, bin ich mir mittlerweile ziemlich sicher, dass diese Grenze wenn überhaupt zwischen Norden und Süden ist. Es kommen viel seltener bayrische oder baden-württembergische Künstler im Norden an und genauso andersrum. Selbst ein Udo Lindenberg hat es in München nicht so leicht wie im Rest der Republik. Insofern, glaube ich, ist das relativ normal. Auch wir haben es im Süden etwas schwerer, versuchen aber jede Gelegenheit zu nutzen, hinzufahren. Im Westen läuft es für uns schon ziemlich gut und im Norden und Osten sogar schon sehr gut.

007 20170519 1278109031Wie funktioniert bei euch die Zusammenstellung der Live-Sets für die Tour? Wenn ihr im Duo unterwegs seid, ist das vermutlich einfacher, als in der großen Bandbesetzung. Bist du dann derjenige, der einen Plan hat und die anderen akzeptieren den oder wird das mit allen gemeinsam ausdiskutiert?
Na grundsätzlich macht schon einer den Plan und das bin meistens ich. Zumindest, um die grundsätzliche Richtung vorzugeben. Aber das hat auch etwas damit zu tun, dass die anderen Musiker auch sehr viele andere Sachen machen. Die haben fast alle nebenbei noch ihre eigene Band und ihr eigenes Projekt. Oder sie unterrichten. Und ich bin eben der einzige, der sich wirklich andauernd mit diesem Thema beschäftigt.

Dabei wird die Auswahl mit der Fülle der zur Verfügung stehenden Titel vermutlich nicht einfacher ...
Ja, die Auswahl wird immer schwerer. Deshalb werden die Konzerte im nächsten Sommer für uns interessant, weil wir da ein paar Lieder vom Publikum entscheiden lassen wollen. Wir wollen sozusagen einige Lieder ins Rennen werfen und fragen: Welche würdet ihr davon gerne mal hören? Weil es natürlich ganz viele Stücke gibt, die wir schon länger nicht oder manche noch gar nicht live gespielt haben. Es gibt so viele Lieder, die wir spielen könnten. Und es gibt bei den Konzerten regelmäßig Leute, die uns sagen, dass sie bestimmte Titel gerne gehört hätten. Wobei es auch Titel gibt, die wir selber schon seit Ewigkeiten nicht mehr gehört haben oder die wir gar nicht spontan spielen könnten. Bei manchen Titeln ist es tatsächlich so,006 20170519 1966464336 dass wir die irgendwann mal aufgenommen und dann bei der ersten Tour nach Erscheinen der CD gespielt haben. Aber in der aktuellen Bandbesetzung gibt es eben Musiker, die da noch nicht dabei waren und diese Titel noch nie gespielt haben. "Der Realist" ist so ein Beispiel, den haben wir noch nie live gespielt. Also ich finde es wirklich sehr spannend, das Publikum mal auf die Art mitbestimmen zu lassen.

Du hast schon angesprochen, dass die anderen Musiker aus der Band auch eigene Projekte, eigene Bands haben. Dadurch bringen sie nochmal andere Erfahrungen und andere Sichtweisen mit ein. Spielen diese Eindrücke für dich, für eure gemeinsame Arbeit an einem Album oder einem Konzert auch eine Rolle oder ist das ausschließlich oder zum größten Teil deine Arbeit, die da drin steckt?
Also meine Arbeit ist meistens die Textarbeit und manchmal habe ich auch eine grundsätzliche Melodie, wie ich das gerne singen würde. Aber wie es dann letztlich musikalisch klingt, das kommt tatsächlich von der Band. Ich glaube, dass das für die Band auch ein Experimentierfeld ist, eben etwas anderes, als sie sonst so machen. Und das ist auch das Gute daran. Natürlich profitiert man davon, dass über die Hälfte der Band Jazz studiert hat. Dadurch sind wir musikalisch sehr gelenkig. Kurzfristige Änderungen, wie beim Konzert im letzten Jahr in Potsdam zum Beispiel, wären nicht möglich gewesen, wenn die Musiker das Lied nicht von jetzt auf gleich ein paar Töne tiefer denken könnten. So sagen sie: Naja, dann spielen wir das Lied halt ein bisschen tiefer, das müsste eigentlich hinhauen. Und dann probieren wir das einfach mal aus ...

Das ist irgendwie schon ein besonderes Qualitätsmerkmal ...
Ja, sowieso. Die ganze Band ist ein riesen Qualitätsmerkmal. Ich bin echt froh, dass ich ihnen mit meinen Texten anscheinend so viel geben kann, dass sie Lust haben, mit mir unterwegs zu sein. Mal davon abgesehen, dass sich inzwischen eine tolle Beziehung in der ganzen Bande entwickelt hat und wir einfach sehr viel Spaß auf und hinter der Bühne haben. Das spielt natürlich die wichtigste Rolle. Aber es ist wirklich auch musikalisch, sozusagen aus professioneller Sicht, ein großes Glück, mit dieser Band zu spielen, die da jetzt gerade am Start ist.

008 20170519 1635367063Dieses Gefühl, finde ich, bringt ihr auch auf der Bühne rüber, wenn man euch da erlebt. Insofern sind die Konzerte mit der Bandbesetzung schon etwas besonderes, da entsteht noch eine andere Dynamik. Ihr habt - was aus meiner Sicht nicht allzu häufig vorkommt - auch das Talent, gute Texte mit tanzbaren Rhythmen zu verbandeln. Es gibt bei euch also nicht dieses entweder oder, sondern es ist eine schöne Verbindung.
Ja, und wenn die Band Lust hat, ein Fass aufzumachen, dann wird halt ein Fass aufgemacht. Dann ist es eben plötzlich ein richtiges Rockkonzert oder irgendwas anderes in der Richtung, in die es dann gerade geht. Bei uns vermischen sich hier oder da eben auch die Kategorien. Bei "Vor dem Fenster" zum Beispiel. Ich weiß gar nicht, was für eine Musik das ist. Das ist im Moment für mich das faszinierendste Stück, das wir haben. Es hat etwas sehr chansonhaftes, aber es hat irgendwie auch etwas rammsteineskes. Oder so. Mit dieser martialischen Trommel hat das Stück für mich etwas sehr Gewaltiges und auch eine gewisse Theatralik. Das gefällt mir sehr gut. Dazu läuft vom Text her eine kleine Dokumentation des deutschen Alltages.

Das macht es nicht eben leicht, eure Musik einzuordnen. Wobei ich das persönlich sehr angenehm finde, dass ihr euch in keine der klassischen Schubladen einordnen lasst ...
Ja, die Veranstalter wollen oft eine Zuordnung haben und Singer/Songwriter ist so ein Begriff, der anscheinend immer geht. Da kann man als Veranstalter wahrscheinlich nicht viel falsch machen. Und in Programmen steht dann womöglich 26 Mal hintereinander Singer/Songwriter. Da fragt man sich schon, was man mit diesem oder jenem gemeinsam hat. Da passt so etwas wie Chanson für mich deutlich besser. Das trifft es am ehesten, weil Chanson eben sowohl Georges Brassens als auch Jaques Brel ist. Also sowohl der Musiker, der allein mit der Gitarre auf der Bühne sitzt, so wie Reinhard Mey, als auch der, der mit einem ganzen Orchester auf der Bühne spielt. Das ist quasi die Spannweite und die gefällt mir ganz gut. Das macht eine Schublade auf, in der sehr viel Platz ist.

Diese Beschreibung ist ein wunderbarer Abschluss. Herzlichen Dank nochmal für das Gespräch! Dir alles Gute und viel Spaß für die kommenden Konzerte, Projekte und Ideen!
Dankeschön!



Interview: Grit Bugasch
Bearbeitung: cr
Fotos: Pressematerial, W. Oschington, M. Werner, S. Reichel





   
   
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