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Interview vom 20. Mai 2016



Am 18. März erschien mit "Mein Herz" das Debütalbum der Leipzig-Dresdner Band 108 FAHRENHEIT mit Lieder vom Leben, von der Liebe und über die kleinen und großen Dingen in unserer Welt. Dabei sind die Musiker schon eine Weile zusammen aktiv und haben unter dem Namen NIEMANN bereits CDs veröffentlicht. Im Jahre 2014 änderte man den Bandnamen in 108 FAHRENHEIT um. Keine zwei Jahre ist das her und 108 FAHRENHEIT legen nun besagtes Album vor. Die Band macht unverfälschte Musik, die direkt vom Herzen und aus der Seele kommt.001 20160520 1616813655 In ihren Liedern haben Nachdenklichkeit und Lebensfreude gleichermaßen Platz und die Verpackung, also die Musik, ist ebenso einzigartig wie der Inhalt: "Wir versuchen, einen Sound zu erschaffen, den es so mit deutschsprachiger Musik noch nicht gibt, eine Mischung aus Rock, Pop, Acoustic, Country, Folk ...", sagt Frontmann Kai Niemann über die Musik und das Album. Wer jetzt grübelt, woher er den Namen Kai Niemann kennt, der braucht gar nicht so weit suchen. Niemann hatte 2001 mit "Im Osten" einen landesweiten Hit. Aber auch Adrian Kehlbacher ist auf diesem Portal bereits das eine oder andere Mal vorgekommen. Er gehört zur Live-Band von FALKENBERG. "Mein Herz" hat direkt nach seiner Veröffentlichung für großes mediales Interesse gesorgt, warum auch die Tour in den Herbst verschoben wurde. Genau zwischen Album-Veröffentlichung und Tour haben wir die Band zu einem Interview eingeladen. Kai Niemann hat die Einladung angenommen und Christian diverse Fragen beantwortet, z.B. die, ob der Namenswechsel von NIEMANN zu 108 FAHRENHEIT etwas damit zu tun, dass die PEGIDA-Bewegung den Song "Wir sind das Volk" von NIEMANN für ihre Propaganda zweckentfremdet und ungefragt benutzt hat? Oder die Frage nach den vielen tollen Songs, und woher die Ideen dazu kommen. Das komplette Gespräch kann jetzt hier nachgelesen werden ...



108 FAHRENHEIT sind 42,2 Grad Celsius. Wie oft seid Ihr jetzt schon darauf angesprochen worden, was der Name zu bedeuten hat?
Eigentlich werden wir bei jedem Interview darauf angesprochen.

002 20160520 1587732536Wer hatte die Idee dazu und hat der Name einen direkten Bezug zur Band? Wenn ja, welchen?
Die Idee mit dem Wort "Fahrenheit" stammt von mir, irgendwie mochte ich den Namen "Fahrenheit" schon immer und ich fand, er passt zu unserer Musik. Das wurde dann in der "Urband" (Marco, Adrian und ich) besprochen und dann kam noch die 108 dazu, weil wir eine Wort-Zahlen-Kombination wollten.

Vorher wart Ihr unter dem Namen NIEMANN unterwegs. Warum wurde dieser abgelegt? Hat das was mit dem PEGIDA-Problem zu tun, das Ihr als Band hattet?
Ja, hatte es auch. Außerdem sind wir eine Band, es gab mit der Gründung einen musikalischen Neuanfang und deshalb war auch klar, dass wir irgendwann einen neuen Namen brauchten. Zusätzlich hatte es eben den schönen Effekt, zumindest namentlich nicht mehr mit PEGIDA und Co. und auch mit "Im Osten" in Verbindung gebracht zu werden.

Diese "Gruppierung" hat den Song "Wir sind das Volk" von Euch, damals noch unter dem Namen NIEMANN veröffentlicht, für seine Zwecke missbraucht. Wie ist die Sache eigentlich ausgegangen. Konnte die weitere Verwendung unterbunden werden?
Nicht direkt. Wir haben akribisch alle Videos mit rechten Inhalten löschen lassen, die diesen Song verwendet haben und sind da auch immer noch hinterher. Dass der Song bei öffentlichen und angemeldeten Veranstaltungen benutzt wird, kann man indes nicht verhindern.

003 20160520 2013636944Wie steht Ihr denn heute zu der Nummer? Hat das Lied gelitten, bzw. könnt Ihr damit noch so umgehen wie vor dem Missbrauch?
Wir haben das Lied nicht im Live-Programm, es ist ja inzwischen auch sieben Jahre alt und wir spielen lieber neuere Lieder.

Sprechen wir doch mal über Euer aktuelles Album "Mein Herz". Das ist inzwischen schon zwei Monate am Markt. Wie zufrieden seid Ihr mit den Verkäufen und damit, wie es beim Publikum ankommt?
Bis jetzt sind wir sehr zufrieden. Wir haben Aufmerksamkeit erreget und bereiten nun die zweite Single vor. Mehr geht natürlich immer.

Ich habe gelesen, dass es ein großes mediales Interesse um das Album gab. Stimmt das?
Ja, das stimmt. Wir haben es geschafft, Fernsehauftritte beim ZDF, MDR usw. sowie zahlreiche Presse-Interviews zu bekommen und haben auch immer direkt gemerkt, dass die Musik gut aufgenommen wurde, wenn wir Öffentlichkeit hatten. Das bestärkt uns natürlich und treibt uns voran.

Als ich mir die Scheibe das erste Mal angehört habe hatte ich stellenweise das Gefühl, dort Bob Dylan oder Leonard Cohen musizieren und singen zu hören. Haben die von mir genannten Künstler irgendeinen Einfluss auf Euch und Eure Musik genommen oder ist das reiner Zufall?
Natürlich gibt es da Einflüsse. Ich bin in den 80ern und 90ern groß geworden, und der Dylan-Einfluss kommt bestimmt auch indirekt über Springsteen, von dem ich schon immer ein großer Fan war. Alle Musik, die man hört, hat wahrscheinlich einen Einfluss. "Direkt gewollt" ist das aber nicht, das passiert einfach von allein.

004 20160520 1616386702Im Januar habt Ihr den Song "Schweigend mit Dir stehen" als erste Single aus dem Album veröffentlicht. Ihr kritisiert darin die zunehmende Vereinsamung durch die digitale Welt. Habt Ihr in Eurem Umfeld Schicksale, die das Entstehen so eines Songs bzw. Textes ausgelöst haben?
Ja, haben wir. Immer wieder trifft man auf Leute, die die reale Welt vernachlässigen, weil sie nur noch damit beschäftigt sind, Fotos mit dem Smartphone zu machen, um die dann zu posten. Da geht etwas verloren, zum Beispiel die Fähigkeit, schöne Erlebnisse zu fühlen, während sie passieren und sie im Herzen zu speichern anstatt im Netz. Manche Leute richten sogar ihre Unternehmungen nach dem medialen "Wert" aus. Das ist widerlich.

Seid Ihr selbst auch bei sozialen Netzwerken angemeldet und wenn ja, wie geht Ihr damit um?
Wir sind alle auf Facebook und natürlich auch mit der Band in allen möglichen Netzwerken. Das muss man heutzutage machen. Wir posten aber alle fast nie privat. Ich mache von Zeit zu Zeit politische Posts oder zu anderen musikalischen Themen. Mein Privatleben findet aber in der Realität statt.

Die Texte und die Musik auf dem Album sind allesamt von Dir. Die Lieder und Inhalte versprühen auf der einen Seite Lebensfreude, versetzen die Hörer aber immer wieder auch in eine tiefe Einkehr und bringen es zum Nachdenken. Entstehen die Lieder bei Dir auch immer in solchen Gefühlsmomenten?
Ja, natürlich. Persönliche Gefühlszustände wandern fast eins zu eins in die Lieder.

005 20160520 1632334060Gibt es Themen, die Du nicht anfassen würdest, um sie musikalisch umzusetzen?
Ich habe einfach nicht die Fähigkeit, den banalen Alltag in Liedern umzusetzen. Ich kann nicht darüber schreiben und singen, wie ich durch den Park latsche und Kaffee trinke oder die Wäsche mache oder den Müll runterbringe. Ich brauch abstrakte und große Gefühle und große Themen. Wir sind (live mitunter) 15 Leute. Der Sound wird dann so fett, dass es die Themen auch sein müssen.

Nicht selten vermitteln die Lieder das Gefühl, dass der Hörer mit bestimmten Dingen nicht allein ist. Man fühlt sich von Euch abgeholt und verstanden. Denkt man beim Schreiben solcher Lieder in erster Linie an sich und seine Empfindungen, oder ist das Einfühlungsvermögen so groß, dass schon beim Schreiben über den Tellerrand hinaus geschaut wird?
Ja, natürlich schaut man auch darüber hinaus. Menschen das Gefühl zu geben, auch mit ihren traurigen Empfindungen nicht allein zu sein, ist einer unserer Hauptanliegen und irgendwie auch generell der Sinn von Musik, finden wir.

Es geht auf dem Album aber auch um die Zerstörung unseres eigenen Lebensraums. "Leerer Planet" ist eines dieser Lieder, die das zum Thema machen, und sowohl die Musik als auch der Inhalt sind wenig optimistisch ... es ist eher wie die Beschreibung eines Alptraums. Kann man dieses Thema nur noch so betrachten? Das ist ja längst keine Mahnung mehr, sondern schon eine Vorhersage, oder?
Beim Thema Umwelt sind die Zeiten von Optimismus längst vorbei. Mit Optimismus regt man die Leute nicht an, was zu ändern, sondern verschafft ihnen Luft, das Thema auch morgen oder übermorgen zu verschieben. "Ist doch alles nicht so schlimm" oder "das wird schon wieder" führt, im Bezug auf die Zerstörung unseres Planeten nur dazu, dass gar nichts passiert. Daher gibt es für uns keine Möglichkeit, beim Thema Umwelt eine fröhliche Herangehensweise zu finden. Dafür sind die Menschen zu bequem.

006 20160520 1512835866Mit "Letzter Tag" wird gleich noch ein Song zum Thema nachgelegt. Vom Arrangement her sehr aufgewühlt gestaltet, vom Gesang her wütend vorgetragen. Gibt es auf die Frage, "Sag mir, wer wir sind ...", denn inzwischen eine Antwort?
Du meinst, "... was wir sehen, wenn die Sterne am Himmel stehen und die Sonne trotzdem noch scheint ..."? Nein, diese Frage wird wohl wirklich erst am allerletzten Tag der Menschheit beantwortet.

"Kopf hoch, Baby" versprüht dagegen so richtig viel Optimismus. Es ist ein Song zum Aufmuntern und Wiederaufhelfen - ein Mutspender. Für wen ist dieses Lied entstanden?
Für Menschen, die an sich selbst zweifeln und deshalb auch am Leben. Das Lied soll so etwas wie ein Freund sein, den man dringend braucht, wenn man denkt, es geht nicht mehr weiter ...

Musikalisch ist "Mein Herz" ein bunter Mix aus Pop, Rock, Folk, Country und anderen Stilistiken, die wunderbar miteinander verwoben werden. Dazu die deutschen Texte mit Inhalt. Gab es dazu irgendeine Inspiration, die Euch diesen Ritt durch die Genres reiten lässt?
Die Lieder selbst sind die Inspiration. Sie sollen echt sein, und da ist das Genre egal.

Herausstechend ist auf der Platte das Banjo von Marco Pfennig. Ein Instrument, das in der populären Musik kaum noch vorkommt. Hier ist es ein wichtiger Bestandteil der Musik. Hat sich das durch reines Ausprobieren ergeben oder war das eine klare Sache, dass bei Eurer Musik ein Banjo mit dabei sein muss?
Das war eine klare Sache, ich bin Country-Fan und mag auch Mumford & Sons. Ich sagte zu Adrian, "Wir brauchen ein Banjo in der Band!", und wenig später war Marco da. Es gibt keinen vergleichbaren Sound, den kann eben nur ein Banjo, und wir haben das große Glück, jemanden in der Band zu haben, der es auch noch richtig spielen kann. Marco und sein Banjo sind nicht wegzudenken.

007 20160520 2099191759Ihr seid live mit 10 Gastmusikern unterwegs, der Kern der Band besteht mit Kai Niemann, Marco Pfennig und Adrian Kehlbacher, sowie drei weiteren Bandmusikern, aus sechs Mitgliedern. Das sind nach Adam Riese 16 Musiker, die auf der Bühne stehen. Das kostet doch eine Menge Geld, mit dem ganz großen Besteck auf die Bühne zu gehen, und ist auch logistisch ein Riesending, oder? Wie trägt sich das?
Das trägt sich nicht wirklich. Wir haben das Glück, dass wir so viele Musiker kennen und dass die auch noch unsere Musik mögen. Damit schaffen wir es, einen unvergleichlichen, fetten Sound auf der Bühne zu schaffen. Geld zu verdienen ist damit allerdings unmöglich. Zumindest so lange, bis wir in großen Stadien spielen ;-)

Im Herbst gibt es vier Konzerte in Erfurt, Dresden, Chemnitz und Halle. Kommt da noch etwas dazu oder bleibt es zuerst bei dieser kleinen Tour?
Es kommt ständig was dazu. So unterstützen wir demnächst zum Beispiel das "Bündnis gegen Depression" in Halle. Termine gibt's dann immer auf unserer Homepage und natürlich auch bei Facebook.

Wird bei den Konzerten das komplette Album gespielt oder wird es auch Songs aus den Platten geben, die noch unter dem Namen NIEMANN entstanden sind?
Hauptsächlich das Album und auch noch neuere Lieder. Zum Teil entstehen manche auch erst wenige Tage vor 'm Konzert. Da wird dann auch improvisiert ... ein paar ältere Titel gibt es aber auch immer mal wieder.

008 20160520 1437196772NIEMANN war mit zwei Alben bei CÄSAR Musik, das heute ja DAKE heißt. Seid Ihr mit 108 FAHRENHEIT auch noch dort?
Nein. Wir sind bei RDS unter Vertrag.

Verbindet Euch etwas mit dem Musiker CÄSAR?
Ja, Cäsar kannte ich seit 1997. Er war ein guter Freund und seine Frau Simone ist es immer noch. Wir haben Musik zusammen produziert und auch gemeinsam gespielt.

Ich danke Dir für die Antworten auf meine Fragen und die Zeit. Möchtet Ihr noch ein paar abschließende Worte an unsere Leser richten?
Ja: Hört auf Euer Herz. Immer!


Interview: Christian Reder
Bearbeitung: cr
Fotos: Pressematerial (Janet Schade, Silke Kurtz, René Unger)





EPK zum Album "Mein Herz": Wer ist 108 FAHRENHEIT?






   
   
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