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Nach "EntwederUndOder" aus dem Jahre 2011, sind im Oktober 2014 gleich zwei neue CDs erschienen, an denen Hubert von Goisern direkt beteiligt ist. Zwei Jahre Bühnenpause - und trotzdem nicht untätig. Neue Inspiration und neue Stücke für das kommende Studioalbum (wird im Frühjahr 2015 erscheinen, ist jetzt schon auf Tour zu hören), Dreharbeiten für den Kinofilm "Brenna tuats schon lang" (wird ebenfalls im Frühjahr 2015 ins Kino kommen) und: Hubert von Goisern hat seine Zeit unter anderem damit verbracht,001 20141111 1677197154 die Musikkonzeption für die Dauerausstellung "Alpenliebe" auf dem Großglockner zu gestalten. Das war der Grundstein für eine neue Auseinandersetzung mit alpenländischer Volksmusik - und für die CD "Steilklänge Vol. I".


Wie kam es zu diesem Projekt?
Julia Stoff, die Organisatorin der Ausstellung, hat mich angerufen und gefragt, ob ich Lust und Interesse hätte, diesen Teil der Ausstellung zu gestalten - den akustischen. Eigentlich wollte sie eine Stunde lang traditionelle Musik aus dem gesamten Alpenraum haben, für einen Raum mit interaktiven Abspielmöglichkeiten. Sowas wie ein moderner Wurlitzer. Ich hab mich sehr gefreut über diese Anfrage - aber aus dieser einen Stunde sind dann dreieinhalb Stunden geworden. Niemand war entsetzt, Gott sei Dank, sondern alle haben sich gefreut, dass das umfangreicher geworden ist.
Und ich war auch selber überrascht, wie viel Zeit ich dafür investiert habe. Ich dachte erst, ich mach das mit links. Frankreich, Italien ist noch ein blinder Fleck, aber Deutschland, Österreich, Schweiz - da kenn' ich mich aus. Und dann bin ich draufgekommen: oh Gott, Slovenien, das gibt's ja auch noch - die gehören ja auch dazu zum alpinen Raum. Und so gabs dann plötzlich mehr blinde Flecken auf der Landkarte als solche, wo ich wusste, was gespielt wird - im wahrsten Sinne des Wortes. Ich bin dann viel herumgefahren, auch nach Norditalien und in den äußersten Westen Österreichs, hab mich mit sehr vielen spannenden Leuten getroffen, hab vieles kennengelernt, wovon ich nicht mal eine Ahnung hatte, dass es sowas in Mitteleuropa überhaupt noch gibt. Sehr archaische, sehr alte und sehr berührende, wirkliche, richtige Volksmusik. Auch die Definition von Volksmusik ist mir dann eigentlich klar geworden: Volksmusik ist, dann, wenn das Volk etwas zu seinem macht. Es kann ein schönes Lied im volksmusikalischen Duktus sein, aber wenn es die Leute nicht selber singen, ist es kein Volkslied. Es gibt Gegenden, zum Beispiel in Norditalien, wo ganze Dörfer singen. Ich bekomme eine Gänsehaut, wenn ich jetzt nur davon rede und diese Szenen vor mir habe. Oder auch diese großen Jodelchöre in der Schweiz und in Kärnten. Ich finde es einfach wunderbar, wenn alle mitsingen. Dann ist es wirklich Volksmusik. Und davon gibt es wirklich noch einiges zu entdecken. Auch viel, was ich selber noch nicht entdeckt habe.

002 20141111 1211953215Natürlich haben nicht alle Titel aus dieser großen, ausführlichen Sammlung den Weg auf die CD "Steilklänge" gefunden. Wie ist die Auswahl entstanden?
Ein Best-of ist es nicht - es hätte viele Rahmen gesprengt, wenn wir alles draufgegeben hätten, alle 99 Titel, die in der Ausstellung zu hören sind. Es gab rechtlich Probleme, es gab teilweise auch für mich sehr betrübliche Verweigerungen von Musikern, Musikanten, die sich nicht integrieren wollten in dieses Projekt, auch wenn es nur eine ganz kleine Handvoll war. Viele kleine Niederlagen, die aber sehr schmerzhaft waren, weil ich mich diesen Musikern und Musikanten und dieser Szene sehr verbunden fühle, sie sich aber nicht mit mir. Und das hat mich einige schlaflose Nächte gekostet. Aber diese 70 Minuten Musik auf den "Steilklängen" können nur ein Ausschnitt sein, so wie man mit dem Flugzeug über eine Landschaft fliegt, und ab und zu reißt die Wolkendecke auf und man sieht durch und es soll neugierig machen, dass man da vielleicht selber aktiv wird.

Das zweite, "große" Projekt in diesem Sommer war etwas ganz anderes: die Musik für den Film "Österreich von oben und unten" des Regisseurs Joseph Vilsmaier. Daraus ist wieder eine CD entstanden, die "Filmmusik".
Ja, es kam diese Anfrage, die Filmmusik zu machen für einen Dokumentarfilm über Österreich, einen sehr aufwendig produzierten. Dann hab ich das erste Mal den Rohschnitt gesehen, das waren dreieinhalb Stunden - und ich fand: keine Minute zu lang. Ich war so begeistert von den Bildern, die ich gesehen habe, so begeistert von dem Land, das unseres ist und das ich da gesehen habe, dass ich sehr froh war, zugesagt zu haben, das mit meiner Musik zu hinterlegen. Aber dann wurde ein richtig langes, aufwendiges Projekt draus. Was sicher auch ein Grund dafür war, dass meine Studioplatte nicht fertig geworden ist. Ich habe, glaube ich, zwei Monate nur an der Filmmusik gearbeitet. Aber es war eine Herausforderung. Ich habe zugesagt unter der Prämisse, dass ich orchestral arbeiten darf. Denn das habe ich noch nie gemacht - oder schon ewig nicht mehr. Und es gab auch einen besonderen Menschen, mit dem ich einmal zusammenarbeiten wollte, Professor Robert Opratko. Ich hätte nicht gewusst, was ich mache, wenn ich ihn nicht dafür gewinnen hätte können. Aber er ließ sich überzeugen.

003 20141111 1701467291Wie ist die Zusammenarbeit mit Robert Opratko entstanden?
Ich habe ihn zuerst kontaktiert, hab ihm das erzählt. Und er hat sich sehr gefreut. Er sei auch ein großer Bewunderer meiner Musik, aber hätte leider keine Zeit. Damals war er gerade Präsident der AKM (Staatlich genehmigte Gesellschaft der Autoren, Komponisten und Musikverleger in Österreich, ähnlich der deutschen GEMA, Anm. d. Red.) geworden und hatte auch privat genug zu tun und Verpflichtungen. Er war sich des Aufwandes bewusst. Aber ich bin dran geblieben. Da sich der Schnitt auch immer weiter hinausgezogen hat, hab ich einen neuen Anlauf genommen, und wir haben uns zwischendurch getroffen. Wir haben uns von Anfang an sehr gemocht. Irgendwann sagte Robert: "Ich möchts eigentlich schon probieren. Ich mach mal eins, und dann siehst Du, ob Du damit etwas anfangen kannst." Ich habe sechs Stücke zusammengestellt und ihm gesagt: "Schau, such Dir eins aus, ich weiß nicht, zu welchem Du mehr Zugang hast." Und dann schaut er mich verschmitzt an und sagt: "Aber eigentlich willst Du, dass ich alle sechs mache." Und das wollte ich natürlich. Er hat dann tatsächlich alle sechs gemacht. Und ich durfte über seine Schulter schauen - und ich bin hin und weg. Es gab musikalisch - jetzt weniger harmonisch, aber vom Vortrag, von der Taktierung - so viele Aufgaben, die zu lösen waren, weil viele der Stücke frei musiziert waren. Ein Jodler hat keinen Takt, hat keinen Puls, sondern ist einfach frei in die Welt hinausgesungen. Und dass dann ein Orchester dazu spielen soll, das hat es notwendig gemacht, dass er aufteilt in Taktstruktur, um es dirigieren zu können. Zum Beispiel ein Stück wie den "Kuahmelcher" - unvorstellbar.

Unvorstellbar?
Ich hab mir gedacht: ich bin neugierig, wie das gehen soll. Und: vielleicht muss ich das alles nochmal neu einsingen. Mit dem Orchester zusammen, damit sie nicht etwas im Kopfhörer hören, das vollkommen unberechenbar auf sie einströmt. Aber er hat das mit seinem Taktstock mit unglaublicher Disziplin und Ruhe, ohne Aufregung, geschafft.

Hört man auf der "Filmmusik" also Bekanntes auf ganz neue Weise?
Ja, man hört es, es ist einfach Orchester. Richtige Geigen, richtige Bässe, richtige Posaunen. Es ist ein großes Orchester und klingt dementsprechend groß und breit. Titel wie "Spat", wo ich ja auch im Studio schon einen Kontrabass und eine Geige hatte, lassen das schon ein bisschen durchspüren, aber da kam viel von dem breiten Sound vom Keyboard, von Samplern.004 20141111 1960320010 Das hier ist richtig mit Fleisch und Blut musiziertes Orchester. Das hat eine Lebendigkeit, aber eben auch eine Breite, das evoziert, noch mehr als die Titel es schon vorher getan haben, eine innere Landschaft. Es ist eine Filmmusik. Und als solches wird der Blick breit und weit und richtet sich auf den Horizont, und das Hören auch.

Welche Titel findet man - ausser den orchestralen Remixen von Goisern-Klassikern - noch auf der "Filmmusik"?
Es sind nicht nur Titel, die von mir und Robert Opratko orchestriert sind, es sind auch zwei Titel vom K&K Streichquartett darauf. Ein Arrangement des Erzherzog-Johann-Jodler, das Atze Finder geschrieben hat und das, wie ich finde, ein unglaublich schönes Stück Streichquartett ist. Und eine ganz außergewöhnliche, hinreißende Version des Donauwalzers von Strauss. Es ist von der Mozartband eine Mozartarie drauf, die auch unter die Haut geht, eingespielt und arrangiert von Wolfgang Staribacher und seiner Mozartband. Wir sind, weil das auch im Film vorkommt, in die Glockengießerei Grassmeier in Innsbruck gefahren und haben dort Glocken aufgenommen. Mit einem durchdringenden, herrlichen Ton und Akkorden, die sich daraus ergeben. Es gibt ein Stück, das ich mit dem Salzburger Volksliedchor produziert habe. Ein Jodler, der Rinecker. Ich habe eine Glockenkomposition vom Glockengeläut aus St Florian dazukomponiert und auch zwei Solostimmen geschrieben. Am liebsten hätte ich alles auf die CD gegeben, aber der Film ist 90 Minuten lang und hat so gut wie 85 Minuten Musik. Das hätte auch hier den Rahmen gesprengt. Einschränkung ist etwas, was ich nicht mag, aber was immer wieder mal notwendig ist.

Bitte beachtet auch:
• Rezension zum Album "Steilklänge Vol. I": HIER
• Rezension zum Album "Filmmusik": HIER
• Gerd Müllers Juwelen-Seite über HvG: HIER
 


Fotos in diesem Interview mit freundlicher Genehmigung von Blanko Musik
Fotografen: u.a. Konrad Fersterer, Philip Platzer



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