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Endlich klappte es...

Eigentlich war dieses Interview schon für das Frühjahr 2012 geplant, aber viel zu beschäftigt war in dieser Zeit, wie auch im gesamten zurückliegenden Jahr, die Künstlerin, die sich im Jahr 1979 mit ihrer unvergessenen "Jugendliebe" in die Hitparaden, vor allem aber in die Herzen vieler Menschen sang. Zwei erfolgreiche Alben sowie einige Singles veröffentlichte sie in der DDR, bevor sie ihrer Heimat im Jahr 1984 den Rücken kehrte. Mit ihrem Weggang aus der DDR schien die Karriere zunächst beendet. Doch die Künstlerin kämpfte sich durch, sang weiter und irgendwann stellten sich wieder Erfolge ein. Seit 1994 veröffentliche sie neun Alben, die allesamt für sich sprechen.
2012 war zweifelsohne ihr Jahr. Ein Jahr der großen Erfolge: Ihr 40-jähriges Bühnenjubiläum, zahlreiche Live- und TV-Auftritte sowie weitere Veröffentlichungen, so beispielsweise ihre von Christine Dähn geschriebene Biografie "Jugendliebe". Alles Dinge, über die es sich zu reden lohnt.
Trotz eines langen Tags im Büro und der am kommenden Tag anstehenden Reise zum "SMAGO! AWARD 2012" in die mittelfränkische Kleinstadt Weißenburg nahm sich Ute Freudenberg viel Zeit, sich mit unserem Kollegen Mike Brettschneider über die Anfänge ihrer Karriere, ihre Erfolge, aber auch über schwierige Zeiten zu unterhalten...
Ein herzliches Dankeschön gilt in diesem Zusammenhang auch Adelheid "Adele" Walther, Utes Managerin, die uns beim Zustandekommen des Interviews tatkräftig und liebevoll unterstützte.

 

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Das Jahr 2012 neigt sich dem Ende, für Dich war es Dein Jubiläumsjahr: 40 Jahre UTE FREUDENBERG. Ein neues Album mit dem Titel "Willkommen im Leben", Deine Biografie, die Live-DVD des Jubiläumskonzerts in der Alten Oper Erfurt sowie im Oktober das Jubiläumsalbum auf zwei CDs, zahlreiche Live- und Fernsehauftritte... Es scheint, Du kamst aus dem Feiern gar nicht mehr raus. Wie hast Du dieses Jahr erlebt und welche waren Deine ganz persönlichen Höhepunkte oder hattest Du noch gar keine Zeit, darüber nachzudenken?
Ich hatte noch gar keine Zeit, darüber nachzudenken, ich feierte zwar, aber das war ja alles auch mit Arbeit verbunden. Also ich hatte bis jetzt noch nicht ein einziges Mal die Chance, mich zurück zu lehnen, um zu sagen: "Mein Gott, das ist ja das hammermäßigste Jahr, welches ich in den 40 Jahren erlebt habe." Wir arbeiten jetzt wirklich noch durch bis Weihnachten, im Januar ist dann Urlaub angesagt und ich glaube, wenn ich mit Adele auf Sri Lanka sein werde, dann werden wir erst mal gemeinsam realisieren, was wir für ein schönes Jahr hinter uns gebracht haben, weil alles so traumhaft gelaufen ist, wie man sich das nicht mal hätte vorstellen können. Adele hatte vor ca. einem Jahr zu mir gesagt: "Lass uns doch ein Rundumwohlfühlpaket machen, also eine neue CD, eine Tour, vielleicht noch eine CD mit den Hits, die sich die Fans wünschen, vielleicht noch eine Live-DVD und am schärfsten wäre noch ein Buch!" Und dann haben wir das auch alles verwirklicht, gemacht und getan und es ist alles so unglaublich erfolgreich gelaufen, dass ich es gar nicht fassen kann und ich bin natürlich superhappy. Ich bin sehr, sehr glücklich und sehr stolz. Es war MEIN Jahr in den 40 Jahren, das erfolgreichste meiner Karriere.

Ich denke, auf Deine Karriere kannst Du auch mit Stolz zurückblicken.
Ja, allerdings. Das kann man wirklich sagen. Und vor allem, man ist ja auch nicht mehr die Jüngste und dass ich nach 40 Jahren so einen Erfolg habe, das passt bestimmt ins Guinness-Buch der Rekorde. (lacht)

Na dieser Eintrag sei dir auf jeden Fall gegönnt..
Danke!

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Kannst Du Dich noch erinnern, wann und wo der Grundstein für Deine Karriere gelegt wurde, warst Du durch Dein Elternhaus musikalisch vorbelastet?
Ich kam auf die Welt und habe gesungen, das war so. (lacht) Ich habe gleich komische Geräusche von mir gegeben, als ich geboren wurde und dann habe ich, als ich laufen lernte und sprechen konnte, sehr viel Radio gehört und sang von Anfang an überall, wo ich war, sehr gern. Ich war ein sehr fröhliches Kind und wenn man mich auf der Straße mit fünf Jahren fragte "Na, was willst du denn mal werden?", da habe ich gesagt: "Ich werde Sängerin." Also ich habe das von Anfang an gewusst, obwohl ich damals natürlich nicht wusste, dass das wirklich Wahrheit werden sollte. Es muss wohl ein ganz innig tiefer Traum in mir gewesen sein und ich hatte zum Glück ein Elternhaus, welches mich unterstützte, dass ich diesen Traum leben konnte. Und ich glaube, es ist das größte Glück mit in meinem Leben, dass ich so tolle Eltern hatte, die einfach erkannten, unsere Tochter, die will gern singen und sie haben sich nicht dagegen gestellt, sondern sie taten alles dafür, was notwendig war. Ich bekam ein Klavier, ich bekam eine Gitarre, ich bekam ein Tonbandgerät. Ein Mehrspurtonband (!), das war ja damals Wahnsinn in der DDR. Meine Eltern standen immer hinter mir, waren stolz und ich absolvierte dann natürlich auch mein Studium mit Leib und Seele. Es war von Anfang an in mir und deswegen sage ich ja auch: Ich werde noch sehr lange singen, weil ich das nicht aufgeben kann. (lacht)

Das wird auch Dein Publikum von Dir erwarten...
Ja, die sagen ja immer, ich solle nie aufhören, zu singen. Also, das kann ich natürlich nicht versprechen, aber ich sage mir immer: So lange ich auf der Bühne richtig fit bin, mich toll bewegen kann und meine Stimme in Ordnung ist, so lange werde ich definitiv singen.

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Deine eigentliche "Entdeckung" als Sängerin geht zurück ins Jahr 1971 und fand in einem FDJ-Ferienlager statt. Wie war das damals genau?
Das war in Strausberg im Kyffhäuserkreis in einem typischen FDJ-Ferienlager. Ich sagte mir damals, Mensch, du warst noch nie in einem Ferienlager, du warst noch nie von zu Hause weg. Wenn du mal älter bist und man sitzt so zusammen und alle erzählen, was sie da alles erlebt haben, kannst du überhaupt nicht mitreden und da sagte ich zu meiner Mutti, sie solle mich doch in den letzten Ferien meines Lebens zu so einem Ferienlager anmelden. Sie meldete mich an, ich kam dort an und bereute es sofort, weil da überhaupt nichts los war. Das Essen war eine Katastrophe und das war für mich ja wichtig und es war regnerisch. Es war kalt, die Klamotten und das Bettzeug waren feucht, mir hat es überhaupt nicht gefallen. Und dann brachte zum Glück einer der Betreuer eine Gitarre und da habe ich natürlich die Chance meines Lebens gesehen, ich konnte singen! Und da warf ich ihm alle Titel zu, die er spielen soll, er selbst hatte auch Ideen und ich habe gesungen und gesungen... Plötzlich waren die ganzen Kinder um uns rum in einem großen Zelt, in das nicht alle hinein passten. Der Rest stand draußen, ich habe gerade "Mendocino" gegrölt (lacht) und plötzlich rief jemand: "Wer singt da?" und da hab' ich gedacht "Ach du Scheiße... du singst in einem FDJ-Ferienlager einen Westtitel, jetzt fliegste raus". Aber: Es war nicht so, ich habe meinen Entdecker Heiner Kusch kennen gelernt, er bildete zum damaligen Zeitpunkt am Institut für Lehrerbildung in Weimar Lehrer aus und hatte in diesem Ferienlager einen Ferienjob als Lagerfunker, unterhielt die Kinder, machte Musik und so weiter und so fort. Als er an diesem Zelt vorbei ging, hörte er meine Stimme und bemerkte natürlich sofort, welches Potential da vorhanden war und als ich mit gesenktem Kopf vor ihm stand (lacht), sagte er: "Mein Name ist Heiner Kusch, ich bitte dich, komm doch bitte nachher mal nach oben in den Lagerfunk." Da dachte ich immer noch, ich fliege raus, aber er erzählte mir, was er macht, dass er ein großes Hobby hat, nämlich die lateinamerikanische Musik und dass er in Erfurt eine Gruppe hat, die Los Iberos. Weiter erzählte er, dass sie regelmäßig Auftritte haben und dann spielte er mir etwas vor. In diesem Moment ist etwas passiert, was sehr eigenartig war. Ich habe diese spanischen Lieder einfach mitgesungen und hatte auch dieses Timbre für sie. Wir sind dann sogar in Flamenco gegangen, das war, als wäre ich in einem meiner früheren Leben in Spanien groß geworden, das war unglaublich. Von da an war es natürlich für mich sehr schön dort. Wir studierten viele Titel ein und gaben dann am Ende dieses Ferienlagers für die Jugendlichen ein Konzert. Danach hat er mich in seine Folkloregruppe Los Iberos geholt. Vorher holte er sich natürlich die Erlaubnis meiner Eltern ein und ab da war ich jeden Freitag in Erfurt. Eines Tages war dort in Erfurt das Fernsehen der DDR. Das wusste ich jedoch nicht, aber ER wusste es. Er sagte zu mir, wir gehen mal eine Etage tiefer zum Vorsingen und da ich alles ja mit Lust und Liebe machte, fragte ich gar nicht weiter, was das ist, weil ich Heiner total vertraute. Also bin ich da runter und habe einfach gesungen. Ja, das war beim Fernsehen der DDR, die waren auf Talentesuche und daraus entstand im Frühjahr 1972 die Sendung "Sechs Mädchen und Musik". Und das wiederum sah Manfred Schmitz, der zu diesem Zeitpunkt an der Musikhochschule "Franz Liszt" in Weimar lehrte. In meinen Unterlagen stand, dass ich Lehrerin werde. Er hörte, dass ich offensichtlich die einzige in der Sendung war, die damals live sang. Plötzlich stand er auf und meinte wohl: "NEEE, so ein Talent kann keine Lehrerin werden", setzte sich in sein Auto und fuhr nach Weimar-Schöndorf, um die Familie Freudenberg zu suchen. Er fand mich und sagte: "Mädel, das kann nicht sein, dass du Lehrerin wirst! Du musst Musik studieren!" Daraufhin antworte ich "Na ja, das ist ja auch mein großer Traum, ich habe immer gesagt, ich werde Sängerin, aber ich habe es nicht so mit dem klassischen Gesang. Ich singe die anderen, moderneren Sachen eben lieber" und darauf entgegnete er "Na wir haben doch auch eine Abteilung für Tanz- und Unterhaltungsmusik!" Ja, und da habe ich mein Lehrerstudium abgesagt, machte dieses berühmte Vor-Vor-Studienjahr, weil ich eigentlich noch zu jung war. Aber die haben sich das genehmigen lassen und so wechselte ich von der 10. Klasse zur "Franz-Liszt-Hochschule" und studierte dort fünf Jahre Musik.

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Eine sehr interessante Zeit und wie spontan sich das doch einfach entwickelt hat...
Eine sehr interessante Zeit, Wahnsinn. Der eine sagt "Zufall", der andere sagt, es muss so sein.

1976 startete dann elefant mit einer eher ungewöhnlichen Besetzung: Sechs männliche Musikanten und drei Sängerinnen. Neben Dir waren dies Eva Kyselka und Marion Scharf.
Nein, nicht ganz. Zu Beginn war statt Eva Kyselka Angelika Weiz mit dabei.

Ah ja, dankeschön! Bekannt aus dieser Zeit ist lediglich die Single mit den Songs "Drei Mädchen und eine Band"...
Na ja, bekannt ist ein wenig übertrieben, es war ein erster kleiner Achtungserfolg. In der Zwischenzeit war dann Eva Kyselka noch dabei und irgendwann nach knapp zwei Jahren war ich die alleinige Solistin von elefant. In dieser Zeit entstand dann auch die "Jugendliebe".

elefant wurde ja von Burkhard Lasch gegründet. Wie sah in der ersten Zeit Euer Live-Programm aus, welche Songs habt Ihr gespielt?
Wir haben alle internationalen Hits dieser Zeit nachgespielt und begannen auch gleich, eigene Sachen zu schreiben. Das war damals beispielsweise "Drei Mädchen und eine Band". Wir haben gleich versucht, eigene Songs zu machen.

Hattet Ihr damals Einfluss auf die Auswahl der Songs oder hatte das Burkhard Lasch in seinen Händen?
Nein, er betextete ja die Musik, die ihm angeboten wurde und hatte somit ein eigenes Interesse daran. Das war natürlich ein großes Sammelsurium, es wurde erst mal komponiert und komponiert, der einzige der bereits seinen eigenen Stil hatte, war Burkhard Lasch. Wir komponierten, arbeiteten an den Songs und guckten, wie das alles klingt und so weiter. Die ganz stetigen Geschichten entstanden erst später. Wobei aber auch schon in dieser Zeit wunderbare Songs entstanden, die umgesetzt wurden. Da waren wirklich superschöne, wie beispielsweise "Und wieder wird ein Mensch geboren" oder "Wie weit ist es bis ans Ende dieser Welt" dabei.

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Bereits nach einem Jahr verließen Angelika und Marion die Band. Lag es daran, dass bei drei Mädchen der sprichwörtliche "Zickenkrieg" nicht ausblieb oder was waren die Gründe für diese Trennung?
Also drei Weiber, da gibt es natürlich Probleme. Das war nicht immer leicht für mich, denn ich war so 'ne kleine gutmütige aus Weimar-Schöndorf, die glaubte, wir wollen alle nur das gleiche, nämlich Musik machen für die Menschen und dabei glücklich sein. Mich hat man wirklich eines anderen belehrt, da war Zickenkrieg, da war Stress, das war ganz furchtbar. Und dann gab es einen Tag, da war es so schlimm, da sagte ich zu den Kollegen: "Das halte ich nicht aus, ich kündige." Und da haben die gesagt: "Neee, DU bleibst!!" Nach dieser Ansage sind die anderen beiden gegangen worden, wobei Angelika Weiz die Band sowieso verlassen wollte. Also die Jungs entschieden sich für mich, das war mein großes Plus. Ich wollte kündigen und sie haben sich für mich entschieden.

1977 beendetest Du Dein Studium an der "Franz-Liszt-Hochschule" und Du warst die alleinige Frontfrau bei elefant. Als was sahst Du Dich selbst, als Interpretin, Sängerin oder Rocklady?
Ich sah mich schon immer als Interpretin, aber zu dieser Zeit sah ich mich als Rocklady! (lacht) Und ich habe in dieser Zeit natürlich auch alles das gemacht, was zum Rockerleben dazu gehört. Ich habe Alkohol getrunken, ich habe geraucht, ich habe die Nächte mit den Jungs durchgefeiert und die haben mir auch gesagt: "Wenn du den Barkas oder den Probenraum betrittst, bist du ein Mann und da hast du mit durchzuziehen." Aber sie machten mir später mal ein sehr schönes Kompliment und sagten mir, ich wäre bei allem, was ich gemacht habe, immer eine Dame geblieben. Na immerhin... Also, Adele würde sagen: "Du und 'ne Dame, na dankeschön!!" (lacht herzlich)

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Die "Jugendliebe" - Dein Hit schlechthin - folgte, genau so folgten aber auch ständige Umbesetzungen der Band. Die Liste der Namen, die bei elefant spielten, ist lang: Bernd Möbius, Werner Kunze, Bernd Henning, Bodo Huth, Michael Heubach, Manfred Hennig, Frank Fehse, René Decker, Peter Taudte, Peter Piele... Worin lagen die Gründe, dass in der Band keine Beständigkeit möglich war?
Es waren weit über 70 Musikanten. Das hatte viele Gründe, aber einer der wichtigsten Gründe war der, dass Burkhard Lasch stets und ständig neue Musiker anbrachte und das waren teilweise auch Musiker, die mit dieser Musik eigentlich gar nichts anzufangen wussten und sich da eher lustig drüber machten und deswegen dann auch schnell wieder gegangen wurden oder von selbst gingen. Burkhard hatte dieses Bedürfnis, immer nur austauschen zu wollen, immer noch besser, immer wieder noch anders. Dies brachte eine furchtbare Unruhe in diese Band, außer Bernd Henning (Komponist der "Jugendliebe") und mir, also Ute Freudenberg, identifizierte sich keiner mit dieser Band. Wir haben das damals mit Leib und Seele gemacht und wir beide führten auch immer die Proben, wenn neue Leute dazu kamen. Ich erinnere mich auch gern an Manfred Hennig, unseren "Glatzkopf". (lacht) Eine so liebe Seele, ein fröhlicher und toller Mensch und er war auch noch vom Aussehen her eine totale Bereicherung für die Band. Es hatte tatsächlich jede Zeit ihre Leute in der Band. Persönlich muss ich sagen, dass für mich die schönste Zeit die war, als Frank Fehse an den Keyboards dabei war. Irgendwann ertrug ich diese ständige Unruhe jedoch nur noch sehr schwer, so dass ich selbst kündigte.

Über die "Jugendliebe" habe ich mal gelesen, dass der Titel, als er damals veröffentlicht wurde, kein Hit war, sondern erst viel später zum Evergreen wurde. Stimmt das?
Die "Jugendliebe" war vom ersten Spielen an ein Hit. Wir spielten ihn zum ersten Mal an der Ostsee, da kamen sofort die Jugendlichen, wollten den noch mal hören und wir mussten ihn jeden Abend mehrmals spielen. AMIGA wollte uns nicht, denn leider war das damals in der DDR ja so, wenn du nicht aus Berlin kamst, fandest du nicht statt und da wir aus Weimar waren, hat man uns einfach nicht wahrnehmen wollen. Und da gab es dann Juri Böttcher vom Zentralrat der FDJ in Berlin. Der hatte uns gehört, ging zu seiner Leitung beim Zentralrat und sagte: "Da unten gibt es ein Mädel mit einer Band, die singen ein Lied, bei dem rasten die Jugendlichen schier aus, aber AMIGA will das nicht produzieren. Seht ihr nicht irgendeine Möglichkeit, wo man das produzieren könnte?" Da haben die Verantwortlichen dann den Berliner Rundfunk aufgetrieben und wir nahmen den Song für den Berliner Rundfunk auf und AMIGA übernahm ihn aus dem Grund, weil es ein riesengroßer Erfolg wurde. Das war die große Hürde, die wir nehmen mussten, um überhaupt erst mal wahrgenommen zu werden. Da wir damals von Tanzboden zu Tanzboden reisten, das Lied bei den Leuten im Ohr war und alle es liebten, war plötzlich eine Art Revolution angesagt, als es dann endlich auch im Radio lief. Das Lied war nicht mehr zu bremsen, wir haben ja nicht nur sämtliche Schlagerparaden gewonnen, sondern auch beim Schlagerstudio des DDR-Fernsehens mit Chris Wallasch gewannen wir die Jahreswertung 1980. Das war einfach Wahnsinn.

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Also ein absoluter Selbstläufer und ein absoluter Glücksfall...
Ein absoluter Glücksfall, ja. Nur meine Band wollte das damals natürlich nicht spielen. Die haben gesagt: "Dieser Schlagerscheiß"... Aber ich wollte das Lied singen und vor allem Burkhard Lasch hat es durchgesetzt, er sagte: "Die Nummer wird gespielt, Ende, aus." Es war teilweise sehr traurig, wenn du dann in Pausen und in Proben gemerkt hast, wie das Lied teilweise richtig verhunzt wurde. Das tat schon sehr weh. Also die Zeit bei elefant war für mich am Anfang interessant, aber später tat es eigentlich nur noch weh. Wer darüber noch mehr erfahren möchte, sollte sich auf jeden Fall das Buch, welches Christine Dähn über mich schrieb, zulegen.

1984 hast Du beschlossen, der DDR den Rücken zu kehren und nach einem Fernsehauftritt in Hamburg in der Bundesrepublik zu bleiben. Dein damaliger Ehemann, Familie, Freunde, Musikanten blieben zurück. Darüber ist auch in Deiner Biografie zu lesen. War dieser Weggang schon vorher geplant oder hast Du Dich im Westen spontan entschieden, das Hotel zu verlassen und nicht wieder in die DDR zurück zu kehren?
Nein, nein, das wäre nicht mein Ding. Ich habe sehr, sehr lange überlegt, denn ich durfte ab 1982 ja nicht mehr in den Westen reisen und dann ging wirklich ein ziemlich böses Spiel gegen mich los. Letztlich mit dem Endeffekt, dass ich in den Medien einfach nicht mehr stattfand, sondern nur noch bei meinen Live-Auftritten. Als ich dann im März 1984 geheiratet hatte und dieser Krieg auch noch auf meinen frisch angetrauten Ehemann überging, da wusste ich, dass ich, wenn es jemals wieder die Chance gibt, rüber zu dürfen, dort zu bleiben. Zu dieser Zeit wurden wir auch überprüft und du durftest dir wirklich nichts zu schulden kommen lassen, um eventuell mal wieder in den Westen reisen zu können...

Das ist also auch das, was Du mal in einem Interview damit meintest, dass eine vernünftige Arbeit als Künstlerin für Dich zu dem Zeitpunkt in der DDR nicht mehr möglich war...
Meine Basis war mir genommen. Diese Zeit wollte ich eigentlich vergessen bis ans Ende meiner Tage, aber durch dieses Buchschreiben kam es wieder hoch und jetzt bin ich eigentlich auch froh, dass das alles noch mal so ausgesprochen wurde. Wir haben in dem Buch auch alles so stehen lassen, wir haben weder einen Burkhard Lasch verbessert, noch irgendwelche andere Leute. Man kann ja die Zeit auch nicht wieder gut machen oder zurückholen und ich kann die Lügen, die damals passierten, auch nicht in Wahrheit umwandeln. Ich muss Dir sogar sagen, wenn mir das alles nicht passiert wäre, dann wäre ich nicht die, die ich heute bin. Also sage ich mir, es gehört zum Leben dazu. Man wird des Öfteren im Leben enttäuscht und ich war damals so irrsinnig enttäuscht von einigen Kollegen, denn wir hatten gemeinsame Träume und ein riesengroßes Ziel.

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Hast Du eine Vermutung, warum man Dich damals überhaupt wieder in die BRD hat reisen lassen? Wollte man da eventuell sogar eine Entscheidung provozieren?
Ja, für mich war das die absolute Rausschmiss-Provokation, denn ich hatte ja gerade geheiratet. So nach dem Motto: "Du kannst ja gehen, aber du musst Deinen Geliebten hier lassen." Und ich glaube nicht, dass die damit gerechnet haben, dass ich das mache. Nachdem ich weggegangen war, ging ja eine Ausreisewelle, eine echte Flut los, angefangen mit der Lütten und vielen anderen, die mir das später auch alles erzählten. Da war richtig die Hölle los.

Wenn man seine Heimat verlässt und weiß, man kann nicht wieder zurück, gehen sicher viele Gefühle und Gedanken in einem umher. Was war damals das intensivste Gefühl in Dir: Zorn über die Holzköpfe, die Deine Karriere blockierten oder die Trauer darüber, dass die Heimat in unerreichte Ferne gerückt war?
Da war in erster Linie die Wut, dass alle meine Hilferufe nicht gehört wurden und als ich dann im Westen war, gab es für mich nur eins: Mich in das neue Leben hineinzubegeben und alles, was war, zu vergessen, meine Kräfte und meine Energien auf das neue Leben zu konzentrieren und einfach mit ganz viel Mut und mit sehr viel Glauben an mich selbst durchzustarten.

Hat man damals versucht, Dich noch zu überreden, doch wieder mit zurück zu fahren, zum Beispiel Musiker aus Deiner Band?
Na klar. Die Stasi fuhr mit dem Chef des Komitees für Unterhaltungsmusik von Berlin nach Weimar, holte meinen damals knapp 80-jährigen Vater ab und kam vier Tage nach meinem Weggang zu mir nach Düsseldorf. Mein Vater stieg zitternd aus, das war furchtbar. Sie hatten ihn die ganze Zeit über beredet, das muss schrecklich für ihn gewesen sein. Was sie meinem Vater damit angetan haben, macht mich so wütend, denn ich habe meinen wunderbaren und unglaublichen Vati so geliebt. Aber auch das hatte wieder etwas Gutes: Ich habe diesen Leuten noch einmal erzählt, was mir alles widerfahren ist, warum ich weggegangen bin und da sagt doch der Chef vom Komitee für Unterhaltungskunst zu mir: "Das bildest du dir doch alles nur ein." Da war es bei mir zu ende und ich sagte, "Mein Vater bleibt hier, ich bringe ihn euch morgen ins Hotel und nun raus!" Und dann sagte mir mein Vati, dass er zum ersten Mal begriff, was ich überhaupt gemeint und dass er mir zum ersten Mal richtig zugehört hatte. Mein Vater war ja viele Jahre im Konzentrationslager Buchenwald und er hatte sich auf die Fahne geschrieben, für diesen neuen Staat und für die Jugend in diesem Staat alles zu tun, was möglich ist. Er hatte nicht damit gerechnet, dass es da solch ein sippenhaftes Dasein geben könnte und dass Menschen so verhindert werden. Er sagte mir, dass er mich sehr liebt, sehr stolz auf mich ist und dass er immer an meiner Seite und hinter mir stehen wird. Das war für mich der richtige Startschuss, weil ich wusste, meine Familie steht hinter mir.

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Wie kamst Du im Westen an, bzw. wie sahen die ersten Tage für Dich dort aus? Du hattest ja nichts, gab es Hilfe für Dich?
Ja, ich ging zu Birgit (meiner Freundin, die ich mit zwölf am Balaton kennen gelernt hatte) und ihrem Mann Wolfgang. Die haben mir gleich ihren alten Opel gegeben und dann fuhr ich von einer bürokratischen Einrichtung zur anderen, lernte dabei Düsseldorf kennen und meldete mich überall an. Beim Künstlerdienst, beim Pass- und Meldewesen und überall dort, wo es nötig war. Und dann begann ich auch gleich, eine Wohnung zu suchen und war praktisch vom 14. April bis zum 1. Oktober 1984 bei meiner Freundin und ihrem Mann in der Nähe von Düsseldorf zu Hause, bevor ich dann in Düsseldorf meine eigene Wohnung bezog.

Bist Du sofort wieder ins Musikgeschäft eingestiegen oder hast Du erst mal pausiert?
Wie schon erwähnt, ich war sofort beim Künstlerdienst, die brachten mich mit der Band Fleming Bass zusammen und mit Fleming Bass habe ich gleich wieder Musik gemacht. Wir hatten kleine Muggen und es gab ganz tolle Kompositionen für mich, die jede Plattenfirma sofort haben wollte. Als sie jedoch meinen Namen hörten, machten sie alle einen Rückzieher. Das muss aus der DDR gesteuert gewesen sein. Die westdeutschen Plattenfirmen ließen ja viele ihrer Sachen im Osten pressen und drucken und da muss es wohl irgendwelche Verknüpfungen gegeben haben. Somit machte ich also mit Fleming Bass Musik und stieg dann ganz langsam ins Gala-Geschäft ein. In eben diesem Geschäft hörten mich einige Leute, kurze Zeit später rief mich Hapag-Lloyd an und von da an machte ich Kreuzfahrten durch die ganze Welt und sang auf diesen Schiffen von "Pack' die Badehose ein" bis Tina Turner alles und eignete mir damit eine immense Bandbreite an. Vom James Bond-Medley bis hin zu Mireille Matthieu (lacht) war fast alles dabei und ich hatte einen riesigen Erfolg mit diesem Repertoire. Dadurch konnte ich mir die Reisen aussuchen und sah mir praktisch elf Jahre lang die Welt an.

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Das erste musikalische Lebenszeichen - soweit uns bekannt ist - war dann die Single "This Was The Last Time", die Du unter dem Namen Heather Jones veröffentlicht hast. War das der erste neue Titel, der in der BRD entstand oder hast Du davor schon Songs produziert?
Ja, Heather Jones, das war 1988. Es gab auch vorher schon Produktionen, die auch alle wollten, aber sie wollten - wie schon gesagt - nicht mich. Das war die erste Produktion, die übrigens Franz Bartzsch mit mir machte. Er holte mich dafür extra nach Westberlin, ich flog dorthin und wir nahmen diesen Song in seinem Studio auf und dann wurde der plötzlich eine TATORT-Titelmelodie. Die Plattenfirma fragte: "Wer singt denn das?", die Antwort lautete: "Das ist Ute Freudenberg." "Das geht doch gar nicht, die singt, wie ein Ami-Weib, die können wir nicht Ute Freudenberg sein lassen", und gaben mir einfach den Namen Heather Jones.

Du hattest keine Chance, Dich dagegen zu wehren?
Nein, ich hatte keine Chance.

Wie kam es eigentlich zu der Zusammenarbeit mit Franz Bartzsch?
Franz rief mich an.

Einfach so und hatte diesen Song?
Ich hatte bis dato noch nie mit ihm gesprochen. Wir sahen uns zwar bei Muggen, aber er rief mich noch nie an, ich weiß nicht mal, wo er meine Telefonnummer überhaupt her hatte. Jedenfalls rief Franz Bartzsch an und sagte zu mir: "Ute, ich habe hier einen Titel"...

Zu diesem Zeitpunkt war von Heather Jones also noch gar keine Rede?
Da überhaupt noch nicht. Ich fand das auch bescheuert, denn ich habe so einen schönen Namen und vor allen Dingen war der große Gag, der wirklich in meinem Heimatdorf passierte und meiner Mutti natürlich auch zu Ohren kam: "Habt ihr das schon gesehen, die Freidenberschen nennt sich jetzt Herta Jones? Die hat's ja total in der Platte...!" (lacht) Dann kam alles Schlechte zueinander, die Platte wurde produziert, die Plattenfirma hatte sie auch, aber es kam nicht mehr zur Auslieferung, weil Warner Brothers damals die Teldec aufkaufte. Es wurden alle entlassen und sämtliche Aktionen, die gerade im Gange waren, wurden dadurch automatisch gestoppt. Der TATORT wurde gesendet, die Leute fragten nach dem Lied und keiner hatte die Platte. Damit hatte sich das für mich erledigt und ich nutze die Gelegenheit, ab sofort wieder an "Ute Freudenberg" zu arbeiten.

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Du hast in den 80ern in der BRD gelebt, gearbeitet und Dein Arbeitsleben war natürlich ein völlig anderes, als im Osten...
Ja, im Osten gab ich meine eigenen Konzerte, die Leute kamen zu mir, jetzt trat ich als No-name auf irgendeine Bühne und sang vor Leuten, die es einen Scheißdreck interessierte, wer da oben vor ihnen steht.

Hat es Dir sehr zu schaffen gemacht, dass der Name UTE FREUDENBERG gar nichts mehr zählte?
Nein. Ich wusste doch, was ich mache. Solche Ansprüche hatte ich noch nie, mir war ja völlig klar, in welches Land ich gegangen war und ich wusste, dass es sehr schwierig wird. Ich war bereit zum Kämpfen und habe das auch voll durchgezogen.

War Dir auch klar, dass Ute Freudenberg in der BRD musikalisch nicht an ihre Erfolge aus der DDR anknüpfen kann?
Dass ich irgendwann später wieder an sie anknüpfen würde, das war mein Ziel.

Gab es Kontakt zu anderen Musikern, die aus der DDR in den Westen übergesiedelt waren, zum Beispiel mit Veronika Fischer oder den Renft-Leuten in Berlin?
Nein, nur zu Wolfgang Stielow. Bei dem in der Band sang ich dann auch.

Plötzlich kam alles ganz anders. Kannst Du Dich erinnern, wie Du die Nachricht des 9. November 1989, als die DDR ihre Grenzen öffnete, wahrnahmst und welche Gedanken und Gefühle Dir da durch den Kopf gingen?
Ich saß im Wohnzimmer in meinem großen Ledersessel, Schabowski wurde im Fernsehen eingeblendet und ich brüllte nur nach meinem Mann: "Weißt du, was der jetzt gesagt hat??", und dann habe ich eigentlich mehrere Tage Fernsehen geschaut und habe nur geheult. Und soll ich Dir was sagen? Ich habe das nicht geglaubt. Ich dachte, das kann nicht sein. Es war Wahnsinn, ich bin jedoch nicht sofort rüber gefahren. Normalerweise hätte man das vielleicht gemacht, mir war das total suspekt. Im Februar 1990 hatte ich meine erste Anfrage aus dem Osten und da sang ich in Gotha vor Hans-Dietrich Genscher. Zu dieser Veranstaltung fuhr ich das erste Mal rüber, glaubst Du das? Ich hatte so eine Angst, dass sie die Grenzen hinter mir wieder zu machen...

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Wann stand für Dich fest, wieder zurück in Deine Heimat nach Weimar zu gehen?
1995.

Also doch ganze fünf Jahre, die Du für diese Entscheidung brauchtest?
Nein, das war anfangs überhaupt nicht mein Ansinnen, denn ich hatte meinen ganzen Lebensmittelpunkt dort drüben. Meine Musiker, die Leute, mit denen ich produzierte, meinen Verlag und alles andere, das darfst Du nicht vergessen. Ich hatte mir dort einen Lebensmittelpunkt aufgebaut und im Osten war Chaos angesagt. Künstler aus der DDR haben die Leute sowieso nicht interessiert und dann die ganzen Baustellen, ob das Häuser oder Straßen waren, du konntest dich dort in dem Land ja nicht bewegen. Ich hätte alles von jetzt auf gleich aufgeben müssen. Nein, ich mache alles mit reiflicher Überlegung, aber wenn ich dann festgelegt habe, dass ich es mache, dann ziehe ich es auch durch.

1990 gab es eine Single unter Deinem Namen. Der Titel "Ein Tag wie heut" wurde bei einem kleinen Label veröffentlicht. Wie kam es dazu und hat in der Wendezeit davon überhaupt jemand Notiz genommen?
Nein, ich war denen viel zu anspruchsvoll, die haben gar nicht gewusst, was und wen sie sich da einkaufen. Gehrig-Musik ist ein großer Verlag im Westen, die machten das damals. Das war in Bergisch Gladbach und sie produzierten danach auch die Single "Zwei alte Freunde" mit mir und mit dieser Single gewann ich 1992 bei mdr 1 Radio Sachsen-Anhalt, welches damals schon gegründet war, die internationale Hitparade. Dort konnten sich alle deutschen und internationalen Hits gewünscht werden und ich gewann nach einem Punktesystem mit "Zwei alte Freunde", das war der Hammer. Im Anschluss daran ging es wieder los, viele Stadtfeste, Konzerte mit kleiner Besetzung, bei denen mir am Anfang auch Frank Fehse wieder ganz lieb half. Dann wurden die Anfragen immer mehr und bei einer dieser Muggen traf ich 1995 wieder auf Adele. Nein, das stimmt nicht ganz, ich traf sie schon vorher, aber bei dieser einen Mugge im Sommer 1995 sagte der Veranstalter zu mir, er würde mich gern managen. Weißt Du, Mike, was da passiert ist? Ich schwöre Dir, ich habe es nicht überdacht, es schoss aus mir heraus, ich war selbst erschrocken, denn ich sagte zu dem: "Du, das tut mir leid, das ist zu spät, da gibt es schon eine Option aus Berlin." Als ich diesen Satz gesagt hatte, habe ich bestimmt auch ziemlich blöd geguckt und fragte mich: "WER hat denn das jetzt gesagt?" Dieser Veranstalter sagte, dass es ihm leid täte, es aber nicht zu ändern wäre, machte mir noch ein schönes Kompliment, dass ich eine tolle Künstlerin wäre. Er drehte sich um, ich drehte mich um, ging zum Auto und rief Adele an. "Sag mal, Adele, kannst du mir mal einen Grund nennen, warum du mich eigentlich nicht managest?" Sie antwortete: "Ja. Du hast mich nicht gefragt und ich habe noch nie einen Künstler gefragt, ob ich ihn managen soll. Komm einfach mal zu mir auf meinen Balkon, dann reden wir darüber."

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Und so kam Eure Zusammenarbeit zustande?
Ja. Wir trafen uns dann im August, saßen die halbe Nacht auf ihrem kleinen Balkon in Hellersdorf, haben über alles geschwatzt und geredet und Adele sagte: "Pass auf, wir sind befreundet, Freundschaft und Arbeit zu vereinen, ist schwierig. Aber lass' es uns probieren. Du sagst ab sofort jedem, der dich anspricht, hier ist die Telefonnummer von meinem Management. Rufen Sie Adele Walther an und im Dezember reden wir darüber, ob wir so weitermachen wollen." Dieses Gespräch hat bis heute nie stattgefunden…

Neben Eurer Freundschaft scheint es eine erfolgreiche Zusammenarbeit zu sein.
Es ist eine erfolgreiche Zusammenarbeit und unsere Freundschaft ist uns dabei ganz wichtig.

Seit 1994 erschienen einige Alben, in diesem Jahr "Willkommen im Leben". Wie entstehen Deine Alben? Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit den Autoren und vor allem: Wer entscheidet, was letztlich veröffentlicht wird?
Was veröffentlicht wird, entscheidet immer die Plattenfirma. Da ich das in den letzten Jahren mit Adele selbst war, hatten wir da überhaupt keine Probleme (lacht) und da wir im Moment mit tollen Leuten, die genau so ticken wie wir, zusammenarbeiten, haben wir auch keine Probleme. Also bei "Willkommen im Leben" war es so, dass alle Musiken von David Brandes geschrieben wurden. Diese bekam dann der Texter und es wurden die Texte geschrieben. Da habe ich zum Teil mitgeholfen und auch der Produzent half mit. Wir arbeiten immer so lange daran, bis wir sagen: "Ja, das isses!" Und so sind diese traumhaft schönen Lieder entstanden.

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Kommt es auch vor, wenn Du einen Song, eine musikalische Idee hörst, dass Dir ein Thema dazu einfällt und dann auch Du zum Texter gehst und sagst, dieses Thema könnte ich mir dazu vorstellen?
Nein, bei David Brandes ist meistens schon ein deutscher Satz da, damit ist das Thema festgelegt. David Brandes komponiert in dem Moment nur für dich. Das heißt, in dem Moment für "Ute F.", dann fallen ihm auch genau diese Sachen ein, die zu einer "Ute F." passen. Er hat nichts in der Schublade oder sagt dann, probieren wir dies oder das mal. Er setzt sich hin und beginnt zu komponieren. Als ich zu ihm fuhr, waren drei Viertel der Lieder vom Album überhaupt noch nicht da, noch nicht mal im Denken! Das ist unglaublich. Bei den anderen Autoren ist es im Prinzip ähnlich, da gibt es ganz oft zuerst die Musik und dann den Text. Es gibt aber auch Leute, die arbeiten anders herum. Das heißt, dass ein Text da ist und er vertont wird. Das ist unterschiedlich, aber Fakt ist, dass ich sehr, sehr viel mitrede, vor allem bei den Texten. Selbst am Mikrofon beim Einsingen nehme ich teilweise noch Änderungen vor und habe immer die Erlaubnis meiner Autoren dafür. Denn es ist ja so: Ich muss die Lieder auf der Bühne leben und singen. Und durch meine Mitarbeit ist es eben auch immer die typische Ute Freudenberg.

Im Gegensatz zu Deinen Konzerten mit Band gibt es seit einiger Zeit auch das Chansonprogramm "Lieder, die ich mag", bei dem Du mit Deinem Keyboarder Micki Schläger unterwegs bist. Was bedeutet Dir diese Programmvariante und was ist für Dich das faszinierende an ihr?
Es war mein großer Traum seit meinem 18. Lebensjahr, dass ich, wenn ich älter bin, Chansons singe. Sie sind für mich meine Nische, die ich nie wieder missen möchte, in der ich mich auch sehe, wenn ich älter bin. Diese außergewöhnlichen Songs von großen Kollegen dieser Welt, meine eigenen chansonhaften Lieder, gepaart mit Anekdoten aus dem Leben. Das ist so ein intimer, privater, gefühlsbetonter, emotionaler Abend, für mich eben etwas ganz Besonderes und auch ein sehr außergewöhnliches Konzert. Im Februar 2013 wird übrigens die nächste Tour stattfinden und das gesamte Team, ob das Micki Schläger am Keyboard, meine Techniker oder die Technik-Chefin Susi sind, wir lieben dieses Programm alle abgöttisch.

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Ich kann dazu sagen, dass ich mir dieses Programm 2009 schon mal live ansah und es mir sehr gut gefiel, eben weil es einen reizvollen Kontrast zu den Konzerten mit Deiner Band darstellt. Aus diesem Grund liegt hier bei mir auch schon ein Ticket für den 1. März im kommenden Jahr in Arnstadt.
Oh, da freue ich mich sehr! Auch auf das sehr schöne, kleine Theater...

Die Musik, die Du mit elefant in der DDR gemacht und die Du heute machst, unterscheidet sich ziemlich. Gab es nie den Gedanken, zurück zum Deutschrock zu gehen und den Stil von früher ins Heute zu übertragen?
Diese Frage kann ich jetzt nicht ganz verstehen, denn auf "Willkommen im Leben", auf "ungeteilt" oder auch auf "Das ist Leben", also auf meinen ganzen letzten Alben sind deutsch gesungene Rocktitel drauf. Ich bin absolut am Zahn der Zeit und arbeite mit Top-Leuten in Deutschland zusammen, darauf bin ich sehr stolz und so klingt das dann auch. Gerade das aktuelle Album ist bei den Menschen sehr beliebt. Genau so, wie das Buch. Die Leute stehen oft vor mir und sagen, dass sie dieses Buch lieben und genau dasselbe ist es auch mit dem Album.

Klar, auf der Bühne lässt Du es oft ganz schön krachen. Gerade auch, wenn die internationalen Songs an den Start gehen, da geht die Post richtig ab. Hast Du dennoch das Gefühl, dass vielleicht das eine oder andere zu schlagerhaft sein könnte, oder siehst Du diese Schublade gar nicht in Deiner Arbeit?
Ich will diese Schublade nicht sehen, weil ich in keine Schublade passe. Und ich mache eben sehr verschiedene Dinge, weil ich die schon immer gemacht habe. Ich war immer sehr vielseitig. Als Studentin sang ich Chansons, dann machte ich Rockmusik, mit elefant war es ein "Mittelding"... Was ist denn für Dich "Jugendliebe"? Das ist doch Schlager pur, oder? (lacht) Wir haben von den Stones bis "Jugendliebe" alles gemacht. Ich war schon immer so vielseitig und diese Vielseitigkeit, die lebe ich und die liebe ich. Deswegen mache ich so viele verschiedene Dinge, unter anderem auch einen Weihnachtsabend, an dem ich nur weihnachtliche Sachen singe.

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Du sprachst vorhin schon das Album "ungeteilt", an, welches Du zusammen mit Christian Lais aufnahmst und das war ja ein unglaublicher Erfolg, insbesondere die Single "Auf den Dächern von Berlin". Kannst Du Dir erklären, was das Geheimnis dieses Erfolgs ist? Gibt es dafür ein Rezept?
Es gibt kein Rezept. Wir haben in diesem Lied den Weg in die Seele und die Herzen der Leute gefunden, mit einfachen Worten die kleinen Alltagsunterschiede zu beschreiben, die in Ost und West einfach mal gang und gäbe waren, in denen sich die Menschen mit einem Lächeln wieder erkannt haben. Auch stehen da große Geschichten dahinter, denn sehr viele Bürger des Ostens standen auf irgendwelchen Dächern, sahen im Westen die Sonne untergehen und weinten, weil sie nicht rüber konnten zu ihren Verwandten. Und die Menschen fühlen das. Gleich bei den ersten Autogrammstunden sagten viele, dieses Lied sei ja, wie die "Jugendliebe". Als wir kürzlich in Suhl waren und ich sagte, dass wir sehr stolz sind, dass dieses Lied der Jahreshit 2011 wurde, brüllte plötzlich ein Suhler: "Das ist nicht der Jahreshit, das ist der Hit des Jahrhunderts!" Es ist wirklich so, es gab bei jedem unserer Konzerte Standing Ovations, das war der Wahnsinn und die Leute weinten auch bei diesem Lied. Es ist wirklich, wie bei der "Jugendliebe". Und dann sagen die Leute auch noch, das ist der Hit der Deutschen. Für mich ist das völlig verrückt, erst singe ich den "Hit des Ostens" und nun habe ich mit Christian zusammen den "Hit der Deutschen". Das ist doch unglaublich und viele Kollegen kommen zu mir und sagen: "Mensch, hättest du das nicht mit mir singen können?" (lacht) Dann sage ich immer: "Dann wäre es nicht so ein Erfolg geworden."

Du sprachst es gerade an: "Hättest du das nicht mit mir singen können?" - mit Christian Lais gab es schon eine Zusammenarbeit. Hättest Du einen Wunsch frei, mit wem würdest Du gern mal zusammenarbeiten und vielleicht sogar ein Album aufnehmen?
Darüber habe ich mir überhaupt keine Gedanken gemacht. Auch, weil ich ja mit Christian so toll zusammenarbeite. Vielleicht wäre es mal etwas, mit einer interessanten Frau aus meiner Branche ein Projekt zu starten, aber da habe ich definitiv keine Namen parat und auch keine weiteren Vorstellungen.

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In diesem Zusammenhang: Welche Musik hörst Du privat am liebsten?
Ich höre sehr gern Ray Charles, Barbra Streisand oder auch Celine Dion. Aber auch die moderne Musik höre ich ziemlich gern, beispielsweise die von Pink. Alles, was modern ist, höre ich sehr gern, zum Entspannen geht es dann aber doch mehr in die Blues- und Soul-Ecke.

40 Jahre UTE FREUDENBERG. Ein äußerst erfolgreiches Jubiläumsjahr. Wohl unbestritten jedoch, dass Erfolg seinen Preis hat und auch Schatten mit sich bringt. Wenn Du heute auf die vergangenen 40 Jahre zurückblickst, gibt es etwas, das Du bereust?
Nein. Ich glaube, ich würde alles noch einmal so machen. Weil es mein Weg war, den ich gespürt habe, gehen zu müssen und wie Du siehst, brachte er mich sehr weit nach vorn. Ich glaube, ich bräuchte alle meine Erfahrungen wieder, alle Enttäuschungen, alle Niederlagen, alle Kämpfe, um die zu sein, die ich jetzt bin. Ich fühl' mich gut, ich kann die Menschen begeistern, etwas Schöneres kann mir gar nicht passieren...

Woran erinnerst Du Dich besonders gern zurück? Kann man ein bestimmtes Erlebnis als DAS Highlight der Karriere ausmachen oder möchte man das vielleicht gar nicht, weil es zu viele schöne Momente gab?
Nein, die Momente sind einfach viel zu unterschiedlich. Der erste große Moment war für mich 1998 die "Goldene Henne", der zweite im Jahr 2005, als "Jugendliebe" zum beliebtesten Ost-Hit aller Zeiten gewählt wurde und dann natürlich, was zwar nicht direkt mit meiner Karriere, aber trotzdem mit mir zu tun hatte, als ich 2008 das Bundesverdienstkreuz für mein Engagement bei der McDonalds-Kinderhilfestiftung verliehen bekam. Das war ein absolut unglaublicher Moment. Dann 2011 dieser große Erfolg gemeinsam mit Christian, in diesem Jahr meine Jubiläums-Tour, das Album, das Buch, die Doppel-CD, die Live-DVD und natürlich auch die Nominierung für den ECHO 2012. Das sind für mich die absoluten Highlights in den vergangenen 40 Jahren.

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2012, ein äußerst ereignisreiches und erfolgreiches Jahr für Dich und Deine Fans mit noch einigen Terminen. Kannst Du einen kleinen Ausblick geben, was im kommenden Jahr von Dir zu hören sein wird? Gibt es schon neue oder gar konkretere Pläne für die Zukunft?
Es wird definitiv Neues zusammen im Duett mit Christian Lais geben und wir werden im Oktober und November auf eine lange Tournee mit meiner Band durch Deutschland gehen. Eine richtige "Duett-Tour", bei der es selbstverständlich auch neue Duette geben wird.

Also ist schon wieder einiges in Vorbereitung und das klingt keineswegs nach einem stillen Jahr...
(lacht) Nein, auch nicht im Ansatz...

Ute, ganz herzlichen Dank für das sehr interessante und ausführliche Gespräch. Dir alles Gute, weiterhin viel Erfolg und Freude auf den Bühnen, möchtest Du unseren Lesern zum Abschluss noch etwas sagen?
Ich wünsche allen Lesern von Deutsche Mugge ein schönes und gemütliches Weihnachtsfest im Kreise der Menschen, die sie gerne um sich haben. Sie sollen richtig gut essen, denn ich werde das auch tun und die Pfunde nehmen wir dann im Januar wieder ab (lacht) und ich wünsche allen einen guten Rutsch und dass 2013 für uns alle ein gutes Jahr wird!
Und natürlich möchte ich auch all den Menschen, die mich schon all die Jahre begleiten, den vielen neuen Fans, die in meine Konzerte kommen und dieses Jahr zu so einem wunderbar erfolgreichen Jahr haben werden lassen, von Herzen "Danke" sagen, dass ich für sie singen darf und dass sie mir dieses wunderbare Gefühl geben, dass sie mich brauchen.

 

Interview: Mike Brettschneider
Bearbeitung: cr
Fotos: Archiv Ute Freudenberg, Deutsche-Mugge.de, Melodie & Rhythmus
 

 
Interview Bonus:
Ute Freudenberg & elefant live in Sopot 1980

 


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