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Mit der JEANINE VAHLDIEK BAND haben wir in diesem Monat eine ganz junge Musikgruppe bei uns zu Gast. Eigentlich handelt es sich noch um eine Art Geheimtipp, aber der aufmerksame Leser von Deutsche Mugge und Hörer unserer Radiosendungen ("Wahl Lokal" und "Die Radioshow") ist der Kapelle hier schon begegnet. Im letzten Jahr wurden wir auf die JEANINE VAHLDIEK BAND aufmerksam, im Januar haben wir ein Konzert der Band besucht und jetzt sind sie bei uns zu Gast. Mit Jeanine Vahldiek und Steffen Haß sprach unser Kollege Andreas...

001 20121121 1246592046Wir fangen mal beim Ursprung an. Und der Ursprung ist Jeanine, das kleine arme Ding, welches Musikunterricht nimmt...
Jeanine Vahldiek: Genau. Mit fünf Jahren ungefähr habe ich angefangen. Da war ich noch in der Vorschule. Und es fing an mit Blockflöte. Wie das halt immer so passiert. Da kommt man nicht drumrum.

Das ist ja fast auch eine Zwangerscheinung.
Jeanine Vahldiek: Ja. Aber ich habe noch eine kleine Schwester. Sie ist ein Jahr jünger. Und da hat es mir wahrscheinlich etwas mehr Spaß gemacht als anderen, weil wir zu zweit oft flötend nach Hause gegangen sind. Dann hat unser Nachbar, der an der Staatsoper Trompeter war, angefangen, uns Klavierunterricht zu geben. Das war dann schon ein bisschen spannender als Blockflöte. Dann hatte ich noch Klavierunterricht an der Grundschule. Wie es halt so bei allen anfängt. Und das wurde dann immer ein bisschen mehr. Meine Eltern haben mich immer mal mitgenommen zu Orchesteraufführungen. Das fand ich toll. Wenn 80 Menschen zusammen spielen, das fand ich wunderschön. Da steckt ganz schön viel Energie dahinter. Und es ist sehr beeindruckend zu hören, wie da alle gemeinsam ein Stück spielen und alles stimmt.

Das ist ja zu zweit schon manchmal schwierig.
Steffen Hass: Aber einfacher als zu fünft oder zu achtzigst.

Wie war denn das bei Dir in der Kindheit, Steffen?002 20121121 1839923163
Steffen Haß: Ich habe etwas später angefangen. Mit neun. Aber gleich mit Trommeln. Wir waren eine musikalische Familie. Mein Vater hat in einer Band gespielt und dort, wie es damals so war, alle möglichen Instrumente. Mein Bruder hat in einer Band gespielt. Meine Schwester hat Musik gemacht. Und da war irgendwie klar, ich werde trommeln. Ich hatte so eine kleine Blechtrommel aus dem Kindergarten. Und mit neun waren die Hände auch groß genug, da konnte man beginnen und da ging ich dann auch auf die Musikschule. Und das habe ich richtig durchgezogen. Also auch gleich dann später auf die Musikhochschule. Für mich war immer klar, ich will Musik machen. Ich hätte nicht gewusst, was ich hätte machen sollen, wenn das nicht geklappt hätte.

Stand das für Dich auch schon so zeitig fest, Jeanine?
Jeanine Vahldiek: Nee. Plötzlich kam das Abi und da war auf einmal klar: Ach du grüne Neune, jetzt muß man plötzlich etwas anderes machen. Aber dann habe ich nur Musik studiert, denn etwas anderes konnte ich nicht. Alternativ fand ich Naturheilkunde noch sehr interessant. Dafür hatte ich aber nicht den richtigen Durchschnitt im Abi, dass ich da irgendetwas Richtiges hätte machen können. Ich hatte die Aufnahmeprüfung an der Uni ja auch schon bestanden, bevor ich das Abi geschrieben hatte. Weswegen der Durchschnitt wahrscheinlich noch schlechter wurde.

003 20121121 1045141138Du warst aber nach dem Studium weg aus Deutschland?
Jeanine Vahldiek: Ich bin immer viel gereist, unter anderem auch nach Australien. Und mit 20 oder 22 habe ich gedacht, du musst ja gar nicht für immer da leben, wo du geboren wurdest. Da empfand ich Australien als recht passenden Ort, denn es war dort heiß. Englischsprachig ging auch gerade noch so.

Hast Du dort in einer Stadt gelebt?
Jeanine Vahldiek: Nein, am Meer. Das war zwar auch eine Stadt, aber nicht so wie Berlin. Brisbane war die nächstgrößere Stadt.

Was hast Du dort gemacht, um Essen und Trinken zu
organisieren?

Jeanine Vahldiek: Ich bin wirklich erst einmal ohne Plan dahin. So dass alle sagten: Oje, das arme kleine Kind - das war immer so artig und ganz schüchtern und hat bis jetzt alles richtig gemacht. Man kriegt dort ein Working-Holiday-Travelling-Visa. So ab 20 glaube ich. Und damit kann man in einem Jahr drei Monate irgendwo arbeiten. Dann muß man den Job wechseln, denn die wollen ja ihre eigenen Leute in die Jobs reinkriegen. Mit diesem Visa bin ich erst mal da rüber und habe dann einen Job als Klavierlehrerin gefunden. Was perfekt war, denn du musst da nicht so viel arbeiten und kriegst auch noch mehr Geld, als wenn du Ananas pflücken würdest. Und dann dachte ich: Das ist doch ein guter Job und ich will sowieso hierbleiben. Also habe ich noch einmal angefangen zu studieren. Und zwar Naturheilkunde. Das war ja das andere Thema, welches mich interessierte. Mein Bedürfnis war, Menschen zu berühren und ihnen mitzugeben, dass sie glücklich sein können. Daß es möglich ist, sein eigenes Leben zu leben ohne sich fertig zu machen. Im klassischen Orchester war das nicht so möglich. Ich habe also Aromatherapie studiert und Massage, da war das schon ein bisschen mehr möglich. So konnte ich die Menschen wenigstens zum Entspannen bringen. Aber so richtig gebracht hatte es das auch nicht, war mein Gefühl. Irgendwie gingen sie entspannt nach Hause und kamen eine Woche später verkrampft wieder. Man muß schon sein eigenes Leben auch ändern. Deswegen bin ich dann in die Hotelbranche gegangen. Erst an der Hotelrezeption und mit der Zeit habe ich mich zum Manager hochgearbeitet. Das hat mir auch Spaß gemacht. Das habe ich zwei Jahre lang gemacht, aber dann hatte ich das Gefühl. Nö, das will ich auch nicht so richtig. Irgendwelche Berichte darüber schreiben, dass Kakerlaken das Klo behausen oder irgendwelche Sachen schiefgegangen sind.

Steffen, Du bist ja in Deutschland geblieben?004 20121121 1968472452
Steffen Haß: Eigentlich schon, aber nicht nur. Ich habe auch Kreuzfahrten mitgemacht als Musiker. Da lernt man vielleicht nicht so intensiv Leute kennen, aber man hat ja doch am Tag etwas Zeit und kann mal schauen gehen, wo man gerade ist und was da los ist. In Australien war ich unter anderem auch.

Aber da habt Ihr Euch noch nicht kennen gelernt?
Steffen Haß: Nein. Da noch nicht. Mein Standort war immer Deutschland. Ich bin nicht ausgewandert

.Jeanine, Du bist aber auch nicht in Australien geblieben...
Jeanine Vahldiek: Nein. Ich bin dort acht Jahre gewesen und es hat auch sehr gut funktioniert. Ich habe auch ein Visa und kann da jederzeit wieder hin. Aber mit der Musik waren die doch ein bisschen hinterher. Die haben zwar selber richtig tolle Musiker und Bands, aber eher in den großen Städten. Und da ist es aber auch schon wieder kalt. Da wollte ich nicht unbedingt hin, denn wenn ich schon die Kälte einkalkulieren muß, macht Europa und Deutschland und Berlin wieder mehr Sinn. Da ist alles enger und man muß nicht einen ganzen Tag lang fahren, um zum nächsten Konzert zu kommen.

005 20121121 1858931907Du warst aber erst einmal in China. Warum?
Jeanine Vahldiek: Es war alles wie ich es wollte. Ich hatte wieder eine Harfe und kannte eine Flötenspielerin, mit der ich gemeinsam Musik machen konnte und hatte diesen Job im Hotel ...

Harfe hattest Du doch aber vorher schon studiert?
Jeanine Vahldiek: Das habe ich schon in Deutschland studiert. Diplom-Orchestermusiker. Ja, und weil alles so schon geklappt hat, habe ich überlegt, was könnte man denn jetzt machen. Und gerade da kam das Angebot von einer Firma aus China, die englischsprechende Menschen suchte, die an den Schulen dort unterrichten. Und gute Schulen dort können sich das leisten, dafür Leute einzukaufen. Mein Englisch war anscheinend gut genug, dass keiner gemerkt hat, dass jetzt lauter kleine Chinesen englischsprechend mit einem deutschen Akzent herumlaufen. An der Oberschule 7. Klasse habe ich Englischunterricht gegeben. 16 Klassen pro Woche á 55 Schüler. Das war noch mal etwas ganz anderes. Ich dachte, ich wäre ziemlich flexibel, aber das war doch wirklich ganz anders. Dritte Welt, totaler Kommunismus. Denen wird eingetrichtert, dass China das beste Land ist. Ich will nichts gegen China sagen, aber die Methoden sind ganz schön krass. Die Hälfte der Schüler, die sind ja zwölf und dreizehn, hatte da schon graue Haare. Die stehen enorm unter Leistungsdruck. Wenn die nicht Einsen schreiben, sind sie gleich unten durch und der gängige Spruch ist: "Du wirst Straßenfeger." In China gibt es noch nicht diese Maschinen, die fegen dann wirklich die Straße. Immer wenn ich eine Wie-Frage oder eine Warum-Frage gestellt habe, war totales Schweigen. Aber wenn sie etwas wiederholen sollten, hat die ganze Klasse mitgemacht.

Wie lange warst Du in China?006 20121121 1611915331
Jeanine Vahldiek: Ein halbes Jahr. Das hat auch gereicht.

Und dann ist Dir, so habe ich es auf Eurer Homepage gelesen, auf einer Brücke eingefallen: Ich gehe jetzt zurück nach Deutschland und mache dort Musik.
Jeanine Vahldiek: Genau. Das war mein täglicher Arbeitsweg. Und ich dachte darüber nach, was ich hier mache, wie ich hier wieder weg komme und was ich eigentlich machen will. Denn bei mir hat immer alles geklappt im Leben. Und Musik war ja immer das, was ich eigentlich machen wollte. Ich war ja auch in China schon immer in der Musik drin. Denn die paar Leute, die da eigenständig gedacht haben, waren sehr an Musik interessiert. Ich hatte mir dort eine quietschgrüne unstimmbare chinesische Gitarre gekauft, konnte aber gar keine Gitarre spielen. Das war aber das einzige Instrument, welches weit und breit zu finden war. Deshalb haben auch die ersten Songs nur so drei vier Akkorde, weil ich nicht mehr auf dieser Gitarre zusammenschrummeln konnte. Und so habe ich in China angefangen, Songs zu schreiben. Weil ich auch einen Ausgleich brauchte zu diesem straffen Tagesablauf.

Also hast Du gesagt, ich mache Schluss hier in China und gehe zurück nach Deutschland.
Jeanine Vahldiek: Genau. Ich mache eine Band auf und alles wird gut.

Während Du, Steffen, noch in der Welt herumgeschippert bist?
Steffen Haß: Nein, das letzte Mal war ich 2006 mit dem Schiff unterwegs. Aber ich war hier bei diversen Band und habe da Musik gemacht. Und ich war auch auf der Suche nach einem Projekt, in dem Herzblut drinsteckt. Die letzte Band, bei der es so war, waren DIE ZÖLLNER. Da ging es nicht nur ums Geldverdienen für's Spielen, da steckte Herzblut drin. Danach konnte ich zwar von der Musik leben und hab auch immer gespielt, aber das waren eher so Dienstleistungsjobs. Nicht, dass es keinen Spaß gemacht hätte, aber es war halt nicht so viel Herzblut dabei. So etwas jedoch habe ich eigentlich die ganzen Jahre über immer gesucht. Und dann hat sich das doch ergeben mit der Jeanine. Wir haben uns bei einer Orchestermugge kennengelernt: "Klassik meets Pop". Wir kamen ins Gespräch bei den Proben und beim Soundcheck. Dann haben wir uns mal getroffen, um darüber zu reden, ob wir nicht etwas gemeinsam machen könnten, und so kam das dann in die Wege. Daß wir dann noch privat zusammengefunden haben, war dann noch ein sehr positiver Nebeneffekt.

007 20121121 1027263480Und Du hattest die Songs schon in petto, als Ihr Euch kennengelernt habt, Jeanine?
Jeanine Vahldiek: Na, das waren erst drei vier Titel. Das erste, was ich gedacht habe, als ich in Deutschland war, war: Ich brauche einen Schlagzeuger.

Ich finde, es ist ein Kontrast. Schlagzeug und Harfe.
Jeanine Vahldiek: Darum ging es ja. Aber es hat auch noch eine Weile gedauert, bis wir zusammen proben konnten.
Steffen Haß: Stimmt. Ich war ja noch auf Tour mit einem Musical-Programm.
Jeanine Vahldiek: Da hatte ich etwas Zeit zu schreiben.

Aber dann ging es doch anscheinend recht schnell, habe ich den Eindruck.
Steffen Haß: Wir haben dann recht schnell im Wohnzimmer angefangen zu proben. Ich spiele ja nicht Schlagzeug, sondern Cajon und Percussion. Und dann hatten wir uns überlegt, wir bräuchten ein Ziel, auf das wir hinarbeiten können. Also habe ich einfach einen Gig klargemacht für uns. In einer Tapas-Bar.
Jeanine Vahldiek: Der Plan war, alle möglichen Freunde, Verwandte und Bekannte und alle, die uns mögen, dorthin einzuladen und unser bisher Geprobtes dort vorzustellen. Und bis dahin wollten wir ein Programm von einer Stunde ungefähr zusammenhaben.
Steffen Haß: Das war dann auch so. Und ab diesem Termin ging es eigentlich los.

Wann war das?cd 20121121 1782953056
Steffen Haß: Im April vor zwei Jahren

.Und es ist ja schon eine Platte da.
Jeanine Vahldiek: Genau. "Come with me". Da steht noch Jeanine Vahldiek drauf, weil das "Band" gab es da noch nicht.

Im Moment macht Ihr sehr viel zu zweit?
Steffen Haß: Jetzt wieder. Wir waren auch eine Weile zu dritt unterwegs, weil wir gedacht hatten, ein Bassist wäre nicht schlecht. Was auch wunderbar musikalisch funktioniert hat. Aber wie das Leben manchmal so ist, mitunter trennen sich die Wege. Und nun wollen wir auch nicht auf Krampf jemanden suchen, der nicht genauso dahinter steht wie wir. Was auch sehr schwer ist, wir sind ein Paar und das ist unser Projekt. Deshalb haben wir beschlossen, dieses Jahr machen wir erst einmal zu zweit. Und dann, wenn wir mehr Leute ziehen und die Gagen entsprechend sind, würden wir schon gerne aufstocken.

009 20121121 1108671701Die Titel sind ja recht filigran, jeder Titel hat einen gewissen zarten Hauch. Das liegt aus meiner Sicht nicht nur an der Harfe, sondern auch an der Stimme. Da sind wir doch eigentlich schon wieder bei Aromatherapie und Massage?
Jeanine Vahldiek: Der Effekt sollte schon der gleiche sein. Daß die Leute sich geborgen fühlen, sicherlich auch zum Nachdenken angeregt werden. Es soll aber schon ein Wohlfühlabend sein. So ist das auch auf den Konzerten. Keiner weiß, was ihn erwartet. Und dann ist es immer schön. Die Menschen sind dann am Ende immer ruhig, entspannt und glücklich. Das ist das, was wir erreichen wollen.
Steffen Haß: Das ist auch unterschiedlich. Manche konzentrieren sich auf die Texte, manche lassen sich fallen in der Musik. Man kann sogar mitklatschen.

Wie geht es denn jetzt weiter?
Steffen Haß: Wir spielen, spielen, spielen. Eine neue Platte wollen wir auch machen. Das ist schon angedacht und Material ist auch da. Da wir das selber machen, müssen wir natürlich auch schauen, wie wann und wo man das macht und auch, dass man mit dem Geld klarkommt. Auf jeden Fall wird sie aber dieses Jahr noch herauskommen. Ansonsten haben wir dieses Jahr schon über dreißig feste Termine im Kalender. Letztes Jahr waren es drei zum selben Zeitpunkt. Es baut sich auf.

Dafür wünsche ich Euch viel Erfolg und seid auf das allerherzlichste bedankt für dieses ausführliche Interview!

Interview: Andreas Hähle
Bearbeitung:
cr
Fotos:
Patricia Heidrich, Pressematerial

 


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