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Die Gruppe electra zählt zu den dienstältesten Kapellen unseres Landes. Auch wenn die Veröffentlichung des letzten Studioalbums schon mehr als 20 Jahre zurück liegt, so ist die Band um Gründer Bernd Aust nach wie vor live sehr aktiv. Ob allein oder in Verbindung mit dem Sachsendreier, electra begeistert auch heute noch viele Menschen mit ihrer Musik. Deutsche Mugge holte die Formation im Herbst 2007 für ein Konzert in die Räume der Altenburger Brauerei und auf die dortige Bühne. Dabei entstand live vor Publikum auch ein Interview für unsere Internetseite (siehe HIER). Im Februar 2012 war Bernd Aust wieder einmal zu Gast bei uns - diesmal für ein Radiointerview. In dieser Sendung entstand so das 'musikalische Portrait' über die Gruppe electra.
Auch wenn die Sendung bereits zweimal wiederholt wurde, so kam immer mal wieder die Frage, ob man das Interview nicht in schriftlicher Form veröffentlichen könne. Diesem Wunsch kommen Bernd Aust und wir natürlich sehr gerne nach. Soweit beim Videoportal youtube vorhanden waren, haben wir die in der Radiosendung gespielten Songs als Video in das Interview eingebaut. Viel Spaß...
 
 
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Die Gruppe electra wurde 1969 gegründet. Du und die Musiker der ersten Besetzung kannten sich aber schon vor der Bandgründung, richtig?
Ja. Wir waren zum größten Teil Kommilitonen eines Jahrganges an der Dresdner Musikhochschule "Carl Maria von Weber" und gemeinsam im zweiten Jahrgang der Jazz- und Tanzmusikklasse, die erst seit zwei Jahren existierte (siehe dazu auch den Beitrag aus der 'Melodie & Rhythmus 14/1968, den wir in der Rubrik "GESCHICHTE", Unterrubrik "RÜCKSPIEGEL" veröffentlicht haben: HIER klicken - Anm. d. Red.). Letztlich kannte man sich und hatte schon miteinander musiziert. Dort haben wir uns sozusagen zusammengefunden.

Wie genau ist die Band entstanden und welche Ziele hattet Ihr damals?
Damals hatten wir einfach das Ziel, Musik zu machen. Ich kann von mir sagen, dass ich niemals daran dachte, eine Schallplatte zu produzieren. Damals gab es die Rockmusik als großes, überregionales Fundament ja noch gar nicht. Für uns haben immer nur die Schlagersänger Schallplatten produziert. Wir haben Musik gemacht, haben gecovert, so gut wir durften, hatten eine Menge Spaß und genau das war unser Anliegen.

Wie seid Ihr denn auf den Bandnamen gekommen, welche Bedeutung hat er?
Der hat gar keine Bedeutung. Wir sind auf den Namen gekommen, weil wir ja in der damaligen Zeit im Osten keine englischen Bandnamen verwenden durften. Aber es wollte auch keiner seinen eigenen Namen hergeben, um sich damit hervorzutun, denn wir waren eine sehr geschlossene Gemeinschaft. Also haben wir einen Stern-Atlas genommen, und haben dann mehr oder weniger im Dunkeln mit dem Finger auf irgendeine Seite gezeigt. Da kamen wir auf verschiedene Namen, die uns aber nicht so gut gefielen, und sind dann letztlich bei electra gelandet. Dabei sind wir bis zum heutigen Tag geblieben.

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Ihr habt in der Anfangszeit gleich richtig losgelegt, was das Produzieren von Songs betrifft. Kannst Du Dich noch daran erinnern, welches der erste electra-Titel war, den Ihr in einem Studio aufgenommen habt?
Wir hatten das Glück, dass die damalige DDR-Führung für ihre Jugend eine eigene Musik herstellen lassen wollte. Das hat natürlich nicht funktioniert, weil Musik ja ein Weltereignis ist, und man kann sie nicht auf ein einzelnes Land beschränken. Diese Sache wurde jedenfalls sehr gefördert. Einige Produzenten des Rundfunks sind mit einem Ü-Wagen durch das Land gezogen. Man konnte sich dort als Band melden, und so haben wir dort auch zwei Titel aufgenommen. Ich kann nicht mehr genau sagen, wie die Titel hießen, aber das war sozusagen unser Start. Dann haben wir im Sender Dresden produziert, danach im Sender Leipzig. Dort übrigens schon mit einer Mehrspurmaschine, es war eine Vierspurmaschine. Anschließend, nachdem wir unseren ersten Erfolg hatten, konnten wir die Berliner Studios nutzen, sowohl bei AMIGA, unser einzigen Plattenfirma, als auch in den Rundfunkstudios.

Als einen der ersten Songs, die Ihr gemacht habt, habe ich das Stück "Ach Schneewittchen" ausgewählt. Das ist eine Komposition von Dir mit einem Text von Kurt Demmler. Wie ist das Lied entstanden, und speziell die Zusammenarbeit mit Kurt Demmler?
Im Gegensatz zu den englischsprachigen Rockmusikern, oder auch zu denen in der Bundesrepublik, hatte es sich bei uns in der damaligen DDR so entwickelt, dass selten die Musiker die Texte selbst geschrieben haben, sondern sie haben sich talentierte Textdichter gesucht. Kurt Demmler war damals ja noch Kinderarzt. Wir haben den Kontakt zu ihm gesucht, er wohnte damals in Leipzig. Das waren so die Anfänge, und wir haben dann eine ganze Menge zusammen gemacht. Es war reiner Zufall mit "Ach Schneewittchen". Das Lied selbst habe ich schon an die 30 Jahre nicht mehr gehört. Ich bin gespannt, wie das klingt.

Es ist immer wieder die Rede davon, dass Eure erste Langspielplatte 1971 erschienen sein soll. In anderen Quellen, so auch im Booklet zur CD-Box "Die Original AMIGA-Alben" steht 1974 als Erscheinungsjahr. Was ist denn eigentlich richtig?
1971 haben wir die ersten Songs im Rundfunkstudio produziert, das weiß ich mit Sicherheit, aber diese Jahreszahl wird oft mit dem Erscheinungsjahr unserer ersten LP verwechselt. Ich habe aber auch kein Fable dafür, das nachzuforschen. Im Laufe der Jahre tauchten halt immer wieder andere Zahlen auf. Es war aber definitiv im Jahr 1974, als unsere erste LP "electra" erschien. Ich muss ehrlich sagen, wir haben uns damals darüber gefreut, denn es war eine der ersten Rockplatten, die überhaupt in der DDR produziert wurden. Im Nachhinein bedauere ich aber, dass damals unser erster großer Hit "Tritt ein Dom" nicht mit auf der LP erscheinen durfte, obwohl der ja eigentlich auch schon 1971 produziert wurde. Der Titel kam dann erst 1980 mit "electra 3" auf den Plattenmarkt.

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Auf der Platte sind auch Sängerinnen des Gerd-Michaelis-Chors zu hören. Das habt Ihr, soweit ich informiert bin, danach nie wieder gemacht, dass Ihr weibliche Stimmen in Eure Songs eingebaut habt. Wie kam es denn dazu, dass bei Eurer ersten Platte noch mit weiblicher Verstärkung gearbeitet wurde?
Wie gesagt, das waren die Anfänge der Rockmusik bei uns. Wir selbst waren natürlich auch etwas unsicher, was unsere eigenen gesanglichen Qualitäten betraf. Da waren wir wirklich noch auf der Suche. Es gab damals reine Gesangsgruppen, die kaum eigene Konzerte gaben, aber immer wieder in Erscheinung traten. Also holten wir uns deren Unterstützung und hatten unseren Spaß dabei.

Die erste Platte lief ja schon sehr erfolgreich, die zweite nicht weniger. "Adaptionen" heißt die Platte von 1976 und beinhaltet nur klassische Musik im electra-Sound. Wie seid Ihr auf die Idee gekommen, eine komplette LP nur mit klassischen Songs, die von Euch neu bearbeitet wurden, einzuspielen?
Es war so: Wir waren ja noch relativ jung und hatten nie das Ziel, eine bekannte Band zu werden. Unser Ziel war einfach gemeinsam Musik zu machen. Das Ganze hat sich Stück für Stück entwickelt. Nachdem wir die erste Platte produziert hatten, waren wir der Meinung, dass wir da eine Menge verschenkt haben, denn sie ist sehr verkompliziert. Da waren einige Arrangements dabei, von denen wir der Meinung waren, das hätte man besser machen können. Und die Adaptionsplatte... da gab es einen Bruch in der Band. Wir mussten auf einen Gitarristen und einen Keyboarder verzichten und sahen einfach menschlich wie musikalisch keine Zukunft mit den beiden. Dann hatten wir mit Rainer Uebel einen neuen Keyboarder, der auch an der Musikhochschule studiert hatte und als Pianist große, fundamentale klassische Repertoirekenntnisse mitbrachte. Der hatte sich außerdem in den Kopf gesetzt, eine Hammond-Orgel zu besitzen, was ja in der DDR nicht so einfach war. Jedenfalls besorgte er sich eine, und dann versuchten wir dem Affen Zucker zu geben, was natürlich durch die Klassik-Adaptionen möglich war.

Dann machen wir mal einen zeitlichen Sprung ins Jahr 1980 zu Eurer dritten LP, die auch nur "electra 3" heißt. Darauf befindet sich der Titel "Beschreibung eines Zimmers". Der Text ist schwerer Stoff. Da geht es um ein Zimmer, dessen Bewohner nicht mehr lebt. Gibt es zu diesem Lied eine bestimmte Geschichte?
Nein, was den Inhalt des Liedes betrifft, nicht. Aber unser damaliger Schlagzeuger und Sänger, Peter Ludewig, war und ist eine richtige Leseratte. Er hatte sich in diesen Text verbissen, fand den richtig gut und authentisch, weil so etwas im richtigen Leben tatsächlich passiert. In der Schlagerbranche wurden solche Bilder natürlich nie verwendet, wir jedoch fanden es gut. Wir werden auch immer wieder gefragt, ob wir den Song nicht mal live spielen. Deshalb habe ich mir den Titel in Abständen immer mal wieder angehört und festgestellt, es ist ein unheimlich trauriges Lied und deshalb für den Liveeinsatz nicht geeignet.

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Song:
An dieser Stelle wurde der Song "Beschreibung eines Zimmers" gespielt ...

Mit der "Sixtinischen Madonna" gab es 1980 noch ein weiteres Album. Nach zwei Jahren Pause seid Ihr dann mit "Ein Tag wie eine Brücke" albumtechnisch wieder in Erscheinung getreten. Der Sound hatte sich verändert. Kannst Du bitte etwas über die Entstehung dieser Platte erzählen und uns erklären, worin Du die größten Unterschiede zwischen dieser LP und ihren Vorgängern siehst?
Wenn man als Band schon zehn Jahre existiert, hat sich natürlich auch musikalisch vieles verändert. Ich muss ganz ehrlich sagen, da treten dann auch gewisse Unsicherheiten auf. Man fragt sich, kann man mit dem, was man jetzt macht, heute noch ein Publikum erreichen oder nicht? Wir hatten zum damaligen Zeitpunkt bereits vier Platten produziert. Da macht man sich durchaus Gedanken, ob man sich vielleicht noch mal verändern kann, ob man das Publikum noch einmal zurück gewinnen kann. Also haben wir geschaut, was musikalisch machbar war und was wir bewältigen konnten. Man wird ja auch älter und reifer. Mit Anfang 20 hatten wir begonnen, jetzt waren wir bereits Anfang 30, was sich natürlich in musikalischer Hinsicht widerspiegelte. Ich muss auch sagen, dass sich für uns schon eine Konkurrenzsituation zu den jüngeren Bands herausgestellt hatte. Deshalb wollten wir versuchen, uns ein wenig den neueren Trends anzupassen. Aber ich bezweifle, ob uns das wirklich gut gelungen ist.

Die Kompositionen stammen allesamt von Dir, die Texte dagegen von Hartmut Egk. Ein Name, den man vorher in Bezug auf electra nie gehört oder gelesen hatte. Wer war oder wer ist Hartmut Eck, und wie kam er auf die Idee, Texte zu Euerm Album zuzusteuern?
Hartmut Egk kam aus der Liedermacherszene. Wir hatten eine sehr enge Zusammenarbeit mit Kurt Demmler. Aber Kurt Demmler wurde dann zum Multitexter für fast alle Gruppen. Wir hatten den Eindruck, dass wir dadurch nicht mehr mit der gewohnten Qualität bedient wurden. Das ist ja vielleicht auch normal, denn wenn man für drei Gruppen schreibt, ist das ja noch ein relativ geschlossener Raum, aber schreibt man dann schon für dreißig Bands Texte, stellt sich das schon anders dar. Wir hatten dann ein komplettes Textbuch von Hartmut Eck zur Verfügung, wo wir uns ein paar Texte raussuchen konnten und diese auch verwendet haben. Da ich damals Kontakt zu diesem Texter hatte, schrieb ich dann auch gleich in einem Streich die ganzen Lieder dazu.

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Song:
An dieser Stelle wurde der Song "War ein früher Traum" gespielt ...

Weitere vier Jahre später klang electra komplett anders als in den Siebzigern und frühen Achtzigern, hatte musikalisch eine richtige Metamorphose hingelegt. Die LP "Augen der Sehnsucht" aus dem Jahr 1986 ist ein Beleg dafür. Bis auf wenige Songs stammen wieder alle aus Deiner Feder. Fiel es Dir leicht, vom Art-Rock kommend, plötzlich Popsongs zu schreiben, die ja nicht weniger erfolgreich waren wie die Songs aus den Siebzigern?
Das hat etwas mit unserem damaligen Sänger Manuel von Senden zu tun, von dem auch einige Kompositionen auf der Platte stammen. Ich habe für ihn teilweise Texte geschrieben, zum Beispiel "Augen der Sehnsucht", aber er hat den Song komponiert. Man muss eine Band zu einer Einheit führen, denn es bringt nichts, wenn der eine in die Richtung zieht, und der andere in eine andere Richtung. Manuel von Senden war eben damals unser Sänger, und er hat versucht, sich die Titel auf den Leib zu schreiben bzw. schreiben zu lassen.

Dein markantes Erkennungszeichen war ja schon immer das Flötenspiel. Aber auch andere Blasinstrumente wurden von Dir in die Titel eingebaut und auch gespielt. Ließ sich das gut mit der neuen Musik verbinden, oder war es eher schwierig im Entstehungsprozess neuer Titel diese Instrumente bei den Arrangements zu berücksichtigen?
Es war die Zeit der Popmusik, und ich habe u.a. auch Synthesizer gespielt. Zwar zugegebenermaßen mehr schlecht als recht, aber immerhin so, dass man es verwerten konnte. Es war wirklich schwierig, eine Flöte oder ein Saxophon einzubinden, bis auf ganz wenige Titel. Ich erinnere mich noch gut an den Durchbruch der Beatles und der Rolling Stones, als die Zuschauer und Zuhörer noch gar nicht wussten, was ein Saxophon ist. Damals musste ich schon ein paar Schritte zurücktreten. Das relativierte sich, als Bands wie Blood Sweat & Tears und Chicago in Erscheinung traten. Aber Du hast schon Recht, es war schwierig, in unsere Musik Blasinstrumente einzubringen.

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Zu Deiner Komposition "Stunde der Glut" hat Werner Karma den Text geschrieben. Karma war damals bereits Haus- und Hoftexter von Silly. Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit ihm, die ja eigentlich schon 1980 mit dem Stück "Scheidungstag" auf der LP "Die sixtinische Madonna" ihren Anfang nahm?
Du sagst es. Die erste Band, für die Werner Karma jemals einen Text schrieb, war electra. Wir fanden, dass es ein guter Text war. Genauso dachten natürlich auch andere Bands. Da ein Texter aber nicht von einer einzigen Band leben konnte, war es normal, dass er auch für andere geschrieben hat. Er schrieb nicht nur für Silly, sondern auch für viele andere Bands, aber das war damals in Ordnung. Jeder Texter versuchte natürlich, soviel Texte wie möglich an den Mann bzw. die Bands zu bringen.

Song:
An dieser Stelle wurde der Song "Stunde der Glut" gespielt ...

"Tausend und ein Gefühl" von 1987 und "Der aufrechte Gang" von 1989 wurden als weitere Alben produziert. Letztgenanntes wurde aber erst 15 Jahre später veröffentlicht. Woran lag es, dass die Platte solange auf ihre Erstveröffentlichung warten musste?
Wir hatten natürlich nicht damit gerechnet, dass eines Tages die Mauer fällt. Aber irgendwie hatte sich dieser Stimmungswandel, dass irgendwas passieren musste, schon angedeutet, sowohl unter den Künstlern als auch unter den Bürgern der ehemaligen DDR. Wir waren gerade dabei, mit "Goldhamster" oder mit den "Diplomaten" etwas andere, frechere Titel zu schreiben. Uns haben diese Entwicklungen mit dem Fall der Mauer letztendlich überrascht. Und natürlich hatten die Leute dann etwas anderes zu tun, als die Musik von electra zu hören. Es gab zunächst einen unglaublichen Knacks, was das Livegeschäft betraf. Ich empfand es aber auch als ganz natürlich, dass die Menschen erstmal in den Westen gefahren sind, um sich die Bands anzugucken, oder die Bands kamen in die ehemalige DDR, und die Leute sind dahin gegangen. Wir waren also in dem Moment total out. Dazu kam, dass unsere einzige Plattenfirma, nämlich AMIGA, den Bach runter ging und nicht mehr zur Verfügung stand. Damit war für mich persönlich das Thema Veröffentlichung und electra im größeren Stil abgeschlossen. Ich hatte volles Verständnis, dass es bei so einem Umbruch, obwohl kein Blut geflossen ist, immer Gewinner und Verlierer gibt. Und dann gibt es noch solche wie mich, die einen anderen Weg eingeschlagen haben. Ich hatte seinerzeit in Dresden die größte Konzertagentur gegründet und habe dort viele Künstler verpflichtet. Nach und nach stieg natürlich auch das Bedürfnis wieder. Als dann zu unserem 35-jährigen Bandjubiläum AMIGA, bzw. was es davon noch gab, diese Box raus bringen und irgendwas zusammenstellen wollte, kamen sie und fragten uns, ob es denn da noch andere Titel gäbe. Ich sagte: "Ja, da gibt es schon noch was." Wir hatten bereits 1989 zwei einzelne Titel an den Rundfunk überspielt. Einer davon war, daran erinnere ich mich, "Goldhamster". AMIGA wollte die Titel hören und meinte danach, die müssen unbedingt in die Box mit rein. Also erblickte 15 Jahre nach ihrer Entstehung, die CD "Der aufrechte Gang" doch noch das Licht der Welt.

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Du hattest ja schon mehr oder weniger gesagt, bis auf die wunderbaren Live-Alben gab es keine neuen Studio-Platten mehr von electra. Du hast als Komponist über viele Jahre hinweg großartige Songs geschrieben, hast dabei Wandlungsfähigkeit und ganz viel Kreativität gezeigt. Diese Qualität kann ja unmöglich versiegt sein. Warum gibt es von electra seit Jahren keine neuen Songs mehr?
Das ist schwer zu beantworten. Man muss dazu sagen, ich habe den Markt durchaus beobachtet und weiß, was möglich ist, und was zwischenzeitlich erschienen ist. Ich will uns jetzt nicht mit den jungen Bands vergleichen, die haben natürlich eine ganz andere Motivation, einen ganz anderen Antrieb, eine andere Sicht auf die Dinge. Wenn ich nur mal eine Band aus unserer Umgebung nennen darf: Silbermond. Aber wir waren ja letztlich schon ältere Herren. Ich bin jetzt, das darf ich ruhig sagen, 67 Jahre. Vor zehn Jahren war ich also 57. Ich habe es beobachtet: ob es nun die Puhdys waren oder CITY, alle haben etwas Neues produziert, aber es kam nie ein richtiger Erfolg zustande. Ich kann die Qualität der Titel nicht einschätzen, aber es gab niemanden, der sich wirklich ernsthaft darum gekümmert hat. Für mich war ein prägendes Erlebnis, dass ich an der Tankstelle Puhdys-CDs hätte kaufen können, wenn ich denn gewollt hätte. Und da habe ich dann gesagt, das will ich auf keinen Fall. Man muss einfach mal akzeptieren, dass ab einem gewissen Alter und nach so einem Schnitt, wenn deine Tonträgerfirma den Bach runter geht, Feierabend ist. Und wenn sich keine neue Firma findet, die sagt: "Wollt Ihr nicht wieder was Neues produzieren, die Musik war doch gar nicht so schlecht, dieses und jenes Konzept steht dahinter", mich dann hinzusetzen und ins Blaue hinein neue Titel oder eine neue LP zu schreiben, dazu hatte ich keine Lust. Denn irgendwie ist man doch auch hungrig auf Erfolg. Und wenn man weiß, dass sich der Erfolg nicht einstellen kann, egal wie gut das Produkt auch ist, weil die ganzen Vertriebswege der Plattenfirmen halt eher über München oder Hamburg verlaufen... Aber es gab noch einen Grund für mich. Ich bin sehr stark in meine Agentur eingebunden. Ein normaler 8-Stunden-Tag ist dort nicht das Normale. Wenn ein Typ wie Grönemeyer fünf Jahre braucht, um mit "Mensch" eine gute LP zu produzieren, dann kann das ein Aust nicht abends nach 19:00 Uhr auf einer Arschbacke erledigen. Dafür braucht man wirklich immens viel Zeit, auch wenn heute die Produktionsbedingungen einfacher geworden sind. Man muss das aber auch leben. Wenn man dann jedoch acht oder zehn Stunden am Tag im Büro sitzt und andere Bands managt, da hat man einfach nicht mehr die Kraft und die Überzeugung, dass da was Gutes raus kommt. Also habe ich mir gedacht, lass uns das spielen, was wir können und was die Leute mögen. Und wenn sich die Gelegenheit ergibt, versuchen wir die Titel eben mal etwas anders zu gestalten. Das hatten wir zu unserem 40-jährigen Jubiläum gemacht, mit Orchestrierung usw. Aber das war kein Kampf ins Nirgendwo, sondern da hatten wir ein Thema, und wir wussten, wir können uns auf die Songs verlassen. Es gibt immer Stunden, wo man das bedauert. Wir haben auch hin und wieder schon den Ansatz gemacht, es doch mal wieder zu versuchen, aber die Leichtigkeit ist nicht mehr da, die wir vor 25 Jahren hatten.

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Damit hat sich meine nächste Frage schon erledigt, und wir kommen gleich zu electra als Live-Band. Du hast hier von Eurer letzten Live-CD anlässlich des 40. Bandgeburtstages ein paar schöne Live-Titel mitgebracht. Daraus wollen wir ein paar Lieder hören, und ich möchte Dich bitten, zu den Liedern einfach mal ein bisschen was zu sagen. Als Erstes habe ich einen meiner Favoriten rausgesucht, das ist "Bourée/Locomotive Breathe". Bitte erzähle uns doch mal was über den Song...
Da könnte man viel erzählen. Also ich habe u.a. auch Jethro Tull veranstaltet. Das müsste so etwa 1994 gewesen sein, genau erinnere ich mich nicht mehr. Das Ganze fand in Kamenz statt, auf der Hutbergbühne. Als ich Jethro Tull das allererste Mal veranstaltet hatte, das war 1991 in Dresden, fuhr ich Ian Anderson durch Dresden, um ihm die Stadt zu zeigen. Bei der Gelegenheit gab ich ihm eine Kassette mit und sagte: "Guck mal, das spielen wir." Da war er doch etwas - ich will nicht sagen - brüskiert, aber er hat mir kurz und knapp die Kassette am nächsten Tag wieder in die Hand gedrückt und sagte, das wäre das beste Cover, das er je gehört hat. Drei Jahre später haben wir dann in Kamenz als Vorband von Jethro Tull gespielt. Da bin ich natürlich mit Flöte auf die Bühne gegangen, und wir alle haben unser Bestes gegeben. Die Leute kannten uns natürlich. Selbstverständlich spielten wir damals keine Jethro Tull-Titel, das gehört sich einfach nicht. Aber die ganze Band von Ian Anderson hat hinter der Bühne gestanden und uns zugehört. Nach 14 Tagen - ich hatte noch ein zweites Konzert in Glauchau gebucht - bekam ich dann einen Brief von Fritz Rau: "Lieber Bernd, tut mir leid, das schreiben zu müssen, aber Ian möchte nicht, dass noch mal ein Flötist vor ihm spielt". Den Brief habe ich mir aufgehoben. Das war sozusagen der Ritterschlag für mich. Natürlich habe ich dann einen anderen Support besorgt. Das war halt meine Erinnerung an Jethro Tull. Heute spielen wir nur noch diese zwei Lieder von ihnen. Ich kannte die Songs bis dahin nur in dieser Quintett-Besetzung, deshalb war es für mich wichtig, sie auch mal anders zu arrangieren, zum Beispiel mit Orchester. Das hat mir viel Spaß gemacht.

Das nächste Stück "Vier Milliarden in einem Boot" haben wir geschrieben, als der eiserne Vorhang noch bestand. Nach der Wende haben wir es dann wirklich aus dem Konzertprogramm raus genommen, weil wir dachten, das Thema ist eigentlich durch. Aber wir wissen alle, dass das Thema Gewalt nach wie vor aktuell ist und auch heute noch besteht. Der große Frieden, den wir uns erhofft hatten, nachdem sich die Supermächte nicht mehr gegenüberstanden, ist leider nicht eingetroffen, deshalb spielen wir den Song auch heute noch auf unseren Konzerten, denn wir sitzen alle in einem Boot.

Das letzte Stück ist ein Song von Stephan Trepte, den er damals mit Reform produziert hat. Er heißt "Wenn die Blätter fallen". Er sagt den Titel auf unseren Konzerten immer so an, dass er jetzt besser zu uns passt als früher, denn jetzt sind wir sozusagen schon das "musikalische Laub". Es ist auf jeden Fall ein sehr attraktives Stück und es macht großen Spaß, es zu spielen.

 


Interview: Christian Reder (Februar 2012)
Übertragung: Torsten Meyer (Mai 2012)
Bearbeitung: mb, cr
Fotos: Pressematerial
 
 

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