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Joachim Witt

 
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Es ist wohl keine Übertreibung, wenn man sagt, Joachim Witt hat mit die meisten Höhen und Tiefen erlebt, die man in einer Karriere haben kann. Seine Vita ist wie eine Achterbahnfahrt: Mit dem "Goldenen Reiter" ganz oben, danach ein tiefer Fall. Ende der 90er mit "Die Flut" so erfolgreich wie nie zuvor, danach wieder schwindendes Interesse des Publikums, gefolgt von einer langen Pause. Es wäre nur allzu logisch, wenn er mit seiner neuen Platte "Dom" (Rezension: HIER) und der daraus ausgekoppelten Single "Gloria" wieder an die Spitze stürmt. Und die Vorzeichen dafür stehen sehr gut. Ebenso rasant wie seine Erfolge, ist auch seine Wahl der Musikstile. Nach Neuer Deutscher Welle, Deutschrock, englischer Popmusik und Neuer Deutscher Härte hat er sich schon wieder neu erfunden und einen Stilwechsel hingelegt. Trotz Stress mit seiner Album-Promotion und zahlreicher anderer Verpflichtungen, hatte der Hamburger Musiker Zeit für einen Besuch bei Deutsche Mugge...
 
 
 
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Joachim, zuerst ein großes Lob für die neue CD, die mir ausgesprochen gut gefällt...
Dankeschön!

Mit "Dom" kehrst Du aus einer längeren Pause zurück. Es fällt sofort auf, dass sich der musikalische Stil verändert hat. Was hat Dich zu dieser doch eher klassischen Musik in Verbindung mit elektronischen Elementen geführt?
Ich fand, dass das Gewand der Musik, die ich vorher gemacht habe, nicht mehr auf der Höhe der Zeit war. Eigentlich waren es zwei Faktoren. Einmal das, was ich gerade sagte und zum anderen war es so, dass ich die Art des Einsatzes von Gitarren nicht mehr hören mochte. Ich finde, dass inzwischen zu viele Bands so arbeiten - ich habe diesen Sound zuletzt an jeder Straßenecke gehört. Es entspricht nicht meinem künstlerischen Empfinden in Bezug auf Originalität. Ich dachte, ich muss mal wieder etwas Neues schaffen, das mal wieder einen Punkt setzt. Erst mal für mich persönlich und damit ich mich selbst auch wieder angeschoben fühle, wieder Freude an der Arbeit habe und diese auch aufrecht zu erhalten. Um das zu erreichen, muss man sich auch mal wieder neu erfinden.

Wenn Du das so sagst, hört sich das an, als wäre Dir nach 2006 die Freude an der Arbeit vergangen...
Ja, ich war derer ein bisschen überdrüssig, muss ich ehrlich sagen. Es war zum Schluss immer derselbe Sound und man hat sich immer wiederholt. Das Thema war ja auch schon seit Jahren klar. Das nun immer wieder neu aufzufrischen, war mir nicht genug und darum habe ich mich auf die neue Reise begeben.

Ich habe gelesen, dass Du an "Dom" insgesamt drei Jahre gearbeitet hast. War das die längste Phase, in der Du an einem einzigen Album gearbeitet hast?
Ja, ich denke schon...

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Was hat es so langwierig werden lassen?
Da kommen verschiedene Faktoren zusammen. Einer davon war der Terminkalender der verschiedenen Beteiligten. Ich habe dieses Mal ein größeres Team an der Arbeit gehabt. Ich habe früher ja weitestgehend alles allein gemacht und dieses Mal stand eine ganz andere Arbeitsweise im Vordergrund. Wir haben z. B. zusammen im Team komponiert, was für mich auch etwas völlig Neues war. Außerdem wurde die Produzentenfunktion eindeutig durch eine Person besetzt. Das sind Dinge, die natürlich auch in der Koordination eine Rolle spielten, weil das auch alles Menschen sind, die hoch qualifiziert sind, natürlich auch ihren festen Terminkalender haben und viel beschäftigt sind. Dadurch kam es u. a. zu dieser aufwendigen Produktion, die auch sehr lange dauerte.

Wie würdest Du einem interessierten Musikfreund das Album "Dom" beschreiben und warum sollten es sich die Leute unbedingt kaufen?
(überlegt sehr lange) Also für mich ist das Motto des Albums "Mitgefühl" und das steht auch im Mittelpunkt. Empathie ist für mich eigentlich das Schlagwort des Albums. Ich würde sagen, dass dieses Album als Anregung gedacht ist. Als Anregung für eine intensivere Gefühlswelt in der Form, dass die Menschen wieder viel mehr aufeinander zugehen und weniger an sich selbst denken sollten. Die Nächstenliebe steht im Vordergrund. Nicht nur die eigenen Interessen über alles stellen. Das gilt auch für Beziehungen, dass man keine Angst haben sollte, Gefühle zu zeigen. Dass man unter die Oberfläche geht, auch ruhig auf die Gefahr hin, dass man verletzlicher ist. Ich glaube, wenn man all diese Dinge so lebt, dass es die Beziehung vereinfacht oder auch besser gestaltet. Auch die Intensität der emotionalen Auseinandersetzung ist ein zentrales Thema.

...und wenn man sich darauf einlassen kann, sollte man sich die Platte kaufen?
Ja, weil es eine wirklich eine zentrale Anregung ist. Es wird von mir ein Angebot gemacht, welches es in dieser Intensität und auf diese Art und Weise im Moment nicht gibt.

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Es gibt verschiedene Versionen von "Dom", z. B. die Standard Version mit 10 Liedern und eine Doppel CD mit weiteren Songs. Es gibt sogar eine Auflage auf Schallplatte. War das Deine Idee oder hat die Plattenfirma die Verantwortung für die Vielzahl an Versionen?
Dass das Album auch auf Vinyl erscheint, war meine Idee. Ich fand es ganz wichtig, eine Alternative auf Vinyl zu haben, weil ich selber auch noch Vinyl-Platten höre. Meine Highlights, auch von früher, lege ich mir zu Hause lieber als Vinyl auf. Die anderen, verschiedenen Versionen des Albums haben etwas mit der Veröffentlichungspolitik, die von der Schallplattenfirma gestaltet wird, zu tun - unter meiner Mitsprache natürlich, das ist klar. Wir entscheiden ja auch letztendlich, was auf die Platte rauf kommt. Aber das ist deren Geschäft, zu entscheiden, was und wo etwas genau passiert und welches Angebot gemacht wird. Es soll ein möglichst großzügiges Angebot gemacht werden, wo auch inhaltlich viel geboten wird - das muss bei einer Veröffentlichung auch ganz oben stehen.

Sind die Bonustracks bei der Version als Doppel CD die so genannten "Outtakes", die es am Ende nicht auf das Album geschafft haben?
Ja, das auch. Es sind auch Auszüge aus der Arbeit darauf enthalten, die ich in England gemacht habe und später verwarf und so nicht veröffentlichen wollte. Das ist aber für die Fans vielleicht ganz interessant, einfach mal das kennen zu lernen, womit ich mich in den letzten Jahren beschäftigt habe. Dann ist da auch noch eine weitere Geschichte enthalten, die in England gelaufen ist, nämlich der Titel "Shut The Fuck Up". Den Song haben wir mit Andy Hill in England gemacht. Das ist auch eine ganz interessante Sache, die aber konzeptionell und vom Sound her nicht auf "Dom" passte. Deshalb ist es als Bonustrack mit auf dieser Version gelandet. Mir war dieser Song auch besonders wichtig, weil er inhaltlich diesen ganzen Bankenwahnsinn und das Ausbluten der Gesellschaft behandelt. Außerdem ist da noch eine Urversion vom "Goldenen Reiter" mit enthalten. Der ist so, wie ich ihn früher im Keller gespielt und mir dabei die Finger wund gespielt habe (lacht). Die erste Version des "Goldenen Reiter" war eine englischsprachige Version und ursprünglich für meine Band Duesenberg gedacht. Dann haben wir das am Ende aber doch nicht gemacht und es wurde später ein Solotitel von mir. Solche Sachen aber dann trotzdem hören zu können, sind kleine Schätze die ich den Hörern auf der Doppel CD anbieten kann.

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Es gibt auch eine Biographie über Dich, geschrieben von Thomas Bleskin und Isabel Regehr. Biographie klingt immer so ein bisschen nach Abschied. Du willst doch hoffentlich nach "Dom" nicht Schluss machen?
Nein. Das ist auch nur eine musikalische Biographie. Eine musikalische Biographie mit sehr persönlichen Geschehnissen. Wenn man aber eine ausführliche und vollständige Biographie machen würde, hätte sie einen wesentlich größeren Umfang. Soweit bin ich eigentlich noch nicht, insofern kann man auch davon ausgehen, dass es mit mir auf jeden Fall noch weitergehen wird. Ich weiß, dass manche Leute ihre Biographie schon mit 25 schreiben, auch wenn ich nicht weiß, was sie bis dahin erlebt haben wollen, dass dies dann schon als Biographie erscheinen muss. Das scheint ja irgendwie modern zu sein, aber ich bin noch nicht soweit (lacht).

Du bist mit den Bayreuth-Alben und den anderen CDs, die dazwischen erschienen, immer auf Tour gegangen. Wirst Du das mit "Dom" auch tun?
Ja, ich werde im März 2013 unterwegs sein. Es sind bisher schon 10 Termine fest gebucht. Die Tour wird quer durch Deutschland gehen. Zuerst spielen wir in den Metropolen, anschließend sehen wir dann, in wie weit wir das ausdehnen können. Im Moment macht es mir sehr viel Mut, da noch mehr in Angriff zu nehmen, weil die Reaktionen auf das Album, die man jetzt schon sehen kann, doch sehr sehr positiv sind. Das sind ja auch die Voraussetzungen, dass man ausgiebig auf Tour gehen kann. Wenn es keinen interessiert, muss man auch nicht auf Tour gehen.

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Das ist wohl richtig... Wie wird das Programm aussehen, stellst Du dann ein komplettes Orchester auf die Bühne?
Ja, das ist eine sehr gute Frage. Wir sind gerade in der Konzeptionsphase für die Tour. Ich weiß im Moment noch nicht genau, wie das alles gelöst wird, aber wir haben vor, einen sehr ästhetischen Abend abzuliefern, der kein normales Rockkonzert sein wird. Es soll schon ein Event sein mit einer bestimmten Dramaturgie, bei dem den Menschen auch etwas geboten wird ... für ihr doch relativ hohes Eintrittsgeld (lacht).

...das ja selten am Künstler selbst liegt...
Ja, das bestimmen die Agenturen. Das hat auch immer ein bisschen mit den Vorkosten usw. zu tun. Da sind wir gerade in der Planung, wir wollen und müssen das alles erträglich gestalten. Aber trotzdem muss es so sein, dass das Publikum hinterher zufrieden und begeistert nach Hause geht. Das ist die Aufgabe.

Kommen wir zum biographischen Teil dieses Interviews. Hast Du Lust ein bisschen über Deine Karriere zu plaudern?
Ja gerne. Stell mir einfach Fragen...

Was viele Leute vielleicht gar nicht wissen ist, dass Du Deine Karriere Anfang der 70er unter dem Namen "Julian" und mit der Single "Ich bin ein Mann" gestartet hast. Wie kam es zu Deinem Einstieg in die Musikszene und zu dieser Platte?
Das ist musikalisch eigentlich eine relativ schräge Geschichte. Das entstand in einer Phase, in der ich versucht habe, überhaupt etwas zu machen und von mir anzubieten. Das war aber sehr fremdbestimmt. Zu der Zeit habe ich gar nicht so stark komponiert. Trotzdem meinte mein Umfeld, ich müsse irgendwie einen Anfang machen. Darum haben wir diese Single veröffentlicht. Den Song auf der A-Seite habe ich nicht selbst geschrieben, aber die B-Seite "Ich weiß, ich komm zurück" ist von mir. Es war musikalisch halt der erste Versuch... Hast Du den Song schon mal gehört, das ist ja doch eher schlageresk?

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Nein, leider nicht. Ich kenne nur das Cover, denn die Single geht preislich immer richtig ab, wenn sie mal irgendwo angeboten wird und ab einem bestimmten Preis steige ich einfach aus...
Das wusste ich gar nicht. Jedenfalls ist der Song eher ein weiterentwickelter Schlager aus dieser Zeit. Wir haben damals versucht, instrumental etwas anspruchsvoller zu sein. Das Metrosexuelle ist das Thema der Single und so ist auch das Cover... Ich sah zu dieser Zeit eben so aus, weil ich die Zeit auch so empfunden habe. Das war getragen von hippieesken Akzenten und metrosexuellen Erscheinungsformen.

Zu dieser Zeit bist Du auch als Schauspieler aktiv gewesen und hast sogar eine Schauspielschule besucht...
Ja, das stimmt. Ich habe die Schauspielschule besucht und zu der Zeit hier in Hamburg am Thalia-Theater schon Statisterie gemacht. Das hat sich dann weiterentwickelt und ich habe kleinere Rollen gespielt, aber nichts Besonderes. Um größere Rollen zu bekommen und spielen zu können, hätte ich in die Provinz gehen müssen. Das ist bei jungen Schauspielern häufig so, dass sie sich an kleineren Theatern erstmal ihr ganzes Rüstzeug holen. Aber daran hatte ich gar kein Interesse. Ich habe dann auch irgendwann gemerkt, dass mir der Theaterbetrieb selbst nicht so lag, denn ich konnte nicht das machen, was ich selbst machen wollte. Man war am Theater doch sehr fremdgesteuert und das war noch nie meine Sache. Darum fühle ich mich in der Musik auch besonders wohl und zu Hause, weil ich hier zu jeder Zeit bestimmen kann, was ich mache und was ich lasse.

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Kurz bevor Du dann dem berühmten Thalia-Theater im Jahre 1977 den Rücken gekehrt hast, hast Du mit zwei Freunden zusammen die Gruppe DUESENBERG gegründet. Der Name fiel ja gerade auch schon einmal. Welche Idee steckte damals dahinter, als Ihr die Band gegründet habt?
Wir wollten einfach Musik machen. Wir waren damals ganz fasziniert vom Satzgesang amerikanischer Bands wie z. B. den EAGLES und den BEACH BOYS und so... Die hatten ganz tolle Satzgesänge und das hat uns alle sehr begeistert. Wir haben versucht, das auf unsere Art und Weise auch umzusetzen. Wir haben englischsprachig gesungen und die Zeit mit DUESENBERG war wie meine Lehrzeit, was die Musik betrifft. So empfinde ich es im Nachhinein. Man war im Studio und hat dort aufgenommen, man hat zusammen komponiert... Das war eine ganz intensive Lernphase.

Das war insgesamt eine sehr intensive Phase, denn Ihr habt in nur drei Jahren drei LPs und einige Singles veröffentlicht. Das scheint ja doch sehr fruchtbar gewesen zu sein. Was hat Dir die Zeit mit DUESENBERG persönlich noch gebracht?
Das hat für mich auch ein bisschen die Türen - auch für die Zukunft - geöffnet. Es ist am Anfang einer Karriere ja nicht immer leicht, irgendwo Gehör zu finden. Überhaupt ist es nicht leicht, wenn du deine Sachen bei Schallplattenfirmen vorstellen willst, jemanden zu finden, der sich dort die Zeit nimmt und die Mühe macht, da rein zu hören. Insofern hatte ich durch DUESENBERG überhaupt eine Chance, bei Plattenfirmen vorstellig zu werden. Aber interessanter Weise hat sich da erst mal überhaupt keiner für meine Sachen interessiert. Zum Schluss hatte die WEA wohl das Potential meiner Musik erkannt. Allerdings war das auch jemand, der innerhalb der WEA später auch international eine steile Karriere gemacht hat...

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Dann stimmt es also doch, was ich gelesen habe: Du hast am Anfang Deiner Solokarriere zuerst gar keine Plattenfirma gefunden und bist überall abgeblitzt...
Ja, überall. Aber der Junge von der WEA, Peter Köpke heißt er übrigens, hat das Potential der Songs erkannt. Tja, der Rest ist Geschichte... Aber selbst da hat es nach der Veröffentlichung meiner ersten LP nicht sofort funktioniert.

Ich wollte gerade fragen... Dein Debüt-Album war bereits ein Jahr auf dem Markt, lief nicht sehr gut, und dann kam Dein Auftritt bei Leckebusch im Musikladen mit dem Song "Goldener Reiter"...
Ja, das war der erste deutsche "Musikladen", den Leckebusch damals machen wollte. Sonst traten dort nur internationale Künstler auf. Als er bei der Planung zu dieser deutschen Sendung meinen Song "Goldener Reiter" hörte, sagte er: "Den Titel will ich unbedingt in meiner Sendung haben." Das war für mich dann die Bombe. Das, was nach meinem Auftritt kam, hatte ich so nicht erwartet. Am nächsten Tag nach der Sendung war richtig Alarm. Die Leute haben gedacht, "Was ist denn das für ein Typ? Der bewegt sich, als wenn er nicht alle Tassen im Schrank hat. Die Musik ist zwar schräg, aber irgendwie finden wir das geil!" - jedenfalls fanden die Leute das Lied gut und es hat sich richtig eingeprägt. Den konnte man offenbar so schnell nicht wieder vergessen. Die Nummer wurde dann - und das konnte man damals noch gar nicht ahnen - zum richtigen Dauerbrenner. Heute noch.

Wie hast Du das überhaupt empfunden? Die Platte wird veröffentlicht, es interessiert kaum jemanden. Dann kommt der Fernsehauftritt und es folgt ein Riesenerfolg. Das muss doch total surreal gewesen sein...
War es auch. Das war völlig unverhältnismäßig. Das war ein richtiger Befreiungsschlag. Von einem Tag auf den anderen sah ich das Licht am Horizont. Das ist schon ein ganz besonderer Moment, wenn man so was erlebt. Gerade dann, wenn es vorher nicht so besonders hell aussieht und es getragen ist von vielen Problemen persönlicher und wirtschaftlicher Art. Man hatte keine Kohle und so... Die Zeit vor dem Erfolg war ganz schlimm. Ich konnte vorher auch keinen richtigen Job machen, weil ich so intensiv mit der Musik beschäftigt war und auch dabei bleiben musste. Das war eine ganz schwierige Situation, Geld zu verdienen. Das war auch bei DUESENBERG vorher schon so. Du warst zwar viel unterwegs, hast auch ein relativ großes Medieninteresse gehabt, aber hast damit kein Geld verdient. Das war völlig verhext. Durch diese Situation, weil ich neben der Musik keinen anderen Job machen konnte, musste ich zum Amt und mir Sozialhilfe holen. Das ging aber auch nicht lange, denn irgendwann haben die gesagt, "Also Herr Witt, wir sind nicht dafür da, Ihr Hobby zu finanzieren" (lacht).

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Da sind die ja immer sehr direkt und gnadenlos...
Ja, genau (lacht). Und wie das eben so ist, auch die hatten Unrecht, genau wie die Plattenfirmen, die mich nicht haben wollten (lacht).

Du hast dann ja zwei Bombenjahre gehabt, das kann man nicht anders bezeichnen. Und obwohl Du so erfolgreich warst, hast Du auch - ich erinnere mich da noch sehr gut - stark polarisiert. Es gab also nicht nur Leute, die Dich dufte fanden, es gab auch 'ne Menge Leute, die Dich richtig Scheiße fanden und dies auch zum Ausdruck brachten... Dazwischen gab's irgendwie nix... Das muss ja auch ein komisches Gefühl sein.
Ist es auch. Das ist ja heute noch genau so, dass mich Leute richtig Scheiße finden (lacht). Aber weißt Du, das hat seine Bewandtnis. Ich kann auch nicht alles gut finden. Das soll man auch gar nicht. Man soll nicht alles gut finden. Man soll das gut finden, was einem selber auch wirklich gut gefällt. Ich glaube z. B., dass es bei den neuen Songs auf "Dom" eine größere Übereinstimmung gibt, weil es emotional so getragen ist, dass man sich dem nur ganz schwer entziehen kann, wenn man es hört. Es sei denn, man hat erhebliche Probleme mit seiner Gefühlswelt. Dann fühlt man sich vielleicht eher abgestoßen und ist vielleicht auch erschrocken. Es gibt ja auch viele Menschen, die unheimliche Angst vor ihren Gefühlen haben, auch Gefühle zu äußern, z. B. in Partnerschaften. In Partnerschaften ist das ein großes Handicap, dass sich die Menschen nicht öffnen. Das kompliziert viel und ich komme ja auch nur dann weiter, wenn ich mich irgendwie zu erkennen gebe. Es ist ja auch das bereichernde Moment im Leben, dass man Menschen findet, die darauf eingehen können und mit denen man dann ein erfülltes Leben hat. Ohne die Offenbarung der Emotionen und anderer Gefühlsschichten ist so was einfach nicht möglich. Es bleibt dann immer eine recht oberflächliche Beziehung. Deshalb glaube ich schon, dass es da eine große Übereinstimmung gibt. Das Bedürfnis nach Nähe, nach Gefühlen, die echt und ehrlich sind, ist sehr stark. Ich glaube, dass der Bedarf da sehr groß ist. Das spüre ich bei mir selbst ja auch. Das ist besonders in der heutigen Zeit ganz wichtig, weil vieles auch von den Widrigkeiten des alltäglichen Lebens geprägt ist. Wir laufen hier doch mittlerweile extrem in die Probleme richtig rein, so dass alles extrem schwierig wird. Darum finde ich es sehr wichtig, dass man diese emotionale Ebene besonders hervorhebt, weil sie auch besser zur Verständigung unter den Menschen beiträgt. Auch die Sinngebung verändert sich im Moment in der Welt, nicht unbedingt nur in unserem Land. Es ist so, dass man sich wieder mehr auf die Familie und den Freundeskreis konzentriert und dass die Karriere nicht mehr so im Vordergrund steht. Das ist eigentlich eine positive Entwicklung, finde ich. Man muss sich nicht sein ganzes Leben zum Affen machen und den Sklaven geben...

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Das ist wohl wahr. Da gebe ich Dir Recht. Kommen wir noch mal auf die Zeit in den 80ern zurück. Du hast 1983 mit "Märchenblau" ein - für meinen Geschmack - großartiges Album veröffentlicht. Was glaubst Du, woran es lag, dass diese LP beim Publikum nicht wirklich gut ankam?
Dafür gibt es - glaube ich - eine ganz einfache Erklärung. Das Thema Neue Deutsche Welle war ausgereizt...

Aber "Märchenblau" ist doch kein typisches NDW-Album, oder?
Trotzdem. Ich war Bestandteil der NDW und mein Name wurde immer als Bestandteil der Neuen Deutschen Welle genannt. Ich wurde sogar als die "Ikone der NDW" bezeichnet. Das kannst du nicht machen. Wenn so eine Bewegung durch ist, dann bist du als Künstler auch erst mal durch. Es interessiert vor allem die Medien, dann nicht mehr. Das war ein Riesenkampf über 10 Jahre, bis ich da wieder Resonanz erfahren habe. Und du brauchst in unserem Geschäft ja die Medien ganz extrem, um die Menschen überhaupt zu erreichen. Du brauchst sie, damit die Menschen überhaupt die Chance bekommen, sich das anzuhören, was du machst. Wer erfährt denn sonst von so einer Veröffentlichung? Ohne die Medien liegt es irgendwo in den Regalen der Läden rum und keiner weiß, dass es was Neues gibt. Vielleicht stößt man dann zufällig mal darauf, aber die Wahrscheinlichkeit ist nicht besonders hoch.

Du hast mal in einem Gespräch vor ein paar Jahren in einem Nebensatz gesagt, dass Du von den Medien in Deutschland "kalt abserviert" wurdest und Dich im Stich gelassen gefühlt hast...
Ja, so war das auch.

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Dann ist das ja ein weiterer Grund...
Ja, stimmt.

Du hast 1985 mit der LP "Moonlight Nights" ein Album gemacht, mit dem Du Dich von der deutschen Sprache getrennt hast. War das, worüber wir gerade sprachen, ein Auslöser dafür?
Eigentlich war das damals auch so ein Moment, in dem ich dachte, ich mache jetzt mal etwas ganz anderes, nicht nur musikalisch, sondern auch in einer anderen Sprache, nämlich englisch. Das ergab sich aber erst durch den Umstand, dass ich zur Zeit der Produktion von "Moonlight Nights" in Portugal lebte. Das war eine völlig andere, neue Umgebung und war für mich dadurch auch internationaler geprägt. Ich war weit weg von Deutschland und dachte, dass ich vielleicht mal ein englischsprachiges Album über Portugal veröffentliche. Es ist dann schließlich doch anders gekommen, weil letztendlich eine deutsche Plattenfirma das Album veröffentlichen wollte. Und so kam es eben bei einer deutschen Plattenfirma raus, aber nicht über die deutschen Landesgrenzen hinaus. Grundsätzlich war hier aber der internationale Gedanke im Hintergrund.

Aber wie bei "Märchenblau" blieb auch hier der Erfolg leider aus...
Zu der Zeit hat das keinen interessiert, das stimmt. Sowie mein Name fiel, hatte sich das erledigt. Ich hätte mich vielleicht anders nennen müssen, mir einfach einen anderen Namen geben sollen, vielleicht hätte ich dann eine Chance gehabt. Aber als Joachim Witt nicht.

Hubert Kah und Peter Schilling haben auch unter ihren Namen, mit denen sie in der NDW-Zeit Erfolge hatten, weitergearbeitet und konnten damit auch international Erfolge feiern. Am Namen allein kann es nicht gelegen haben.
Stimmt, ja...

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Ich glaube eher, dass der Markt einfach komisch ist. Er ist nicht kalkulierbar. Heute nicht und früher auch nicht. Heute gibt es andere Möglichkeiten, denen Du Dich ja nicht verschließt. So kommunizierst Du fleißig über Facebook. Glaubst Du, dass es damals mit Platten wie "Märchenblau" oder "Moonlight Nights" anders gelaufen wäre, hätte es da schon Facebook gegeben?
Ja, ich bin davon überzeugt, dass es heute anders laufen würde. Du hast heute zumindest die Chance der direkten Ansprache. Das kann man mit Facebook extrem gut nutzen, denn Du hast dort den direkten Kontakt mit Deinen Hörern. Auch mit Deinem Publikum. Das ist hervorragend, weil da nichts mehr dazwischen geschaltet ist. Es ist eine echte Hilfe und ein großes Glück, dass es solche Plattformen gibt. Das macht auch eine ganze Menge aus. Aber im Fall meines neuen Albums "Dom" muss ich mir darüber nicht so große Gedanken machen, weil sich die Schallplattenfirma im Moment für mich derartig weit aus dem Fenster lehnt...

Ja, es laufen u. a. Spots im Werbefernsehen und zwar zur besten Sendezeit...
Ja, da wird großer Aufwand betrieben. Ich wusste ja auch, dass ich über die Rundfunkstationen wenig Hilfe erwarten kann. Und wie erreichst Du die Menschen, wenn sie Dich nicht im Radio hören können? Du musst entweder Bauzaun-Plakatierung machen, musst über Facebook und ähnliche Plattformen selbst aktiv werden, oder zusätzlich auch noch Fernsehwerbung schalten, um den Konsumenten direkt zu erreichen. Sonst erreichst Du sie nicht.

Das scheint zu funktionieren, denn ich habe den Spot für Dein Album schon oft gesehen?
Ja? Das ist erfreulich, zu hören...

Leider läuft uns ein wenig die Zeit davon. Über Deine Bayreuth-Phase und die Erfolge u. a. mit "Die Flut" werden wir dann ein anderes Mal plaudern. Bevor Du aber weg musst, stelle ich noch schnell zwei wichtige Fragen zu ehemaligen Musikern von Dir....
Ja, gerne...

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Du hast bis vor ein paar Jahren die Gruppe SILLY als Deine Begleitband gehabt. Wie kam es damals eigentlich dazu, dass die Berliner Band zu Dir gefunden hat? Ich glaube, zuerst war's nur einer der Jungs und die anderen kamen danach, oder?
Nein, nicht ganz. Es war so, dass ich damals Gert Hof kennen gelernt habe. Gert Hof hat zu der Zeit das Bühnenkonzept von Rammstein gemacht. Er lebt leider nicht mehr, denn er ist nach kurzer schwerer Krankheit im Januar dieses Jahres verstorben. Ich habe ihn jedenfalls bei einem Konzert in der Berliner Wuhlheide kennen gelernt. Ich spielte dort zusammen mit Rammstein. Ich erzählte Gert, dass ich den Song "Bataillon d'Amour" neu aufnehmen wollte. Das ist ein alter SILLY-Titel, den ich gerne covern wollte, weil ich ihn einfach hervorragend fand. Er ist einer meiner Lieblingsnummern überhaupt in der Musikgeschichte. Gerd sagte dann, "Die SILLY-Jungs sind gute Bekannte von mir. Ich würde die einfach mal ansprechen und Euch zusammenbringen. Tauscht Euch doch mal aus." Das haben wir dann auch gemacht, denn kurz danach haben wir uns getroffen. Aus diesen Gesprächen ergab sich dann, dass die Jungs von SILLY Interesse hatten, meine Songs live auf der Bühne zu präsentieren. So entstand das und die SILLY-Jungs waren fortan für ein paar Jahre meine feste Band. Ich habe mit Uwe und Ritchie auch das Album "Bayreuth 3" gemacht. Uwe hat dabei sehr viel gemacht und es praktisch mit produziert. Er war auch für den Sound mit verantwortlich.

Hast Du deren Erfolg mit der neuen Sängerin Anna Loos und ihrem Nr. 2 Album "Alles rot" verfolgt?
Ja, habe ich. Es ist auch wirklich ein hervorragendes Album geworden. "Alles rot" ist übrigens meine Lieblingsnummer auf der CD. Ich finde das ganze Album toll und es freut mich auch für die Jungs so sehr. So was passiert ja nun wirklich nicht immer. Es ist ein absoluter Glücksfall, dass eine Frau und Sängerin wie Anna Loos so gut in diese Band passt, dann auch noch eine ähnliche Stimme wie Tamara Danz hat und trotzdem so eine Persönlichkeit ist, dass man nie den Eindruck hat, sie wäre eine Kopie. Das freut mich so sehr für die Jungs, wie sich das so entwickelt hat.

Ich drücke Dir die Daumen, dass "Dom" ähnlich gut abgeht. Wir sind leider schon am Ende unserer Gesprächszeit. Möchtest Du abschließend noch eine Botschaft an die Leser richten?
Seid nett zueinander (lacht).

 


Interview: Christian Reder (Oktober 2012)
Bearbeitung: mb, cr
Fotos: Pressematerial (u.a. ANGST IM WALD, Jim Rakete, Petra Herz)
 

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