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Im Jahr 1966 gehörte er zu den Mitbegründern des Hootenanny-Clubs, 1967 erschien seine erste Single "Abend in Orjol" bei AMIGA, 1976 wurde er mit "Schallala, Schallali" schlagartig bekannt und ist bis heute erfolgreich mit seinen Programmen und seiner Musik für sein Publikum unterwegs.
Die ersten musikalischen Schritte, der Anfang seiner Karriere, seine Tourneen und Fernsehauftritte, seine Alben, persönliche Erfahrungen während und nach der politischen Wende in der DDR, aktuelle Vorhaben sowie die einzige ihn interessierende Zahl "14" - über all das sprachen wir ausführlich mit Sänger und Entertainer Jürgen Walter...
 
 
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Herr Walter, wie wird man vom gelernten Landwirtschaftskaufmann, nach einem Germanistik/Romanistik-Studium zum Sänger bzw. wann begannen Sie, sich für Musik zu interessieren und selbst welche zu machen?
Musik hat mich immer interessiert, ich wurde als Kind mit Musik groß. Natürlich nicht mit Schlagern, sondern mit klassischer Musik. In meinem Geburtsort Fraureuth in Thüringen gab es - und gibt es immer noch - eine wundervolle Silbermannorgel, ich war im Kinderkirchenchor und habe dort fröhlich Choräle und Lieder geträllert und natürlich auch Volkslieder. Das waren die Schlager meiner Kindheit. Insofern war es, durch diese Vorprägung, eigentlich ein relativ leichter Schritt, zur Musik zu finden.

Wurden Sie durch Ihr Elternhaus musikalisch geprägt?
Ja, auch ein wenig, aber nicht vordergründig. Ich habe zwar mehrere Instrumente lernen müssen, was mir nicht gefiel, weil Musikalität ja nichts mit Musikinstrumentspielen zu tun hat. Ich mochte das Üben nicht, das stupide Spielen von Tonleitern, die man aber natürlich braucht, wenn man Musik machen und ein Instrument spielen möchte. Dann muss man schon mindestens die Tonleiter spielen können und zwar blind. Ich habe mir das dann später alles aneignen müssen und habe sehr bedauert, dass ich es als Kind nicht gemacht habe. Wissen Sie, ich habe mich nicht sehr verändert, ich bin immer noch gerne faul (lacht). Am schönsten ist es, das zu machen, was mir Spaß macht und das ist bis heute so geblieben. Darüber kann ich auch nicht hinweg, es ist einfach so. Ich bin fleißig, wenn mir etwas Spaß macht und bin faul, wenn mir etwas keinen Spaß macht. So, wie das bei allen anderen Leuten auch ist...

Sie waren Mitbegründer des Hootenanny-Clubs. Ich war zu dieser Zeit noch gar nicht geboren, was genau war der Hootenanny-Club und wie kam es zur Gründung dieser musikalischen Gruppierung?
Ich machte damals im Zug von Berlin nach Leipzig eine Reisebekanntschaft mit einem jungen Mädchen und erzählte ihr, dass ich im Studentenwohnheim wohne und mir das nicht gefiel. Da sie in Leipzig studierte und ihr Zimmer somit leer stand, fragte sie, ob ich nicht in dieses Zimmer in Berlin-Wilhelmsruh einziehen wolle. So kam ich zu einem möblierten Zimmer und in diesem Zimmer stand hinter dem Kachelofen eine Gitarre. Es war der beste Platz, um diese Gitarre aufzubewahren. Es war ihre Gitarre und da das Mädchen, ebenso wie ich, keine Lust hatte, sie zu spielen und zu lernen, wurde sie mir geschenkt. So bekam ich also diese Gitarre "übergebraten" und fuhr mit ihr in den Ernteeinsatz. Dort traf ich auf Leute, die mir drei Griffe beibrachten, nämlich c, d und e, da hatte ich "Stube, Kammer, Küche" - wie man so sagt - beisammen und konnte mich mit diesen drei Harmonien schon selbst begleiten und einige Volkslieder und Schlager singen. Natürlich nur aus Spaß an der Freude. Einige sagten dann: "Komm' doch mal in den Klub International über dem Kino International in der Berliner Karl-Marx-Allee, da finden Hootenannys statt." Ich hatte - so wie Sie eben auch - keine Ahnung, was das ist und bekam dann mit, dass das eine Geschichte war, die von Pete Seeger in Kanada und den Vereinigten Staaten initiiert und hier in Berlin von Perry Friedman, der ja Kanadier war, aufgegriffen wurde. Es waren Singeveranstaltungen. Man ging hin, dort waren junge Leute, auch ältere. Das Alter spielte keine Rolle, auch ob Männlein oder Weiblein, war egal. Jeder, der meinte, er müsse etwas singen oder zeigen, durfte sich dort vorstellen und dann wurde natürlich gesungen. "We shall overcome" oder auch Volkslieder wie "Wenn alle Brünnlein fließen". Das gefiel mir so gut, ich fasste Mut, ging mit meiner Klampfe auch nach vorn, ließ meine drei Griffe los und sang französische Chansons, die ich durch mein Romanistik-Studium kennen gelernt hatte. So ging es weiter und damit diese Geschichte etwas Festes wurde, wurde dann ein Club gegründet, nämlich der Hootenanny-Club, welcher dann später in "Oktoberklub" umbenannt wurde. "Hootenanny" klang trotz Pete Seeger und Perry Friedman wohl doch zu sehr nach Amerika oder Kanada, so dass daraus der "Oktoberklub" wurde, um eindeutig Stellung zu beziehen.

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Das heißt, bei den Veranstaltungen des Hootenanny-Clubs gab es kein festgelegtes Programm?
Nein, überhaupt keins. Es gab ein Anfang und ein Ende, was dazwischen passierte, war völlig zufällig. Wenn die Stimmung mal ganz unten war, dann kam meistens Perry Friedman mit seinem Banjo und holte die Stimmung wieder hoch. Es waren natürlich nicht alle "Leuchten", die da drauflos sangen, denn es konnte ja jeder mitmachen und einfach sagen: "Ich bin der und der und möchte Euch jetzt dies oder das vorsingen." Wir duzten uns alle, es war also ganz zwanglos, es gab kein Programm, es ging wirklich nur ums Singen. Natürlich auch mit einem leicht politischen Touch, den das ganze hatte, wenn man zum Beispiel "We shall overcome", die Hymne der Bürgerrechtsbewegung, sang und natürlich auch Lieder von Leuten wie Joan Baez, Pete Seeger, Woody Guthrie und Bob Dylan. Die waren sozusagen unsere Vorbilder. Dann kamen natürlich Lieder von den Beatles dazu, die sehr schön waren und auch die erste Rockband Team 4 kam hinzu, die davon gehört hatten und auch mal auftraten. Einfach so und einfach aus Spaß an der Freude. Die Team 4-Leute waren damals ja auch noch Schüler und Studenten und es war noch keine professionelle Truppe in dem Sinne. Jedenfalls war es ein richtig großer Spaß. Alle freuten sich schon die ganze Woche, dass man da wieder hingehen, irgendetwas hören oder selbst etwas machen konnte.

Waren das Ihre ersten Schritte in der Musikszene?
Nein, ich habe schon immer gerne Musik gemacht und bedingt durch die Gitarre konnte ich mich natürlich selbst begleiten. Auch mit meinen drei Griffen, wie schon gesagt. Es erweiterte sich dann noch ein bisschen, ich lernte einfach noch ein paar Griffe hinzu. Außer Perry Friedman waren dort alle Amateure, manchmal kamen auch ein paar junge Schauspieler von der Schauspielschule, Dorit Gäbler war da, auch Barbara Kellerbauer kam mal vorbei und stellte sich vor. Eben weil es Spaß machte, es völlig unkompliziert war und vor allem, weil es ein Podium für junge Leute war, die sich ausdrücken wollten, genau das war es eigentlich: Junge Leute, die sich künstlerisch ausdrücken und betätigen wollten, das war der Grundgedanke.

Sie sprachen vorhin schon die Umbenennung in Oktoberklub an...
...für die sorgte die FDJ-Bezirksleitung. Die haben das ganze mit sehr besorgten Blicken beäugt, es war ja auch die Zeit des Kalten Kriegs. Man wollte natürlich vermeiden, dass die Veranstaltungen zugunsten Amerikas ausschlagen, denn unsere Vorbilder kamen ja aus Amerika und diese Amerikanismen wollte man nicht. Wir waren natürlich auch in der Ostermarschbewegung engagiert und so wurden wir manchmal auch in die Zange genommen (freundschaftlich natürlich), weil wir plötzlich gegen alle Atomwaffen waren. Die Sowjetunion hatte ja auch welche... Das fand man nicht so gut und uns wurde gesagt: "Es ist ein Unterschied, wer die Atomwaffen hat. Die Sowjetunion oder die Amerikaner." Na ja, wir haben uns das angehört, mit dem Kopf genickt und dann war's das. Wir haben uns selbst was gedacht, Hauptsache, wir durften weiter singen und Musik machen. Wir begannen auch, eigene Lieder zu schreiben. Dies machte richtig großen Spaß und ich muss sagen, dass ich in dieser Zeit sehr viel gelernt habe, was man auf keiner Schulbank und bei keinem Studium lernen kann. Es war für mich eine große Schule. "Learning by doing". Dies alles hat mich geprägt. Meine Kindheit mit den Liedern von Telemann, Schütz und Gerhard Paul im Kinderkirchenchor mit wirklich toller Musik und tollen Liedern, wie zum Beispiel "Maria durch ein Dornwald ging". Aber nicht nur die kirchlichen Weihnachtslieder, sondern auch die anderen Lieder, die dort gesungen wurden, waren ganz prima Lieder, es war etwas für die Seele. Bei vielen Sachen habe ich als Kind mit sechs oder sieben Jahren gar nicht verstanden, worum es ging, aber es machte Spaß, sie zu singen. Genau so war es dann später auch in der Singebewegung. Und wie gesagt: Ich bin immer ein Genussmensch gewesen und habe stets das gemacht, was Spaß machte und da hatte ich das große Glück, dass ich auf Dinge traf, die auch noch nützlich waren und mich auch weiterbrachten als Mensch und irgendwann auch in der Kunst.

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Das Jahr 1967 könnte auch als "Ihr" erstes großes Jahr gelten. Mit "Abend in Orjol" erschien eine Single bei AMIGA und Sie hatten in der Sendung "Schlager einen kleinen Stadt" Ihren ersten Fernseh-Auftritt. Wie haben Sie dieses Jahr 1967 erlebt und ist es Ihnen noch gut in Erinnerung?
Es war die Zeit dieser Singebewegung. Thomas Natschinski und Hartmut König fragten mich, ob ich das machen würde und ich war völlig von den Socken, dass ich eine AMIGA-Scheibe machen durfte. Zwar nur eine Single, aber immerhin... Ich war völlig außer mir vor Freude, vor Respekt natürlich auch. Ich hatte Lampenfieber, weil ich dachte: "Oh Gott, hoffentlich pack' ich das." Ich meine, etwas so aus dem Hals zu singen vor Leuten, die man kennt oder auch nicht kennt, daran hatte ich mich in zwei Jahren mittlerweile schon ein wenig gewöhnt. 1964/65 kam ich ja zum Hootenanny-Club, aber jetzt eine Aufnahme zu machen, die auch Bestand hat, das war ja wirklich etwas ganz anderes. Das war für mich sehr aufregend und vor lauter Schreck und lauter Freude - es mischte sich also beides - haben wir das dann gemacht und waren mit dem Resultat für damalige Verhältnisse - man muss es ja immer in der Zeit sehen - sehr zufrieden.

Wenn man sich das Lied heute anhört, klingt es sicherlich ganz anders, weil sich auch die Hörgewohnheiten veränderten...
Ja, na klar, das waren die 60er Jahre, die Anfangszeit der Beatles, es war eine ganz andere Zeit. Aber trotzdem: Ich stehe dazu, das ist keine Frage. Ich habe noch nie ein Lied gesungen, das ich nicht mochte. Noch nie. Ich kann nicht hinter vorgehaltener Hand sagen "Na ja, das habe ich nur gemacht, weil..." Nein nein, diesen Satz wird man von mir nicht hören.

Ihren Berufsausweis als Sänger bekamen Sie aber erst 1969. Können Sie sich noch an Ihre Einstufung erinnern? Womit konnten Sie das Gremium damals von Ihren Qualitäten überzeugen?
(lacht) Ich habe was Französisches gesungen, ein Lied von Jacques Brel und dann sang ich ein Lied von Zsuzsa Koncz, das war "Teufel Alkohol", im ungarischen Original "Mister Alkohol". Ich machte dazu eine Nachdichtung, weil ich ja keine eigenen Lieder hatte und dann schrieb ich mir noch ein eigenes Lied, versehen mit einem Text von Gisela Steineckert. Mit diesen drei Liedern habe ich dann die Einstufung bekommen, die geringste Einstufung. Es war die "A", da hätte ich bis maximal 80,00 Mark der DDR pro Auftritt - abzüglich 20 Prozent, versteht sich - verdienen können. Und so war es dann auch...

Gab es Probleme, oder lief diese Einstufung völlig glatt durch?
Nein, es gab keinerlei Probleme. Die Leute beäugten mich alle sehr wohlwollend und stellten fest, dass ich eine Ausnahme sei, weil ich andere Sachen sang, als alle anderen und dann sagten sie sich: "Na ja, wenn der das will, dann werden wir ihm mal keine Knüppel zwischen die Beine werfen, sondern ihm diese Einstufung geben und beobachten, was er draus machen wird." Den Rest kennen wir ja und ich bin noch immer in diesem Beruf tätig.

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1971 wurde aus Jürgen Pippig Jürgen Walter. Aus welchem Grund haben Sie Ihren Namen geändert und warum ausgerechnet in Jürgen "Walter"? Welchen Bezug gibt es zu ihm?
Ich war damals mit dem Günther-Fischer-Quintett in Algerien und testete die ersten Lieder von Manfred Krug, die auf dem Album "Das war nur ein Moment", welches Manfred Krug mit Günther Fischer aufnahm, veröffentlicht wurden. Wer der Textautor Clemens Klerber war, wurde mir damals nicht verraten, es war Manfred Krug selbst. So sang ich also anlässlich der DDR-Kulturwoche in Algier Lieder von Manfred Krug und dort war eine Dame vom Brecht-Archiv dabei, die mir sagte: "Also der Name Pippig geht in dieser Branche überhaupt nicht." Gerade im französischen Sprachraum müsse man davon ausgehen, dass der Name Pippig mit "pinkelig" in Verbindung gebracht werden könnte. Eigentlich wusste das auch ich, durch ihre Worte jedoch wurde es mir wieder bewusst, und so ließ ich meinen Nachnamen einfach weg und wählte meinen zweiten Vornamen "Walter".

Aha, "Walter" ist also Ihr zweiter Vorname? Das war mir bisher nicht bekannt...
Richtig.

In den 70er'n haben Sie zahlreiche Gastspielreisen unternommen. Sie waren mit Ihren Auftritten nicht nur in der DDR sehr erfolgreich, sondern auch im Ausland. Gibt es Konzertreisen, die Ihnen wegen angenehmer oder auch weniger angenehmer Ereignisse besonders im Gedächtnis haften geblieben sind? Welcher Auslandsaufenthalt war für Sie der schönste?
Wenn man jung ist, hat man überhaupt keine Bedenken, irgendwo hinzureisen, zumal es für einen DDR-Bürger ja ein Privileg war, reisen zu dürfen. Ich war zum Beispiel während des Krieges in Vietnam. Das war 1970, also während der Zeit der chinesischen Kulturrevolution. Man ließ unsere Künstlergruppe nicht weiterreisen und wir wurden für eine Woche in Peking festgesetzt. Als wir dann endlich nach Nordvietnam kamen, tourten wir dort drei Wochen. Zu den "kleinsten" Veranstaltungen - also den "Kammer-Veranstaltungen" - kamen 3.000 bis 4.000 Menschen, zu den "normalen", die auf Sportplätzen stattfanden, 30.000 bis 40.000 Menschen. Es war schon beeindruckend, die Leute kamen zu Fuß aus der ganzen Gegend und hatten teilweise Tagesmärsche hinter sich, um auf eben diesen Sportplätzen dabei sein zu können. Strom gab es nur bedingt, es wurde sich mit Aggregaten beholfen. So reisten wir auch bis zur Grenze am 17. Breitengrad und kamen dabei in Bombenangriffe der Amerikaner. Das war schon eine heftige Zeit, eine harte Reise. Zu essen gab es auch nicht viel, außer Bananen und was sonst noch auf Bäumen wuchs, aber das hat mir nichts ausgemacht, es war eine Erfahrung, die ich einerseits nicht missen möchte, andererseits nie wieder erleben möchte. Denn wer möchte denn schon gern Krieg erleben? Bis dato kannte ich Krieg nur aus dem Fernsehen und dem Kino, ihn jedoch direkt zu erleben, ist schon eine Erfahrung, die man nicht so einfach wegsteckt und sie prägt natürlich auch. Andere Reisen waren weitaus - sage ich mal - luxuriöser, ich war beispielsweise eingeladen, in Damaskus zu singen, war im Jemen, in Ägypten, im Irak, im Libanon und das alles war sehr faszinierend für mich. Später kam dann auch Frankreich dazu, das war natürlich eine andere Kategorie von Reisen und Auftritten, dort trat ich unter anderem im DDR-Kulturzentrum in Paris auf. Insgesamt kann ich sagen, dass alle meine Reisen sehr beeindruckend waren und ich von ihnen sehr für meine künstlerische Arbeit profitieren konnte.

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Mit "Schallala, Schallali" gelang Ihnen im Jahre 1976 als Solist der große Durchbruch. Wie empfanden Sie das damals und sehen Sie dieses Lied heute mehr als einen Segen oder auch ein wenig als "Fluch", da viele Künstler - gerade in Deutschland - ja an einem ganz bestimmten Song festgemacht und in eine bestimmte Schublade gesteckt werden, obwohl noch viele andere Lieder entstanden und entstehen?
Ich habe mich immer erfolgreich gewehrt, mich in eine Schublade stecken zu lassen. Das hat mich nicht interessiert und wer das mit sich machen lässt, der ist selbst schuld, das geht mich nichts an. Jeder kann über mich denken, was er möchte und ich habe auch gar keine Lust, es zu korrigieren, wenn jemand seine Meinung hat. Wissen Sie, wenn jemand nur die Hälfte weiß, weiß er gar nichts. Da viele Leute nur die Hälfte oder noch weniger wissen, wissen sie also gar nichts. Und so geht es mich auch nichts an, was man über mich denkt. Ich empfinde "Schallala Schallali" als einen Segen, es gab mir die Möglichkeit, Auftritte zu machen und auch andere Lieder zu singen, die die Leute dann kennen gelernt haben. Natürlich nur die, die das auch wollten. Ich habe noch nie Lieder gesungen, zu denen man schunkeln konnte, volkstümliche Lieder haben mich nie interessiert. Volkslieder ja, aber volkstümliches nicht. Ich singe andere Lieder. "Schallala Schallali" ist ein Segen und ich singe dieses Lied noch immer gern. Es macht mir Spaß, denn es beinhaltet eine wunderschöne kleine ironische Geschichte und mit ironischen Liedern sind die Deutschen ja nicht gerade gesegnet, wie man weiß. Humor ist eine Sache, die auch Tragik beinhaltet. Mir macht es immer wieder Spaß, dieses Lied neu zu singen und ich werde es auch nicht in irgendein Medley packen, weil mich Medleys nicht interessieren. Ich habe Vertrauen zu meinen Liedern und alle Lieder, jedes einzelne, haben es verdient, in Gänze gesungen zu werden und nicht in ein Medley hineingestopft zu werden. So empfinde ich es. Ich...

In Medleys gehen die Schönheit und die Aussagen von Liedern leider oftmals komplett verloren...
Richtig. Ich möchte nicht, dass meine Lieder und damit ich selbst verramscht werde, wissen Sie? Das möchte ich nicht. Es gibt einen Spruch, der sagt: "Jeder Mensch bestimmt seinen eigenen Wert". Und so ist es. Ich habe selbst in der Hand, was ich mache und bin dafür verantwortlich. Meine Lieder erfand ich nicht selbst, sondern sie wurden mir von meinen Autoren gegeben und ich habe gefälligst vernünftig, freundlichst, hochachtungsvoll und verantwortungsvoll mit ihnen umzugehen.

Mit dem Stück "Teufel Alkohol" ist auf Ihrem Debüt-Album auch ein Song von Szabolcs Szörényi, der vielen Lesern von Deutsche Mugge als Musiker der ungarischen Gruppe FONOGRAF bekannt ist, enthalten. Der deutsche Text zu diesem Stück stammt aus Ihrer Feder. Gab es da eine direkte Zusammenarbeit mit dem Songautoren oder wie hat dieses Stück den Weg auf Ihr erstes Album gefunden?
Nein, gar nicht. Ich lernte vor vielen Jahren Zsuzsa Koncz kennen, da war sie zwar schon ein Star in Ungarn und hatte gerade ihre erste Platte veröffentlicht. Ihre große Karriere begann jedoch erst. Wir trafen uns in Rostock zu einer Fernsehsendung des Ostseestudios Rostock, die "Viele Lieder kennt der Wind" hieß. Zsuzsa sprach kein Wort deutsch und ich kein Wort ungarisch, aber wir sprachen beide französisch. Der Regisseur hatte Mühe, einen Menschen zu finden, der ungarisch sprach, um ihr die Regieanweisungen geben zu können. Ich erklärte mich bereit, als Dolmetscher zu fungieren und half ihr, die Zeit (was die Sprache betrifft) in Rostock zu überstehen und daraus wurde eine Freundschaft, die bis heute anhält. Zsuzsa ist bis heute ein riesengroßer Star in Ungarn, füllt große Sporthallen in Budapest und anderswo. Es ist ganz toll, solche Freunde zu haben, die über die Jahre konstant blieben, sich nicht verbogen, sondern sich treu geblieben sind.

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Durch Zsuzsa Koncz kam dann also auch die Idee, diesen Song für das erste Album aufzunehmen?
Ja genau. Ich bekam die Chance für meine erste Schallplatte, dieses Lied stammte aus einem Film und da dachte ich mir: "Na das wär's doch!" Weil ich ja Lieder suchte, die mir gefallen könnten und ich zu dieser Zeit - abgesehen von Gisela Steineckert, die mir Texte schrieb - noch keine Autoren hatte, entschied ich mich für dieses Lied, zumal es ja auch noch ein "Ost-Schlager" war, bei dem mir gar nichts hätte passieren können. Und genau so war es auch.

Bis zur Wende haben Sie insgesamt vier eigene Langspielplatten aufgenommen. Auch eine Kinderplatte von und mit Thomas Natschinski hat es gegeben.
Es gab sogar zwei Kinderplatten: Einmal das "Kinderfest" und dann noch die "Märchenlieder".

Richtig. Liegt Ihnen als Künstler eines Ihrer vier ersten Alben besonders am Herzen?
Alle. Ohne Abstriche. Alles ist meine Arbeit, es ist, wie wenn man Kinder hat. Welches von ihnen würden Sie denn bevorzugen wollen? Es geht nicht, alles ist zu seiner Zeit geschehen und wenn ich es mit dem vergleiche, was heute auf dem Markt zu haben ist, muss ich sagen: "Donnerwetter, waren die Autoren und das, was sie zu DDR-Zeiten für mich schrieben, toll!" Das findet man heute nur selten. Ganz selten.

Lieder, die Bestand, Zeitlosigkeit und eine Aussage haben. Sie arbeiteten sehr erfolgreich mit Arndt Bause als Komponisten und bis heute auch mit Thomas Natschinski. Eigene Kompositionen, wie zum Beispiel "Das Lied vom Anfang" von der zweiten LP oder "Mein Stück Leben" von der dritten LP, finden sich auf Ihren Alben so gut wie nicht. Warum?
Ich bin ein sogenannter "Treiber"-Komponist... (lacht) Entweder, ich habe eine musikalische Idee auf einen Text, dann mache ich das oder ich lasse es bleiben. Es gibt Leute, die können das viel besser als ich. Deren großes Talent und die damit verbundenen Fähigkeiten sind so prägnant, dass ich das lieber stecken lasse. Im Moment arbeite ich gerade an meinem neuen Album mit Liedern von Andreas Bicking, Rainer Kirchmann, Ulli Schwinge und Wilfried Peetz als Komponisten. Die Texte werden nach wie vor von Gisela Steineckert, aber auch Erwin Berner stammen.

Durchaus bekannte und populäre Namen, die auch vielen unserer Leser vertraut sein dürften. Wie ist das, verlassen Sie sich beim Entstehen eines neuen Albums "blind" auf Ihre Autoren, wird diskutiert, verworfen... Wie kann man sich die Entstehung vorstellen?
Es ist auf jeden Fall immer ein schöpferischer Prozess, während dem alle erst mal Vorschläge machen, Songs skizzieren, damit man weiß, worum es sich drehen soll. Dann wird darüber gesprochen, es werden Änderungen vorgenommen und dann wird es gemacht, oder auch nicht. So einfach ist das.

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Und wer entscheidet letztlich?
Ich. Denn ich halte ja - sozusagen - meinen Kopf raus. Und ich sagte Ihnen ja schon, dass ich noch nie etwas gemacht habe, was ich nicht wollte - insofern bin ich die letzte Instanz. Aber ich lasse auch mit mir reden, ich bin also kein Despot und außerdem mit meinen Autoren befreundet, so dass es eine angenehme Situation ist. Mir sitzt auch nicht der kommerzielle Zwang im Nacken, ich bin ja kein Unternehmen, das jetzt Hits produzieren muss, muss, muss, muss, muss, muss, muss, muss... Sie merken schon den Sprung in der Platte (lacht): "Muss, muss, muss, muss..." Ich muss gar nichts. Ich darf und es ist ein sehr großes Geschenk, dass ich darf und dass ich mir das leisten kann. Die Regierung behandelt die Leute, als seien sie ein Unternehmen, aber die Leute sind ja das Volk. Das ist jetzt in Griechenland nicht anders, als hier in der Bundesrepublik Deutschland, siehe Schlecker usw. Aber es interessiert sie doch überhaupt nicht, wie die Zusammenhänge sind, all das geht der Regierung am Arsch vorbei, obwohl sie alle schworen, für das Volk da zu sein. Aber wie Adenauer schon sagte: "Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern." Letztendlich bestimmen die Industrie und die Banken das ganze. Was auch immer sich da Demokratie nennt, ist ein Mäntelchen, welches man drüberhängt, aber mit Demokratie hat das nichts zu tun. Das Wort "Demokratie" ist eigentlich ganz eindeutig definiert, aber mit Demokratie hat das, was bei uns stattfindet, nichts zu tun.

Viele Leute erinnern sich sehr gut, wo sie waren, als die Grenzen 1989 geöffnet wurden. Wissen Sie noch, wo Sie von der Öffnung der Grenze erfahren haben?
Ja, ich war im Kino bei einer Filmpremiere und als ich das Kino verlassen hatte, stürzten alle mit ihren Autos in Richtung Alexanderplatz Richtung "Haus des Reisens" und parkten dort mitten auf der Straße. Ich dachte, "Was ist denn jetzt los?" und fuhr nach Hause. Ich wohnte damals noch im Prenzlauer Berg, die Prenzlauer Allee war völlig verstopft und alles raste in Richtung Bornholmer Straße, was ich nicht wusste, aber später mitbekam. Ich ging also nach Hause, schaltete die Glotze ein und nichts passierte. Gar nichts. Auch das Rundfunkprogramm lief ganz normal, als ob nichts passiert wäre. Ich dachte: "Was soll denn das?", bis ich dann merkte, dass die Mauer und einige Grenzübergänge geöffnet wurden. Am nächsten Tag ging ich dann nach Westberlin, um zu sehen, wie es dort so ist und wie es sich verhält. Auch das war beeindruckend...

Wie haben Sie damals die politische Wende im Land erlebt?
Was soll ich jetzt sagen? (denkt kurz nach...) Die meisten Leute kannten die Bundesrepublik ja nur aus dem Fernsehen bzw. dem Werbefernsehen...
Die Franzosen haben einen Spruch: "La révolution dévores ses enfants" - "Die Revolution frisst ihre Kinder." Und so kam es auch... Die üblichen Wendehälse gibt es immer noch und sie wird es auch immer geben. Genau so die Leute, die alles ganz genau wissen. Es wurden Karrieren gemacht, die Schere zwischen Reichtum und Armut wird immer größer. Die, die arm sind, bleiben auf der Strecke, die anderen bekommen immer mehr Geld. Wissen Sie, wenn ich um mich schaue, was in der Welt so passiert, dann geht es uns in Deutschland ja noch relativ gut. Andere Länder gehen anders damit um, aber die Freiheit (ich weiß nicht wirklich, wie man sie definieren soll), die eigentliche Freiheit an sich gibt es gar nicht. Es ist ein schöner, ein wunderschöner Begriff - aber ohne Geld nützt dir deine Freiheit gar nichts. Wenn man arbeitslos und Hartz IV-Empfänger ist und auch keine Chance hat, da heraus zu kommen, ist es schwer. Da nützt einem die Freiheit, zu sterben oder zu leben auch nichts...

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Viele Musiker der DDR hatten offensichtlich keine echte Chance, auf dem gesamtdeutschen Markt Fuß zu fassen. Wie haben Sie die veränderten Arbeitsvoraussetzungen damals empfunden? Gab es überhaupt eine echte Chance für die so genannten "Ostkünstler"?
Nein, es gab keine Chance. Wenn heute irgendwelche Hits vorgestellt werden, dann sind immer nur ein "Vorzeige-Ossi" oder bestenfalls zwei dabei und alle anderen finden überhaupt nicht statt. Gestern lief wieder eine TV-Sendung "Die besten deutschen Hits", da war die ganze Kacke der letzten 30, 35 oder 40 Jahre zu hören und aus dem Osten war Frank Schöbel mit "Wie ein Stern" dabei. Schluss, Aus, Ende. Der "Rest", den es gab, existiert gar nicht. Die Ost-Künstler existieren an dieser Stelle nicht. Aber das ist auch nicht weiter schlimm, denn die Zeiten sind so und die Firmen bestimmen, was angesagt ist, wer im Rundfunk gespielt wird und nicht der Geschmack des Publikums. Der Publikumsgeschmack wird immer weiter heruntergedrückt, es geht nur noch um Einschaltquoten und nicht mehr um Qualität. Da sehen Sie doch die Hilflosigkeit der Fernseh- oder Rundfunkprogramme. Es werden doch gar keine richtigen Rundfunkprogramme mehr gemacht, es wird nur noch ständig runtergedudelt, auf jedem Sender dasselbe. Zum Teil laufen dieselben Schleifen und das ist es dann gewesen. Dies sagt nicht aus, dass es anders nicht möglich wäre, aber es ist anders nicht möglich, weil die Einflüsse der Firmen, der großen Musikindustrie-Leute das ganze bestimmen. Da kann mir jemand erzählen, was er will, es ist nicht anders. Und es kann doch nicht sein, dass es in der DDR etwas gab, was prima war und Klasse hatte. Das darf ja nicht sein. Und wenn man sich nicht einem Management anschließt und nach dessen Tönen tanzt, die gepfiffen werden, dann ist man eben raus aus dem Geschäft, dann geht es nicht mehr. Mich betrifft das nicht, ich bin mein eigener Produzent, meine eigene Firma und ich habe schon immer - auch zu Ost-Zeiten - gemacht, was mir Spaß machte. Da kam mir niemand in die Quere. Natürlich konnte ich nicht Schallplatten veröffentlichen, wie ich wollte, es gab ja nur die eine Firma AMIGA. Und dann gab es natürlich auch noch die Sache, dass es nicht genügend Rohstoffe gab, um die Schallplatten zu pressen, das Material für das Vinyl musste aus der CSSR importiert werden, die Druckkontingente waren eingeschränkt und und und... Also, es war schon eigenartig alles, aber es beeindruckte mich nicht wirklich. Ich gab damals, wie heute, meine Konzerte, es macht mir nach wie vor richtig großen Spaß und das ist eine Sache, die ich so lange machen werde, wie ich kann und so lange es jemand hören will. Wie schon gesagt, mein neues Album ist in Arbeit und darauf freue ich mich schon sehr. Sowohl auf die Arbeit, als auch auf das Resultat. Es ist wie Kinderkriegen, ich weiß noch nicht, wie es genau wird, wie alles klingen wird, aber ich bin sehr gespannt.
Als weiteres Beispiel möchte ich Ihnen noch erzählen, dass ich auf meinem eigenen Label auch die Sketche von Herricht & Preil produzierte. Hans-Joachim Preil kam 1992 zu mir, weil er hörte, dass ich ein eigenes Label gegründet hatte, und er wollte seine Sketche gern veröffentlichen. Wo immer er bis dahin auch hinkam, wurde er sehr beleidigt. Hans-Joachim Preil wäre im kommenden Jahr 90 Jahre alt geworden. Er kam also zu mir und stellte die Frage: "Wollen wir das nicht bei Ihrem Label veröffentlichen?" Überall sagte man ihm: "Also wissen Sie, Herr Prey (wohl gemerkt: nicht Herr Preil, sondern Herr Prey, wie Hermann Prey), wenn das unter allem, was wir täglich auf den Tisch bekommen, etwas wäre, würden wir es kennen, darauf können Sie sich verlassen." Als sie dann auch noch mitbekamen, dass sein langjähriger Partner Rolf Herricht schon tot ist: "Oh Gott, da können wir ja gar keine Promotion-Tour mehr machen, neee das geht gar nicht." Es war mehr als enttäuschend und genau so ist es noch heute bei den großen Firmen. Können sie nichts verdienen, passiert natürlich auch nichts, das ist doch klar. Warum auch sollten sie für jemanden etwas tun, an dem sie nichts verdienen können? Da sind wir wieder beim Thema: Man wird behandelt, wie ein Unternehmen und ein Unternehmen, welches nicht den großen Euro verspricht, findet einfach nicht statt. So einfach ist das. Dieses Beispiel hat aber nichts mit Verbissenheit oder gar mit "übel nehmen" zu tun, überhaupt nicht. Bei mir nicht, es interessiert mich nicht. Es hat mich in der DDR nicht interessiert und es interessiert mich auch jetzt nicht. Ich mache alles, weil es mir Freude macht und weil es immer wieder Publikum gibt, die genau das mögen, was ich mache und mir von meinen Autoren gegeben wird.

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Und dieses direkte Feedback vom Publikum bekommen Sie ja auch bei den Auftritten von Ihrem Publikum vermittelt...
Ja natürlich... Das bekam ich sowohl auf Reisen, die ich auf dem 5-Sterne-Plus-Kreuzfahrtschiff MS-Europa gemacht habe, weil ich es einfach mal ausprobieren und kennen lernen wollte und natürlich bei meinen anderen Konzerten. Ich gebe - seit 27 Jahren in diesem Jahr - mein jährliches Weihnachtskonzert hier in Berlin Prenzlauer Berg in der WABE. Ich habe die WABE damals mit eröffnet und einmal im Jahr gehört die WABE mir. Egal, ob Wende, oder nicht, es gab keinen einzigen Termin, der ausfiel. Der letzte Sonntag vor Weihnachten steht immer unter dem Motto: "Jürgen Walter-Konzert in der WABE live".

Also eine wirkliche Tradition mit hohem Wiedererkennungswert...
Ja und das finde ich ganz toll! Es ist unglaublich, seit den vielen Jahren und egal, was passiert: Das letzte Konzert ist noch nicht verklungen, schon ist das nächste gebongt. Diese Art von Kontinuität, die habe ich sehr gerne und da ich weiß, dass man es nicht allen Leuten recht machen kann, versuche ich es auch gar nicht erst. Und wer es versucht, muss eben sehen, wie er damit zurecht kommt, ich komme damit wunderbar klar...

Sie sprachen gerade Ihre Konzerte, auch die in der Berliner WABE, an. Nun gab es ja 1980, 1985 sowie 1990 ganz große Veranstaltungen im Palast der Republik in Berlin. Die waren umjubelt, tagelang ausverkauft. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Tage?
Es waren ja nicht nur Tage, das ging wochenlang, manchmal sechs oder sieben Konzerte in einer Woche. Ich sollte damals mitwirken in einer Show des Palast der Republik und es wäre mein erster Auftritt dort gewesen. Ich sagte: "Wenn ich in diesen Palast der Republik komme, dann nur mit einem eigenen Konzert." Plötzlich sagte der Regisseur, der mich für diese Show engagieren wollte, "Top". Da wurde mir erst mal schlecht, weil ich dachte, "Oh Gott, ist der verrückt?". Ich erschrak etwas vor meiner eigenen Courage. Aber ich habe es gemacht und stellte im Anschluss die Frage: "Wie wäre es denn in fünf Jahren wieder?" Und ergänzte: "Den Rest der Jahre können ja alle anderen dort machen, was sie wollen, aber einmal alle fünf Jahre wäre ja nicht zu viel verlangt." Und so kam es auch. Es war also kein Zufall, sondern war so von mir geplant. 1990 war ich der letzte DDR-Künstler, der dort mit einem eigenen Konzert aufgetreten ist.

Das waren riesengroße, abendfüllende Shows und ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass Sie dort ja auch noch mit akrobatischen Höchstleistungen brillierten...
Ja, das war ein Zusatzspaß.

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...für diesen Spaß gingen Sie aber auch extra noch zur Schule...
Ja, natürlich! Man ist nie zu alt, um etwas zu lernen. Ich war damals 40, als ich damit anfing. Profis hören in diesem Alter auf, aber ich war ja frisch und unverbraucht (lacht) und der künstlerische Leiter fand auch, dass ich genau im richtigen Alter sei, um in 14 Meter Höhe am Solotrapez zu arbeiten. Und dann sagte ich mir: "Na wenn der das richtig findet, dann finde ich es auch richtig und dann machen wir das jetzt." Ich meine, das ist natürlich wieder die Sache mit dem Fleiß. Ohne Fleiß kein Preis. Der Wunsch ist das eine, die Realisierung das andere. Da muss man schon etwas dafür tun. Man kann nicht einfach sagen, morgen machen wir das mal... Das geht natürlich nicht. Da hätte ja jedes Mal die Feuerwehr kommen müssen, um mich wieder herunter zu holen (lacht). Das wäre ein bisschen doof gewesen. Also rauf- und runterkommen musste ich schon selbst und möglichst auch oben bleiben. Beim Seillauflernen war es genau dasselbe, das machte ich 1985 in der Show "Ich bin". Die Artistenschule war für mich eine wundervolle Erfahrung. Die Zeit, die ich dort mit ganz jungen Leuten verbrachte, war äußerst spannend. Für die jungen Leute wäre ich sicher mit 27 Jahren schon reif für die Gruft gewesen, wenn Sie wissen, was ich meine... Mit 40 natürlich erst recht, denn die waren alle 15, 16, 17 und alles, was über 25 war, war für sie schon ziemlich alt. Na ja, das irritierte mich nicht weiter. Als ich später ihre Reaktionen erfuhr, war ich auch stolz. Selbstverständlich kamen alle prompt in diese Veranstaltung und sie alle fanden ganz enorm, was ich da präsentierte. Das hätten sie sich nicht getraut, trotz ihres jugendlichen Alters.
Na ja, man macht, wenn man älter ist, viele Dinge bewusster, aber sie haben auch ihren Preis. Ich musste wirklich ackern, das alles in die Reihe zu bekommen, denn geschenkt wird einem in diesem Metier nichts. Und so ist es bis heute geblieben. Heute geht es zwar nicht mehr aufs Seil und nicht aufs Trapez, aber es sind andere Schwierigkeiten zu überwinden, die mir auch Spaß machen und die auch mit Fleiß verbunden sind. Das mache ich auch, da kenne ich nichts... Ich bin nicht besonders ehrgeizig, aber wie schon zum Anfang gesagt, wenn etwas Spaß macht, dann bin ich sehr fleißig und wenn etwas keinen Spaß macht, bin ich ausgesprochen faul.

In diesem Zusammenhang muss natürlich die Rede auch auf das wunderschöne Lied "Clown sein" kommen, welches ich noch heute für eines Ihrer ergreifendsten und schönsten Lieder halte. Anfang der 90er Jahre sang auch Harald Juhnke dieses Lied. Suchte er in diesem Zusammenhang den Kontakt zu Ihnen und was war das für ein Gefühl, das eigene Lied plötzlich von jemand anderem interpretiert zu hören?
Er hat es einfach gemacht und das durfte er ja auch. Er war nicht der einzige, Mary singt dieses Lied, Dagmar Frederic hat es in ihrem Repertoire und auch Harald Juhnke hat es gesungen. Der einzige Punkt, der mich ein wenig ärgerte, war die Tatsache, dass er es damals als sein neuestes Lied, als Weltpremiere ausgerufen hat. Das wäre so, als wenn ich daherkäme und singe jetzt mal "New York, New York" und es ist eine Weltpremiere. Da fassen sich alle an den Kopf. Es war die Zeit, in der man sich des Ostens ganz flugs bedienen konnte und das wurde dann auch einfach gemacht, denn das, was im Osten entstand, zählte nicht. Es geschahen plötzlich raffinierte Dinge, Dümmlichkeiten und Dummheiten. Wenn aber jemand sowieso schon am Boden liegt - Harald Juhnke lag ja jahrelang am Boden - muss ich nicht daherkommen und meinen Fuß drauf stellen. Das mache ich nicht, das habe ich noch nie gemacht, es ist mir egal. Das Lied ist dazu da, dass es gesungen wird, ansonsten ist es nur ein Notenblatt und ein Text. Es lebt nicht. Und wenn es gesungen wird, umso schöner, umso besser.

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Sie hatten und haben also offensichtlich kein Problem damit und freuen sich, dass das Lied auch von anderen dargeboten wird...
Ja absolut, na klar. Im Gegenteil, es ist ein Kompliment für mich und zeugt von meinem guten Geschmack, wenn es anderen Kollegen auch gefällt... (lacht)

Damit verbunden, welche Musik hören Sie privat am liebsten?
Alles.

Jedes Genre?
Jedes.

Auch Rockmusik?
Jedes! Ich bin auch ein Fan vom Grand prix de la Chanson, der Siegersong des Eurovision Song Contest 2012 gefiel mir ausgesprochen gut. Loreen aus Schweden, ihren Song fand ich grandios, ganz toll, fantastisch. Es gibt nur gute und schlechte Musik. Wenn man sich für etwas entscheiden will, muss man sich ja erst mal alles anhören, sonst wüsste man ja gar nicht, was gut ist oder nicht. Also höre ich alles. Wissen Sie, ich muss nicht alles machen. Ich finde Oper ganz toll, aber ich muss sie nicht singen. Ich mag Rockmusik, aber ich muss sie ja nicht singen. Ich finde Techno ganz prima, aber ich muss es nicht machen. Alles zu seiner Zeit. Wenn ich auf einem Bockbierfest wäre, würde ich Mozart und Beethoven nicht gerne hören wollen, verstehen Sie? Da möchte ich die Musik haben, die da hinpasst und dann bin ich sogar bereit, einzusteigen (als Publikum natürlich) und mich schunkelnderweise um den Biertresen zu bewegen. Aber natürlich nur bei einem Bockbierfest, ansonsten nicht... (lacht)

Auf dem Cover Ihres Albums "Lieder meines Lebens" sind Sie gemeinsam mit einem Papagei zu sehen und ich las, dass Sie Mitglied der Loro-Parque-Foundation, die sich für vom Aussterben bedrohte Arten sowie den Erhalt des Urwaldes engagiert, sind. Können Sie unseren Lesern etwas von Ihrer Arbeit dort erzählen?
Eigentlich nicht, denn ich zahle dort "nur" meinen Mitgliedsbeitrag, interessiere mich aber natürlich sehr dafür, was dort gemacht wird. Mit Arbeit ist es für mich nicht verbunden. Der Loro-Parque tut wirklich sehr viel für bedrohte Arten und da verstehe ich meinen Beitrag als eine Spende, um diese wichtige Arbeit, der ich mich verbunden fühle, zu unterstützen.

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2009 war in einem Gespräch mit Waltraud Heinze von einem nächsten Album mit gecoverten Rocksongs die Rede. Verfolgen Sie diesen Plan noch?
Ja, dieser Plan geistert noch immer in meinem Kopf umher, hat sich bisher aber noch nicht verwirklichen lassen. Aber ich bin ja noch nicht am Ende (lacht). Ich werde zwar bald 69, bin aber noch lange nicht am Ende.

Sie sagten vorhin schon, dass ein neues Album in Planung ist, es handelt sich dabei also nicht um diese Idee?
Nein. Aber ich bin dennoch schon sehr gespannt auf dieses neue Album.

Gibt es Ideen, auch mal mit anderen Künstlern oder Komponisten etwas gemeinsam zu machen? Hätten Sie einen Wunsch, mit wem Sie einen gemeinsamen Song oder ein Album aufnehmen möchten?
Ja, für das neue Album würde ich gerne mit Helena Vondrackova ein Duett singen, das machten wir schon in der ersten Show 1980 im Palast der Republik, zu der ich sie als Stargast einlud. Dies würde ich gern noch mal aufleben lassen. Wir kamen noch nicht "zu Potte", aber ich denke, wir werden das machen. Auch mit Zsusza Koncz würde ich gern etwas realisieren, da ergab sich jedoch noch nichts Konkretes. Wir trafen uns im vergangenen Februar und überlegen noch, was eventuell möglich wäre. Es gibt eine Menge toller Leute, mit denen ich gern etwas machen würde, aber man kann sich da auch versteigen. Helena und Zsusza sind tolle Kolleginnen, sie sind fantastisch und ich bin nach wie vor selbst sehr gespannt auf mein neues Album.

Rückblickend auf eine so lange Karriere wie die Ihrige: Was waren für Sie die schönsten Momente als Musiker/Sänger - was die weniger schönen?
Im Nachhinein verklärt sich natürlich alles ein bisschen, aber ich fand alles toll. Alles. Meine Auftritte im Friedrichstadtplast, im Palast der Republik, meine Konzerttourneen durch die DDR von Johanngeorgenstadt bis nach Kap Arkona. Ich habe das alles immer sehr gern gemacht und erlebte nie eine Pleite. In dem Sinne, ich komme irgendwo hin und es sind nur drei Leute oder so. Das habe ich noch nie erlebt. Dass nicht alles nur nach Wunsch geht - das Leben ist ja kein Wunschkonzert, wie wir wissen - ist natürlich klar. Aber was meine berufliche Arbeit anbelangt, da wurde ich reich beschenkt. Ich bin ein zufriedener Mensch. Das heißt aber nicht, dass ich mich zur Ruhe setze, zurücklehne und zufrieden bleibe. Ich bin ein zufriedener Mensch, bin aber immer noch auf der Suche nach dem, was neu und anders ist. Ohne zu denken, ich hätte etwas verpasst. Das denke ich nicht. Aber es gibt noch so viele Dinge, die ich machen kann. Es gibt ein Lied auf dem letzten Album "Aus Liebe" mit Klavierbegleitung und einem Text von Gisela Steineckert, es ist der letzte Song des Albums und er endet so:

So wie jeder leb' ich manchen Tag,
wo die Lust mit Trauer ringt.
Wenn ich mich dann nicht an neues wag,
bleib' ich nicht ich, und keiner mehr, der singt.

Also, ich wage mich immer wieder an Neues und das immer gerne mit großem Vergnügen und großem Eifer, weil es eben Spaß macht.

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Ihren Worten entnehme ich, wirklich bereut haben Sie offensichtlich nichts...
Gar nichts. Gar nichts! Alle meine Irrtümer und all das, was ich gemacht habe, war wichtig für mich. Selbst das, was hätten Fehler sein können, wobei man zunächst dachte, "Das war falsch, jetzt hat er sich aber einen eingeschenkt, der bekommt ihm nicht." Doch, mir ist alles bekommen. Auch wenn es manchmal schwierig war. Aber ich kenne auch niemanden, bei dem es immer nur geradeaus ging. Das wäre auch langweilig, muss ich sagen. Für mich ist das eine tolle Zeit. Ich lebe so, als ob heute mein letzter Tag wäre und das ist nur durch innere Ausgeglichenheit, innere Ruhe, verbunden mit der Option auf Neugier und auf Kreativität, zu machen. Sonst geht das nicht.

Im nächsten Jahr werden sie 70...
Ja, na und? Nur eine Zahl, über die ich mich totlachen könnte... (lacht tatsächlich)

Diese Zahl interessiert Sie also nicht?
Die einzige Zahl, die mich wirklich interessierte, war die, als ich 14 Jahre alt wurde. Endlich konnte ich, wenn auch nur mit Hilfe meines Personalausweises - ich sah mit 14 Jahren noch aus wie zehn oder elf - ins Kino P14. Das war die einzige Zahl in meinem Leben, was Geburtstage anbelangt, die mich interessierte, alle anderen nicht. Damals war sie ganz wichtig, denn ich wollte endlich mal das sehen, was man unter 14 Jahren nicht sehen durfte. Das schaffte ich und nur das war wichtig. Hätte mich davor jemand gefragt "Was willst du denn mal werden?", hätte ich gesagt: "14!" (lacht ausgiebig) Alle anderen Zahlen interessierten mich nicht. Nicht 18, auch nicht "volljährig". Ich empfand mich schon immer als kompetent. Mit 12 Jahren, auch schon als Kind war ich kompetent, ich kann mich nicht erinnern, mich irgendwie und irgendwo angepasst zu haben, auch wenn es zu Hause durchaus schon mal angesagt war. Ich machte es nie Jemandem recht, wenn es mir zuwider ging. Ich habe mich nie verbogen. Niemals in meinem Leben, nicht in der DDR und auch nicht jetzt. Nie.

Schön, wenn man diesen ganz entscheidenden Punkt seines eigenen Lebens so für sich selbst beantworten kann...
Ich hoffe, dass es auch so bleibt. Wissen Sie: Man kann seinem Glück ja nicht hinterher jagen. Ich habe mir gedacht: "Wenn schon Glück - bitteschön, ich bin bereit - ich lasse mich finden. Soll das Glück mal zu mir kommen, dann können wir besser reden..." Und so kam es letztendlich auch. Unter anderem mit "Schallali" oder mit "Clown sein" einige Jahre später... (lacht) Und dass die Zeiten sich änderten, das ist normal. Um mir jedoch etwas vormachen zu lassen, dazu bin ich einfach nicht doof, nicht dämlich und nicht naiv genug...

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Und Sie verfügen über Ihre Lebenserfahrungen, dann braucht einem niemand das Leben zu erklären...
Richtig. Ich bin ja nicht nur da, um zu essen, zu trinken, zu schlafen und irgendwas zu machen, sondern dafür, bewusst zu leben, mir alles anzusehen. Ich lebe nicht auf einer einsamen Insel, wie Robinson Crusoe, sondern bin Mitglied einer Gesellschaft, die mich oft auf die Palme bringt, aber nicht immer.

Was steht für dieses Jahr konkret noch an bei Ihnen?
Die Produktion des neuen Albums sowie weitere Konzerte. Ganz aktuell steht an, in den kommenden Tagen für eine Woche nach Paris zu fliegen, um mich umzusehen, Kontakte zu pflegen und neue Kontakte zu knüpfen. Ich werde natürlich auch ins Museum sausen zu den Impressionisten ins Musée d´Orsay, um mir ihre Werke anzuschauen. Vor jedem einzelnen Gemälde von zum Beispiel van Gogh oder Renoir könnte ich niederknien, weil mich ihre Werke sehr bereichern, sie mir Ideen geben und mich ganz einfach faszinieren.

Auf jeden Fall ein voller Terminkalender, Jürgen Walter wird es nicht langweilig und damit kommen wir zum Ende des Gesprächs, für das ich mich im Namen unserer Leser ganz herzlich bei Ihnen bedanke. Möchten Sie den Lesern zum Abschluss unseres Gesprächs noch ein paar Worte mit auf den Weg geben?
Ja: Bleiben Sie sich selbst treu.


Interview: Mike Brettschneider (geführt im Juni 2012)
Bearbeitung: mb, cr
Fotos: Pressematerial, Andrea Keller
 

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