Thomas Bürkholz

 

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Wer den Namen Thomas Bürkholz hört, muss unweigerlich an die legendäre Bürkholz Formation denken, die Anfang der 70er auf einem guten Weg war, eine der erfolgreichsten Rockbands des Landes zu werden. Jedoch wurde dieser steile Aufstieg von den Kulturoberen der damaligen DDR gestoppt. Gegen die kleingeistigen Vorwürfe, die für ein Verbot der Band sorgten, konnten sich die Musiker damals nicht wehren. Die Geschichte ist inzwischen ja bekannt. Aber Thomas Bürkholz nur mit dieser Band zu verbinden wäre falsch. Er gehörte zur ersten Besetzung der Klaus Renft Combo, ehe er 1972 Schlagzeuger und Namensgeber der Bürkholz Formation wurde. Ab 1979 gehörte er der Leipziger Gruppe SET an und war ab Ende der 70er erfolgreich mit dem Schreiben und Aufführen von Sinfonien, Opern, Ballett-Stücken, Rockopern und Musicals. Seine erste Arbeit dieser Art war die Inszenierung der Hans-Christian Andersen-Geschichte "Der Soldat und das Feuerzeug" als Musical. Auch als Dirigent, Autor beim Theater und Regisseur hinterließ er in der Kulturlandschaft seine Spuren. Bis heute konnte man landesweit verschiedene Stücke von ihm auf den Theaterbühnen erleben. Viele davon wurden auch bereits mehrfach nachinszeniert.
Bürkholz, der an der Bezirksmusikschule und der Musikhochschule in Leipzig studierte, übernahm im Jahre 2004 die musikalische Leitung der Gala zur Neueröffnung des Berliner Olympiastadions, worüber deutschlandweit auch in den Medien berichtet wurde und bei der internationale Größen wie z.B. PINK auftraten. Nur zwei Jahre später brachte er den legendären Film "Heisser Sommer" (die Hauptrollen in der Filmfassung hatten damals Chris Doerk und Frank Schöbel inne) auf die Theaterbühne. Heute produziert er auch junge Nachwuchsmusiker, und verleiht ihnen an den Reglern den letzten Schliff.
Wir haben Thomas Bürkholz in seinem Studio besucht, um mit ihm über seine lange Karriere und die unterschiedlichen Tätigkeiten in allen möglichen Bereichen der Musik zu sprechen...
 
 
THOMAS, lange Zeit war von Dir zumindest in Sachen Rockmusik nichts mehr zu hören. Du warst von der Bildfläche verschwunden, hast andere Dinge gemacht. Kannst Du uns bitte einen kurzen Abriss liefern, womit Du in den letzten Jahren Jahre beschäftigt warst?
Es handelt sich ja um sehr viele Jahre. Hauptsächlich arbeite ich am Theater. Ich habe eine ganze Menge Musicals und eine Oper herausgebracht. Es ist alles sehr erfolgreich, läuft gut und wird auch immer wieder nachinszeniert. Ich habe in diesem Jahr von meinem ersten Musical "Der Soldat und das Feuerzeug" in Senftenberg die 38. Inszenierung. Das ist eine sehr hohe Zahl. Ansonsten habe ich für verschiedene Orchester gearbeitet, ich habe dirigiert, ich habe mit meinen Jungen wie REMO gearbeitet. Es gibt da so einige junge Leute, die ich betreue, die in die Pop- und Rockrichtung gehen. Zurzeit erobere ich mir durch das Internet ein paar neue Foren. Ich werde künftig auch wieder vermehrt im Rockbereich tätig sein, aber nicht als BÜRKHOLZ-FORMATION, KLAUS-RENFT-COMBO oder irgend so etwas, sondern mit wirklich neuen Sachen. Aber natürlich mache ich das alles nur aus dem Hintergrund.

Du hast eine sehr bewegte, ereignisreiche musikalische Vergangenheit. Mit Sicherheit gibt es da auch die eine oder Sache aufzuarbeiten und richtig zu stellen. Bevor wir uns aber damit beschäftigen, möchte ich mit Dir ein bisschen über Dein aktuelles Tagesgeschäft plaudern.
Aber gerne doch!

Wir von Deutsche Mugge haben uns sehr gefreut, dass wir kürzlich zur Präsentation Deines neuen Projektes eingeladen wurden. Wie nervös warst Du vor dem Auftritt Deines Schützlings REMO?
Sehr nervös, eigentlich so nervös wie noch nie. Und zwar deshalb, weil wir auf für mich fremdem, aber sehr schönem Terrain aufgetreten sind und weil wir bei laufendem Betrieb auftraten und die Veranstaltung fast ohne Proben machen mussten. Das werfe ich aber niemandem vor, sondern das wussten wir von vornherein.

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Wie kam es eigentlich zur Zusammenarbeit mit REMO? Auf den ersten Blick kommt Ihr beide ja doch aus ziemlich verschiedenen Welten.
Ich habe drei Jahre lang an der Ostsee (in Zinnowitz, Anm. d. Verf.) die musikalische Leitung der Vineta-Festspiele ausgeübt. In dieser Zeit habe ich eng mit der leider kürzlich verstorbenen Sängerin ANKE LAUTENBACH zusammengearbeitet. REMO war ein Schüler von ihr. ANKE bat mich damals, ob ich an dem Konzert in der Leipziger Kongresshalle zu ihrem 25-jährigen Bühnenjubiläum teilnehmen könne. Dort war REMO auch dabei, noch als ihr Schüler. Ich spielte während dieser Veranstaltung in einer Bigband Percussion. REMO sprach mich an und wir unterhielten uns. Er hatte einen ziemlich schweren Part zu singen und ich dachte vorher, hoffentlich ist dieser junge Mann damit nicht überfordert. Aber er hat die Aufgabe ganz gut gemeistert. So sind wir halt zusammengekommen. Ich hatte dann den Plan, mit mehreren Künstlern etwas gemeinsam zu machen. Unter anderem war auch ANKE LAUTENBACH dabei, und REMO war zu der Zeit schon ihr Mitarbeiter, fast schon eine Art Büroleiter. Als es ANKE dann nicht mehr so gut ging, haben REMO und ich trotzdem weiter zusammengearbeitet. Er hatte seinerzeit einen Produzenten, von dem er sich gerne getrennt hätte. Also fragte er mich, ob ich nicht den Part übernehmen könnte. Ich sagte zu ihm: "Ich schreibe Dir drei Titel und dann gucken wir mal, wo es hingeht."

Einer dieser Titel war "KitKatClub", den wir Anfang Juli live in dem gleichnamigen Club hören konnten... Genau. Der nächste Song wird dann am 15. September in Tegel aufgeführt, wo wir im Tegeler Hafen auf einer Brücke ein Video gedreht haben. Bis Januar 2013 sind wir erst mal ausgeplant mit schon fertigen Produktionen, die dazugehörigen Videos werden zurzeit geschnitten und abgemischt. Aus den geplanten drei sind inzwischen fünf Titel geworden und es werden definitiv noch mehr werden.

Was hat Dich an einem Künstler wie REMO gereizt?
Ach, so einiges. Unter anderem suchte ich seit Jahren einen Texter, der wirklich gut Englisch texten kann. Aber er muss genauso gut Deutsch können, denn er muss mich verstehen. Ich habe nämlich sehr oft ganz viele Ideen, aber mein Englisch ist leider nicht so künstlerisch wertvoll, dass ich damit ganze Texte schreiben könnte. REMO kann das und er hat auch einen Freundeskreis, wo er alles nochmal absichern kann. Eine amerikanische Freundin kontrolliert sicherheitshalber noch mal auf Phonetik und solche Sachen. REMO ist also einer meiner festen Texter, vor allem aber DER Texter für die englischsprachigen Sachen. Der "KitKatClub"-Song wurde demzufolge genauso wie alle anderen REMO-Lieder von ihm selbst getextet.

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Die Weltpremiere des Songs inklusive der Videopräsentation fand im KitKatClub statt, also einer eher ungewöhnlichen Location für einen solchen Anlass. Für diejenigen, die es nicht wissen: Es handelt sich dabei um einen Fetischclub in Berlin-Mitte. Empfandest Du dieses Umfeld nicht eher befremdlich?
Eigentlich nicht. Okay, als wir in den Räumen des Clubs das Video gedreht haben, war es schon ungewohnt. Befremdlich aber überhaupt nicht. Ich bin inzwischen mit Kirsten Krüger, der Inhaberin dieses Etablissements, recht gut befreundet. Ich habe diese Philosophie, die in diesem Laden zu spüren ist, sogar gern, ich halte es für einen Ausdruck von Freiheit. Auch wenn es nicht unbedingt die Art von Lebensgefühl ist, die ich selbst empfinde und ausleben möchte. Meine sexuelle Ausrichtung ist da etwas normaler und wird es auch bleiben. Aber ich akzeptiere das, was hier stattfindet. Ich habe auch sehr gerne hier gedreht. Dazu kommt, dass mir die künstlerische Ausgestaltung der Räumlichkeiten gut gefällt. Die sehr schönen und ansehnlichen Bilder stammen von einem Maler, der nennt sich "Der Träumer". Selbst bin ich ja auch immer an bildender Kunst interessiert. In diesem Club verbirgt sich also viel mehr, als man auf den ersten Blick mitkriegt.

Wie geht es mit REMO und Dir weiter, ist vielleicht ein Album geplant?
Im Moment vertreiben wir alles über das Internet. Sollte sich eines Tages mal ein Markt dafür ergeben, werden wir natürlich auch gerne eine CD machen. Glücklicherweise sind wir, also bin ich in der Lage, alles selber zu produzieren. Ich habe nämlich nicht die Absicht, einen Vertrag mit irgendeiner Plattenfirma zu unterzeichnen, die am Ende nur zehn Prozent Gewinn und neunzig Prozent Verlust macht. Den Verlust kann ich alleine übernehmen und den möglichen Gewinn übernehme ich selbstverständlich auch gerne alleine. Was natürlich nicht heißt, dass wir nicht vertrags- oder gesprächsbereit wären, falls irgendwelche Anfragen kommen. Das bedeutet lediglich, dass wir momentan unsere Produkte von Anfang bis Ende selber machen. Das umfasst das Internet und alle anderen marktrelevanten Instrumente, die es heute so gibt. Für mich ist das alles auch eine Art Spiel, so als wenn man seinen eigenen Fernsehsender übernimmt. Wir versuchen auch mit facebook auf eine andere Art umzugehen. Das alles ist sehr interessant. Im Moment sehe ich also keinen Grund, eine CD rauszubringen. Sollte sich herausstellen, dass die Nachfrage da ist und wir dann auch genügend Titel zusammen haben - was voraussichtlich frühestens Mitte des nächsten Jahres der Fall sein wird - dann ist es überhaupt kein Ding, eine CD zu produzieren.

Welche Zielgruppe wollt Ihr mit dieser Musik und dem REMO-Projekt erreichen?
Wir versuchen in erster Linie junge Leute anzusprechen. Das gelingt uns auch recht gut auf Veranstaltungen, wo REMO singt. Der Termin im KitKatClub war ja wirklich eine Ausnahme.

Da möchte ich kurz einhaken. Besteht nicht die Gefahr, dass die Leute, die durch diesen Auftritt und dieses dazugehörige Video erstmals von REMO gehört haben, ihn jetzt automatisch in eine bestimmte Ecke einordnen?
Nein, das glaube ich nicht. Das nächste Video ist vom Thema und der Machart her wieder ein ganz anderes, so dass ich da keinerlei Bedenken habe. Ich glaube, erfahren genug zu sein, um das abschätzen zu können. Wir sind auch nicht so promotiongeil wie andere. Dadurch, dass wir alle noch verschiedene Sachen nebenher machen, sind wir nicht ganz so auf das Materielle und auf den kommerziellen Erfolg angewiesen. Dennoch machen wir kommerzielle Musik, weil uns diese Art Musik einfach Spaß macht. Oder anders gesagt: Ich würde nie etwas machen, was mir keinen Spaß macht. Dafür bin ich nicht mehr jung genug. Ich sehe also die von Dir angesprochene Gefahr eher nicht. Viel eher sehe ich die Möglichkeit, gerade übers Internet einen Freundeskreis zu gewinnen, der in einer Breite aufgestellt ist, die wahrscheinlich von jedem Marketingstrategen in der Musik als Irrsinn bezeichnet wird. Aber das ist egal, wir werden es ausprobieren.

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Du bist ja eigentlich dein halbes Leben lang Rockmusiker gewesen. Widerstrebt es Dir da nicht, jetzt so eine Art Konservenmusik zu machen?
Wenn ich die Musik mache, ist es ja noch keine Konserve. Erst nachher auf der Bühne, aber das ist eine reine Kostensache. Wenn wir es ermöglichen können, dass REMO oder andere Künstler, die ich betreue, auf der Bühne mit Band auftreten, dann wird das auch hundertprozentig passieren. Ich bin nach wie vor ein absoluter Verfechter der Livemusik, weil es eben das Schönste von der Welt ist. Aber wenn wir jetzt mal den KitKatClub nehmen, der ja von der Größe her schon relativ viel zu bieten hat, wäre selbst dieser Club für eine ganze Band zu klein. Wenn der Künstler aber so bekannt ist, dass er große Hallen füllen kann, werde ich ihm natürlich auch eine Band hinstellen. Wenn es nötig sein sollte, sogar ein ganzes Orchester. Da würde ich zwar nicht selber mitspielen, aber zumindest dirigieren.

Schlagzeuger, Komponist, Dirigent - du bist quasi ein Multitalent. Doch Du wurdest ja nicht als fertiger Schlagzeuger oder Komponist geboren. Wann und durch wen oder durch welches Ereignis wurden denn Deine musikalischen Sinne wachgekitzelt?
Durch die BEATLES und die ROLLING STONES habe ich mich selber zum Schlagzeuger gemacht, dann in einer Schulband zusammen mit CÄSAR und einigen anderen später sehr bekannten Musikern gespielt. Dann hat uns irgendwann mal der Chef von RENFT, KLAUS JENTZSCH, gehört und mich im zarten Alter von fünfzehn Jahren eingeladen, in seiner Band mitzuspielen. Ich musste erst mal meine Mutter fragen, ob ich das darf. Die hat zugestimmt und auf einmal war ich ein ziemlich bekannter Musiker.

Ich dachte eigentlich eher an solche Dinge, wie ich sie erlebt habe, dass man mit fünf Jahren die hauseigenen Kochtöpfe als Schlagzeug missbraucht und danach nur noch eine Karriere als Drummer im Kopf hatte.
Nein, das nicht. Ich war zwar schon immer sehr musikalisch, hätte auch Mitglied bei den THOMANERN werden können. Aber ich konnte leider kein Klavier spielen und meine Mutter konnte sich kein Instrument leisten, deshalb fiel das aus. Aber ich habe immerhin eine Aufnahmeprüfung dort gemacht und das soll wohl ganz gut gewesen sein. Sagt jedenfalls meine Mutter.

Dann hast Du nicht die typische Entwicklung der meisten Musiker genommen, also schon ganz früh Besuch der Musikschule, um Klavier oder Gitarre zu lernen?
Nein, ich war schon ein bekannter Musiker, als die gesamte KLAUS RENFT COMBO dazu verurteilt wurde, die Bezirksmusikschule Leipzig zu besuchen. Zunächst habe ich das auch wirklich als Verurteilung empfunden, habe dann aber schnell gemerkt, es ist gar nicht so sinnlos, eine Ausbildung zu beginnen. Im Nachhinein habe ich dann doch noch den ganzen Ausbildungsweg, also Studium, Berufsausweis usw. gemacht. Heute bin ich froh darüber, denn das gab mir die Möglichkeit, dass ich mich während meines Spielverbotes zum Komponisten qualifizieren konnte. Später kam dann noch die Dirigentenausbildung dazu. Das alles ist nur auf der Basis der durchaus profunden Ausbildung möglich gewesen, die wir in unserer Heimatstadt Leipzig genossen haben.

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Daraus schließe ich, dass Du als Kind nicht unbedingt den Wunsch hattest, später mal Musiker zu werden?
Doch, ich hatte immer den Wunsch, das war für mich völlig klar. Ich wusste nur nicht, dass man dazu eine solch umfangreiche Ausbildung benötigt. Meine Mutter hat sich ein Leben lang vorgeworfen, dass sie mir kein Klavier kaufen konnte. Stattdessen hat sie mir dann ein Akkordeon gekauft, das konnte sie sich leisten. Das hätte mich dann aber beinahe meine Musikerkarriere gekostet, weil ich im Akkordeonorchester mitspielen musste, was mir überhaupt keinen Spaß machte. Ich habe dann mit dem Akkordeon aufgehört und Schlagzeug gelernt, weil ich dachte, dafür braucht man keine Noten. Das war meine feste Überzeugung, und so bin ich da mit viel naivem Denken reingerutscht. Ich hatte überhaupt ganz falsche Vorstellungen von diesem Instrument. Ich konnte zwar schon ganz gut trommeln, das war schon verwertbar. Aber als ich dann zu meinem Musiklehrer kam, stellte der erst mal fest, dass ich die Trommelstöcke falsch halte. KLAUS RENFT war das nicht aufgefallen (lacht), dem Publikum auch nicht. Also musste ich mich noch mal umstellen, was etwa ein Jahr gedauert hat. Ich habe meine Trommelstocktechnik geändert, um zum Schluss wieder genauso zu spielen, wie am Anfang. Ich lernte nämlich irgendwann, dass die Gesetze, die mir vermittelt wurden, doch nicht in Stein gemeißelt waren, denn fast die Hälfte aller guten Rock- und Jazztrommler dieser Welt hielten die Stöcke so wie ich. Das sind eben solche unangenehmen Nebeneffekte, die es in der Ausbildung manchmal gibt. Da werden Dinge gelehrt, die für den Beruf eigentlich gar nicht notwendig sind. Oder anders gesagt, ein Trommler, der in einem Sinfonieorchester die kleine Trommel spielt, hält die Stöcke vielleicht anders, als der Trommler einer Rockband, weil da doch ganz andere Kräfte wirken. Aber wir mussten halt diese klassische Ausbildung machen.

Interessant fand ich, dass Du bereits in einer Schülerband mit PETER "CÄSAR" GLÄSER zusammengespielt hast. Erzähl uns bitte ein bisschen darüber.
Wir brauchten für unsere Schülerband noch einen Gitarristen. CÄSAR konnte damals noch keine Gitarre spielen, aber dafür Klarinette. Ein Kumpel brachte CÄSAR eines Tages mit zur Probe und der spielte uns mit seiner Klarinette was vor. Ich fand das aber total unschick, so dass ich ihm sagte: "Wenn Du nicht Gitarre spielen kannst, bringt das hier nichts." Wir waren also nicht von Anfang an Freunde. CÄSAR hat dann innerhalb von vier, fünf Wochen tatsächlich Gitarre spielen gelernt, und davon war ich sehr beeindruckt. Wir begannen also mit CÄSAR zu spielen. Etwas später bekam ich das Angebot von RENFT. Die hatten zu der Zeit gerade keinen Gitarristen, weshalb ich Klaus sagte: "Lass es uns mal mit CÄSAR versuchen. Der spielt zwar noch nicht lange, aber macht das schon ganz gut." Dann haben wir uns getroffen und bei KLAUS und CÄSAR war es Liebe auf den ersten Blick, was ja auch bis zum Lebensende gehalten hat. Zumindest bei KLAUS.

Hast Du in jungen Jahren noch in weiteren Bands gespielt? Und gab es da außer CÄSAR noch weitere Musiker, die später zu Profimusikern wurden?
Das sind zu viele. Eigentlich fast alle... Spontan fallen mir vielleicht THOMAS SPILLNER oder HERBERT DREILICH ein. Aber ich kann Dir sagen, mit wem ich NICHT zusammen gespielt habe: Mit allen fünf PUHDYS. Das war nicht meine Liga.

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Du hast dann 1972 an der "Hochschule für Musik und Theater ‚Felix Mendelssohn Bartholdy'" in Leipzig studiert. Welche Fächer hast Du dort belegt und welche Voraussetzungen musste man seinerzeit mitbringen, um in den Genuss eines solchen Studiums zu kommen?
Ich habe nur Schlagzeug belegt. Und es war kein Direktstudium, sondern ich habe das Ganze als Abendstudium absolviert. Und obwohl ich nicht tagtäglich an der Uni sitzen musste, war eine Aufnahmeprüfung Bedingung. Die haben uns wirklich genötigt. Das soll heißen, die haben uns zum Studium genötigt und unter Druck gesetzt, weil wir nur so den Berufsausweis machen konnten. Ich hätte das Studium eigentlich gern vermieden, weil es einfach nicht durchdacht war, was uns da angeboten wurde. Wir haben an den Wochenenden gespielt, sind Sonntagnacht um 5:00 Uhr wieder nach Leipzig zurückgekommen und durften uns dann am Montag um 8:00 Uhr in der Schule treffen, um uns Marxismus/Leninismus reinzuziehen. Es war einfach alles nicht so optimal und völlig anders, als heute studiert wird. Heute kümmern die sich um ihre Musik, während wir früher haufenweise Russisch und all solchen Scheiß machen mussten, was wirklich keinen interessierte.

Nachdem die allererste Besetzung der KLAUS-RENFT-COMBO 1962 verboten wurde, durfte die Band ab 1967 unter dem gleichen Namen wieder auftreten. Zum Line-Up gehörten u. a. CÄSAR und Du, später auch noch CHRISTIANE UFHOLZ. Wie bist Du in die Band gerutscht und wie war Euer Verhältnis zueinander?
KLAUS RENFT oder JENTZSCH war für uns junge Menschen jemand, den wir bewundert haben. Mich zum Beispiel hat er mit fünfzehn Jahren genommen und gesagt: "Du spielst jetzt bei uns Schlagzeug". Du kannst Dir gar nicht vorstellen, was ich für eine Angst hatte! So ähnlich, wie bei REMOs Auftritt im KitKatClub. Aber KLAUS hat uns aufgenommen und musikalisch geprägt. Natürlich sind im Laufe der Zeit manche zwar fachlich über ihn hinausgewachsen, menschlich aber auf keinen Fall! Und ich bin unheimlich stolz, dass meine Heimatstadt Leipzig eine Straße hat, die Klaus-Renft-Straße heißt. Das ist phänomenal. KLAUS hat diese Ehrung auch wirklich verdient. Wir hatten nicht nur eine wunderschöne Zeit miteinander, sondern auch eine schwere Zeit. In erster Linie eine politisch schwere Zeit. Wir wurden z. B. von den Proben mit dem Mannschaftswagen abgeholt, um Fingerabdrücke von uns zu nehmen, aber dazu kommen wir ja sicher noch. Das sind Dinge, die kann man sich heute zum Glück gar nicht mehr vorstellen. Durch solche Erlebnisse haben wir noch mal eine ganz andere Bindung zueinander gehabt, als wären wir "nur" normale Kollegen in der Band gewesen.

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Stimmt es, dass diese Zusammensetzung von 1967 als eigentliche Gründungsbesetzung von RENFT gilt? Denn eigentlich hat KLAUS JENTZSCH bereits 1958 als 16-jähriger eine KLAUS-RENFT-COMBO gegründet.
Das stimmt schon, aber die richtige, amtliche RENFT COMBO war die, die wir seinerzeit gegründet haben. Jedenfalls hat KLAUS JENTZSCH das immer so behauptet. Er hatte ja zwischendurch mal die BUTLERS und das Angebot an mich, bei ihm mitzuspielen, kam noch zu BUTLERS-Zeiten. Das hat er nicht so oft laut gesagt, weil er dem HANS-DIETER SCHMIDT nicht so wehtun wollte. Aber er wollte wirklich den Drummer wechseln. Er hatte mich bei einem Rockwettbewerb gehört und fand mich bzw. mein Spiel scheinbar total sensationell, ich weiß es nicht. Jedenfalls durften die BUTLERS dann auch irgendwann nicht mehr spielen und ich fragte ihn, ob er mich denn trotzdem noch wolle. Also haben wir von da an zusammen gespielt. Irgendwo gibt es ein Tondokument, wo JENTZSCH sagt, der BÜRKHOLZ ist Gründungsmitglied, und so habe ich das für mich übernommen. Und wenn der Meister persönlich das sagt, wird es auch stimmen, dem werde ich nicht widersprechen.

War während Deiner Zugehörigkeit zu RENFT schon dieser rebellische Geist spürbar, der dieser tollen Band später zum Verhängnis wurde?
Natürlich, dieser Geist war immer da, bei allen Formationen, auch später bei der BÜRKHOLZ-FORMATION. Bei allen Leipziger und Dresdner Bands, auch bei einigen Berliner Bands, war es immer pure Rebellion. Es hatte auch eine spielerische Funktion, also dieses Räuber und Gendarm-Spiel gab es wirklich. Es war stellenweise richtige Angst, die wir hatten. Ich hatte ja vorhin schon erwähnt, dass wir mit RENFT per Polizei-Mannschaftswagen von den Proben abgeholt wurden. Stell Dir vor, wir hatten im 2. Stock unsere Probe und die ganze Treppe war voll gestellt mit Volkspolizisten. Und wir wurden dann einfach mal verhaftet und auf den LKW verladen, in aller Öffentlichkeit. Die haben dann unsere Fingerabdrücke genommen und uns wieder nach Hause gehen lassen. Eine völlig sinnlose Aktion. Pure Schikane. So ging das von Anfang an. Aber wir waren trotzdem nur begrenzt einschüchterbar, denn wir waren ja nicht kriminell. Wir haben nur die Musik gemacht, die die Leute hören wollten. Wir hätten auch gar keine andere Musik machen können, weil man uns sonst im Dorftanzsaal verprügelt hätte. Man kann aus diesen Dingen eine ganze Menge lernen, was man von staatlicher Seite alles falsch regeln kann. Das war schon das erste Anzeichen von Verfall. Nimm nur mal dieses Beat-Verbot, was völlig unnötig war. Als deswegen Demonstrationen stattfanden, wurde ich als fünfzehnjähriger Steppke von zwei Stasi-Beamten den ganzen Tag bewacht, damit ich meine Wohnung nicht verlasse. Völlig unnötige Sachen. Wir haben uns natürlich wie Helden gefühlt. Zum Beispiel waren bei KLAUS und bei mir Stasi-Typen in der Wohnung. Bei den anderen dagegen nicht, weshalb wir natürlich viel angesehener waren (lacht herzlich).

Wenn ich richtig informiert bin, dauerte Dein Dasein bei RENFT nicht allzu lange, da Du schon bald zum Wehrdienst einberufen wurdest. Damals musste man noch 18 Monate dienen. Konntest Du während dieser Zeit Musik machen? Wenn ja, wie lief das ab, wie muss man sich das vorstellen?
CÄSAR und ich wurden zusammen zu den Grenztruppen nach Eisenach eingezogen. Vermutlich war das ein Versuch, die Band zu sprengen, denn wir beide waren ja tragende Säulen bei RENFT. Für KLAUS war es natürlich nicht einfach, Ersatz zu finden, denn jeder wusste, wenn wir beide zurückkommen, werden wir wahrscheinlich wieder bei RENFT einsteigen. Wir fanden dann einen Kompromiss mit einem Schlagzeug spielenden Sänger, der in dieser Zeit meine Rolle übernahm. Den Namen weiß ich nicht mehr. Ich war derweil auch nebenbei schon bei den ROBBYs tätig, als HEINZ QUERMANN dann eine völlig neue Fernsehsendung für die berufstätige Bevölkerung entwickelte mit dem Titel "Ökulei - Ökonomisch-kultureller Leistungsvergleich". Das war richtig groß angebunden und staatlich gefördert. Und da die ROBBYs dabei waren, kam es dazu, dass ich schon nach acht Tagen von der Armee freigestellt wurde, für ganze drei Tage Fernsehsendung. Dadurch wurde man im Stab auf mich aufmerksam. Nun hatten CÄSAR und ich das Riesenproblem, dass wir nicht an die Grenze raus wollten. Und die einzige Möglichkeit, das auch zu schaffen, war entweder, sich politisch völlig inkorrekt zu verhalten und in den Armeeknast zu wandern, oder vielleicht als Kapelle oder anderweitige kulturelle Einrichtung im Ausbildungsregiment zu bleiben. Das klappte durch diesen Fernsehauftritt dann tatsächlich. Es kam in der Folge zu einer ganz abenteuerlichen Mugge. Und zwar wurde ich an einem Sonnabendmorgen zum Stabschef bestellt. Der sagte zu mir: "Sie sind ein bekannter Musiker, waren im Fernsehen, Sie gründen jetzt eine Kapelle. Hier ist eine Liste, wo alle Musiker drauf stehen, die wir eingezogen haben. Da suchen Sie sich ein paar raus für Ihre Kapelle. Der erste Auftritt ist heute Abend auf der Wartburg bei unserem Offiziersvergnügen." Das war ein richtig ernst gemeinter Befehl. Mir ist übrigens bis heute nicht klar geworden, wer außer uns dort hätte spielen sollen. Ich holte mir dann die Liste und auf der stand CÄSAR natürlich nicht mit drauf. Nun hatte ich ja beim Einzug auf dem Leipziger Hauptbahnhof schon den und den getroffen, wir kannten uns ja alle untereinander. Also sagte ich dem Stabschef, der und der steht nicht auf der Liste, die brauche ich aber, die will ich haben. Der Stabschef sagte glücklicherweise: "Kein Problem." Wir Musiker haben uns dann alle versammelt und ich sagte ihnen, was Sache war, dass wir abends einen Auftritt machen sollten. Die haben natürlich alle den Kopf geschüttelt und abgelehnt. Ich habe ihnen erklärt, wie ich mir das so vorstelle, und das fanden sie wiederum nicht schlecht. Jedenfalls kriegten wir dann achtzehn Titel zusammen, die jeder von uns spielen konnte und so haben wir den ganzen langen Abend mit diesen achtzehn Titeln gestaltet. Immer neue Improvisationen eingebaut, die Reihenfolge geändert usw. Das Ergebnis dieser Geschichte war tatsächlich, dass wir in Eisenach bleiben konnten. Wir wurden dann im Stab verteilt. Ich kriegte z. B. eine Planstelle bei einem Major, CÄSAR kam zu den Nachrichten, JOCHEN HOHL, der später bei RENFT mein Nachfolger am Schlagzeug wurde, war beim Transportzug und fuhr einen LKW. Wir konnten sehr viel Musik machen, die haben uns wirklich große Freiheiten gelassen. Wir hatten überhaupt sehr viele schöne Erlebnisse, die wir uns natürlich selber geschaffen hatten.

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Für wen habt Ihr mit Eurer Armeekapelle eigentlich gespielt?
Du musst Dir das in etwa so vorstellen. HERBERT GRÖNEMEYER, UDO LINDENBERG und wie sie alle hießen, wurden zum Bund eingezogen und hatten dort eine Kapelle. Also mussten wir sowas auch haben. Wir haben richtig draußen zum Tanz gespielt, öffentlich. Natürlich in Uniform. Es war immer brechend voll, denn die Leute wollten uns natürlich sehen und erleben. Wir bekamen vom Regiment immer einen Begleiter aus der Kulturabteilung mit, einen Leutnant. Der trank gerne einen, also haben wir ihn besoffen gemacht. Das dauerte in der Regel zwei Stunden und dann haben wir losgelegt, dann spielten wir STONES usw. Das war der pure Wahnsinn, da war richtig was los. Konkurrenz hatten wir nicht wirklich, weil wir schon alles Musiker aus der Oberliga waren.

Warum bist Du nach der Armee dann nicht wieder bei RENFT eingestiegen?
Als die Armeezeit zu Ende war, holte KLAUS uns mit dem Auto vor der Kaserne ab. Ich sagte ihm, dass ich aufhören will bei RENFT und ihm JOCHEN HOHL als meinen Nachfolger empfehle. So kam es dann auch. Ich hätte wirklich wieder mitspielen können, aber ich wollte nicht mehr, wofür es gewisse Gründe gab. Ich musste nämlich einfach mal längere Zeit am Stück Musik machen. Bei RENFT hingegen war es ein ständiges Proben - zwei Auftritte - Verbot. Pro Jahr hatten wir etwa 20-25 Verbote. Die DDR spezialisierte sich diesbezüglich, die Sicherheit wurde immer besser. Anfangs war es ziemlich lustig, da hießen wir nämlich nicht nur RENFT COMBO, sondern auch noch ULF-WILLIE-QUINTETT und sonst wie. Wir hatten insgesamt sechs verschiedene Namen. Man konnte die Kapellen nämlich getrennt voneinander in den einzelnen Stadtbezirken anmelden. Und jeder von uns wohnte in einem anderen Stadtbezirk. Von unseren sechs Bands waren immer mindestens fünf gerade verboten, manchmal auch alle sechs. Und so sind wir in diesem Stadtbezirk unter diesem Namen, in jenem Bezirk unter jenem Namen aufgetreten. Plötzlich hatten die das alles zusammengefasst, es gab also nur noch eine Zulassungsstelle in Leipzig, so dass unsere Strategie nicht mehr funktionierte. Zu dieser Zeit hatte ich diverse Angebote, hier und da als Schlagzeuger einzusteigen. Ich machte es dann auf Aushilfsbasis, aber für denjenigen, der mich holte, war es auch immer ein Abenteuer, welches teuer hätte werden können, wenn man mich erwischt hätte. Ich bin wirklich oftmals mit Bart und Brille aufgetreten, um nicht erkannt zu werden. Aber ich wollte halt Geld verdienen und Musik machen. Trotz alledem war ich bei RENFT nie ganz draußen. Klaus und ich waren lange Zeit noch befreundet, bis er dann in den Westen ging und ich verboten wurde und es zwischen uns viele gegenseitige Missverständnisse gab, die wir leider nicht mehr alle ausräumen konnten.

Was war für Dich das Besondere an den RENFT-Songs und an dem Menschen KLAUS JENTZSCH?
Ach, da gibt es eine Menge. Es ist sehr schade, dass wir damals so wenige Fernsehaufnahmen machen konnten. Von BÜRKHOLZ gibt es nur eine Schwarz-Weiß-Aufnahme und von RENFT gibt es auch kaum was. Und das, was es gibt, wird bis heute unverdientermaßen wenig gesendet und nicht beachtet. Das empfinde ich vor allem bei RENFT als sehr ungerecht, denn die haben richtige Volkslieder gemacht. BÜRKHOLZ war dagegen schon mehr intellektuell. Da war auf jeden Fall eine Ehrlichkeit dahinter, die man anderswo umsonst sucht, da hat sich niemand beim Staat angedient. RENFT hat z. B. das Problem "deutsche Texte" gelöst. Es gibt Leute, die behaupten, Thomas Natschinski und Hartmut König wären die ersten mit deutschen Texten gewesen. Das waren vielleicht die ersten Schlager, aber da waren wir bei RENFT schon längst mit zwei, drei Programmen auf Deutsch raus. Und das finde ich vor allem KLAUS JENTZSCH gegenüber sehr ungerecht, weil der sich große Verdienste um die deutsche Rockmusik erworben hat. Der hat uns musikalisch erzogen! Mein Rock- und Popgeschmack ist heute noch von dem geprägt, was KLAUS uns beigebracht hat. Auch wenn er nicht unbedingt der größte Bassist aller Zeiten war, war sein Musikgeschmack jedoch untrüglich. Und solange die Band sich auf ihn verlassen hat und ihm gefolgt ist, solange war sie auch erfolgreich. Die spätere Periode, als dann GERULF PANNACH mit die "Macht" ergriff, die war relativ unglücklich. KLAUS selbst war damit auch sehr unglücklich und ich glaube, das hat ihn sehr krank gemacht. Er ließ sich das Ruder zu sehr aus der Hand nehmen und hat nachher zu sehr politisiert. Dabei war er gar kein so politischer Mensch. In einem späteren Interview sagte er mal: "Ich kam mir immer vor wie ein Feldwebel, der zwischen Soldaten und Offizieren vermitteln muss." Er war auch nie ein wirklicher Staatsgegner. Das ist ja das Ärgerliche an dieser DDR-Führung, dass sie ihre wertvollsten Leute kaltgestellt haben. Und KLAUS war einer der Wertvollsten. Eigentlich war KLAUS eher ein Antifaschist. Und an viele Sachen hätte er gerne geglaubt, wenn sie ihn nicht so behandelt hätten. Die weniger Ehrlichen, die mehr auf ihre Karriere und ihr Image geachtet haben und mit bunt gefärbten Haaren ihren Sandkastenrock gemacht haben und live dann prompt ihre Schwierigkeiten bekamen, weil es halt nicht so doll war, die sind heute noch präsent und repräsentieren eine Szene, die es so nie wirklich gab.

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In Deiner Vita steht zu lesen, dass Du 1970 zusammen mit HEINZ GEISLER, dem späteren Gitarristen der BÜRKHOLZ-FORMATION, in einer Band namens DIE ROBBYs gespielt hast. Was für Musik habt Ihr da gemacht?
Eigentlich war ich zeitgleich bei RENFT und den ROBBYs. Die ROBBYs waren so eine Art Vorzeigeorchester. Die waren bei uns eigentlich nicht sehr beliebt, weil sie zum Beatverbot so eine Art Pendant darstellten. Die waren sozusagen die sozialistische Kapelle. Musikalisch waren die aber schon ganz gut und auch sonst waren es prima Kerle. Denen war ihr Ruf selber unangenehm. Die ROBBYs haben mir dann zeitgleich mit KLAUS ein Angebot gemacht und so habe ich immer bei beiden Kapellen parallel gespielt. Die haben natürlich auch damit kokettiert, dass sie den verbotenen BÜRKHOLZ beschäftigt hatten. Ganz so rot, wie manche dachten, waren die ROBBYs also doch nicht. Ansonsten waren die ROBBYs eine reine Tanzmusikkapelle. Dafür waren sie aber die gebildetste Amateurband, die ich jemals kennengelernt habe. Es waren alles Leute, die einen Grund dafür hatten, warum sie ihre Musik nebenbei machten. Die hatten nämlich solche Berufe wie Diplom-Ingenieur, Arzt und so was, alles war vorhanden. Als Musiker waren sie aber sehr gut, sie konnten alle mit Noten umgehen, haben Programmbegleitung für andere gemacht und solche Sachen, die normalerweise nur von professionellen Kapellen gemacht wurden. Sie haben also Tanzmusik gemacht, die populär war. Heute würde man sagen, sie waren eine Top 10-Band. Das hat richtig Spaß gemacht, bei denen zu spielen. Die ROBBYs durften sogar ins Ausland. Zwar nicht ins westliche, aber wir waren z. B. viermal in Ungarn, was sehr schön, weil selten war. Und das restliche sozialistische Lager haben wir auch bereist. Ich habe bei den ROBBYs durch die ständige Programmbegleitung auch viel gelernt, was mir später nützlich war.

DIE ROBBY's waren wohl auch nicht das Wahre, denn 1972 hast Du dann die berüchtigte BÜRKHOLZ-FORMATION ins Leben gerufen. Die Erstbesetzung bestand aus heutiger Sicht aus lauter namhaften Kollegen: HANS-JÜRGEN BEYER (voc), MICHAEL HEUBACH (keyb), FRANK CZERNY (bg), HEINZ GEISLER (g), WOLFGANG ZAHN (sax), und THOMAS BÜRKHOLZ (dr). Wie habt Ihr Euch gefunden? Wie sahen Eure Ziele als Band aus?
Ich wollte schon seit längerer Zeit meine eigene Band haben, denn gewisse Dinge, die bei RENFT alkoholtechnisch abliefen, waren nicht so mein Ding. Ich war wenig begeistert, wenn wir manchmal am Schluss des Konzertes nur noch zu zweit auf der Bühne standen und der Rest der Band lag in irgendeiner Ecke. Deshalb war die BÜRKHOLZ-FORMATION wahrscheinlich die einzige Berufsband der Welt, wo es vor dem Konzert ein absolutes Alkoholverbot gab. Obwohl bei uns schwere Trinker dabei waren, zu denen ich mich leider auch zählte, aber das war immer erst nach dem Auftritt. Das war auch gut so, weil wir damals eine ziemlich komplizierte Musik machten und die spielte sich nüchtern einfach besser. Aber Du wolltest ja wissen, wie wir uns gefunden haben. Das hing u. a. damit zusammen, dass ich bei den ROBBYs HEINZ GEISLER traf. Der war für mich eine echte Bereicherung, weil er richtig gut und modern Gitarre spielen konnte. Aber HEINZ kam mit der Musik der ROBBYs nicht klar, das hielt er auf Dauer nicht aus. Dann gab es noch einige andere ganz unerfreuliche Dinge. Beispielsweise haben wir mit den ROBBYs viel Fernsehen gemacht. Wir hatten damals einen Bassisten, der einen Schnauzbart trug, der Mann wurde aber nie gezeigt. Zwölfmal im Jahr hatten wir im Fernsehen eine feste Sendung, aber immer zeigte man nur seine Hände, nie den ganzen Mann. Die ganze Welt kannte seine Hände, aber sein Gesicht blieb unbekannt. Und ich hatte etwas längere Haare, die immer mit Stecknadeln nach hinten geklemmt wurden. Heinz hatte noch längere Haare als ich und wurde natürlich ebenfalls abgesteckt, nur sah er dadurch aus wie seine eigene Oma. Da er ein bisschen eitel war, machte er auch nur eine einzige Fernsehsendung mit und sagte dann: "Das geht nicht, das mache ich nicht mit." Nun wollten er und ich aber unbedingt was zusammen machen. Also schlug er mir vor: "Ich mache erst mal eine Band auf, verdiene damit das Geld für eine große Anlage. Du machst solange bei den ROBBYs weiter. Und wenn wir so weit sind, Du die Leute beisammen hast und ich die Anlage beschaffen kann, dann machen wir eine gemeinsame Kapelle. Aber es müssen nur gute Leute sein, die mitspielen, sonst hat das alles keinen Sinn." Zunächst klang das alles ein bisschen utopisch, aber nach einem Dreivierteljahr hatten wir es tatsächlich realisiert. Dann hatten wir auch endlich die Musiker zusammen, aber ich wollte unbedingt noch HANS-JÜRGEN BEYER als Sänger und MICHAEL HEUBACH als Keyboarder haben. Dummerweise wollten die beiden aber nicht zu uns. HEUBACH war gerade frisch bei RENFT eingestiegen und da wollte ich ihn nicht rausreißen, weil er gebraucht wurde. Er hatte im Gegensatz zu mir viel Wissen in Sachen Theorie, wie z. B. Harmonielehre und solche Sachen. Aber wir hatten uns schnell angefreundet und daher wusste ich, dass er über manche Dinge genauso denkt, wie ich. Die Atmosphäre bei RENFT gefiel ihm zwar recht gut, aber die andere Seite war eben die Trinkerei, die ihm nicht so passte, weil er selber kein Trinker war. Ich wusste bald, nach einem halben Jahr ist der HEUBACH reif, ich musste nur warten. Und HANS-JÜRGEN BEYER wollte nur kommen, wenn HEUBACH auch kommt. Zuerst hatte ich eine Sängerin, die SILVIA KOTTAS, und drei Bläser. Silvia bekam dann ein Kind und das war die Gelegenheit, auch gleich die Bläser zu verabschieden. Anschließend bin ich zu BEYER hin und habe gesagt: "HEUBACH steigt bei uns ein, kommst Du auch?" HANS-JÜRGEN BEYER sagte: "Na gut, wenn HEUBACH kommt..." Dann bin ich zu HEUBACH und sagte ihm: "HANS-JÜRGEN BEYER ist unser Sänger, Du kannst also kommen." Er sagte sofort zu, denn es kotzte ihn mittlerweile ziemlich an bei RENFT. So hatte ich also alle beide. Zu der Zeit hatten wir noch einen anderen Bassisten, den BERND SARFERT, einen ehemaligen THOMANER. Der konnte gut Noten, aber er war eben ein ziemlich konservativer Bassist. Der war zwar gut, da kann man überhaupt nicht meckern, doch es gibt so eine gewisse Art, Bass zu spielen, wo das mit dem Drummer zusammen eine gute Mischung ergibt, aber das kann für den Drummer auch sehr anstrengend sein. Und dann gibt es eine Art, Bass zu spielen, die von einer gewissen Leichtigkeit geprägt ist, was für den Schlagzeuger wiederum sehr angenehm ist. So ein Bassist war z. B. der Frank CZERNY. Den wollte ich unbedingt haben und habe ihn auch wirklich bekommen. Da war dann noch WOLFGANG ZAHN, unser Saxophonist, der mit zwei Saxophonen gleichzeitig spielen konnte, was auch ein Traum von mir war. Damit war die Band komplett, und ich fühlte mich mit dieser Besetzung wie auf Wolke 7. Dieses Erlebnis habe ich nie wieder erreicht, denn wir hatten auf jeder Position den damals denkbar Besten. Na gut, für das Schlagzeug will ich das natürlich nicht behaupten, aber für alle anderen Instrumente schon. Deshalb hatten wir auch, das lässt sich nachweisen, manchmal mehr Musiker im Publikum als normale Fans. Das war eben ein Traum, den weder ich noch meine Mitstreiter je wieder erreicht haben und der uns allen zerstört wurde.

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Der Aufstieg der BÜRKHOLZ-FORMATION verlief erstaunlich rasant, und schnell verpasste man Euch auch das Attribut "unangepasst". Was war der Grund für diese Einschätzung?
Es war halt so, dass ich einen jungen Texter entdeckt hatte, der mit mir zusammen beim Rat des Bezirkes arbeitete. Ich war dort Fachmethodiker für Tanzmusik, gleichzeitig war ich der Sekretär der Bezirksjury, die die Einstufung für die Kapellen machte. Das war sehr interessant und ich konnte dort auch viel Schaden verhindern. Ich habe das eineinhalb Jahre gemacht und das war die einzige Zeit in der DDR-Geschichte, wo in Leipzig nicht eine einzige Kapelle verboten wurde. Dieser junge Texter, den ich also entdeckt hatte, war Fachmethodiker für Singeklubs und der hieß GERULF PANNACH. Wir haben uns schnell angefreundet, weil wir beide ziemlich unangepasst waren, was für unseren Chef ein Albtraum war. Auf der anderen Seite war er aber auch stolz, dass er uns beide hatte. PANNACH hat dann unsere ersten BÜRKHOLZ-Texte gemacht und die waren schon hammermäßig. Zu dieser Zeit hatten wir unsere Produzentin LUISE MIRSCH, die sehr diplomatisch im Umgang mit diesem komischen Lektorat war, wo dann die Frau STEINECKERT saß und die Texte auf Tauglichkeit oder Nichttauglichkeit abnahm. Und die LUISE konnte denen immer richtig gut was unterschieben, weil sie ja eine gutaussehende, kleine Frau (fast eine Kindsfrau) war. Die hat Texte durchgebracht, die selbst später, als die DDR sich schon viel freier präsentierte, niemals durchgegangen wären. So eine Nummer wie "Wer bloß ist heute groß" haben wir wörtlich gemeint. Dadurch, dass diese Texte in der ersten Generation durchkamen, wurde man auf uns aufmerksam. Wir hatten unvorstellbar viel und gutes Publikum, zu jeder Zeit. Achthundert Mann sind immer mitgereist, wir konnten jeden Saal füllen. Die Manager kamen hunderte Kilometer weit zu uns gefahren, um uns zu buchen. Und wenn uns jemand für den Samstag haben wollte, musste er den Montag mit buchen, aber wir konnten ihm auch garantieren, dass der Montag gut besucht ist. Dadurch hatten wir relativ schnell viele Verträge und bekamen auch schnell einen großen, breiten und reellen Popularitätsgrad. Na ja, das hat den Oberen natürlich nicht gepasst, weil die vor so ein paar jungen Leuten, wie wir es waren, unbegreiflicherweise einfach Angst hatten. Wir hatten eine Massenbasis, und die mit ihrer FDJ-Singebewegung eben nicht. Die begriffen erst viel später, dass sie die Kapellen einfach zu sich holen müssen, anstatt sie zu bekämpfen, und dann läuft es besser. Das war natürlich in dem Moment auch das Ende der Rockmusik. So eine Veranstaltung wie "Rock für den Frieden" war zwar immer gut besucht, aber es war halt angepasste Scheiße. Alles wurde gelenkt und so sind diese ganzen Karrieren von Bands entstanden, die teilweise heute noch ernsthaft denken, sie würden die DDR-Rockmusik repräsentieren, was ja bis zu einem gewissen Grade in der Öffentlichkeit auch so ist. Aber das sind ja auch meistens die Kapellen, das darf man nicht vergessen, die immer wieder bei der FDJ auf der Couch gesessen haben, während solche unangepassten Formationen wie BÜRKHOLZ oder RENFT einfach ihr Ding gemacht haben.

Die Kultur-Oberen hatten Euch also schon bald im Fokus. Wart Ihr Euch dessen damals bewusst?
Nein, eigentlich überhaupt nicht. Mir fiel aber auf, dass die auf HANS-JÜRGEN BEYER scharf waren, was ich unbedingt verhindern wollte. Zum einen im Sinne der Musik, und auch im Sinne seiner Person. Natürlich hatte er immer das Potential, ein guter Schlagersänger sein zu können, doch das wollte er nicht. Er selber ist eine Person, die sehr viel kann, nur eins kann er eben nicht: NEIN sagen. Das ist für ihn wirklich schwer, weil er ein so sanftes Gemüt hat. Er hat sich damals bei mir, der ich etwas härter bin, immer sehr wohl gefühlt. Die zweite Sache war die, dass ich mit HEUBACH jemanden eingekauft hatte, der auch Schlager komponieren, aber auch gut aufs Geld gucken konnte. Nur war ich nicht der Chef, der das zugelassen hat, weil das unserer Band nicht gut getan hätte. Aus diesem Grund haben wir nebenbei noch eine zweite Combo gegründet, bei der ich auch mitspielte, die hieß COMBO SCHLUCKAUF. Mit der haben wir dann die lustigeren Sachen gespielt. HEUBACH hatte einen besonderen Sinn für Komik, was sich ja dann später beim "Farbfilm" herausgestellt hat. Nur hatte das natürlich mit der BÜRKHOLZ-Musik überhaupt nichts zu tun. Das waren so die internen Dinge, weshalb es immer mal ein bisschen Theater gab.
Und den BEYER wollte man immer zu den internationalen 011 20130126 1950063248Schlagerfestivals schicken. Uns haben sie damit gelockt, dass wir als Combo hätten mitfahren können, denn wir waren gute Musiker und durchaus orchesterfähig. Ich habe dann erst mal für mich folgenden Poker gemacht: Wir hatten schon ein paar Auslandsverträge mit der BÜRKHOLZ-FORMATION, unter anderem einen Vertrag mit OMEGA. Lass uns erst mal ein bisschen ins Ausland fahren, dann haben wir uns eine gewisse Stellung erarbeitet und dann verhandeln wir mit den Oberen neu. Damals war es durchaus üblich, dass Rockbands bei Schlagerfestivals auftraten. Und wenn es eine einmalige Ausnahme geblieben wäre, wäre es für mich auch okay gewesen. Also haben wir einen schlagermäßigen Titel produziert. Einer der bekannteren Schlagertexter hatte auch einen halbwegs akzeptablen Text dazu geschrieben, der für uns aushaltbar war. Der Titel ist dann, nachdem wir verboten waren, mit HANS-JÜRGEN BEYER alleine gelaufen und das war der Grundstock für seinen Erfolg. Interessanterweise ist beim Rundfunk im Aufnahmeprotokoll zu diesem Titel die BÜRKHOLZ-FORMATION durchgestrichen und durch "Studioorchester" ersetzt worden. Aber wir haben die Aufnahme definitiv selber eingespielt. Aber, um auf die Frage zurück zu kommen, wir galten auch deshalb als unangepasst, weil wir wirklich von Anfang an versuchten, eine internationale Karriere anzustreben. Wir wollten nicht die DDR erobern, denn die hatten wir schon erobert, sondern wir wollten raus. Aber nicht raus für immer, sondern uns einfach zeigen, spielen, internationale Kontakte knüpfen, ob das nun in Ungarn, Holland oder sonst wo war. Ich bekam mehrere Förderangebote, die habe ich alle abgelehnt bzw. nicht ernst genommen. Wir hatten also keinen Vertrag mit der FDJ und dies nicht und jenes nicht, haben also diesen ganzen gesellschaftlichen Unterbau nicht beachtet. Das hat uns dann quasi erschlagen, denn in dem Moment, als man von staatlicher Seite auf uns einprügelte, hatten wir niemanden, der uns zur Seite stand, wir waren ganz alleine. Wir waren weg, und alle bedauerten das, selbst manche Staatsfunktionäre, doch niemand konnte uns wirklich helfen. Wir sind einfach in eine klassische Falle reingelaufen.

Obwohl Ihr erst drei eigene Titel hattet, stieg am 1. Mai 1972 das erste Konzert der BÜRKHOLZ-FORMATION. Weißt Du noch, wo das war und welche Erinnerungen hast Du an diesen Gig?
Ob es drei eigene Titel waren, weiß ich nicht mehr. Beim ersten Konzert hatten wir jedenfalls fünfzehn Titel im Repertoire, davon möglicherweise drei eigene. Mit diesen paar Titeln haben wir manchmal fünf Stunden Tanzabend gestaltet. Das ging natürlich nur, weil wir eine gute Kapelle waren, die auch mal eine Stunde lang improvisieren konnte. Es gab natürlich auch Konzerte, da waren wir nicht so gut drauf. Einmal sagten wir uns: "Kommt, wir spielen heute mal Free-Jazz, damit die Leute endlich abhauen!" Ja denkste, die Leute waren echt begeistert und es wurde dann eine richtig gute Mugge. So richtig schlechte Auftritte haben wir einfach nicht hingekriegt. Dieses erste Konzert, an das ich mich wirklich erinnere, war in Leipzig in der Kongresshalle. Dieselbe Halle übrigens, in der ich dann später mit der verstorbenen ANKE LAUTENBACH zu ihrem 25-jährigen Bühnenjubiläum Percussion gespielt habe und die es heute als Halle nicht mehr gibt. Da blutet mir das Herz. Aber das nur am Rande. Dort fand eben unser erstes Konzert statt, mit HEUBACH, BEYER usw. Wir hatten, wie übrigens immer während unser Zeit, großen Erfolg mit dem Konzert. Aber wir hatten auch ein furchtbar schweres Repertoire. Und wir haben, was ich heute niemals mehr machen würde, permanent an unserer Leistungsgrenze musiziert. Das wurde aber auch honoriert, nicht umsonst hatten wir ständig ganz viele Musiker im Publikum. Es war auch deshalb so toll, weil ich erst einmal sechs Musiker von dieser Klasse finden musste, die aber auch sechs unterschiedliche Charaktere waren, die man wiederum zusammenhalten musste. Es war ein ähnliches Gefühl, als wenn Du die sechs besten Weltfußballer in einer Mannschaft hast. Du bekommst aber auch als Dankeschön von jedem dieser Musiker am Abend etwas geliefert. Hier habe ich erstmals gemerkt, dass musizieren in erster Linie auch zuhören und reagieren bedeutet.

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Ihr musstet deutsche Texte anbieten, um von staatlicher Seite offiziell anerkannt zu werden und Auftritte zu bekommen. War das für Euch eher Last oder Lust?
Daran waren wir mittlerweile schon gewöhnt, das war nichts Besonderes mehr. Eine Last war das wirklich bei RENFT, da hat es uns richtiggehend genervt. Wir hatten zehn, zwölf gute Titel, aber keine Texte dazu. Man hatte uns von "oben" befohlen, wenn ihr ein Programm mit deutschen Texten macht, könnt Ihr sofort wieder auftreten und wenn nicht, dann nicht. Also musste KLAUS JENTZSCH in seiner Verzweiflung etwas einfallen. Ich war ja damals nur ein kleines Anhängsel, auch wenn ich dann die rettende Idee hatte. Die Frage, wie KURT DEMMLER entdeckt wurde, ist nämlich ganz einfach zu lösen. Es stand in Leipzig in der Zeitung, dass er dort studiert. Ich las das und gab JENTZSCH Bescheid, dass es da einen guten Texter gibt. Dann sind wir also hin zu ihm in seine kalte Ein-Raum-Wohnung in Leipzigs Süden, dritter Hinterhof. Er war sofort begeistert, nur verfiel er anfangs dem Irrtum, dass er glaubte, er solle die Lieder auch selbst singen. Das wollten wir natürlich nicht, denn DEMMLER war Liedermacher, aber kein Rocksänger. Leider hatte DEMMLER die Angewohnheit, wenn man sich bei ihm einen Text abholte, ihn vorzusingen. Man konnte zu solchen Terminen Leute, die schnell zum Lachen neigten, nicht mitnehmen, denn sein "Rock"-Gesang war wirklich eine Zumutung, richtig grauenvoll aber voll ungewollter Heiterkeit. Er sang mit voller Inbrunst, denn sein Traum war es wirklich, mal Rocksänger zu werden, nur er hatte nicht die Stimmstruktur dafür. Und bei jeder Band, bei der ich mit DEMMLER zusammenarbeitete, wiederholte sich das. Diese Story war eine richtige Legende unter uns Musikern (lacht dabei). Aber die Texte waren gut.

Ihr wart zwar nur kurze Zeit im Geschäft, wurdet aber schon bald als ernsthafte Konkurrenz zu den PUHDYS und RENFT gehandelt. Was war das für ein Gefühl?
Nein, das ist falsch. Wir haben auf einer Ebene mit RENFT gespielt, ja. Aber die PUHDYS waren damals noch nicht so weit. Die waren erst im Kommen. Wer wirklich soweit war, das waren die STERN COMBO MEISSEN, ELECTRA UND RENFT. Das war seinerzeit die ostdeutsche Spitze. Und in Berlin formierte sich gerade PANTA RHEI mit VERONIKA FISCHER, mit denen wir auch zusammen gespielt haben und auch das war noch vor der PUHDYS-Zeit.

Im Frühjahr 1973 habt Ihr die damals schon sehr beliebten Ungarn-Rocker von OMEGA auf zwei Konzerten in Chemnitz und Magdeburg begleitet und Euch mit den Jungs um Janos Kóbor angefreundet. Wie kam es zu der Idee, dass Ihr OMEGA im Gegenzug auf zwölf Konzerten ihrer im August 1973 stattfindenden Ungarn-Tournee als Vorband begleiten solltet?
Ich wollte unbedingt den Vertrag mit OMEGA. Die waren gerade in der DDR und machten eine Tournee mit verschiedenen DDR-Bands. Ich nutzte meine Ungarn-Erfahrung aus den Gastspielen mit den ROBBYs, auch meine Spracherfahrungen. Unsere Verbindungen ins OMEGA-Management waren dadurch gut. Alle Kapellen machten also ihre Auftritte mit OMEGA in Dresden, Berlin, Leipzig usw. Und wir hatten ein zusätzliches Konzert, was kein anderer wollte, das war im damaligen Karl-Marx-Stadt im Capitol. Man wusste, das Konzert fand in einem großen Werk statt, wo nur Ungarn arbeiteten. Kein anderer wollte da mitspielen, aber ich habe gesagt: "Klar, wir machen das". Dann kamen wir also in diesen riesengroßen Saal, der nur mit ungarischen Zuschauern besetzt war. Alle brüllten nur immer ganz laut "OMEGA! OMEGA! OMEGA!" Uns wollte keiner hören. Wir haben trotzdem unser Konzert durchgezogen, obwohl es am Anfang ganz schlimm war. Und am Ende mussten wir einige Zugaben geben! Die Jungs von OMEGA standen bereits an der Seite, für jeden sichtbar, und warteten auf ihren Auftritt, aber wir mussten trotzdem unsere Zugaben spielen. Mit diesem Auftritt haben wir die OMEGA-Musiker überzeugt, die waren danach unsere Freunde. Wirkliche Freunde über Jahre. Damit waren alle anderen Bands aus dem Rennen. Das war dann aber natürlich die Ursache unseres späteren Verbotes, weil sich dadurch eine Menge Neid aufbaute bei anderen. Die Stasi kam dazu, es war schlimm. Jedenfalls wurden wir ab diesem Zeitpunkt zielgerichtet vernichtet, auch aus der Szene heraus. Das war definitiv so, davon lasse ich mich nicht abbringen. Und viele Leute haben auch heute noch ein schlechtes Gewissen, wenn sie mir begegnen. Das brauchen sie aber gar nicht, es ist alles längst vergeben und vergessen. Jetzt hatten wir also diesen Vertrag für die Ungarn-Tournee und da ich den Manager gut kannte, bekamen wir auch gleich noch einen Vorvertrag für Holland.

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Du hattest ja nach wie vor einen guten Draht zur RENFT COMBO. Hattest Du das Gefühl, dass sich zwischen RENFT und der BÜRKHOLZ-FORMATION dennoch musikalisch eine Art Konkurrenz aufgebaut hatte?
Klar waren wir Konkurrenten. Aber KLAUS und ich trafen uns einmal pro Woche im Ratskeller. Also KLAUS hat Hof gehalten und ich war so eine Art Herzog, was mir gezeigt hat, dass er mich durchaus ernst genommen hat. Wir sind dann allerdings wegen einer ganz blöden Sache aneinander geraten. OMEGA hat ihre Anlage verkauft. Wir erfuhren davon, als wir uns zufällig gerade alle wegen eines gr0ßen Konzertes im Hygienemuseum aufhielten. Während wir bei BÜRKHOLZ schon ganz gut ausgerüstet waren, hatte RENFT wirklich eine scheiß Anlage. Es gab ja schon damals diesen Spruch: "Kein Düsenjäger hat soviel Phon wie die BÜRKHOLZ-FORMATION." Aber natürlich wollten wir trotzdem eine neue Anlage, denn das war immer eine Art Wertgegenstand. Heinz kam an jenem Tag ganz aufgeregt in die Garderobe und sagte: "OMEGA verkaufen ihre Anlage! Für 15.000 Mark!" Es war eine gute Anlage, die war das Geld wirklich wert. HEINZ meinte: "RENFT will die Anlage kaufen, das können wir nicht zulassen!" Ich stimmte zu, also kaufte HEINZ die Anlage, was zur Folge hatte, dass mich danach einige RENFT-Mitglieder verdreschen wollten. Obwohl ich damit eigentlich wenig zu tun hatte, war unser Verhältnis danach für einige Zeit ziemlich gestört. CÄSAR war dann für einige Zeit meine einzige Kontaktperson bei RENFT, aber das hat sich dann nach und nach wieder alles beruhigt. Letztendlich war das Problem, dass KLAUS das Geld gerade nicht dabei hatte, was ihn natürlich ärgerte. Und HEINZ war schon immer ein sehr guter Geschäftsmann, er hat sofort gehandelt. Die Veranstalter haben uns unsere Gage halt im Voraus gezahlt, weil sie wussten, wir treten in jedem Fall auf. Auch ein Zeichen dafür, wie beliebt und angesehen wir waren. Dasselbe hätten sie bei RENFT mit Sicherheit so nicht gemacht.

Nun tobte ja seinerzeit der staatliche Kampf gegen diese unsägliche jugendgefährdende Rockmusik. Wie wurde da von den Funktionären diese Einladung von OMEGA aufgenommen? Eigentlich hätte man doch stolz sein müssen, dass Ihr als erste DDR-Band in Ungarn auftreten solltet.
Die haben einfach nur panisch reagiert. Ich bekam einen Anruf von einer Mitarbeiterin der Künstleragentur der DDR, die sagte zu mir: "Sagen Sie mal, Herr BÜRKHOLZ, wie haben Sie denn das gemacht? Wir versuchen seit Jahren, unsere Künstler in Ungarn reinzudrücken und wir kriegen die nicht mal dahin, wenn wir sogar noch die Gage bezahlen. Und plötzlich kriegen wir hier einen Vertrag vorgelegt, den wir nur noch unterschreiben sollen, wo die Ungarn Sie sogar bezahlen! Das gibt es doch gar nicht!" Sie stellte mir dann die formale Frage, ob ich mit dem Vertrag einverstanden wäre, was ich natürlich bejahte. Zwei Tage später rief mich ihr Abteilungsleiter an, ein gewisser Herr Lehmann, und der redete mit mir in einem ähnlichen Ton, wie die Dame vorher. Was er aber nicht wusste: Ich hatte einen regen Kontakt zum OMEGA-Manager. Bevor mich dieser Herr Lehmann anrief, hatte der nämlich bereits ein Telefonat mit dem OMEGA-Management, wo er versuchte, uns aus dem Vertrag zu drücken. Er bot Ihnen stattdessen die Gruppe WIR und die PUHDYS an, die in der DDR viel bekannter wären. Herr Lehmann kannte uns nämlich überhaupt nicht, das war sein Problem. Daraufhin erklärte ihm der Manager von OMEGA: "Wir haben uns genau die Kapelle rausgesucht, die wir brauchen, weil wir eine Band wollen, die bei uns in Ungarn eine Chance auf Erfolg hat. Und was den Bekanntheitsgrad angeht, kann ich Ihnen eins sagen: Die PUHDYS, die Gruppe WIR und die BÜRKHOLZ-FORMATION sind bei uns alle gleich bekannt - nämlich gar nicht! Das ist also für uns kein Kriterium. Wir brauchen Erfolg und deshalb haben wir BÜRKHOLZ ausgesucht." Dieser Lehmann hatte natürlich keine Ahnung, dass ich schon darüber Bescheid wusste. Er war nur fürchterlich verwundert über das alles und wollte wissen, ob ich denn irgendwelche Verbindungen nach Ungarn hätte. Die vermuteten also schon wieder irgendwelche bösen Dinge dahinter. Es war einfach ein unfreundliches Gespräch. Dann hat uns die Künstleragentur der DDR einen Vertrag ausgehandelt und zugeschickt, über den ich nur laut lachen konnte. Mit der Gage, die wir demnach kriegen sollten, hätten wir nicht mal eine öffentliche Toilette benutzen können. Aber wir hatten ja eine Nebenvereinbarung mit dem OMEGA-Musikern, die dafür sorgte, dass wir nicht verhungern mussten. Also was ich damit sagen will, die ganze Sache wurde von Anfang an torpediert. Nun muss man noch dazu sagen, die Geschichte fiel in die Zeit der Weltfestspiele. Das war also noch mal eine besondere Sache, denn alle waren scharf darauf, sagen zu können: Wir spielen auf den Weltfestspielen!

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Habt Ihr für die Weltfestspiele einen Song geschrieben?
Wir als BÜRKHOLZ-FORMATION hatten keinen extra Song dafür geschrieben, denn so etwas habe ich schon immer gehasst. Nicht, weil ich politisch dagegen war, sondern weil ich es unklug fand und finde, solche Dinge nach Kalender zu machen. Es gibt nicht einen von diesen ganzen Songs, der ein wirklich ehrlicher Hit geworden ist. Man bekam die eine oder andere Nummer zwar tausendmal im Radio um die Ohren gepustet, aber aus dem Volk heraus ist niemals so ein Hit entstanden. Die absurdeste Situation gab es, als Sigmund Jähn, den ich persönlich kennen- und schätzen gelernt habe, seinen Flug hatte. Da wurden wochenlang nur Weltraumlieder gedudelt, so wie "Wir fliegen ins Weltall" und so ein Zeug. Oder Thema Trasse. Beispiel FRANK CERNY. Der war ja später bei PRINZIP. Die hatten so einen Titel gemacht, der hieß "Wir fahren an die Trasse". Dazu muss man wissen, PRINZIP war eine der ersten Kapellen, die den Trip an die Trasse machten. Demzufolge hatten die Musiker auch noch relativ wenig Erfahrung mit der Situation vor Ort. Sie sind dann also frohen Mutes in den Saal und kündigten lauthals den Song an: "Wir fahren an die Trasse"! Und postwendend flogen Biergläser in Richtung Bühne! (lautes Lachen) Da sieht man mal, was mancher DDR-Hit wert ist im Gegensatz zu den Songs von RENFT oder anderen.

Am 22. Juni 1973, als Ihr gerade einen Nr. 1-Hit mit "Wer bloß ist heute groß" hattet, fand in Radeberg jenes legendäre Konzert statt, über welches es die unterschiedlichsten Darstellungen gibt. Die offiziellen Stellen ließen verlauten, die Fans wären aufgrund Eurer Musik dermaßen aufgeputscht gewesen, dass die Randale nach dem Stromausfall die unvermeidbare Folge waren. Ich kann mir vorstellen, dass Du eine ganz andere Erinnerung an dieses Ereignis hast.
Dazu muss man wissen, die BÜRKHOLZ-FORMATION war schon organisiert wie eine professionelle Band. Wir hatten fünf Techniker, wir hatten sogar schon eigene Sicherheitsleute dabei. Wir versuchten da schon, auch organisatorisch internationale Maßstäbe anzusetzen. Das war auch nötig, denn wir hatten manchmal ein solch massenhaftes Publikumsaufkommen, dass wir uns auch schützen mussten. Das war einfach so. Und damit ist schon einiges gesagt. Deshalb können bestimmte Sachen, die heute so und so dargestellt werden, gar nicht so gewesen sein. Aber ich erzähle mal der Reihe nach. Bevor wir nach Ungarn auf Tournee fahren wollten, hatten wir einen kleinen Urlaub geplant, der an einem Sonntag beginnen sollte. Ganz kurzfristig vor dem Urlaub bekam ich dann das Angebot, ob wir nicht bei den Betriebsfestspielen von Robotron in Radeberg einen Auftritt machen wollen. Die hatten aber schon fünf Kapellen. Außerdem waren wir nicht gerade billig, denn wir hatten zwei Mitglieder mit dem Eintrag "Freie Vereinbarung" im Berufsausweis dabei, und wir waren beliebt und gefragt, weshalb ich auch immer gute Preise aufrufen konnte. Nun kam also dieser Auftritt. Ich hatte dummerweise vorher die Band gefragt: "Wollen wir das machen, oder wollen wir das nicht machen?" Und dann haben wir entschieden, wir sind sowieso in Dresden, also machen wir das Ding schnell noch mit. Wir kamen also dort an und sollten wie gesagt mit fünf anderen Kapellen zusammen spielen. Natürlich haben die alle versucht, uns in den Sack zu spielen, was für eine wunderbare Atmosphäre sorgte. Ich stellte vor unserem Auftritt fest, dass in diesem Stadion, wo das Fest stattfand, eine Ordnungsgruppe von zehn FDJ-Ordnern und zwei Polizisten vorhanden war. Auf solche Dinge habe ich immer geachtet, denn das war mir manchmal alles sehr suspekt. Als ich das sah, kam mir plötzlich auch das ganze Angebot zu diesem Konzert sehr komisch vor. Die haben nicht mal wegen unserer Gage verhandelt, sondern alles widerspruchslos abgenickt. Ich lief dann mit WOLFGANG ZAHN rum und habe mir das Ganze ein bisschen näher angeschaut. Mit HANS-JÜRGEN BEYER konnte ich sowas nicht machen, der war mir zu aufgeregt. Da stellten wir unter anderem fest, dass es Freibier gab! Das war sehr ungewöhnlich, zumal da 6.000 Leute in dem Stadion waren. Plötzlich war ich putzmunter und wachsam, aber wir verhielten uns zunächst weiter ganz normal. Es waren auch Kameras aufgebaut, was aber nicht selten vorkam, dass während der Konzerte gefilmt wurde. In diesem Fall war es aber wirklich die Stasi, die da filmte. Dieser Film ist nie wieder aufgetaucht, da habe ich später nachgeforscht. Das wäre ja auch hochinteressant, wenn es den noch gäbe, denn der Film hätte eindeutig bewiesen, dass all die Vorwürfe gegen uns Quatsch waren. Aber weiter im Text. Chris Wallasch war damals der Moderator. Der hatte allerdings von dieser Musik überhaupt keine Ahnung und wusste nicht, was und wen er da ansagt, denn er kam ja eigentlich aus der Schlagerbranche. Er sagte uns also an, die Massen haben getobt und wir haben ganz normal gespielt. Mit einem Mal fing es vorne vor der Bühne an, zu schieben. Die zehn FDJler, die die Ordnungsgruppe sein sollten, hauten natürlich ab und so kamen die Leute ganz dicht ran an die Bühne. So etwas war immer mein Einsatz. Ich ging also zu denen hin und beruhigte sie.

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Das konnte ich, dafür hatte ich ein Händchen. Wir spielten dann unseren letzten Titel, hinterher noch eine Zugabe und dann kam noch mal Chris Wallasch dazu. Wir hatten uns vorher gesagt, unseren bekanntesten Coversong, nämlich "Los Angeles" von COLOSSEUM, den spielen wir an dem Tag nicht. Die Massen brüllten natürlich in einer Tour "Los Angeles! Los Angeles!" Und Chris Wallasch, der wie gesagt überhaupt keinen Schimmer hatte, nahm die Rufe auf und sagte ins Mikrofon: "Und jetzt noch Los Angeles!" Damit war unser Vorhaben also erledigt. Wir fingen an den Titel zu spielen. und da begannen die ersten Zuschauer schon die Bühne zu entern. Das habe ich ja nun gar nicht geliebt, weil da unsere gute Technik stand. Wir brachen kurz ab, schickten die Leute runter von der Bühne und fingen noch einmal an. Und auf einmal, ohne jede Vorwarnung und mitten im Lied, war der Strom weg. Das ist uns vorher natürlich auch alles schon mal passiert. Da tritt schon mal in den Dorfsälen jemand aufs Kabel oder so. Aber auf solchen Großveranstaltungen, wie in Radeberg bist Du als Band plötzlich machtlos. Ein Teil des Publikums reagiert dann in solchen Momenten, weil sie noch dazu besoffen sind, aggressiv. Und Du kannst sie nicht beruhigen, weil Du Dein Machtmittel, die Anlage, nicht mehr zur Verfügung hast. Mit der Anlage kannst Du laut auf die Massen einwirken, aber ohne hast Du keine Chance. Ich sagte dann meinem Schlagzeugtechniker, der 2,10 Meter groß und ebenso breit war: "Geh dem Kabel nach und schalte den Strom wieder ein. Und lass niemanden mehr da ran, egal wer das ist." Der Typ war eine so imposante Erscheinung, da traute sich wirklich keiner ran. Wir hatten also bald wieder Strom, ich beruhigte die Leute und wir spielten zu Ende. Und damit war die Sache ganz ruhig beendet worden. Jetzt kamen zwar noch ein paar Mädels, die auf ihre Oberschenkel oder Arme ein Autogramm wollten. Wir haben also noch etwa eine halbe Stunde wie nach jedem Konzert Autogramme gegeben, alles war ganz normal. Ich habe erst später in der Anklageschrift des Bezirksstaatsanwaltes Dresden gelesen, was wir damit für Handlungen begingen. Es war von unsittlichen Handlungen die Rede und wir ließen uns fotografieren mit irgendwelchen Asozialen. Das war der spätere Vorwurf. Um die Musik ging es eigentlich weniger. Außer, dass man unsere Musik als kapitalistisch, dekadent und aufputschend bezeichnete. Na ja, das war totaler Quark und für uns völlig indiskutabel. Das Konzert war also ordentlich beendet worden. Nun gab es damals in jedem Objekt einen Sicherheitsverantwortlichen. Den ließ ich mir durch unseren Techniker ranholen und sprach mit ihm. Der sagte mir: "Es ist alles okay, es gibt keine Probleme." Leider ließ ich mir das nicht schriftlich geben. Ob es was geholfen hätte, ist eine andere Sache. Jedenfalls fuhren wir dann ab ins Hotel und damit war die Veranstaltung für uns erledigt und abgehakt. Kurze Zeit nach uns kamen die Techniker ins Hotel und die sagten uns, es gab da noch ziemliches Theater, weil ein paar Leute die zwei Dorfpolizisten verprügeln wollten. Es kam noch ein weiteres Polizeiaufgebot, was aber gleich richtig groß war. Die Polizei wollte dann wissen, wo wir wären. Die Techniker antworten wahrheitsgemäß, wir seien schon in Dresden im Interhotel. Also war da garantiert schon was vorbereitet und die hätten uns sicher gerne an Ort und Stelle verhaftet. Ich habe immer schon die Angewohnheit gehabt, das Objekt nach dem Konzert sofort zu verlassen. Noch ein paar kurze Gespräche, vielleicht noch das Geld kassieren, aber dann weg, sonst wären wir mancherorts noch die ganze Nacht in Gespräche verwickelt worden. Dadurch waren wir nicht greifbar, und das las sich dann später auch genauso.

Jetzt ließ der Staat die Muskeln spielen, denn Werner Wolf, Abteilungsleiter für Kultur im Rat des Stadtbezirkes Leipzig, leitete im Zuge dieser Vorkommnisse auf Anraten der Leipziger Staatsanwaltschaft ein Verfahren gegen die Bürkholz-Formation ein. Einen Monat nach dem Radeberg-Auftritt, ganz genau am 20.07.1973, wurde Dir offiziell der Bescheid über das Verbot und die zwangsweise Auflösung der BÜRKHOLZ-FORMATION zugestellt. Hast Du damit gerechnet?
Genau. Ein paar Tage später bekam ich eine Einladung zum Rat des Bezirkes zwecks Klärung eines Sachverhaltes. Nur ich alleine. Ich bin alle meine Sünden durchgegangen und wäre auf alle möglichen Gründe gekommen, nur nicht auf Radeberg. Weil da einfach nichts war! Es gab bei uns schon Publikum, die böse Sachen taten wie Schlägereien, aber da konnten wir nichts dafür, das gab es halt. Radeberg hatte ich jedenfalls echt nicht auf der Liste. Dann gab mir der Werner Wolf vom Rat des Bezirkes das Schreiben des Bezirksstaatsanwaltes und las es mir vor. Ich sagte spontan: "Das ist doch kompletter Blödsinn. Da ist überhaupt nichts dran, ganz im Gegenteil." Der Typ meinte nur, es gäbe aber Filmmaterial, das unsere Schuld beweist. Ich bekam jetzt natürlich Schiss, denn wir wollten ja nach Ungarn zu OMEGA. Da sagte dieser Werner Wolf: "Na ja, mit ihrer Tournee durch Ungarn ist das nun natürlich so eine Sache. Das Beste wäre, Sie sehen Ihre Schuld ein, machen ein bisschen auf Selbstkritik und dann sorge ich dafür, dass alles seinen Gang geht." Und damit hat er mich, der mit seinen 24 Jahren noch leicht naiv war, voll über den Tisch gezogen und eingelullt. Ich sprach mit meinen Jungs und erklärte ihnen, wir müssen alles zugeben, sonst lassen die uns nicht nach Ungarn fahren. Also taten wir dem Wolf den Gefallen und gaben einiges zu, einiges stritten wir jedoch auch ab. Aber wir zeigten uns reumütig, übten Selbstkritik und sagten, es wird in dieser Form nicht wieder vorkommen. Also genauso, wie er es uns geraten hatte. Das machten wir sogar schriftlich und als wir dann beim Rat des Bezirkes ankamen, stand das Urteil im Prinzip schon fest. Werner Wolf war wie ausgewechselt. Deshalb ist Werner Wolf für mich auch der größte Unmensch. Er hat leider noch viele Jahre das Pech gehabt, mir immer wieder zu begegnen... Der Typ hat uns also ganz übel in die Pfanne gehauen und uns als Band verboten. Und das alles vierzehn Tage vor der Ungarn-Tournee. Gerechnet hatten wir mit diesem Strafmaß überhaupt nicht, denn wir sollten ja immerhin als Band die DDR im Ausland repräsentieren! Die Voraussetzungen dafür waren bombig! Wären wir nicht verleumdet worden von allen möglichen Seiten, hätte das auch geklappt. Das war kulturpolitisch eine der blödesten Nummern, die sich die DDR jemals geleistet hatte! Völlig dämlich. Das sage ich nicht meinetwegen, sondern ich sehe das mal aus ganz objektiver Sicht.

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Wie habt Ihr als Band darauf reagiert?
Gar nicht, wir waren einfach nur geschockt. Was sollten wir auch machen? Also mir wurde angeboten, dass ich innerhalb von vierzehn Tagen eine Arbeit nachweisen muss, ansonsten kriege ich eine Arbeit in der Braunkohle zugewiesen. Das war also richtig ernst, das war kein Gag. Mein Vater hatte damals ein Friseurgeschäft, wo er mich schnell als Friseurgehilfen einstellte. Und dann wurde plötzlich festgelegt, dass HEUBACH und HANS-JÜRGEN BEYER aus der Sache rausgezogen wurden und neue Verträge bekamen, die längst fertig waren. Wir anderen wurden einfach verboten. Die anderen befristet und ich erst mal auf Lebenszeit. Das war für mich der Knaller, denn das bedeutete für mich, ich durfte keine Musik mehr machen. Diese Momente kann man niemandem wünschen. Vor allem dieses Ding, von ganz oben weggerissen ins Nichts - das kann nur in einer Diktatur passieren. Ich habe dann gefühlte dreißig Millionen Gespräche mit Werner Wolf geführt, habe versucht, die wie früher auszutricksen, in dem ich verschiedene neue Kapellen gründete. Aber die haben uns natürlich erwischt. Ich war ja auch viel zu bekannt, deshalb ging das alles nicht mehr. Ich verdiente ja plötzlich auch kein Geld mehr. Arbeitsämter gab es nicht, so dass ich wirklich von einem Tag auf den anderen mit Frau und Kind auf null gesetzt war. Ich versuchte dann, ein bisschen an der Uni zu arbeiten und ich hatte auch viele Freunde, die mir halfen, aber das dauerte halt alles. Erst mal war ich von Tausend auf minus hundert gefallen. Viele Menschen freuten sich auch über mein Schicksal, die waren richtig hämisch. Ja, das gab es auch. RENFT gehörten nicht dazu, aber einige von den heute noch bekannten DDR-Bands waren darüber nicht unglücklich. Die DDR-Kulturfunktionäre versuchten nun natürlich, andere Bands an unserer Stelle nach Ungarn zu schicken, aber OMEGA hat gesagt: "Nein, andere wollen wir nicht. Die Plakate hängen alle schon und das bleibt auch so. Wir werden jeden Abend die DDR dadurch berühmt machen, dass unsere Lieblingsband nicht mehr auftreten darf, weil sie verboten wurden." Also international und kulturpolitisch gesehen war das totaler Blödsinn, ein riesengroßes Eigentor. Das, was wir hier hätten machen können, wäre toll geworden. Wir waren ja nicht blöde, wir hätten versucht, den internationalen Standardrock zu machen. COLOSSEUM, die wir gecovert hatten und die auch unserem eigenen Stil entsprachen, war ja eine höchst anspruchsvolle Band und nicht eine Kapelle, die mal schnell einen Hit hatte und dann wieder weg war. Das war halt Substanz. Ich bin überzeugt, an vielen Stellen wäre die Geschichte der Rockmusik anders gelaufen, wenn dieses Verbot nicht gewesen wäre.

Meinst Du, alles wäre anders gekommen, wenn Ihr in Radeberg nicht gespielt hättet?
Nein, dann hätten die was anderes angezettelt. Da bin ich wirklich überzeugt, die hätten irgendwas Brutales gefunden. Also ich habe Sachen erlebt, die die mit uns versucht haben... Wir haben z. B. einen Auftritt gehabt zum Pressefest der Leipziger Volkszeitung. Wir waren schon relativ bekannt, obwohl es uns erst drei oder vier Monate gab. Auf einer großen Freilichtbühne vor einer Messehalle hatten wir ein Konzert. Es war knüppelvoll, so etwa 30.000 oder 40.000 Leute waren da, ich weiß es nicht mehr genau. Gerade rüber war ein großes, achtstöckiges Messehaus. Und wie wir so spielen, sehe ich da ganz oben plötzlich Leute rauskommen, die setzten sich vorne auf den Rand des Hauses und guckten zu. Erst waren es vier Mann, ich gucke kurz darauf wieder hoch, da waren es schon zwanzig, beim nächsten Blick waren es schon achtzig. Einige von ihnen taumelten mit der Bierflasche in der Hand umher. Neben uns an der Bühne stand die Polizei und die Sicherheit. Ich zeigte nach oben, aber die haben überhaupt nicht reagiert. Es wurden immer mehr, die da oben rumturnten, da habe ich das Konzert abgebrochen. Ich habe dann mit den Leuten auf diesem Haus geredet - und zwar solange geredet - bis die da runter kamen. Ich kam überhaupt nicht auf die Idee, dass die vielleicht extra da hoch geschickt wurden. Vielleicht haben die ja auch in Kauf genommen, dass jemand sein Leben verliert, wenn er da runter stürzt. Ich hatte das damals einfach nicht geglaubt. Nachdem ich aber dann später gesehen habe, mit welchem Aufwand die DDR-Opposition, zu der wir ja nicht einmal gehörten, "betreut" wurde, seitdem ist mir völlig klar, dass Radeberg eine inszenierte Sache war. Die hätten da gar keine sechste Kapelle gebraucht. Das Ding war schon voll genug. Es war eine richtige Falle, die man uns dort stellte. Wenn das nicht geklappt hätte, wären halt die Pässe falsch gewesen oder sonst was. Die hätten unsere Tour mit OMEGA auf jeden Fall verhindert.

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Deine Schilderung der Ereignisse in Radeberg steht in ziemlichem Widerspruch zu dem, was auch heute noch in vielen Print- und Onlinemedien über diese Vorfälle geschrieben wird. Danach seid Ihr nämlich die Schuldigen an den Ausschreitungen. Macht Dich das immer noch wütend?
Ja, es hat mich sogar sehr wütend gemacht, was ich kürzlich in Wikipedia darüber gelesen habe. Leider weiß ich nicht, wer diesen Wikipedia-Beitrag angelegt hat. Ich nehme an, es wird einer unserer Musikwissenschaftler sein, der aber dabei nicht so richtig nachgedacht hat, was er da schreibt. Im Prinzip ist das, was dort steht, stellenweise regelrecht zitiert aus dem uns zugegangenen Vorwurf und es ist genau das, was die Stasi und die Bezirksstaatsanwaltschaft Dresden damals formuliert haben. In Wikipedia ist das ziemlich kommentarfrei gedruckt, was ich natürlich sehr stark finde und ich werde auch noch mal dagegen vorgehen. Das ist ganz klar die Sichtweise derer, die uns verboten haben. Wobei ich nicht mal glaube, dass man uns damit direkt treffen will, sondern ich glaube, das ist eher reine Gedankenlosigkeit gewesen. Die glauben wahrscheinlich, die haben das wissenschaftlich-authentisch aus den Papieren raus geschrieben und das ist der Grund, warum die BÜRKHOLZ-FORMATION verboten wurde. Ich fühle mich nicht unbedingt angegriffen dadurch, nur es ist eben genau dieselbe Sprache, die damals benutzt wurde. Bis jetzt gibt es ja von uns auch noch keine Gegendarstellung in schriftlicher Form und wahrscheinlich hängt es damit zusammen, dass dieser Text deshalb immer noch so zu lesen ist. Es ist dennoch sehr ärgerlich, weil dieser Tonfall uns sehr stark an bestimmte Dinge aus der Vergangenheit erinnert.

Hast Du Verständnis dafür gehabt, dass HANS-JÜRGEN BEYER nach dem Verbot der BÜRKHOLZ-FORMATION ins Schlagerfach gewechselt ist?
Ja natürlich. Ich hatte für alle Verständnis, auch für BEYER und HEUBACH. Selbst ich hatte ja ein, zwei Angebote, die ich dann nicht wahrgenommen habe. Ich hätte z. B. mit CÄSAR bei der späteren KARUSSELL-Band mitmachen können. Das habe ich aber aus bestimmten persönlichen Gründen nicht gemacht. Es war nur schade, dass ich nicht wenigstens HANS-JÜRGEN BEYERs Manager sein durfte. Der hatte nämlich garantiert eine internationale Rocksängerkarriere machen können, weil er eine ganz eigene Stimme, ein ganz eigenes Timbre, eine ganz eigene Musikalität hatte. Das hört man heute noch. Ein Studiotermin mit HANS-JÜRGEN BEYER war immer ein Erlebnis. Wenn gar nichts mehr ging, hat der noch irgendwo eine Verzierung rein gesungen, wo auch immer er die her holte. Na ja, und Schlager singen ist halt, ohne jemandem zu nahe treten zu wollen, etwas einfacher, als eine Oper zu singen. Und was HANS-JÜRGEN BEYER bei der BÜRKHOLZ-FORMATION gesungen hat, waren eher Opern als Rockmusik. Aber es war populäre Musik und er war auch ein richtig guter Typ. Aber leider haben sie ihn auf dem Niveau eines ARNDT BAUSE etabliert, obwohl ich den auch sehr, sehr schätze. Als junger Mann habe ich selbst auch mal BAUSE musiziert. Er war ein super Schlagerkomponist, keine Frage, doch das war nicht der Komponist, den ein HANS-JÜRGEN BEYER gebraucht hätte. Der BEYER hätte seinen ganz eigenen internationalen Stil kreieren können. Nicht umsonst bekam er ja selbst in Japan Preise verliehen wegen seiner unglaublichen Stimme. Der konnte live singen wie kein Zweiter, weil er aus den Songs halt immer noch Sachen rausgeholt hat, das ging eigentlich gar nicht. Die DDR hat dann auch die zweite Chance verschenkt, mit BEYER als Schlagersänger ungeheuer viel Geld verdienen zu können, weil sie ihn ihren Dilettantenstadl eingebunden haben, anstatt ihn richtig zu fördern. Hätte man ihm z. B. einen GERD NATSCHINSKI als Komponisten an die Hand gegeben, der auch wirklich international schreiben konnte, wäre das was anderes gewesen. Bei allem Respekt vor ARNDT BAUSE, aber der war einfach nicht der richtige Mann. Die beiden passten überhaupt nicht zusammen. HANS-JÜRGEN BEYER hatte ja dann auch nur einen einzigen Hit als Schlagersänger, das war und ist ein Trauerspiel.

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Die geplante Tournee mit OMEGA durch Ungarn war durch die Auflösung Deiner Band hinfällig. Wie haben die OMEGA-Musiker die Absage Eurer gemeinsamen Tour aufgenommen? Immerhin waren ja schon die Verträge unterzeichnet, die Gagen festgelegt usw.
Ich habe ja vorhin schon erwähnt, dass die keine andere Band mitgenommen haben. Die haben sich richtig sauber verhalten, dafür bin ich ihnen heute noch dankbar. Wir hatten ja auch untereinander ein richtig gutes persönliches Verhältnis. Wie es halt so unter Musikern manchmal ist. Nachdem die merkten, dass wir nicht unterzukriegen sind, verstärkte sich das noch. Wir haben uns auch sehr freundschaftlich verhalten. Wir hatten sicher bei uns im Land einige Musiker, die besser spielen konnten, als die OMEGA-Leute, aber dafür hatten die an anderen Stellen ihre Stärken, von denen wir dann wieder gelernt haben. Es war ein richtig fruchtbarer Austausch, wir hatten ein gutes Verhältnis zueinander. Die waren auch überhaupt nicht sauer auf uns wegen der geplatzten Tour. So ein bisschen Sozialismus hatten die in Ungarn ja auch und deshalb wussten die genau, was die Glocke geschlagen hatte. Und, was ich sehr bemerkenswert finde, die haben auch nie wieder eine Band aus der DDR geholt, das hatte sich erledigt.

Kam in Dir nach diesen Erfahrungen mit den DDR-Mächtigen nie der Wunsch auf, das Land in Richtung BRD zu verlassen?
Man muss wissen, dass es zu der Zeit, als diese ganze Scheiße passierte, noch keinen Ausreiseantrag gab. Ich wäre ansonsten sofort ausgereist! HEINZ GEISLER hat es ja kurz darauf gemacht, aber eben illegal. HEINZ hatte keine Familie, ich aber schon und das konnte und wollte ich nicht riskieren. Mich in eine Bassbox legen und mich da drin rüber schmuggeln lassen, dabei immer zu beten, dass sie mich nicht erwischen... und dann auch noch dafür 50.000 Glocken hinzublättern, das konnte ich einfach nicht. Aber mit dem Gedanken, das Land zu verlassen, habe ich durchaus gespielt. Und wenn es offiziell gegangen wäre, wäre ich ausgereist. Ich habe es den Funktionären mehrfach angeboten, dass ich gehen würde, aber da gab es halt dieses Gesetz noch nicht. Ich habe dafür immer diese Lücke genutzt in meinem Schriftverkehr mit den staatlichen Organen, dass ich ja nicht verboten war, sondern "nur" nicht mehr spielen und nicht mehr auftreten durfte. Mir wurde also die Spielerlaubnis entzogen, aber von Verbot stand nirgendwo etwas, auch wenn es natürlich ein klares Verbot war. Ich habe dann zu denen gesagt: "Wenn ich nicht verboten bin, dann kann ich ja auch gehen. Ihr braucht mich ja hier scheinbar nicht, warum lasst Ihr mich dann nicht gehen?" Ich hätte im Westen Verwandtschaft gehabt, wo ich hingekonnt hätte. Und ich hätte in dem Alter auch tatsächlich den Mut und die Wut gehabt, das durchzuziehen. Das sah dann nach Helsinki, und als ich wieder Musik machen durfte, schon anders aus. Gott sei Dank habe ich der Sache aber trotzdem nicht getraut, denn ich hatte ja einige andere Beispiele vor Augen. Zum Beispiel KLAUS JENTZSCH, der irgendwann in den Westen ausreisen durfte. Wenn man dann sieht, dass ich der Komponist vom Chef des Leipziger Schauspielhauses war, während KLAUS RENFT Tontechniker im Theater des Westens war, waren das schon Unterschiede. Ich hatte nicht die Absicht, als Tontechniker in einem Theater zu enden, obwohl dass ein sehr respektabler Beruf ist. Auch meine anschließende Karriere als Komponist war ja dann wieder selbst erarbeitet. Das war ja nicht so, dass fünf Jahre Verbot zu Ende waren und dann war ich Komponist. Das ging sicher schneller als meine Musikerkarriere, aber auch nur deshalb, weil ich als THOMAS BÜRKHOLZ viele Unterstützer hatte, von denen ich gar nichts wusste. Also die, die früher in ihrer Kutte vor unserer Bühne standen und begeistert waren, die hatten inzwischen in ihrer DDR Karriere gemacht und gaben mir jetzt ihre Unterstützung.

Jener Werner Wolf, der für das Verbot der BÜRKHOLZ-FORMATION verantwortlich war, sorgte 1965 bereits für das Verbot der BUTLERS, KLAUS RENFTS Ersatz-Band. Hast Du diesen Menschen später jemals wieder getroffen? Und wenn nicht, möchtest Du ihn heute noch einmal wiedersehen?
Ja, wir sind uns schon einige Male wieder begegnet. Um das geschichtlich sauber zu machen, muss ich ein bisschen was dazu erklären. Es gab in Leipzig einen Vorsitzenden der Bezirksleitung, der war auch gleichzeitig Politbüromitglied und hieß Paul Fröhlich. Fröhlich war ein astreiner Stalinist. Bei ihm war es so, dass er z. B. in der Oper war, um sich eine Premierenvorstellung anzusehen. Wenn es ihm gefallen hatte, versammelte er alle Journalisten und ordnete an: "Das war gut heute Abend, und wer etwas anderes schreibt, ist morgen fristlos entlassen." So einfach war das. So war der Typ, so war seine Politik, und so waren auch seine ganzen Untergebenen. Ein Teil davon war Werner Wolf. Wolf war ebenfalls Stalinist und dazu noch ein ziemlicher Spießbürger. Das war eben das Problem, weshalb der Sozialismus nicht funktionieren konnte und kann, auch wenn ich selber mir das wünschen würde. Man müsste vorher alle diese Wolfs und Fröhlichs beseitigen, nur kann man dann keinen Staat mehr aufbauen, weil die leider im Sozialismus in der Mehrheit waren. Die bauten den Staat nach ihren Richtlinien auf und da waren wir Jugendlichen natürlich der Hauptfeind. Langhaarige, aufsässige Typen... Ich kenne aus meiner Leipziger Zeit allerdings auch viele, die Werner Wolf mochten. Die meinten, er hätte soviel für sie getan und ich solle ihn doch in Ruhe lassen, als er dann abserviert wurde. Meine Erfahrungen mit ihm waren aber leider andere. Es war ein richtiger Hass, den ich von ihm erfuhr. Nicht er von mir, sondern ich von ihm. Er hat auch völlig unnötigerweise weitere zwei bis drei Jahre verhindert, dass ich wieder auf die Bühne durfte. Aus ganz persönlichen Motiven, die ich bis heute nicht hundertprozentig verstehen und nachvollziehen kann. Eines Tages saß ich dann im Künstlercafe Leipzig und höre, wie am Nachbartisch mehrere ganz bekannte Leipziger Künstler schlecht über Werner Wolf reden. Ich saß sofort mit an diesem Tisch und wir strickten eine richtige Intrige, in deren Ergebnis er dann zum Abteilungsleiter der Deutschen Bücherei "rückbefördert" wurde. Damit war er also weg vom Fenster. Der Typ hatte Jahre vorher sogar meine Kaderakte verschwinden lassen. Ich war also eine Art Nobody. In einem Land wie der DDR keine Kaderakte zu haben, das war ein Unding! Wenn ich diesem Typen heute noch mal begegnen sollte, könnte ich nach wie vor immer nur meine Abscheu darüber ausdrücken, einen jungen, voranstrebenden Menschen, der ich war, auf so eine dümmliche, proletarische Art zu vernichten. Er ist dafür verantwortlich, dass, wenn ich heute irgendwo so einen verantwortlichen Spießer sehe, mit dem ich auch noch zusammenarbeiten muss, es diesem eine ganze Zeit lang schlecht gehen kann. Diese Erlebnisse damals haben mich geprägt. Es war halt eine so finstere, dreckige Nummer, uns zu empfehlen, alles einzugestehen, dann könnten wir nach Ungarn fahren und stattdessen hat man uns damit vernichtet... Ich habe für diesen Menschen einfach nur Verachtung übrig. Das ist auch eine Sache, die ich niemals verzeihen oder vergessen kann.

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Soviel ich weiß, habt Ihr ja nun weit mehr als die zwei offiziell produzierten Titel beim Rundfunk eingespielt. Was ist aus den anderen Stücken geworden, die nicht auf Platte gepresst oder im Rundfunk gespielt wurden?
Das stimmt, es waren schon ein paar mehr Titel. Der bekannteste von ihnen war "Tagesreise", der gleich zweimal ein Hit war. Einmal von HORST KRÜGER mit unserem Original-Arrangement und dann noch mal in der Version von LIFT, wo HEUBACH das Arrangement leicht geändert hatte. Insgesamt hatten wir schon fünf oder sieben Titel fertig produziert. Das Gemeine ist, dass die "Tagesreise" schon ein Live-Hit war, da war die BÜRKHOLZ-FORMATION noch gar nicht verboten. Wir hatten Titel, die waren noch nicht veröffentlicht, aber die Leute haben auf diese Veröffentlichung gewartet. Und so ein Titel war die "Tagesreise". Das ist schon ein merkwürdiges Gefühl, wenn man das Lied dann von einer Band wie HORST KRÜGER, den ich übrigens sehr gemocht habe, hört. Die Nummer kam durch MICHAEL HEUBACH zu HORST KRÜGER. HEUBACH hatte nach unserem Verbot bei KRÜGER Unterschlupf gefunden, was ja auch legitim war und er wertete dort als erstes sein Repertoire aus. Dagegen konnten wir überhaupt nichts machen, aber gefreut hat mich das natürlich nicht. Selbst wenn man berücksichtigt, dass es ein kompletter HEUBACH-Song war, so war die Nummer doch für uns, die BÜRKHOLZ-FORMATION geschrieben worden. MICHA HEUBACH hat daran keine Schuld, ich selber wüsste auch nicht, ob ich es an seiner Stelle anders gemacht hätte. Aber für mich war es eine riesige Ungerechtigkeit. Du bist verboten, sitzt bis zum Hals in der Scheiße und dann werden Dir jeden Tag Deine eigenen Nummern um die Ohren geblasen und andere haben damit Riesenerfolge! Die kaufen sich Zigaretten für 4 Mark, während Du die Schachtel für 2,50 Mark kaufen musst, um über die Runden zu kommen. Das ist wirklich kein schönes Gefühl, glaub mir.

Hätte die "Tagesreise" bei der BÜRKHOLZ-FORMATION anders geklungen?
Nein. Die Fassung der HORST KRÜGER BAND ist die Originalfassung, wie wir als BÜRKHOLZ-FORMATION sie eingespielt haben, nur dass sie eben nicht von HANS-JÜRGEN BEYER gesungen wurde. Da klang sie noch viel besser. Das Arrangement ist aber genau dasselbe, so wie wir es ursprünglich entwickelt hatten, mit Zwischenteil usw. Es geht, das möchte ich ausdrücklich betonen, hier nicht gegen HEUBACH oder KRÜGER, sondern gegen diese ganzen Umstände. Man soll verstehen, was das für eine schmerzhafte Situation gewesen ist, aus der man sich wirklich rauskämpfen muss.

Womit hast Du Dich während Deines Berufsverbotes beschäftigt?
Ich habe mich während dieser Zeit als Komponist qualifiziert, habe an der Uni gearbeitet, dann habe ich einen zweiten Berufsabschluss für Ton und Regie hingelegt. Das für mich Wichtigste war aber, dass ich wirklich und richtig komponieren gelernt habe. Es gab zig Bands und Orchester, die mir Aufträge gaben. Ich habe, was natürlich der größte Witz war, eine Big Band trainiert, durfte aber selber nicht mitspielen. Ich durfte nicht einmal aus der Gasse dirigieren, das musste bei Auftritten jemand anderes machen. Aber unterrichten durfte ich die. Diese Widersprüche sind heute nur schwer vorstellbar. Glücklicherweise bekam ich dann den Kontakt zum Schauspielhaus Leipzig, wo ich anfing, Schauspiel und Musik zu machen. Auch habe ich die Gruppe SET da rein gebracht, damit die den "Fiktiven Report über ein amerikanisches Popfestival" aufführen konnte. Ich brauchte eine Band, die das macht und SET waren die einzigen, die noch da waren. So ging das also langsam wieder aufwärts. Ich habe mich konsequent auf die Zeit nach dem Verbot vorbereitet und hatte die Hoffnung, dass ich es diesmal alleine schaffe. Oder anders gesagt: Ich wollte nicht noch mal eine Band gründen. Es war bei mir halt eine gewisse Enttäuschung über den Verlauf der Sache vorhanden. Wenn man sieht, wie ein HANS-JÜRGEN BEYER Karriere macht, Mitglied beim Zentralrat der FDJ wird, man selber aber zu Hause in der Scheiße sitzt, dann ist das schon sehr bitter. Ich habe ihm das nie übel genommen und wir können heute auch ganz normal darüber reden. Die Solidarität war jedenfalls gleich null. Von allen. Außer natürlich von denen, die ebenfalls verboten waren, also CZERNY, ZAHN und GEISLER. Die hatten zum Teil eine noch größere Wut, als ich. Auf jeden Fall blieb da soviel zurück, dass ich gesagt habe: "Du wirst Dich nicht noch mal für ein Kollektiv opfern." Wenn ich die Band nämlich nicht BÜRKHOLZ-FORMATION, sondern ROT-WEISS genannt hätte, hätten die das niemals so personifizieren können und die hätten mich niemals so lange verboten.

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Wie hast Du es geschafft, dass Du Deine Spielerlaubnis wieder zurückbekommen hast?
Ich habe eine große Flut von Eingaben an das ZK geschrieben. Der Herr Wolf lieferte mir auch permanent Steilvorlagen dafür. Der musste mich laut Gerichtsbeschluss einmal im Monat empfangen. Meistens empfing er mich natürlich nicht, doch ich bestand jedes Mal darauf. Die Zeit nahm ich mir, das machte ich mir zum Hobby. Wenn er mich aber empfing, brachte ich ihn immer zu Äußerungen mir gegenüber, die er eigentlich gar nicht äußern wollte. Ein Beispiel, passiert kurz vor einer großen Wahl: "Herr BÜRKHOLZ, ich könnte es meinen Wählern im Kreis Borna gegenüber nicht verantworten, wenn ich so ein Subjekt wie Sie jemals wieder auf eine Bühne lassen würde." Darauf antwortete ich ihm: "Wenn Ihre Wähler im Kreis Borna wüssten, dass Sie derjenige sind, der uns verboten hat, würde Sie kein Mensch mehr wählen." Auf diesem Level liefen unsere Gespräche ab. Dagegen konnte er nichts sagen, denn das war die Wahrheit. Ich wandelte all das fleißig in Eingaben um, bis selbst im ZK in der Kulturabteilung die Einsicht kam, der Wolf führt einen persönlichen Krieg gegen den BÜRKHOLZ und das geht gar nicht. Vier Jahre nach dem Verbot wurde ich zwecks Klärung eines Sachverhaltes zur Stasi bestellt. Offiziell ging es um irgendeinen Falschpark-Vorgang, aber in Wahrheit machte mir die Stasi ein Angebot. Ich sei ein bekannter Musiker, würde einen Haufen Leute in der Szene kennen und mir würden ja auch bestimmte Sachen nicht gefallen, ob ich denn nicht Interesse hätte, bei ihnen mitzuarbeiten. Ich fragte, was passieren würde, wenn ich darauf einginge. Na ja, dann könne ich wieder spielen. Ich lehnte natürlich ab. Dann machte ich das richtige, ohne das eigentlich in dem Moment zu wissen. Ich sagte nämlich zu dem Offizier: "Sie haben mir gesagt, ich dürfte nicht darüber sprechen. Andererseits meinten Sie aber auch, ich sei ein kommunikativer Mensch. Deshalb sage ich Ihnen, aus genau diesem Grunde könnte ich nie über unseren Termin schweigen." Damit hatte ich mich als Spion selber erschossen, wie mir später ein ehemaliger Stasi-Offizier erzählte. Ich kam als "Spion" nicht mehr in Frage, die Stasi ließ mich in Ruhe. Ein Vierteljahr später, ich hatte gerade wieder eine Eingabe geschrieben, bekam ich vom Referenten für Tanzmusik des Rates des Bezirkes, Herrn Schulze, eine Postkarte, wo drauf stand: "Lieber Thomas, mich würde mal interessieren, wann Du endlich mal Deinen Berufsausweis bei uns abholst." Es gab dann einen offiziellen Termin, da nahm ich den Ausweis aber nicht entgegen, denn ich war viel zu misstrauisch. Ich bat um Zusendung des Ausweises per Einschreiben, was dann auch geschah.

Jetzt musst Du mir helfen, denn zum nächsten Punkt gibt es zwei unterschiedliche Versionen. Als Du wieder offiziell auf den Konzertbühnen stehen durftest, hast Du bei der Leipziger Band SET BERND HAUCKE am Schlagzeug ersetzt. War es 1975, wie die meisten Quellen behaupten, oder 1979, wie auf Deiner Webseite zu lesen ist.
Das war 1979. Vermutlich sind solche falschen Informationen immer noch gesteuert. 1975 ist eine vollkommen irrsinnige Zahl. Es gab allerdings da noch eine Episode in diesem Zusammenhang, über die nicht so gerne gesprochen wird. Willst Du die hören?

Aber klar doch, erzähl!
Ich durfte nach einem Jahr Verbot schon einmal wieder Musik machen. Die offiziellen fünf Jahre haben mit dem zweiten Verbot zu tun. Darüber habe ich bis heute nie gesprochen, weil es doch viele Leute in einem seltsamen Licht erscheinen lässt, was ich aber nicht unbedingt wollte. Inzwischen sind aber alle alt genug, um das auch zu ertragen. Wir gründeten also nach einem Jahr Verbot wieder eine neue Band, die im Prinzip die BÜRKHOLZ-FORMATION ohne HANS-JÜRGEN BEYER war. Dazu kam noch ein Saxophonist, der den Kapellenleiter spielte. Der war hundertprozentig bei der Stasi und der hat mich beraten, wie wir die Band wieder zugelassen bekommen - mit mir. Der Name dieser Band war übrigens AUTOMOBIL. Der neue Sänger war zwar gut, aber HEUBACH war nicht zufrieden, der wollte lieber seinen Schlager komponieren und unser Pseudo-Kapellenleiter, der ja in Wahrheit nur mein Strohmann war, da ICH die Gruppe führte, fand den Gesang auch nicht so prickelnd. Und obwohl wir genauso brillant wie immer spielten, war es einfach nicht mehr dasselbe. Auch HEINZ GEISLER fand den neuen Sänger nicht so toll. Das zeigt auch noch mal deutlich, wie wichtig so ein Frontmann ist. Ein HANS-JÜRGEN BEYER ist eben nicht zu ersetzen. So, die Band spielte zwar weiter, aber mit dem neuen Sänger kamen wir, ohne dessen Schuld, irgendwie nicht richtig vorwärts. Nun gab es intern zwei Fraktionen. Die eine wollte mit ihm weitermachen und die andere Hälfte wollte lieber mit NINA HAGEN was machen. NINA HAGEN war ein unbekanntes sogenanntes Fördertalent des Komitees für Unterhaltungskunst. Sie hatte zwei oder drei Schlager aufgenommen, was aber musikalisch überhaupt nichts mit uns zu tun hatte. Eine Freundin von NINA HAGEN, die CHRISTIANE UFHOLZ, hatte sie mir empfohlen mit den Worten: "Die NINA ist sehr gut, aber manchmal etwas unzuverlässig und auch launisch." Wir machten also einen Probentermin aus, irgendwo außerhalb von Leipzig. Wer nicht kam, war NINA HAGEN.
Da war ich schon mal schwer begeistert. Wir setzten eine zweite Probe an, und NINA HAGEN kam wieder nicht. Daraufhin war das Thema für mich beendet, ich schloss mich der ersten Fraktion an. Dadurch fühlte sich nun wieder die Pro-NINA-HAGEN-Fraktion angegriffen und der Herr HEUBACH, mein Freund WOLFGANG ZAHN und der Saxophonist, dessen Namen ich leider verdrängt habe, gingen zum Rat des Bezirkes und haben mich angezeigt, weil ich angeblich eine andere Kapelle gründen will, was ich ja nicht durfte. Das fand natürlich mein "Freund" Werner Wolf optimal und er sorgte für das zweite, richtig heftige Verbot für mich, was über vier Jahre anhielt. Als ich dann raus war aus der Gruppe, wurde es wieder richtig bitter, denn nun kam für die Band die große Karriere mit NINA HAGEN. Wirklich bereut habe ich es aber nicht, denn ich muss ehrlich sagen, bei aller Wertschätzung für den "Farbfilm", aber das war echt nicht meine Musik, für sowas bin ich nicht angetreten. Trotzdem finde ich heute, dass NINA HAGEN eine Wahnsinnskünstlerin ist und sie hat mit meinem Verbot auch überhaupt nichts zu tun. Die Zeit und der Stil mit AUTOMOBIL war aber wohl doch nicht das, was sie wollte, denn sonst hätte sie ja dann im Westen so weitermachen können. Womit sie dann letztendlich im Westen erfolgreich wurde, das wäre in etwa das, womit ich froh geworden wäre, wenn ich in der Band geblieben und mit NINA weitergemacht hätte. Jedenfalls war das wieder einmal eine Situation, mit der ich niemals gerechnet habe, nämlich dass die eigenen Kollegen einen derartig wegkloppen und über die Klinge springen lassen. Das kannst Du ruhig so schreiben, auch für alle die sich wundern, warum ich ein Reunion der BÜRKHOLZ FORMATION nie in Betracht gezogen habe.

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Bei der BÜRKHOLZ-FORMATION warst Du der Chef, während Du dann bei SET ein ganz normales Bandmitglied warst. Hattest Du keine Lust, wieder eine eigene Band ins Leben zu rufen?
Ich durfte ja nicht! Außerdem war ich ja bei SET ein Chef. Nicht offiziell natürlich, aber ich hatte von Anfang an viel zu sagen, ich war künstlerischer Leiter der Band. Mein Freund HANS KÖLLING wollte nie Chef sein, aber nachdem er erkannt hatte, dass er Chef sein muss, hat er es auch gemacht. Ich habe ihm immer dabei geholfen, die Band zu regieren, sonst wäre das wahrscheinlich nie so erfolgreich geworden. Das war übrigens auch wieder so ein fragwürdiger Erlass vom Rat des Bezirkes Leipzig, denn ich durfte alles machen als Musiker, aber ich durfte nie mehr Kapellenleiter werden. Nie mehr eine eigene Band, das stimmte dann trotzdem nicht so ganz, denn SET war im Grunde auch meine Band, da musikalisch gemacht wurde, was ich vorschlug. Dabei war ich immer Demokrat, nie Diktator. Alles in allem hatte ich bei SET eine tolle Zeit, aber natürlich waren es nicht die Musiker, wie sie bei der BÜRKHOLZ-FORMATION gespielt hatten. Deshalb musste ich mit SET eine Musik machen, die sie auch gut konnten, es war eine tolle Zeit.

Hast Du für SET auch Songs komponiert?
Anfangs ja. Wir hatten zwei oder drei Nummer 1-Hits, und dann übergab ich das Komponieren später an LUTZ KÜNZEL, weil ich da schon so viel andere Kompositionsaufträge hatte, dass ich es nicht mehr geschafft habe. Der hat schöne Songs eingebracht und Hans Kölling war als Produzent für uns alle ein kongenialer Partner.

SET hatte zwar den einen oder anderen Achtungserfolg zu verzeichnen, aber zum ganz großen Durchbruch hat es nie gereicht. Dennoch bist Du bis zur Auflösung von SET 1988 dabei geblieben. Was führte zum Ende der Band?
Ganz einfach, ich war eng mit HANS KÖLLING befreundet. Wir betrieben sehr professionell ein eigenes Studio und haben damit (sehr) viel Geld verdient. Auch produzierten wir sehr viele andere Bands und Künstler. Live haben wir am Ende kaum noch gespielt. Warum? Darauf gibt es eine ganz lapidare Antwort. SET war pro Jahr zwölf bis vierzehn Mal im Fernsehen. Aber dieses hohe Niveau, was wir an Musikern in der BÜRKHOLZ-FORMATION hatten, war auch so schnell nicht wieder zu erreichen. Deshalb hatte es auch keinen Sinn, nach den Sternen zu greifen, wenn man eh nicht rankommt. Das ist ungefähr so wie ein Vergleich zwischen den Berliner Philharmonikern und dem Staatlichen Orchester Borna. Wie Du schon sagst, war die SET-Musik sicher einfacher gestrickt, aber es war trotzdem gute Qualität. Wenn Du jemals ein SET-Konzert besucht hast, wirst Du wissen, dass es nicht ein Konzert gab, wo wir das Publikum nicht erreicht haben. Es gibt einige, darunter auch ganz bekannte, DDR-Bands, die albtraumartige Erlebnisse mit SET hatten. Wir hatten eine große Bühne, eine große Anlage, und wir hatten eine einfache, aber gute Musik, die von einer breiten Masse verstanden wurde. Es war nicht mehr diese elitäre BÜRKHOLZ-Musik, aber es war ja auch eine andere Zeit. SET war einfach eine gnadenlos auf Erfolg ausgerichtete Liveband. Damit hatten wir wirklichen Erfolg, ansonsten wären wir schon früher von der Bühne abgetreten. SET hat übrigens wesentlich mehr bekannte Titel herausgebracht als man meint. Der internationale Durchbruch war aber auch dadurch versperrt, dass sie den Mut hatten mich als Mitglied aufzunehmen. Ich hoffe ich konnte das mit vielen interessanten Theater-, Sinfonieorchester- und Musikfeuerwerkprojekten, die diese Band erfolgreich mitgestaltet hat, einigermaßen zurückvergüten.

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Als die BÜRKHOLZ-FORMATION 1973 zum Tode verurteilt wurde, standen die Kulturfunktionäre noch auf totalem Kriegsfuß mit der sich gerade vom Beat zum Rock entwickelnden modernen Musiklandschaft. Wie hast das Verhältnis zwischen den Bands und dem allmächtigen Komitee für Unterhaltungskunst einige Jahre später empfunden, nachdem Du wieder selbst dabei warst?
Wir standen immer und grundsätzlich miteinander auf dem Kriegsfuß. SET wurde leider in diesen Krieg mit reingezogen. Ich war ja dann am Theater, da gab es einen eigenen Verband, das war erträglich. Aber den Freunden von der Unterhaltungskunst habe ich natürlich vieles nicht verziehen. Ich persönlich habe immer wieder ganz viel Gegenwind gespürt. Wahrscheinlich waren wir damals für viele als BÜRKHOLZ-FORMATION zu erfolgreich in zu kurzer Zeit. Wenn mir später jemand ein Musical angeboten hat und ich fand das Buch dazu nicht gut, dann habe ich es auch nicht gemacht, habe es schlicht und einfach abgelehnt, egal, um welche Person es sich dabei handelte. Da waren natürlich auch einige dabei, die Verantwortungsträger waren. Du kannst Dir denken, dass sich dadurch das Verhältnis zwischen mir und den Funktionären nicht gerade zum Guten wendete.

Mit den berüchtigten Lektoraten habt Ihr Bei SET aber keine Probleme gehabt, denn die Texte waren ja ziemlich harmlos, oder?
Doch, wir hatten auch mit SET immer wieder Riesenprobleme mit dem Lektorat. Wenn die Texte harmlos klangen, dann deshalb, weil sie harmlos gemacht wurden. Wir hatten eine Ablehnungsquote von ca. 50 Prozent. Wir haben sehr viele Texter eingespannt, denn durch meine Vergangenheit hatte ich ja Zugang zu allen. KURT DEMMLER war natürlich auch wieder dabei. Nur hat der SET für sich falsch eingestuft. DEMMLER sagte mal zu mir: "Die richtig guten Ideen gebe ich VERONIKA FISCHER oder gleichwertigen Leuten. Die gehen doch nicht zu SET!" Da musste ich ihm dann leider sagen, dass wir ihn mit einer solchen Einstellung künftig als Texter ausschließen werden. Also suchten und fanden wir neue Texter. Die Begründungen für die Ablehnungen für unsere Texte waren jedenfalls oft sehr merkwürdig. Manchmal wurden uns auch Alternativvorschläge für abgelehnte Texte unterbreitet. Oder man bot uns an, an Stelle unseres Texters könnte doch z. B. Herr XYZ den Text für dieses oder jenes Lied schreiben. Hat man dann genauer hingeschaut, handelte es sich dabei um den Schwiegersohn des Lektoratmitarbeiters. Es wurde also nicht nur Politik dort gemacht, sondern es fanden unter der Hand ein Haufen Dinge statt, die ich nicht so geschätzt habe. Die haben wahrscheinlich wirklich gedacht: "Wir haben hier die Macht und können bestimmen und alle anderen sind eh dumm und merken das nicht." Ich habe dieses Lektorat absolut verachtet. Und ich habe auch nie verstehen können, wie eigentlich hochintelligente Menschen sich für diese üble Sache hergeben konnten.

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Was mich ein bisschen verwirrt hat: Bereits 1979 gab es die erste Inszenierung des von Dir komponierten und arrangierten Musicals "Der Soldat und das Feuerzeug" zu sehen, die Uraufführung fand im Leipziger Schauspielhaus statt. Warst Du bei SET nicht ausgelastet?
Richtig, SET hat mich nicht ausgelastet. Das Repertoire, welches wir bei SET vom Schwierigkeitsgrad her gespielt haben, war als Drummer schnell gelernt. Der Drumcomputer war schon erfunden, viele Produktionen habe ich schon gar nicht mehr selbst eingespielt, sondern das machte der Computer für mich, es war so in Mode. Aber live habe ich es schon noch selbst gespielt. In den Konzerten habe ich mich oft mehr damit beschäftigt, den Zeitpunkt des Schwitzens immer weiter nach hinten zu verschieben. So ein Konzert war aber auch immer eine Art Erholung und großer Spaß für mich. Das gilt jetzt nicht nur für SET, sondern das war bei jeder meiner Bands so.

In der Folgezeit bist Du weiter zweigleisig gefahren, hast mehrere Musicals geschrieben, bist bis in die Welt der Klassik und Sinfonien vorgedrungen. Im Jahr 2000 durfte man sich sogar Deine erste eigene Oper anschauen. Warum hast Du Dich nach dem Ende von SET endgültig für die Arbeit hinter der Bühne entschieden?
Der Schein trügt da ein wenig. Wir haben mit SET nicht wirklich bis zum Ende der DDR existiert. Wir sind zwar für die Medien bis zum Ende als SET aufgetreten, aber Livekonzerte haben wir schon seit 1985 kaum noch gespielt. Irgendwann saß ich nämlich mal auf einer Bühne, ich glaube es war in der Stadthalle Magdeburg, es war ziemlich voll, ich war ungefähr 35 und da überlegte ich mir: "Was machst Du hier eigentlich? Wie lange willst Du Dir das noch antun?" Und da bekam ich richtig kurze Anflüge von Existenzangst, was mich übrigens auch noch heute ereilt. Ich als Musiker, nicht als Komponist, aber als Musiker empfinde ich es so, dass Rockmusik etwas mit Jugend, mit Kraft zu tun hat. Wer sich sein Denkmal setzen lassen will und halt bis zum Lebensende spielt, der soll das machen, aber für mich ist das eher nichts gewesen. Ich habe mir beispielsweise die Reunion-Konzerte von COLOSSEUM auf DVD angesehen und ich finde diese Konzerte total langweilig. Die spielen zwar viel besser und ausgereifter als früher, aber irgendwie fehlt dabei die Kraft, der Wumms. Und wenn es bei diesen großartigen Musikern schon so ist, wird es bei mir nicht viel anders aussehen. Ich hatte für mich das Gefühl, ich muss irgendwann damit aufhören, und ich muss es bald tun. Ich habe mir gesagt, ich kann Bands betreuen, ich kann komponieren, ich kann alles machen, aber ich muss von der Bühne runter, bevor man mich von der Bühne runter jagt. Es hing natürlich auch ein bisschen mit Erschöpfungszuständen zusammen, denn bis 1993 habe ich jedes Jahr mindestens ein Musical veröffentlicht.

Wie sieht Deine Arbeitsweise beim Komponieren von Songs oder großen Werken aus?
Bei RENFT hatten wir einen Keyboarder, das war RALF STOLLE, der schrieb seine Lieder immer im Café. Es war nicht so doll, was er da schrieb, aber er konnte das halt, was mich total beeindruckt hat. Ich kann das inzwischen auch. Ich muss sogar das Fenster oder die Tür aufmachen, oder mit einem Mitarbeiter reden, ich kann einfach die Ruhe nicht ertragen. Bei einem JAQUES OFFENBACH zum Beispiel war es so, dass um den ständig zwanzig Kinder rumwuselten, während er schrieb. Bei BACH muss es ähnlich gewesen sein. Mich irritiert Ruhe beim Arbeiten eher. Komponieren ist ja auch eher ein handwerklicher Beruf. Natürlich gibt es Momente, da brauche selbst ich Ruhe, wenn es zum Beispiel um Melodieführung geht. Aber muss ich z. B. eine Orchesterpartitur schreiben, dann ist das schon wieder reines Handwerk, da ist Ruhe nicht nötig.

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2004 warst Du für den Showteil anlässlich der Eröffnungsfeier für das umgebaute Berliner Olympiastadion verantwortlich, bei dem Stars wie Blue Man Group und PINK auftraten. Wie bist Du an diesen Auftrag gekommen, und wie schwierig war es, ein solches Mammutprogramm zu organisieren?
Zu DDR-Zeiten war ich musikalischer Leiter beim Tanzensemble der FDJ. Das war ein riesiges Laienensemble mit über 800 Mitgliedern aus der ganzen Republik. Bei diesem Ensemble habe ich ganz, ganz viele und wichtige Erfahrungen sammeln können bei der Durchführung von Großveranstaltungen. Diese Erfahrungen kann man nicht in der Theorie sammeln, sondern eben nur bei Live-Auftritten. Zum Beispiel schrieb ich mal ein 3-minütiges Lied für eine FDJ-Veranstaltung auf dem Berliner Marx-Engels-Platz. Das Lied hieß "La paz - la paix - der Frieden". Natürlich mit einem unverfänglichen, politisch sauberen Text. Das schrieb ich für Chor und großes Orchester. Ursprünglich sollte das abends aufgeführt werden, aber plötzlich wurde es auf den Nachmittag verlegt, es saßen und standen etwa hunderttausend Zuschauer vor uns. Es war Vollplayback, weil das technisch damals nicht anders machbar war. Ich hatte den Dirigentenjob und merkte plötzlich, das Stück ist etwa drei bis vier Takte zu langsam. Keiner hat es gemerkt, nur ich. Abends hätte das voll gepasst, aber für den Nachmittag klang das fürchterlich. Solche Erfahrungen kann man aber wirklich nur live vor Hunderttausend Zuschauern machen, das kann man nicht in einem Lehrbuch vermitteln. Durch diese gemachten Erfahrungen jedenfalls war ich bei vielen Stadionveranstaltungen dabei als Organisator und Macher. Bei der Eröffnungsfeier des Olympiastadions waren die Verantwortlichen überwiegend Leute, die sich aus der DDR kannten. Das waren aber keine alten Seilschaften, sondern die besten Spezialisten auf dem Gebiet Licht, auf dem Gebiet Ton usw. Das waren nicht die früheren FDJ-Organisatoren, sondern die, die immer die Arbeit machten, also die wirklich Guten. Und die Anwesenheit dieser Leute hat der Veranstaltung das Leben gerettet, weil dort im Hintergrund viel Chaos herrschte und einiges passierte, aber das gehört wohl bei Veranstaltungen dieser Größenordnung dazu. Da braucht man schon sehr viel Erfahrung, sonst geht das in die Hose. Zumal das Olympiastadion veranstaltungstechnisch ein ganz unglücklicher Bau ist, weil die gesamte Fläche nur einen Zugang hat. Es gibt nur den einen Tunnel hinten am Turm, und da muss alles rein und wieder raus. Andere Stadien haben mehrere Ein- und Ausgänge, da ist die Logistik viel einfacher zu organisieren. Das Wichtigste aber war gewährleistet, das Publikum im Stadion und Millionen Fernsehzuschauer haben von den "Schwierigkeiten" nichts mitbekommen.

Das vorhin bereits erwähnte Musical "Der Soldat und das Feuerzeug" nach der Märchenvorlage von Hans-Christian Andersen erlebt in Senftenberg gerade seine 38. Inszenierung. Das muss Dich doch furchtbar stolz machen.
Das stimmt. Letztmalig habe ich es live in Schwedt gesehen, anlässlich des 30-jährigen Jubiläums dieses Stücks. Ich war beeindruckt, dass das immer noch so funktioniert wie damals, als es 1979 in Leipzig zum ersten Mal über die Bühne ging. Die Zuschauer haben an denselben Stellen gelacht, an denselben Stellen geweint, es war toll. Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass ich es seinerzeit als Generalprobe für die spätere "Rockballade" geschrieben habe. Auch war es als Anti-Stück zu meinem Freund SIEGFRIED TIEFENSEE gedacht, der der meistaufgeführte Kinderstückkomponist in Deutschland ist. Der hat zum Beispiel auch dieses berühmte Zwergen-Titellied zum "Schneewittchen"-Film der DEFA geschrieben. Aber diese ganzen Musiken zu den Märchenfilmen haben mich als Kind immer tierisch genervt (den Interviewer übrigens auch). Ich nahm mir dann vor, wenn ich später mal selber was für Kinder schreibe, dann muss es ein Stück sein, was richtig fetzig rüber kommt. Aus diesem Bedürfnis heraus entstand dann "Der Soldat und das Feuerzeug". Ich habe es halt komponiert wie eine kleine Pop-Oper. Rock-Oper wäre übertrieben, das wäre zu hart geworden, das traute ich mich nicht. Die Grundform der darin verwendeten Popmusik habe ich bewusst neutral und zeitlos gehalten, weshalb wohl dieses Stück auch heute noch gespielt und geliebt wird. Das Irre darin ist ja, dass die Kinder sich zwischen 1979 und heute sowas von verändert haben, das lässt sich nicht miteinander vergleichen. Und trotzdem lieben sie das Stück heute genau so, wie die Kinder vor 30 Jahren.

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Wie muss ich mir das vorstellen, wenn jetzt ein Theater kommt und eins Deiner Stücke inszenieren möchte? Wirst Du vorher gefragt, musst Du Dein Okay geben, oder können die vor sich hin wursteln, wie sie wollen?
Meine Stücke liegen alle bei "Schotts International", das ist einer der größten europäischen Musikbühnenverlage. Gott sei Dank wurden meine Werke dorthin übernommen, nachdem sie von der Treuhand zunächst verschachert wurden und im Hamburger Hafen in einem Container rumlagen. GERD NATSCHINSKI und ich haben uns dann gekümmert und kamen bei "Schotts International" unter. Die interessierten Theater wenden sich an den Schott-Verlag und holen sich von dort die Materialien und die Rechte. Ich kann mir das fertige Produkt dann ansehen und denen die Aufführung untersagen, wenn es mir nicht gefällt. Bei Kinderstücken ist die Gefahr dafür heutzutage aber relativ gering. Zu DDR-Zeiten war das noch anders. Da gab es z. B. mal in Freiberg einen jungen Regisseur, der wollte unbedingt, um sich zu profilieren, zur Weihnachtszeit "Der Ring des Nibelungen" aufführen. Er musste aber stattdessen "Der Soldat und das Feuerzeug" bringen. Sein Ehrgeiz war natürlich grenzenlos und er verging sich regelrecht an dem Stück, so dass ich seine Inszenierung verhindert habe. Mit meiner Hilfe fand es dann aber doch noch statt und die Kinder waren begeistert. Natürlich verdiene ich auch an den Aufführungen, ich habe deshalb also kein Interesse, die Stücke zu verhindern. Aber ich will natürlich auch nicht, dass ein Stück kaputt gespielt wird, schließlich steht mein Name und der Name des Librettisten (in dem Falle: Heinz-Martin Benecke) darunter.

Welche Deiner vielen Werke, die Du von 1979 bis heute für die Theater- und Konzertbühnen geschaffen hast, liegen Dir besonders am Herzen und warum?
Eigentlich keins. Ich bin den Werken ein guter Vater, ich liebe sie alle. Du liebäugelst als Komponist natürlich immer mit dem Aktuellsten, weil es Dir sehr nahe steht. Es stecken ja immer auch Erlebnisse mit Menschen hinter jeder Produktion. Und wenn Du derartig viele Erlebnisse wie ich hast, ist es einfach ganz schwer, sich für eine Sache zu entscheiden. Es gibt so ein paar Sachen, die ich bedauere. Ich habe z. B. gerne die Vineta-Festspiele in Zinnowitz gemacht. Aber ich merkte schnell, wenn der finanzielle, moralische und künstlerische Hintergrund nicht da ist oder nicht stimmt, dann nützt alle Mühe nichts. Da nützt selbst die modernste Studiotechnik nichts, wenn eben die gesamte kulturpolitische Situation in Mecklenburg-Vorpommern so ist, dass ich sage: Das geht so nicht. Man muss dann auch in der Lage sein zu erkennen, dass es keinen Zweck hat. Für mich war das eine ganz neue Erfahrung, dass ich eine Sache, die ich groß machen wollte, nicht groß gekriegt habe. Möglicherweise haben die mir meinen Rückzug übel genommen, aber für mich ist wichtig, dass ich meine Zeit nicht vergeude. Dem Veranstalter wurden die Mittel gestrichen, und dadurch war die Qualität nicht mehr gegeben.

2009 gab HANS-JÜRGEN BEYER anlässlich seines 60. Geburtstages ein großes Konzert, bei dem es einen vielbeachteten Comeback-Auftritt der BÜRKHOLZ-FORMATION gab. Nur THOMAS BÜRKHOLZ selber war nicht dabei...
Das ist richtig, ich war verhindert. Ich habe an diesem Tag in Berlin das Musical "Heisser Sommer" dirigert. Aber ich habe eine Videobotschaft hingeschickt und auf diese Weise meine Glückwünsche übermittelt.

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Kannst Du Dir denn vorstellen, dass sich irgendwann noch mal ein Auftritt der kompletten BÜRKHOLZ-FORMATION realisieren lässt?
Ich wäre jedenfalls nicht derjenige, der ein einzelnes Konzert verhindern würde. Aber ich habe da so meine Zweifel. Nach 30 Jahren habe ich ja in Potsdam in der Kneipe unseres ehemaligen Bassisten BERND SARFERT gemeinsam ein Treffen mit einem Produzenten veranstaltet. SUPER ILLU hatte uns begleitet, um das finanziell etwas erträglich zu gestalten. Das war ein wunderschöner Tag, weil wir uns stellenweise über 20 Jahre lang nicht mehr gesehen hatten. Wir waren teilweise extrem gute Freunde und haben uns natürlich riesig gefreut über das Wiedersehen. Dennoch ist mittlerweile die Professionalität der einzelnen Leute viel zu unterschiedlich. Und HANS-JÜRGEN BEYER ist auch ein dermaßen guter und toller Schlagersänger, dass es einfach viel zu schwierig für mich ist, mir vorzustellen, wie wir ein Comeback hinbekommen sollen. Für einen Abend aber würden wir es vielleicht hinbekommen, aber mehr auch nicht. Ich hoffe, dass wir das noch schaffen, nicht dass es mir geht wie bei KLAUS RENFT. Da bin ich ja aus der Gründungscrew mittlerweile der einzige Überlebende. Natürlich neben CHRISTIANE UFHOLZ. Das sind Sachen, die einem hinterher sehr weh tun. Ich war ja bei KLAUS auf dem Begräbnis. Anschließend haben die Jungs noch ein Konzert gespielt, nur ich konnte wieder nicht, weil ich Fernsehaufzeichnung hatte. Wenn man mich heute noch mal vor die Wahl stellen würde, würde ich auf das Fernsehen verzichten. Ich habe es ja vorhin schon erzählt, ich war z. B. mit CÄSAR 18 Monate bei der Armee, wir waren in einer Schülerband zusammen. Außerdem war ich es, der CÄSAR zu RENFT gebracht hat. Und jetzt ist CÄSAR einfach tot. Wir waren zwar zum Schluss nicht mehr die ganz großen Freunde, aber wir waren auch keine Feinde. Das sind so Sachen... Oder nimm KLAUS. Das habe ich immer wieder rausgeschoben, obwohl er immer wieder gesagt hat, ich solle ihn doch mal besuchen. Als ich dann kommen wollte, war es so weit, dass er nicht mehr reden konnte. Ich kam einfach zu spät. Und das ist schade.

Wie sieht THOMAS BÜRKHOLZ' Zukunft aus? Hast Du neben REMO noch weitere aktuelle Projekte zu laufen?
Also REMO ist nur ein Zehntel dessen, was ich derzeit gerade mache. Im vorigen Jahr habe ich ein Kinderbuch raus gebracht, das jetzt von der Verkehrswacht im Land Brandenburg für die Fahrradprüfung in den Schulen eingesetzt wird. Dafür habe ich die Texte geschrieben, die Fotos gemacht, die Figuren gezeichnet. Das ist halt mein Hobby. Mein Vater war ein sehr guter Werbegrafiker, der zu DDR-Zeiten gut im Geschäft war, viel auf Messen unterwegs war. Als Grafiker konnte er natürlich sehr gut malen, was ich nie konnte. Aber ich kann prima mit dem PC umgehen, und deshalb kann ich jetzt auch malen. Photoshop sei Dank. Da bin ich auch richtig stolz drauf. Aber auch das ist nur eins meiner vielen Projekte. Ich schreibe wieder an einem neuen Musical und einiges mehr. Gott sei Dank kann ich ohne Übertreibung sagen: Ich habe viel zu tun.

Dann kann man also sagen, die Wendezeit hat THOMAS BÜRKHOLZ nicht unbedingt geschadet? Viele Künstler sind ja zunächst in ein tiefes Loch gefallen, haben dann aufgegeben oder sich nach und nach wieder nach oben gekämpft.
Doch, doch. Also bei mir war es ja so, dass ich schon ziemlich tief im Theatergeschäft steckte. Ich sollte ja ursprünglich 1990 das Metropol-Theater als Intendant übernehmen. Nun hatte ich ja in der Theaterszene ohnehin einen guten Ruf als Komponist und war mit drei großen Aufträgen, die aus der DDR-Zeit stammten und bis 1993 liefen, eingedeckt. Also habe ich bis 1993 meine Werke geschrieben. Danach habe ich versucht, bei der Firma Stella im Management anzufangen. Das lief auch ganz gut, aber leider ging die Firma pleite und ich war wieder draußen. Dann wurde es richtig schlimm. Ich war arbeitslos und lernte die ganze Palette kennen, Arbeitsamt usw. Ich versuchte dann, eine Veranstaltungsagentur aufzubauen, meine Vielseitigkeit einzubringen und auszunutzen. 1999 bekam ich einen Auftrag zum Schreiben meiner ersten Oper anlässlich des Wiederaufbaus des Schlosstheaters in Rheinsberg. Dazu kam ein Musicalauftrag für den Theatersommer in Garmisch-Patenkirchen. Das waren zwei richtig große Aufträge und mit einem Schlag war wieder fast alles wie früher. Und so ist es bis heute glücklicherweise weitestgehend geblieben. Da habe ich wirklich Schwein gehabt. Ich musste aber auch richtig darum kämpfen. Um eine Karriere aufzubauen, die mit meiner vergleichbar ist, braucht man etwa zehn Jahre. Das ist eine lange Zeit, aber die Geduld muss man schon aufbringen. Zehn Jahre hat es nach meinem Verbot in der DDR gedauert und genauso lange hat es jetzt auch gedauert.

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Besteht die Chance, Dich jemals wieder als Musiker in einer Band spielen zu sehen?
Nein. Na gut, wenn ich als Dirigent arbeite, betrachte ich das durchaus als eine Art Musikerjob. Aber so richtig in einer Band, dafür habe ich gar keine Zeit mehr. Mein Schlagzeug steht noch bei HANS KÖLLING in Leipzig im Studio, darauf werden jetzt Geräusche produziert. Man muss auch wissen, ich habe bereits mit 35 Jahren aufgehört, Schlagzeug zu spielen. Ich habe nur noch ganz wenig live gespielt, weil ich als Komponist einfach so viel zu tun hatte. Es füllte mich halt total aus und das tut es immer noch. Und heute ist es so, ich spiele so viel Musik live ein, dass ich quasi jeden Tag richtig musiziere. Nebenher mache ich dann noch meine Percussionsübungen, die ich als Sportausgleich mache. Allein schon mit diesen Übungen bewege ich mich auf einem sehr hohen Niveau.

Gibt es noch Kontakte zu anderen Musikern oder Bands aus der DDR-Zeit?
Sporadisch. Ich treffe hin und wieder jemanden, wenn ich im Orchester dirigiere. Ansonsten versuche ich schon mal zu Veranstaltungen zu gehen, die mich interessieren, wie Bandjubiläen oder so was in der Art. Da trifft man eigentlich immer jemanden und dann ist das wirklich eine große Freude für mich. Beispielsweise war in der letzten Woche GEMA-Versammlung. Da bin ich also mit Bart und Brille hin (lacht) und habe natürlich eine Menge Freunde dort getroffen. Wir sind ja nun nicht dafür verantwortlich, was die Verwaltung der GEMA macht. Die machen weiß Gott nicht alles falsch, sondern die machen das Meiste sogar richtig, nur wird es manchmal in der Öffentlichkeit anders dargestellt. Das ist für uns besonders ärgerlich. Es sind dann auch wirklich alle Kollegen da. Was ja auch logisch ist, denn die GEMA ist ja unsere Interessenvertretung.

Das ist ja derzeit ein sehr sensibles Thema, was ich gerne kurz aufgreifen möchte. Da Du GEMA-Mitglied bist, gehe ich mal davon aus, dass Du auch hinter den Beschlüssen der GEMA stehst, oder gibt es da durchaus Interpretationsspielraum?
Es ist richtig, ich bin GEMA-Mitglied. Als solches habe ich die zwanzig großen Berliner Clubbesitzer zu einem vermittelnden Gespräch mit dem Bezirksdirektor Nordost zusammengebracht. Natürlich bin ich auf der Linie der GEMA, aber ich bin nicht glücklich darüber wie die GEMA in der Öffentlichkeit dargestellt und wahrgenommen wird. Die Gema ist für die Kreativität in Deutschland von großer Bedeutung. Es gibt im Moment einige Informationslücken und auch Fehlinformationen, und ich hoffe sehr, dass das ausgeräumt wird und ich versuche jedenfalls zwischen den Parteien in Berlin zu vermitteln, aber letztendlich bin ich halt auf Seiten der GEMA.

Glaubt man den Clubbesitzern in Berlin, sind im nächsten Jahr sämtliche Clubs pleite, wenn die neuen GEMA-Gebühren wie geplant zum Einsatz kommen...
Also ich glaube, da kann ich alle beruhigen, das wird auf keinen Fall passieren. Es ist doch klar, die vertreten halt ihre Interessen. Und ja, es gibt auch einige Sachen, die sind äußerst merkwürdig, aber die werden nicht dazu führen, dass irgendwer am Jahresende pleite ist. Alles, was im Moment besprochen wird, ist unverhandelte Materie, das vergisst man von beiden Seiten immer gerne dazu zu sagen. Jetzt gibt es erst einmal eine Schiedsstelle beim Patentamt, die wird einen Schiedsspruch machen, der von beiden Seiten beantragt wurde. Dann sehen wir weiter. Ich werde auf jeden Fall meine Stimme laut werden lassen, wenn jemand ungerecht behandelt wird, aber das sehe ich noch nicht wirklich. Das Ganze ist halt sehr schlagzeilenträchtig, da muss man aufpassen.

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Themawechsel. OMEGA ist in diesem Jahr auf Deutschland-Tournee. Hast Du jemals wieder Kontakt zu der Band gehabt?
Ich habe durch Zufall erfahren, dass OMEGA in diesem Jahr wieder im Land ist. Aber Kontakte hatten wir seit damals keine mehr. Ich würde mich aber durchaus freuen, wenn man sich mal wiedersehen würde.

Gestatte mir abschließend noch ein, zwei lose Fragen. Spielst Du eigentlich hin und wieder noch selber Schlagzeug?
Schlagzeug nicht, wenn dann Percussions. Und auch nur zu ganz besonderen Gelegenheiten und Anlässen. Das letzte Mal habe ich bei einer Veranstaltung gegen das Bombodrom in Rheinsberg gespielt, da habe ich zusammen mit drei anderen Schlagzeugern eine Percussions-Schlacht hingelegt. Und natürlich spiele ich noch jeden Tag im Studio. Das ist für mich eine Art Sportersatz. Ich schwitze nämlich mächtig dabei, es ist schon sehr anstrengend. Ich lasse mir dabei ordentlich den Kopf durchlüften und spiele zusammen mit allen Stars der Welt - von CD und anderen Tonträgern.

Wo kann man THOMAS BÜRKHOLZ das nächste Mal sehen?
Am 15. September 2012 in Tegel im Lakeside-Night... ich werde irre mit diesen Begriffen! "Seeterassen", so hieß der Laden vorher, ist doch ein schöner Name! Der steht übrigens auch draußen noch dran. Also im Lakeside-Night findet die Präsentation von REMOs neuem Song "Haute Couture à la Côte d'Azur" statt. Es geht um ein junges Mädchen, das von REMO träumt und ihn dann auch trifft, mehr wird nicht verraten. Es ist ein sehr populäres, modernes Video, die Musik dazu ist Popmusik im besten Sinne. Gedreht haben wir das Ganze größtenteils in der Tegeler Gegend. Im Lakeside Night wird REMO künftig einmal pro Monat mit einer eigenen Veranstaltung auftreten, und ich werde für das Rahmenprogramm verantwortlich sein. Am 15. September wird übrigens im Rahmen der Präsentation des neuen REMO-Songs auch erstmals LUKAS NATSCHINSKI auftreten, der den Gitarren-Chorus eingespielt hat. LUKAS NATSCHINSKI wird sich dort auch mit einem kleinen Video und einer supertollen Solo-Livepräsentation zum ersten Male selber vorstellen. Ich würde mich riesig freuen, wenn sich vor allem junge Leute dort einfinden würden, damit die mal von ihren Computern und dem Internet weg kommen, vielleicht der eine oder andere dort auch mal "echte" Freunde kennenlernt und man auch mal wieder von Mensch zu Mensch miteinander redet und tanzt. Deshalb ist in meinen Augen REMO mit seiner hohen Integrationsausstrahlung genau der Richtige für diese Veranstaltung.

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Du hast eben LUKAS NATSCHINSKI gesagt. Der Name lässt mich aufhorchen. Hat der etwa einen berühmten Vater? Ja, der hat den berühmten Vater GERD NATSCHINSKI, der auch gleichzeitig der Vater von dem ebenso bekannten, aber in Bezug auf Lukas wesentlich älteren THOMAS NATSCHINSKI ist. THOMAS hat ja eher mein Alter, während LUKAS gerade mal siebzehn Jahre jung ist. Ich kenne LUKAS, weil ich mit seinem Vater GERD schon sehr lange befreundet bin. Mit LUKAS arbeite ich schon seit seinem zehnten Lebensjahr immer mal zusammen. Er war mittlerweile bereits dreimal unter den Medaillengewinnern bei "Jugend musiziert", wo er Preise am Klavier, an der Jazzgitarre usw. erhielt. Jetzt möchte er sich verständlicherweise auch mal einer größeren Öffentlichkeit vorstellen, weshalb er mich fragte, ob ich ihn produzieren könnte. Als sein Vater seinen 80. Geburtstag feierte, gab es in Rheinsberg im Schlosstheater ein Konzert mit einem großen Orchester. Ich hatte leider vergessen, für einen Titel einen Pianisten zu bestellten. LUKAS war damals dreizehn. Er sagte zu mir, ich solle ihm mal die Noten zu dem Song zeigen und dann sagte er einfach: "Wenn Du willst, spiele ich das." Dann setzte er sich mitten in das große Orchester und spielte die Nummer, als wäre gar nichts dabei. Seitdem sind wir richtig gute Freunde. Jetzt ist unser Ziel, mit LUKAS im Pop-Bereich Produktionen zu machen, die anspruchsvoll, spannend und sehr virtuos werden, er wird ja nicht umsonst als "Young Guitar Paganini" bezeichnet und er ist ein utopisch guter Pianist. Ich gebe mir jedenfalls alle Mühe, glaube an ihn und wünsche ihm, dass er großen internationalen Erfolg haben wird. Mit diesem jungen Virtuosen hoffe ich das zu Ende zu bringen, was mir bei der Bürkholz-Formation verwehrt wurde. Aus diesem Grunde ist er jetzt auch mit in unserer Gruppe Creative Berlin Base mit verschiedenen anderen jungen Künstlern tätig.

Du klingst, was die Zukunft angeht, sehr positiv und zuversichtlich. Gibt es auch etwas, wovor Du Angst hast?
Ja, Langeweile. Das hängt natürlich auch immer noch mit meinem damaligen Verbot zusammen. Ich habe mindestens vier Wochen nur damit verbracht, spazieren zu gehen, keinen Ausgang aus der Situation zu finden. Deshalb ist das für mich eine Art Albtraum, wenn ich nichts zu tun habe. Nein, das geht gar nicht.
Wovor ich tatsächlich auch Angst habe ist der Sozialabbau der in breiten Kreisen der Künstlerschaft stattfindet, um dem entgegenzuwirken arbeite ich ehrenamtlich als Vizepräsident der "Dramatiker-Union" dem Berufsverband der Bühnen- und Medienautoren, als berufenes Mitglied im Beirat der Künstlersozialkasse und neuerdings im Beirat des "Deutschen Komponistenarchives" in Dresden Hellerau. Das ist mir wichtig!

Und eine letzte, zugegebenermaßen nicht ganz neue Frage: Wenn Du König von Deutschland wärst, was würdest Du in unserem Land spontan ändern?
(...überlegt einen Moment...) Ich würde alle Bankdirektoren für einen Monat in ein Kloster oder eine geschlossene Einrichtung stecken und dort mit ihnen reden wollen. Ich würde ihnen klar machen, dass sie alle nur Angestellte, aber keine Besitzer ihrer Banken sind. Weiterhin würde ich mir wünschen, dass die Informationspolitik in unserem Land eine andere wird, damit man als denkender Mensch nicht jedes Mal einen Wutanfall bekommt und sich fragt, für wie dumm man eigentlich verkauft wird. Und ich würde versuchen den Menschen verständlich zu machen, dass das Urheberrechtsgesetz in unserem Land ein Gesetz ist, was für sie von ganz großem Wert ist und dass die GEMA nicht der Feind der Menschheit ist.

Thomas, ich danke Dir vielmals für dieses sehr spannende, informative und ausführliche Gespräch und wünsche Dir für die Zukunft alles Gute und ganz viel Energie für Deine weiteren Vorhaben. Möchtest Du unseren Lesern noch ein paar Worte sagen?
Sehr gerne. Herzliche Grüße an alle Leser der Deutschen Mugge! Bleibt immer weiter dran und vergesst Eure Ost-Musiker nicht. Das sind nämlich nicht die Schlechtesten. Nicht nur wegen ihrer guten Ausbildung, sondern weil sie auch Kämpfer sind.

 

Interview: Torsten Meyer
Bearbeitung: mb, cr
Fotos: Torsten Meyer, Archiv Thomas Bürkholz

 


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