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Chris Kramer stammt aus dem "Ruhrgebeat" und lebt heute in Dortmund. Sein Markenzeichen ist die Mundharmonika, deren Spiel er inzwischen soweit perfektioniert hat, dass sich der Pianist der Rolling Stones, Chuck Leavell, zu der Aussage hinreissen ließ: "Oh man, what an amazing harp player!" Aber wenn man Kramer auf die Mundharmonika beschränken würde, täte man ihm Unrecht. Er spielt nämlich auch noch exzellent Gitarre und singt mit einer unverwechselbaren Reibeisenstimme seine Lieder, die er grundsätzlich selbst schreibt und textet. Wenn man ich auf der Bühne erlebt, ist man als Zuschauer hingerissen von seiner Spielkunst und seinem Humor, muss sich aber auch mal eine Träne verdrücken. Neben seinen Soloauftritten kann man ihn auch mit seiner Band buchen, die aus bewährten und namhaften Musikern besteht. Kramer spielt in erster Linie Blues, ist aber kein Blues-Purist. Deshalb findet man in seiner Musik auch viele andere Einflüsse, die das Ganze sehr hörenswert machen. In seiner langen Karriere hat er viel erlebt, spielte über tausend Konzerte, nahm eine CD mit den Musikern der Muddy Waters Band auf, begleitete Peter Maffay auf seiner letztjährigen Tournee und ist als Gastmusiker auf dessen "Tattoos"-Album zu hören und vieles mehr. Vor allem aber singt er seit einigen Jahren seine Lieder auf Deutsch, was ihm sehr viele neue Fans beschert hat. Am Rande seines Konzertes im brandenburgischen Kremmen im Oktober 2012 hatte Deutsche Mugge die Gelegenheit zu einem Interview mit Chris Kramer und erfuhr eine Menge Interessantes und Wissenswertes aus dem Leben dieses großartigen Musikers...
 
 
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Hallo CHRIS!
Glückauf!
 

Deine Art der Begrüßung lässt schon erahnen, Du stammst nicht aus der Berlin/Brandenburger Gegend. Laut Steckbrief bist Du ein echter "Jung" aus dem Ruhrgebiet. Stimmt das?
Ja genau. Ich bin geboren in Marl, das ist im nördlichen Ruhrgebiet. Da gibt es die Lippe, dann kommt das Münsterland. Nun bin ich einmal in meinem Leben umgezogen, und zwar vom nördlichen ins südliche Ruhrgebiet. Genauer gesagt, nach Dortmund, fast schon an der Stadtgrenze zu Schwerte.

Nur mal nebenbei: Unser Chefredakteur Christian lebt da in der Gegend, in Castrop-Rauxel.
(lacht herzlich) Ach ja, Castrop-Rauxel kenne ich gut. Castrop-Rauxel ist immer gut für den einen oder anderen Gag, den ich in mein Programm einbaue.

Dein heutiges Konzert im Scheunenviertel Kremmen liegt hinter Dir. Warst Du zufrieden mit Dir und der Reaktion der Zuschauer?
Ja, ich bin sehr zufrieden. Die Leute waren sehr aufmerksam, haben gut zugehört. Es waren auch einige stille Genießer da. Ich glaube, im letzten Drittel des Konzertes habe ich dann auch die geknackt, wie man so schön sagt. Ich fand auch schön, dass ich für einige meiner Ansagen Applaus und Anerkennung bekam. Das war heute ein sehr schönes Kleinkunstkonzert hier in der "Tiefsten Provinz".

Der eine oder andere Leser unseres Magazins wird vielleicht noch nicht so ganz vertraut sein mit Deiner Person. Das wollen wir gerne ändern. Und da fängt man natürlich am besten ganz vorne an. Deshalb erzähle uns doch bitte, wie Deine musikalische Entwicklung gelaufen ist. Begann alles, wie üblich, mit der Musikschule im Kindesalter?
Nö, überhaupt nicht. Ich hatte kein musikalisches Elternhaus, was bei anderen oft die Grundlage für Musikausbildung ist. Ich habe mir meine Fähigkeiten als Autodidakt beigebracht. Vor allem das Mundharmonikaspielen. Auf der Gitarre konnte ich schon so drei, vier Akkorde, die hat der Pfarrer mir mal beim Gitarrenkurs gezeigt. Aber das habe ich nicht wirklich weiter verfolgt. Als ich dann mit 18 Jahren in meiner ersten Band singen sollte, hatte ich meine Wandergitarre dabei, während die anderen alle schon E-Gitarren und Verstärker besaßen. Die gaben mir dann höflich zu verstehen, ich möge doch bitte meine Akustikgitarre zu Hause lassen. Die Jungs haben mir dafür eine Bluesharp geschenkt, um ihre Forderung ein wenig netter aussehen zu lassen. Auf dieser Harp habe ich dann fleißig geübt und merkte schnell, das ist wie ein Teil von mir. Ich hatte irgendwie ein Talent dafür und ich wurde allmählich immer besser. Inzwischen ist die Mundharmonika mein Paradeinstrument.

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Okay, aber da warst Du ja schon 18 Jahre. Vorher gab es nichts in Sachen Musikausbildung?
Na doch, ich hatte so mit zehn, zwölf Jahren mal einen Gitarrenkurs, da konnte man dann hinterher solche Sachen, wie "Streets of London". Ich allerdings konnte NUR "Streets of London". Ich brauchte hinterher jahrelang, um dieses Fingerpicking wieder rauszubekommen. Als ich dann die ersten Bluesshuffle spielen konnte, war ich natürlich heilfroh und glücklich.

Wolltest Du schon immer Musiker werden?
Zuerst wollte ich erst mal schnell erwachen werden, weil es mir auf den Sack ging, als Kind nicht meine eigenen Entscheidungen treffen zu können. Musiker wollte ich werden, als ich ein Konzert von LUTHER ALLISON in der Zeche in Bochum gesehen habe, da hatte ich zum ersten Mal den Impuls, lieber auf, als vor der Bühne zu stehen, was zum damaligen Zeitpunkt absolut vermessen war. Ich konnte gerade mal drei Licks auf meiner Harp, aber am Anfang steht ja immer erst mal der Traum.

Hast Du neben Deinem Status als Berufsmusiker auch einen "richtigen" Beruf vorzuweisen?
Na klar. Zuerst kam das Abitur, dann habe ich meinen Zivildienst abgeleistet und schließlich machte ich meine Ausbildung zum Industriekaufmann. Meine Laufbahn als Musiker begann dann ab 1994.

Deine erste Band war bereits eine echte Bluesband?
Ja, größtenteils schon. Wir haben aber auch Southern Rock gespielt. Doch nicht nur gecovert, sondern es waren schon etliche eigene Stücke dabei. Zum Schluss haben wir dann aber immer "Sweet home Alabama" gespielt. Oder auch mal "Tequila" (CHRIS KRAMER summt dazu die Melodie). Dafür waren wir tierisch beliebt bei den Wirten, weil die dann immer Unmengen Tequila verkauften. Die wollten sogar, dass wir die Nummer mehrmals am Abend spielen. Rückblickend betrachtet, war diese Zeit meine "Musikdienstleisterphase", wo ich mich oft wie ein besserer Kellner fühlte und mit meinen Liedern mehr für den Bierumsatz und gute Laune gesorgt hatte.
Inzwischen stehe ich auf der Bühne und erzähle von mir und meinem Leben. Einige sind nicht mehr dabei, weil denen die deutsche Sprache zu intensiv ist und weil ich die Dinge beim Namen nenne. Genau dafür ist der Blues nämlich da. Diese Leute meinen, Blues muss man auf Englisch singen, unsere Sprache ist ihnen viel zu intensiv. Wenn die hören: "Jedes Mal, wenn wir es tun, denkst Du dabei an ihn", schütteln die sich einfach nur. Hier im Osten passiert so was aber nicht, das ist sehr wohltuend. Da kann ich mich voll und ganz auf das konzentrieren, was ich bin und kann mit all meinen Schwächen, aber auch mit meinem Humor auftreten. Dadurch wird ein solches Konzert für mich wie ein Gottesdienst, natürlich im positiven Sinne. Und oft denke ich mir: Was ist das nur für ein wunderschönes Leben. Ich kann ich sein, für mich als Solist kommt auch immer genug dabei raus. Selbst heute hatte ich wieder mal genügend Zeit, über diese Dinge nachzudenken. Und wieder war ich dankbar für mein Leben.

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Deine erste CD hast Du 1995 mit den BLUEBYRDS aufgenommen. Insgesamt wurden es vier Alben, wobei das letzte 2001 als Live-Album herauskam. Wie habt Ihr Euch damals gefunden, und wann/warum hat sich die Band dann wieder aufgelöst?
Wir waren eine fünfköpfige Southern Bluesrock Band, Christoph "Slidin" John und ich waren aber die einzigen, die ambitionierter waren und es echt wissen wollten, deshalb machten wir als Duo weiter. Nach zehn erfolgreichen und sehr schönen Jahren wollte "Spargel" dann lieber sein eigenes Ding machen und hat einen radikalen Schnitt in seinem Leben gemacht, dazu gehörte dann auch das Ende der BLUEBYRDS.

Von 2001 bis 2003 erschienen drei CDs unter dem Titel "CRAZY CHRIS KRAMER & Friends". Was hat es damit auf sich?
Die BLUEBYRDS alleine haben mir nicht mehr gereicht. Ich wollte all meine musikalischen Ideen ausleben und habe dann Solo-Alben gemacht und mir hier und da auch den ein oder anderen Traum erfüllt.

Ein weiteres Deiner Projekte waren die GROOVEHANDS, was 2008 auch zu einem Album unter dem Namen "Any kind of music" führte. Was für eine Besetzung hatte diese Band und warum war es Dir immer so wichtig, die "stilistische Offenheit" der GROOVEHANDS hervorzuheben?
Hier wollte und habe ich mich "stilistisch freigeschwommen" und mit hervorragenden Jazzmusikern von Polka, Bossa Nova, Zigeuner Swing bis hin zu Folklore, Country und Blues alles gespielt, was mir so eingefallen ist. Ich habe sehr viel dabei gelernt und sehr viel Spaß gehabt. Hervorgehoben habe ich die Offenheit, weil es einfach unser Konzept war. Wenn wir ein Set von einer Stunde gespielt haben, war das gefühlt nach zwanzig Minuten um, weil es so vielseitig war. Ich mag es selber nicht, wenn ich eine Band sehe und nach 45 Minuten im Grunde alles gesagt ist, weil sie sich nur noch wiederholt. Unsere Besetzung Kontrabass, E- oder Akustikgitarre sowie Geige und ich mit meiner Harp hat ihren Teil dazu beigetragen, dass wir nicht nur durch unsere Anzüge aufgefallen sind.

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Du hast lange Zeit englisch gesungen, bis 2008 mit "Komm mit!" Dein erstes deutschsprachiges Album auf den Markt kam. Was hat Dich zu diesem Wandel bewogen?
Als wir mal in Suhl spielten, kam nach dem Konzert ein Zuschauer zu mir und meinte: "CHRIS, Deine Ansagen sind besser, als Deine Lieder. Mach doch deutsche Texte!" Damals habe ich übrigens immer noch so eine Taxifahrergeschichte erzählt. Der Typ aus Suhl war auch Taxifahrer, hatte Tränen und Lachfalten gleichzeitig im Gesicht, weil ich ihm mit meiner Geschichte quasi sein eigenes Leben erzählt habe. Über deutsche Texte hatte ich bis dahin noch nie nachgedacht! Ich wollte ja immer so furchtbar cool sein, wie diese ganzen richtigen Bluessänger, also wie HOWLIN WOLF, JOHN LEE HOOKER usw. Ich nahm so ziemlich alle Fettnäpfchen mit, die irgendwo rumlagen, habe die Stimme auf ganz tief verstellt: "Yeah oh yeah, ich hab den Blues, Baby..." (brummt ganz tief dabei). Siehst Du, selbst Du lachst jetzt darüber. Aber wenn man so Anfang zwanzig ist, glaubt man daran. Und deshalb habe ich auch lange Zeit versucht, der beste Afroamerikaner aus dem Ruhrgebiet zu sein. Diese Begegnung in Suhl war also tatsächlich der Startpunkt für mich, über diese Dinge nachzudenken. Und plötzlich wurde mir klar, ROBERT JOHNSON singt ja auch in seiner Muttersprache. Solche Gedanken hatte ich vorher nie zugelassen! Jetzt habe ich aber versucht zu verstehen, dass deutsche Reime auch ihren Weg in mein Hirn finden können. Ich schrieb also dann meine ersten deutschsprachigen Songs. Zur gleichen Zeit ergab es sich, dass sich unser Bluesduo (Anm. des Autors: die BLUEBYRDS sind gemeint) getrennt hatte. Ich machte dafür mit anderen Duo-Partnern weiter. Das war auch gleichzeitig eine Chance für mich, denn mein alter Partner wollte nie auf Deutsch singen. Ich schrieb also meine ersten fünf Lieder, kurz darauf waren es schon neun und plötzlich gab es ein ganzes Set. So fing das damals ganz langsam an und mittlerweile fühle ich, dass ich bei mir selbst angekommen bin. Und immer, wenn ich im Osten Deutschlands spiele, fühle ich, dass ich die Leute immer mehr und immer mehr begeistern kann, weil sie sich total freuen, dass ich Deutsch singe.

Deine CD "Chicago Blues" aus dem Jahr 2010 hebt sich klanglich und stilistisch deutlich von Deinen anderen Alben ab. Sie ist in meinen Augen etwas ganz Besonderes geworden, weil Du da zurück gehst zu den Wurzeln des Blues, fast schon ein "schwarzes" Album gemacht hast. Wer oder was hat Dich dazu inspiriert?
Das ist schon komisch, denn eigentlich bin ich nicht so der Blues-Purist, sondern eher der Progressive, der Erneuerer. Ich habe die Mundharmonika auch für die so genannte Weltmusik oder für Zigeuner-Swing eingesetzt, das war meins, dafür stand ich. Ich wollte eben immer anders sein, als die anderen, nicht immer nur den alten Blues spielen. Und ich wollte zeigen, dies und jenes geht mit der Harp. Ich fühlte mich sozusagen berufen, der Welt das alles zeigen zu wollen. Irgendwie kam dann aber aus mir heraus, ich möchte doch mal irgendwann eine traditionelle CD machen. Das war keine Kopfentscheidung, sondern kam aus meinem Innern. Nur wenn ich das mache, dann aber auch mit den Originalen, mit den echten Musikern dazu. Diese Idee hatte sich dann schnell verselbständigt. Ich rief an bei der Managerin von PINETOP PERKINS und WILLI "BIG EYE" SMITH, die damals noch lebten, inzwischen aber leider beide verstorben sind und verstand mich sofort gut mit der Dame. Wir haben dann geschaut, was wir machen können. Sie fragte mich nach meiner Homepage, um Musik von mir zu hören.

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Dann meinte sie, sie könne zwar mit den deutschen Texten nichts anfangen, aber sie hört deutlich, dass ich singen kann. Sie sagte, dass sie mit den Musikern gesprochen hätte und die fanden auch gut, was ich mache, obwohl die vorher noch nie deutschen Blues gehört hatten. Da die CD "Chicago Blues" heißen sollte, wollte ich die natürlich auch möglichst in Chicago aufnehmen. Nun meinte aber die Managerin, der PINETOP PERKINS wäre schon 95 Jahre und der wohnt in Austin/Texas. Wir könnten den zwar nach Chicago bringen, aber der müsste dafür dann einmal quer durch die USA reisen. Dazu kämen noch ein Arzt und ein Betreuer. Ich bin dann sofort zurückgerudert und sagte der Managerin, dass wir die CD nicht unbedingt in Chicago machen müssen. Wir nehmen die Platte natürlich dort auf, wo PINETOP PERKINS als Ältester wohnt, darauf nehmen wir Rücksicht. Das freute sie und gleichzeitig sagte sie bei einem Blick in ihren Kalender: "Die WILLI 'BIG EYE' SMITH BAND ist zum Zeitpunkt der Aufnahme unserer CD nur 1.500 Meilen von Austin entfernt, das ist ja quasi in der Nachbarschaft! Dann könnt Ihr Euch doch alle in Austin treffen und die Platte dort aufnehmen." Hier habe ich erstmals gemerkt, dass die Amis ein ganz anderes Verhältnis zu Entfernungen haben, als wir. Ich sagte natürlich zu und dann ging alles ganz schnell.

Warum wolltest Du gerade diese Musiker auf der Platte dabei haben?
Ich habe mit 13 im Radio bei "Blues at night" auf WDR2 den Blues kennengelernt, so neben B.B.KING unter anderem auch MUDDY WATERS. Der ist dann 1983, als ich 13 Jahre war, verstorben. Diese Musik, vor allem die von MUDDY WATERS, hat mich berührt und geprägt. Und jetzt habe ich mit den Originalmusikern von MUDDY WATERS gespielt! Das hatte schon etwas Spirituelles. Wenn WILLI "BIG EYE" SMITH ein Schlagzeugbreak gemacht hat, dann wusste ich schon vorher, was jetzt kommt. Der Tontechniker sagte mir dann hinterher: "Wir haben diese Art, Schlagzeug zu spielen, vor 35 Jahren definiert und alle anderen haben das kopiert." MUDDY WATERS war halt elektrischer Blues, und der legte die Messlatte fest. Die ROLLING STONES und alle anderen Bluesbands haben dann praktisch dieses Spiel von WILLI "BIG EYE" SMITH versucht, nachzumachen. Erst dann galt es als originaler Blues. Nun stand ich also da inmitten dieser großen Musiker, und das war wirklich was Spirituelles. Als wir mit den Aufnahmen fertig waren, schickte ich die Kameraleute weg, wollte nichts mehr essen, nahm mir nur noch ein Sixpack Bier mit aufs Hotelzimmer und habe dort vor Freude zum ersten Mal als erwachsener Mensch geweint. Ich wusste das gar nicht richtig einzuordnen. Andererseits war ich furchtbar erleichtert, denn das war schon ein enormer Druck. Du fährst nach Amerika, wer weiß, wie die Leute drauf sind. Die sind ja doch schon sehr alt. WILLI "BIG EYE" SMITH z. B. hat in seiner eigenen Band nur noch gesungen und Harp gespielt, am Schlagzeug saß sein Sohn. Bei mir hat er aber selbst das Schlagzeug gespielt. Ich wusste nicht, ist der jetzt schon ein bisschen eingerostet und schafft das vielleicht gar nicht mehr? Dann war aber alles ganz toll, total freundschaftlich. Die haben mich sogar alle in den Arm genommen. Plötzlich ging die Tür auf und herein kam JAMES COTTON. Das ist ein amerikanischer Harpspieler, der auch viele Jahre in der MUDDY WATERS BAND spielte und einer meiner Idole ist. Der sagte dann mit seiner vom Kehlkopfkrebs gezeichneten Stimme: "Hey, der Deutsche klingt wie SONNY!" (Anm. des Autors: SONNY BOY WILLIAMSON II). Da dachte ich so bei mir, ich bin jetzt einen Tag in Amerika, die Tür geht auf und einer meiner drei Harp-Idole kommt rein! Was hat der liebe Gott noch mit mir vor?!

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Welche Reaktionen hast Du in Deutschland auf die CD bekommen?
Die Reaktionen und das Feedback waren sehr, sehr groß und durchweg positiv. Aber es war ja von vornherein eine recht sichere Sache. Du machst diese Sache in Amerika, bist dabei aber nicht mutig, machst nicht irgendwas Neues, probierst nichts aus, denn dann gibt es schon mal auf die Nase, wenn Du Pech hast. Da kommen die Blues-Puristen und sagen: "Ja, der KRAMER ist schon ein Guter, spielt eine klasse Harp, singen kann er auch, aber weißt Du, das ist ja kein richtiger Blues mehr." Das kann man von dem "Chicago Blues"-Album ja nun wirklich nicht behaupten. Das ist reiner Blues, mehr Blues geht nicht. Und wer Blues mag, mag auch diese CD, das geht gar nicht anders. Bei meinen anderen Sachen erlaube ich mir dagegen, auch mal weiter abzurücken vom Zwölftakter, was die Puristen eben wieder nicht gut finden. Dafür sagen aber andere, zum Beispiel die 250.000 Leute, die mich auf der letzten PETER MAFFAY-Tour kennengelernt haben, ich wäre ein Guter. Viele von denen sind jetzt zu meinen Fans geworden und sagen zu meiner aktuellen CD "Kramer kommt!" einfach nur "Boah, ist das toll."

Hast Du die Titel für "Chicago Blues" extra für diese CD geschrieben, oder war es Zufall, dass dieses Album gerade dran war? Ich frage deshalb, weil sich ja zwei Songs, nämlich "Jedes Mal" und "Die Frau von meinem Vermieter" auch auf anderen Scheiben befinden, allerdings in anderen Versionen.
Das war schon Absicht. Ich hatte ja die Zusage für die Aufnahmesession mit den MUDDY WATERS-Musikern und da überlegte ich mir, was will ich nun eigentlich machen? Mir war klar, wenn ich schon mit solchen Strategen zusammenarbeiten darf, dann gehören so ein Slowblues und auch ein Shuffle in verschiedenen Schattierungen, also Geschwindigkeiten und Instrumentierungen, dazu. Das macht mindestens fünfzig Prozent der gesamten CD aus. Dann dachte ich noch an zwei Instrumentaltitel und einen Swing, der heißt "Es gibt gut, besser, und es gibt mich". Ich habe also geguckt, was für Material ich schon habe und da sah ich, "Jedes Mal" und "Die Frau von meinem Vermieter" hatte ich bereits aufgenommen, aber die beiden Nummern würde ich gerne noch mal anders hören und aufnehmen. Und zwar mit diesen tollen amerikanischen Musikern zusammen. Bei "Jedes Mal" würde es auf einem Piano-Schwerpunkt basieren und "Die Frau von meinem Vermieter" sollte volle Kanne Blues werden, so richtig knallhart und dreckig und mit einer verzerrten Harp. Dann wollte ich noch ein Duett mit einem Gitarristen reinbringen, mit viel Hall und Harp, damit Abwechslung reinkommt. Ich schrieb also die Songs und die passenden Texte, sorgte für den nötigen Groove und dachte mir, diese beiden schon bestehenden Songs darf man ruhig mit auf die Platte nehmen, um sie in dem neuen Kontext auch neu strahlen zu lassen.

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Auch auf Deinen anderen Alben wirken ja immer diverse Gastmusiker mit. Wie muss ich mir die Produktion einer CHRIS KRAMER-CD vorstellen? Kommen die Musiker zu Dir ins Studio oder spielen die ihre Parts ganz wo anders ein und schicken es Dir dann per Mail, oder wie läuft das?
Meistens besuche ich die anderen Musiker und erkläre ihnen, wie ich mir ihre Rolle auf dem Album vorstelle, was sie wie spielen sollen. Dann düse ich eben nach Amerika oder nach London, Bremen oder München und spiele, wenn es machbar ist, dort gleich mit den Leuten zusammen die entsprechenden Parts ein. Manchmal ist das aber nicht möglich, dann schicken sie mir ihre fertigen Parts zu. Das ist ja heute kein Problem mehr. Ich will jetzt aber verstärkt dazu übergehen, mit meiner eigenen Band die CDs einzuspielen, so wie wir es auf dem aktuellen Album auch schon getan haben. Das ist gleichzeitig auch meine Liveband, so dass der Sound dadurch sehr authentisch wirkt. Ob auch diesmal wieder Gastmusiker dabei sind, weiß ich noch nicht. Aber wir haben ja noch ein paar Songs auf Halde liegen. Du musst Dir das so vorstellen: Wenn wir gemeinsam Stücke aufnehmen, dann sind es immer ein paar mehr, also vielleicht so sieben Stück. Auf der CD landen aber nur drei davon, so dass ich für die nächste Scheibe dann die Titel und auch die Namen der Musiker nochmals benutzen kann.

Es gibt also immer einen Songüberschuss bei einer CD-Produktion?
Ja, absolut. Ich schreibe ja pausenlos neue Stücke. Deshalb wäre es auch schön, wenn ich mal für andere Leute was schreiben könnte. Ich selber kann die vielen Ideen, die ich habe, gar nicht alle selber verarbeiten.

Wenn Du neue Songs schreibst, wie geht das dann vor sich? Kommen zuerst die Melodien oder sind erst die Texte da?
Immer ist erst die Musik da und dann kommt der Text, was für mich die eigentliche Arbeit ist. Die Musik dazu fällt mir irgendwie immer ein.

Viele Deiner Alben sind unter dem Namen "CRAZY CHRIS KRAMER" erschienen. Auf Deinem letzten Album "Kramer kommt!" fehlt erstmals das "Crazy" und Du heißt auf dem Cover nur noch CHRIS KRAMER. Hast Du den "Crazy" im Rhein versenkt oder wo ist der geblieben?
Ja, wir haben einen kleinen Schnitt gemacht und die Homepage, das Layout und meinen Look - wie man so sagt - verändert und dabei ist das "Crazy" weggefallen. Und wir haben diesen tollen "Kramer kommt!"-Text erfunden und die CD dann gleich so genannt.

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Deine Platten klingen alle sehr ehrlich und persönlich. Hat nie eine Plattenfirma versucht, Einfluss auf die Musik zu nehmen? Bei manchen Bands mit einem Majorlabel im Hintergrund könnte man das nämlich vermuten.
Ich bin ja selbst mein Label und von daher redet mir keiner rein. Ich hole mir aber schon und auch sehr gerne und regelmäßig Meinungen von meinen Kumpels ein und glaube, meine Grenzen zu kennen und zu wissen, dass ich diese nicht allein überwinden kann.

Du hast mittlerweile vier deutschsprachige Alben rausgebracht, dazu eine Live-DVD. Wo nimmst Du diese wahnsinnig guten Ideen für Deine Texte her? Es sind ja richtige Perlen darunter, wie z. B. "Du gabst mir sieben Kinder".
Ach, das ist ganz unterschiedlich. Da gibt es zum Beispiel auf der "Komm mit"-CD den Song "Du sagst, Du liebst mich". In diesem Lied herrscht ziemliches Chaos, die Frau verarscht ihren Mann ja von vorne bis hinten. Man wird richtig zornig beim Zuhören und denkt sich: Jetzt ist es doch mal gut, schnallt der Typ das denn einfach nicht? Konto leer, Auto weg, CD-Sammlung verscherbelt - und der Kerl sagt immer noch: "Kennst Du jemanden, bei dem immer alles glatt läuft?" Die Idee zu dem Lied kam mir, nachdem ich einen "Tatort" gesehen hatte, in dem die Frau den Mann auch in dieser Form verarschte. Am Ende des Films hatte der betrogene Mann dann das perfekte Verbrechen begangen, hatte seine Frau und ihren Liebhaber entsorgt. Und der Kerl wurde nicht gefasst. Die Kommissarin äußerte zwar den Verdacht, dass er für sie der Schuldige sei, aber man konnte es ihm nicht nachweisen. Als Zuschauer hatte man sich darüber richtig gefreut. Und genauso ist es auch in meinem Lied. Am Schluss endet es tödlich und er fährt erst mal seelenruhig in die Südsee, weil bei der Obduktion nichts festgestellt wurde. Das war also quasi eine Inspiration aus dem Fernsehen. Um Euren Lesern das allgemein zu erklären, kannst Du aufschreiben, dass mich ein Thema berühren muss, ich mich zum Beispiel für eine Sache schämen muss. Jemand sagt etwas, ich fühle mich ertappt und denke, "Shit, da muss ich mich ja mal an die eigene Nase fassen." Oder mein Humor schlägt zu, dann kommen da solche Worte raus, wie "Du gabst mir sieben Kinder und keins davon sieht aus wie ich..." Ich sehe diese Zeilen vor mir und muss dann nur noch runter schreiben, wie die sieben Kinder entstanden sind und wer dafür verantwortlich ist. Ich muss nur rechtzeitig aufhören oder kürzen, denn ansonsten habe ich nachher fünfzehn oder zwanzig Kinder.

Du singst die meisten Deiner Lieder in der Ich-Form. Da liegt die Frage nahe, ob manche Nummer Autobiographisches enthält?
Ja natürlich. Ich singe zum Beispiel auf dem aktuellen Album ein Lied für meinen verstorbenen Vater, das heißt "Ein Teil von Dir". Den singe ich auch abends auf der Bühne sehr oft und da kann es schon mal passieren, dass dazu geweint wird. Auch heute noch kommt es tatsächlich vor, dass ich mir ein paar Tränen während der letzten Strophe nicht verkneifen kann. In der Regel ist es aber so, dass ich die Tränen beim Komponieren des Titels hatte und die also schon für mein Publikum vorgeheult habe. Das Publikum darf aber trotzdem gerne nochmal nachlegen, wenn sie es denn wollen. Das ist auch überhaupt nicht schlimm, denn alles, was die Augen feucht macht, berührt die Seele, ist reinigend und gut. Es gibt auch noch andere autobiographische Details in meinen Liedern. Aber grundsätzlich ist meine Antwort auf diese Frage immer die: Ich erzähle viele Geschichten und einige davon sind auch wahr.

Da hake ich doch gleich mal nach, denn jetzt will ich es genau wissen. Es gibt nämlich zwei Titel von Dir, in denen Du sehr privat wirst. In "Ich wollte immer klingen wie James Brown" vom Album "Unterwegs" schilderst Du, wie Deine Mutter Dir anstatt einer Gitarre versehentlich ein Banjo schenkte. Und auf Deinem ersten deutschsprachigen Album "Komm mit" aus dem Jahr 2008 findet sich der Song "Ungefähr mit 13". Dort erfährt der Hörer, wie Dein Vater Dir zu ersten Erfahrungen mit der Bluesharp verhalf. Sind das nun fiktive Geschichten oder ist es wirklich so passiert?
Wie eben schon gesagt: Mein Standardspruch ist bei solchen Fragen, ich erzähle viele Geschichten und einige sind auch wahr. Aber die Geschichte mit dem Banjo ist frei erfunden, aber schön, oder? (mit einem Augenzwinkern)

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Du hast es eben schon angesprochen, auf der letzten MAFFAY-Tournee stand CHRISTIAN KRAMER mit seiner Harp als Gastmusiker mit auf der Bühne. Wie habt Ihr zwei denn zueinander gefunden, denn eigentlich kommt Ihr ja aus gänzlich unterschiedlichen musikalischen Lagern?
PETER MAFFAY hatte seinerzeit gerade seine "Tattoos"-CD auf dem Markt, die sich auch recht gut verkaufte. Nun überlegte man sich, schieben wir mal noch eine Premium-Edition des Albums hinterher, auf der PETER MAFFAY unplugged zu hören ist. Da sollte er eben nur mit Akustikgitarre zu hören sein, dazu mal ein Cello, mal eine Harfe und dann auch mal eine Bluesharp. Nun fragte man sich: Wer spielt denn bei uns gut Bluesharp? Und dann sagte CARL CARLTON, der mich kannte und der Gitarrist und so eine Art musikalischer Leiter bei MAFFAY ist, "Wenn wir einen Mundharmonikaspieler brauchen, dann sollten wir den KRAMER nehmen, der ist eigentlich der Beste." Gesagt, getan. Die haben mich dann eingeflogen zum Starnberger See, da hat er ein richtig gutes Studio. Ich kürze das jetzt mal ab, sonst könnten wir alleine darüber noch Stunden erzählen. Nachdem wir die CD eingespielt hatten, fragte PETER mich: "CHRIS, könntest Du Dir vorstellen, mit mir auf Tournee zu gehen?" Das konnte ich mir natürlich sehr gut vorstellen und so haben wir insgesamt 27 Konzerte gespielt, alle in ausverkauften Hallen. Dabei waren u. a. die o2 World Berlin und was für mich ganz emotional war: Die Westfalenhalle in Dortmund. Da war ich mit dreizehn Jahren mal als Zuschauer bei einer Heavy Metal-Nacht und die Halle war für mich so groß, wie ganz Hollywood. Und jetzt stand ich da selbst auf der Bühne und habe den Laden gerockt! Die Halle ist total ausgeflippt bei meinem Solo, das war schon irre. Da wirst Du mit ganz viel Adrenalin geflutet und kannst die ganze Nacht nicht schlafen.

Du spielst ja meistens in kleineren Clubs, hast nun aber auch mal die großen Arenen kennengelernt. Welche Auftritte machen Dir als Musiker mehr Spaß und Freude?
Das Schöne am Musikmachen ist ja die Abwechslung. Es gibt die Arbeit im Studio, dann gibt es die ganz intimen Momente, wenn Du ganz allein bist mit Deinen Gefühlen und ein Lied oder einen Text schreibst, der Dich selbst zum Lachen oder Weinen bringt oder der eine Art Problemlösung darstellt, nach der Du schon lange gesucht hast. Und dann gibt es eben noch die Liveauftritte. Das, was ich erlebt habe, kann mir keiner mehr nehmen. Ich weiß nicht, ob ich es mit meiner Musik noch schaffe, große Arenen auszuverkaufen, da bin ich realistisch genug. Ich glaube schon, dass ich noch Platz nach oben habe. Dazu muss ich aber ein Forum geboten bekommen, auf dem ich mich präsentieren kann. Ich war z. B. bei "Geld oder Liebe", ich war mit PETER MAFFAY unterwegs und immer war ich der Publikumsliebling. Wenn ich irgendwo im Fernsehen war, war auch hinterher die Reaktion immer groß. Sollte das in Zukunft häufiger passieren, wird mit Sicherheit auch mein Publikum anwachsen. Da bin ich ganz entspannt. Aber ich bin jetzt etwas abgewichen von der Frage. Ich finde eigentlich beides schön. Jedes hat seine Reize. In Clubs ist man natürlich näher dran am Publikum, in großen Arenen ist die Begeisterung eine andere.

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Was weißt Du eigentlich über die Bluesszene in der ehemaligen DDR?
Mit den BLUEBYRDS hatte ich ja meine ersten mittleren bis größeren Erfolge. Wir haben überall gespielt, irgendwann dann auch hier im Osten. Da haben wir schnell gemerkt, dass die Leute vom Blues sehr viel Ahnung hatten. Uns wurde dann erklärt, dass der Blues eben zu DDR-Zeiten eine Art Undergroundmusik war, zu der man sich getroffen hat, diskutiert hat usw. Wir haben uns jedenfalls gewundert, dass die hier richtig Bescheid wussten und die Materie kannten. Wir kamen dann immer rein und sagten "Glück auf!", haben aber dabei die Nase niemals zu hoch gehalten. Dadurch hatten wir sofort die Herzen der Leute gewonnen. Wir unterschieden uns dadurch Anfang/Mitte der Neunziger wohl extrem von anderen Bands aus dem Westen, die halt doch eher hochnäsig auftraten. Wir hatten hier die geilsten Konzerte, das war ganz toll. Die hatten uns als Menschen und auch unseren Humor, voll und ganz akzeptiert. Gerade mit diesem Ruhrpotthumor klappt das ganz gut. Ich grüße jeden, selbst in Bayern, immer mit "Glück auf!". Dadurch kommt man eigentlich sofort miteinander ins Gespräch und ich habe das Gefühl, mein Samen fällt auf fruchtbaren Boden.

Kennst Du denn inzwischen die ostdeutsche Bluesszene etwas näher, gab es vielleicht schon mal einen gemeinsamen Auftritt?
Ja klar, ich kenne MONOKEL, ich kenne ENGERLING. ENGERLING finde ich sogar absolut geil. Weiter die EASTBLUES EXPERIENCE und auch JÜRGEN KERTH. Gemeinsam aufgetreten bin noch mit keinem. Es gab mal einen Veranstalter in Chemnitz, der hatte laut über eine solche Mugge nachgedacht, doch das klappte dann irgendwie alles nicht. Wir sollten mit JÜRGEN KERTH zusammen spielen, aber dann hatte das wohl bei uns mit dem Termin nicht hingehauen. Doch ich bin da optimistisch und hoffe, dass sich das noch mal ergeben wird.

Sagt Dir der Name STEFAN DIESTELMANN etwas?
Klar! DIESTELMANN hat mit BERND KLEINOW zusammen den "Reichsbahnblues" gespielt. BERND KLEINOW habe ich mal persönlich getroffen. Ein sehr, sehr angenehmer Mensch, ein ganz wunderbarer Mundharmonikaspieler, der noch dazu ganz unaufdringlich und bescheiden ist. Sowohl als Mensch, wie auch als Spieler. Ich mag ihn sehr. Den Mann höre ich spielen und schon geht mir das Herz auf. DIESTELMANN selber konnte ich leider nicht kennenlernen. Aber ich weiß, was er für ein toller Bluesmusiker war. Den "Reichsbahnblues" haben wir natürlich auch im Westen mitbekommen. Das war schon eine großartige Nummer.

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Apropos DIESTELMANN... In seiner "Bluesgeschichte" lautet eine Textzeile: "Blues sei Sache der Schwarzen und ihn zu spielen, gehört ein schwarzes Gesicht". Du bist nun alles andere als schwarz, machst dennoch wunderbaren Blues.
Blues ist eben einfach eine Sache von und für Menschen. Solange es Menschen gibt, wird es auch den Blues oder die Folkloremusik im weitesten Sinne geben. Da wird ehrlich über die Freuden und auch Sorgen der Menschen gesprochen und gesungen. Und diejenigen, die sagen, Blues geht nicht auf Deutsch, die haben den Blues überhaupt nicht verstanden, so hart das auch klingt. Die wissen nicht, dass es beim Blues um aufrichtige Gefühle geht, die aus der Seele nach draußen gelangen. Und dann ist es doch völlig natürlich, dass man das in der Sprache macht, die man von seiner Mutter gelernt hat. Ich würde niemals die Leute verteufeln, die auf Englisch singen. Wenn man international auftritt, macht das ja auch Sinn, denn man will ja verstanden werden vom Publikum. Früher habe ich irgendwelche englischen Balla-Balla-Texte gesungen, weil die Leute einfach nur oberflächlichen Blues hören wollten. Das ist genau so, als wenn jemand sagt, er will nur oberflächlich mit irgendeinem Discosound, oder irgendwelcher Retortenkackmusik unterhalten werden, aber die Texte dazu sind egal, weil er die ja eh nicht versteht. Ja, DIESTELMANN hat durchaus Recht, das Gefühl des Blues ist ursprünglich schwarz. Diese Diskussion gibt es ja schon seit Ewigkeiten, schon bei den ROLLING STONES wurde gefragt: "Dürfen und können Weiße überhaupt den Blues singen?" LEADBELLY hat mal gesagt: "Der weiße Mann kann keinen Blues singen, denn er hat ja nichts, worüber er sich Sorgen machen muss." Der Mann wurde 1889 geboren, lebte also zu einer ganz anderen Zeit, als die Uhren noch anders schlugen. Aus seiner damaligen Sicht stimmte der Spruch also vielleicht sogar. Aber ich meine, auch ein weißer Mann hat seine Probleme, wird mal von einer Frau verlassen oder baut irgendwelche Scheiße. Warum soll er dann darüber nicht singen dürfen?

Kannst Du Unterschiede zwischen dem Publikum in den alten Bundesländern zu dem in den neuen Bundesländern feststellen?
(überlegt einen Moment) Nein, eigentlich nicht. Also, ich bin sehr gerne unterwegs, lerne gern neue Leute und deren Dialekte kennen. Ich fordere das sogar heraus und animiere die Leute, offen zu sein. Ich habe auch nichts gegen Zwischenrufe, ganz im Gegenteil, denn dann habe ich etwas, mit dem ich arbeiten kann. Es gibt natürlich manche Regionen oder manche Clubs und Läden, da sind die Zuschauer regelrecht still. Sagen wir mal so; das klingt jetzt vielleicht etwas hochnäsig, aber ich bin einfach ich, und vielleicht gebe ich dem Publikum damit das Gefühl, der ist ja auch nicht besser, als ich, der ist auch nur ein Depp. Auf jeden Fall möchte ich den Leuten, die zu mir ins Konzert kommen, eine gute Zeit geben und sie unterhalten. Weißt Du, früher wollte ich immer der beste Mundharmonikaspieler sein und habe immer nach links und rechts geguckt, was machen die Anderen gerade? Das brauche ich nicht mehr. Je mehr ich auch ich selbst sein kann, desto mehr kann ich auch den Anderen den Anderen sein lassen. Und weil Du ja eigentlich nach Ost und West gefragt hattest: Diese Teilung und Trennung existiert in meinem Kopf überhaupt nicht. Als wir das erste Mal im Osten waren, spielten wir zuerst bei irgendeinem Motorradclub in Lübeck, ehe es rüber ging nach Schwerin, Rostock und diese ganze Ecke. Damals war es entweder so, dass wir gar nichts tranken, oder wir tranken so lange, bis der Kopf auf den Tresen knallte. Ich brauchte jedenfalls mehrere Tage, um mich zu regenerieren, weil das alles so intensiv war. Und auf der Rückfahrt wurde mir dann klar: Mensch, jetzt waren wir im Osten, im Nordosten genauer gesagt. Davon hatten wir überhaupt nichts gemerkt. Ich hatte früher auch nie Verwandtschaft in der DDR und so dachte ich, in der DDR gibt es nur Sachsen und so sprechen die auch, die sächseln alle. Da im Norden merkte man davon aber überhaupt nichts, darüber war ich etwas verwundert (lacht). Ich habe aber generell keine Probleme mit den Menschen in anderen Regionen. Auch in Österreich, wo man uns Deutsche ja eigentlich nicht so mag, kenne ich keine Berührungsängste. Ich gehe einfach auf die Leute zu und sage: "Hallo, ich bin der Chris, Glück auf!" Man sagt ja nicht umsonst: Wie man in den Wald rein ruft, so schallt es auch wieder heraus. Und ein dummes Arschloch triffst Du genauso in Buxtehude, wie in Berlin, Bayern oder im Ruhrgebiet. Das Schöne ist ja, wer zu mir kommt, der kommt in der Regel freiwillig und zahlt sogar eine Hürde, nämlich den Eintritt. Und dann weiß ich, die wollen wirklich mich und dann kriegen die auch mich.

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Du hast heute während des Konzertes mehrfach JOHN LEE HOOKER erwähnt...
Leider habe ich JOHN LEE HOOKER nie persönlich kennengelernt. Aber ich habe ihn einmal gesehen. Das war 1991 im Stadtpark in Hamburg. Ich war fasziniert von diesem Auftritt. Hooker kam auf die Bühne und hat nicht etwa gesagt: "Hallo Deutschland, hallo Hamburg, mein Name ist JOHN LEE HOOKER". Nein, der hat sich einfach hingesetzt und gebrummt: "Mmmmmmmmm" (Anmerkung des Autors: Schade, dass ihr nicht sehen und hören könnt, wie inbrünstig CHRIS KRAMER dieses Mmmmm nachmacht!). Alle sind total ausgeflippt, ich auch. Als HOOKER dann irgendwann am Ende des Konzertes einfach mal nur aufgestanden ist, sind wieder alle total ausgerastet vor Begeisterung. Nur weil ein alter Afroamerikaner von seinem Stuhl aufsteht! Das muss man sich mal vorstellen. Ich habe geweint vor Freude! Yeah, Yeah! Da habe ich dann hinterher gesagt: Das ist cool, das möchte ich auch mal haben. Nur fürs Nichtstun beklatscht werden. Natürlich fand ich den JOHN LEE HOOKER aber auch arschcool. Eine Zeitlang war er mein absoluter Favorit. Das ist einfach so, wenn man Blues mag, dann mag man auch JOHN LEE HOOKER.

Gab es außer JOHN LEE HOOKER sonst noch musikalische Vorbilder für Dich?
Als Mundharmonikaspieler hat mich beim Bluesfestival 1994 in Unna CHARLIE MUSSELWHITE sehr beeindruckt. Ich war wirklich tief berührt, als ich dann bei seinem Konzert als Zugabe "Christo Redentor" hören durfte. Für mich war dieses Erlebnis der Startpunkt, mich mit der Stilistik auf der Mundharmonika auseinanderzusetzen. Mittlerweile darf ich mich selbst auch als Meister des Mundharmonikaspielens bezeichnen. Das war jedenfalls für mich der Ultraschub. In seiner Ganzheit als Künstler hat mich LUTHER ALLISON immer sehr beeindruckt. Einfach schon, wie der auf die Bühne gekommen ist und mit welcher Intensität der Musik gemacht hat. Dem habe ich wirklich abgenommen, dass er für die Leute spielt. Wenn der gesagt hat: "Ich freue mich hier zu sein und nur für Euch zu spielen", dann habe ich dem das auch geglaubt. Bei anderen hatte ich da immer so meine Zweifel. LUTHER ALLISON jedenfalls habe ich geliebt.

Das bringt mich zu der Frage, mit wem Du gerne mal zusammen auf der Bühne stehen möchtest?
Also dafür reicht Dein Aufnahmegerät nicht (lacht). Es gibt da ganz viele, mit denen ich mir das vorstellen könnte. Ich bin ja auch immer so ein Träumer und werde dann völlig versessen darauf. Aber ich bin auch abergläubisch und denke, wenn ich das jetzt hier laut sage, klappt das nicht mehr, deshalb lasse ich es lieber. Ich bin übrigens nicht nur heiß drauf, mit prominenten Musikern zu spielen. Das ist natürlich toll, aber es gibt auch viele andere gute Leute, die nicht ganz so bekannt sind. Ich habe da jetzt in Schwerte so eine kleine Unplugged-Reihe ins Leben gerufen, zu der ich immer drei Künstler einlade, dazu moderiere ich, und mit jedem spiele ich auch ein bisschen. Da sind durchaus gute Singer/Songwriter dabei. Wenn ich mit denen spiele, geht mir genauso das Herz auf, wie damals, als ich JACK BRUCE (Anm. des Autors: Bassist bei Alexis Korner, John Mayall, Manfred Mann und Cream) getroffen habe. Diese Begegnung war natürlich der Hammer für mich, auch wenn ich sehr nervös war.

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Am Ende Deines Konzertes hier in Kremmen, und vermutlich sonst auch, hast Du eine besondere Gitarre ausgepackt, nämlich die "Ruhrpott-Zigarrenkiste". Was hat es damit auf sich?
Die Geschichte dazu ist die: Die Leute hatten früher kein Geld für teure Musikinstrumente. Also waren sie erfinderisch und nahmen einfach eine große Zigarrenkiste, einen Besenstiel, zogen ein paar Saiten darüber und schon hatten sie eine Gitarre. Diese Art Gitarre hat einen ganz speziellen Sound, der sehr rustikal und rudimentär ist. Ich habe mir jetzt auch eine Zigarrenkistengitarre bauen lassen. Selbst bin ich für sowas leider total unbegabt, habe handwerklich eher nicht so viele Ambitionen. Sie klingt auf jeden Fall sehr gut und es ist jedes Mal eine besondere Show, wenn ich sie raushole. Dazu fallen mir auch immer sehr witzige Geschichten ein. Ich habe auch schon wieder die nächsten Ideen, die ich hoffentlich in den nächsten Jahren auch umsetzen kann, um dann rund um die Zigarrenkistengitarre neue Songs zu schreiben und Geschichten dazu zu erzählen.

Auf dem Gitarrenhals findet sich der Aufdruck "Glück Auf!" Wie kommt der denn dahin?
Ja, ich bin sehr heimatverbunden, bin bekennender Ruhrpottler. Je älter ich werde, um so klarer wird mir das, umso traditioneller werde ich. Ich musste auch erst einmal nach Amerika fliegen, um zu erkennen, wie schön es zu Hause ist. Es ist doch eine prima Sache, wenn man weiß, wo man herkommt und wo man hingehört. Deshalb wollte ich diese Verbundenheit in Form des "Glück Auf!"-Spruchs auf der Gitarre festhalten. Aber es ist ja nicht nur der Spruch, sondern auf dem Korpus findest Du auch noch Kohlestücke und einen Förderturm, den Schriftzug "Ruhrpott" kannst Du auch sehen und die Schalllöcher sind die Siphons aus der Waschkaue. Das ist halt sehr ungewöhnlich und eigen. Es ist eben MEINE Gitarre. Die gibt es nirgendwo anders. Das Ding ist ein Stück von mir und ich hoffe, sie wird in den nächsten Jahren noch viel mehr ein Stück von mir. Ich glaube ja auch daran, dass die Instrumente einem Geschichten erzählen. Ich spiele viel mit verschiedenen Stimmungen. Wenn ich dann mal eine neue Stimmung spiele und ich setze mich mit der einen Tag lang auseinander, passiert es immer, dass mir ein neuer Song einfällt. Meistens sogar gleich drei. Manchmal auch acht, aber vier davon sind dann nur Ideen auf dem Weg hin zu einer Gesamtidee. Das muss man lernen zu unterscheiden.

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Du hast vor einigen Tagen den German Blues Award in der Kategorie "Beste Mundharmonika" gewonnen. Welche Bedeutung hat dieser Preis für Dich? Oder sagst Du, solche Preise sind mir egal?
Ja, das hat durchaus eine Bedeutung für mich, weil es der einzige Bluespreis ist, den wir in Deutschland haben. Rein technisch ist das so, dass eine Fachjury im Vorfeld Leute nominiert. Beim ersten Award hat die Fachjury sofort selbst bestimmt, wer gewonnen hat. Da hatte ich schon mit großem Abstand die Mundharmonika-Kategorie gewonnen. In diesem Jahr wurde der Mundharmonikapreis zum zweiten Mal vergeben, aber diesmal hat die Fachjury nur nominiert und dann wurde durch ein sehr aufwendiges Verfahren im Internet zur Abstimmung aufgerufen. Da konnte man also davon ausgehen, dass wirklich nur Leute abgestimmt haben, die was von der Materie verstehen und auch mitmachen wollten. Das ist natürlich für mich eine doppelte Auszeichnung, weil ich auch nach dem neuen Wahlverfahren der Beste wurde. Das macht mich stolz. So ein Preis ist auch immer ein Grund für eine Pressemitteilung, in der man hinterher sagen kann: "Bitte bucht mich doch, ich bin der CHRIS. Ich habe nicht nur mit PETER MAFFAY gespielt, sondern habe auch zweimal den German Blues Award gewonnen." Ich spiele etwa hundert Gigs im Jahr und das schon seit zwanzig Jahren. Das kann alles kein Zufall sein. Durch jeden Gig, jede Pressemitteilung findest Du neue Interessenten für Deine Musik. So ein Preis ist also eine kleine, aber wichtige Sache, die zwar mein Leben nicht verändert und mich auch nicht zu einem besseren Spieler auf der Harp macht, denn ich kann deshalb nicht automatisch mehr Töne spielen, als bisher. Aber es ist eine Würdigung meiner Arbeit und darauf kann man aufbauen und weitermachen.

Könntest Du Dir vorstellen, dem Blues auch mal untreu zu werden?
Sagen wir mal so: Ich würde mir für mich wünschen, dass ich als Mundharmonikaspieler auch mal bei anderen Projekten dabei sein kann. Ich würde z. B. gerne mal eine Hip Hop-Sache mit FANTA 4 machen. Oder auch mal Reggae. Ich bin unwahrscheinlich vielseitig auf meiner Mundharmonika. Schade, dass ich Dir nicht einfach mal was in Dein Aufnahmegerät spielen kann. Ich kann mein Instrument umstimmen, wie bei einer Gitarre. Dadurch kann ich unheimlich viele Sachen auf der Mundharmonika machen, auch Hip Hop. Das basiert für mich ohnehin alles auf Blues, Soul und Funk. Das sind alles Dinge, die ich gerne noch machen würde, einfach auch für mich selbst, damit ich das mal erleben kann. Auch, um es Leuten zu zeigen, die sonst nie zu mir kommen würden. Und sowas wie gestern, als nur vierzig Leute in meinem Konzert saßen, wollte ich auch schon immer mal probieren. Ich habe zu ihnen gesagt: "Wisst Ihr was, ich lass einfach mal das Mikrofon weg und Ihr seid dafür ein bisschen ruhiger. Meine Stimme ist etwas lauter und geschulter, als Eure, das wird eine ganz intime Sache." Und die Leute waren selig, denn sowas hatten sie auch noch nicht erlebt. Da durfte dann aber auch niemand mit dem Geschirr oder den Gläsern klappern. Es war irgendwie ein ganz intensives Wir-Gefühl. Natürlich war die Singerei für mich doppelt anstrengend, aber ich habe sehr viel Volumen und Power, da ging das schon. Also mal mache ich solche Aktionen auch sehr gerne.

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Möchtest Du gerne in der Heimat des Blues, also in Amerika leben?
Ich war jetzt zweimal dort. Es war sehr schön, es war sehr lehrreich, es ist ein tolles Land mit freundlichen Menschen und einer unglaublichen Weite. In Amerika leben... (überlegt eine Weile) ... Amerika ist ja nun so groß, wie Europa, aber ich denke, in Europa zu leben, das ist fast unschlagbar. Andererseits weiß man nie genau, was einem noch passiert. Angenommen, ich bin mal drüben und verliebe mich da in eine Frau, dann bleibe ich vielleicht auch da und lebe dann in Kentucky, Washington oder sonst wo. Zurecht kommen würde ich überall, selbst in Asien oder Skandinavien. Wegen meiner Musik mache ich mir keine Sorgen, die kommt in Amerika gut an, das habe ich ja erlebt. Mit 28 Jahren war ich das erste Mal dort und wurde behandelt, wie ELVIS PRESLEY! Da habe ich schon gestaunt und mich gefreut. Es ist ja auch nicht so, dass es dort in jeder Stadt zehn Mundharmonikaspieler gibt, die besser sind, als ich. Ich bin schon gut und muss mich nicht verstecken. Selbst mit meinem Gesang komme ich an bei den Amis. Das ist schon etwas schwieriger, weil es in dem Land eine Menge grandioser Sänger gibt. Auf jeder Session kommt dort mindestens ein alter Opa auf die Bühne und fängt an, zu singen und Du denkst Dir: Hallelujah! Aber wie gesagt, auch mit meinem Gesang muss ich mich nicht verstecken. Man kann in Amerika auf jeden Fall eine schöne Zeit haben. Aber da gibt es schon eine Menge Konkurrenz. Das Schöne ist auch, man kann dort sieben Tage in der Woche Musik machen. Es gibt in jeder Region mehrere Bands und Musiker, die in bestimmten Kneipen auftreten und die spielen dann wirklich jeden Tag. Aber die bleiben dann auch in ihrer Gegend, reisen nur innerhalb der Clubs und Kneipen umher. Am Grand Canyon oder in den Rocky Mountains waren die noch nie. Als ich in Austin/Texas war, ging ich in ein Musikgeschäft, um mir Zubehör zu kaufen. Ich fragte den Verkäufer: "Wo geht es denn hier nach New Orleans?" Der sah mich an und meinte, er wäre jetzt 62 Jahre, war aber noch niemals in New Orleans. Amerika ist also wirklich ein Land der Extreme, in jeder Hinsicht.

Du hast über viele Jahre anderen Menschen Unterricht auf der Harp gegeben. Insgesamt haben mehr als 12.000 Leute bei Dir den Umgang mit diesem kleinen Instrument gelernt. Eine irre Zahl. Seit kurzem hast Du aber damit aufgehört. Warum?
Ich habe das vor ein paar Jahren aufgegeben, weil ich mich nur auf meine Musik konzentrieren wollte. Ich habe mir nämlich irgendwann selbst im Weg gestanden. Vielleicht kommt diese Frage ja bei Dir noch oder vielleicht stellst Du sie mir aus Höflichkeit auch gar nicht, aber viele Leute fragen mich: "Eigentlich müsstest Du schon weiter sein mit Deiner Karriere, CHRIS. Was ist los?" Da muss ich ehrlich sagen: Ja, sie haben Recht. Ein Grund dafür ist, dass ich mich zu oft neu erfunden habe. Ich hatte immer mal neue Ideen und auch die Möglichkeit, diese umzusetzen, also machte ich zwischendurch mal Weltmusik. Ich nahm also mit HELGE SCHNEIDER und PETE YORK zusammen die CD "Journey" auf. Die Medienleute mögen mich eigentlich ganz gerne und die freuten sich tierisch und sagten: Jetzt kann der KRAMER endlich mal eine ganze Seite kriegen. Nun war ich aber eigentlich der Bluestyp. Die Bluesfans konnten also mit der "Journey"-CD aus dem Jahr 2000 nichts anfangen und sie maulten: "Was ist denn das für eine Scheiße...?" Dann hatte ich manchmal fünf verschiedene Projekte zur gleichen Zeit zu laufen, also die Choräle, Weltmusik, GROOVEHANDS, BLUEBYRDS, CHRIS KRAMER deutsch, CHRIS KRAMER solo oder im Duo oder mit Band. So kam es, dass schon mal falsche Plakate von uns verteilt wurden, falsche Zeitungsankündigungen kamen raus. Und ich habe irgendwann gemerkt: Fünf mal zwanzig Prozent sind nicht gleich einhundert. Wer nach allen Seiten offen ist, ist eben manchmal auch nicht ganz dicht. Ich musste mich also auf irgendwas fokussieren und somit den Leuten mal über einen Zeitraum von drei, vier oder fünf Jahren die Chance geben, mich wirklich mal in eine Schublade zu stecken. Der Name CHRIS KRAMER sollte mal für irgendwas stehen. Also habe ich alles eingedampft, was nebenher lief. Auch die Mundharmonikaschule. Mir war bewusst, dass ich ja jederzeit wieder anfangen kann. Und im Moment kommen gerade die Überlegungen, mal wieder damit zu beginnen. Vielleicht während meiner nächsten Tour. Dann auf einem Off-Day (spielfreier Tag). Oder wenn ich weiß, ich spiele an einem Dienstag in einem Laden, in den unter der Woche sowieso niemand kommt, dann kann ich doch sagen: Das erspare ich mir und mache stattdessen lieber einen Workshop irgendwo in Posemuckel, da rennen die mir die Bude ein und ich habe wahrscheinlich sogar eine Warteliste. Ich habe diesen Unterricht immer mit sehr viel Liebe und Engagement gemacht. Wie gesagt, der Gedanke ist da, aber ich weiß noch nicht genau, wie und ob und wann. Das kann man dann alles auf meiner Homepage nachlesen.

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Waren unter Deinen Schülern auch Prominente?
Nein, nicht wirklich.

Wie viel Stunden am Tag musst Du üben, um an der Harp fit zu bleiben?
Es gibt viele Tage, an denen ich gar nicht übe. Ein anderes Mal mache ich den ganzen Tag Musik. Ich manage mich ja selbst, habe noch einen kleinen Musikverlag mit ein paar Angestellten, muss also auch mal Büroarbeit machen. Das sind dann die Tage, an denen die Harp in der Tasche bleibt. Dafür übe ich am nächsten Tag um so mehr. Zu Hause habe ich jetzt das erste Mal in meinem Leben ein kleines Homestudio und seitdem übe ich natürlich noch viel lieber und viel mehr.

Wie lange braucht man bei durchschnittlichem Talent, um halbwegs sicher auf der Mundharmonika spielen zu können?
Mein Ziel war es, nach vier Stunden die Leute so weit zu bringen, dass sie es theoretisch verstanden und auch schon praktisch umgesetzt haben und ich so viel Hilfe zur Selbsthilfe geleistet habe, dass sie das Spielen einzelner Töne beherrschen und sich so selber etliche Lieder beibringen konnten. Wenn man das dann zwei bis drei Monate gemacht hat, sollte man zum Blues bzw. Bluestechniken übergehen. Da braucht man dann aber schon ein Jahr, bis man die ersten Sessionbühnen besteigen kann.

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Zurück zu Dir und Deiner Musik. Spielst Du lieber Solo oder mit Band?
Die Frage ist schwer zu beantworten. Natürlich spiele ich gerne mit meiner Band. Das ist schon was anderes, wenn man zu viert im Bandbus sitzt. Aber ich spiele auch sehr gerne solo. Ich will gar nicht erst anfangen, zu sagen, ich spiele lieber das eine, als das andere. Ich liebe die Musik in all ihren Facetten. Selbst in den Momenten, in denen man üben muss. Ich übe gerne, mein Spruch ist immer: Üben hilft. Dabei habe ich immer den Spiegel des eigenen Könnens vor Augen und weiß, was ich alles nicht kann. Das hilft einem sehr dabei, nicht abzuheben. Also zurück zur Frage. Mir ist also beides gleich lieb. Auch die Setliste ist annähernd gleich, obwohl natürlich die Lieder mit Bandbegleitung ganz anders, viel rockiger klingen, als bei einem Soloauftritt. Aber es sind auch ein paar Lieder bei einem Band-Konzert dabei, die ich solo nicht spiele, weil ich sie allein nicht hinbekommen würde.

Bist Du ein Session-Musiker?
Das habe ich früher viel gemacht, war viel auf Sessions. Heute übe ich lieber zu Hause, anstatt zu irgendwelchen Sessions zu gehen. Das hat sich sehr gewandelt. Früher bin ich tatsächlich vier-, fünfmal pro Woche aus dem Haus gegangen zu Blues-Sessions oder irgendwelchen Bands, die bei uns spielten. In der Pause ging ich dann immer zu denen hin und sagte: "Hey ich bin Chris, ich kann Harp spielen!" Ich wollte mir halt einen Namen erspielen. Das habe ich in den ersten Jahren sehr intensiv ausgelebt, als ich noch keine eigene Band hatte. Jetzt habe ich meine eigene Band und meine eigenen Ideen. Und ich merke, dass eine ausgelebte und gereifte persönliche Idee etwas sehr Schönes ist. Aber wenn ich mal irgendwo bin und die Band erkennt mich, dann kann es schon mal passieren, dass ich plötzlich auf der Bühne stehe. Zum Beispiel war ich letztens bei einem Auftritt der BLUES COMPANY, mit denen mich eine jahrelange Freundschaft verbindet. Ich habe vorher nicht angerufen, aber natürlich haben die mich gleich entdeckt. Und sofort ein lautes "Hey! Hallo! Hast Du Deine Mundharmonika dabei? Dann komm rauf!" Das macht dann auch Spaß.

Viele Schauspieler/innen meinen, sie wären gleichzeitig auch gute Sänger/innen und überschwemmen den Markt mit ihren dann doch meistens sehr bescheidenden Gesangskünsten. Könntest Du Dir den umgekehrten Weg vorstellen, also mal eine Filmrolle anzunehmen? Auf der Bühne schlüpfst Du ja manchmal schon in eine Rolle, wenn Du Deine Geschichten erzählst.
Ich habe großen Respekt vor der Schauspielerei. Das ist ein echt harter Beruf und genauso wertig, wie Bankkaufmann oder Schlosser. Ich würde von selbst nie auf die Idee kommen, mal hinter einen Bankschalter zu springen und die Rolle des Kassierers zu übernehmen. Vielleicht wäre ich eine gute Leiche im "Tatort". Also ganz ehrlich: Ich habe tatsächlich schon mal über diese Sache nachgedacht. Aber ich bin sozialisiert worden vom Videorecorder meines älteren Bruders. Da haben wir früher viel "Dirty Harry" geguckt. In einem dieser Filme sagte Harry dann: "A good man must know his limitations". Also "Ein guter Mann muss seine Grenzen kennen". Ich will damit sagen, ich bin kein Schauspieler. Und wenn irgendwer meint, ich sollte das mal machen, dann hat er wahrscheinlich irgendein minimales Talent in mir entdeckt. Oder ich müsste mich selbst spielen. Aber ich wäre halt sehr eingeschränkt in meinen Möglichkeiten. Ich bin kein Armin Rohde, der am Theater gelernt hat und alle Facetten ausfüllen kann, so wie ich auf meinem Instrument.

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Bist Du ein politischer Mensch?
Ich würde mich eher als spirituellen Menschen bezeichnen, also dass ich eher nach dem Glauben frage oder mich mit Sinnfragen auseinandersetze. Aber ich gehe wählen und beschäftige mich auch damit. Das Zeitgeschehen läuft also nicht an mir vorbei. Ich nehme an, Dir geht es gerade um die Sache mit Europa, der Bankenkrise usw.?

Genau. Aber Du kannst die Frage auch ruhig allgemein nehmen und mir sagen, ob Du vielleicht auch mal ein Lied zu einem bestimmten Problem oder Thema schreiben würdest, wenn es Dich genügend bewegt.
Also auf meiner neuen CD "Kramer kommt!" ist ja mit "Geld, Geld, Geld" ein Song drauf, der da schon mal in meiner Kramerschen Art zu dem Thema Stellung nimmt. Ich bin ansonsten eher einer, der, wenn überhaupt, nur den Spiegel hoch hält, aber nicht anklagt. Warum? Ich bin selber ein Sünder, deshalb heißt es ja auch in dem Song: "Sollte einer ohne Sünde sein, werfe er den ersten Stein." Geld ist für mich natürlich relevant. Doch ob man deshalb andere Menschen verarschen oder Banken in den Ruin treiben sollte, da hört mein Verständnis natürlich auch auf. Wenn ich manchmal im Fernsehen Diskussionen zu diesem Thema verfolge, dann habe ich dabei das Problem, dass das Maß auseinander geht. Also wenn ich mal falsch parke oder bei Rot über die Ampel gehe, werde ich dafür belangt und muss dafür Strafe zahlen. Das sehe ich ja auch ein. Wenn aber jemand eine Bank ruiniert und dafür noch Boni kriegt und ich als Bürger dafür gerade stehen soll, dann kann ich das nicht mehr begreifen, da fehlt mir echt der Verstand. Ich bin wahrscheinlich durchschnittlich intelligent, aber das krieg ich nicht hin. Wenn man sich an so was, wie die zehn Gebote hält, dann kommt man, so glaube ich, in jeder Lebenssituation ganz gut zurecht und kann am nächsten Tag noch in den Spiegel gucken. Würden die Menschen also nach gewissen Grundregeln zusammen leben, könnte sowas nicht mehr passieren. Für mich war es aus kaufmännischer Sicht z. B. ein Unding, dass die West LB, also eine ganz normale Sparkasse, dermaßen zocken konnte. Ich dachte immer, das geht überhaupt nicht. Da müsste der Staat viel mehr eingreifen.

Wo siehst Du CHRIS KRAMER in fünf Jahren?
Mit meiner Solo-Show möchte ich mich in der Stadthalle vor vierhundert Zuschauern sehen. Diese Größenordnung wäre okay. Wie kürzlich ein Journalist bemerkte, stehen in meinen Konzerten Lachfalten und Tränendrüsen in engem Konkurrenzkampf. Ich möchte also die Leute am Abend durchaus mal zu Tränen rühren dürfen, aber auch zum Lachen bringen, viele Geschichten erzählen und natürlich gute Musik machen. Die Leute sollen am Ende der Show sagen: Das ist ein toller Musiker, der hat mich schön unterhalten. Schön ist auch immer, wenn man seine Musik ins Ausland bringt. Woanders kann man durchaus mal drei, vier oder fünf deutsche Texte singen, aber dann nutzt sich der Exotenbonus ab und man muss auf Englisch weitermachen. Ich würde aber auch gerne mal als Gastmusiker in einer ausländischen Band mitwirken und so meine Musik nach draußen tragen.

Lass uns zum Ende unseres Interviews noch eine kleine Schnellfragerunde einlegen: Kurze Fragen, kurze Antworten.
Na dann fang mal an.

Hast Du ein persönliches Lieblingsalbum aus Deinem reichhaltigen Schaffen?
Immer das Neuste.

Was hörst Du privat für Musik?
Natürlich viel Blues und Rock, aber auch Singer & Songwriter. In meinem CD-Regal befindet sich fast zu jedem Genre etwas Gutes.

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Träumst Du manchmal davon, DEN Hit Deines Lebens zu schreiben?
Ein Hit, ja, das würde sicher einiges einfacher machen, ich hätte nichts dagegen.

Können wir in naher Zukunft mit einem neuen Album von CHRIS KRAMER rechnen?
Ja, ich plane es für Mitte nächsten Jahres. Auch wieder mit Band, aber hier und da auch mal nur mit Akustikgitarre. Aber keine Angst, es wird kein Unplugged-Album. Mehr will ich noch nicht dazu verraten.

Planst Du so ein neues Album akribisch im Voraus? Oder sagst Du Dir, jetzt habe ich genug Titel beisammen, da könnte ich ja mal wieder ein Album draus machen.
Ja sehr akribisch. Manchmal kommen bis zu vierzig Songs in Betracht, bevor die endgültige, finale Zusammenstellung feststeht.

Letzte Frage: Wenn Du König von Deutschland wärst, was würdest Du in unserem Land (ver)ändern?
Das möchte ich gerne auslassen - hier könnte man ein Buch schreiben und da ich nicht weiß, wo ich hier aufhören sollte, möchte ich erst gar nicht damit anfangen.

Hast Du abschließend noch ein paar Worte an unsere Leser übrig?
Ich bin ein ganz bescheidener Mensch und freue mich immer, wenn so ein Interview, wie heute, gemacht wird. Wenn Du mich also heute zu gewissen Dingen befragst, ist das für mich, wie eine Zugabe, weil sich jemand mit mir und meiner Musik auseinandersetzt. Dafür bin ich sehr dankbar. Und wenn dann sogar noch jemand das Interview bis zum Ende liest und neugierig geworden ist, würde ich mich sehr freuen, wenn er mich auf meiner Homepage (www.chris-kramer.de) besucht. Dann kann ich demjenigen - und allen anderen natürlich auch - versprechen, wenn Ihr nicht nur Eure Ohren aufmacht, sondern auch Euer Herz, werde ich Euch dafür belohnen.

CHRIS, ich bedanke mich bei Dir ganz herzlich, dass Du Dir trotz der späten Stunde und nach einem gespielten Konzert noch die Zeit für dieses Interview genommen hast. Alles Gute für Dich!

 

Interview:Torsten Meyer
Bearbeitung: mb, cr
Fotos: Archiv Chris Kramer

Videoclip:
Ausschnitte von der Solo DVD von
Crazy Chris Kramer. Solo und Live

 


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