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Mit elektronischer Musik haben deutsche Künstler hier in ihrer Heimat, aber auch im Ausland große Erfolge feiern können, denken wir z.B. an POND, Tangerine Dream, Camouflage oder Kraftwerk. Ein Vertreter dieser Musik ist der Münchener Künstler Fancy. Seit über einem Vierteljahrhundert produziert der Musiker unter diesem Namen edelste Popmusik mit einem großen Suchtfaktor. Seine Songs "Slice Me Nice", "Bolero", "Flames Of Love" oder "Lady Of Ice" sind inzwischen Klassiker und waren zur Zeit ihres Erscheinens große Hits. Fancys Spuren führen aber weit aus Deutschland hinaus. In nahezu allen Ländern Europas, in den USA, Asien und vielen anderen Winkeln der Welt waren seine Lieder in den Hitparaden. Sein markantes Äußeres ist zum Markenzeichen geworden und seine extravaganten Auftritte auf den Bühnen der ganzen Welt sind richtige Happenings.
Doch wer ist der Mensch hinter dem Pseudonym und den großartigen Songs? Wie ist der spezielle Fancy-Sound entstanden und wie hat er seinen eigenen Aufstieg erlebt? Wieder mal ein Hauch internationaler Musikszene bei Deutsche Mugge und gleichzeitig ein vielfacher Leserwunsch, den wir hiermit gerne erfüllen...

 

Hallo Fancy, wir haben uns am Rande eines Auftritts von Dir in Chemnitz für dieses Interview verabredet. Was ist das für eine Veranstaltung heute?
Das ist ein Stadtfest, nämlich das Stadtfest von Chemnitz. Ein Radiosender hat dort eine Bühne aufgebaut und etwa um 21:00 Uhr geht's los mit meiner Show. Ich freue mich schon sehr darauf.

Ich kann mich noch dunkel an einen Auftritt von Dir in den 80ern erinnern. Das war für mich damals sehr beeindruckend. Wie sehen Deine Konzerte heute aus? Was präsentierst Du den Leuten auf der Bühne?
Nach so vielen Jahren ist meine Präsenz auf der Bühne, und das sage ich jetzt ganz emotionslos, um einiges kräftiger geworden, insbesondere in Bezug auf die Kommunikation direkt mit dem Publikum. Das macht mir viel Spaß und ich merke auch am Feedback, wie die Leute dadurch heftiger reagieren. Und das ist weltweit so, denn wenn ich in den verschiedensten Ländern unterwegs bin sehe ich, dass ich besser ankomme und mich auch wohler fühle.

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Möchten die Leute bei Deinen Konzerten auch neue Lieder hören oder sind die Konzertgänger nur an Deinen Hits von früher interessiert? Bekommst Du da Resonanz?
Ja! Es ist so, dass es weltweit gesehen - muss ich wieder sagen - diese Retro-Musik ist, die von Sibirien bis Mexiko bevorzugt gewünscht wird. Es gibt mittlererweile auch richtige Retro-Sender und Retro-Konzerte. Da werden nicht die Tages-Playlists und aktuellen Charts gespielt, sondern da geht es wirklich nur darum, eben Musik speziell aus den 80ern zu spielen, und die Konsumenten zelebrieren dann auch so eine Veranstaltung und haben zum Thema eben einen Künstler auf der Bühne. Und ich merke einfach auch, dass die Leute diese Musik und diese Hits, die sie aus den 80ern kennen, hören wollen. Es wäre unklug von mir, sie mit einem neuen Produkt, und das kann noch so gut sein, auf der einen Seite zu überraschen und sie auf der anderen Seite vielleicht auch zu irritieren. Die Leute wollen die alten Hits hören.

Du spielst Deine neuen Songs also gar nicht live?
Doch, aber nur einen oder zwei Titel im gesamten Programm. Der Schwerpunkt liegt bei den Hits der 80er. Der Ablauf muss auch in der Reihenfolge so sein, wie die Leute das in Erinnerung haben. Es gibt inzwischen mehrere Generationen, die zu meinen Konzerten kommen. Ich bin ganz begeistert, dass auch junge Leute auf "Flames Of Love" oder "Slice Me Nice" anspringen und sich darüber freuen.

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Letztes Jahr gab es ja ein eher stilles Jubiläum, nämlich 25 Jahre Fancy. Was ich sehr schade fand war, dass es dazu zwar in Polen eine CD Box mit den ersten fünf Alben von Dir gab, sich hierzulande aber gar nichts tat. Wieso passiert das im Ausland, und warum kommt die Plattenfirma in Deutschland nicht mal auf die Idee, einen verdienten Künstler aus Deutschland entsprechend zu würdigen?
Ja, das ist schon alles so disponiert gewesen. Ich bin kein Freund von Geburtstagsfeierlichkeiten was meine Person selbst betrifft. So habe ich es auch mit dem 25. Jubiläum gehalten. Diese Jubiläumsbox ist natürlich wirklich gut gelungen und sie ehrt mich auch. Ich freue mich sehr darüber. Zum generellen nationalen Gebaren würde ich sagen, da gibt es ja dieses Sprichwort: "Der Prophet gilt nichts im eigenen Land." Da muss ich sagen, dass ich mich da eher still verhalte, denn Deutschland ist ja auch nur ein Bruchteil von dem, wo ich mich rund um das Jahr bei Konzerten präsent zeige, nämlich auf weltweiter internationaler Ebene. Ich bin aber auch dankbar und freue mich nach wie vor darüber, dass ich in den östlicheren Gebieten von Deutschland immer noch im Jahr mehrfach für Konzerte geholt werde. Ich bediene auch das Publikum und das ist der Grund, dass das so gut funktioniert. Dort habe ich immer wieder sehr sehr gute Resonanzen und die Leute freuen sich. Generell ist der Anteil im Ausland aber größer.

Hast Du Dein Jubiläum denn trotzdem gefeiert, vielleicht in einem kleineren Rahmen?
(lacht) Also ich habe mich schon sehr über die Jubiläumsbox gefreut. Das ist natürlich schon eine schöne Sache. Aber da ich derzeit, und das war auch im letzten Jahr schon so, einer Stiftung helfe, die sich um Raubtiere kümmert, war ich auch sehr damit beschäftigt, also fernab von der Musik. Es war keine Zeit zum Feiern. Aber trotzdem bestimmt die Musik weiterhin den größten Teil in meinem Leben. Ich werde das wahrscheinlich alles erst viel später überreißen. Ich fühle mich ja noch nicht so alt wie ich bin, und insofern würde ich sagen, dass ich der Bühne auf längere Zeit schon noch ein bisschen erhalten bleibe. Ich mache das schon gerne noch einige Jahre. Wie lange auch immer, das weiß nur der Liebe Gott. Man kann nicht wissen, ob irgendwann eine Situation in Deutschland um sich greift, durch die ich plötzlich wieder präsenter bin als wir beiden uns das jetzt vorstellen können.

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Wünschen würde ich es Dir. Diese CD Box habe ich mir z.B. mühsam aus Polen besorgen müssen, aber inzwischen gibt es sie - mit einem Jahr Verspätung - auch in Deutschland bei Amazon.
Ja, die ist jetzt da wohl erhältlich. Über das Internet und die Kaufbörsen ist das heute ja auch teilweise schon sehr bequem geworden.

Du bist ein Musiker, der immer wieder und auch heute noch junge Nachwuchskünstler sehr stark beeinflusst hat, und der für manche sogar ein Idol ist. Was gibst Du jungen Musikern heute mit auf den Weg, die im Bereich Disco und Elektronische Musik erfolgreich werden möchten?
Wenn ich diese Frage vor 20 Jahren hätte beantworten müssen - und das habe ich auch damals schon - wäre die Antwort eine andere als heute gewesen. Heute ist es noch schwieriger, eine gute Antwort darauf zu finden, denn die Zeit ist viel schnelllebiger geworden und man tut sich heute wirklich viel schwerer. Ich würde heute - und das ist fast schon ernüchternd und eigentlich sehr traurig - nicht noch einmal anfangen müssen oder wollen. Jetzt aber zu dem konstruktiven Ratschlag: Ich würde sagen, wenn jemand sehr an sich glaubt - und man sieht es auch immer wieder bei diesen Casting Shows - und auch das nötige Talent und die Stimme hat, dann muss es auch in irgendeiner Form funktionieren, dann bringt das einen auch weiter. Man muss heute aber zum Talent schon auch sehr ehrgeizig sein. Die Kombination Ehrgeiz, Talent und dann auch das Know How sind grundsätzliche Voraussetzungen dafür. Wenn ein junger Musiker heute eine Karriere in der Unterhaltungsmusik, z.B. Diskofox oder überhaupt im Pop-Bereich, anstrebt, muss er sehr kreativ sein. Der Künstler muss schon zum Künstler geboren sein. Da reicht es nicht zu sagen: "Jetzt bin ich Künstler und will erfolgreich werden.", und an verschiedenen Stellen fehlt es einfach. Da muss schon einiges zusammen kommen.

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Du hast es gerade schon angesprochen: Wie stehst Du zu Casting-Shows?
Das ist ein gutes Geschäft für die Leute, die das betreiben. Das weiß man, und da erzähle ich ja jetzt nichts Neues. Das hat bei den Machern auch Priorität. Die Talente, sag ich jetzt einfach mal, sind dazu nur das Mittel. Das ist leider so, da wird der Mensch zur Ware degradiert, denn da wird ausgesucht: "Mit wem machen wir mehr Quote?" Da wird dann noch die Öffentlichkeit per Vote zugeschaltet, und die Jury gibt dann auch noch das Ihre dazu, so dass es einfach ein Cocktail von verschiedenen Momenten und Situationen ist, an deren Ende der Erfolg steht. Ich würde aber sagen, dass der Erfolg von der Langfristigkeit her von vornherein schon sehr sehr dünn ist. Das kann ruhig ein Riesenhit sein, vor allen Dingen, wenn man mit Bohlen im Background arbeiten kann und von ihm eine Produktion gemacht bekommt. Es ist aber so, dass man sich Covers bedient. Man singt immer fremde Lieder und nicht die eigenen. So lange die Show im Fernsehen ist, ist das alles noch toll und die Talente werden hoch gehypt bis zum "Geht nicht mehr". Das ist wie ein Komet: einem schnellen und steilen Aufstieg folgt ein ein tiefer Sturz. Es macht Peng und er ist verglüht, denn es kommt schon kurz danach die nächste Staffel. Ein junger Mensch kann das nicht verstehen, wenn sie da künstlich so hochgeschossen werden. Was ich dabei psychologisch für ein bisschen gefährlich halte ist, dass die Leute in der Situation auch glauben, dass sie jetzt ein Superstar sind. Das kann hinterher so schnell verglühen, und das tut es ja eigentlich auch, dass man morgen schon wieder unbekannt ist. Auch bei einem Mark Medlock, der jetzt noch ganz oben ist, weiß man nicht, wie lange das anhält. Er hatte jetzt schon ein paar Hits, die Frage ist aber, wie lange die im Ohr bleiben. Selbst Dieter Bohlen tut sich da schwer, und er ist ja bekanntermaßen ein sehr guter Produzent, der weiß, was man mit einer Stimme, einem Image und einer Person machen kann. Jetzt sehe ich gerade, dass sich der letzte Sieger schon wieder von ihm getrennt hat. Denken wir nur daran, was das für ein wahnsinniges Duo war, mit dem Zweitplatzierten. Aber hört man jetzt noch was von ihm?

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Nein, und seine Tour ist wegen schlechtem Vorverkauf wohl auch abgesagt worden...
Siehst Du. Und dem Zweitplatzierten blüht das auch in Kürze. Ich hoffe es zwar nicht, aber das wird wohl so sein. Das geht halt alles so schnell. Und beide haben auch nicht kapiert, dass sie eine gewisse Zeit lang nur eine Chance zusammen mit Bohlen haben, der auch Mark Medlock noch über Wasser hält. Medlock ist der einzige von allen, der da etwas für sich geschaffen hat. Da kommen viele Faktoren und Einzelheiten zusammen, damit eine Persönlichkeit auch eine Akzeptanz in der Öffentlichkeit bekommt. Da muss so viel zusammen wirken und das ist sehr schwierig, aber so lange Bohlen einen "macht", kann man sich nur freuen und das ist schon mehr als die halbe Miete. Sich von ihm dann zu trennen, ist schon fast wie ein Todesstoß. Man hat ja gesehen, dass die anderen schnell wieder verschwunden sind. Das ist halt so und liegt im System der Sache.

Sprechen wir lieber weiter über Dich: In Verbindung mit dem Namen Fancy fällt auch immer wieder mal die Bezeichnung "King of Discofox". Ist das nicht ein kleines bisschen zu eng bemessen? Immerhin hast Du über all die Jahre weit mehr als nur Discofox gemacht...
Ja, aber was will ich machen? Das ist so eine Schublade, in die man einfach so geschoben wird, ohne dass jemand dabei berücksichtigt, dass man ja wirklich - wie Du sagst - noch ganz andere Sachen gemacht hat. Wenn ich allein an den Song "Check it out" denke, das war 1985 ein Platz 8 in den US Billboard Dance Charts, das wurde hier in Deutschland gar nicht registriert. Und das, obwohl nur ganz wenige Künstler aus Deutschland bislang Charterfolge in den USA hatten. Ich bin wirklich stolz darauf, dass ich in den USA drei Top 10 Hits hatte, und das mit Songs die Stilelemente haben, die nicht zum Discofox gehören. Das sagt in Deutschland aber keiner. In Beantwortung Deiner Frage: Da hast Du Recht, ich habe diesen Titel, dabei hätte ich einen viel breiteren Titel verdient. Aber es ist nun mal so passiert, was soll's?!

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Schauen wir mal ein bisschen weiter zurück. Ich habe gelesen, dass Du Deine schulische Ausbildung u.a. im Internat eines Kapuzinerklosters genossen hast...
Ja, zum Teil. Ich ging da auf ein Gymnasium, das war in Dillingen an der Donau. Ich bin da auch irgendwann vor Jahren mal wieder hingefahren, aber leider existiert das nicht mehr als Kloster. Das gehörte auch nicht den Kapuzinern, wie ich damals erfahren habe. Ich habe aber nicht den Weg eines Mönchs eingeschlagen, sondern ging nach dem Gymnasium nach München zurück und habe Popmusik gemacht.

Jetzt geht man ja von allen möglichen Berufen aus, die man nach so einer Ausbildung erlernt, aber Musiker ist sehr ungewöhnlich. Wann reifte in Dir der Entschluss, diesen Berufsweg einzuschlagen?
Das war schon früh, als ich noch im Gymnasium war. Ich hatte damals schon eine Band und bin mit der auch aufgetreten. Wir haben Cliff Richard gecovert. Ich war ein großer Fan von "Cliff & The Shadows", und nannte meine Band deshalb "Mountain Shadows". Wir haben versucht, relativ gut nachzuspielen und das hat uns viel Spaß gemacht. Zu Schulzeiten waren die Montage für mich richtige "Blue Mondays". Ich bin dann später Verlagskaufmann, Produzent und Autor geworden, also ein "All in one". So wie auch Dieter Bohlen einer ist, nur dass bei Dieter ein Thomas Anders wegen der Stimme, die Dieter nicht hatte, nötig war, und ich zum großen Schrecken auch noch alles selbst gesungen habe (lacht).

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Wann genau - würdest Du sagen - hat Dein beruflicher Werdegang als Musiker begonnen?
Das war während der Schulzeit und war fließend. Ich habe mir einfach nichts anderes vorstellen können. Ich hatte keine großen Gedanken, wohin der Weg gehen soll. Das hat sich einfach so ergeben. Ein junger Mensch denkt da - würde ich mal sagen - sehr emotional und auch gar nicht betont disponiert und sachlich. Die Musik hat mich schon sehr früh eingenommen und dann ging es Stück für Stück und Schlag auf Schlag. Ich habe Demos aufgenommen, für andere Künstler Lieder geschrieben und selbst auch Lieder auf Deutsch gesungen. Ich habe aber sehr schnell bemerkt, dass es mir eher entsprach, wenn ich in englischer Sprache arbeiten konnte. Da fühlte ich mich wohler. Nichts gegen den deutschen Schlager - um Himmels Willen! Da gibt es ja ganz tolle Sachen, aber ich fühlte mich zum englischsprachigen Produzieren hingezogen und so habe ich dann weitergemacht und auch für viele Kollegen gearbeitet. Dazu gibt es jetzt auch eine ganz neue CD "Fancy & Friends", auf der verschiedene Künstler mit drauf sind, mit denen ich arbeiten konnte und durfte, und die teilweise auch viel bekannter sind als ich, wenn ich da nur an die Pet Shop Boys oder Michael Jackson denke. Michael hat einen Song für die "Siegfried & Roy Show" gemacht und ich durfte ihn dann später auswerten. Da habe ich zwar nicht musikalisch mit ihm zusammen gearbeitet, aber ich habe mich mit ihm in Budapest getroffen. Ich war damals zu seinem Konzert dort eingeladen. Was die Pet Shop Boys betrifft, hat mir die Plattenfirma damals den Auftrag gegeben, den Remix zu "West End Girls" zu machen. So ergab sich dann eine engere Zusammenarbeit mit den Pet Shop Boys. Ich habe sie oft bei ihren Konzerten besucht, in London, München und Las Vegas. Neil Tennant fand damals meine Idee, ihren Song "It's A Sin" auf Deutsch zu machen, sehr gut. Ich wollte das mit Hildegard Knef machen, denn ihre Stimme hätte dazu sehr gut gepasst. Das hat aber letztlich nicht funktioniert weil Frau Knef einen eigenwilligen eigenen Text dazu gemacht hat, obwohl wir schon einen auf Deutsch fertig hatten. Da musste ich leider passen. Es hat nicht sollen sein. Es wäre ein schönes Zeitdokument geworden, wenn Hildegard Knef "It's A Sin" von den Pet Shop Boys auf Deutsch gesungen hätte. Ich habe dann mit ihr eine Ballade produziert. Sie heißt "Ways Of Love" und ich habe sie auch auf einem meiner Alben selbst gesungen.

Ich habe in vielen Interviews mit anderen Künstlern immer wieder gehört, dass gerade die ersten Jahre schwer waren. Viele große Stars haben anfangs noch nebenbei in anderen Jobs arbeiten müssen. War das bei Dir auch so?
Ja, ich habe mich ganz früher, als ich nach dem Gymnasium im Musikverlag tätig war, schwer getan, auch finanziell, und musste schon schauen, dass alles rund lief. Ich habe deshalb z.B. auch als Conférencier gearbeitet oder in Diskotheken gejobbt. Was tut man nicht alles?! Es steht auch eine ganze Menge z.B. bei Wikipedia. Das sind aber nur Halbwahrheiten, einiges davon ist ganz falsch, aber was kann ich dagegen machen? Ich hab das einmal gelesen und kümmere mich da gar nicht mehr drum. Solange es nicht geschäfts- oder rufschädigend ist… Manches stimmt da einfach nicht, aber da ist jemand Herr der Seite und veröffentlicht was er möchte.

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Darum fragen wir die Musiker lieber immer persönlich, weil die Informationen dann auch stimmig und richtig sind.
Irgendjemand erhebt sich da über das Leben eines anderen. Da sollten sich die Betreiber mal was einfallen lassen, dass der Betroffene die Möglichkeit hat, das zu korrigieren und richtig zu stellen. Jeder möchte auch nicht seinen bürgerlichen Namen da öffentlich stehen haben. In unserem Bereich ist es teilweise nämlich so, dass das Problem Stalking auftritt. Das habe ich auch schon sehr heftig erleben müssen. Vielleicht muss so was für die Zukunft einfach mal juristisch geklärt werden.

Ich habe dort z.B. gelesen, dass Du eine zeitlang Frank Farian über die Schulter geschaut hast. Meine nächste Frage ist, ob das wirklich stimmt...
Ja, ich weiß, dass das so bei wikipedia steht. Ich hätte es so nicht formuliert. Ich kenne Frank halt sehr gut und auch schon aus der Zeit, bevor ich Fancy wurde. Damals hat Frank sogar noch selbst gesungen, z.B. "Rocky". Wir waren beide auf dem Label Hansa in Berlin. Frank kam immer nach München und wir haben uns dort getroffen. Ich habe dann gesehen, was er macht und umgekehrt. Er hat mich, bevor ich Fancy war, dann auch mal in einer Variete Show besucht. Wir haben uns bei Unterhaltungen immer erzählt, wie gut man das findet, was der andere macht. Ich habe z.B. den Song "My Friend Jack" aufgenommen und fertig produziert und Frank wollte den Titel mit Boney M. machen. Da habe ich Boney M. den Vortritt gelassen und meine Version zurückgezogen. Man hat sich immer abgesprochen und ist befreundet. Daher ist die Formulierung bei wikipedia sehr unglücklich gewählt.

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Du hast unter dem Namen Tess Teiges in den späten 60ern und 70ern Schlager gesungen. Ist es Dir recht, wenn wir dieses Thema kurz anschneiden?
Ja, es gibt ja auch ein paar Produkte, z.B. "Fatamorgana", "Montparnasse", "10.000 Straßen bin ich gegangen" oder "Sie nannten ihn Taugenichts", eine sehr dramatische Geschichte. Diese Songs sind sehr gut produziert und darauf bin ich auch stolz.

Wie kam es dazu, und wie hast Du diese Zeit in der Schlagerszene in Erinnerung?
Das hat sich so ergeben. Ein paar Titel sind bei Philips erschienen, andere bei Hansa Berlin. Ich hatte das Angebot und ich durfte einfach machen. Die haben gesagt: "Wir finden Dich gut, mach mal…" Ich habe mir dann etwas ausgedacht und komponiert, was mir Spaß machte und was ich gut für mich und meine Stimme fand. Ich habe das selbst produziert und war damals schon alles in einer Person.

Du hast es gerade schon kurz angeschnitten: Was war der Grund dafür, dass Du vom deutschen Schlager zur Diskomusik gewechselt bist? Gab es da einen konkreten Auslöser?
Ja, das war so: Ich habe damals eine Interpretin produziert, die hieß Claudia Field. Sie stammte aus Österreich und sang englisch. Sie hat "To Love Somebody", eine Coverversion der Bee Gees, gemacht. Das kam zur Zeit der Silver Convention-Hits raus und klang international, toll und so gut. Und so bin ich beim "englischen Lager" geblieben. Ich habe danach einfach kein deutsches Produkt mehr gemacht.

Erst viel später wieder, nämlich "The Best Of - die Hits auf Deutsch"...
Ja, stimmt. Das war das einzige Mal und viel später, nämlich erst 2003. Das kam auch nur deshalb, weil ich immer wieder angesprochen wurde, z.B. auf Konzerten. Die Leute sagten: "Wir finden Deine Songs auf Englisch toll. Wir lieben ‚Flames Of Love', aber kannst Du den Song nicht mal auf Deutsch machen?" Irgendwann habe ich gesagt: "Ok, jetzt zieh' ich das mal durch", und habe die ganzen bekannten Titel auf Deutsch produziert. Das erschien auf CD und auch auf DVD als Konzertmitschnitt, denn es gab dazu Konzerte, z.B. im Spiegelzelt in München.

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Du hast einen völlig eigenen Sound kreiert, der mit Deiner ersten Single "Slice Me Nice" 1984 sofort sehr erfolgreich war und bis heute einen hohen Wiedererkennungswert hat. Wie ist diese Musik entstanden?
Ich hatte damals ein Demo auf vier Spuren mit der Melodie. Das war nur auf Vokale und Konsonanten angelegt und ohne Text. Todd Canedy, einem Amerikaner, habe ich alles gegeben und gesagt: "Bitte mach mir ein Playback und einen Text dazu." Wir haben damals schon mit "LinnDrum" gearbeitet und programmiert und Todd hat mir zu der Songvorlage ein Playback gemacht. So kam es dann auch dazu, dass bei Komponist und Texter von "Slice Me Nice" der Name Todd Canedy steht, aber eigentlich ist jede Note und jeder Ton von mir komponiert, von ihm ist nur der Text. So wäre es eigentlich richtig. Ich habe es aber komplett auf seinen Namen eintragen lassen; so bin ich nun mal. Er war damals frisch verheiratet, das Kind war unterwegs und man brauchte Geld und Essen. Darum war das auch OK so.
Ich bin dann später ins Arco Studio in München gegangen, um das erste Album aufzunehmen, und da kam Anthony Monn, der vorher auch schon Amanda Lear produziert hatte, dazu und sagte: "Du Tess, das Studio hier ist sehr teuer. Ich habe ein eigenes Studio, lass uns das Ding doch bei uns zu Ende machen." Tony hat zusätzlich noch mit zwei oder drei eigenen Kompositionen geholfen, weil "Slice Me Nice" gleich richtig hoch in die Charts ging. Dafür bin ich ihm auch heute noch sehr dankbar, von ihm habe ich eine Menge gelernt. Ende der 80er hat Tony sein Studio verkauft und hat das Business verlassen.

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"Slice Me Nice" in Deutschland Nr. 11, in Österreich Nr. 2 der Single-Charts, "Chinese Eyes" in Deutschland und der Schweiz jeweils ein 9. Platz, "Bolero" in Spanien Nr. 1 und über die Erfolge in den USA haben wir ja schon gesprochen… Hast Du, als Du angefangen hast unter dem Namen Fancy zu arbeiten und Songs zu produzieren, mit diesem wirklich großen und vor allen Dingen internationalen Erfolg insgeheim vielleicht gerechnet oder traf er Dich über Nacht dann doch eher unvorbereitet?
Als "Slice Me Nice" letztlich in die Charts kam, ging es wirklich Schlag auf Schlag. So habe ich es mir nicht vorgestellt. Aber natürlich hofft man immer auf Erfolg und ich habe bei "Slice Me Nice" auch fest daran geglaubt, dass das ein Erfolg wird. Dass dann aber internationale Chartnotierungen, insbesondere die in den USA, eintrudelten, davon war ich selbst sehr überrascht. Das ging noch über Schweden, über ganz Skandinavien bis nach Fernost-Asien. Ich habe hier z.B. eine Coverversion von "Flames Of Love" aus Hong Kong, das muss man sich mal vorstellen. Die ist in der cantoner Landessprache aufgenommen. Das ist unglaublich! Und wenn es da eine Coverversion gibt, muss das Original also vor Ort auch ein Hit gewesen sein, sonst covern die nicht einfach irgendwas. Die verschiedensten Erfolge weltweit wurden mir dann irgendwann mal nachgereicht und gezeigt, und ich war davon schon sehr beeindruckt.

Es gab bisher sehr viele Produktionen von Dir für andere Künstler. Welche dieser Produktionen hältst Du heute für Deine beste und erfolgreichste Arbeit und warum?
Also wenn ich ganz ehrlich bin, finde ich den Remix von "One More Chance" von den Pet Shop Boys sehr gelungen. Wir haben da noch vieles dazu produziert, z.B. Vocals oder im rhythmischen Bereich, so dass auch Neil Tennant sehr angetan war. Das ist zugegeben jetzt keine aktuelle Produktion sondern schon ein Remix aus den 80ern, aber dieser Remix kann sich auch heute noch sehr gut hören lassen. Das beeindruckt mich sehr. Ich habe außerdem ja auch für viele andere Künstler komponiert wo ich sage: "OK, da habe ich immer den Nerv treffen müssen", und das ist mir auch sehr oft gelungen, z.B. für einen Künstler, der in Fernost-Asien sehr bekannt war, einem Amerikaner, nämlich Grant Miller. Mit ihm habe ich einige Titel machen dürfen, die dort sehr erfolgreich waren.

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Trotzdem sich Deine Musik in den 80ern wie das sprichwörtliche geschnitten Brot verkaufte, waren die Verkaufszahlen Anfang der 90er stark rückläufig. Woran glaubst Du hat es gelegen, dass sich der Wind so plötzlich gedreht hat?
Die Zeiten haben sich einfach geändert. Es gab in den 90ern ganz andere Musik, und auch wenn da keine Evergreens entstanden sind, war sie doch sehr angesagt und erfolgreich. Heute in 2010 sieht man das sehr deutlich: die 80er haben Evergreens hervorgebracht. Retro Evergreens sind die 80er und werden heute noch überall gespielt. Die 90er fallen richtig in ein Tal rein, und während die 90er heute uninteressant sind, lebt die Musik aus den 80ern weiter.

Ich habe bei meinen Recherchen zu diesem Interview an zwei Stellen gelesen, dass es in den 90ern um Dich still geworden sei, was natürlich völliger Quatsch ist, denn Du hast z.B. mit "Blue Planet Zikastar" und "Colours Of Life" Mitte der 90er zwei großartige Alben abgeliefert. Würdest Du mir zustimmen wenn ich sage, dass die veränderte Medienlandschaft in den 90ern mit Schuld an dem geringen Interesse für deutsche Musikproduktionen war?
Ja, natürlich! Aber auch die Plattenfirmen sind daran nicht schuldlos. Wo wir gerade noch über die Pet Shop Boys gesprochen haben: Es ist so eine Sache, wenn ich da z.B. an deren Plattenfirma Parlophone denke und welches Marketing da betrieben wurde, war das eine ganz andere Geschichte. Da wurde die Musik richtig vermarktet. Wenn Du da nicht die richtigen Partner hast, läuft das auch nicht. Vielleicht war ich schon viel zu bekannt und man wusste, dass ich aus Deutschland komme. Das wäre in den 90ern vielleicht ganz anders gelaufen, wenn die nicht gewusst hätten, dass ich ein deutscher Musiker bin. Es ist schon wirklich sehr schade. Aber so was können Plattenfirmen schon beeinflussen, oder auch nicht. In diesem Falle wurden eben nichts gemacht.

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Ist das Internet dann für Dich eher ein Fluch oder ein Segen, insbesondere im Hinblick auf die kurzen Wege zu den Fans Dank weltweiter Vernetzung...
Beides! Wir sprachen ja gerade schon über wikipedia, wo man teilweise haarsträubende Sachen liest. Auf der anderen Seite kann man sich mit einer Homepage richtig und gut darstellen. Dafür ist das Internet wieder gut!

Dich verbindet auch ein engeres Verhältnis zu Siegfried & Roy. Kommt diese Freundschaft durch Eure Herkunft oder wann und wie habt Ihr Euch kennen gelernt?
Kennen gelernt haben wir uns in Las Vegas, und natürlich spielt auch die Herkunft eine große Rolle. Siegfried ist Rosenheimer und ich bin Münchner. Das macht's halt einfach, denn so ist die Verbindung schon geschaffen. Dazu kommt, dass den beiden das, was ich damals mit ihnen vorhatte, ganz gut gefallen hat. Dass man sich so gut versteht, muss ja nicht gleich auch dazu führen, dass man auch zusammen arbeitet. Aber die Idee mit der CD fanden sie gut und wollten das auch machen. Dann wurde es ernst und wir haben das letztlich auch durchgezogen.

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Bleibt eigentlich noch die obligatorische Frage, die Du sicher öfter hörst, nach einem Album mit neuen Songs. Können sich die Fans da schon auf etwas freuen? Ist da etwas geplant oder gar in Arbeit?
Also im Moment ist die neueste CD eben die "Fancy & Friends", die auch viele Infos über die Zusammenarbeit mit den anderen Künstlern, die ich vorhin genannt habe, im Booklet mitbringt. Das ist alles dort beschrieben und so, wie es wirklich war. Viele können sich das gar nicht vorstellen, dass der Name "Fancy" in einem Atemzug mit Pet Shop Boys, Siegfried & Roy, Hildegard Knef oder Michael Jackson fällt. Da kann man das jetzt nachlesen, wie die Zusammenhänge sind. Das ist die ganz neue CD von mir. Dann lassen wir ganz offen, ob noch ein Produkt mit neuen Titeln kommt. Ich würde sagen: "You'll never know und man soll nie nie sagen."

Was mich abschließend aber noch interessiert: Du hast zwei Künstlernamen, einmal Tess Teiges und eben Fancy. Wie kam es zu diesen Namen, haben sie einen besonderen Hintergrund?
Tess Teiges ist ein eingetragenes Pseudonym von mir, das ich schon seit der Schulzeit benutze. Mal als "Tess", dann als "Tess Production" oder "Rick Tess". Das hat sich als Pseudonym für meine Autorentätigkeit durchgesetzt, und es war u.a. auch GEMA-technisch wichtig, dass man Pseudonyme hat. Auch, dass man auf Tonträgern verschiedene Namen hatte. Es sollte auch so sein, dass man unter dem einen Namen z.B. in dieser Richtung und mit dem anderen Namen in einer ganz anderen Richtung arbeiten konnte, so dass die Leute bei dem neuen Projekt nicht gleich wussten, dass das ein und derselbe Künstler war. Irgendwann wussten es sowieso alle Leute (lacht).
Der Name "Fancy" hat mich einfach fasziniert, weil ich mich damit so präsentieren konnte, wie ich es mir vorgestellt habe und wie ich mich dann auch auf der Bühne und auf den Plattencovern von der Optik her präsentiert habe. Der Name sollte ein bisschen phantasievoll, schräg und würzig sein, und dass da ein bisschen die Post abgeht und es nicht zu simpel ist. Darum habe ich von der Stilrichtung her auch ab und zu den Weg des "King of Discofox" verlassen (lacht).

Ich danke Dir für das Gespräch. Möchtest Du noch ein paar abschließende Worte an unsere Leser richten?
Abschließend möchte ich gerne alle Leser grüßen. Zweitens danke ich Dir für das Gespräch.

 

Interview: Christian Reder
Bearbeitung: kf, cr
Fotos: Archiv Fancy

 


   
   
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