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Marian Gold: Waballala...

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Wenn der Name "Alphaville" fällt, gibt es kaum einen Musikliebhaber, der NICHTS mit ihm anfangen kann. Steht er doch letztlich nicht nur für eine der langfristig gesehen erfolgreichsten deutschen Popgruppen, sondern auch für einen der schönsten und langlebigsten Songs aller Zeiten, das immergrüne und ewig junge "Forever Young", das auch nach mittlerweile 26 Jahren keinerlei Abnutzungserscheinungen aufweist, immer wieder Generation für Generation in seinen Bann zieht und scheinbar mühelos jeglicher moderner Strömung in der Popmusik trotzt. Ein einfaches, schnellzündendes Liedchen, das sich mit nichts außer seiner inneren Schönheit schmückt und dem gerade wegen seiner trendlosen Schlichtheit weder Zeit noch Dauereinsatz in allen Radiostationen dieser Welt etwas anhaben können. Und doch ist dieser grandiose Erfolg der Band Alphaville jemals weder zu Kopf gestiegen, noch hat er dazu geführt, daß die Gruppe um Sänger Marian Gold krampfhaft nach einer Wiederholung gestrebt hätte. Alphaville erfinden sich seit einem Vierteljahrhundert immer wieder neu, gehen ungewöhnliche Wege und leben ihre Musikbesessenheit kompromißlos aus. Das ist gerade im heutigen Business, wo sich so ziemlich alles um Geld, Glamour und den kurzfristigen Erfolg dreht, eine Seltenheit und verdient in hohem Maße Anerkennung und Respekt. Seit dem 22. Oktober ist die neue Single "I Die For You Today" auf dem Markt, im November wird das dazugehörige, lang erwartete Album "Catching Rays On Giant" folgen. Anlaß und Gelegenheit, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der außergewöhnlichen Truppe zu hinterfragen. Wir trafen Marian Gold am Telefon zu einem Gespräch, das zunächst hochseriös begann, in seinem Verlauf aber immer weiter in (bemerkenswert ehrliche) persönliche Gefilde abdriftete und manche Anekdote sowie jede Menge herzliches Lachen hervorbrachte...

 

Für November ist das neue Alphaville-Album "Catching Rays On Giant" angekündigt. Was erwartet den Hörer bei der neuen Scheibe, wie klingt Alphaville heute und was habt ihr vorbereitet?
Ja, was erwartet den Hörer? Erstmal zwölf brandneue Alphaville-Songs, von denen wir zwei in den letzten vier Jahren schon öfter live gespielt haben. Es ist das erste Album, das in einer komplett neuen Besetzung eingespielt wurde, weil wir seit 1997 kein neues Album für Major-Firmen veröffentlicht haben. Das letzte liegt dreizehn Jahre zurück, da war Bernd Lloyd noch in der Band. Rick (Echolette, Anm.d.Verf.) war schon vorher ausgestiegen. In der Zeit hab ich bereits mit den jetzigen Mitgliedern sechs Jahre lang in der Liveformation von Alphaville zusammengespielt. Insofern ist das heute also schon eine vollkommen neue Situation. Ich finde aber, daß wir den roten Faden, der Alphaville ausmacht, weiter fortführen konnten. Wir haben 2003 ein Onlineprojekt organisiert, bei dem wir am Schluß einer weboffenen Produktion unter Mitwirkung der Fans ein Album praktisch komplett online produzierten. Dabei entstanden vier CDs, die dann in Form von "Crazyshow" veröffentlicht wurden. In den vergangenen sieben Jahren bis heute sind wir permanent auf Tour gewesen, waren in London und Berlin zu Hause, haben neue Songs geschrieben, so daß wir für die Produktion unserer aktuellen CD auf einen großen Fundus von Musik zurückgreifen konnten. Wir waren sozusagen in einer First-Album-Situation. Es hatte eine Menge Vorteile, eine Konzeption zu projizieren und dann auch durchzuführen. Ich denke, daß ein sehr geschlossenes Album entstanden ist, wahrscheinlich eines der prägnantesten und geschlossensten Alben, die wir jemals produziert haben.
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Hat beim Produzieren bzw. beim Schreiben der Songs die Vergangenheit von Alphaville irgendeinen Einfluß gehabt?
Ja klar. Die Vergangenheit spielt immer eine große Rolle, wenn man Songs schreibt. Die Vergangenheit ist der Boden, aus dem man schöpft, wenn man neue Sachen macht. Es gibt einige Songs auf dem Album, die anekdotischen Charakter haben, wie z.B. der letzte Titel, der eine Situation beschreibt, die mir kurz vor einem Konzert in Port Of Spain (Trinidad und Tobago, Anm.d.Verf.) widerfahren ist und das Ereignis widerspiegelt. Es gibt auch noch einige andere Songs, die ganz konkret mit gewissen Ereignissen unserer Vergangenheit spielen, insbesondere solchen, die sich in den letzten sieben Jahren ereignet haben. Wobei ich allerdings sagen muß, daß man mit dem Album keinen Überblick über die Geschehnisse der letzten sieben Jahre erhalten kann. Das ist naturgemäß nur ein Ausschnitt aus dem, was wir erlebt haben. Aber die Erlebnisse sind der allererste Hintergrund, um daraus neue Stücke zu machen.

Wir meinten das eigentlich mehr in musikalischer Hinsicht. Es gibt ja in der Vergangenheit von Alphaville eine sehr erfolgreiche Phase und eine Zeit, die zwar musikalisch sehr hochwertig war, aber nicht ganz so erfolgreich. Macht man sich darüber Gedanken wenn man ein neues Album schreibt?
Klar. Man will ja erfolgreich sein. Insofern macht man sich darüber schon Gedanken. Aber eigentlich weniger über das, was passiert ist, sondern mehr darüber, wie man die Songs optimal umsetzt. Alphavilles charakteristischen Klang haben wir auf all unseren Scheiben bewahrt und er ist auch jetzt wieder auf unserem neuen Album zu hören. Es gibt aber keine konkrete Rückorientierung zu den ersten drei/vier Alben, die ziemlich erfolgreich waren. Die Perspektive geht nach vorn Richtung Zukunft. Es gibt allerdings eine ganze Menge Leute, die das Album gehört haben und sagen, daß sie sehr starke Parallelen zu unserem ersten Album sehen. Aber das liegt vielleicht auch an der Konzeption. Wir sind zum ersten mal wieder zu einer mehr singleorientierten Songauswahl zurückgekehrt, insofern kann man da natürlich Vergleiche zu unseren ersten Alben ziehen.

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Das Cover ist sehr futuristisch angelegt. Es zeigt dich als künstlichen Menschen, eingerahmt von verschiedenen Erfindungen und Ereignissen. Was steckt da für eine Idee dahinter?
Die einzelnen Elemente des Bildes sind Assoziationen zu Texten und Songs, die sich auf dem Album befinden und man kann dies, wenn man die Songs sehr sorgfältig hört, in der Covergestaltung wiederfinden. Man kann sich aber auch einfach so davon inspirieren lassen. Da diese Mosaiksteinchen, aus denen sich das Cover zusammensetzt, allesamt von der Musik und von Texten inspiriert worden sind, bekommt man einen visuellen Eindruck von den Geschehnissen auf dem Album. Wir hatten eigentlich nicht vor, ein stringentes Konzept zu schreiben und ein Konzeptalbum zu machen, aber es hat sich dann mehr oder weniger zu einem entwickelt. Und bei Konzeptalben ist es, zumindest aus meiner Sicht, so, daß der Gesamteindruck, den man beim ersten Hören gewonnen hat, sich beim zweiten mal schon wieder aus einer ganz anderen Perspektive völlig neu darstellt. Das funktioniert mit unserem neuen Album eigentlich sehr gut. Ich wäre auch stolz, wenn ich das von vornherein so geplant hätte, das hab ich aber nicht. Es hat sich einfach so ergeben und ich bin sehr froh darüber.

Was bedeutet der Albumtitel?
Es gibt eine ganze Menge "Geheimnisse", die man auf dem Album finden kann und Dinge, die nicht so direkt erklärt werden. Der Albumtitel ist eines davon. Er wurde sehr stark inspiriert von Ereignissen, die sich während der Produktion zugetragen haben. Dazu möchte ich allerdings nichts weiter sagen. Aber was ich an dem Albumtitel so geil finde: Er lädt dazu ein, sich selbst etwas dazu auszudenken. Wenn man zuviel erklärt, versperrt man dem Zuhörer diesen Weg.

Wenn man über Alphaville spricht, denkt man sofort an die großartigen Popsongs der 80er wie z. B. "Forever Young", das immerhin die Hymne eines ganzen Jahrzehnts wurde. Stellt man an sich selbst dadurch höhere Ansprüche beim Songwriting, immer mit den Überhits der Band im Hintergrund?
Ja, das tut man schon. Das hängt aber weniger mit den großen Hits zusammen, sondern mehr damit, daß es mir mit zunehmendem Alter immer schwerer fällt, Songs zu schreiben, weil man immer kritischer sich selbst gegenüber wird, immer mehr Erfahrungen sammelt und das Songwriting ein immer stärker rationales Moment bekommt. Viele Dinge, die früher aus dem Instinkt heraus gemacht wurden, aus einer Intuition, sind auf einmal sehr rationalisiert, sehr vom Kopf gesteuert. Und dieses Analytische abzulegen und sich wieder auf den Aspekt des Intuitiven zu verlegen, wird mit zunehmenden Alter - wie ich zu meinem Leidwesen feststellen mußte - ein ziemlicher Kraftakt. Aber wenn man diesen Wahnsinn, diese Obsession, diese Liebe zur Musik hat, die mich nach wie vor bewegt, ist das auch nicht weiter schlimm. Es kann mir durchaus noch schwerer fallen, Musik zu schreiben, ich werde trotzdem nicht damit aufhören. Aber natürlich verringert das den Output, man braucht einfach länger, um Texte zu schreiben, als das früher der Fall war.

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Nach "Salvation" wurde immer wieder ein neues Album angekündigt. Inzwischen sind dreizehn Jahre vergangen. Woran lag es, daß das so lange gedauert hat?
(Protestiert) Na, sooo lange hat es nun auch nicht gedauert. Wir haben 2000 ein Live-Album von unserer Amerika-Tournee veröffentlicht, 2001 ist das Remix-Album "Forever Pop" erschienen und 2003 "Crazyshow", ein umfangreiches, fettes Onlineprojekt mit vier CDs. Aber immerhin sind es trotzdem sieben Jahre, die wir gebraucht haben, um dieses neue Album zu produzieren. Es ging uns in erster Linie darum, nicht einfach ein neues Album zu schreiben, sondern uns in eine Situation zu versetzen, in der wir vom Repertoire her aus dem Vollen schöpfen konnten, in der wir frei sind in der Konzeption eines Albums und für jedes denkbare Konzept jede Menge guter Songs haben. Daran haben wir in den letzten Jahren gearbeitet. Live wurden jährlich zwischen dreißig und fünfzig Gigs gespielt, wir waren kreuz und quer um den Globus unterwegs. Wenn wir wieder zurückkamen von den Tourneen, haben wir in unseren Studios in Berlin und London neue Songs geschrieben. Manchmal passierte das auch bereits während der Tour selbst. Mit der heutigen Technologie ist das ja alles kein Problem. Wir hatten ungefähr einen Fundus von rund 60/65 Songs und ich hatte eigentlich letztes Jahr das Gefühl, daß es die richtige Zeit ist, über ein neues Album nachzudenken. Genau in diesem Moment kam das Angebot von Universal, mit uns ein neues Album zu produzieren. Wir hatten praktisch parallel die Chance, mit einem großen Major eine amtliche Produktion zu fahren - ein perfektes Timing. Deshalb haben wir das Album auch in diesem Jahr gemacht und es wird im November veröffentlicht.

Das war eigentlich auch der Hintergrund der Frage. Die "Crazyshow" ist ja nicht über eine Firma erschienen...
Die "Crazyshow" nicht, aber ich hab noch ein ganz wichtiges Album vergessen, das 1998 herausgekommen ist, nämlich "Dreamscapes". Das war ein 8CD-Set, das mehr oder weniger einen Überblick über alles gegeben hat, was ich in den 90ern geschrieben habe. All die Songs, die nicht veröffentlicht werden konnten, weil wir keine bzw. nicht ausreichend Alben gemacht haben. Klar, wenn man unterscheidet zwischen Majorcompany und Independent, ist es in der Tat richtig, daß wir seit 1997 kein Album mehr gemacht haben. Aber ich finde die Unterscheidung unsinnig. Es geht ja nicht darum, in welchem Format das gemacht wird. Man bewertet den Output einer Band doch nicht danach, ob sie mit einem Major oder Independent arbeitet! Das finde ich ein bißchen seltsam. Wenn man unter dieser Voraussetzung Songs bewertet...

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Sehen wir genauso. Marillion machen das ja auch nicht anders, aber du würdest dich wundern, wie viele Leute sich am Kopp kratzen und sagen: "Oops, die kommen bei keiner Plattenfirma mehr unter und müssen das alles jetzt selber machen."...
So war's ja auch. Wir hatten den Deal mit Warner nicht mehr. Wir hatten noch 'ne Menge Plattendeals für alle möglichen Projekte, aber seit 2001 keinen für ein neues, amtliches Studioalbum. Gut, also wenn Leute der Annahme sind, daß sie Alphavillemusik nicht mehr hören können, weil sie nicht mehr bei einem Majorlabel erscheint, denen kann ich auch nicht helfen (lacht). Ich hab damit auch kein Problem.

Die Songs sind jetzt im Laufe von sieben Jahren entstanden. Haben sich da einige noch mal verändert?
Ja, sehr stark. Man kann das als Fan sehr gut nachvollziehen, wenn man z.B. die zwei Stücke "Carry Your Flag" und "I Die For You Today" hört, die wir öfter auf unseren letzten Konzerten gespielt haben. In der letztendlichen Albumversion gibt es schon beträchtliche Unterschiede zu den Livevarianten. So ist es auch mit einigen anderen Stücken, insbesondere bei denen, deren Entstehung schon länger zurückliegt. Über einen so langen Zeitraum kommen neue Ideen in die Kompositionen, man stellt alles mögliche auf den Kopf und versucht, mit dem Song neue Wege zu gehen. Naturgemäß erinnern sich die neueren Fans weniger als die älteren. Das ist völlig klar. Das passiert auch mit Songs, die von älteren Alben stammen und live dargeboten werden - sie verändern sich auch angemessen an den Umständen. Die Livesituation auf der Bühne ist eine völlig andere. Wenn man Songs auf der Bühne 1:1 nachspielt, wie sie im Studio entstanden sind, kommt man irgendwie nicht aus den Kartoffeln, wenn ihr mich fragt. Das ist einfach ein völlig anderes Universum. Man muß darauf reagieren. Im Studio denkst du ans Dichten, an deine Ideen und kümmerst dich nicht um die Meinung anderer. Du willst, daß alles genauso wird, wie du es dir in deiner Phantasie vorstellst. Auf der Bühne oder in der Vorbereitung auf Konzerte gibt es eine völlig andere Ausgangssituation und ich überlege mir, wie ich die Stücke an das Publikum bringe. Wie hau' ich die von der Bühne runter? Wie bekomme ich die Leute dazu auszurasten? Da bieten sich auf der Bühne völlig andere Möglichkeiten als bei einer Studioproduktion. Insofern verändern sich die Songs natürlich auch noch mal.

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Heißt das eigentlich, daß ihr bei Konzerten die alten Hits auch verändert?
Man kann auf unserem Livealbum sehr schön hören, inwieweit sie sich verändert haben. Der Kern bleibt erhalten, aber sie werden rockiger, heavier. Sie werden auch tanzbarer, einfach plakativer! Viele Dinge, die man im Studio durch Arrangements sehr fein ziseliert, sind bei einer Livedarbietung sinnlos und gehen im Sound unter. Im Gegensatz zu der Stereoanlage zu Hause hat man beim Konzert laute, riesenfette PAs und muß vom Klang her erhebliche Abstriche machen. Beim Livespiel kommt es auf ganz andere Dinge an: Druck, Power, Lautstärke, klare Trennung von Melodielinien. Im Studio kann man den Sound viel mehr verweben und komplexer machen. Eine Livedarbietung ist dagegen immer eine Vereinfachung.

Aber es gibt ja trotzdem immer Leute, die gerade die Hits so hören wollen, wie sie sie von CD kennen...
Dann sollen die sich das zu Hause auf ihrer Stereoanlage anhören oder zu Vollplaybackshows von irgendwelchen Künstlern gehen, die bereit sind, solche Veranstaltungen aufzuführen. Aufgrund technischer Gegebenheiten müssen wir auch öfter im Fernsehen oder bei anderen Gelegenheiten Halb- oder Vollplayback spielen, aber ich persönlich finde sowas schrecklich und mache das sehr ungern. Bei solchen Veranstaltungen ziehe ich immer schwarze Handschuhe an. So wissen dann zumindest die eingeschworenen Fans: Das hier ist jetzt nicht echt, der singt nicht richtig - alles nur Theater (lacht).

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Das Thema "Crazyshow" hatten wir vorhin ja schon kurz angerissen, wollen das aber gerne noch ein bißchen vertiefen. Wie ist es zu der Idee gekommen und wie ist das so gelaufen?
Für mich war es immer ein äußerst wichtiges Anliegen, möglichst engen Kontakt zu den Fans zu haben. Man kann es natürlich nicht so eng gestalten, wie manche das gerne hätten. Manchmal taucht das Problem auf, daß die Leute, wenn du Zugeständnisse machst, immer mehr von dir erwarten und sich dann beschweren, wenn es mal nicht so eng und vertraut zugeht, wie sie sich das gerne wünschen. Aber grundsätzlich ist das für mich total wichtig, und zwar aus folgendem Grund: Ich war früher und bin auch heute selber Fan von bestimmten Künstlern, die ich verehre, die meine Idole sind. Auf genau auf diese Art und Weise bin ich vom Fan zum Musiker geworden. Ich hab ein totales Feeling dafür, wie ein Fan ist, wie er sich fühlt. Und deswegen, weil es für mich nachvollziehbar ist, hab ich dieses Anliegen, die Verbindung möglichst eng zu halten, über die Fanclubs und über viele andere Dinge, die wir für die Fans machen. Auf unserem aktuellen Album befindet sich z. B. "Carry Your Flag", ein Song, der den Fans gewidmet ist und wenn wir ihn live spielen, gibt es immer ein ziemliches "Get Together". Alle lassen zusammen die Fahnen wehen! Darum geht's in dem Song, das wissen die meisten Leute. Und die, die es nicht wissen, kriegen das ziemlich schnell mit, wenn das Stück läuft und sie sehen, wie das funktioniert zwischen Bühne und Publikum. Deswegen habe ich immer darüber nachgedacht, ob es irgendwelche Möglichkeiten gibt, den Austausch, die Interaktion zwischen Fan und Band zu intensivieren. Durch das Internet kam uns irgendwann die Idee, einfach mal eine ganze Albumproduktion transparent ins Netz zu stellen. Unsere Fans konnten von den ersten embryonalen Anfängen bis zur fertigen Produktion verfolgen, wie das Album entsteht. Das Internet war dafür natürlich eine ideale Basis. Wir stellten rudimentär komponierte Songs ins Netz, die sich alle Leute unentgeltlich runterladen und allmählich verfolgen konnten, wie sich das immer weiter vervollständigte, wie neue Songs dazukommen, sich möglicherweise verändern usw. Das war für uns eine total tolle Erfahrung. Wir bekamen immer ein direktes Feedback. Das war auch nicht immer positiv, einige Fans haben sich über neue Songs aufgeregt, die sie nicht verstanden oder einfach nur Scheiße fanden. (lacht) Es gab aber auch eine ganze Menge kreativen Austausch, wo Leute Vorschläge gemacht und Songtexte eingesandt haben, die wir dann auch zum Teil bei "Crazyshow" verwendet haben. Insofern war das ein voller Erfolg. Das Ding war nur, daß sich einige Leute dran gewöhnt haben, daß wir jeden Monat einen neuen Song zur freien Verfügbarkeit ins Netz stellen. Als das Projekt vorbei war, regten sie sich darüber auf, wo denn jetzt hier die neuen Stücke bleiben! (lacht) Es war sehr schwer, denen klarzumachen, daß man dieses natürlich nicht unendlich so weitermachen kann. Aber es war trotzdem eine supertolle Zeit und vom Projektcharakter her eine echte Pionierleistung von Alphaville. Ich glaube nicht, daß in dieser Art früher schon mal sowas im Netz gelaufen ist.

Oder auch heute - zumindest nicht auf dem Level...
Soweit ich weiß, hat es auch andere Onlineproduktionen gegeben von einer Berliner Band, aber das war ein oder zwei Jahre später. Die Leute mußten sich alle anmelden und Geld bezahlen - das haben wir natürlich nicht gemacht.

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Wobei man dazusagen muß, daß es in der Zwischenzeit vielleicht gar nicht mehr möglich ist, sowas überhaupt zu machen, weil die Piraterie so zugenommen hat...
Das war damals auch schon so. Ich hatte heute Medientag bei Universal, hab so an die zwanzig Interviews gemacht und diese Frage ist immer wieder aufgetaucht: "Wie stehst du zu illegalen Downloads usw.?" Ich kann dazu absolut nichts sagen. Ich finde, das ist weniger ein Problem des Künstlers, sondern eher eins der Plattenfirmen, die Musik vertreiben und sich einfach mal ein bißchen phantasievoller mit diesen neuen Begebenheiten auseinandersetzen müßten. Die haben halt gedacht, das geht immer so weiter: Künstler als Gelddruckmaschine ausnehmen und Scheißverträge mit ihnen machen. Ich kann mich zwar über unsere Verträge jetzt nicht beklagen, aber was man in dieser Richtung von anderen Künstlern hört ist hanebüchen. Natürlich war es früher leichter, Geld zu verdienen, als heute, aber es ist müßig, sich darüber Gedanken zu machen. Eine Sache steht sowieso fest: Musik wird es immer geben und insofern wird es immer Künstler geben, die Musik schreiben, aber wie das mit Plattenfirmen aussieht, weiß ich nicht. (lacht) Die sollen sich mal was einfallen lassen, wie sie weiter existieren können. Darüber mache ich mir keine Gedanken. Man darf auf der anderen Seite allerdings auch nicht vergessen, daß viele Künstler übers Internet, durch den freien Download, eigentlich erst eine Möglichkeit gefunden haben, sich vor größerem Publikum zu präsentieren. Es gibt ja nicht nur die eine Seite sondern auch die andere.

Da hast du völlig Recht und wir finden es gut, daß das mal jemand so deutlich sagt, weil wir schon immer der Meinung sind, daß es von der Industrie ein Fehler ist zu behaupten, daß die Piraterie die Musik kaputt macht. Umgekehrt wird ein Schuh draus. Wir halten das nicht für die Ursache, sondern für die Wirkung.
Ja, das kann gut sein, das ist ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite ist es natürlich ein Verlust, auf der anderen sorgt es für die Verbreitung der Musik des Künstlers, erhöht vielleicht das Interesse an dessen Werken und animiert dazu, ein Konzert anzuschauen. Diese Rechnungen, die aufgestellt werden, kann man mit Gegenrechnungen beantworten und es hält sich möglicherweise die Waage. Die Einbrüche sind - soweit ich weiß - um die 20 Prozent, was ich relativ wenig finde. Da hatte ich mehr erwartet. Nachdem man nur ein paar tausend verkaufte Einheiten braucht, um heutzutage in die Top Ten zu kommen, dachte ich, daß die Einbrüche wesentlich höher wären. Da sind zwanzig Prozent relativ moderat.

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Wir denken, das hängt auch damit zusammen, daß Firmen wie Sony auf der einen Seite Musik produzieren und herausbringen und auf der anderen die Geräte, mit denen man sie kopieren kann...
(lacht) Da ist allerdings etwas dran...

"Crazyshow" und auch die "Dreamscapes Box" vier Jahre vorher waren Tonträger, die teilweise nur über das Internet vertrieben wurden. Das war sehr fortschrittlich und zukunftsorientiert. Das neue Album kommt jetzt wieder ganz normal in den Handel und erscheint sogar auf Schallplatte. Warum hast Du diesmal ganz "retro" den altbewährten Weg für eine Plattenveröffentlichung gewählt?
Das Vinyl hat einen rein sentimentalen Hintergrund. Es scheint tatsächlich so, daß der Vinylmarkt wieder auflebt, die Leute mehr Platten kaufen und den Klang bevorzugen. Das war für mich aber nicht der Auslöser. Unsere Plattenfirma fragte an, ob wir unser Album auch auf Vinyl veröffentlichen wollen und ich dachte: "Man geil, aber klar wollen wir das machen!" So eine Schallplatte in der Hand zu halten mit unserer Musik drauf - das wollte ich mir nicht entgehen lassen. Das war für mich die Hauptmotivation und wenn wir nebenbei auch noch Vinylsammler damit glücklich machen, ist das doch super!

Unterscheidet sich die Vinyl- von der CD-Version?
Überhaupt nicht, außer, daß sie einen analogen Klang hat im Vergleich zum digitalen. Allerdings bezweifle ich, daß es ein großer Unterschied ist, denn die Musik wurde ja digital aufgenommen. Man macht verschiedene Master, verschiedene Experimente. Es gibt ganz wenige Ausnahmefälle, wo Musik nicht digital aufgezeichnet wird. Man nimmt ein digitales Master und printet es auf Highspeed-Analogbänder, um einen wärmeren Klang wiederzubekommen. Aber das sind akademische Unterschiede. Die meisten Leute hören sich heute heruntergerechnete Mp3 an, damit sie auf Telefone passen, wo ein kleiner, beschissener Lautsprecher drin ist. Da muß man sich wirklich nicht über digitalen oder analogen Klang streiten, ob das jetzt auf 24.000 oder 30.000 Hertz hochgeht. Das ist eine Diskussion, deren Sinn sich mir komplett entzieht.

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Uns geht es genauso. Wir empfinden es zumeist als elitäres Gehabe, wenn Freaks behaupten, die Vinylplatte klingt viiiel besser, nur damit sie etwas zum Vorzeigen haben und sich für die besseren Musikfans halten können. Für uns nicht nachvollziehbar. Die Produktionen sind heute mittlerweile so gut, da hört man den Unterschied doch kaum noch, abgesehen davon, daß die CD nicht knistert...
Ja, genau. (lacht) Das wollte ich auch gerade sagen. Wenn ich ab und zu im Web unterwegs bin und auf eine Seite komme, wo Leute aus ihren Schallplattenkollektion Songs zum Downloaden anbieten, die sie von alten Analogplatten heruntergezogen haben, die aber nie auf CD oder sonstigem digitalen Wege veröffentlicht worden sind und im Prinzip unwiederbringlich verloren wären, wenn diese Jungs sie nicht ins Web stellen würden... Dann bevorzuge ich in der Tat die Aufnahme, auf der es knistert. (lacht) Das ist wie ein wärmendes Feuer. Früher hat man das gehaßt, hat sich manchmal neue Platten gekauft, wenn's irgendwann zu sehr geknackt hat. Und heutzutage hat es direkt etwas Anheimelndes, wenn es knistert.

CD und Platte erscheinen bei "I love Music". Was ist das für ein Label und wie ist Alphaville dahin gekommen?
Das ist kein Label, sondern eine Promotion-Company, die sich für bestimmte Künstler einsetzt und in Kooperation mit verschiedenen Plattenfirmen steht. Eigentlich nichts anderes als ein Promotionwerkzeug, das, wenn man die Möglichkeit hat, mit denen zusammenzuarbeiten, allerdings ein echtes Privileg ist. Ich fühle mich auch geehrt, daß wir von Universal die Möglichkeit bekommen haben, mit denen eine Kooperation einzugehen, weil uns das bestimmt bei der Vermarktung des neuen Albums helfen wird. Aber unser Label ist nach wie vor Universal.

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Gehen wir mal etwas zurück in der Zeit. Was hast du vor dem Durchbruch mit Alphaville gemacht, welche Ausbildung hast du und was hast du nach der Schule getrieben?
Nach der Schule hab ich mich mit irgendwelchen Hilfsjobs über Wasser gehalten und parallel dazu ein Ingenieursstudium (Erdverfahrenstechnik) begonnen, was ich aber abbrach und dafür Betriebswirtschaft studierte. Auch das brach ich nach drei Semestern ab. Anschließend begann ich mit einem Kunststudium und wollte Maler werden. Hier kam ich allmählich in Bereiche, die meinem Talent entsprachen. Aber auch dieses Studium hab ich vorzeitig beendet und zwar in dem Moment, als ich angefangen habe, Musik zu machen. Dieses Musikmachen war eigentlich eine Sache, die ich mir nie vorstellen konnte. Ich hatte eine große Plattensammlung wie viele andere auch, war ein riesengroßer Fan, aber ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, daß ich sowas Tolles einmal selber machen könnte. Das ist erst dann passiert, als Mitte der siebziger Jahre die Punkbewegung losging und die elektronische Antwort von Bands wie OMD und Gary Numan kam. Das war unsere Musik, die wir zu Hause hörten, die uns sehr aufgeregt hat und völlig neu war zur damaligen Zeit, also mit Synthesizern, Sequenzern und Rhythmusmaschinen zu arbeiten und sowas. Das war das erste Mal, daß man sich vorstellen konnte, mit solchen Instrumenten auch selber Musik zu produzieren, weil man eben nicht Gitarre spielen mußte dafür und auch nicht eine besonders virtuose Klavierhand haben mußte. Das war eine unglaubliche Ermutigung für uns. Zusammen mit den Alben, die wir gehört haben, wo wir merkten, das sind Leute, die in erster Linie obsessiv Musik lieben und sich 'nen Scheißdreck darum kümmern, ob das jetzt eine professionelle Produktion ist. Die hauten einfach ihre Ideen raus und das hat uns dazu gebracht, von Beginn an unsere eigenen Songs zu schreiben und mit wirklich sehr marginalem technischen Equipment Musik zu produzieren. Die Ergebnisse waren für unsere Begriffe sehr gut. Wir mochten das. Wir dachten erst‚ wir können doch keine eigenen Stücke schreiben, wir müssen erstmal Songs von anderen nachspielen. Das fanden wir aber langweilig und haben gleich angefangen, eigene Lieder zu schreiben. Wir haben das geliebt und das anderen vorgespielt, die fanden das auch gut und dann war der Weg zur Plattenfirma nicht mehr so weit.

1981 gründeten Bernhard Lloyd und du mit einigen anderen Leuten das Künstlerkollektiv "Nelson Community". Was hat es damit auf sich und welche Idee steckte dahinter?
Das Wort "Kollektiv" ist wörtlich zu verstehen. Wir waren durchdrungen von sozialistischen Ideen und Theorien (lacht) und hatten uns zusammengeschlossen. Die Idee war, ein Kollektiv aus Künstlern zu formen, die alle in einen gemeinsamen Topf produzieren und das gemeinsam erwirtschaftete Geld in den eigenen Reihen zu verwalten usw., Dinge, die damals auch cool und angesagt waren - das kann sich heute überhaupt keiner mehr vorstellen. In diesem Kollektiv gab es Fotografen, Poeten, eine Girlsband - das waren unsere Freundinnen (lacht) - , zwei Maler; insgesamt um die 15 Leute und Alphaville war nur ein kleiner Teil davon. Bis es mit dem kommerziellen Erfolg losging, waren wir eigentlich nur unter "ferner liefen", eines von vielen Projekten, die es im Nelson-Kollektiv gab. Das änderte sich schlagartig, als wir zur Haupteinnahmequelle wurden. Allerdings änderte sich an der Organisation nichts. Wir haben noch eine ganze Zeitlang so weitergemacht, auch deshalb, weil eigentlich keiner von uns eine richtige Beziehung zu Geld hatte (lacht). Insofern haben wir weiter lustig unsere politischen Luftschlösser gebaut (lacht lauter). Doch irgendwann löste sich das Ganze auf, allerdings nicht im Streit oder wegen der Kohle. Das passierte einfach von selbst, jeder ist wieder seiner Wege gegangen und hat eigene künstlerische Ziele verfolgt, genauso wie Alphaville.

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Ein Jahr später gründeten Bernhard und du zusammen mit Frank Mertens das Projekt "Forever Young", das schon ein Jahr später in "Alphaville" umgetauft wurde. "Alphaville" ist sowohl der Name eines französischen Spielfilms als auch der zweier Städte in Brasilien und Frankreich. Was davon stand Pate für den Bandnamen und wie seid ihr darauf gekommen?
Der Film natürlich. Von der Stadt in Argentinien hab ich erst viel später, in den neunziger Jahren, erfahren. Ich glaube, die ist damals erst gebaut worden. Das ist so eine Trutzburg von reichen Menschen, die sich in irgendeine Idylle eingemauert haben, um mit dem Rest der Welt nichts mehr zu tun haben zu müssen. Solche Städte gibt es auch in Amerika und anderen Ländern mit großen sozialen Problemen. Kein besonders nachahmenswertes Projekt. Die angebliche französische Stadt Alphaville gibt es dagegen gar nicht. Das ist ein Fake, den man überall im Internet nachlesen kann, aber nicht real. Der Film hat mich damals sehr fasziniert. Ein Science-Fiction-Film, der von dem Film-noir-Regisseur Jean Luc Goddard gedreht worden ist. Allein das ist schon eine sehr interessante Kombination. Er handelt von einem Superagenten, der gegen einen Computer kämpft, welcher eine Stadt namens Alphaville beherrscht. Das war ein Thema so richtig nach meinem Geschmack. Es gab so unheimlich viele Widersprüche in diesem Projekt, die kann man in dem Film sehr schön besichtigen. Es ist ein sehr poetischer Film - ich könnte mir vorstellen, daß sich einige Leute langweilen wenn sie ihn sehen - ein sehr vertrackter, sehr romantischer und psychologischer Film - ein echtes Kunstwerk. Und wir hatten zu dieser Zeit mit unseren eigenen Maschinen so große Probleme - mindestens genauso große, wie der Superagent, der in diesem Film gegen den Computer Alpha 60 kämpft, welcher die Stadt Alphaville beherrscht -, daß wir dachten: ‚Dieser Name ist eine ideale Wahl für unser Bandprojekt'.

In der Anfangszeit spielte "Forever Young" auch noch live. Das habt ihr dann aber sehr schnell abgeschafft und auch nach eurem Durchbruch mit Alphaville keine Konzerte gegeben. Warum eigentlich?
Natürlich haben wir, wir spielen seit fünfzehn Jahren live. Am Anfang, bevor wir den Plattenvertrag hatten, war es einfach unabdingbar. Wir mußten - ob wir wollten oder nicht - auf die Bühne und uns irgendwie durchschlagen. Diese Konzerte waren im damaligen Zeitrahmen durchaus auch OK. Aber es war für uns alle kein Maßstab, wir hatten andere Dinge im Kopf. In unserer Vorstellung sollte da, ähnlich wie bei einem Musical, auf der Bühne großes Theater passieren. Wir hatten in den achtziger Jahren überhaupt keine Zeit, so etwas durchzuziehen, weil wir permanent unterwegs waren, um neue Singles zu promoten. Es bestand nicht mehr die absolute Notwendigkeit, live zu spielen, weil alles so supergut für uns lief. Abgesehen davon, daß wir totale Stümper auf unseren Instrumenten waren. Wir brauchten tatsächlich Maschinen und dachten: ‚Warum sollen wir auf die Bühne gehen und das Zeug genauso abdudeln wie im Studio?' Darin sahen wir keinen Sinn. Deswegen sind wir in den achtziger Jahren, abgesehen von den zwei Konzerten vor unserem Recorddeal, nur zwei/dreimal bei Benefizgalas aufgetreten. Das fanden wir sinnvoll, weil es der guten Sache diente. Ansonsten haben wir keine Konzerte gespielt, damit haben wir erst 1994 angefangen, sind seitdem permanent unterwegs und mittlerweile auch ganz gut. (lacht)

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Wie ist Alphaville zu dem Plattenvertrag mit der WEA gekommen?
Das war ganz einfach. Ich bin mit ein paar Adressen von irgendwelchen Plattenfirmen und unserem Demotape von meinem damaligen Wohnort Münster nach Berlin getrampt, um denen das Tape vorzuspielen. Und obwohl das keiner vorher kannte, wollten die das alle sofort signen. Wir hatten also mehr Glück als Verstand. Die Neue Deutsche Welle befand sich gerade auf dem Höhepunkt und es war völlig uncool, als deutsche Band englisch zu singen. Aber wir kamen gerade in dem Moment, als sich das Blatt wendete und die Leute es langsam satt hatten, immer nur deutsche Songs zu hören. Das war ein perfektes Timing. Wir hatten eine Menge Glück und eine Menge Talent. Aber Talent allein macht's nicht, man muß auch vom Glück begünstigt sein.

Du bist da tatsächlich getrampt?
Wir lebten von Glücksjobs, mit der Kunst haben wir nichts verdient. Ich habe noch bis weit nach der Veröffentlichung von "Big in Japan" in einer Restaurantküche in Münster gearbeitet, Kartoffeln geschält und Möhren geschnitten. Bis eines Tages der Koch reinkam und meinte: "Junge, die haben dein Stück heute schon zum dritten Mal gespielt. Du hast es nicht mehr nötig, hier zu arbeiten." Und dann hat er mich rausgeschmissen. (lacht) Das kam irgendwie sehr sehr schnell über uns.

Wir stellen uns das recht abenteuerlich vor, von Münster nach Berlin zu trampen, da lag doch die DDR dazwischen...
Nö, das war etwas ganz normales. Wir haben ja vorher auch in Berlin gelebt. Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich mit meinem klapprigen VW über die Transitstrecken gedüst bin. Es konnte sich damals auch niemand vorstellen, daß sich das jemals ändern würde. Nach Berlin zu trampen oder von da aus nach Westdeutschland - das war ganz normal. An der Grenze gab man seinen Ausweis ab, er wurde auf ein Fließband gelegt und kam auf der ostdeutschen Seite wieder zum Vorschein. Dort wurde er abgeholt, während der Zollbeamte einem immer streng in die Augen sah und schon war man auf der Transitstrecke. Gleiches Spielchen wiederholte sich auf der anderen Seite, wenn man nach Westberlin wieder reinfahren wollte. Das war der ganz normale Alltag. Wann wurde die Mauer gebaut? 1961?

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Korrekt!
Naja, und das war (überlegt kurz) 1983. Da stand das Ding auch schon über 20 Jahre. Der Ost- und Westblock - das war alles so festgefahren in der Zeit vor Gorbatschow, bevor die Menschen in Leipzig auf die Straße gegangen sind und für Freiheit demonstriert haben. Es war vorher undenkbar, daß sich an dieser Situation jemals etwas ändern könnte. Ich kann mich erinnern, daß ich zu meiner Westberliner Zeit unheimlich oft an der Mauer stand und mir überlegt habe, wie geil es ohne das Ding wär. Da könnte man jetzt einfach unter den Linden weitergehen oder unterm Brandenburger Tor durch. Eigentlich war Westberlin ja mehr oder weniger nur der Appendix. Die richtig schönen Ecken von Berlin waren alle im Osten, z. B. das Zentrum mit den wunderschönen alten Gebäuden. 1987/88 sind wir als Band rübergefahren und im Friedrichstadtpalast beim "Kessel Buntes" aufgetreten. Das war total toll. Natürlich waren wir Stasi-durchseucht (lacht) - Agenten, die mit uns nachts durch die Stadt zogen - und es war für uns ein total extremes Erlebnis, als Künstler auf die Ostseite rüberzufahren, da aufzutreten und auch andere ostdeutsche Künstler zu treffen. Es gab einige Bands, die ich toll fand. Eines meiner Lieblingsalben war "Albatros", oder "Der blaue Planet" von Karat. Eine tolle Band, die es Gott sei Dank immer noch gibt.

Hattet ihr auch Kontakt zu Ostkünstlern?
Nein, überhaupt nicht. Wir waren unter ständiger Überwachung. Es gab auch Stücke, die wir nicht spielen durften. Ich fand das ein bißchen übervorsichtig. (lacht) "Summer in Berlin" durften wir nicht spielen. Und "Jet Set" auch nicht.

Ah ja "Jet Set", genau. Wir haben 1985 einen Diskothekerlehrgang gemacht und da ging es auch um dieses Lied, das man besser nicht spielen sollte. Wir wissen bis heute nicht warum und fanden es mehr als seltsam, als es ein paar Wochen später in der "Podiumsdiskothek" lief, also in der Radiosendung, in der die Lieder vorgestellt wurden, die für den Einsatz in DDR-Veranstaltungen lizensiert waren. Plötzlich war "Jet Set" also doch geeignet...
Das war vermutlich "vorauseilender Gehorsam" einer untergeordneten Dienststelle, die befand, daß man davon lieber die Hände lassen sollte, weil es nicht "sozialistisch genug" war (lacht).

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Exakt so lief das bei uns! Es hat immer irgend jemand, der meinte, etwas zu sagen zu haben, schon im Voraus gewußt, was geht und was geht nicht. Genauso war's.
Hahaha...

Und am Ende ist "Jet Set" dann sogar auf...
...unserer AMIGA-LP draufgewesen! (lacht)

Im Januar 1984 erschien "Big in Japan". Die Single ging gleich durch die Decke und das nicht nur in Deutschland. War Alphaville von vornherein als internationaler Act und als Exportschlager der WEA konzipiert?
Die haben das schon so gesehen. Wir hatten die idealen Voraussetzungen, waren international erfolgreich und englischsprachig. Bessere Vorlagen konnte man gar nicht geben. Das war möglicherweise das Kalkül der Plattenfirma - unseres war es nicht. Englisch hat eine zentrale Rolle dafür gespielt, daß ich überhaupt angefangen habe, mich für Musik zu interessieren. Viele Autoren/Schriftsteller aus dem angelsächsischen Bereich sind meine absoluten Vorbilder und ich finde, es ist eine unheimlich schöne Sprache. Aber nicht nur das muttersprachliche, sondern auch fremdsprachliches Englisch, also wenn z.B. Franzosen mit ihrem Akzent diese Sprache sprechen, oder selbst wir Deutschen (lacht). Man kann die verschiedenen Nationalitäten auf eine sehr schöne, sympathische Art heraushören. Schon als kleines Kind war ich beim Hören englischer Lieder immer sehr fasziniert. Und obwohl ich diese Sprache zum damaligen Zeitpunkt als sechsjähriger Steppke nicht konnte, habe ich immer die Lieder mit meinem erfundenem Englisch nachgesungen. Quasi vom Klang her nachgeahmt, so "Waballala..." (lacht) - ohne Sinn und Verstand. Diese Faszination für die Sprache und die Affinität zur angelsächsischen Kultur war für mich immer ein ausschlaggebender Punkt.

Und oftmals hören sich Künstler, die auf Deutsch singen, auch nicht anders an. Da versteht man gelegentlich ebenfalls nur "Waballala"...
(lacht) Da fällt mir etwas ein. Wir hatten bei einem Open-Air-Festival ein paar neue Stücke, wo ich den Text noch nicht so gut kannte. Auf einmal blies ein fürchterlicher Wind und wirbelte die ganzen Papiere fort, die ich mir auf den Bühnenboden gelegt hatte, um den Text ablesen zu können. Da stand ich auf einmal und mußte drei Songs singen, wo ich keine Ahnung hatte, wie die Texte gehen, weil der Wind die weggeblasen hatte (lacht). Da hab ich mich dann auch ein bißchen so beholfen und gemerkt hat's keiner (lacht).

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Die Musiker des Projekts KLF haben ein Buch veröffentlicht in dem sie schreiben, daß Erfolg planbar sei und daß jeder einen Hit in den Charts haben könnte. Siehst du das genauso und war Alphaville vielleicht auch von vornherein auf Erfolg ausgerichtet?
Man will natürlich erfolgreich sein - so erfolgreich wie es nur geht - und man will, daß die Leute deine Musik lieben, weil du sie selber liebst. Und du willst dafür geliebt werden, daß du Musik machst, die alle lieben... Das ist schon durchaus richtig. Sicher ist Erfolg auch bis zu einem bestimmten Punkt planbar, aber das Buch von KLF ist eigentlich nichts anderes als eine Provokation. Indem sie darüber schreiben, daß Erfolg planbar ist, schreiben sie nichts anderes, als daß der Künstler den Erfolg planen kann und dafür keine Plattenfirma braucht. Das ist die Essenz dieses Buches und im Prinzip nichts anderes als ein Pamphlet gegen die Plattenindustrie. So habe ich das immer verstanden. KLF sind sehr erfolgreich und können es sich leisten, solche Bücher in die Welt zu setzen. Und sie fallen mit extrem radikalen Aktionen auf, wie z.B. in Schottland, wo angeblich zu einem bestimmten Datum vor laufender Kamera eine Million Pfund verbrannt wurden mit dem Argument, daß die Plattenfirmen eigentlich auch nichts anderes machen als Geld zu verbrennen. Ich hab das Video mal gesehen und man sieht tatsächlich Banknoten brennen, ob das jetzt echte waren, wage ich mal zu bezweifeln (lacht). Das sind eben so typische KLF-Geschichten. Ich denke, daß man Erfolg fördert, in dem man sich reinhängt und alle möglichen Formen der Promotion anwendet. Dazu sind natürlich große Plattencompanies auch da. Die haben die Mittel, die Connections, um sowas zu machen, aber man kann sich nicht drauf verlassen, daß solche Aktionen dann den Erfolg garantieren.

Und wenn man wie ihr seinen ersten Titel veröffentlicht und der dann dermaßen durch die Decke geht... wie fühlt man sich da eigentlich?
Wie der König der Welt! (lacht)

Und verändert das einen?
Ja natürlich! Man wird ungeduldig, arrogant und egozentrisch - denk ich mal (lacht).

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Genau das wollten wir hören!
Das ist auch völlig OK so (lacht). Irgendwann kommt man dann wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Man wird ja im Prinzip der Realität entrückt, fliegt auf einmal erster Klasse, ist in irgendwelchen teuren Hotelsuiten eingeschlossen und hat nicht mehr viel Kontakt mit der Wirklichkeit. Zwangsläufig setzt dann so eine Entwicklung ein. Das läßt sich nicht verhindern, ist einfach menschlich. Leute, die sich unter solchen Verhältnissen nicht verändern, müssen Außerirdische sein.

Nach "Sounds Like A Melody" kam "Forever Young" und der Song hat, unserer Meinung nach, die Musikwelt nachhaltig geprägt und verändert. In dieser Hinsicht interessiert uns immer wieder, ob man, während man so einen Song schreibt, merkt, daß man gerade etwas ganz Besonderes macht?
Ich hab das nicht gemerkt. Für mich war "Forever Young" einfach eine tolle Komposition... Ich kann mich noch genau erinnern, wie ich damals bei meiner Freundin am Schreibtisch gesessen und den Text dafür geschrieben habe. Ich hatte die Gesangsmelodie im Kopf und wußte, daß ich im Refrain irgendwas mit "Forever Young" singen wollte, weil ich diese Zeile irgendwie geil fand. Und dann habe ich angefangen, in den Strophen zu diesem Thema zu assoziieren. Alles was mir zur Idee der ewigen Jugend einfiel, war ein sehr ironischer Kommentar. Dieses Thema konnte ich schon damals, als wesentlich jüngerer Mensch, nicht ganz ernst nehmen und ich wollte etwas schreiben, das diese Idee nicht kritiklos propagiert. Deshalb gibt es die "Do you really want to live forever?"- Fragestellung und es schlägt sich auch im restlichen Text nieder. Das Lied war einer von den besseren Songs, die wir hatten, aber ich habe es nicht als den Überhit angesehen, als der er sich dann entpuppt hat. Das Stück ist ja mittlerweile Folklore, hat sich komplett verselbständigt. Wie oft passiert es schon, daß ein Song einer Band, die in den letzten zwanzig Jahren keinen TopTen-Hit mehr hatte, immer noch in der Originalfassung im Radio rauf und runter gespielt wird!?

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Aber das hat seine Berechtigung!
Absolut! Ich stimme dem voll und ganz zu und bin jedesmal sehr glücklich, wenn ich "Forever Young" im Radio höre. Obwohl ich manchmal doch denke: ‚Mann, die könnten auch mal was anderes von uns spielen.' (lacht) Aber im Moment arbeiten wir ja daran.

Wir können uns noch sehr gut an die Zeit erinnern, als der Song herausgekommen ist. Damals in der DDR waren wir noch mit Monokassettenrecordern unterwegs - und wir hatten "Forever Young" eher zufällig aufgenommen, als es das erste Mal im Radio kam. Und wir wissen es noch wie heute: Wir waren tagelang nur noch damit beschäftigt, die Kassette immer wieder zurückzuspulen und das Lied von vorne laufen zu lassen. Das wollte einfach ununterbrochen gehört werden... Das war eine wunderbare Erfahrung mit "Forever Young", die man sein Lebtag nicht mehr vergißt!
Gut, also das ist total toll, daß ihr das erzählt! Es ging mir nämlich vor meiner Zeit als Musiker mit verschiedenen Songs genauso. Das ist wirklich ein unheimlich ergreifendes Moment, wenn man so ein Stück findet. Eines meiner größten Idole ist David Bowie und mit einem seiner Stücke ist mir das auch passiert. Vor allen Dingen von dem genialen Album "The Rise And Fall Of Ziggy Stardust", da war ein Stück drauf das hieß "Rock'n'Roll Suicide" und ein anderes namens "Starband", die waren on heavy rotation auf meinem Kassettenplayer. Ich hab die immer wieder von vorne gehört, ich konnt nicht aufhören. Jedesmal macht es einen von Neuem froh und glücklich - manchmal auch traurig, je nachdem - aber man kann das Stück auf alle Lebenssituationen anwenden und findet immer wieder eine Antwort auf ein ungelöstes Problem. Was ihr da sagt, kann ich total gut nachvollziehen.

Das Jahr 1984 war für Euch am Ende sehr erfolgreich und ereignisreich. Warum verließ Frank Mertens auf dem Höhepunkt der Karriere die erfolgreiche Band wieder, ohne die Früchte seiner Arbeit zu ernten?
Frank ist ein sehr sensibler Mensch und dieser ganze Rummel, nicht zu Hause zu sein, die Unruhe, das permanente Gekreische irgendwelcher Mädels, nicht mehr einkaufen gehen zu können ohne angesprochen zu werden - das war zuviel für ihn, das hat seine Psyche nicht verkraftet. Darum hat er sich von der ganzen Sache zurückgezogen und ich war, ehrlich gesagt, nicht besonders glücklich darüber. Aber ich konnte ihn nicht umstimmen. Die Früchte des Erfolges hat er trotzdem geerntet. Er war Mitautor von fast allen Stücken und hat seine Kohle mit dem Album verdient.

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Wie seid Ihr dann auf Rick Echolette gekommen?
Das war ein Kumpel von uns (lacht) und ganz typisch Alphaville. Wir waren auf dem ersten Gipfelpunkt unserer Karriere. Jede andere Band hätte wohl erstmal ausgiebige Rehearsals gemacht und einen der weltbesten Musiker engagiert. Und was macht Alphaville? Die nehmen Rick, einen alten Kumpel, der halbwegs passabel Gitarre spielen kann (lacht). Wir waren immer noch Hippies zu diesem Zeitpunkt und hatten uns überhaupt nicht verändert. Die Veränderungen, die sich dann auch auf die Persönlichkeit durchschlagen, haben sich erst in den kommenden Jahren breitgemacht.

Wie kam es 1985 dazu, daß Alphaville die Musik zum Film "Der Bulle und das Mädchen" beisteuerte?
Ach Gottchen... das weiß ich auch nicht mehr. Es kam eine Anfrage von Seiten der Filmproduktionsfirma und wir haben dann einen Song dafür geschrieben. "Golden Feelings" war das und das haben wir einfach gemacht. Wir fanden die Anfrage natürlich toll, weil wir schon immer sehr filmbegeisterte Menschen waren, die sich in der Produktionsphase auch immer über Bilder unterhalten. Wenn ich einen Song schreibe, läuft vor meinem inneren Auge immer so ein Video ab und wenn ich nicht in der Lage bin, das gleich in Musik umzusetzen oder den anderen vorzuspielen, dann erzähl ich denen von diesen Bildern, die mir im Kopf herumschwirren. Und das ist eigentlich so die gängige Kommunikationsmethode zwischen uns und ich denke, daß Musik auch sehr visuell ist, sie schwört Bilder herauf, hat diese Romantik... Diese Lichtszenarien, die drin sind, finde ich - das liegt einfach daran. Also jedenfalls bekamen wir dieses Angebot und haben das dann einfach gemacht und alle waren froh. Das Ding ist ja gut gelaufen.

Habt ihr noch mehr Filmmusik gemacht?
Ja, kleinere Projekte. Und wir haben für einen wichtigen, großen, schwedischen Regisseur Musik geschrieben. Fragt mich jetzt nicht nach den ganzen Namen. Das sind alles zum Teil Sachen, die wir in den neunziger und zweitausender Jahren nebenbei erledigt haben. Es gibt schon 'ne Menge Filmmusik von uns.

Ebenfalls '85 bist Du Teil des Projekts "Band für Afrika" gewesen, das die Single "Nackt im Wind" produzierte...
Ja, allerdings! (lacht)

... und den Erlös dem guten Zweck stiftete.
Das war das einzig Gute daran! Der Song war gräßlich. Auch sonst habe ich keine besonders positive Erinnerung daran. Ich fand die Idee gut, hab mich total darauf gefreut, nach München zu fliegen, andere deutsche Artisten zu treffen und gemeinsam dieses Lied zu singen - egal wie Scheiße es auch klingt. In meiner grenzenlosen Naivität dachte ich: ‚Mann, das ist ein Riesen-Get-Together. Wir sind alle zusammen, feiern 'ne Party und haben eine gute Zeit.' Aber was sich dann ereignet hat, war nicht dazu angetan, sich besonders dafür zu begeistern. Ich habe noch nie in meinem Leben soviel Mißgunst gesehen! Es waren sehr viele Künstler vor Ort und es gab nicht für jeden einzelnen genug Text. Deswegen haben sich Leute - ich will jetzt keine Namen nennen - teilweise um irgendwelche Zeilen gestritten! Das war wirklich kein erhebendes Ereignis. Der einzige, der ein bißchen Eier gezeigt hat, war Marius Müller-Westernhagen. Er meinte nach ein paar Stunden so: "Hey Leute, macht doch mal euren Scheiß alleine, da mach ich nicht mehr mit." Und das war vielleicht die einzig vernünftige Entscheidung. Auf der anderen Seite war natürlich toll, daß mit dem Projekt eine Menge Kohle verdient wurde, die für viele nützliche Sachen Verwendung fand. Aber letztendlich wird das Übel nicht an der Wurzel bekämpft. Was hat sich denn seit der Aktion geändert? Überhaupt nichts! Es ereignen sich immer noch die gleichen Katastrophen. Trotzdem war es eine prima Idee von Bob Geldof.

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Mit "Afternoons in Utopia" kam zwei Jahre nach dem erfolgreichen "Forever Young"-Album die zweite Langrille in die Läden. Trotz richtig toller Produktion und Kompositionen kam die Scheibe nicht an die Erfolge ihres Vorgängers heran. Lag es an der schlechten Werbung, weil die Plattenfirma glaubte, es würde ein Selbstläufer werden oder was waren die Gründe?
Es war zu erwarten, daß wir an die Verkaufszahlen unseres Vorgängers nicht anknüpfen können, aber man kann nicht sagen, daß es ein Schlag ins Wasser war. Die Platte war äußerst erfolgreich, wir haben über hunderttausend Stück verkauft und unsere Singles wurden in mehreren Ländern vergoldet. Daß sowas immer derart heruntergeredet wird, ist irgendwie eine typisch deutsche Eigenschaft. (Sehr richtig! - Anm.d.Verf.) Schaut mal über Wikipedia die englischsprachigen Artikel von Bands an. Da ist sogar eine Top 30-Platzierung als Hit aufgeführt! In der gleichnamigen deutschen Version über die selbe Band wird es als Flop bezeichnet. Natürlich ist das eine Definitions- und Ansichtssache, aber ich finde, dieses Verhalten ist einer der Gründe, weshalb es hier in Deutschland eigentlich keine Stars gibt - so wie z. B. in Frankreich, England, Amerika. Stars werden nicht zugelassen, weil sie hauptsächlich beneidet werden und man ihnen das anscheinend nicht so richtig gönnt. In anderen Ländern werden solche Leute bewundert. Ich möchte jetzt nicht sagen, daß wir die absoluten Stars waren, aber ich bin manchmal schon über diverse Definitionen wie "'Afternoons in Utopia' war ein kommerzieller Fehlschuß" verärgert. Das stimmt ja nun wirklich nicht.
Ich meine, Michael Jacksons Thriller-Nachfolgeralbum wurde auch nicht so viel verkauft wie der Vorgänger und trotzdem kann man nicht sagen, daß es schlecht gelaufen wär. Aber in der Tat war "Afternoons in Utopia" nicht so erfolgreich wie "Forever Young". Wir hatten zwei Singles weniger und in Deutschland sind wir - glaub ich - nicht in die Top Ten gegangen, aber wir hatten zweieinhalb Hits drauf und dementsprechend war der Albumumsatz nicht übel. Hätte man so einfach nicht von der Tischkante stoßen sollen... "Afternoons in Utopia" war ein stilistischer Wechsel zu romantischerer, albumorientierter Musik, das darf man natürlich nicht vergessen. Das Album hatte auch nicht so viele Singles. Es gab Stücke wie z. B. "Lassie Come Home", die ausufernder waren und mehr in Pink-Floyd-artige Richtung gingen. Insofern war es von vornherein klar, daß es mit dem Album anders laufen würde. Das dritte Album, das wir mit Klaus Schulze produziert haben, war schon wieder ein stilistischer Wechsel, den vielleicht auch nicht jeder so ohne weiteres mitmacht. Wir haben einfach unbekümmert Musik gemacht und immer das, was wir gerne machen wollten, was uns dazu einfiel. Ich muß ganz ehrlich sagen, daß wir mit dieser Tour ziemlich weit gekommen sind. Wir haben auch die Alben, die nicht immer Top 20 waren, ausreichend verkauft, so daß wir unser Dasein als Musiker ganz gut fristen und unsere künstlerische Identität, unseren künstlerischen Freiheitsraum bewahren konnten, ohne zwingend Hitsingles produzieren zu müssen. Was wir aber natürlich gerne getan hätten - keine Frage.

Wie ist es zu der Zusammenarbeit mit Klaus Schulze gekommen?
Über einen Techniker, den wir beide kannten. Er kreuzte eines Tages in unserem Studio auf, um uns sehr schöne, teure Röhrenmikrophone anzubieten. Wir kauften welche und im Gespräch erfuhren wir, daß er Klaus Schulze - dessen Musik wir sehr bewunderten - gut kannte. Klaus befand sich gerade in Berlin, also haben wir uns getroffen. Zwischen Klaus und mir war sofort eine gemeinsame Wellenlänge, persönlich und musikalisch. Deswegen war ziemlich schnell klar, daß wir unser nächstes Album zusammen machen wollen. "The Breathtaking Blue" war das letzte Album, das tatsächlich noch mit einem Produzenten entstand. Danach übernahm Bernd diese Aufgabe. Ich selbst bin mehr der Songwriter.

Ihr habt 1993 Euer erstes Livekonzert seit 10 Jahren in Beirut (Libanon) gegeben. Warum ausgerechnet dort?
Das hat sich einfach so ergeben. Der Bürgerkrieg war gerade vorbei und die deutsche Botschaft sandte übers Goethe-Institut eine Einladung an uns, der wir gefolgt sind. Wir dachten: ‚OK, wenn wir jetzt unser erstes Konzert nach Jahren spielen, paßt Beirut hundertprozentig zu uns.' (lacht) Irgendwie irre - also genau das richtige Angebot für Alphaville. Ich bin sehr froh, daß wir diese Gelegenheit hatten. Es war eines der eindrucksvollsten Erlebnisse meiner gesamten Musikerkarriere.

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Beim Album "Prostitute" war erstmals Rainer Bloss als Co-Autor vertreten. Wie seid Ihr zusammengekommen?
Rainer hab ich über Klaus kennen gelernt. Er hatte die ganzen klassizistischen Arrangements für Klaus' Stücke geschrieben. Und er war der erste akademisch gebildete Künstler/Musiker, mit dem ich zusammengearbeitet habe.

Kanntest du etwas von dem, was er in der DDR gemacht hat, z.B. von den Bands Vulkan, der Rainer Bloss Combo und WIR?
Die Schlager- und Rocksachen nicht. Ich kannte dieses eine Konzeptalbum - wie hieß das doch gleich - irgendwas mit "Knecht". Hat mir allerdings nicht besonders gefallen. Als ich mit Rainer anfing, Stücke zu schreiben, war er eine wahnsinnige Inspiration und hat mir völlig neue Tore geöffnet. Durch seine Anwesenheit hat sich das harmonische Spektrum von Alphaville extrem geweitet. Rainers Einfluß bei "Prostitute" war natürlich sehr sehr groß und wir schrieben eines unserer schönsten Stücke. "Apollo" ist immer noch DER Livesong, einer der beliebtesten Livesongs überhaupt, die wir haben. Solche Musik haben wir vorher noch nie gemacht und hätten das ohne Rainer gar nicht drauf gehabt.

Ab Ende der 80er splittete sich die bis dahin einheitliche und kommerzielle Elektronikszene in die kommerzielle Schiene mit den ganzen Dancefloor- und Europop-Produktionen und einer alternativen Szene mit der sog. EBM (Electronic Body Music), aus der später auch die Dark Wave-Szene entstand. Fühlt ihr euch da in irgendeiner Art und Weise der einen oder anderen Schiene zugehörig?
Nö, überhaupt nicht. Es gibt zwar eine ganze Menge Zeug aus der Szene, das mir gefällt, aber ich hab nicht das Gefühl, daß Alphaville dazu gehört. Wir haben in Leipzig auf diesem desaströsen Dark-Wave-Festival gespielt, wo der Veranstalter Pleite gegangen ist und die meisten Bands keine Gage für ihren Auftritt bekommen haben. Wir hatten unsere Instrumente bereits aufgebaut und wußten, daß auch Alphaville keine Kohle bekommen würde, aber wir haben trotzdem für die armen Schweine gespielt, die dafür Eintritt bezahlt haben. Jedoch waren wir die absoluten - Ja, wie soll ich sagen? - Zootiere auf diesem Festival (lacht). Wir waren die einzigen recht bunt gekleideten, alle anderen trugen schwarzen Klamotten. Man nahm uns mit großer Bewunderung und gewisser Freude zur Kenntnis. Irgendeiner von den Veranstaltern hatte sich in den Kopf gesetzt, daß wir dort unbedingt mit dabei sein sollten, aber es ist eigentlich nicht unser Ding. Auch wenn wir mit Sebastian Komor aus der Dark-Wave-Szene einen Co-Produzenten gewonnen haben, der auf unserer neuen Scheibe sehr aktiv war, kann ich nicht sagen, daß Alphaville etwas mit diesen Strömungen zu tun hat.

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Alphaville hatte in den 80ern seine Vorbilder in England, z.B. OMD und Human League. Heute ist Alphaville für Nachwuchsbands selbst Vorbild und Inspiration. Bist Du Dir dessen bewußt und treten oft junge Musiker an Dich heran um sich Tips zu holen?
Ich bin mir dessen bewußt und habe öfter Kontakt zu jüngeren Musikern, mit denen ich über bestimmte Sachen rede. Die fragen mich in der Regel nicht nach irgendwas, sondern die spielen mir Sachen vor und ich sag dann was dazu. Aber es geht eigentlich nie darum, daß ich denen jetzt erzähle, wie sie das besser machen können. Ich komme nicht an und gebe Tips. Dazu fühle ich mich gar nicht in der Lage. Ich kenne deren Situation nicht, weiß nicht, wo die mit ihrer Musik hinwollen - das können die am besten selber entscheiden. Ich hab mich auch immer dagegen gewehrt, Produzent für irgendeine andere Band zu sein. Das wäre zuviel Verantwortung. Wenn ich eine Band produziere und da wird dann nichts draus, hätt' ich immer das Gefühl, daß ich dran Schuld bin und das würde mich eher nervös machen. Insofern bin ich mit Ratschlägen sehr sehr vorsichtig. Ich denke, die meisten Leute wissen schon sehr genau, was für sie gut ist und wenn sie fragen, sollte man sehr vorsichtig mit Ratschlägen sein, sondern eher etwas sagen, was diejenigen dazu bringt, selber noch mal nachzudenken.

Ihr habt das 25jährige Bandjubiläum mit einem Konzert in Prag gefeiert. Warum nur dort und nicht in der Heimat?
Für die meisten unserer Fans spielt es überhaupt keine Rolle, wo wir auftreten. Ob London, Paris, Berlin oder Prag - das ist denen Wurscht. Sie fliegen ohnehin meist zu den Konzerten und da macht das keinen Unterschied. Unser 20jähriges haben wir in Berlin Tiergarten gefeiert. Eine sehr schöne Party mit vielen Leuten und toller Stimmung. Durch die Location wirkte es trotzdem intim. Das ganze Drumherum hat gepaßt und ich wollte sowas unbedingt noch mal machen. Es sollte aber nicht das Gleiche sein. Bei einem früheren Auftritt, den wir in Prag in dem kleinen Palast auf dieser Moldau-Insel hatten, dachte ich: ‚Das wär eigentlich eine tolle Location, um unser 25jähriges zu feiern.' Es war ganz schön schwierig, diese dann auch zu bekommen, wir hatten 'ne Menge Glück und ich kenne keinen, der ein Problem mit der Wahl unseres Veranstaltungsortes hatte. Die Fans aus Deutschland waren am günstigsten dran, konnten mit Bahn oder Auto anreisen. Die meisten anderen mußten sich erst in den Flieger setzen. Insofern war Prag - denk ich mal - keine schlechte Lösung.

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Kommt das irgendwann mal auf DVD?
Weiß ich nicht. Sowohl das Konzert in Berlin als auch das in Prag wurden aufgezeichnet. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das jemals veröffentlicht wird, dazu braucht man Abstand. Ich weiß, daß es im tschechischen Fernsehen eine Ankündigung für die Aufzeichnung des Konzerts vor zwei Jahren gibt, aber das ist von uns noch gar nicht freigegeben und ich glaube nicht, daß es stattfinden wird.

Alle drei Alphaville Musiker, sowie auch Rick Echolette, der 1985 Frank Mertens ablöste, traten nicht unter ihren bürgerlichen Namen auf. Du nennst Dich Marian Gold. Was steckt hinter Deinem Künstlernamen, woher kommt er?
Meine Familie ist sehr weit über Europa verbreitet. Ich habe Vorfahren aus Westfalen, Ostpreußen, Italien, Bulgarien. Bulgarien war die Inspiration für Marian. Es ist dort ein sehr verbreiteter Name, einer meiner Urgroßväter hieß so und deshalb war ich der Meinung, daß ich die Berechtigung hatte, mich Marian zu nennen. Außerdem paßte er gut zu Gold. Die Wahl meines Nachnamens hatte keinen speziellen Grund. Er klang ein bißchen jüdisch, das hat mir gefallen und außerdem ist Gold ein sehr schönes Element. Man sagt ja auch: Er hat Gold in der Kehle... Marian Gold, das hatte sowas - ja ich weiß nicht - das ging so haarscharf am Schlagersänger vorbei (lacht). Haarscharf gefällt mir immer, so ganz knapp an der Geschmacklosigkeit vorbei. (lacht) Solche Sachen gefallen mir total gut. Und es war toll, daß man überhaupt die Gelegenheit hatte, seinen Namen zu ändern. In Europa ist das mit sehr vielen Schwierigkeiten verbunden, besonders in Deutschland. Hier kann man froh sein, wenn der Standesbeamte den Namen akzeptiert, den man sich für seine Kinder ausgesucht hat. (lacht) Die haben ganz strenge Vorschriften und ich bin sehr froh, daß ich bei meinen sechs Kindern mit den Vorschlägen immer durchgekommen bin.

Dann wünschen wir dir mit der neuen Platte maximale Erfolge und vielleicht sogar wieder mal einen Platz unter den ersten 10!
Ja, das wär doch mal toll...

Möchtest du abschließend noch etwas loswerden?
Nee, also ihr habt mich ja hier ausgequetscht wie eine Zitrone! (lacht) Ich bin platt! (lacht noch lauter) Das ist mit Abstand das längste Interview, das ich heute gegeben habe. Jetzt werde ich mein verdientes Bierchen trinken und eine Zigarette rauchen. Ich bedanke mich für eure Geduld, die Fragen waren sehr interessant und es hat mir Spaß gemacht, mit euch zu reden.

Uns auch...

 

Interview: Knechtel Family
Vorbereitung: cr
Fotos: Universal, Archiv
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