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Auf ihrer "Schlüssel- & Schlosstour" waren die Drei viele Kilometer zusammen unterwegs, haben gemeinsam eine sehr intensive Zeit verbracht und jede Menge Erlebnisse miteinander geteilt. Sie haben in Kirchen, Schlössern, Cafés, Pubs und Wohnzimmern gespielt, haben ihre Lieder und Geschichten in die Welt getragen und neue erlebt. Sie haben Fans und Infizierte in ihren Bann gezogen und viele Seelen verzaubert. Sie haben alte Freunde wiedergetroffen und neue dazu gewonnen. Im Tonstudio im Schloss Röhrsdorf haben sie aus Hollys Traum ein gemeinsames Projekt gemacht und "Aura Borealis" in nur zwei Wochen Leben eingehaucht.002 20150313 1037096941 Dass sie durch all das Erlebte noch enger zusammengewachsen und aufeinander eingespielt sind, konnte man nicht nur auf der Bühne hören und sehen, sondern auch am Umgang miteinander spüren. Kurz vor dem Abschluss der Tour - vor dem vorletzten gemeinsamen Konzert im Club Charlotte in Potsdam - hatte ich Gelegenheit, mit Holly, Jäcki und Pavel gemeinsam ins Gespräch zu kommen und zu hören, wie sie die letzten Wochen erlebt haben ...

 

Als wir im letzten September miteinander gesprochen haben, Holly, wolltest du bewusst alles offen lassen. Im Gespräch ging es um das neue Album und wie das wohl alles werden wird mit der Tour und den Konzerten. Du hast damals gesagt, dass ihr euch nicht festlegen, sondern einfach mal sehen wollt, wie es läuft - keine großen Erwartungen, keine großen Hoffnungen. Und nun möchte ich gern wissen, wie es jetzt aussieht, wie es sich für euch anfühlt. Von der Zeit im Studio bis zu den Konzerten - ihr habt ja unheimlich viel zusammen gespielt und erlebt ...
Jäcki: Ich hab schon zu Holly und Pavel gesagt, dass wir uns jetzt erst ein Jahr und zwei Monate kennen. Ok, die beiden kennen sich schon etwas länger ... Und das war so eine intensive Zeit, das ist eigentlich Wahnsinn. Das ist jetzt nicht böse gemeint, aber das erleben manche Bands nicht in zehn Jahren und manche gar nicht. Was bei uns in der relativ kurzen Zeit passiert ist, das ist schon irre.

Und wenn man euch so erlebt, hat man auch das Gefühl, dass ihr ziemlich eng zusammen hängt. Und jetzt fliegst du Holly mit deiner Familie wieder nach Hause. Es fragt sich also, wie es jetzt aussieht, ob ihr irgendwelche Ideen oder Pläne habt? Wir haben schon mal scherzhaft gesagt, eine Record Release Party könnten wir ja auch ohne Holly machen. Dann laden wir halt Pavel und Jäcki ein ...
Jäcki: (lachend) Ich hab noch eine andere Idee ... Ihr kommt einfach alle nach Dawson City.

Das wäre auch eine Idee. Genau, wir chartern einfach einen Flieger ... Also, wie sieht es aus, habt ihr schon irgendwelche konkreten Pläne, was ihr machen wollt? Oder sagt ihr noch immer, "Wir machen einfach das Album fertig und dann sehen wir mal?"
Holly: Ich betrachte das eigentlich eher rückwärts. Jetzt ist erstmal etwas geschafft. Das Album zu machen, war das große Abenteuer. Und ich würde mich sogar ein bisschen dagegen wehren, jetzt schon wieder vorwärts zu denken. Ich bin erst mal froh, dass das abgeschlossen ist. Es ist alles so eingetroffen, wie man sich das wirklich nur hätte erträumen können. Mit der Jana hat alles geklappt (gemeint ist Jana Groß von Bell Book & Candle). Wir haben uns nicht gezankt, es haben alle mitgemacht und es war immer alles da. Wir haben uns auch gegenseitig irgendwie bezahlen können. Das war auch schön, dass nicht jeder nur alles ehrenamtlich macht und alles reinhaut. Wir haben uns auch mit den Autos nicht überschlagen oder sowas. Und meine Familie ist auch ganz gut dabei weggekommen, denn wir haben uns auch um die Familie kümmern können. Das war ja auch wichtig, dass meine Kinder ihr Hockey spielen können. Und wir haben hier Winterurlaub gemacht und Kirsten hat Sommerurlaub in Ägypten gemacht.003 20150313 1831143079 Das waren alles wichtige Sachen. Und jetzt ist erst mal etwas Ruhe wichtig nach so einem Abenteuer. Das ist so, als ob du an den Nordpol fährst. Danach fragt dich erstmal niemand, was du mit dem Erlebten machen willst. Das muss sich erstmal setzen. Und das ist mit allen Abenteuern so, die passieren eigentlich erst in der Erinnerung. In der Zeit, in der die Sachen laufen, bist du da drin und versuchst das zu regulieren und irgendwie zu optimieren. Für mich war das ja auch ganz schön viel Arbeit. Deshalb will ich jetzt erstmal nach Hause gehen und dann setz ich mich mit dem Ding hin und bin zufrieden, dass es geboren ist und dass es was geworden ist. Etwas, das vorher nicht existiert hat, ist jetzt da. Nichts von "Aura Borealis" gab es vorher, das haben wir alles aus der Luft gezogen. Wir haben davon geträumt und jetzt ist es da. Und deshalb genieß ich das jetzt auch. Ich geh nach Hause und setz mich mit dem Ding hin, wie ein Huhn auf das Ei. Ich setz mich einfach da drauf und dann wird es wahrscheinlich nicht lange dauern, bis mir irgendwelche Ideen kommen, was ich damit machen will.
Jäcki: Außerdem ist die Zeit, bis die CD rauskommt, ja auch erstmal spannend. Auch für uns ist das spannend, nicht nur für die Leute, die auf die CD warten. Klar, für die wahrscheinlich noch mehr, aber für uns eben auch. Wir haben das Album ja noch nicht in der Hand ... Wir haben zwar die Aufnahmen alle auf Band, aber sonst haben wir noch nichts in der Hand.
Holly: Das ist genauso, als ob du ein Möbelstück baust. Wenn du zum Beispiel einen schönen Schrank baust, dann musst du dich danach erstmal hinsetzten und den in Ruhe angucken. Du musst das auch mal genießen können. Wenn du nicht zwischendurch mal eine Pause machst, kommt das gar nicht richtig an, dass vorher noch nichts da war. Wenn du danach den nächsten aufbaust und dann wieder einen Schrank für jemand anders, dann geht das alles nur zack, zack und kommt gar nicht richtig an. Aber so will ich nicht mehr leben.

Während eurer Zeit im Studio konnte man ja super verfolgen, was so alles passiert ist. Jäcki hat jeden Tag ein paar Fotos gepostet und Holly hat immer mal was dazu geschrieben, so dass man das ziemlich hautnah mitverfolgen konnte. Und dann die Geschichte mit dem Schlossfest - das kann man Leuten, die nicht live dabei waren, ohnehin nur schwer beschreiben. Das habe ich in der Art noch bei keiner anderen Band erlebt. Oder kennt ihr etwas Vergleichbares?
Jäcki: Naja, direkt vergleichbar nicht. Aber wir haben ja zur Veröffentlichung von "Kopf an Kopf" auch dieses Treffen im Silly-Studio gemacht ...

004 20150313 1995570131Ok, das stimmt natürlich. Das hatte ich jetzt gar nicht mehr auf dem Schirm ...
Jäcki: Ok, das war jetzt kein Schloss ...
Holly: ... ach, keine Sorge, das wird schon noch ... (lautes Gelächter)
Jäcki: Aber das war ja schon ähnlich. Wir haben zwar kein Konzert gegeben, aber die Fans durften die Songs auch schon vor der Veröffentlichung hören. Durch so ein Schloss wird das natürlich noch mal aufgewertet. Und was hier dazu kam, war der Fakt, dass wir ja gerade erst fertig waren. Einen Tag vorher hatten wir das Ganze gerade erst im Kasten. Das war das Besondere, für mich zumindest. Das war also ganz frisch für uns alle.

Oh ja, allerdings. Mir ging es im Schloss die ganze Zeit so, dass ich gar nicht wusste, wo ich zuerst hingucken oder hinhören sollte. Holly wirkte wie ein kleiner Junge kurz vor der Bescherung, total aufgeregt. Pavel stand irgendwo in der Ecke und war total in sich gekehrt und zurückhaltend. Der einzige, der relaxt wirkte, warst du, Jäcki ...
Jäcki: Ja, äußerlich ... (Gelächter)

Das war diesmal auch ein völlig anderer Eindruck von dir. Bei Silly zum Beispiel bekommt man bei der Studioarbeit nicht so viel von dir mit, da stehen eher Uwe und Ritchie im Vordergrund. Aber ich hatte das Gefühl, dass hier auch ziemlich viel von dir eingeflossen ist, oder? Nicht nur die Jazzpolizei ...
Jäcki: Ja ... (zögerlich)
Holly: Ja, aber faktisch hat er bei uns in der Band auch eine andere Position.
Jäcki: Das denke ich auch. Aber ich bin da auch vorsichtig, das alles so zu vergleichen. Jede Band funktioniert ja auf der einen Seite ähnlich, auf der anderen Seite immer anders.
Holly: Wir starten ja jetzt gerade von ganz unten. So wie Silly vielleicht vor 25 oder 30 Jahren mal angefangen hat. Das ist natürlich auch etwas ganz anderes.

Und wie war das alles für dich, Pavel? Warst du das erste Mal mit einer Band im Studio?
Pavel: Ja, im Studio war ich zum ersten Mal. Wir haben die Tour im letzten Jahr zusammen erlebt, das war für mich schon eine riesige Chance und eine super Schule. Seitdem läuft bei mir alles irgendwie. Ich bin total gewachsen durch die Tour im letzten Jahr und jetzt geht es einfach weiter. Ich bin zwar ziemlich traurig, dass es jetzt vorbei ist, denn ich würde gern jeden Tag spielen. Aber es stimmt natürlich auch, dass etwas Ruhe zwischendurch mal gut ist. Man kommt dann wieder runter und bekommt ein bisschen Abstand.

005 20150313 1401111871Wie habt ihr das im Studio eigentlich mit der Titelauswahl gemacht? Ich kann mich an den Sonntag erinnern, als ich bei euch im Studio zu Besuch war. Da lag irgendwo ein Zettel mit 19 Titeln, aber ganz so viele sind letztlich nicht auf dem Album drauf, glaube ich ...
Holly: Am Ende werden 16 Titel auf dem Album sein. Es werden also alle drauf kommen, die eingespielt wurden. Und die drei Titel, die nicht auf dem Album sind, wurden gar nicht so richtig aufgenommen. Die haben wir entweder nicht geschafft oder nicht in der Qualität hinbekommen, die wir haben wollten. Die waren einfach noch nicht reif, die Lieder. Das war vielleicht auch ein kleines bisschen meine Schuld, dass ich auch gedrängelt hab, so viele Lieder wie möglich aufzunehmen, weil das Studio so geil klang. Weil wir da wahrscheinlich in der Konstellation auch nicht mehr hinkommen werden. Das weiß ich zwar nicht, aber das sag ich jetzt mal ... Also hab ich versucht, so viel wie möglich reinzukriegen und da war natürlich auch irgendwann mal die Kraft alle. Unseren Instrumentalsong zum Beispiel haben wir in vier Varianten aufgenommen. Die haben natürlich alle schöne Stücke, aber irgendwie ist das Lied noch nicht reif. Der Song ist viel besser als das, was wir aufgenommen haben. Das wird wachsen, aber noch ist es nicht so weit und deshalb hab ich das raus genommen. Und "Feinsliebchen" hat es nicht geschafft, weil die Musiker, die mitmachen sollten, nicht angereist sind. Da konnte ich nichts dafür, da ist irgendwas schiefgegangen und dann saß ich alleine dort. Und welches hat noch gefehlt? Ach so, "Lisa" hat noch gefehlt. Das haben wir zwar gespielt und haben einfach so gejammt und danach waren wir überrascht, wie gut der Take war. Aber das Studio war halt nicht drauf vorbereitet und da haben wir vergessen, eine Gitarre anzustecken.
Jäcki: Aber überleg mal, bei Lichte besehen waren wir ja nur zwölf Tage im Studio. Und im Grunde genommen haben wir 19 Songs aufgenommen, von denen 16 auch auf das Album kommen werden. Und das mit Gästen, mit extra Gesang und und und ... Das ist phänomenal, wenn du mich fragst.

Das ist wohl wahr. Ihr hattet ja auch fast jeden Tag ein anderes Programm, mit wechselnden Gästen und so. Und manches ist, glaube ich, auch erst spontan im Studio entstanden, oder?
Holly: Ja, genau. Es gab ja auch keinen wirklichen Plan, wie das alles abläuft. Arno hat vorher immer gesagt: "Ich brauche einen Plan. Wenn ihr kommt, brauche ich einen Plan."
Jäcki: Und wir haben immer nur gesagt, dass wir keinen haben ... (großes Gelächter) Bloß mal eine kleine Story dazu: An einem Tag hat Pavel gerade noch seine Geige eingespielt, da sind Holly und ich ins Hotelzimmer rüber und haben an "Lilly 2" gearbeitet. Wir haben alles mögliche ausprobiert, verschiedene Grooves und wie wir das alles machen wollen. Natürlich hatte Holly den Song zuhause schon komponiert, aber das ganze Drumherum ist eigentlich erst im Hotelzimmer entstanden. Auch die Idee mit dem Banjo. Und das ist ja dann alles noch mal ein ganz schöner Batzen Arbeit.
Holly: Super cool war aber auch, dass man nur mit dem Finger schnipsen musste und dann die Instrumente da waren. Egal, ob wir das vorher angefragt hatten. Das war wie im Musikerhimmel.
Jäcki: Stimmt. Wir haben einfach gesagt, wir würden den Song gern mit Banjo spielen, aber wir brauchen ein Gitarrenbanjo. Und Arno hat gesagt: "Kein Problem, hab ich da." Oder ich hab dann dort das Wurlitzer-Klavier gesehen und ich liebe diesen Klang. Und dann hab ich gesagt, dass das auf irgendeinen Song mit drauf muss. Und wenn es irgendwo am Rande ist. Das war dann am letzten Tag noch, aber das musste einfach sein.

006 20150313 1527280397Wenn das so super funktioniert, ist es natürlich schon klasse. Und das ist auch genau das, was ich mit Hollys Musik oder mit euch Dreien verbinde. Das ist nichts komplett Fertiges, sondern das entsteht eben auch miteinander. Und genau das macht auch das Besondere aus.
Jäcki: Aber man muss auch nochmal sagen, dass die Studioleute einfach geil waren. Stellenweise haben wir ja früh um elf angefangen und dann ging es bis nachts um halb drei. Und dann muss ja immer einer da sein, der das aufnimmt. Und es war auch immer einer da. Das funktioniert nicht in allen Studios so, die Erfahrung hab ich auch schon gemacht.
Holly: Wir haben ziemlich schnell gemerkt, dass wir mit den üblichen acht Stunden Studiozeit nichts anfangen können. Und glücklicherweise sind die drei Studioleute auch alle für unser Projekt in Flammen aufgegangen.
Jäcki: Und das macht echt unheimlich viel aus. An der Stelle auch mal ein dickes Lob an die Studiobesatzung!
Holly: Genau! Da waren ja auch zwei Unbezahlte dabei, die sind dort sozusagen Praktikanten. Und Arno hat durch das Ganze auch fast seine Familie verloren ...
Jäcki: ... naja, das ist schon ziemlich wichtig, dass du so Leute dabei hast, die plötzlich auch für dein Produkt brennen. Und das ist nicht selbstverständlich.

Das kann ich nachvollziehen. Aber ich habe auch noch niemanden erlebt, der zum Beispiel zu eurem Konzert gekommen ist und hinterher gesagt hat: "Naja, das war ganz nett, aber das muss ich jetzt nicht nochmal haben." Die Leute, die zu euren Konzerten kommen, die nehmen auch etwas mit und kommen wieder.
Jäcki: Deswegen habe ich mich gestern auch so sehr gefreut (gemeint ist das Benefizkonzert in der Friedrichshagener Christophoruskirche am 22.01.2015). Da waren ja nun viele Kollegen von mir da, die Holly und Pavel noch nicht so kennen und die waren alle positiv überrascht. Das war für mich schon ein bisschen aufregend ...
Holly: ... das hast du ja noch gar nicht erzählt ...
Jäcki: ... doch, hab ich ...
Pavel: Mir hast du es erzählt. Weil ich bei dir nachgefragt habe, wie es so ankam bei den Kollegen.

007 20150313 1035366498Du hast ja selbst schon gesagt, Holly, dass in der Kirche so eine getragene, schwere Stimmung war. Und als ihr dann angefangen habt, haben wir die Veränderung auch selbst gesehen. Ich will nicht sagen, dass es ein Stimmungsumschwung war, aber schon sowas wie ein Stimmungsaufheller. Da gab es oben auf der Empore schon einige Leute, die aufgestanden sind und getanzt haben. Und plötzlich war die Stimmung auch etwas anders, etwas leichter. Das ist danach dann zwar wieder zurückgekippt ...
(Gelächter)

Wie ist das eigentlich für euch, was ist euch wichtiger: Die Konzerte zu spielen und den direkten Kontakt zu den Leuten zu haben oder das Baby jetzt irgendwann in der Hand zu haben und unter die Leute zu bringen?
Holly: Irgendwie denke ich, wir sitzen auf einem Pulverfass. Jetzt kommt es nur drauf an, wer die Lunte zündet. Und ob wer die Lunte zündet.
Jäcki: Wenn ich jetzt mal von mir rede, muss ich sagen, mir macht schon beides Spaß. Die Studioarbeit, vor allem mit motivierten Leuten macht viel Spaß und live zu spielen macht auch Spaß. Aber wenn ich mich jetzt entscheiden müsste, würde das Pendel ganz leicht zum Live-Spielen rüber kippen.
Holly: Für mich ist das auch klar, ich mag es auch live zu spielen. Weil das jedes Mal anders ist und die letzten zwei Konzerte werden wahrscheinlich nochmal ganz anders. Weil einfach alles offen ist. Da können wir spielen, was wir wollen. Wir haben auf der Tour 28 Konzerte gespielt und haben 28 Mal Zugaben geben müssen. Und die letzten zwei Konzerte werden wir auch nicht versauen. Jetzt können wir einfach machen, was wir wollen. Vielleicht spielen wir heute und morgen einfach mal für uns. Ich hab gestern lange, lange mit der Jana zusammen gesessen und hab gesagt, ich weiß nicht was passiert, aber irgendwas brodelt hier. Und ich würde schon gern mal wissen wollen, was unsere Lieder wirklich können. Das hat zwar inzwischen einen Kreis erreicht, der größer ist, als ich mir schon gedacht hab und die sind auch alle total heiß drauf. Aber unsere Lieder waren noch nie im Radio und auch sonst noch nirgends groß und das ist alles total spannend. Unsere Lieder waren auch noch nie vor einem größeren Publikum, mit richtig gutem Sound. Und ich war noch nicht einmal mit Jana gemeinsam auf der Bühne, was mich wahnsinnig macht. (lautes Gelächter) Das würde ich bestimmt auch mal richtig gut rocken, oder?

Durch eure Musik haben sich auch so spezielle Menschen bei den Konzerten gefunden. Ein Teil kannte sich vorher schon und ein Teil kannte sich noch gar nicht und dann haben sich wieder neue Gruppen gebildet. Da sind sicherlich auch schon richtige Freundschaften draus entstanden oder werden noch entstehen, was schön ist und irgendwie auch etwas Besonderes. Gibt es eigentlich von den vielen Geschichten, die ihr jetzt erlebt habt, auch welche, die vielleicht in neue Songs einfließen können? Ist das denkbar?
Holly: Ja, irgendwie schon, aber im Moment schreibe ich gerade nicht ...

008 20150313 1370092146Aber irgendwo im Kopf hängt das eine oder andere ja wahrscheinlich doch fest, oder?
Holly: Hm, irgendwie schon. Ich hab natürlich auch die anderen Bands beobachtet, jetzt wo wir unterwegs waren. Und ich hab ja auch wieder viele Leute kennen gelernt und durch Jäcki auch bei Silly ein kleines bisschen Einblick bekommen, wie die das alles so machen. Da muss ich mal sehen ... Aber ich glaube, Schlüsselgeschichten werden viele kommen. Das glaub ich schon, da gibt es ja absolute Umwälzungen, die in Leuten stattfinden und auch relativ schnell gehen. Bei manchen Leuten hab ich irgendwie das Gefühl, dass die nur auf das Symbol gewartet haben. Die wussten zwar nicht, dass wir das bringen, aber als sie das Symbol hatten, war dann sofort die Zeit für eine Veränderung. Ich hab zum Beispiel einem Mädel einen Schlüssel gegeben, die ist fast durchgedreht vor mir, hat gezittert und richtig heftig geatmet. Sie hat dann gesagt, dass sie jetzt los muss und alles umstülpen muss. Die war super aufgeregt und hat den Schlüssel auch nie aus der Hand gegeben. Normalerweise verliert man ja seinen Autoschlüssel andauernd oder seinen Hausschlüssel, aber diese Schlüssel sind witzigerweise immer da. Die Leute wissen immer, wo sie die Schlüssel haben. Die sind dann auch irgendwann blank, weil die Leute die immer in den Händen haben. Und das ist schon spannend. Über so einen Schlüsselsong brüte ich jetzt schon eine ganze Weile und irgendwann wird er da sein, auf alle Fälle. Das Wort Schlüssel wird wahrscheinlich nicht direkt darin vorkommen, aber der Song kommt mit Sicherheit. Es gibt etliche Leute, die mir gesagt oder geschrieben haben, dass ihnen das einfach total geholfen hat.

Das ist tatsächlich eine schöne Idee und heutzutage ja eher unüblich. Und irgendwie verselbständigt sich das dann auch ...
Holly: Ja, genau. Irgendwie haben wir da was gefunden, was den Leuten total gut tut. Etwas, wo Menschen plötzlich auch in der Öffentlichkeit zugeben, dass es ihnen nicht gut geht. Was ja sonst nicht stattfindet, nicht in dem Maße jedenfalls. Die kommen ja manchmal auch vor an die Bühne und sagen direkt, dass es ihnen schlecht geht und dass sie einen Schlüssel brauchen. Oder sie sagen, dass sie etwas verändern wollen und dafür einen Schlüssel brauchen. Und dann hat es aber auch irgendwas, was nicht vorhersehbar oder oberlehrerhaft ist. Nicht so nach dem Motto: Ich weiß was und darum musst du das jetzt so und so machen. Sondern einfach nur ein kleines magisches Spiel, was seine Eigendynamik entwickelt und damit auch seine Farben kriegt.

Genau deswegen finde ich, dass es auch so super zu eurer Musik passt. Die hat auch eine gewisse Eigendynamik. Es sind die Geschichten, die erzählt werden und es ist die Musik, die ihr spielt. Und es ist so ein Gefühl, das man gar nicht so konkret beschreiben kann, muss man vielleicht auch gar nicht ...
Holly: Ich hab gestern auch noch ein bisschen mit Andy Birr geredet, auch über die Arbeit im Studio. Und ich hab zu ihm gesagt, dass sie da alle wirklich viel Erfahrung haben und die hab ich eben nicht. Und da hat er gesagt: "Darum machst du auch alles anders. Du rennst hier alles um." - (Gelächter) - "Für dich gibt es keine Regeln, du machst das alles wie du willst. Und darum klappt das auch. Wir haben immer einen Plan. Das muss so sein. Und dort brauchen wir noch einen Plattenübernahmevertrag ..." Und ich sag mir einfach: "Nöö, da mach ich nicht mit." Ich finde, da können dir die Erfahrungen auch total im Weg stehen. Also, ich hab mit meinen 46 Jahren vielleicht eine ganz gute Lebenserfahrung, wenn ich auf mein Herz höre. Aber das Musikbusiness, so wie es existiert, das interessiert mich eigentlich gar nicht. Weil das absolut einschränkend ist und irgendwie auch gemein.
Jäcki: Ja, das sind schon ziemlich interessante Sachen, wenn man sich damit beschäftigt. Wenn ich zum Beispiel an den Film "Sound City" denke und das, was da angesprochen wird. Die hatten da ein Treffen mit einem englischen Produzenten, der gesagt hat, dass sehr viel Musik heutzutage eben im Studio eingespielt wird und die Bands gar nicht mehr so miteinander agieren.009 20150313 1457769299 Das mag ja bei einigen Künstlern funktionieren, die auch so einen Status haben, aber die Bands klingen dadurch auch irgendwie alle gleich. Das hast du bei jemandem wie Holly eben nicht, das klingt nicht gleich. Das klingt nicht wie irgendjemand anders. Und das haben die zum Beispiel in England schon erkannt, wieder erkannt. Nur in Deutschland ist das leider noch nicht so ganz angekommen.
Holly: Aber die wollen jetzt auch so alle aufnehmen wie wir. Da sind wir die Pioniere ... (großes Gelächter) Und wenn das lange genug anhält, dann wird es bei den anderen auch wieder so werden. Arno hat auch gesagt, dass er in seiner Karriere noch keine Band erlebt hat, die mit One Take Songs im Studio durchgezogen hat und er hat die Arbeit mit uns wirklich auch genossen. Entscheidend ist doch, wir haben es gepackt. Manchmal leiert es vielleicht ein bisschen und manchmal schlappt was ab ...

Aber das ist genau der Punkt: Perfektion kann so ein Album ja auch kaputtmachen ...
Holly: Ja. Der fing auch schon wieder an zu bügeln, der Arno. Der hat die ganzen Spitzen oben wieder wegbügeln wollen. Da hab ich gesagt: Nee, nee, nee. Lass mal unseren Sound.
Jäcki: Das sind auch so Sachen ... Nicht gegen die Kollegen, aber dann hörst du dir was an und das ist alles irgendwo so perfekt gemacht. Und dann hörst du dir mal eine alte Aufnahme von den Stones oder Beatles oder Jimi Hendrix an. Die sind 40 Jahre alt und die sind überhaupt nicht perfekt gespielt, weil das damals noch gar nicht ging. Die hatten vier Spuren und da musste alles drauf. Und du hörst dir die immer noch an und sagst: Oh, geil. Klingt nach dem und dem ...
Holly: Die Leute, die sich das anhören, sind ja auch nicht perfekt. Das ist wie mit den Models, wenn sie die Fotos alle mit Photoshop bearbeitet haben. Klar, sehen die schön aus. Aber alle Frauen finden sich scheiße ...

Vor allen Dingen hat das ja auch nichts Individuelles mehr. Das Persönliche geht dann verloren ...
Holly: Na, das Perfekte gibt es ja eben auch nicht. Die perfekte Frau auf dem Foto gibt es ja so nicht. Und so gibt es eben auch keine perfekten Lieder.
Jäcki: Und es geht ja nicht darum, dass man scheiße spielt. So ist es ja auch nicht ... Du spielst schon auf einem gewissen Niveau.

010 20150313 1691700993Klar, sicher. Aber Emotion zählt doch letztlich mehr als Perfektion ...
Jäcki: Das ist klar. Absolut ...
Holly: ... wir haben ja zum Glück beides ... (großes Gelächter)

Das ist ja fast das perfekte Schlusswort. Aber vorher noch eine Frage: Wie geht es denn jetzt eigentlich bei euch weiter? Einige von euch spielen ja noch mit anderen Bands ...
Pavel: Ja, natürlich. Das geht einfach weiter mit meinen anderen Bands. Da gibt es viel zu tun und ich muss auch üben, zum Beispiel mal wieder mit dem Saxophon.
Holly: Ich such mir jetzt eine neue Band ...

Du suchst dir eine neue Band? Vielleicht läuft es ja auch andersrum und die Jungs suchen sich einen neuen Chef. Das könnte ja auch passieren ...
Holly: Klar, oder eine Chefin. Dann komm ich vielleicht wieder ... (großes Gelächter) Naja, du weißt ja, Jäcki hat jetzt erstmal volle Hütte zu tun mit seinen Projekten und da kann ich natürlich nicht in Dawson rumsitzen ohne Band. Das geht nicht. Also hab ich schon mal ein paar Stricke gezogen.
Jäcki: Und ich werde wahrscheinlich erst irgendwann im August Zeit haben, zu Holly zu fahren. Vielleicht, das muss man erstmal sehen. Das kann ich alles noch nicht so richtig planen.

Na dann bleiben wir einfach mal gespannt, wie es mit euch und "Aura Borealis" weitergeht. Wir hoffen natürlich, dass wir das gute Stück dann irgendwann demnächst in den Händen halten können. Also, alles Gute für euch! Und auf hoffentlich bald mal wieder live.


Interview: Grit Bugasch
Bearbeitung: cr
Fotos: Jäcki Reznicek, Sandy Reichel, Kirsten Lorenz





   
   
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