Kim Wilde live am 31. März 2009
in der "Großen Freiheit 36" zu Hamburg

(Support: JON HARRISON)


Bericht: Holger Stürenburg
Foto: PR




Ja, am vergangenen Dienstag (31.03.2009) wurden wir unbelehrbare 80er-Jahre-Kinder mit Wohnsitz Hamburg einmal wieder - und dies in mehrfacher Hinsicht - rundum glücklich gemacht. KIM WILDE, gebürtig aus Chiswick/West London stammend und zwischen 1981 und 1992/93 Dauergast in den europäischen Hitparaden, gab sich in der "Großen Freiheit 36", unweit der hiesigen Amüsiermeile Reeperbahn, die Ehre, rund 900 hanseatische, in Würde gealterte New-Wave-Kids mit einer druckvollen, rasanten Zeitreise in diejenige Ära zu begeistern, in der es zwar - klar - Probleme gab, in der aber gleichsam vieles einfach nur besser war - und dies betrifft insbesondere die Musik in der kühlen Dekade!
Den Anfang machte der hoch talentierte, britische Jungspund JON HARRISON, der womöglich kaum geboren war, als KIM ihre ersten Erfolge feierte, sich aber trotzdem ohne Schwierigkeiten in der Lage sah, mit energetischen Rockballaden und klassischem Stadionrock bester US-Tradition, irgendwo zwischen Bruce Springsteen, Bryan Adams oder John "Cougar" Mellencamp angesiedelt, 20 Minuten lang die Fahnen des 2009 ja beinahe schon ausgestorbenen, romantisch infizierten Melodic Rock hochzuhalten. Es ist anzunehmen, daß wir in Anbetracht der starken Stimme und der mitreißenden Melodien von Jon Harrison in Futuro von ebenjenem sympathischen Künstler noch einiges vernehmen werden.
Nach einer (leider etwas unnötig in die Länge gezogenen) Umbaupause, standen nicht nur die bildhübsche, blonde Schönheit Kim Wilde - der pubertäre Traum so mancher Altersgenossen des Verfassers dieser Zeilen - auf der Bühne, sondern gleichsam zwei weitere Legenden unserer Tage: An der Rhythmusgitarre hantierte niemand geringeres, als Kims Bruder Ricky Wilde, der, zusammen mit ihrem Vater Marty, für die meisten 80er-Hits des "Blonden Wunders" (sorry, Bernhard ;)) kompositorisch verantwortlich zeichnete - ja, und den Baß bediente ein weiteres Jugendidol unserer Generation: Nick Beggs, seines Zeichens, nach Limahls Ausstieg bei "Kajagoogoo", für zwei Alben Frontmann und Sänger einer kongenialen Combo, die zwischen 1983 und 1985 zu keinem Zeitpunkt aus dem internationalen Musikgeschehen weg zu denken war.
Das älteste Kind des 50er-Jahre-Rock'n'Roll-Stars Marty Wilde ("Sea of Love", "Donna", "A Teenager in Love" etc.) startete seine fulminante Rock/Wave/Punk-Show mittels ihres 1988er(knapp)-Top-Ten-Hits "Never trust a Stranger" - damals eine eher seichte Popnummer in der Nähe der unglückseligen Ex-und-hopp-Produzenten Stock/Aitken/Waterman, 21 Jahre später ein draller, knalliger Hardrocker. Bald folgten das wunderbare New-Romantic-Epos "View from a Bridge" (der spezielle Kim-Favorit des Verfassers dieser Zeilen; im Frühsommer 1982 Rang 6 der deutschen "Media Control"-Listen), der 1990er-Gassenhauer "Can't get enough (of your Love)", das klirrend kalte, zugleich radikal swingende Liebesdrama "Love Blonde" (Rang 36 im Herbst 1983) und die herrlich chaotische Klangorgie "The Second Time" (Rang 9 im Herbst 1984, entnommen dem ewig unterschätzten Spitzenalbum "Teases & Dares", das mir meine Frau Mama übrigens zu Weihnachten genannten Jahres unter den Christbaum gelegt hatte).
Die ewigjunge 49jährige hatte sich dazu entschlossen, nicht mehr das "dummblonde Poppüppchen" zu spielen, als das sie seinerzeit oft verschrien war - nein, vielmehr gab sie sich in der "Großen Freiheit 36" als drastisches "Baby Rock'n'Roll" (sorry, liebe Isabel ;)). Sie und ihre hochprofessionelle Truppe - dr, 2 x git, b, key, plus einer sympathischen und stimmstarken Chorsängerin - holten aus den fraglos durchwegs gelungenen Melodien alles heraus, was nur herauszuholen war. Die Gitarren dröhnten, das Schlagzeug peitschte und der grandiose Nick Beggs brillierte auf seinem Instrument, als wäre vor ein paar Tagen nicht der 31. März 2009, sondern viel eher der 31. März 1984 gewesen!
Ein weiterer Ewigkeitsreißer unserer Jugend nannte sich "Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann", dargeboten von der heutigen Privatschul-Betreiberin Nena. 2003 feierte Kim, im Duett mit ebenjener Neo-Pädagogin, einen Top-3-Erfolg mit der englischen Version jenes unvergesslichen Deutschpop-Ohrwurms: "Anyplace, Anywhere, Anytime", ein immer noch Gänsehaut erzeugender Titel, den die blonde Schönheit auch in Hamburg in einer treibenden, absolut aufregenden Hardrock-Auslegung zum Besten gab.
Der reale ‚Perfect Popsong' "Love is Holy" (1992) leitete über zu "Cambodia" (1981), einem weiteren, synthilastigen New-Wave-Dauerbrenner unserer Adoleszenzzeit, auf den der Titelsong von Kims 1986er-LP "Another Step" folgte, bevor mit "You came" (Sommer 1988) so langsam das "Grande Finale" (Danke, Udo!) auf dem Programm stand.
Doch Halt! Augenzwinkernd, selbstironisch und total liebenswert, legte die "Wilde Kim" (Zitat - NDR-Moderator Willem F. Dincklage, Januar 1982 - Gott hab ihn selig!) zuvor mit einer kraftvollen Coverversion aus "ihrer" (unserer) Zeit los: "A Little Respect", ein phantastischer Synthipopper von "Erasure" funktioniert also gleichfalls in einem ungestümen Rockarrangement - einfach nur Klasse : ) "You keep me hanging on" (im Original 1966 von den "Supremes" erstmals aufgenommen, für Kim hierzulande ein Top-10-Breaker genau 20 Jahre später), beendete den "offiziellen" Part ihrer ca. eineinhalbstündigen Darbietung.
Kaum hatten die frenetisch jubelnden 80er-Freaks ihren Kindheits- und Jugendschwarm, mit samt ihrer tollen Begleitband, auf die Bühne zurückgeholt, gab's nun erst mal leckeres Französisch... Nein, keine Sorge, mein Bericht bleibt jugendfrei!!! Kim intonierte nun den 1977er-Punkhymnus "Ca Plane pour moi" von "Plastic Bertrand", wobei... eigentlich sang hier nur das Publikum... die jung gebliebene "Helene Fischer des New Wave" (© Holger Stürenburg) letztlich ausschließlich als Dirigentin eines schier hingerissenen Auditoriums agierte. Klappt düster-melancholischer Synthipop von "Depeche Mode" eigentlich auch im Rock-Modus??? Man mag es kaum glauben... sichtlich strahlend, geradezu zu Tränen gerührt, rockte sich das ultrasüße Traummädel nun durch "Enjoy the Silence", jenen phänomenalen 1990er-Titel von Martin Gore, Dave Gahan und Co., der für nicht wenige 80er-hörige Hörende den endgültigen Abschied von jenem genialischen, unkopierbaren Dezennium bedeutete. Ja, und dann erklang zum Schluß - wie kann es anders sein? - das unvermeidliche: "We're the Kids in America" - ein schneller, zackiger, knackiger Song aus dem Sommer 1981, der mit einiger Wahrscheinlichkeit auf immer DAS unverbrüchliche Erkennungszeichen von Kim Wilde bleibt und auch bleiben wird.
Die wahrscheinlich lebenslang Jungbleibende hat auch in Hamburg, der letzten Station ihrer aktuellen Deutschlandtournee, uns unbelehrbare Alt-80er in ihren Bann zu ziehen vermocht. Es ist einfach ein herrliches Gefühl, für ein, zwei Stunden nochmals "Forever Young" (ja, lieber Marian, ich weiß... ;))) zu sein. Vor dem Konzert sprach ich mit ein paar Anwesenden... und einer dieser behauptete, es kursiere das Gerücht, 2009 würden sich - jaaaaaa! - "Spandau Ballet" wiedervereinigen!!! "Round and Round it goes... She was only 18 Summers long...", genau ein Vierteljahrhundert danach noch mal ‚live' zu hören... dies wäre DER Traum eines jeden Alt-80ers schlechthin!
Liebe 80er-Freunde! 2009 hat zwar gerade erst begonnen, aber, ich denke, es werden dieses Jahr noch viele kreative Köpfe unserer Jugend ihr konzertäres Stelldichein geben - Kim hat uns in bester und prägnantester Form bewiesen, daß reale "Glory Days" (ja, Bruce... ich bin heute wohl "Zitierkünstler"...) selbst 25 Years later immer noch möglich sind - und schlicht und einfach Spaß, Lebensfreude und Atmosphäre vermitteln, "als ob et jestern wöör" (Wolfgang, erschlag den "Zitierkünstler" Holger S. ;)))!