Bericht:
Andreas Hähle

Fotos:
Patricia Heidrich





Der Club, um den es sich bei dem Veranstaltungsort "SilverWings" handelte, war kleiner als ich dachte. Er liegt gleich am Eingang des Flughafengeländes des nunmehr ehemaligen Flughafens Berlin-Tempelhof, direkt gegenüber der legendären "Columbiahalle". Eine "Eis am Stiel"-Party war plakativ angekündigt für diesen heißen Samstagabend. Doch diese sollte erst später stattfinden und zu dieser wollten wir auch gar nicht hin. Nein, wir wollten zu einem Konzert der Sängerin Katja Werker. Wir beide kannten die gebürtige Essenerin überhaupt nicht, hatten nie vorher etwas von ihr gehört, weder musikalisch noch vom Erzählen. Eine große, wenn auch körperlich recht zierliche Unbekannte für uns. Das Einzige, was uns über sie bekannt gemacht wurde, wurde uns von Christian Reder fernmündlich vorgestellt sowie schriftlich in Form einer Rezension ihrer neuen CD "Neuland" von ihm (Rezension: HIER). Er fand diese in einer Band-Version eingespielte CD toll und fand es deshalb durchaus angebracht, uns zu bitten, ihr Berliner Konzert mit Titeln aus dieser CD zu besuchen und darüber zu berichten. Vertrauensvoll aber ahnungslos folgten wir dieser Bitte gerne.

Ahnungslos mussten wir auch deshalb sein, weil die besprochene CD uns ebenfalls nicht bekannt war, auch gar nicht bekannt sein konnte, denn das Veröffentlichungsdatum dieses Werks ist der 27. Mai, einige Tage gar vor dem von uns besuchten Konzert. Wir würden also die entsprechenden Titel unvorbereitet präsentiert bekommen, was ja auch ganz spannend sein kann. Unser Vogtländer Freund Frank R. bombardierte uns auf facebook mit gönnerhaftem Neid, als wir unseren Besuch bei diesem Konzert auf dieser Plattform ankündigten, denn er kannte Katja Werker bereits, meinte aber, sie würde englisch singen. Da wusste ich es aber nun, dank Christian, wieder besser und konnte ihm verraten, dass die Titel auf ihrer neuen CD durchweg deutschsprachig seien. Da konnte ich mit meinem superschönen Halbwissen protzen und war sehr froh, dass er nicht weiter nachfragte, denn hier war ich mit meiner Weisheit bereits so etwas vom am Ende, dass jenes von mir selbst propagierte Halbwissen sich zwangsläufig als Garnichtswissen entpuppen hätte müssen in einem eventuellen weiteren Gesprächsverlauf. Dabei kann Katja Werker durchaus auf eine gewisse Medienpräsenz verweisen. Sie trat ab und an im Fernsehen auf und einer ihrer (englischsprachigen) Titel wurde in der RTL-Fernsehserie "Hinter Gittern" promotet, ein anderer von Gitte Haenning gecovert.

Stickig war es in dem Club. Dafür war das Bier recht teuer. Ein guter Ausgleich. Zumindest für den Veranstalter. Für mich waren auch die ca. 70 anwesenden Gäste etwas überraschend, denn diese wussten um die Sängerin, wenn auch, wie sich im Lauf des Konzertes herausstellte, ebenfalls eher bzw. nur von ihren englischsprachigen Titeln und - wie ich am Applaus während des Konzertes herauszuhören können glaubte - irgendwie schien ihnen der deutschsprachige Ausflug nicht wirklich zu gefallen. Es schien eher, als gestatteten ihre anwesenden Fans ihr diese Marotte gönnerhaft, wenn auch nicht so ganz wirklich. Aber vielleicht lag diese Interpretation der Publikumsreaktion auch an der Präsentation der neuen Titel an diesem Abend.

Katja Werker ist eine kleine auf den ersten Eindruck recht zerbrechlich wirkende Frau, deren Alter ich schwer einschätzen konnte. Sie verriet es im Laufe des Konzertes, da ihr jüngster Geburtstag absolut taufrisch stattgefunden hatte: Mit dem Tage des Konzertes war sie 41. Ihre langen blonden Haare sowie ihr Bühnenoutfit ließen mich eine Rocklady vermuten. Aber man kann sich ja auch täuschen. In diesem Falle täuschte mich die Optik tatsächlich. Sie huschte vor dem Konzert ab und an an mir vorüber, so dass dieses Bild entstand. Das Huschen mag wohl auch ein wenig daran gelegen haben, dass es vor dem Konzert einige Konfusionen gab. Wegen eines Fußballspiels blieb der Bus der Zweimann-Vorband im Berliner Stadtverkehr stecken. Auch wurde der Veranstaltungsort kurzfristig gewechselt, das Konzert sollte ursprünglich im "Crystal" stattfinden. Eine Band habe sie ja auch nicht mehr, sagte sie zum Konzertauftakt, weshalb sie die Titel ihrer neuen CD - und an diesem Abend nicht nur diese - mit ihrer Glitzergitarre solistisch präsentierte. Ich wollte mich daran nicht stören. Denn, so dachte ich in meinem weisheitslosen Altersleichtsinn, was wird sie denn mit einer Band wollen, wenn die Songs etwas taugen. Und wenn sie sie super rüberzubringen versteht. Oje, was hätte sie an diesem Abend eine Band gebraucht und zwar gnadenlos zwingend und dringend. Wir als Publikum im Übrigen auch. Die Sängerin ist mit ihren Liedern auf dem Flughafengelände absolut nicht abgehoben. Wie soll mich denn eine Frau, die vom ersten Augenblick des Konzerts bis zum letzten den Eindruck auf mich machte, dass sie nicht weiß, was sie will und auch nicht wie sie das will, von sich und ihren Liedern überzeugen? Dabei hätte ich mich an diesem Abend wirklich gern überzeugen lassen...

"Alles kommt wieder", so der erste Titel des Konzertes. Die Texte und die Kompositionen der eigenen Titel stammen durchweg von Katja Werker selbst. Der Titel war wohl auch Konzept für dieses Konzert, jedenfalls konnte ich mich dieses Eindrucks nicht erwehren und er sollte sich noch verstetigen, wenn auch nicht einmal durch Katja Werker selbst. Das Lied klang wie ein Titel aus der englischen und/oder irischen Songwriter-Szene, nur eben auf Deutsch. Im Prinzip klang alles Gehörte an diesem Abend irgendwie wie irgendetwas. "Alles kommt wieder zurück". Das kann man so machen, muss man aber nicht.

"Einsamer Reiter" hauchte die rauchig-zarte Stimme leicht nuschelnd den zweiten Titel. Auch hier ist der Titel des Stücks inhaltliches Programm. Wenn auch mit optimistischem Grundton in den Zeilen. Die Desperados dieser Welt sterben halt nie aus. Zum Glück.

Beim dann folgenden englischsprachigen "Streets Of Africa" konnte man die stilistische Herkunft der Katja-Werker-Art, ihre Lieder zu schreiben, noch deutlicher heraushören als bei den bisher dargebotenen deutschsprachigen. Vielleicht lag es aber auch daran, dass ich mich in diesem Falle nur auf die Musik konzentrieren konnte, denn ich bin ja der englischen Sprache nicht wirklich mächtig sein wollend. Hier war das Publikum - fast ausnahmsweise an diesem Abend, wenn auch nicht ganz - fast frenetisch, jedenfalls verhältnismäßig gesehen. Von diesem Moment an war mir klar, dass ihr angestammtes Publikum die deutschen Worte der kleinen Frau, wie bereits erwähnt, bestenfalls duldet. Zum größeren Teil jedenfalls.

Beim nächsten Titel aus der von mir vermuteten "Ich weiß nicht, was ich will und im übrigen auch nicht einmal wirklich, was ich hier soll"-Kiste wurde mir schlagartig klargemacht, wie man sich fremdschämend fühlt. Mit der Adaption des "Ich+Ich"-Hits "Vom selben Stern" zeigte sie sehr deutlich, was sie bitteschön unterlassen sollte. Dass man bei einer musikalischen Darbietung peinlich berührt ist, sollte höchstens für das Verhaspeln von Kleinkindern in Kindergartenprogrammen gelten. Jedoch tat mir an dieser Stelle nicht die Sängerin leid, sondern das Werk, welches Frau Werker uns darzubieten gedachte, obschon ich nun wirklich überhaupt kein "Ich+Ich"-Freund bin. Ich weiß nicht, ob es ein Grundsatz ist oder nur für diesen Abend galt. Ihre Stimme taugte nicht ausreichend für ihre eigenen Titel, insofern wäre es höflicher dem Publikum gegenüber gewesen, solch ein gewagtes unnötiges Experiment einfach nicht zu wagen. Das Publikum blieb höflich. Sehr verhalten, aber dennoch höflich. Mit der Interpretation von Stoppoks "Ausm Beton" gab sie sich als weibliches Pendant des Meisters, wenn ihr auch dessen Kraft fehlte, nicht nur in der Stimme. Dieser Ausflug in den Amateur-Solistin-Cover-Flügel hat mir nicht gut getan und ob er Katja Werker gut getan hat, das möchte ich stark bezweifeln. Es blieb - den ganzen Abend über im Grunde - die Frage: Warum tut sie sich so etwas an? Noch dringlicher, denn auch ich befinde mich in der Mitte des Lebens und muss schon hin und wieder darauf achten, wie ich meine Zeit gestalte, war die Frage: Warum tut sie uns so etwas an? Warum sie das Stoppok antut ist eine Frage, die sich weniger stellt. Er war ja nicht da und Tantiemen hört man nicht.


Die Gruppe "Gardenier" in Duo-Besetzung

Mitten im Programm traten zwei junge Menschen auf, die von Katja Werker als Vorband bezeichnet wurden. Vielleicht war es tatsächlich so angedacht. Ich erwähnte ja bereits die Konfusionen mit dem Berliner Stadtverkehr an diesem Abend. Es handelte sich dabei um eine Akustik-Variante der Band "Gardenier", welche seit dem 20.5 (als Band) ihr Debütalbum auf dem Markt haben mit dem Titel "AufAb". Die Vertreter dieser Band an diesem Abend in Berlin waren Daniel Gardenier, Frontmann und offen-leslicher Namensgeber der jungen Kapelle und deren Gitarrist Philipp Evers. Deren Lieder klangen nun wie eine Mischung aus Kunze und Stoppok im Naidoo-Style. Natürlich kenne ich auch hier die CD nicht und nicht die Band-Version. Beide CD´s können überaus interessant und toll sein. Ich weiß es nur nicht und es war mir an diesem Abend auch nicht vergönnt, es zu erfahren. In einem Werbetext für die Band steht auf jeden Fall der selbstbewusste Satz: "Steckt uns ruhig in eine musikalische Schublade, wir springen wieder raus." Für meinen Eindruck an diesem Abend hätte der Satz richtiger lauten müssen: "Steckt uns ruhig in eine musikalische Schublade, wir springen dann gleich in eine andere." Irgendwie stört mich dies derzeit bei vielen jungen Bands, dass sie irgendwie klingen wie ihre eventuellen musikalischen Vorbilder und noch mehr wie ihre musikalische Konkurrenz desselben Alters. Wenn ich schon Müsli essen muss, möchte ich dann auf jeden Fall nicht, dass es schon vorgekaut ist. Aber es kann ja, wie bei Katja Werker, auf Tonträger gepresst ganz anders klingen. Der Sänger Daniel Gardenier klingt stimmlich schon interessant. Ich würde ihm die interessanten Lieder zu seiner Stimme gönnen. Ebenso wie ich Katja Werker dringlichst eine Band wünsche. So wie es an diesem Abend war, so kann es nicht gehen. Bei allem spürbaren Wohlwollen des Publikums.

Nach vier Titeln des "Gardenier"-Duos trat Katja Werker wieder tapfer auf die Bühne. Unterstützt von ihrer Glitzergitarre. Der Wechsel zwischen zwei Gitarren fiel mir auch nicht sonderlich positiv auf. Die E-Gitarre war unnütz, die Akustik-Gitarre hätte durchaus gereicht. Wenn sie sich alleine schon nicht stimmlich trägt, wäre dies die sicherere Variante gewesen und hätte vielleicht einige Unsicherheiten, mit denen sie den gesamten Abend gestaltete, vermieden. "Echo" hieß ihr nächster Titel, gewidmet einem "fiesen kleinen Onlinebetrüger", der ihr vor einiger Zeit mal das Konto leer räumte. Der Zusammenhang zwischen dieser Ansage und dem Songtext erschloss sich mir nicht, was allerdings an mir alleine liegen kann. Im zweiten Teil kam mir Katja Werker schon etwas selbstsicherer vor als im ersten Teil, jedoch zu strahlender Überzeugungskraft vermochte sie sich mir gegenüber nicht aufzuraffen. Zwar forderte sie sich und gefühlt auch mich singend auf "Fang noch mal von vorne an", wozu ich mich ehrlich bemühen wollte, jedoch vermochte sie mich bis zum Ende des Konzertes kaum zu erreichen und wenig zu erweichen.


Die neue CD: "Neuland" (Rezension: HIER)

Mit "Du die Sonne, Ich der Mond" präsentierte sie eine Single-Auskopplung aus ihrer CD "Neuland". Ein schönes fast fröhliches Liebesballädchen (in der Bandfassung vielleicht eine Ballade), in welcher sich die Diskrepanz aller Werker-Texte am deutlichsten widerspiegelte. Stetig - so weit im Genuschel verständlich - wechselt die gute Frau zwischen textlich überraschendem Einfallsreichtum und gnadenloser Einfallslosigkeit.

"Tief im Innern" wagte sich recht nahe an mich heran. Es war, als würde Katja Werker das erste Mal einen Titel singen, den sie wirklich für sich geschrieben hat. Er klang nicht fremdaufgezwungen, nicht gewollt, er war in gewisser Weise ihr Titel. In diesem schien sie mir sich selbst nahe, wenn auch leider immer noch schwankend in der Interpretation. Ein großes Gesamt-Manko insgesamt an diesem Abend. Auch - wie ich nun erfuhr - bei den Titeln, welche mich eventuell hätten erreichen können. Mal abgesehen davon, dass mir das manierierte Genuschel nun mittlerweile heftig auf den Wecker ging. Ebenso wie ihre teilweise ansatzlosen Ansagen, die irgendwie kommunikativ wirken wollten, es aber nie waren.

Bei dem von ihr als Punkrock bezeichneten (die stilistische Totalverirrung in dieser Bezeichnung könnte ein Scherz gewesen sein) "Hey halt mal stop" gerierte sie sich wieder als brave Schülerin des Meisters Stoppok. Musikalisch, textlich und interpretatorisch.

Und weil Berlin, wie sie meinte, wohl auf Punkrock zu stehen schien, legte sie einen ähnlich von ihr auf der E-Gitarre musikalisch begleiteten Titel nach. "Es ist mir egal". Der letzte offizielle Titel eines leider aus meiner Sicht völlig missglückten Abends. Der Text war nicht auf diese spezielle Situation gemünzt, hätte es aber trotzig sein können. Er traf eher verschiedentliche Lebenssituationen, die sich einstellen könnten oder auch nicht. Und ich dachte so bei mir: Gut, da waren wir mal bei einem Katja-Werker-Konzert. Und meine Mottozeile für dieses Ereignis lieferte sie gleich mit. Es war mir egal.

Dem Publikum war es weniger egal. Eine Zugabe wurde noch gefordert und kam natürlich auch. "Weil du es wert bist". Dieser Titel ist, wenn ich richtig zugehört habe, vollkommen neu entstanden und nicht auf der aktuellen CD mit erschienen. Ein leichtes sachtes Lied, welches besser als alle vorherigen zu Katja Werkers seltsamem Stimmchen passt. Und das erste Mal, bei der Zugabe, war ich ergriffen. Und durfte auch noch nach all dem Gehörten sogar einem interessanten Text lauschen, vielleicht auch wegen der Banalität seiner selbst. Aber hier war es für mich stimmig. Der auch noch im Gegensatz zu allem vorher Dargebotenem günstigerweise jedwedes vergriffene Metapherpuzzle ausließ. Schön, wenn Texte mal nicht aus dem Setzkasten kommen. Und wenn die Musik gut klingt, die Interpretation anrührt. Aber wer geht schon für einen Titel eine Nacht lang aus?





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