Wenzel live in Kamp am 26. Juni 2010


Bericht: Rüdiger Lübeck
Fotos: Rüdiger Lübeck


Der gemeine Musikinteressent wird - sofern er denn einen gewissen Anspruch an sein Hobby erhebt - über kurz oder lang auf Wenzel stoßen. Und von Wenzel ist der Weg nach Kamp nicht weit...

Alljährlich lädt der Künstler um den Mittsommer herum in das am westlichen Zipfel des Oderhaffs gelegene kleine Fischerdorf zur großen Sause. Dieses malerische Kleinod muss man lange suchen auf der Karte, und ohne Auto ist es kaum zu erreichen. Für Wenzel ein Grund mehr, gerade in Kamp Fuß zu fassen - zieht er sich doch regelmäßig hierher zurück, um zu texten und zu komponieren, um mit seiner Band zu proben.
Dass zur nunmehr neunten Wiederkehr des Festes auch noch Bilderbuchwetter herrschen und zudem die Nacht durch einen kugelrunden Vollmond ausgeleuchtet werden sollte, machte die Entscheidung abermals leichter, sich auf den beschwerlichen Weg zu begeben. Im Gepäck das zwingend erforderliche Zelt; Mietunterkünfte sind rar in der Gegend und beizeiten ausgebucht. Letzteres gilt im übrigen auch für den Zeltplatz, den man eher als Kuhkoppel bezeichnen darf.
Die Organisation der Veranstaltung unterliegt weitestgehend den Fittichen des örtlichen Hafenvereins; der Hafenmeister ist eine Institution. Was es durchaus als Vorteil gegenüber vergleichbaren Events (wenn es die denn gibt) zu verstehen gilt: moderate Preise, beste Qualität und Auswahl an Essen und Getränken. Zu empfehlen sind dabei insbesondere die Fischbrötchen und die Fruchtbowle! Und dem Anlass angemessen wurde sogar ein eigener Wein aufgelegt. Im Eingangsbereich erwartete den Gast dann doch noch eine kleine Kommerz-Keule. Ein Kamp-Fanpaket zum Vorzugspreis von gut 40 (!) Euro. Inklusive der just an diesem Tag erschienenen neuen CD "Every 100 years - Arlo Guthrie und Wenzel live auf der Wartburg".
Und so versammelten sich letztlich um die 800 Gäste allen Alters an diesem Samstag-Nachmittag, um mit Wenzel und seinen musikalischen Weggefährten, derer es bekanntlich zuhauf gibt, in die Nacht zu tanzen...

Begonnen wurde um 17.00 Uhr mit einem Kinderprogramm, dargeboten von Wenzel und seiner Tochter Mascha. Wenzel folgte mit Ausschnitten seines Soloprogramms, um sich sodann nach und nach den einen oder anderen illustren Gast auf die Bühne zu holen. Als da wären der Schauspieler, Autor, Regisseur und (nunmehr auch) Theater-Intendant Matthias Brenner, der sich aus tagesaktuellem Anlass an die Brechtsche "Seeräuberballade" heranwagte. Schriftsteller Christoph Hein hingegen war ob seiner selbst eingestanden bescheidenen Sangeskünste blitzesschnell wieder von der Bühne verschwunden. Das "La Paloma" gab ZDF-Küstenwache-Kapitän Rüdiger Joswig - zugleich Wenzels Schwager - mit Bravour.
Nach kurzer Pause gehörte die Bühne nun Karla Wenzel alias Kiki Bohemia, die sich den Cellisten Sicker Man an die Seite holte. Kikis liebstes Kind - die Loop-Station - tat ein übriges. Derlei Effekte waren den folgenden Leipziger Jazzern vom Lunar3-Trio indes fremd. Wenzel sollte sich später hinzugesellen, "Masken und Sterne" - so der Titel dieses Programmpunktes. Unterstützt durch seine beiden Hausgitarristen Hannes Scheffler und Thommy Krawallo präsentierte uns Wenzel sodann neues Material aus seinem schier unerschöpflichen Fundus, nahtlos übergehend in das "Glaubt nie was ich singe"-Programm. Und da hatten wir dann endlich auch die komplette Wenzel-Band versammelt - Lexa Schäfer, Stefan Dohanetz und Kiki (und später auch noch wieder Mascha) kamen hinzu. Der Platz vor der Bühne füllte sich zusehends mit tanzendem Volk, der "König von Honolulu" - ein Kind dieses Festes - machte das Spektakel perfekt. Nach mehr als neun (!) Stunden auf der Bühne verabschiedete ein immer noch erstaunlich frisch wirkender Wenzel das restlos begeisterte Publikum in die laue Vollmondnacht...

Gerädert machte ich mich am morgen danach auf die Suche nach einem der wenigen Wasserhähne. Mein Zelt muss auf einer Wurzel gestanden haben... Der beginnende Sommertag lud uns alle noch zum Frühstück ein und wollte mehr. Urlaub müsste man jetzt haben, dachte ich bei mir, und begab mich auf die Rückreise.




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