Dreiländertreffen der Liedermacher am
21. Februar 2009 in Berlin



Bericht: Andreas Hähle
Fotos: www.frankviehweg.de / www.nohavica.cz




Frank Viehweg
SOLANGE MAN SINGT IST DOCH NICHT ALLES VERLOREN
Ursprünglich wollte ich ja "nur" Frank Viehweg als Stargast zur Veröffentlichung seiner aktuellen CD im April interviewen. Das werde ich mit Sicherheit noch machen wie auch einen Bericht über sein CD-Release-Konzert schreiben. Aber auf meine Anfrage hin hat mich Frank Viehweg in freundlichster Vehemenz davon überzeugt, dringend dieses Dreiländer-Eck-Konzert am 21.2. anlässlich des "Festivals Musik und Politik 2009", unterstützt von der Rosa-Luxemburg-Stiftung und dem "Helle Panke e.V." zu besuchen und darüber zu schreiben. Nicht wegen ihm, sondern wegen der beiden Gäste. Und dieser Bitte bin ich doch sehr gerne nachgekommen, auch wenn Patti an diesem Tag nicht mitkommen und fotografieren konnte. Alleine bin ich dennoch nicht hingegangen. Zu guten Konzerten geht man doch lieber gern in angenehmer Begleitung. So konnte ich mich vor dem Konzert noch unterhalten über die Warmsanierung Berlins und andere städtebauliche Merkwürdigkeiten nach der Wende. Und über einen wohl sehr blutigen Film zum 2. Weltkrieg von Quentin Tarantino, der derzeit noch gedreht wird und von dem ich mir schon mal vorab einige Szenen beschreiben ließ. Und über das in bestimmten Kreisen des öffentlichen Berliner Dienstes immer mehr thematisierte Gerücht, dass Kurt Demmler sich keineswegs selbst getötet hat. Was man sich eben alles so erzählen mag beim Festival Musik und Politik. In der "Wabe" herrschte ansonsten internationales Stimmengewirr (deutsch, polnisch, tschechisch), wie es sich für diesen Anlass eben gehört. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was da auf mich zukommen würde und war dementsprechend gespannt.
Die Anfangszeit war für ein Konzert mit 18.00 Uhr recht ungewöhnlich. Richtig voll wurde es demnach auch erst so kurz nach 18.00 Uhr. So dass jemand (wohl vom Festival-Org.-Büro) auf die Bühne trat und die Verzögerung des Konzertes ankündigte, assistiert von Dolmetschern. Im Publikum wurden in diesem Zusammenhang gleich mal der Kulturattaché der Tschechischen Botschaft und verschiedene Botschaftsmitarbeiter der beiden Gästeländer begrüßt.
Nach der Anmoderation von Petra Schwarz betrat der Liedermacher Frank Viehweg die Bühne, erst mal allein mit seiner Botschaft "Glaube an Dich". Und immer noch strömten Menschen in den bereits mehr als vollen Saal der "Wabe".
Gleich nach diesem ersten Lied wurde er abgelöst von Jaromir Nohavica, einem tschechischen Rock- und Operntexter und Liedermacher, dessen künstlerische Biographie sich auch auf deutsch gut nachlesen lässt unter www.nohavica.cz und der zum ersten Mal in Berlin auftrat, wie er sagte. Er stellte im ersten Teil seines Auftritts sechs Lieder aus seinem aktuellen Repertoire vor, welche die Städte seiner Welt, seiner Seele beschreiben. Wie zum Beispiel seinen Geburtsort Ostrava, die alte Stadt Babylon, eine amerikanische Stadt und eine russische (beide durch zwei Volkslieder) und Sarajevo. Dieses Jahrhundert ist ein seltsames, so sagten es uns all die Lieder auf Tschechisch. Bei englischsprachigen Pop- und vielen Rocksongs stört es mich meist wenig, dass ich sie nicht verstehen kann. Bei Liedern - nicht erst bei dieser Veranstaltung - finde ich es doch immer wieder schade, dass ich die Texte nicht verstehen kann. Und so bin ich dann auch jedem dankbar, der diese schönen Texte ins Deutsche übersetzt und mit diesen Übersetzungen singt. Frank Viehweg ist einer von jenen. Als ich ein Jugendlicher war, war ich scharf auf die Übersetzungen der Lieder von Wladimir Wyssozki. Jaromir Nohavica, das fiel mir plötzlich in diesem Zusammenhang auf, klang sogar ein wenig wie Wladimir Wyssozki, zumindest gemäß meiner schwachen Erinnerungen. Nicht immer, manchmal war er auch wesentlich weicher. Jaromir Nohavica begleitete sich auf der Gitarre und auf dem Heligonka. Einige aus dem Publikum sangen ab und an die Refrains seiner Lieder mit. Bei "Sarajevo" auch ganze Strophen. Ich glaube, dieses Lied ist in Tschechien ein Hit. Schon bei dessen Ankündigung wurde frenetisch applaudiert. Eine charmante Dolmetscherin half uns Sprachunkundigen ab und an, indem sie immer auf die Bühne sprang, wenn Jaromir Nohavica etwas erzählte. So erfuhr ich zum Beispiel, dass sein Heligonka im Jahre 1928 von dessen Großvater gekauft wurde. Optisch wirkte Nohavica auf mich wie ein sympathischer Zigeuner mit ungarischem Dragonerbärtchen.
Frank Viehweg
Nach dem letzten Song seines ersten Teils kündigte er seinen polnischen Mitstreiter Antoni Muracki an, über den ich im Netz leider keine deutschsprachigen Auskünfte fand. Der sah nun wiederum aus wie Karl Marx mit Jesushaaren und Nickelbrille. Muracki sang zuerst ein Lied, so habe ich es verstanden, über einen Poeten. Und darüber, dass Frauen ihre Gefühle manchmal im Schrank verstecken. Und darüber, dass man auf solche Poeten wie den besungenen nicht schießen möge, wenn man auf sie trifft. Irgendwie kam er mit der Gitarre nicht ganz klar, weil sie etwas verstimmt schien. Um sie selber zu stimmen war er, wie er sagte, zu aufgeregt. Immerhin versuchte er es immer mal zwischen seinen Liedern, während er diese auf Englisch ansagte und grob beschrieb.
Eines handelte, so hatte ich es verstanden, über ein Treffen mit dem Alkohol, über das Ende dieses Treffens, über seine Ehefrau und andere Frauen.
Eines, so hatte ich es verstanden, beschrieb eine Reise in ein masurisches Dorf zu einem rosa Geschäft hinter einem Friedhof, der sich hinter einem Wäldchen befindet, vor dem drei Typen stehen, also vor dem Geschäft. Wann auch immer Muracki von Warschau aufbrechen mag in dieses masurische Dorf und wann auch immer er dort ankommen würde, ob nun morgens, mittags oder abends, diese drei Typen wären immer dort, vor diesem rose Geschäft eben. So sang es uns Muracki mit seiner verstimmten Gitarre.
Musikalisch und gesanglich fand ich ihn leider nicht so toll, aber so etwas ist ja zum Glück Geschmackssache und in diesem Fall war das Publikum wohl auch anderer Meinung als ich.
Ein Lied über die Liebe darf auch nie fehlen. So ging es in Murackis Lied über dieses Thema darum, dass man immer zu seiner ersten Liebe zurückkehrt, egal was geschieht. Ich muss irgendetwas falsch gemacht haben. Zu meiner ersten Liebe zurück zu kehren habe ich keinerlei Ambitionen und nie nahm eine der ganz wenigen Mädchen Kontakt mit mir auf, von denen ich weiß, dass ich deren erste Liebe war. Aber vielleicht haben andere ja andere Erfahrungen gemacht.
Ein Lied stammte von einem anderen Liedermacher und behandelte als Thema das Jahr 1968, den Prager Frühling und hatte zwei Titel. Übersetzt ins Deutsche sowohl "Schmetterling" als auch "Holunder". Mehr war darüber aber auch nicht zu erfahren. Abgesehen davon, dass ich dieses Lied nun wirklich sehr gut fand, sehr kraftvoll im Gegensatz zu den sonst mehr melancholisch klingenden Liedern Murackis. Ich hatte sogar den Eindruck, dass er seine Gitarre plötzlich wieder unter Kontrolle hatte.
Danach wurde es wieder so wie vorher mit einem Lied über seine Mutter, so hatte ich es verstanden, mit dem Titel "Flieger". Irgendwie hatte ich den Eindruck, ich hätte dieses Lied an diesem Abend schon einmal von Antoni Muracki gehört, aber ich kann mich auch täuschen.
Er verabschiedete sich mit einer eigenen philosophischen Weisheit, die gedolmetscht wurde und ungefähr lautete: "Ich würde gerne wie eine Schwalbe durch den Himmel fliegen; wie ein Stein, der ins Wasser fällt, Wellen schlagen; und wenn ihr mir erlaubt, so zu sein wie ich möchte, dann bin ich sehr dankbar. Und wenn nicht, dann erlaubt mir zu weinen." Natürlich erlaubte ich ihm das, schließlich habe ich in meiner Pubertät nur solche Sätze verfasst und er ging vom Publikum gefeiert von der Bühne und brauchte nicht weinen an diesem Abend. Nun war Frank Viehweg der Barde auf der Bühne. Viehweg ist, wenn auch auf eine eigentümlich bescheidene Art, eine Diva. Das bringt ihn mir nahe und macht ihn mir sympathisch und vertraut. Und das, was er singt auch und wie er es singt. "Hier wo ich lebe, komm ich nicht mehr an." Seine Stimme liebe ich sehr, seinen Humor in seinen Liedern, darin auch seine Zärtlichkeit (nicht nur in den Liebesliedern), auch seine politische Wut. Ich liebe seine Lieder. Dass Frank Viehweg ein Garant für deutsch gesungene Lieder ist, das kann man nicht unbedingt voraussetzen. An diesem Abend schon eher, denn wie bereits erwähnt gehört er zu jenen, welche mir wunderbar einfühlsame Übersetzungen fremdsprachiger Lieder singen. Sein nächstes Lied war auch "Sarajevo", fast zwangsläufig zum Teil auch in der tschechischen Originalsprache gesungen und ich konnte mir diesmal auch sicher sein, dieses Lied an diesem Abend schon einmal gehört zu haben. "Ich mach alles, was du willst", eine schöne Beschreibung dessen, was man alles aus Liebe tun und sein kann, so als Mann. Oder als bester Freund. Ich finde es persönlich besser und auf Dauer sinnvoller, sozusagen "auf ewig" der beste Freund einer Frau zu sein und ihr höchstens hin und wieder den gerade mal aus welchen Gründen auch immer fehlenden Mann auf Zeit zu ersetzen.
Und so beschrieb folgerichtig das nächste Lied, "Du bist so lange fort", eine Trennung, wenn auch in diesem Fall nur die für ein paar Tage. Und das, was einem dabei so alles durch den Kopf gehen kann in dieser harten Zeit. Gefolgt von einem a capella vorgetragenen Lied über Söldner, während Frank Viehweg sich ja sonst auf der Gitarre begleitete. "Was wird wohl jetzt aus euch", da doch der Krieg zu Ende sei. Kein freundliches Lied, das hätte dieses Thema auch nicht verdient.
Jaromir Nohavica
"Du bist mein Grund", für viele meiner Freunde und noch viel mehr meiner Freundinnen DAS Lieblingslied von Frank Viehweg. Gefolgt von "Ich hab nicht mehr als paar Worte", ein Lied über die Revolution im Kleinen und mit kleinen Mitteln. Und doch fällt einem immer wieder auf, dass es gerade davon zu wenig gibt, von den "kleinen" Revolutionären, egal in welcher Zeit und in welcher Gesellschaft auch immer. Wohl dem also, dass es Sänger wie Frank Viehweg und Jaromir Nohavica und Antoni Muracki gibt.
Ein ähnliches Thema besang Viehweg im nächsten Lied, welches wieder ein tschechisches war in einer Frank-Viehweg-Übersetzung. Zuvor erläuterte er noch kurz seine Arbeitsweise der Übertragungen, wenn er die Originalsprache und somit den Originaltext selber nicht versteht. Er lässt sich von vielen Freunden aus verschiedenen Ländern Rohübersetzungen anfertigen, so genannte Interlinearübersetzungen, und bearbeitet sie mit der ihm eigenen Poesie und Einfühlung in den Originaltext zurück zu einem Liedtext, wenn auch nun einem deutschsprachigen wie in eben jenem Lied über den Engel, "der neben mir stand". Ein guter Übergang zum zweiten Teil des Auftritts von Jaromir Nohavica.
Er begann diesen Teil mit einem sehr schönen leisen Lied und wieder sang ein großer Teil des Publikums mit. Sorry, Frank, aber für mich war er der Star dieses Abends! Was er vor allem mit dem nächsten, sehr bluesigen, ja fast rockigen Titel bewies und noch mehr sein ihn feierndes Publikum. Beim nächsten Lied über einen kleinen tschechischen Maulwurf von Petrofilm, so hatte ich es verstanden, glaubte ich fast, auf einer tschechischen Party gelandet zu sein. Geschrieben hatte er es für seinen Sohn. Danach wurde er wieder leise und besinnlich. Mit zwei weiteren Liedern, die aber leider nicht weiter erklärt wurden. Mit seinem Heligonka feierte Jaromir Nohavica dann noch fröhlich weitere Mitglieder seiner Familie. Indem er die tschechischen Laute von "Ma Ma", "Da Da", "Ba Ba" und "Ja" (zu deutsch: Mama, Papa, Oma, ich) intonierte. Mehr Text gab es nicht und den habe sogar ich verstanden. Über dem heftig den Rhythmus mitklatschendem Publikum wurde während dieses Liedes das Licht erhellt. Was Nohavica nicht davon abhielt, einen weiteren Song zu singen. Vorher wollte er aber noch einmal klargestellt haben, dass er kein Lied über den Winter singen wird, denn ihm sei Berlin gerade mal zu kalt, um den Winter zu besingen. Hingegen erfreue er sich an den vielen schönen intelligenten Frauen in der "Wabe" und deshalb mochte er doch lieber die schönen intelligenten Frauen besingen, der Filou. Sein letztes Lied bot er a capella dar.
Beim Schlussapplaus mit Verbeugung aller drei Liedermacher fiel mir auf, dass alle drei schwarze Sachen anhatten. Auch wollte ich etwas traurig werden, da mir auffiel, dass sie kein einziges Lied zusammen gesungen haben. Doch prompt, als hätten sie meine Gedanken lesen können, machten sie dieses. Ja, es leben die Zugaben, ich sag es ja immer wieder. "Solange man singt, ist doch noch nicht alles verlorn." Auf Tschechisch. Auf Deutsch. Auf Polnisch. Zum Glück für uns alle. Und vielen Dank für diesen Abend, welcher erst nach zweieinhalb Stunden ein Ende fand. Das Publikum johlte, pfiff, trampelte und feierte weiter.

Bitte beachtet auch: www.frankviehweg.de, sowie www.nohavica.cz