UNBEKANNT VERZOGEN und RENFT live im
"Neu Helgoland" zu Berlin am 9. April 2010
(Teil 1)



Bericht: Gundolf Zimmermann
Fotos: Gundolf Zimmermann





Es gibt Bands, die sind einem schon lange ein Begriff, man beobachtet sie aus der Ferne und man wartet auf die Gelegenheit, sich selbst mal live von den Fähigkeiten der betreffenden Band zu überzeugen. Mir ging es schon seit Ewigkeiten so mit UNBEKANNT VERZOGEN. Irgendwann hatte ich dieses Ensemble in den Weiten des Internets entdeckt, und ich fand ihre Musik wohltuend anders. Die starken, einfühlsamen und die Seele berührenden Texte und die Musik haben mich von Anfang an fasziniert. Ich weiß noch heute wie baff ich war, als ich erstmals „Flo’s Geburtstag“ auf ihrer MySpace–Seite hörte. Ich wunderte mich damals nur, dass kaum jemand UNBEKANNT VERZOGEN kannte. Dann erlebte ich die Band im letzten Jahr mit einem Kurzauftritt, der natürlich Lust auf mehr machte. Gestern hatte UNBEKANNT VERZOGEN zeitweilig eine bekannte Adresse im „Neu Helgoland“ Berlin als Vorband von RENFT. Man brauchte also keine Suche starten und keine öffentliche Zustellung veranlassen, um die Band zu erreichen. Eigentlich die beste Gelegenheit für uns. Aber ich wollte ja kürzer treten ;-) Deshalb war diesmal Lissi die treibende Kraft, und sie reservierte im Vorfeld gleich die Eintrittskarten, damit auch wirklich nix schief gehen konnte. Ich mag ja das Neu Helgoland nicht so als Veranstaltungsort für Konzerte. Die zwanghafte Tischordnung ist halt nicht jedermanns Geschmack. Eigentlich war es uns dann gestern doch egal, denn wir machten uns den Abend dann schon passend. Im Neu Helgoland fanden sich jede Menge Leute ein und es waren viele dabei, die extra wegen UNBEKANNT VERZOGEN gekommen waren. Nachdem wir uns gestärkt hatten, ging es endlich los.

UNBEKANNT VERZOGEN enterte die Bühne, und mit „Vergrabene Träume“ begann die rund einstündige Reise durch den musikalischen UNBEKANNT VERZOGEN-Kosmos. Um Sängerin Patricia „Patti“ Heidrich haben sich in der Band einige exzellente Musiker versammelt. Das merkt man der Band und ihrer Frontfrau auch ganz deutlich an. Musikalisch klingt das alles ziemlich ausgereift und Patti agiert auch sicher mit ihrer so herrlich verletzlich klingenen Stimme. Die "UNBEKANNT VERZOGENen" setzen voll auf ihre Musik, denn irgendwelche Showelemente braucht so eine ausdrucksstarke Musik auch nicht. Gitarrist Axel Stammberger, der sonst auch bei Andrea Timm in die Saiten greift, entlockt seinen Gitarren Klänge die so gut klingen, als kämen sie von einem anderen Stern. Dabei spielt er absolut banddienlich. Eine riesige Erscheinung ist der Bassist der Band: Es ist kein geringerer als Marcus Schloussen, der Basskran von RENFT. Ungewohnt zarte und behutsame Basstöne sind hier von seiner Seite zu hören, und der Basskran spielt auch schon mal im Sitzen. Neue Lieder wie die „Nachtvögelin“ wechseln sich mit den älteren Songs der Gruppe ab. Die „Nachtvögelin“ ist übrigens unter tatkräftiger Mitwirkung von Christian Haase enstanden. Er zeichnete für die Komposition verantwortluch und den Text lieferte Andreas Hähle. „Flo’s Geburtstag“ kommt so berührend von der Bühne runter, dass es mir fast die Tränen in die Augen treibt. Keyboarder Jonny Jahn und Schlagzeuger Gerry glänzten auch mit Solo-Gesangseinlagen. Täusche ich mich, oder handelt es sich bei Jonny eigentlich um Holger Jahn, der in den 80er Jahren bei der Gruppe Passion und bei Cäsars Rockband spielte? Ich meine, Patti hat bei der Bandvorstellung zu ihm auch was von Cäsars Rockband erzählt (Du vermutest richtig, lieber Gundolf. Er ist es, Anm. d. Red.).

Sängerin Patti Heidrich
von UNBEKANNT VERZOGEN

Apropos Cäsar, den Titel „Konjunktiv“ koppelten die UNBEKANNT VERZOGENen kurzerhand mit Motiven vom „Apfeltraum“, womit sich der Kreis von UNBEKANNT VERZOGEN zu Cäsar bis hin zu RENFT eigentlich wieder schloss.
Mit „Piratenträume“ war der Ausflug in die UNBEKANNT VERZOGEN–Gefilde leider schon wieder vorbei. Nach diesem Auftritt steht fest, dass diese Band für mich und sicher auch viele andere Musikfreunde zu den positivsten Überraschungen der letzten fünf Jahre gehört. Man wird noch viel von der Kapelle hören, und sinnigerweise arbeiten sie derzeit auch an ihrem ersten Album. Wir dürfen alle gespannt darauf sein.

Gespannt war ich dann auch auf den Verlauf des Auftritts von RENFT. Da ich unlängst ja über die Mugge der Kapelle in Medingen schrieb, werde ich mich aber etwas kürzer fassen. Mein Gefühl sagte mir, dass eigentlich weder Lissi und ich, noch die Rocklegende hier richtig hinpassten. Die legendären Dorfgasthöfe mit ihren Sälen in Altdöbern, Prösen oder Medingen sind meiner bescheidenen Meinung nach doch eher angemessenere Objekte, um bei einer Mugge mal richtig auszuflippen. Das Neu Helgoland ist pieckfein, eigentlich ein Ausflugslokal, und die Preise sind auch etwas jenseits von Gut und Böse. Da ist nix mit rauchgeschwängerter Luft und Billigbier. Im Publikum sah ich auch viele Leute, die man sonst eher nicht bei RENFT erwartet. Aber das Neu Helgoland ist für sein breites und sehr gutes Kulturprogramm bekannt, deshalb vermute ich, dass es zum Teil Stammgäste des Hauses waren. RENFT sind natürlich Profis genug, um auch hier ihr Programm durchzuziehen.

Anfangs wirkte das alles seltsam, auf der Bühne rockte eine gnadenlos gute Liveband und im Saal klebten die Leute an ihren Stühlen. Monster und seine Mannen schlugen sich wacker und nach ein paar Titeln kam dann doch so etwas wie Stimmung auf. Es trauten sich auch mehr Leute vor die Bühne, was dem Ganzen wirklich gut tat. Der Basskran fuhr ja schon seine zweite Schicht an diesem Abend, aber er erschien mir heute wesentlich beweglicher als sonst. Lissi gebrauchte auf der Heimfahrt sogar das Wort, dass Marcus sich heute sogar verdient hätte. Das ist natürlich etwas übertrieben, aber ihr versteht sicher, was ich ausdrücken möchte. Im Vergleich zum Konzert am Ostersonntag in Medingen gab es erwartungsgemäß kaum Veränderungen im Programm von RENFT. Zum Ende brannten sogar ein paar Wunderkerzen im Publikum. Die Herren Kriese, Piatkowski, Schloussen und Schoppe ließen sich nicht lumpen und legten auch noch ein paar Titel nach.

Wäre ich Lehrer würde ich den Bands heute die Schulnote 2+ (bei UNBEKANNT VERZOGEN auf Grund des Newcomerfaktors mit Tendenz zur Note 1) und dem Publikum die Note 3- geben. Ich bin aber kein Lehrer, deshalb sage ich, der Abend war insgesamt okay ;-)




Fotoimpressionen:







UNBEKANNT VERZOGEN:







































RENFT: