![]()
Bericht: Hartmut Helms Fotos: Hartmut Helms (alle Live-Fotos) Pressefotos (Textillustration)
Wenn Du im fiesen Januarregen vor einem in graues Metall gefassten gläsernen Eingangsportal stehst, wird's kalt. Dieses postmoderne Gefühlsneutrum hat nicht einmal ein Dach. Deshalb steht mitten vor diesen Bauwunder der digitalen Zukunftsschmiede ein Paravan und wir darunter. Endlich drinnen, fällt einem die wuchernde Fortsetzung von Metall und Glas oben, unten, links und rechts auf und der graue Marmor drückt auch bald von unten gegen die Füße. Nur die immer mehr werdenden Menschen und die vor der Bühne wartenden Freunde strahlen Wärme und Herzlichkeit aus. Es ist die Kombination aus beiden, die zum Grübeln anregt:
In den letzten 20 Jahren bin ich des öfteren vom nördlichen Stattrand Lauchhammers aus in Richtung Lichterfeld, Schacksdorf nach Finsterwalde gefahren. Manchmal auch zurück. Diese Straße durch die Baggerlandschaft öffnet einen weiten Blick über ein riesiges Erdloch. Der geht so weit, da kann man am anderen Ende nicht mal Staupitz oder Rückersdorf sehen. Solche Wunden in der Haut der Erde gibt es hier noch immer viele, und ganz früher wehte der Ostwind dreckig dunkle Russpartikel von dort bis hin zu unserer Wäscheleine. Das war alles normal, dachten die meisten, und ließen es geschehen, denn der Blick in die Tagebaue war faszinierender, als die Bedenken, die man auch hätte haben können, sollen, müssen. Ein historisches Filmporträt vor dem Konzert zeigt Gundermann, auf einem solchen Bagger und der konnte von dort oben sehen, wie er mit dieser Technik die Löcher immer größer werden ließ. Er hat diese Arbeit geliebt und sie hat ihm weh getan. Man sieht ihn mit seinem Moped über die dreckigen Wege durch die Mondlandschaft im Loch zum Arbeitsplatz auf dem Abraumbagger fahren. Manchmal saß er auch unten auf alten Rohren, die vom Dreck und Gift schon angefressen waren und dann philosophierte er mit Blick über die karge Weite, und manchmal nahm er zwischen all dem Metall auch die Gitarre in die Hand und auf den Schoß mit der dreckigen Kombi darüber. Als er aus diesem Schmerz und dieser Zerrissenheit die ersten Lieder machte, war er noch immer einer der Kumpels und also auch einer von uns, einer von "Männern, Frauen und Maschinen". Schon allein deshalb und auch wegen der vielen poetischen Gedanken und wundervollen Melodien, die er uns schenkte, haben wir ihn geliebt, lieben wir ihn noch immer. Und dann gab es noch diese andere Seite, weil das Leben damals "für Frieden und Sozialismus" nicht im luftleeren Raum stattfand und das Ideal, daran mitmachen zu können, per se ja nichts schlechtes schien. Man wurde hier geboren, als Menschenkind, und wir haben Mutter, Vater und manchmal auch die Musiklehrerin geliebt. Die Freundin sowieso. Mit dem Nachdenken und der Erfahrung kamen die Erkenntnisse und dann auch oft der Blick weit über den Tagebau und andere Grenzen hinaus. Das haben wir lernen können und auch gemacht. Vielleicht hat Gundi gerade deshalb die Brigade Feuerstein, deren Namen "oben" nicht gefiel, in "Die Seilschaft" umbenannt und vielleicht hat dieses Seil genau deshalb über seinen völlig unnützen und gemeinen Tod hinaus gehalten und verbunden. Beim Gundermann-Tribut hatte es gefunkt, und wir vor der Bühne haben es damals gespürt und gehofft. Manchmal ist es auch gut, wenn Seilschaften bis in das Heute halten und verbinden und es ist richtig, sich des Vergangenen zu erinnern und das zu bewahren, was uns daraus lieb und wichtig ist. Die Lieder von den Männern, Frauen und Maschinen, die vom Regen, Wind und Schnee und von den Engeln über dem Revier gehören dazu. Es sind viele, die so denken und dieses Foyer stand voll von ihnen - und deshalb wurde es auch warm darin.
Es wird gerockt, gesprungen und gesungen, egal, ob bei der "Grünen Armee", beim "Rattenkarate" unten in der Kanalisation oder beim "Frühstück für immer". So hat es Gundi gemacht und so hätte er es sicher gewollt, wenn seine Lieder erklingen. Da oben tobt die beinahe vollständige Seilschaft mit MARIO FERRARO (Gitarre) und ANDY WIECZOREK (Saxophon & Wistle), mit TINA POWILEIT (am Schlagzeug) und MICHAEL NASS (vor den Tasten). Die Gedanken sind bei Thomas Hergert, der viel zu früh seinen Bass nicht mehr zupfen konnte und für den nun CHRISTOPH FRENZ (Polkaholix) über die Bühne springt. Für den singenden Baggerführer mit Brille und Zopf tanzt nun CHRISTIAN HAASE mit seiner Gitarre über die Bühne, und der bleibt dennoch bei jedem Ton immer er selbst, obgleich ich manchmal denke, wo hat der das nur her? Der Haase steht da vor mir auf dem Podium singt vom "Gras" und davon, dass es immer wieder wächst, trotz der Sensen, wild und hoch und grün. Der meint das auch "so wie ich und du" und deshalb gehört er auch genau dorthin auf diese Bühne. Dem kaufe ich die "Brunhilde" ebenso ab, wie die Momente, in denen er vom "Niemandsland" singt. Das, was er da singt, stimmt immer noch, denn "hier findet man gebrauchte Schrauben" und all jene, "die wissen schon, wie's geht" und während er das da singt, muss ich leise in mich hinein grinsen, denn auch in meinem Keller stehen haufenweise Schachteln voller Schrauben. Ist das Ossie-Mania und kann man das heilen? Inzwischen ist es in diesem Stahl- und Glasbehältnis gemütlich, denn nicht nur von den Spots und Schweinwerfern, auch von hunderten tobenden und stampfenden Körpern zwischen Eingang und Bühne ist die Luft warm und feucht geworden. Wer sich im Takt bewegt, so wie die kleine Tina vor mir, der hat genug Platz zum Tanzen und der reicht auch für mich, denn solche wilden Sprünge, die der "Feger aus dem Erzgebirge" macht, schaffen Platz auch für mich. Im Rhythmus von "Ruhetag" und "Spricht der Teufel" versinkt mein Körper und als dann da vorne "Macht ja nünscht" ertönt, muss ich auch lauthals "und dann kommt Linoleum druff" mitsingen und siehe da, jetzt tanzen meine Beine von selbst. Es ist die Faszination dieser Musik und die Spielfreude derer dort oben, die ansteckend wirken. Gleich ob "Wenn ich wär" ertönt oder "Der 7te Samurai" auszieht, für mich ist das Musik aus dem Volke und von daher Folks-Musik, weil sie dem einfachen Mann vom Maul abgeschaut ist und haufenweise Volks-Weisheiten darin stecken, die noch immer und immer wieder nichts von ihrer Wahrhaftigkeit eingebüßt haben. Kein Wunder also, dass die Stahlkonstruktion bebt und die Scheiben zittern, wenn das Auditorium laut den Refrain mitsingt - "Aber alle oder keiner" - genau!
Als auch dieser Abend langsam müde und spät wurde, haben wir noch leise "Einmal" mitgesungen und damit noch "Einmal" ganz direkt an Gundi gedacht, der uns so sehr fehlt, weil viele ehrliche Lieder nicht mehr geschrieben und gesungen wurden. Wir haben den Klängen von "Linda" gelauscht und uns dann doch verabschieden müssen. Wir hatten alle, die da oben auf der Bühne und wir davor, viel Glück in den Augen, weil wir gerade eine Menge toller Musik gemeinsam gehört und gesungen hatten. Das hätte dem Gundi gefallen und für uns war es einfach nur "ein wundi schöner Abend", wie meine kleine Freundin Tina sagte. Recht hat sie! Und dann sind wir wieder hinaus in den kalten Nahverkehrstrubel und auf die Pisten, wo zum Glück der "weiße Strich vom alten Mann" den Weg "Nach Haus" zeigte, den Betten und dem "Ruhetag" entgegen. Danke Gundi und keiner ist vergessen, nicht DU, nicht Tamara, nicht Cäsar oder sonst wer, so lange wir noch da sind und die Lieder singen.
Bitte beachtet auch: - Homepage von der Seilschaft: www.dieseilschaft.de - Homepage des Gundermanns Seilschaft e.V.: www.gundi.de - Homepage von Hartmut Helms: www.mein-lebensgefuehl-rockmusik.de - Portrait über Gerhard Gundermann & die Seilschaft: HIER |