Bericht:
Fred Heiduk

Fotos:
Sebastian & Matthias Ziegert





Stadtfest in Dresden
Mit dem Sommer kommt auch die Zeit der Feste auf den Märkten, Plätzen und Wiesen in vielen Dörfern und Städten. Die einzelnen Feste, oft mehrere gleichzeitig in relativer räumlicher Nähe zueinander, buhlen um die Gunst der Menschen. Oft wird dann spontan und abhängig vom Wetter entschieden, da geht man hin oder sagt sich: "Ach..., da muss ich nicht dabei sein." Vielerorts ist es Tradition, dass zumindest an einem Tag eine Liveband spielt. Nicht selten entscheidet auch der Name dieser Liveacts darüber, ob und wie ein Fest besucht wird.

Am 13.08. entschied ich mich für die Classic Open in Leipzig, um dort der Stern-Combo Meißen einen Besuch abzustatten. Dass es sich am Rande ergab, dass das Stadtfest in Dresden eine Woche später, also am 20.08., zu einem Thema für einen weiteren Stadtfestbesuch wurde, war eine angenehme Zugabe, aber im Grunde eher Zufall. Neben einer gewissen, zu überwindenden Entfernung, waren die Wetterkapriolen des diesjährigen Sommers das entscheidende Kriterium für Pro oder Contra eines Besuchs. Den Ausschlag aber gab letztlich die Ankündigung: Veronika Fischer wird mit einem großen Programm auftreten. Als Zugabe könnte man ein paar Stunden später gegebenenfalls noch einmal die Stern-Combo Meißen erleben, bei der zudem eine kleine Chance bestand, dass Norbert Jäger zum letzten Mal, zumindest für seinen Titel "Der Alte auf der Müllkippe", auf die Bühne kommen würde. Also war der Entschluss gefasst - Stadtfest in Dresden!

Bereits für 16:30 Uhr, etwas früh für mein Empfinden, war der Auftritt Veronika Fischers avisiert. Ich befürchtete, dass sich um diese Zeit nur eine Hand voll Enthusiasten auf dem großen Dresdener Theaterplatz verlieren würden. Doch da lag ich das erste Mal falsch. Als wir den Platz vor der Bühne gegen 15:45 Uhr erreichten, waren bereits fast alle Stühle vor der Bühne besetzt und es drängten sich einige 1000 Leute auf dem Patz, die augenscheinlich auf den Konzertbeginn warteten. So gab es schon während der Probe hin und wieder Applaus. Als Veronika Fischer für die Proben zu ein paar Melodien auf die Bühne kam, war klar: Das wird kein beliebiger Tanztee mit Musikrahmen, hier will und wird ein hungriges Publikum seine Fischer Vroni, eine der ganz großen, "ehemaligen" muss man leider sagen, der deutschsprachigen Musikszene live erleben. Entsprechend wurde sie schon zur Probe begrüßt. Ob dabei ein gewisser Heimbonus eine Rolle spielte, weiß ich nicht. Aber Vroni erwähnte gleich zu Beginn der Moderation ihres Programms, dass sie in Dresden Musik studiert hat und sich erste Meriten verdiente, was das Publikum nochmals sehr wohlwollend aufnahm. Viele wussten das sicher sogar und dennoch war es durchaus publikumswirksam und machte aus dem Konzert ein Heimspiel für Vroni.

Pünktlich um 16:30 Uhr war es dann soweit. Ein Radiomoderator von Hitradio RTL betrat die Bühne und erzählte Belanglosigkeiten zu Veronika Fischer. Dabei vergaß er allerdings ihren runden Geburtstag zu erwähnen. Ob er es überhaupt wusste, oder ob Vroni sich das womöglich verbeten hatte - gleich wie, er sagte Vroni und Band an und es ging tatsächlich los. Nach den Musikern der Begleitband betrat unter ordentlichem Applaus und Klängen, die ich keinem ihrer Klassiker zuordnen konnte, Veronika Fischer die große Bühne. Ohne Umschweife erklang als erster Titel "Sehnsucht nach Dir". Dabei wurde mir schlagartig bewusst, dass Veronika Fischer nicht nur das Schneeflöckchen ist, sondern ein viel breiteres Repertoire hat, als nur ihre Ostrockklassiker. Dieses erste und auch das folgende Stück zeigten eindrucksvoll ihre Qualitäten, die aus ihrer grandiosen Stimme erwachsen. Veronika Fischer ist künstlerisch weit entfernt von aktuellen Schlagergrößen und vermeintlichen Stars und Sternchen. Nach wie vor, glaube ich, kann man sie im positiven Sinne als die Diva unter den Sängerinnen dieses Landes bezeichnen, die sich positiv von der großen Mehrheit abhebt. Leider ist es ein wenig ruhig um sie geworden und man erlebt sie nicht mehr so häufig live auf der Bühne. Gerade darum genoss das Publikum den Auftritt an diesem sonnigen Nachmittag um so mehr. Leider hatten die Musiker immer wieder ihre Probleme mit der Technik, so dass es hier und da zu einigen kleineren Brüchen im Programm kam, was unterm Strich aber die gute Laune im Publikum nicht störte. Ganz im Gegenteil. Mit dem dritten Titel, dem "Klavier im Fluss", waren auch die letzten Herzen erobert. Und die Fischer zeigte, warum sie die Fischer ist. Ihre unverwechselbare Stimme und die Art zu singen, bei der sie immer wieder längere Tonfolgen verschleift, um sie dann abrupt abzubrechen und fast gegenläufig zu beenden, das was sich wie das Brechen der Stimme in den Höhen anhört - niemand beherrscht diesen Stil so gekonnt wie Vroni. Das Publikum war begeistert ob der Art und Weise, wie sie gerade auch die alten Titel live von der Bühne schmetterte. Dabei zeigte sie besonders zu Beginn des Konzerts, welch gewaltigen Stimmumfang sie hat. Stellenweise klang sie tief und sonor wie Bonnie Tyler, um ein paar Takte weiter drei Oktaven höher, glockenklar zu klingen. Dabei sah besonders zu Beginn des Konzertes alles spielerisch leicht aus. Gleich ob hoch oder tief, das war großartig. Ganz hielt Vroni das allerdings nicht durch. Je weiter das Konzert fortschritt, desto deutlicher wurden Probleme mit den ganz großen Höhen. Veronika Fischer wäre nicht Veronika Fischer, die 40 Jahre Bühnenerfahrung hat, wenn sie das Problem nicht gemeistert hätte. Sie sang einzelne Passagen, wo die Melodien final nach oben geführt werden in der "normalen" Melodieführung oder setzte Stücke schlicht ein paar Töne tiefer als üblich an. Ich glaube kaum, dass das sehr viele Zuhörer mitbekommen haben. Gestört hat es auf jeden Fall niemanden

Im Verlauf des Konzerts kamen auch die Musiker der Band dazu, ihr Können solistisch zu zeigen. Dabei merkte man deutlich, dass das richtig gute Musiker sind, die Vroni da um sich geschart hat. Mit Udo Weidemüller, der an diesem Tag Geburtstag hatte, und Axel "Lexa" Schäfer sind an Gitarre und Bass zwei mir bekannte Musiker in dieser Band. Die drei anderen Musiker waren mir unbekannt, spielten jedoch keinesfalls eine untergeordnete Rolle. Besonders der Keyborder Andreas Gundlach, der im Konzert die Rolle von Franz Bartzsch bzw. Andreas Bicking übernehmen musste, wusste dabei zu gefallen. Er harmonierte an den Tasten ebenso mit Vroni wie im Satzgesang.

Wirklich gut gefiel mir, dass Veronika Fischer sich nicht auf die Uraltklassiker beschränkte, sondern ganz im Gegenteil viele Titel aus neueren Alben dem Publikum zu Gehör brachte. Das sind durchweg hervorragende Stücke in den verschiedensten Stilrichtungen. Ob Pop, ob Soul oder Chanson, alle Lieder sind echte Fischertitel. Stellenweise geht das, was sie da auf der Bühne anbietet, in den Jazzbereich. Sie versteht es, mit ihren Stücken zu spielen, wie kaum eine andere Interpretin. Und genau das tut sie an diesem Tag zur Freude der vielen Fans. Die geraten völlig aus dem Häuschen, als sich im zweiten Teil des Konzerts dann die bekannten alten Titel aneinanderreihen. Das sind die Lieder der Jugend des Publikums, da sind sie textsicher und gehen hin und wieder entsprechend mit.

Als nicht so versierter Vroni Fan, der sie nur zwei oder drei Mal live erlebt hat, waren zwei Dinge von besonderem Interesse. Zum einen die Titel, die man nicht in dem Maße kennt. Das Stück "Weit übers Meer" gefiel mir dabei besonders gut. Eine große Melodie mit einem wunderschönen lyrischen Text. Zum anderen, und das freute mich besonders, der Fakt, dass Vroni für Ende September ein neues Album mit dem Tiel "Zeitreise" ankündigte. Aus diesem Album stellte sie den Titel "Madame" vor. Für mich der Höhepunkt des gesamten Konzerts. Ein fantastischer Titel, dem es zu wünschen ist, dass er häufig im Radio gespielt wird, da er sich überaus wohltuend vom Einheitsbrei des aktuellen Pop und Schlager abhebt. Eine tolle, eingängige Melodie, eine große Stimme, ein schöner, etwas melancholischer Text - eigentlich die richtige Mischung zum Hit. Angesichts dieses Titels darf man erst Recht auf den Rest des Albums gespannt sein.
Nach einer guten Stunde ging das Konzert dann nach ein paar vehement geforderten Zugaben zu Ende. Das Publikum hätte sicher noch einen ganze Weile bei Vronis Musik ausgehalten, doch der Zeitplan bot dazu keine Gelegenheit.

Stattdessen begann unmittelbar nach dem Ende des Konzerts der Umbau für die Stern-Combo Meißen. Ich will vorwegnehmen, wäre die Band nicht bereits 47 Jahre unterwegs, eine Schlagzeile wie "A Star was born" hätte zweifellos ihre Berechtigung gehabt. Der Auftritt der Stern-Combo an diesem Abend zählt zu den beeindruckensten Konzerten die ich je erlebt habe. Das war einfach das perfekte Konzert. Aber der Reihe nach...
Ich hatte damit gerechnet, dass sich der Theaterplatz nach dem Fischerkonzert leeren würde. Dem war nicht ganz so. Wenn überhaupt jemand ging, dann wurde sein Platz in Windeseile von einem anderen Zuschauer eingenommen. Je näher es auf den Konzertbeginn um 19:00 Uhr zuging, desto voller wurde der Platz. Den Bühnenumbau machten die Meißener selbst mit. Schon das hatte etwas familiäres. Als Martin Schreier ein kleines Mädchen auf die Bühne hob, stutzten sicher viele im Publikum und klatschten ein erstes Mal für die Stern-Combo. Wie sich später herausstellte, war es die Enkelin von Martin Schreier, die dem Opa einfach mal "Hallo" sagen wollte. Eine schöne kleine Episode am Rande, die zeigt, wie wenig abgehoben die Musiker der Stern-Combo doch sind.

Nachdem das Equipment auf der Bühne an Ort und Stelle war, gab es eine völlig untypische Probe. Die Band ließ die Anlage einregeln, ohne dass man im Publikum einen Ton gehört hätte. Einzig das Schlagzeug war hin und wieder zu vernehmen. Nachdem Vroni ja offensichtlich ein paar Probleme mit der Anlage hatte, wurde mir da heiß und kalt wegen der Befürchtung, der Sound würde ahnlich problematisch wie eine Woche zuvor in Leipzig. Doch das war mein zweiter oder gar dritter Irrtum an diesem Tag. DER Sound war rundum perfekt. Jedes noch so kleine Detail war deutlichst hörbar. Die Anlage war so eingestellt, dass eine ungeheure Dynamik von der Bühne kam. Dazu erlaubte Dresden eine Lautstärke, die dem Sound hörbar gut tat.

Das Programm war das gleiche wie eine Woche zuvor in Leipzig, nur dass an diesem Abend zusätzlich ein längerer Ausschnitt aus "Das weiße Gold" gespielt wurde. Das Konzert ist so aufgebaut, dass es quasi Blöcke zu den einzelnen Etappen der Bandgeschichte gibt. Da erklingt Vivaldis "Frühling" neben Klassikern wie "Der Kampf um den Südpol" und "Wir sind die Sonne" oder neuen Titeln wie "Raimund S." oder "Lebensuhr". Wie es an diesem Abend allerdings von der Bühne kam, war einfach unglaublich. Das gesamte Konzert über strahlte die Band eine Harmonie aus, wie ich sie selten erlebt habe. Die einzelnen Melodieteile wechselten zwischen den Instrumenten hin und her, als wäre es das einfachste der Welt, so etwas zu improvisieren. In der Regel getragen von Mareks Keybords, spielten Bass und Schlagzeug Parts, wie sie sonst wohl nur Soloinstrumente spielen. Gerade das Schlagzeug war an diesem Abend extrem auffällig. Da stimmte jeder Schlag, gleich auf welchen Teil des Instruments. Ist es sonst oft der Fall, dass Bass und Schlagzeug die Band zusammenhalten und führen, war es an diesem Abend scheinbar ganz anders. Da bestand gefühlt gar nicht die Notwendiglkeit, diesen Part auszufüllen. Die Band war perfekt eingespielt und hatte daher viel Raum für Improvisationen. Die waren unglaublich. Da war nichts abgehobenes, versponnenes und verworrenes, die Improvisationen erschienen jederzeit logisch und als perfekte Weiterentwicklung der bekannten Soundmuster. Das, was vor allem Thomas Kurzhals an diesem Abend bot, grenzte an Genialität. Wie gesagt, die anderen Musiker standen dem nicht wesentlich nach. Mehrfach konnte der Bassmann zeigen, was für ein Ausnahmemusiker er ist. Es war eine wahre Freude, ihn zu beobachten. Dazu kommt, dass er als zweite Stimme eine sehr gute Figur abgab. Überhaupt klang der Satzgesang gut wie in besten alten Tagen. Das hatte sicher auch eine Ursache in der großartigen Leistung von Larry B. Er bewies einmal mehr, dass er für den neuen, alten Sound der Stern-Combo ungeheuer wichtig und genau der richtige Sänger ist. Auch wenn er phasenweise an Fissler erinnert, ist er doch ungemein authentisch und verleiht den alten Stücken neuen Glanz.

Die Klasse der Band wird aus meiner Sicht vor allem durch ihre Homogenität gesichert. Die Musiker stehen gleichberechtigt nebeneinander auf gleicher Stufe. Zudem lassen sie einander genug Raum, um ihre individuellen Stärken immer wieder hervorzuheben. So wird eine Kurzhalsimprovisation zu einer bekannten Melodie schon mal zu einer musikalischen Offenbahrung oder vermittelt das Bassspiel Gänsehautfeeling.

So ein großes Konzert kann man nicht spielen, wenn nicht alles stimmt. So war auch das Publikum überaus dankbar. Es war, als wären die etwa 10.000 Menschen geradezu ausgehungert nach guter Musik gewesen. Es brauchte nicht viel, um sie komplett zu erobern. Ich weiss nicht was es war, aber ich hatte den Eindruck, bereits beim ersten Dreiklang, den Thomas Kurzhals in die Tasten drückte noch bevor die eigentliche Melodie des ersten Stücks begann, war das Publikum der Stern-Combo Meissen geradezu verfallen.
So verwunderte es nicht, dass jeder Titel mehr oder weniger laut mitgesungen wurde oder, wo immer es sich anbot, zumindest der Takt geklatscht wurde. Nach 90 Minuten gab es auf dem Platz sicher keinen mehr, der nicht von der großartigen Musik begeistert gewesen wäre. Hier und da waren Bemerkungen zu vernehmen wie: "...das hätte auch da drin stattfinden können..." oder ähnliches. Gemeint war damit, dass die Musik durchaus zumindest an diesem Abend auch das Zeug gehabt hätte, auf der Bühne der Semper Oper aufgeführt zu werden, wie das zum Beispiel in London in der Royal Albert Hall mitunter der Fall ist. So aber hatten eben 10.000 Menschen die Gelegenheit, die Band live zu erleben und das vor einer grandiosen Kulisse. Zudem, aber das sagte ich schon, mit einem unbeschreiblich guten Konzert.

Die Stern-Combo zeigte, dass sie zu den ganz großen im deutschen Musikgeschäft gehört, auch wenn die Medien von ihr kaum Notiz nehmen. Dass die Musik die Menschen trotzdem erreicht, auch ohne bei RTL, Sat 1, Pro 7 und all den anderen, gleichgeschalteten, und auf recht niedrigem Niveau Programm gestaltenden Mainstream-TV Stationen zu laufen, zeigte die Tatsache, wie viele Konzertbesucher am Samstag in Dresden waren. Die Menschen kamen WEGEN der Stern-Combo und nicht wegen der leckeren Würstchen vom Grill. Sowas kommt nicht von Ungefähr! Ich bin riesig gespannt auf die nun bald erscheinende neue Platte und hoffe, diese Band künftig wieder des öfteren live erleben zu können.




Fotoimpressionen:


Hinter den Kulissen:


Leihgabe von Norbert Jäger: Manager Detlef Seidel
mit einem von Norberts "Percussion-Werkzeugen"



Wiedersehen mit altem Weggefährten: Stern-Schlagzeuger Frank
Schirmer (li.) mit Lexa Schäfer, bis 2010 Bassist der Stern-Combo



Das muss sitzen: Vor dem Konzert wird gemeinsam "Die gelbe Elbe" geprobt...



"Deutsche Mugge"-Fotograf Matthias
Ziegert mit Veronika Fischer




Auftritt Veronika Fischer & Band























































Auftritt Stern-Combo Meißen