Bericht:
Hartmut Helms

Fotos:
Hartmut Helms





Vom Beat(les)-Virus angesteckt - The RoofTops
Das Virus kam aus Liverpool, aus der Gegend um den Mersey-River, und es hat sich mit dem Geruch und Schmerz von den Baumwollfeldern sowie mit der schwülen Hitze der Sümpfe in Amerikas Süden eingelassen. Es hat die Sehnsucht aus Montanas Bergen inhaliert und sich mit dem Zauber der Kelten umgeben. In immer wieder wechselnden Verkleidungen geistert es seit den frühen 60ern durch unser Leben, peitscht es an oder taucht es auch wahlweise in bittersüße Tränen. Wie eine Krake hat es seine Tentakel überall dorthin gesteckt, wo es die Alten ärgern und die Jungen anstacheln kann. Rockmusik ist heute überall, sie hat sich angepasst, sich etabliert und trägt auch schon mal Krawatte, Fliege oder Reifrock. Nur der Großvater namens Beat, dieser alte Zausel, wehrt sich erfolgreich und vergnügt sich noch immer damit, junge Leute anzustecken. Beatmusik ist keine Massenepidemie mehr, aber wer das kleine freche Virus trifft, wird von ihm angesteckt. Immer noch und überall.


The RoofTops (Pressefoto)

Als die Beatles Ende Januar 1969 ihr legendäres Konzert auf dem Dach vom Apple-House gaben, man arbeitete am Filmprojekt "Let It Be", ahnte wohl keiner, dass dieser Auftritt in kalter Luft und eisiger Atmosphäre der letzte Live-Gig der Fab-Four werden würde. Hier entstand die ruppige Version von "Get Back" und hier manifestierte sich das Ende einer Ära. Die 40 Minuten Live-Musik von diesem Ereignis inspirierte fünf Jungs aus Dresden, genau diesen Gig 40 Jahre danach noch einmal live und in der gleichen Abfolge zu präsentieren. Es hat nicht genau auf den Tag und 40 Jahre danach geklappt, aber seither gibt es "die auf dem Dach" - THE ROOFTOPS. Sie haben sich der Musik der so sehr gelobten Spätphase der Band verschrieben und damit Liedern, die die BEATLES selbst nie oder nur selten live spielten.

Wenn dann ein alter Beatnik die Zeilen "Roll up for the mystery tour" liest, weiß er auch ohne weitere Erklärungen, was damit gemeint ist. Er holt sich noch einmal die kleine Doppel-EP mit Booklet aus dem Regal, blättert durch die Fotos und Comics und lauscht selbstvergessen hinein in den Sound von "I Am The Walrus", ehe er sich auf die lange Fahrt nach Dresden und runter zur Elbe macht. Im Kunsthof Gohlis wird man(n) zum Wiederholungstäter. Nicht nur des Ambientes und der Katzen wegen, sondern vor allem, weil immer mal wieder außerhalb der Mauern von Dresden wenig bekannte Projekte wie eben die junge Band THE ROOFTOPS eine Chance bekommen.

Auf der Bühne fallen sofort die alten Verstärker Marke VOX & Co. auf und der Laie wundert sich über die Tücher auf den Schlagzeugfellen, mit denen Ringo nach dem rechten Klang suchte. Eine nostalgische rote Gitarre fällt ins Auge und ein Bass der Firma Rickenbacker. Herein spaziert und willkommen in den "Abbey Road-Studios" zu Gohlis. Hier sieht es nicht nur aus wie damals, hier wird auch versucht, einen Sound wie einst entstehen zu lassen. In der schwülen Luft des Sommerabends hängt sich eine hagere Gestalt die rote Gitarre um und beinahe steht das Ebenbild von John Lennon vor mir, die ersten Läufe auf den Saiten spielend. Als hätte jemand die erste Seite der "Abbey Road" aufgelegt, erklingt "Come Together" aus den Boxen. Da kann ein Gitarrist technisch noch so perfekt spielen, zu diesem Song gehören eben zwei singende und teilweise parallel laufende Gitarren, wie die von Stefan Obenaus (John) und Jens Grunert (George), um die Stimmung zu zaubern, die diesen Song so einzigartig werden lässt. Das gilt in gleicher Weise für "Back In The USSR" und "Birthday", mit denen die Jungs versuchen, uns aus der Reserve zu locken. Doch wer glaubte, eine nächste Tanzrunde wie damals präsentiert zu bekommen, sah sich bei "Doctor Robert" oder gar "Hey Bulldog" von "Yellow Submarine" zum Lauschen gezwungen. Diese Songs so nah am Zeitgefühl live präsentiert zu bekommen, da weiß man(n) nicht so genau: soll ich jetzt meine Begeisterung in Bewegung oder andächtiges Mitsingen umsetzen?

Wer tanzen wollte, hätte dies bei "Lady Madonna" oder "Revolution" machen können. Der alte Beatles-Fan hingegen saß da und lauschte schelmisch, wie die vier da vorn "Good Morning" umsetzten, während er sich das Gackern und Kreischen des Bauernhofes selbst dazu dachte. Es macht wirklich Vergnügen, diese Songs live zu hören, sie zu genießen und sich ab und an auch zu wundern, warum man so manchen Text wie aus dem Nichts wieder drauf hat. Irgendwie kamen die Erinnerungen an jene Tanzabende, da die neuen Songs der Liverpooler immer brandaktuell von Theo Schumann, der Uve Schikora Combo oder Fred Herfter nachgespielt wurden.

"Yer Blues" vom "Weißen Album" erinnert daran, dass die Liverpooler auch ganz anders konnten. Mein Freund Falk kann sich beim "Taxman" nicht zügeln und spielt gemeinsam mit Martin Zschoche den Ringo und wäre wohl am liebsten, wie in alten "STUBE"-Zeiten, bei "Got To Get You Into My Life" durch die Tisch- und Stuhlreihen getanzt. Es ist schön, bei dieser Musik gemeinsam in Erinnerungen zu wühlen und spontan einen Aufschrei zu wagen - Yeah! Kein Wunder also, dass wir "All You Need Is Love" mitsingen, bis der Chorus mit "she love you yeah, yeah, yeah" ausklingt. Nee, können Männer lustig sein, wenn sie unter sich sind und zwei Gitarren, ein Bass plus Schlagzeug dazu spielen. So ein kleiner John, George, Paul oder Ringo steckt noch immer in jedem von uns, die wir damals unsere Eltern schockiert haben.

Das legendäre Dachkonzert klang einst frostig und trocken mit "Get Back" aus und so machen es die vier ROOFTOPS auch. Danach waren die BEATLES am Ende und die vier "Dresdner vom Dach" vermutlich noch Fantasiegebilde ihrer späteren Eltern. Die Musik aber und das Lebensgefühl, das sie transportierte, wirken noch immer ansteckend und was schöneres kann ich mir für die heutige Generation auch kaum vorstellen. Zeit also, endlich mal wieder die "Abbey Road" oder das weiße Doppelalbum aufzulegen. Nur wer sich ab und an erinnert, weiß heute, wie er sich morgen gern fühlen möchte oder so ähnlich. Auf jeden Fall aber nicht alles so tierisch ernst nehmen, Leute. Wie sonst hätte ein Song wie "Hey Bulldog", der eigentlich "Hey Bullfrog" (Hey Ochsenfrosch) hätte heißen sollen und mit einem "Yellow Submarine" (Gelbes Unterseeboot) daher kam, ein genialer Geniestreich einer genialen Band werden können?!




Fotoimpressionen: