Bericht:
Hanni Möller

Fotos:
Hanni Möller (alle Live-Fotos)
Christian Kaufmann (Pressesfotos)





Freitagabend: theatermäßig pünktlich betreten vier Musiker die große Bühne des Schauspielhauses in Bochum. Georg Ringswandl, der Protagonist des Abends, der der Sprache nicht mächtig sei (wie er sich zur Begrüßung selbst beschreibt), schreitet als Letzter und eher unauffällig entgegen seinen in der Vergangenheit oft bunt-schrillen Textilien dabei auf die Bühnenbretter und platziert sich mittig nahe des Bühnenrandes, kreuzt die Beine zu einem Knicks und breitet die Arme weit aus. Ganz tief verbeugt er sich so vor seinem erwartungsvollen Publikum: eine sehr warmherzige Geste und ein freudiger Empfang für den zu ca. ¾ gefüllten Theatersaal mit geschätzten 500 bis 600 Besuchern, die entsprechend freudig beklatscht wird.


Schauspielhaus Bochum

Seine drei Begleitmusiker nehmen direkt Platz an ihren Instrumenten Bass, Schlagzeug und Gitarre, die alle je auch mit einer Sitzgelegenheit versehen sind. Der mächtige Bass von gut 2 Metern dominiert den rechten Rand der aufgebauten Szenerie, links zwei liegende Gitarrenkoffer und eine Monitorbox, kleine Verstärker noch. Georg Ringsgwandl greift sich seine Akustikgitarre, die vorne am Bühnenrand auf einem weiteren Gitarrenkoffer liegt, garniert von einem rotplüschigen hohen Hocker und einem Mikroständer. Er stützt sich auf eben diesen Hocker und nimmt dann darauf Platz. Und schon greift er nach kurzer Begrüßung in die Saiten, es beginnt leise - fast gemütlich zart - eine Musik. Sein elektrisch virtuoser Gitarrist im Hintergrund betätigt derweil sein auffällig rotes Werkzeug, das Schlagzeug surrt und der Bass brummt in Harmonie dazu. Ringsgwandl wirkt beruhigt gealtert und ganz so, als könnte er einem täglich beim Bäcker oder im eigenen Wohnhaus begegnen. Wenn man ihn an diesem Abend zum ersten Mal sähe, könnte man sich seine bunt-verrückte Bühnenvergangenheit nicht unbedingt sofort vorstellen, aber mit der Zeit kommen dann doch einige seiner typischen Tanzstile und Verrenkungen zu Tage, die erahnen lassen, wie sehr er es noch könnte wenn er wollte. Aber so ist es gut: Georg Ringsgwandl ist ganz bei sich, macht Hausmusik im besten Sinn, erzählt mit Freude seine vielfältig amüsanten Geschichten in Kurz- und Langform, als Lied oder einfach so ohne instrumentale Begleitung, als würde er sich mit einem in der Kneipe unterhalten: leicht stockend verquer und immer etwas ins Absurde abdriftend lebt er in seinen Geschichten und bringt sie pointiert ans Publikum, das schon früh immer wieder applaudiert, freudig lacht und sich ausnahmslos wohl fühlt.


Georg Ringsgwandl

Die Bühne wirkt dabei leider ein wenig zu groß trotz der ein oder anderen Tanz- und Bewegungseinlage von Georg Ringsgwandl. Und der Saal ist erstaunlicherweise in den vorderen Reihen geringer gefüllt als in den Reihen weiter hinten, was wohl an den vier Eintrittspreiskategorien liegt: für die Hälfte bekommt man ab Reihe 9 im Schauspielhaus immer noch einen sehr guten Platz mit guter Übersicht und Klang für die Ohren. Aber auch die teuerste Kategorie ist mit 32,00 Euro immer noch ein akzeptabel guter Preis, den man nicht beanstanden kann.

Georg Ringsgwandls Geste zum Abschluss seines ersten Liedes („Auf der Straß“) beginnt wieder mit einem weit ausholenden Arm der rechten Körperseite und dem überkreuzt liegenden rechten Bein ausstreckend auf die linke Seite, dabei die Körperspannung auf dem Hocker wie auch die Gitarre haltend und den Blick nach oben in die Scheinwerfer gerichtet, bis er dann ins Publikum schaut und das zweite Lied zugleich folgt („Sechse in der Früh“). Danach wird die akustische Gitarre auf dem Koffer abgelegt, und Ringsgwandl schreitet damenhaft zu einem Tisch rechts der Instrumentenaufbauten, wo ihn seine Zither später erwarten wird und er sein Buch mit eigen Geschichten („Das Leben und Schlimmeres“) herholt, um daraus nicht vorzulesen aber damit vorzutragen. Eine gut 15-minütige Geschichte folgt, die ihn inhaltlich von Murnau (in Bayern) über einen Ausflug mit der Ehefrau ins Moos, einen Hundebiss, der Fahrt im Auto zu Tierarzt und Chirurg bis hin zur Hauttransplantation an seinem Oberschenkel führt. Um diese Geschichte entsprechend seiner pointierten Kunst wiederzugeben, benötigte ich ein entsprechendes Talent. So sei allen Leser dieser Zeilen nur versichert, dass sämtliche Übergänge, Sinnhaftigkeit und Humorstellen in dieser Geschichte gegeben waren, und man dem Wahnsinn seiner Erzählung leichtfertig folgen wollte und konnte. Das Ende ist dann sehr abrupt erreicht, ein dritter Song folgt und dann seine geliebte Zither! „Es würde zu wenig Zither im Ruhrgebiet gespielt“, deutet er an, während er den Standort und zum Tisch rechts auf der Bühne wechselt, sich dort nieder lässt und ohne Band nur mit seinen Saiten auf dem Tisch etwas zum Besten gibt („...Fußball ist ein Trinkersport...“). Dann setzt umgehend die Band ein, Ringsgwandl wandert zurück in die Nähe seines bühnenmittigen Hockers, schleppt dabei sein rechtes Bein bewusst etwas nach (in Anlehnung an die Geschichte zuvor) und singt ins Mikro: „...gar nichts außer Muuuuh... ich möcht leben wie a Kuh...“. Eine kleine typische Tanzeinlage folgt, die dann übergeht in die Ankündigung seines ersten Buchs. Diese Ankündigung ist gefüllt mit einer erneut ausführlichen Geschichte („Die Kinder seien raus, das Haus gebaut, die Regale aufgestellt; und doch frage ihn seine Frau, wozu, weil sie doch genügend Bücher hätten... Er ging dann auf die Suche nach einem Verleger, sah vor seinem geistigen Auge eine Germanistik-Hexe als Lektorin, sein Weg führte ihn durch den Harz, dann nach Hannover und schließlich vor die Tore Hamburgs, wo er seinen Wunsch-Verleger fand, da dieser auf Seite 67 ein „Hihi“ von sich ließ, und unterschrieb sofort.“). Und Punkt. Und sofort ein weiteres Lied mit der Gitarre zurück auf dem Hocker sitzend. Darin geht es u.a. um einen Lebensmittelkontrolleur, und als dazu der Applaus folgt, ist er so überwältigend, dass man seine freudigen Lachfalten erkennt ohne Spur von Ironie. Vielleicht ein wenig zu viel Freude führt ihn diese Situation direkt ins namentliche Vorstellen seiner Band. Und darauf dann gibt er diese wunderbaren Liedzeilen zum Thema Glück: etwas, das man nicht festnageln oder erwirtschaften kann, das nicht durch äußere Mittel heran gezwungen werden kann, das einfach nur mal vorbei kommt zwischendrin. Diese Minuten dazu sind weich und liebevoll und führen zum Ende des ersten Teils des Abends.


Die aktuelle CD: "Untersendling"

Die Pause leitet Georg Ringsgwandl noch mit einem kurzen „Pause im Hause“ ein, um dann in gleicher Besetzung und Aufmachung nach einer ¼ Stunde wieder auf der Bühne zu stehen. Die Instrumente gleich bleibend gut und angenehm abgemischt, eine Wonne für’s Ohr.

Beide Teile des Abends sind mit etwas über je 1 Stunde gut gefüllt und inhaltlich in einem ähnlichen Bogen aufgebaut mit je zwei Liedern vor einer ausschweifend lang erzählten Geschichte, je einem Platz am Zither-Tisch und je einem besonders ruhigen Lied zum Schluss. Den zweiten Teil beginnt Ringsgwandl mit einem kleinen Sprung auf die Bühne, und es folgt ohne Ansage das Lied „Dahoam is net dahoam“. Noch in die ersten Töne hinein erzählt er, dass es sich um eine Musik zu einer TV-Serie handelte. Der darauf folgende Song beschreibt dann in gewohnt überspitzter Form seine Sehnsucht nach einer Zugehfrau. Und bevor es dann wieder eine neue umfangreich erzählte Geschichte für’s Publikum gibt, verteilt er noch einen gehauchten Kuss in den Saal. Das Erzählte wiederum beginnt mit dem zufälligen Wiedersehen von ihm und einer Frau (Sibylle oder Sybille I oder Y) vor den Toren eines Rewe-Supermarkts, die ihm ihre in der Tengelmann-Tüte verpackten Zither geben will. Zuvor beschreibt er noch seine Schwierigkeiten des Wiedererkennens durch die Gehirnleistung, unter Tausenden Gesichtern der bisherigen 5 Leben in Schule und dergleichen und aus diversen Zeitschriften etc., dieses eine Gesicht überhaupt einzusortieren. Ins Plaudern geraten erzählt besagte Sibylle von ihrem gemeinsamen medizinischen Studium und dann von ihrer Karriere als Hautärztin und der Spezialisierung darin auf Haare und der weiteren Spezialisierung auf Haarentfernung, geht über in ihre Ehe mit einem langweiligen Ingenieur und ihren 2 Kindern, dem Wiedereinstieg als Hautärztin, der Spezialisierung auf Haartransplantation in bester Praxislage der Maximilianstraße, wo Porschefahrer als Sozialhilfeempfänger gelten, und der Therapie, die sie benötigt als dritte Meinung. Zither spielte sie zur Beruhigung ihres stressigen Lebens... Diese Geschichte mündet in einen neuen Song.

Danach wandert Georg Ringsgwandl schwankend ins Dunkle der Bühne, um mit kleiner Maskierung (seine berühmte schwarze Mütze-Brillen-Kombination) am Zithertisch spielend und englisch hiphoppierend aufzutreten: „Ich bin ein sozialpädagogisches Projekt...“. Auch sein berühmtes „Hühnerarsch sei wachsam“ (Chickenass be watchfull) nur an der Zither begleitet und leicht kreischend fehlt ebenfalls nicht: in diesem Wahnsinn erinnert er irgendwie auch an einen Helge Schneider, der ebenfalls mitunter extrem Verrücktes daher schreit, um gleichzeitig wieder in einem Bogen zu anspruchsvollster und bester musikalischer Darbietung zurück zu finden. Beim erneuten Einfädeln (mit den Beinen von unten) in den Umhängegurt seiner Gitarre verlautet er, dass dies die Triumphe der Reha-Medizin wären und beschreibt schließlich noch selber diesen Abend als schöne Hausmusik, indem er noch einmal einzeln auf seine drei begleitenden Musiker eingeht.


...auf der Bühne

Das Lied zur Bäckereiverkäuferin folgt, wo ein Single zur Kompensation seines Alleinseins auch noch ein Vanillekringel kauft. Und dann zum Schluss wieder eines dieser besonders zarten musikalisch intonierten Lieder - langsam und gefühlvoll: „...das hat a jeder g'wußt...“.

Der Applaus zum Ende ist auffallend stark, einige Besucher erheben sich von ihren Plätzen, die Freude allseits groß – sowohl bei den Musikern wie im Publikum. Ringsgwandl verbeugt sich tief, sehr tief. vor dem Jubel, der auf ihn fällt. Kurz verlassen alle vier Musiker die Bühne, dann gibt es zwei Zugaben und den Hinweis von Ringsgwandl, dass sein Gitarrist dermaßen virtuos spiele, dass man sich selbst wie ein Idiot vorkäme. Ein toller Abend ist vollendet.

Das Licht im Theatersaal geht extrem schnell an, kaum dass die Musiker die Bühne verlassen haben, sodass klar gemacht wird, dass es keine weitere Zugabe mehr geben soll. Ob dies vom Haus oder vom Künstler so geplant ist, erfahre ich nicht. Aber es ist etwas schade, so prompt aus dem musikalischen und sinnigen Abend gerissen zu werden. Im Foyer wartete dann das Schauspielhaus mit Eigenwerbung an einem großen Tisch auf, wo es Schauspielhaus-Tassen/-T-shirts und dergleichen zu kaufen gab. Nun ja...

Sein langjähriger genialer Gitarrist Nick Woodland war dieses Mal leider nicht mehr dabei, aber in dessen Fußstapfen trat ein ebenso toller wie feinfühliger junger Saitenmeister, den man noch öfters hören möchte. Ebenso Schlagzeuger und Bassist, alle um ein Vielfaches jünger als Ringsgwandl, und dennoch waren alle 4 an diesem Abend (und sicherlich auch sonst) sehr im Gleichklang.
Georg Ringsgwandls Gesang ist dabei immer sehr markant - und bayerisch sowieso, wenn dies auch nicht jedermanns Geschmack sein kann, da er nicht über eine klassische Singstimme verfügt. Aber die wünscht man sich besser eh nicht, da sonst eine große Portion Charme verloren ginge. Sein Äußerliches zurzeit in der Werbung aktuelles Bild mit dunkler Brille und dunkler Mütze (HipHopper-Collage) wurde dieses Mal kaum bemüht, nur kurz saß er damit an der Zither, doch hat schon dieser kleine Einblick in eine sekundenkurze Verwandlungsmöglichkeit gezeigt, zu welchen Figuren es so ein Ringswandl vollbringen kann, in denen er incl. Gestik und Mimik seinem Kostüm auch innerlich heranreicht. Er ist immer noch fähig, ein großes Feuerwerk damit abzuspulen, aber vielleicht sind nach mehr als 25 Jahren auch gewisse Wiederholungsmechanismen abgegriffen, da sie zu sehr den Erwartungen an ihn entsprechen und es auch in der bunt-verrückten Welt heute nicht mehr in diesem Extrem auffällt, wie es das ab Mitte der 80er tat (wobei Vieles bereits in den 70ern entstand). Damals hatte er sein Herz in beide Hände genommen, ist damit auf die Bühne und hat all das raus gelassen, was raus musste. Und es war so genial verrückt, dass seine eigene Songzeile, ob er denn ein Kasperl oder ein Genie sei, es treffender nicht umschreiben könnte. Hut ab vor einem Mann, der Geschichten auf eine Art wiedergibt, die gleichzeitig nah am Wahnsinn und an der menschlichen Volksseele sind, die einen berühren, die einen wach machen, die einen zum Lachen bringen, die feinfühlig genau und etwas quer daher kommen und nie langweilig sind. „Das Glück kommt manchmal auf ein Glas Wein vorbei.“ (aus: „Glück im Mercedes“): in diesem Sinne nehme ich diese beglückende Weile des Konzerts, gehe 30 Minuten durch die Nacht zu Fuß heim und beginne dort, meine bisher (nur) 4 CDs von Georg Ringsgwandl, die da im Regal stehen, noch einmal komplett durchzulesen und durchzuhören und entdecke ihn Jahre später wieder ein bisschen neu, aber wieder mit dieser Mischung aus Humor und Besinnung, und es tut gut, sich dieser Mischung hinzugeben.

Das letzte Konzert mit ihm, das ich anno 1997 erlebte, war noch etwas schriller. Und davor steckt eine längere Pause von etwas über 10 Jahren, als er mit „Gache Wurzn“ auf Tour war. Erstaunlich, wie aktuell er immer wieder zurück in meine Hör- und Sinneswelt findet. Schön und gut so. Wie hieß es in der „Zeit“ so treffend: „Ein Punk-Qualtinger, ein Valentin des Rock'n 'Roll, ein bayerisches Genie. Ein Mann wie ein Leuchtturm, Geheimtip der Verirrten. Der Oberarzt als Punk, verhauter Rock'n 'Roller und intellektueller Robin Hood.“





Weitere Live-Termine:
25.02.2012 - Ingolstadt - Fronte
26.02.2012 - Ingolstadt - Fronte
07.03.2012 - Bad Reichenhall - Magazin 4
08.03.2012 - Bad Ischl (AUT) - Lehartheater
09.03.2012 - St. Pölten (AUT) - Bühne im Hof
10.03.2012 - Linz (AUT) - Posthof
14.03.2012 - Wiener Neustadt (AUT) - Stattheater
Nähere Infos und weitere Termine auf Ringsgwandls Homepage


Bitte beachtet auch:
- Off. Homepage von Ringsgwandl: www.ringswandl.com




Live-Impressionen: