Bericht:
Rüdiger Lübeck

Fotos:
Rüdiger Lübeck





Zehn ganze Jahre nun schon gibt es das Rilke-Projekt des Künstler-Duos Richard Schönherz und Angelica Fleer. Die gemeine Affinität für einen der bedeutendsten Lyriker deutscher Sprache sollte sie nicht nur privat miteinander verbinden, sondern zugleich ihr künstlerisches Lebenswerk ausmachen. "Wenn ich Menschen sprechen höre, sind Melodien in meinem Kopf", so Schönherz. Und da lag es nahe, diese Musik, die in den wunderbaren Zeilen Rilkes mitklingt, auch in Formen zu gießen. Es wurde jedoch keinesfalls - obwohl naheliegend - nur schlicht vertont. Schließlich sollte das Ursprüngliche der Poesie, deren Substanz, unberührt bleiben. Der musikalische Rahmen kommt demnach quasi als Teppich erst im Anschluss hinzu. Das mag im ersten Moment etwas eigenwillig erscheinen, ist aber eine konsequent durchdachte Konzeption und im Ergebnis damit letztlich einzigartig.


Rainer Maria Rilke

"Wir wollen, dass die Künstler die Gedichte so emotional interpretieren, wie sie sie empfinden, ohne von der Musik beeinflusst zu werden", sagen die beiden Komponisten, und lassen sämtliche Texte zunächst "trocken" durch die Interpreten einsprechen. Und da kam für die (bislang) vier Produktionen einiges zusammen: u.a. Nina und Cosma Shiva Hagen, Hanna Schygulla, Peter Maffay, Udo Lindenberg, Sir Peter Ustinov, Iris Berben, Hannah Herzsprung, Christiane Hörbiger, Jürgen Prochnow, Katja Riemann, Heino Ferch, Wolfgang Niedecken, Barbara Sukowa, Gottfried John, André Eisermann, Mario Adorf, Hardy Krüger, Katja Flint, Tim Fischer, Otto Sander, Christiane Paul, Friedrich von Thun, Patricia Kaas und und und ... Vier von ihnen, Nina Hoger, Hannelore Elsner, Robert Stadlober und Ben Becker, konnten nun für das Jubiläumskonzert "Best of Rilke-Projekt" im Berliner Tempodrom gewonnen werden. Für die musikalische Begleitung zeichneten sich - neben der namenlosen Band - Akkordeon-Virtuose Enrique Ugarte, der Meister der Klezmer-Klarinette Giora Feidmann und der Pop-Sänger Laith Al-Deen verantwortlich. Die in seichtes Licht gehüllte große Bühne tat ein Übriges zur Atmosphäre bei.

Nun muss man sich das ganze als eine interessante Mischung aus Lesung und verschiedensten Musikeinspielungen vorstellen, letztere auch stilistisch durchaus breit gefächert und bunt. Wenn beispielsweise die an Markanz wohl kaum zu überbietende Stimme eines Ben Becker Rilkes "Der Panther" zeitgleich mit dezenter Instrumentalbegleitung intoniert, erscheint der Gedichttext leichter zugänglich, greifbarer:

"Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht."



Ben Becker

Oder auch die "Rosennacht", hier interpretiert von Hannelose Elsner: der Zuhörer wird wie von selbst aufmerksamer, neugieriger. Die Interpretation wirkt verführerisch, Rilkes Poesie präsent. Einzig die wohl als Zugeständnis an den Zeitgeist einzuordnenden (und für meinen Geschmack deplatzierten) Gesangsparts eines Laith Al-Deen ließen mich ein wenig verstimmen. Wegen derlei Gejaule verzichte ich seit einigen Wochen nun schon auf das morgendliche Radioprogramm. Aber das ist - um es nochmals zu betonen - wie so vieles vorrangig eine Frage des persönlichen Geschmacks.

Ein Vergleich mit dem aktuellen Rilke-Programm des CLUBS DER TOTEN DICHTER verbietet sich indes - zu verschieden sind die jeweiligen Ansätze, zu speziell die dahinterstehenden Konzepte. Allerdings dürfte derjenige, der einen Einstieg in das Werk Rilkes - über den "Umweg" der Musik - sucht, hier besser aufgehoben sein.
Fotografiert werden durfte im übrigen lediglich die Schlusssequenz, was als vernünftige Entscheidung bezeichnet werden darf. Alles andere hätte die tragende Stille, die mitunter im voluminösen Innenraum des Tempodrom-Zeltes herrschte, nur unnötig zerschnitten. Passend zur Jahreszeit denn auch zum Abschluss der wunderbare "Herbsttag", rezitiert von Ben Becker:

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin, und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.


Bitte beachtet auch:
- off. Homepage vom Rilke Projekt: www.rilke-projekt.de




Best Of Rilke Projekt


Seit 14.10.2011 im Handel! Zum Jubiläum des Erfolgsprojektes von Schönherz & Fleer erscheint nun das Beste aus zehn Jahren Rilke Projekt in einem Album. Auf der Best of finden sich alle großen Namen der vier Rilke Projekte, u.a. Hardy Krüger, Nina Hagen, Wolfgang Niedecken, Xavier Naidoo, Peter Maffay, Hannelore Elsner, Udo Lindenberg, Till Brönner, Clueso, Mario Adorf, Montserrat Caballé, Laith Al-Deen, Katja Flint, Sol Gabetta und Ben Becker.






Live-Impressionen: